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ZEITSCHRIFT
ROMANISCHE PHILOLOGIE
BEGRÜNDET VON Pkror. Dr. GUSTAV GRÖBER t
FORTGEFÜHRT UND HERAUSGEGEBEN
VON
Dr. ALFONS HILKA
PROFESSOR AN DER UNIVERSITAT GÖTTINGEN
1927
XLVIL BAND.
HERAUSGEGEBEN ALS
FESTSCHRIFT FÜR CARL APPEL
ZU SEINEM 70. GEBURTSTAGE AM 17. MAI 1927
MAX NIEMEYER VERLAG
HALLE (SAALE)
1927
Harr.
INHALT.
Seite
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Die rätselhaften Worte in Dante’s Vita Nova.
(8 12.)
In den Worten der V. N.!: Zgo famguam centrum circuli cui
simili_modo se habent circumferenhiae partes; iu autem non sic hat
Dante seinen Lesern und Erklärern ein Rätsel aufgegeben, das bis
auf den heutigen Tag trotz vieler Anstrengungen und sorgfältiger
Untersuchungen ungelöst geblieben ist. Dafs er dabei die dem
Signore de la Nobiltade in den Mund gelegten Worte absichtlich
in das Dunkel eines Symbols oder Bildes gehüllt hat, steht aufser
allem Zweifel. Die gewolite Dunkelheit entsprach nicht blofs dem
mystischen Charakter des Jugendwerkes, sondern entsprang auch
einer Überzeugung des Dichters, dals es „schön sei, dem edlen
Geiste auch einige Mühe aufzubürden“ (Corv. II 5,146). Es ist
in der Tat des Schweilses der Edleren wert, den Schleier dieses
Symbols zu lüften; denn, wenn die wahre Deutung desselben ge-
funden wird, ist auch der Schlüssel zum richtigen Verständnis der
Hauptfiguren des Neuen Lebens, Amor und Beatrice, gefunden.
Es eröffnen sich aber auch überraschende Zusammenhänge mit
Stellen der Göftl. Kom. und der anderen Werke Dantes, ganz zu
schweigen von der Auslegung des Neuen Lebens selbst, welcher
sozusagen eine gebundene Marschroute vorgeschrieben wird. Endlich
liefert die vorliegende Studie einen weiteren Beitrag für die Be-
ziehungen Dantes zum Orient, worüber ich Zs. (41, 471—74 und
44, 728) gehandelt habe.
Zunächst ist festzustellen, dafs Signore de la Nobiltade ‚Herr
der Vollkommenheit‘ bedeutet;?2 denn nodile ist bei Dante oft
gleichbedeutend mit erfetto, wie ich im Deuischen Dantejahrbuch
9, 96 nachgewiesen habe. Dazu wäre nachzutragen Cozv. IV 16, 32:
der questo vocabolo Nobiltd s’ intende perfezione di propria natura in
ciascuna cosa (vgl. idid. IV 19, 20— 22). Die Eigenschaft robile kann
von irgend einer Sache ausgesagt werden, die „ar sua nafura „„per-
Jelta®* ist (ibid. IV 16, 36). Nicht selten bedeutet simzle ‚gleich‘
ı S. Anhang V.
% Fletcher (Modern Philology XI, 13) erklärte sZiri£ of charity, Pascoli
(Mirabile Visione 2a ed. p. 37) falst nobzltade = magnanımitä. Der Signore
de la Nobiltade wird auch Sire de la Cortesia (8 42,9), Padre de’ Lumi
(Conv. IV, 20, 39), Zrima Intelligenza (Conv. IV, 21,36) Primo Amore usw.
genannt (s. Zs. 40, 260).
Zeitschr, f. rom. Phil. XLVII. N
2 FRIEDRICH BECK,
(V. N. 8$ 15,52. 20,23. 30, 16. 36,4. 39,5 u. 29, ferner sımi-
glianza $ 24, 32 Conv. IV 16,66), gleichviel, ob es als lateinisches
oder italienisches Wort gebraucht ist. Diese Bedeutung ‚gleich‘
ergibt sich mit zwingender Notwendigkeit aus dem Bild vom Kreise,
Denn das ‚simili modo‘ kann nicht besser als durch Dantes eigene
Worte (Cunv. IV 16, 65) erklärt werden, wo er sagt, der vollkommene
Kreis ist jener, in welchem ein Punkt ist, der von der Peripherie
gleichweit entfernt ist: nzodile circolo ... quando ın esso & un punto
ıl quale egualmente sia distante dalla circonferenza.3 Wie haben
wir uns nun den unvollkommenen Kreis vorzustellen, welcher den
Gegensatz zum nobile carcolo bildet? Eine kurze Abschweifung, in
welcher auf die gekrümmte Linie und ihre Gebilde hingewiesen
wird, führt uns zuerst auf eine Stelle beim hl. Augustin. Er sagt
(de quantitate anımae Migne, P. 1. 32, 1051): „apud Horatium magnis
laudibus solemus extollere illum versum, quanlo ait, cum de sapiente
agerel!
Fortis el in seipso lolus teres altque rolundus
(Serm. lib. 2, sat. 7, V. 60.)
Ei recte: nam neque in anımis bonis quicquam invenis quod magis
sibi ex omni parte consentiat qguam virtultem neque in planis
figuris quam circulum.“
Im Gegensatz zum Eckigen, Spitzen bedeutet die Rundung
Einheit, Harmonie, Vollkommenheit. Die krumme Linie verdient
den Vorzug* vor der geraden Linie, weil sie den Kreis, die Kugel
bildet. Deshalb haben die Philosophen wie z. B. Pythagoras,
Aristoteles, Plato und die Neuplatoniker (Plotin), Ibn Gabirol u. a.
den Kreis, bzw. die Kugel gewählt, um entweder ein anschauliches
Bild des Kosmos und seiner Teile oder des Verhältnisses von
Ursache und Wirkung, von Schöpfer und Geschöpf u. dgl. zu geben.
Die reinste und schönste Bewegung, die durch die Rückkehr in
sich selbst ewig ist, ist die Kreisbewegung. So lehrte Aristoteles
(Schwarz p. 57). Dem Plotin ist der Prozefs der Welt ein geistig
bewegter Kreislauf (ibid. 94). Die Kreisbewegung kommt nach
Philo „eigentlich blofs dem Geiste zu“; „wenn die Sterne nicht
reine und göttliche Seelen wären, so würde ihnen die Kreis-
bewegung nicht eigen sein“ (Frank p. 229). Bei Joachim von
Floris (Ps. 233r) konnte Dante lesen: »n circulo nulla est anguli
differentia sed est quodammodo ctirculus summe unum. Si hoc de
alıqua re prelerguam de Deo dic possil: eo quod res rotlunda tola
simul in seipsa esse uniformem videalur > et non sil in ea aliquid quod
angulis sive cornibus osiendalur divisum ... und (sbid. 238r) id guod
acutum est ın alıqua mysteriali fıgura sıgnifical principium sive finem,
s Vgl. Augustinus, de quantitate animae cap. ıı (Migne, ?.Z 32, pP. 1045
und 36, 520).
* Conv. IV, 13,112: „JZ Derfetto collo imperfetto non si pud congiungere.
Onde vedemo che la torta linea colla diritta non si congiugne mai; e, se
alcuno congiungimento v' d, non 2 da linea a linea, ma da Punto a Punto,“
DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 3
also im Gegensatz zum Kreis, zum « ef w, dessen Erläuterung ein
grolser Teil der beiden Werke Joachims gewidmet is. Aus den
beiden Stellen geht klar hervor, dafs der Kreis im höchsten Sinne
eins ist, d. h. nicht geteilt oder unterbrochen durch Winkel und
Ecken; keine andere Figur war also würdiger und geeigneter, die
Gottheit zu versinnbilden. Kein Wunder, wenn die simplex unilas
durch einen Kreis dargestellt wird, wie wir später sehen werden.
Nach diesen einleitenden Bemerkungen wenden wir uns wieder
Dante zu, indem wir die oben gestellte Frage beantworten. Dante
versteht unter csrcolo jede Figur oder jeden Körper, der von einer
krummen Linie umschlossen ist: Corv. II 14, 152 „dio cerchio
largamente ogni rilondo, o corpo o sußerficie“ Solche Kreise
in weiterem Sinne sind z.B. nach Coxzv. IV 16,67f. der eirunde
Kreis, also die Ellipse, die dem Vollmond sich nähernde Mond-
scheibe u. dgl. Aber das sind unvollkommene Kreise, weil sie
nicht die höchste Entfaltung der viırta ın tulla la sua nalura er-
reicht haben. Der Kreis im engeren Sinn, d.h. wie wir ihn ge-
wöhnlich verstehen, ist dagegen vollkommen, ein ‚noddle circolo‘.
Zur Zeit Dantes gab es zwei „vollkommene Kreise“, welche
als Symbol Gottes weit verbreitet waren. Der erste war ein heid-.
nisches, der zweite ein jüdisch-christliches Symbol. Beide konnte
der Dichter verwerten, ohne dafs er (wie sonst häufig) genötigt
war, das überlieferte Geistesgut den eigenen Ideen anzupassen oder
es in christlichem Sinne umzudeuten. Der erste, heidnische Kreis
ist die bildliche Darstellung der Begriffsbestimmung, welche Hermes
Trismegistos von der Gottheit gegeben hatte.
Von Hermes Trismegistos hat ausführlich gehandelt A. Kirchner;
ihm gilt der „dreifach Gröfste* als historische Persönlichkeit (II?
S. 577) und als Zeitgenosse Abrahams (f etwa um 1600 v. Chr.),
sowie ‚e Chananaea stirpe‘. Der gleichen Ansicht ist Bonaventura,5
bei dem Dante lesen konnte ‚/er maxımus, maxımus philosophus,
maximus sacerdos & maxımus Aegypli rex‘$ Träger und Verbreiter
seiner Wissenschaft waren nach Kirchner (t. II Zars altera S. 498 fl.)
Orpheus und Aglaophamos (etwa 600 v. Chr.), Pherekydes, der
Lehrer des Pythagoras (etwa 578—534), Pythagoras (580—568)
und sein Schüler Philolaos (ungefähr um 430), welcher selbst wieder
der Lehrer Plato’s (429—348) wurde. Ungefähr gleichzeitig mit
Pythagoras wäre auch der Lehrer des Parmenides (etwa 513 v. Chr.),
Xenophanes (569—480), und des Parmenides Schüler Melissus? zu
nennen. Die Kette der Überlieferung würde sich schliefsen mit
Philo Judaeus (30 oder 20 v.Chr. — um 45 n.Chr. Mead a.a.O,
I, 204), und den Neuplatonikern Plotin (205—270), Porphyrios
5 S. Bonaventurae operum omnium suppl. Tridenti MDCCL XXIV, t. 3,
S. 1241, s.v. Mercurius.
6 Neuere Literatur über H. Tr. bei Louis M&nard, Zermos Trismegiste,
Paris 1867; Pietschmann Herm. Trism., Leipzig 1875; Mead, G.AR.S.
Trhrice Greatest Hermes, London and Benares 1906, 3 voll.
T Dante erwähnt ihn Par. 13, 125, Mon. III, 4, 22.
I"
4 FRIEDRICH BECK,
(233—300?) und Proklus (412—485). Philo verdient besondere
Erwähnung, weil er nicht blofs Verbreiter der hellenististischen
Bildung war, sondern auch wie der Pseudoareopagite Dionysius,
Ambrosius, Hieronymus und Joachim von Floris Ideen der jüdischen
Religionsphilosophen in seinen Werken vorträgt.
Die hermetische Begriffsbestimmung lautet:
Deus est spaera intelligibilis, cujus
centrum ubique, circumferentia nusquam,®
So findet sie sich bei Alanus, bei Alexander von Hales und Bona-
ventura (s. Anhang l); in dem der Hermetis, einem vielleicht im
ı2. Jabrh. entstandenen, jedenfalls im 13. Jahrh. handschriftlich
nachgewiesenem „Machwerk“, fehlt das ‚znfelligibilis‘ (Dr. M. Baum-
gartner, Die Philosophie des Alanus de Insulis, Münster 1896, S. 118).
Alanus schätzte das „Machwerk* so hoch, dafs er es sogar zur
Grundlage seiner Regulae theol. machte; man vgl. Liber Herm.
no. ı, 2, 7 mit Regulae 3, 7, 5. Dieses Zxber 24 Philosophorum mit
seinem anspruchsvollen Titel bei nur zwei Druckseiten Umfang hat
Denifle veröffentlicht (Archiv f. Literatur- u. Kirchengesch. d. Mittel-
alters, Berlin 1886, II, 427/28). Es kommt als Quelle für Dante
wohl kaum in Betracht, dagegen sind die beiden Franziskaner
Alexander von Hales und Bonaventura neben Alanus in die engere
Wahl zu ziehen. Am wahrscheinlichsten ist es, dafs Alanus der
Autor war, aus welchem Dante schöpfte; ich möchte jedoch nicht
behaupten, dafs er der einzige war. Im Gegenteil; die hermetische
Definition, welche ich blofs bei Alexander und Bonaventura nach-
weisen kann, gehörte höchstwahrscheinlich zu den Schulüberliefe-
rungen des Ordens und wird deshalb auch bei manchem anderen
Autor desselben zu finden sein. Für Alanus spricht vor allem die
Tatsache, dafs er auch sonst den Dichter beeinflulst hat. Bossard
hat es wahrscheinlich gemacht, dafs Dante den Ansiclaudianus ge-
kannt hat (Alani de Insulis Anticlaudianus cum Divina Dantıs Alı-
ghieri Comadia collatus Andegavi 1885, S. 72), und Salvadori (S. ı6)
erklärte es ‚/uor di dubbio che D. abbia avuto un’ idea della sua ascen-
sione celeste nel Paradiso dall” Anticlaudiano‘. Bossard hat auch nach-
gewiesen, dafs Dante die hermetische Definition gekannt hat. Zu
diesem Zwecke hat er Stellen wie Zurg. 11,1; Par. 14,30. 29,12
zusammengestellt mit Anticlaudianus lib. 5, cap. 3:
Nec solum loca cuncta replet sed singula solus
Infra se claudit, quasi meta locusque locorum ...
Principium sine principio, finis sine fine
er sine tempore durans
Immensus sine mensura usw.
(Vgl. Zs. XL, 267 und XLI, 471.)
Bevor wir uns von der mehr oder minder sagenhaften Gestalt
des Hermes Trismegistos abwenden, mufs noch ein Wort über das
® spaera (spera, sphaera) wird ebenso wie circulus gebraucht (Kircher,
t, II Zars altera 5. 85).
DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 5
Alter der unter seinem Namen gehenden Schriften gesagt werden.
Die Griechen erkannten in dem ibisköpfigen Mondgott, welchen
die alten Ägypter Teh, Tehu, Teehut nannten,? ihren Hermes; sie
verwechselten ihn aber auch mit Asklepius (Aeskulap), ähnlich wie
die Araber, welche in ihm vorzugsweise die medizinischen Kennt-
nisse schätzten und ihn deshalb Hakim nannten. So erklärt es
sich, dafs in den lateinischen Schriften des Mittelalters der Name
Mercurius für Hermes Trismegistos der gebräuchliche ist. Überweg
(Grundri/s d. Gesch. d. Phil. d. Altertums, 10. Aufl., Berlin 1909, S. 326)
sagt: „Die Schriften des angeblichen Hermes Trismegistos ...
stammen, abgesehen von einigen Partien wahrscheinlich christlicher
Herkunft, in ihrer jetzigen Gestalt aus dem Ende des 3. Jahrh.
n. Chr., zeigen aber noch nicht die charakteristischen Eigentümlich-
keiten des Neuplatonismus.“ Dieses Urteil gründet sich wohl blofs
auf eine Behauptung von Letronne (Inseridfion grecque de Rosette,
Paris 1841, S. 20; s. Pietschmann S. 35), wird aber von Mead
(a.a.O. I, 117) nicht anerkannt.
Über einige religionsphilosophische Ideen der alten Ägypter
berichtet Kircher; sie werden hier angeführt, weil sie für den
weiteren Gang der Untersuchung wichtig sind. Es wird gesagt
(II 2, 572), dafs Hermes ‚Aieroglyphice Deum divinaque semper
per circulum expressit‘, ferner: ‚Aegyplü Deum ex circuli
hieroglyphico intelligebant‘ (ib. 571), die Ägypter ‚frinam
unitatem „Hemphta“ dicebant el sub figura ÖWpıxvxiontepo-
uöopo, id est per globum, serpentem, alam in unum hierogramma
eongesia occulle exprimebant (ibid. 10),1%° worin wir also einen Vor-
läufer des Gotteskreises zu sehen hätten; besonders wichtig erscheint
die Gewohnheit der Ägypter, auf ihren Obelisken Gott und auf
Gott bezügliche Dinge durch Einfügung eines Kreises oder einer
Kugel zu bezeichnen: „guandocungue magnum quidpiam, mirabıle,
excellens in quo nonnulla divinilatis vestigia apparerent, indicare
vellent, id apposito circulo seu sphaera demonstrarent“ (ibid.
II 2,85). Wir schliefsen die Belege aus Kircher mit zwei Stellen,
welche beweisen, dafs die hierogrammatische Eins bei den Ägyptern
durch einen Kreis versinnbildet wurde: „unitalem quoque abso-
Jutam per centrum signifcaturi circulum pingebant eo quod sicul
centrum est principium omnium linearum figurarumgue ex lines con-
stitularum, sic Unitas sußrema causa est omnium in mundo existen-
fium“ (ibid. 22); der Kreis stellte dar „unitatem centralem denotat;
id est centrum ponebant pro uno, et quia cenirum sola positione
punch insensible est, id non meliore ralione signandum duxerunt quam
eirculo* (1 2, 42; s. auch 84 u. 98), also der Punkt für sich (= cen-
/rum) wäre zu unansehnlich gewesen, weshalb man ihn mit der
Kreisliniie umgab. Wo aber ein Kreis ist, mufs naturgemäls ein
Punkt als Zentrum desselben vorhanden sein. Ist nicht in der
Tat der Punkt ein Kreis mit unendlich kleinem Radius?
® Pietschmann S. 31—34; s. Anm. 6.
Papus 336.
6 FRIEDRICH BECK,
Der zweite „vollkommene Kreis“, welcher ein jüdisch-christ-
liches Gottessymbol darstellt und Dante ebenso bekannt war wie
der hermetische Zirkel, ist bei Joachim von Floris zu finden.
Der kalabresische Abt wird von Dante Zar. 12, 141 wegen
seines prophetischen Geistes gerühmt:
il calavrese abate Giovacchino,
di spirito profetico dotato;
allein der schlichte, bescheidene Bauernsohn 1! von Celico, welcher
63 Jahre vor des Dichters Geburt gestorben war, hatte mit seiner
Voraussage der Erscheinung des Antichrist im Jahre 1260 sehr
wenig Glück und dachte über seine prophetische Begabung selbst
viel bescheidener als seine zahlreichen Anhänger und Verehrer.
Ein religiös-mystisches Gemüt wie das des jungen Dante
mufste sich besonders von zwei Werken Joachims angezogen fühlen,
der Zxtositio in Apocalipsim und dem ZPsalterium decem cordarum.!?
Die Auslegung der Stellen der Apokalypse 18, XXI6, XXI ı8,
welche das & und & betreffen, die eingehende Besprechung des
Gottesnamens, der simplex unilas und frinilas, kurz alle Fragen,
welche den wesentlichen Inhalt der beiden obengenannten Werke
ausmachen, werden im Zusammenhang mit dem Gotteskreis berührt
und erörtert werden. Joachim geht zwar von «@ und @ aus, ver-
gilst aber nicht darauf, auch die mystischen Eigenschaften des A
und 2 zu verwerten. Insbesondere entnimmt er dem letzteren die
„göttliche“ Rundung, welche ihn dann über O (fol. 36v/2 und
37r/2) zum Kreise führt. Auf fol. 257 stehen dann neben A und
o zwei Kreise. Der erste Kreis hat als Zentrum statt des Punktes
die Worte: Zgo sum gu sum. Darunter steht als Erklärung: zu
hac figura ostenditur simplex unilas. Erinnern wir uns daran, dafs
die alten Ägypter schon die absolute Eins durch einen Kreis dar-
stellten (s. S. 5). Der zweite Kreis hat statt des Mittelpunktes
den Gottesnamen eve (vgl. fol. 35vfl.) und darunter die erläu-
ternden Worte: Trinitas — unus deus habel relationem ad seplem
spirilus qui missi sunt ab eo ad omnem subditam creluram (über die
11 Gebhart (Z’Italie mystique S.62) sagt Joachim sei 1132 in Celico
bei Cosenza geboren; „son pere appartenait d la bourgeoisie noble du
royaume normand“. Nun liest man (/n Apoc, fol. 175r.,2): Sepius me dixisse
vecolo et adhuc in suis locis repetere idipsum compellor: Nolo videri quod non
sum fingens aliquid ex presumßlione mea. Non extimet aliquis exigendum
ame qui sum homo agricola a juventute mea quod ab ipsis quoque
prophetis exigi ante sua lempora non licebat quia et ipsi ex parte videbant
et ex parte proßhetabant et nos adhuc ex parte videmus. Aus diesen
schlichten Worten geht jedenfalls klar hervor, dafs Joachim, wie er später
(fol. 190v.,2) sagt, nicht dem Frosch gleichen will: sana enim cum inflatur
mentitur Se esse quod non est.
12 Der Verfasser sagt darüber (fol. 230r.,1): Ssalterrum in quo Prae-
ceptorum decalogus et totius summa fidei continetur. Der Titel des Werkes
erinnert an Ps. 32,2: Confitemin:! Domino in cithara: in psalterio decem
chordarum Psallite illi (vgl. Alunus de Insulis, Distinctiones, Migne, ?.
210, 738).
DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 7
seplem spiritus vgl. Apoc. 1,4). Die beiden Kreise stellen nach
fol. 36v nicht etwa zwei verschiedene Symbole dar; sie sollen nur
das bessere Verständnis vermitteln. Dafs dies auch wirklich zutrifft,
ergibt sich aus der völligen Übereinstimmung der Kreismittelpunkte;
denn Zgo sum qui sum ist die Übersetzung von Jeve: Zxo
sum gui sum, d.h. ich bin, der ist, der övrwoc ®v, der wirklich
Seiende, der Ewige, gu: est et qui erat et venturus est omnipotens
(Apoc. I, 8), derselbe, von welchem der Apostel Johannes sagt:
dixit eis Jesus: amen, amen dico vobıs, antegquam Abraham fieret,
ego sum. Joachim hat also zum Mittelpunkt seines Kreises die
Stelle der Bibel Zxodus 3, 14 verwendet, welche lautet: (3,13) Ast
Moyses ad Deum: Ecce ego vadam ad filios Israel, et dicam eis:
Deus patrum vestrorum misit me ad vos. Si dixerint mihi: Quod
est nomen ejus? quid dicam eisPp 3,14 dixit Deus ad Moysen:
Ego sum qui sum. Ai: Sic dices flüs Israel: Qui est, misit me
ad vos. Nun kennt die jüdische Mystik denselben Gotteszirkel,
dessen Nlittelpunkt das Jod (") oder der einfache Punkt ist.13 Das
Jod ist aber die gewöhnliche Abkürzung des Gottesnamens Jahwe
(bei Joachim Jeve), der ja mit * beginnt (mim) und mit seinen
vollen vier Buchstaben (eigentlich blofs drei, weil das rn zweimal
darin vorkommt) immer im Tetragramm geschrieben wird. Diesen
Gotteskreis, welchen Joachim aus der jüdischen Geheimlehre ent-
nommen hatte, übernahm Dante unverändert aus dem Psallterium
decem cordarum; er palste offenbar besser zu seiner Theorie des
‚nobile circolo‘ als der hermetische Kreis, weil er der Ausdeutung
noch einen weit gröfseren Spielraum gewährte als das von den
alten Ägyptern als heilig verehrte Symbol. Es könnten nun Zweifel
rege werden darüber, ob Dante, als er sein Jugendwerk nieder-
schrieb, das Zsaltersum und die Zxposithio wirklich gekannt hat.
Ich halte es für ausgeschlossen, dals Dante sich damit zufrieden
gegeben haben sollte, blofs den Namen des als Propheten ge-
feierten Joachim zu kennen. Kann man denn auch glauben, dafs
der Dichter, ohne seine theologischen Werke zu kennen,
dem Abt einen Ehrenplatz unter den gröfsten Kirchenlichtern ein-
geräumt hätte? Es bedeutete ja schon an und für sich ein grolses
Wagnis, den der Irrlehre verdächtigen Joachim unter die recht-
glaubigen Doktores des Sonnenhimmels zu versetzen; denn die
Irrtümer des Abtes, z. B. jene, welche das Trinitätsdogma betrafen,
waren ja von der 4. Lateransynode verurteilt worden (s. Werner,
Der hl. Thomas ]J, 115, A. ı; 1], 161. 193. 208. 2ı1). Andere
Bedenken werden vielleicht gegen die Behauptung geäufsert, dals
Joachim seinen Kreis der jüdischen Geheimlehre verdanke. Um
solche Bedenken zu zerstreuen, ist es notwendig, sich Joachims
i® „Das Jod, das eigentlich nur durch einen Punkt dargestellt wird, be-
deutet das Prinzip, d.h. den Uranfang und das letzte Wesen der Dinge“,
Papus8ı: „Avant la creation l’essence divine dtait redrösentde par un seul
Doint(.) (de Pauly I, 92 und VI, 25)“ „Le yod est semblable au Loint
mathematique“ (Karppe S. 290, 372).
8 FRIEDRICH BECK,
Beziehungen zur jüdischen Theologie und Mystik ganz im all-
gemeinen zu vergegenwärtigen. Es ist bekannt, dals Joachim vor
seinem Eintritt in das Cisterzienserkloster Sambucina (etwa um 1158)
eine Reise ins heilige Land unternahm. Dafs die Reise Studien-
zwecken diente, unterliegt wohl keinem Zweifel; höchst wahr-
scheinlich hat sich Joachim einige Kenntnisse des Hebräischen !4
angeeignet. Jedenfalls steht eines fest: im heiligen Lande wie in
der Heimat hat sich der junge Mann nach seinem eigenen Zeugnis
bei erfahrenen Juden Rats erholt (fol. 35v/ı: #2 fradunt peritissimi
hebreorum). Für die Auslegung des & und ®, sowie des Namens
Jeve ‚quod hebrei legunt Adonay‘ (fol. 35r/ı) benutzte Joachim ein
Werk eines Juden, dessen Namen er sogar nennt. Es heifst
(fol. 36v/2): Zee sacra trinitatis mysteria que in secrelis secre-
forum conlinentur apud judeos palefecit hedreus quidam
Petrus nomine, ılluminatus gratia Christi el conversus ad ipsum.
Dazu ist am Rande vermerkt: [secrefa] secretorum judeorum, worunter
wohl nur der ı3. Teil des Zohar mit gleichem Titel zu verstehen
ist. 15 Dieser ‚conversus ılle hebreus‘ war Leibarzt des Königs Alfons L
von Aragonien und entfaltete eine rege schriftstellerische Tätigkeit.
Moses Sephardi, wie er vor seiner Bekehrung hiels, ist besonders
durch seine disciplina clericalis bekannt geworden. Joachim hat bei
seiner Erläuterung des Namens eve höchst wahrscheinlich aus
des Petrus Alfonsus Dialogi XII cum Moyse Judaeco (Migne, Pi.
CLVI, 535 fl. 611/12) geschöpft. Aufserdem werden einige sche-
matische Zeichnungen in den Schriften Joachims auf Vorbilder bei
Petrus Alfonsus zurückzuführen sein. (Man vgl. die Zeichnung bei
Migne l.c. S. 611 mit jener Joachims fol. 226v und fol. 38r und
vergegenwärtige sich Dantes Par. 33, 116!)
Diese wenigen Feststellungen werden genügen, um den Leser
zu überzeugen, dafs Joachim jedenfalls mit jüdischen Quellen sehr
vertraut war; dafs sein Gottessymbol in der Tat auf eine jüdische,
der Kabbala entlehnte Zeichnung zurückgeht, wird der weitere
Gang unserer Untersuchung lehren. Wenn Joachim das a@ ef ©
(fol. 257 und oben S.7) auch durch zwei Kreise, die eigentlich
nur einen Kreis darstellen sollen, erläutert, so ist es mehr als
wahrscheinlich, es ist gewils, dafs sein Vorbild eher bei den Kab-
balisten als bei Hermes Trismegistos zu suchen ist. Denn von
16 Fol. 64r.,2 ist zu lesen: quia unus Dei spiritus: qui hebrauce (ul jam
dixi) vocatur rua und fol. 64r.,1: rua que interpretatur spiritus. Fol. ıgır.,2
vermag J. den hebräischen Namen armagedon nicht ins Lateinische zu über-
tragen; Dagegen weils er, dafs der Adonay gesprochene Gottesname ‚in hebreo
non eisdem caracteribus quibus scrißtum est pronunciatur, sed alıis‘ (fol. 35 v.,I).
Auffallend ist das Schweigen Joachims über die wörtliche Bedeutung der
einzelnen Teile des Namens eve,
i 15 Völlige Klarheit darüber könnte blofs durch das Wiederauffinden der
Übersetzung geschaffen werden; sie ist schon fol. 35v.,ı erwähnt worden,
wo auch mit Bezug auf den unaussprechlichen heiligen Namen Gottes gesagt
wurde, dafs verschiedene „arcana mysteria in secretis secretorum
hactenus laluisse dignoscitur“. Ich vermute, dafs die Übersetzung auch
das Kreissymbol enthielt mit dem Jod als Mittelpunkt.
DIE 'RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 9
dem letzteren ist bei ihm nirgends eine Spur zu finden. Wenden
wir uns wieder Dante zu und versuchen wir seine Worte: Zgo
famguam usw. zunächst für sich allein zu betrachten. Unser Haupt-
augenmerk muls dabei auf die Schlulsworte ‚Zu autem non sic‘ ge-
richtet sein in dem Bestreben, den logischen Gegensatz ‚/u autem
non sic‘ in allen seinen Teilen weiterzuführen ;, das Ergebnis zeigt
die Gegenüberstellung:
EgO tamquam centrum circuli cu simili modo se habent
circumferentiae partes
Tu autem tamguam punclum (vel puncla) cui (quibus) diverso
modo se habent circumferenhiae partes.
Diesen Gegensatz zwischen Gott und Mensch bringt die
Kabbala durch zwei Kreise zum Ausdruck: der erste ist mit dem
Gotteskreis des Joachim identisch und oben (S. 6) bereits er-
wähnt worden. Der zweite Kreis, das Symbol des Menschen, zeigt
drei Punkte, welche natürlich nicht von allen Punkten der Peri-
pherie gleich weit abstehen können. Ich gebe die zwei Kreise
nach Papus S. 8ı bzw. 140 wieder:
Fig. ı. Fig. 2.
Zu Fig. ı bemerkt Papus: Der Punkt im Zentrum des Kreises
versinnbildet die Ureinheit im Mittelpunkt der Ewigkeit, die
durch den Kreis, die Linie ohne Anfang und Ende, dargestellt wird.
Zu Fig. 2: Der Mensch setzt sich nach den Kabbalisten aus
drei wesentlichen Elementen zusammen: Nephesch, Neschama und
Ruach, welche unsere modernen Gelehrten mit Körper, Leben und
Willen bezeichnen.
Der Gedanke simill modo — diverso modo, welcher aus dem /»
aulem non sic logisch gefolgert werden muls, wird aus den beiden
Kreisen auf den ersten Blick vollständig klar. Es ist durchaus
nicht unmöglich, dafs Dante die beiden Zeichnungen kannte, ja,
dals sie ihm vorschwebten, als er die dunklen Worte niederschrieb.
Der orientalische, um nicht zu sagen jüdische Ursprung des
Danteschen Gotteskreises liegt noch offener zu Tage als die Ent-
lehnung des Joachimschen aus der Kabbala. Vergleicht man die
folgenden Stellen des ZoAar mit den entsprechenden Stellen der
Göttl. Kom., so findet man nicht blo[s Berührungspunkte allgemeiner
10 FRIEDRICH BECK, .
Art, sondern geradezu handgreifliche Übereinstimmungen. Das
metaphysische System Dantes im allgemeinen (das Jod = punkt-
förmiges Urlicht als centre des centres der 9 (10) konzentrischen
Kreise, bzw. Sephirot) und mehr noch in den einzelnen Teilen ist
ein unwiderleglicher Beweis dafür; so ist z.B. das punktförmige
Urlicht mit seiner alles überstrahlenden Stärke (Par. 28, ı6f.) ein
charakteristischer Zug1® der Kabbala. Die oben (Fig. ı) beigegebene
Erklärung beweist, dafs zwischen Jod (") und dem Punkt keinerlei
Verschiedenheit besteht. Dieser „Urpunkt“* ruht nach dem Zohar
(de Pauly IV, 150/51) auf neun Pfeilern: /e premier mystöre est
symbolise par un Yod, Point primitif, appuyd sur neuf piliers
gui le souliennent. Ües neuf piliers sont disposes dans les qualre
direchons du monde; dazu die Zeichnung:
Sie drückt wohl nur in eckiger Form dasselbe aus, was der Kreis
in runder Form darstellt. ° Es heifst dann weiter (de Pauly VI,
Notes du tome I", S. 25): Avant la criation lVessence divine E&lail
reprisenlee par un seul Point (.),; mais aprds que la semence divine
se ful manifestee Ü’essence de Dieuw est reprösenide par Ilrois Points
disposis dans tous les sens pour indiquer que celui du milieu forme
Ja semence divine, mais que tous cedendant ne sont qu'un. Zeichnung:
18
Nun folgt die für Dante besonders wichtige Stelle (de Pauly I, 129):
Il est impossible de connaitre U’ Infini (Ayn Soph) qui est impalpable ;
foute question et tloule meditalion resteraient vaines pour saisir Üessence
16 Dieser Zug ist nach Asin (S. 208) auch in der arabischen Mystik vor-
handen ; doch scheint mir eine wesentliche Eigenschaft, das punktförmige,
auf das Jod hinweisende Ausstrahlen des Gotteslichtes bei dem Murcianer
Abenarabi zu fehlen. Jedenfalls stammt das Bild, wie Asin zuerst gezeigt und
ich jetzt bestätigen kann, aus dem Orient.
17 Bei Abenarabi ruht der Thron Gottes auf 4, bzw. 8 ‚sostenes‘ (M. Asin
Palacios, Abenmasarra y sw escuela 1914, S. 71). Wahrscheinlich ist aber
dort der Gottesthron im Sinne des Alcoran von den Himmelskörpern zu ver-
stehen (ibid.).
18 Entstehung der Form des Kreuzes?, vel. das sinnige Gedicht von
Peire Cardinal, ‚Dels quatre caps‘ (im Grundrifs von Bartsch no. 15) und
Vossler, Peire Cardinal, München 1916, S. 64.
DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 11
de la Penste supröme, centre du tout,19 secret de lous les
secrels, sans commencement et sans fin dont on ne voit gu une
petite parcelle de lumiere telle que la pointe d’une
aiguille,; et encore ceite parcelle n’est-dle visible que grüce d la
forme materielle quelle a prise; car le Verbe a pris la forme des
signes de l’alphabet qui dmanent du Point supröme,; die gleichen
Gedanken kehren wieder (de Pauly IV, 5/6):
Pod represente le Point central, Cause de toutes choses
qui reste cache d tout le monde, qui est inconnu el qui reslera eiernellement
inconnu; dest le mystöre supr&me de U’ Infini. De ce Point my-
sterieux sort un mince fllet de lumiere qui, bien que
cache egalement et invisible renferme Toutes les lumitres.??
Frank (S. 154) falst diese geheimnisvollen Ideen zusammen:
„Der unteilbare Punkt (das Absolute), der keine Grenzen hatte
und wegen seiner Reinheit und Helle nicht begriffen werden
konnte, verbreitete sich nach aufsen und bildete eine Helle, die
dem unteilbaren Punkt als Hülle dient. Obwohl diese Hülle
nicht so rein wie der unteilbare Punkt war, so konnte sie doch
ihres ma[slosen Lichtes wegen nicht betrachtet werden; sie
verbreitete sich nach aufsen und diese Ausdehnung ward ihr Kleid.
So entsteht alles durch eine immer emporsteigende Bewegung, so
hat sich endlich die Welt gebildet.“ An Stelle des Kleides kennt
der Zohar auch das Bild des Zeltes als Hülle (Robert Eisler, Welten-
mantel und Himmelszelt, München 1910, 11, 603). Vgl. dazu Ps. 103, 2
und Par. 23, ı12 (real manto). Und nun hören wir Dante!
Par. 28,16: Un punto vidi che raggiava lume
acuto?! si, che ’l viso ch’ elli affoca
chiuder conviensi per lo forte acume:?l
e quale stella par quinci piü poca,
parrebbe luna, locata con esso
come stella con stella si colloca.
Forse cotanto quanto pare appresso
alo cigner la luce che ’l dipigne,
18 Vgl. de Pauly II, 504: c’est ainsi que les benddictions de la region
appelde „cieux“ ou r6side le Yod arrivent, Par lintermediaire de la
Sagesse supräme jusqu’aux justes d’ici bas ... Remarques que la Couronne
supröme est formee de soixante-douze lumiöres ... Ces lumidres sont
formedesencercle, aulvur duquel se trouve un Point dont tout le cercle
tire son aliment; c’est le Saint des saints; c'est le scjour de "Esprit
de tous les esprits, ‘est le centre de toutes forces, le Centre
du centre, s. Anm. 30!
2° Vgl. Padre de’ Lumi nach ac. I, 17 im Conv. IV, 20, 39.
21 Par. 33, 76:
Io credo, per l’acume ch’ io soffersi
del vivo raggio, ch’ io sarei smarrito,
se li occhi miei da lui fossero aversi
Der überhelle Lichtstrahl hat also nicht blofs die Eigenschaft, anfangs das
Auge zu blenden, er stärkt ihm auch die Sehkraft und befähigt den Dichter
Gott selbst (geistig) zu schauen. Vgl. Par. 29,9; 30, 11; 33, 82,
12 FRIEDRICH BECK,
quando ’] vapor che ’l porta piü & spesso.
distante intorno al punto un cerchio d’igne
si girava si ratto, ch’ avria vinto
quel moto che piü tosto il mondo cigne.
E questo era d’ un altro circumcinto
e quel dal terzo, e ’l terzo poi dal quarto usw.
Hier haben wir das Jod (") als unteilbaren Punkt und Mittelpunkt
des Gotteskreises und der konzentrisch darumgelagerten Kreise der
neun Sephirot oder der neun Engelchöre; der Punkt wird durch
seine aulserordentliche Kleinheit als unteilbar, als absolute Eins
(unica stella!) gekennzeichnet, die lediglich durch das Ausstrahlen
des ungewöhnlich starken Lichtes sichtbar wird. Das Pünktlein
gleicht dadurch einem winzigen Sternchen:
Par. 31,28: Oh trina luce che ’n unica stella
scintillando a lor vista, si gli appaga!
Auch die Lichthülle, das Kleid oder Zelt, fehlt nicht; vielleicht
hat Dante hier aus dem Pseudoareopagiten geschöpft.?? Dieselben
Vorstellungen, soweit sie die Lichthülle und konzentrische Kreise
betreffen, finden sich nebenbei bemerkt auch bei Parmenides, den
Dante entweder aus Boethius, De cons. II, pr. 2 oder aus Cicero,
De nat. deorum lb. 1, cap. ıı kannte; er erwähnt Parmenides Zar.
13, 125 und Mon. UI, 4,22. S. Ausg. d. Parm. v. Schoemann, Berlin
1876, S. 54, Papus S. 336 und Rob. Eisler, a. a. O. I, 31, A. 3.
Man kann mit Hinblick auf das Convivso bestreiten, dals die
9 (10) Sephirot Dantes Vorbild gewesen sind; aber in Verbindung
mit dem Punkte
Par. 28,4I: 2 ....0.... da quel punto
depende il cielo e tutta la natura
mit dem Punto fisso (Par. 28,95), dem alle Zeiten gegenwärtig sind
(Par. 17, 17), wo jedes „wo“ und „wann“ zum Punkte wird, d.h.
schlechtweg eins und unteilbar, weil sich alles im Wesen Gottes
eint, in Verbindung mit dem das überhelle Licht ausstrahlenden
Punkte, wofür jedes Vorbild in der christlichen Literatur vor Dante
fehlt, gewinnen die 9 konzentrischen Kreise eine Beweiskraft für
kabbalistische Einflüsse auf Dante, an welche schon verschiedene
Forscher gedacht haben.?3 Asın (208 ff.) hat Abenarabi als Dantes
22 Epist. ad Caium Monachum (angeführt bei Thomas, Summa Theol.,
Opera, t. X11,218, Rom 1906) ‚sußerpositae Dei tenebrae‘, quas ‚abundantium
dumis‘ appellat cooperiuntur omni lumini et absconduntur omni cognilioni
und Zpist. ad Hierotheum: Invisibilis quidem Deus est proßter excedentem
claritalem.
28 S, die Übersetzung des Paradieses von Bassermann zu 28, 16 und
besonders 26,134 und Casini-Barbi (D.C. 1923, S. 983) und Kampers im
deutschen Dantejahrbuch 6, 3—40! Wülsten wir nicht dafs die obigen Verse
(s. Scartazzini, D.C. zu Par. 28, 42) eine wortwörtliche Übersetzung von
Aristoteles sind, so würde Maf. 22,40: in his duobus mandaltis universa
lex pendet als Muster vermutet werden,
DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 13
Quelle nachgewiesen (vgl. Anm. 16); er schildert jedenfalls die zxsio
bealifica wie Dante: „Dios es un foco luminoso que emile rayos de lus“.
Mit fast den gleichen Worten wird bei Asın (Abenmasarra 58) auf
Philo’s Vorstellung von der Gottheit verwiesen. Dabei beruft sich
Asin auf Ritter, Gesch. d. Philosophie alter Zeit, Hamburg 1839,
IV, 366f., wo auf des Alexandriners de cherub. 28 und de somn.
aufmerksam gemacht wird. Die letztere Stelle palst nicht; die
erstere ist bei Mangey (London 1742) 1, 156 zu finden und lautet
in der Leipziger Ausgabe (Phrlonis Opera, Lipsiae 1898, I], 234:
O yap roö ÖVros 6pdhaluds Ymrös Eripov XO0S xataimpıv
od deltaı, aürög d’Ov adpyerunog ady), uvolas axtivas Exßaileı,
or ovdeula Eorlv alodmtn, vontal dt ai aänacaı. Bei Mangey
1,579 (= Oßera IU, 165) ist aufserdem noch zu lesen de mutatione
nominum 1: Anyn 0: ts xadapwrarng adyiis Eos Eorıv. Diese
beiden Stellen weisen aber das charakteristische Merkmal des Punktes
mit seiner alles überstrahlenden Leuchtkraft nicht auf, es mülste
denn sein, dafs man die erste Stelle (de cherud. 28) insofern gelten
lassen wollte, als dp&aAuog = funto verstanden werden könnte
(s. Anm. ı6). Für Dante kommt also Philo nicht in Betracht;
ebensowenig kann von einer mittelbaren oder gar unmittelbaren
Bekanntschaft des Dichters mit den Neuplatonikern, besonders
Proklus und Plotinus, die Rede sein. Seit 1268 hatte zwar Wilhelm
von Mörbeke in Viterbo seine Übersetzung des Proklus angefertigt,
aber wahrscheinlich hat sie Dante nicht gekannt; sonst würde er
Proklus irgendwo einmal erwähnen. Aber es ist in Dantes Werken
von ihm ebensowenig die Rede wie von Plotin. Die Enneaden
des Plotin (und gerade diese, VI, Buch 8, cap. ı8 kämen in Frage)
waren aber im Mlittelalter nicht bekannt (de Wulff, Gesch. d. mittel-
alterlichen Phil., übersetzt von Dr. R. Eisler, Tübingen 1913, p. 54)
und beim hl. Augustin wird wohl Plotin flüchtig erwähnt, aber der
Gotteskreis und, was die Hauptsache ist, das punktförmige Urlicht
fehlt, weil es auch bei Plotin (Zrz. VI, 8, 18) fehlt ?4 (vgl. für Proklus
H. Koch, Pseudodionysius Areopagita, Mainz 1900, S. 82—85; 150
— 151; 248—249). Bei den Vermittlern der neuplatonischen und
orientalischen Ideen wie bei dem Pseudoareopagiten Dionysius,
Joachim v. Floris, dem hl. Ambrosius, dem hl. Hieronymus, welche
Dante wohl kannte, ist für den Ursprung des Gotteskreises nichts
zu finden, bzw. bis jetzt nichts davon bekannt geworden; nur
Joachim macht eine Ausnahme. Seine Wege führen aber in die
grübelnd-phantastische Welt der’jüdischen Mystik.
Auch ohne jede Kenntnis des Hebräischen konnte Dante aus
dem Gotteskreis Joachims mit dem Mittelpunkt Zeve, bzw. der Über-
% Die Bebauptung Lubin’s in Scartazzinis D. C. zu Par. 28,42: ‚il simbolo
Doi del Punto glielo somministrö St. Agostino‘ habe Ich auf ihre Richtigkeit
nicht nachprüfen können. Ich bezweifle sie aber sehr. Sonst hätte der
hl. Thomas von Aquin für sein Zumen divinum (= vivo raggio Par. 33, 76)
nicht auf Alfarabi, Avicenna, Avempace und Averroes zurückgreifen brauchen
(Asin 210), Vgl. Thomas, Summa theol, supplem., 38° part., q. 92, 8, I,
14 FRIEDRICH BECK,
setzung davon —= Zgo sum gu: sum entnehmen, dafs der „unaus-
sprechliche* Name mit einem Jod, dem punktähnlichen Buchstaben »,
begann, welchem in seinem ‚Latino‘ ein I (J) entsprach; dieses
wurde dann je nach Bedarf bald als Eins, bald (nach jüdischer
Gepflogenheit) als Abkürzung des Gottesnamens gedeutet. Dante
läfst Adam sagen:
Par. 26,134: Pria ch’ io scendessi a 1’ infernale ambascia
I s’appellava in terra il sommo bene
Es ist also nicht etwa an einen von Dante erfundenen Namen zu
denken, wie Barbi-(Casini) (D.C. 1923, S. 983) meint; vielleicht
fiel auch für Dante der Umstand ins Gewicht, dafs I der höchste
Laut in der Stufenleiter der Selbstlauter ist. Sicher ist nur das
Eine, dafs sich der Zahlenwert des römischen Buchstabens für die
religionsphilosophischen :Gedanken der simßlex unıtas vortrefflich
eignete. In dem nodile circolo, dem würdigsten Symbol der Gottheit,
sind (abgesehen von der schon erwähnten unilas und frinilas) ver-
sinnbildet: Unveränderlichkeit, Ewigkeit, Allmacht, Allwissenheit,
Unendlichkeit, Allgegenwart (örtlich und zeitlich), « und ®, ohne
Anfang und Ende oder in die Sprache der Scholastik übertragen
primum agens et ullimus finis. Die einzelnen Teile des Gotteszirkels
sind mannigfach ausgedeutet worden, z.B. ist nach Plotin das
Zentrum Gott, die Punkte der Peripherie sind die Geschöpfe,
welche vom Mittelpunkt abhängig sind, während jener sie zur eigenen
Existenz nicht braucht (Asin 338 und Zar. 19, 88—90). Wie die
Eins jede Zahl entfaltet und in jeder Zahl enthalten ist, so ist
Gott im Kosmos allgegenwärtig; wie der Kreis sich aus dem
Mittelpunkt zu Radius und Peripherie entfaltet, so sind die drei
göttlichen Personen Vater (Mittelpunkt), Sohn (Radius = Logos)
durch den hl. Geist (Peripherie) zur hl. Dreieinigkeit zusammen-
geschlossen.?° Diese und ähnliche Spekulationen findet man fast
allenthalben und zu jeder Zeil. Aufser dem schon erwähnten
Kircher verdienen hervorgehoben zu werden der deutsche Kardinal
Nicolaus v. Cues, an dessen Studien Dante seine helle Freude
gehabt haben würde, und Giordano Bruno, dessen hübsches Sonett
in der Übersetzung von Carriere abgedruckt ist bei Schwarz (1913,
I, 457 [Cues] und 519 [G. Bruno]); der Anfang lautet:
„Ursach und Grund und Du, das ewig Eine,
Dem Leben, Sein, Bewegung rings entflielst,
Das sich in Höh’ und Breit’ und Tief’ ergiefst,
Dafs Himmel, Erd’ und Unterwelt erscheine!
Mit Sinn’, Vernunft und Geist erschau’ ich Deine
Unendlichkeit, die keine Zahl ermilst,
Wo Mitielpunkt und Umfang allwärts ist;
In Deinem Wesen weset auch das meine.“
25 Vgl. Bassermannn’s Übersetzung des Paradieses zu 13, 55 f. und 28, ı6 ff,
DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 15
Die Betrachtung des punktförmigen Urlichtes (Par. 28, 41), „von
welchem der Himmel abhängt und die ganze Natur“ klärt eine
Stelle im Briefe Dantes an die italienischen Kardinäle auf (Jesto
eritico XlI,2, S.431) „guod guidem de specula punctali eternilatis
inluens qui solus elernus est, menlem Deo dignam viri! prophetici per
Spiritum Sanctum sua tussione impressil* wird von Toynbee (Danitis
Alagheriü Eßistolae, Oxford 1920) wiedergegeben: „And when He,
who alone is eternal, beheld this thing from his eternal watch-lower
on high, by his Holy Spirit He laid His command upon Ihe mind.“
In der dazugehörigen Anm. 4 sagt er: fPresumably from functus,
in Ihe sense of ‚at Ihe point‘, ‚at the summit‘, hence ‚exalled, sublime‘.
] have not been able to meet wilh anolher instance of the word. For
the expression, cf. Ep. VO, 136—7: de specula summae_ celsitudinis.
Toynbee hat offenbar mit der ‚punktförmigen Warte‘ nicht zurecht
kommen können; besser erklärt Monti (Zeitere di D., Milano 1921,
S. 262): dalla vedetta che s accentra in un punto dell’ infinıto nello
spazio e nel tempo, aber eine ganz klare Vorstellung von dem Punkt
oder ‚Sternchen‘, um welche sich konzentrisch die neun Kreise
der Engelchöre drehen, welchen in der Kabbala die 9 (10) Sephirot
entsprechen, scheint auch Monti nicht zu haben. Nebenbei sei
noch bemerkt, dafs Z3. XI, 2 und mehr noch #2. VIII, 136 einen
Gedanken von Thomas v. Aquin wiedergibt, welcher geschrieben
hatte: Deus qui de aeternilatis excelso omnia respicil (Boffito im
Giorn. stor. d. lett. it. Suppl. no.6, 1903, S. 24 Anm... Der Raum-
mangel zwingt mich zum Verzicht auf jene Stellen bei Dante,
welche seine Beziehungen zum hermetischen Bilde klarlegen könnten
(s. übrigens Anhang II). Derselbe Grund verbietet mir, auf die
Erklärungen des rätselhaften Bildes im einzelnen einzugehen, welche
in den letzten Jahrzehnten gegeben worden sind. Es würde sich
auch deshalb kaum verlohnen, weil manche Auslegung nur eine
mehr oder minder glückliche Variation älterer Kommentare bietet. 26
Ich verweise darum den Leser auf die bekannten besten Ausgaben
von d’Ancona, Casini, Scherillo und besonders Melodia (s. auch
Anhang II). Für die Erklärung der Worte und des Symbols gelten
die folgenden Richtlinien:
ı. Der Sire de la Nobillade, die Quelle aller Vollkommenbeit,
ist Amor, d.h. Gott??T; ihm allein ist der nodile circolo angemessen.
Dieser vollkommene, Gottes würdige Kreis ist eine sphaera intelligibilis.
%# Im Gefolge Giuliani’s, dessen Leitgedanke die Stelle III, 6 des Propheten
Malachias: Zgo enim Dominus et non mutor, et vos fili Jakob non estis
consumti hätte sein können, befinden sich z. B. Costero, Romanelli, Fassini,
Perini, Godefroy, Pascoli, Pietrobono u. a. Giuliani’s Worte: „zo rimango
sempre lo stesso, non mi mulo mai“ ecc. sind von della Giovanna (Frammenti
di studi dant. 1896, S. 2) widerlegt worden.
327 Dagegen spricht Salvadori (S. 148): Nella Vita nova Amore non 2
mas confuso con Dio und schüchtern fragt Pascoli (Mir. Visione 2a, ed.
S.45—46): Z incluso nel paragone di Dante il concetto che amore sia Dio
stesso?;, u Zs. XL, 260 und Y.N.$ 3,9 und 42,
16 FRIEDRICH BECK,
2. Das fu autem non sic setzt die Vollkommenheit Gottes in
Gegensatz zur Unvollkommenheit des Menschen ; göttlicher Intellekt
und menschlicher Verstand, Schöpfer und Geschöpf, speziell Gott
und Dante werden einander gegenübergestellt (Par. 19, 81; Conv.
IV, 5, ı—5 und 51— 58). Auf geistigem Gebiete, auf dem Gebiete
des Wissens, muls sich dieser Gegensatz offenbaren; wäre dem
nicht so, so könnte der Mensch überhaupt nicht mit der Gottheit
in ein bildhaftes Verhältnis gebracht werden, wie es in dem Ver-
gleich der Symbole und des daraus entspringenden Gegensatzes
der Fall ist. Der harmonischen Allwissenheit Gottes steht das ärm-
liche Wissen des Menschen gegenüber; und selbst diesem „Stück-
werk“ sind bestimmte Schranken gezogen, deren Überschreitung,
wie das Schicksal des ersten Menschen zeigt, sündhaft ist.
3. Die Verfehlung Dantes, »o:a (8 ı2, 34 —38), muss darum
auch auf geistigem, religiösem Gebiete liegen; sie ist ein ungestümes
Verlangen nach wissenschaftlicher Erkenntnis der Glaubenswahr-
beiten durch die Vernunft ($ 12, 36 non domandare piü che utıle ti sia);
sie hat zur Folge die Einstellung des mystischen Grufses Beatricens,
d. h. es verschliefsen sich dem unerlaubten, weil ungezügeltem
Wissenstrieb neue Erkenntnisse; dadurch wird Seelenheil (salute)
und Glückseligkeit des Dichters gefährdet. Dafs die beiden donne
schermo alles andere, nur nicht wirkliche Frauen waren, sondern
allegorische Vorgängerinnen der Donna gentile, scheint mir bei dem
mystischen Charakter des Jugendwerkes aufser Zweifel zu sein.
Melodia hat als erster unter den Herausgebern der V. N. zu $ ı2, 30
die Bibelstelle ad Rom. XU, 3 angeführt: Dxo enim per gratiam quae
duta est mihi omnibus qui sunt inter vos: Non plus sapere quam
oportet sapere,?8 sed sapere ad sobrietalem, ei unicuique, sicut Deus
divisit mensuram fide. Dante hat diesen Rat des Römerbriefes
wiederholt im Conv. IV, 13, 59 und ergänzt Conv. II, 15, 70: e Derd
Z’ umano desiderio & misuralo ın questa vila a quella scienza che qui
avere si fud. Aus den gleich folgenden Stellen klingt das ‚fl che
ulıle 4 sıa‘ und das ‚non domandare‘ deutlich heraus: im ersten
Brief an die Korinther 1 Cor. 12,7: Unicuique autem dalur manı-
festatio Spiritus ad utilitatem, und Zclus. I, 22, in Dantes Über-
setzung (Conv. 11, 8,13): Pin alte cose di te non domanderai e pi
/Jorti cose di te non cercherai; ma quelle cose, che Dio li comandb,
Pensa: e in Piü sue opere non sia curioso. Den anschlielsenden Vers 23
übersetzt Dante nicht mehr: non est enim hbi necessarium ea quae
abscondita sunt, videre oculis tus (vgl. Zecks. 7,17); aber der Vers
28 Darunter versteht Hugo von St. Victor das Streben mit der Vernunft
Dinge begreifen zu wollen, welche die Kraft der menschlischen Vernunft über-
steigen (Migne, ?. 2. 175, S. 897). Die jüdischen Religionsphilosophen Maimo-
nides und Ben Sirach verwerteten in diesem Sinne die Stelle Prov. 25,27:
Sicus qui mel multum comedit, non est ei bonum, sic qui scrutator est
majestatis, opprimelur a gloria und Prov. 25, 16: Mel invenisti; comede,
guod suffcit tibi, ne forte satialus evomas illud (mel — doctrina sapientiae,
Prov. 24, 13), (Karppe S.23, 41, 211, 553).
DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 17
rundet das Bild ab. Er enthält die Mahnung: xlorevoov, credi e
non disculere (Giorn. st. d. lett. it. 23, 396). Der Dichter hatte sich
mit der ‚nosa‘ des frapassar del segno schuldig gemacht (Zar. 26, 117),
weil er über seine menschliche Natur hinauswachsen wollte (frasu-
manar Par. 1,70). Nun wirkt aber das Geschöpf dadurch dem
Schöpfer entgegen:
Purg. 17,100: ma quando al mal si torce, o con piü cura
o con men che non dee corre nel bene
contra ’l fattore adovra sua fattura.
Der Zohar (de Pauly V, aıı) lehrt, dafs es verboten sei, in die
Geheimnisse einzudringen, die Gott sich vorbehalten hat: „uns
und unseren Kindern gehört nur, was geoffenbart worden ist“
(Deuteron. 29, 29). Die alte Überlieferung verbietet dem Menschen,
vom Baume der Erkenntnis zu essen. Da nun Gott allwissend ist,
ist unmäfsiges, unerlaubtes Streben nach Wissen ein Eingriff in
seine Macht (Karppe S. ı1). Es ist eine Vermessenheit, sagt Dante,
nach dem Grunde zu forschen, warum uns Gott in diesem Leben
manche Einsicht versagt hat; denn er erschuf unsere Vernunft und
wollte, dafs sie geringer sein solle als seine Macht (Cozv. II, 4, 74
und Ill, 7,123; vgl. Zurg. 3,34—39 und (Questio de aqua el lerra
XXII im esto critico S. 478). Der Grund, weshalb Amor weint,
hängt mit dem Widerstande zusammen, welchen Dante seinem
Schöpfer gegenüber geleistet hatte. Zwar unmittelbar wurde von
der noia nur jene donna-schermo betroflen, um welche nach Amors
Willen der Dichter sich bemühen sollte ($ 9,23); aber mittelbar
trifft die Unbill Beatrice und Amor selbst. Hatte Dante nicht
dem Signore de la Nobiltade passiven Widerstand geleistet, als dieser
ihm unter Seufzern nahe legte, es sei nunmehr Zeit von der Schein-
liebe (simulacra) abzulassen? (3 ı2, 15—2ı). Hatte nicht dieser
Amor-Gott vergeblich „irgendein Wort“ (der Zustimmung) erwartet
und darum bitterlich geweint? ($ ı2, 19— 20).
Das würdigste Symbol Gottes im Weltall ist die Sonne —
il Sole corporale e sensibile —; il Sole spirituale e intelhigibile & Dio
(Corv. II, ı2, 37—50). Eine Quelle nicht materiellen, sondern
geistigen Lichtes ist es, aus welcher die heilige Liebe im Feuer-
bimmel hervorstrahlt (27. XTU, 24 = testo eritico S. 443).
Nun ist der Gotteskreis offenbar nichts anderes als ein künst-
lerisch stilisiertes Sonnenbild; statt materieller Sonnenstrahlen sendet
sein Mittelpunkt, das punktförmige Urlicht, Strahlen geistigen Lichtes,
geistiger Liebe, geistigen Lebens aus. Im Verhältnis zu diesen
unzähligen Strahlen, welche die sich offenbarende ‚erste Liebe‘,
der göttliche Urpunkt, aussendet, ist der menschliche Verstand
etwa einem einzigen Strahl vergleichbar; der göttliche Intellekt
erfüllt das All, des Menschen Blick reicht nur eine Spanne weit:
Par. ı9, 53: Dunque nostra veduta, che convene
esser alcun de’raggi de la Mente |
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVLI. 2
ı8 FRIEDRICH BECK,
di che tutte le cose son ripiene,
non pd da sua natura esser posscnte
tanto, che suo principio non discerna
molto di lä da quel che 1’ & parvente,
79 Or tu chi se’ che vuo’ sedere a scranna,
per giudicar di lungi mille miglia
con la veduta corta d’ una spanna?
Auf Grund des vorstehenden Beweisstoffes muls die Erklärung der
lateinischen Worte lauten: Ich bin der Signore de la Nobiltade, d.h.
der Herr jeglicher Vollkommenheit (als cenitrum circuli). In mir
konzentriert sich alles Wissen, weil jeder Punkt der Peripherie in
meinem Banne steht, von mir gleichmälsig umspannt und begriffen
wird (J/ddio che solo colla infinita capacıta U’ Infinito comprende Conv.
IV,9,ıgf.). Ich bin der Allwissende, meinem unendlichen, schranken-
losen Geist ist keine Grenze gesetzt; dagegen ist dein menschlicher
Horizont beschränkt auf die deiner immer werdenden und ver-
gehenden Natur entsprechende Erkenntnis. Über diese deine
Fassungskraft hinaus sollst du nicht forschen wollen: es ist sträf-
liches und schädliches Beginnen.
Natürlich beruht diese Erklärung auf der Voraussetzung, dafs
Amor und Gott Wechselbegriffe sind. Da aber, wie oben Anm. 27
erwähnt wurde, diese Voraussetzung bestritten wird, muls sie als
richtig, dagegen die Theorie von Salvadori und Genossen als falsch
erwiesen werden. Fragen wir uns zunächst, was denn der ‚giovane
vestito di bianchissime vestimenta‘ ($ ı2, ı1) bedeuten soll, wenn er
keine Verkörperung Gottes sein soll? Ein Engel des Herrn wie
Conv. IV, 22,125 und 130, lautet die Antwort. Wo und wann erscheint
aber einmal der Kreis als Symbol eines Engels? Wie kann sich
ein solcher Engel Signore de la Nobiltade nennen? Wie kann er
Dante gegenüber von simwlacra nostra sprechen? Nein; der Jüngling
im weifsen Lichtgewande ist derselbe, der den Dichter in seinen
Traumgesichten oftmals ‚Ad mi‘ genannt hat ($ ı2, 18). Solche
Visionen werden aber vorher nur in den 8$ 3 und 9 erzählt. Der
Amor dieser beiden Visionen ist derselbe wie jener des $12: Gott
ist der ‚dolcissimo signore‘, welcher den Dichter durch Beatrice be-
herrscht ($ 9, 10) und ihm ‚/eggeramente vestilo e di vil drappi“
erscheint ($ 9, 13), aber kein Engel. Noch viel weniger kann man
bei dem signore di pauroso aspelto in der Feuerwolke ($ 3,5) an
einen Engel denken. Wie könnte man sich vorstellen, dals ein
Engel Beatrice nackt in seinen . Armen hielte? (8 3,9f.). Deutlich
genug sagt uns Dante, wer dieser Signore war: es ist der Herrgott,
welcher in der Y. N. $ 3,9 genau dieselben Worte spricht, die er
zu Moses spricht nach Zx. 20,2: Ego sum Dominus luus; es ist
derselbe Herr, welcher sich in der Vision Jakobs zu erkennen gibt:
Ego sum Dominus Deus Abraham, palrıs tu, el Deus Isaak (Gen.
28, 13); es ist derselbe Herr, von welchem der Lebensgeist zitternd
DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. Ko
sagt: Zece deus fortior me qui veniens dominabitur mihi ($ ı, 18).
Auf diesen Herrn passen wohl der pauroso aspelto (8 3,5) und die
lateinischen Worte; sie deuten auf die Gottesfurcht, welche den
Menschen zur Befolgung der Gebote Gottes zwingt „uf fimeas
Dominum deum tuum el custodias omnia mandala et pracecepla ejus
(Deuter. VI, 2). Vielleicht klammern sich die Verfechter der irrigen
Auslegung noch an einen letzten Einwand: es sei nicht möglich,
dafs der Herrgott in so verschiedener „Maske“ und bald als jung,
bald als alt dargestellt werde; denn der in der Feuerwolke
erscheinende, schrecklich anzusehende Signore könne nicht derselbe
sein wie der Jüngling im schneeweilsen Gewande.
Darauf lasse ich den Pseudoareopagiten Dionysius antworten 29:
„„Der „Alte der Tage“30 wird Gott genannt, weil er aller
Dinge Ewigkeit und Zeit ist, zugleich aber vor den Tagen, vor
der Ewigkeit und vor der Zeit besteht. Man mufs aber Zeit und
Tag und Zeitabschnitt überhaupt und Ewigkeit gottgemäfs von ihm
gebrauchen, als der in aller Bewegung unwandelbar und unbewegt,
und in dem ewigen Bewegtsein immer in sich selbst bleibet, und
der Ewigkeit, der Zeit, der Tage Ursächer ist. Deshalb wird er
auch in den heiligen Gotterscheinungen mystischer Ge-
sichte als Greis und als jung dargestellt; das erste, um
den Alten zu bezeichnen, der von Anfang ist, das andere
um den anzudeuten, der nie altert, oder beides soll lehren,
dafs er vom Anfang an bis ans Ende durch alles durchgehe, oder,
wie unser göttlicher Lehrer sagt, beides offenbart das Alter Gottes,
der Alte nämlich deute aufs Erste in der Zeit, der junge aufs
Ältere nach der Zahl. Denn die Monas und was um die Monas
herum ist, hat eine höhere Stelle, als die weiter herausgegangene
Zahl.“ *
Es gilt noch Bedenken zu widerlegen gegen die obige Be-
hauptung (S. 54), dafs Amor in den 88 3, 9, 12 immer der Gleiche,
d.h. Gott sei. Nun wird der signore di fauroso aspello der Prosa
(8 3, 5) im Sonett (8 3, 45—49) vom Dichter selbst als Amor
erklärt:
quando m’ apparve Amor subitamente,
cui essenza membrar mi dä orrore.
Allegro mi sembrava Amor etc.
Ebenso erfahren wir aus dem Sonett (8 9, 37), dals der ‚dolcissimo
signore‘ des Prosatextes ($ 9, 10), 2 gual mi segnoreggiava per la
virtü de la genlilissima donna,?! ne la mia imaginazione apparve come
peregrino‘ unser Amor ist:
9 de div.nominibus cap. 10, $ 2 (bei Engelhardt, Die angeblichen Schriften
des Areopagiten Dionysius, Sulzbach 1823, ı. Teil, S. 145).
% Das ist die gewöhnliche Bezeichnung Gottes im Zohar; sie geht wohl
zurück auf Daniel 7,9: antiguus dierum sedit: vestimentum ejus candidum
quasi nix el capıli capılis ejus quasi lana munda, Ihronus ejus flammae
ignis accensus,
ss Vgl. $1,29f. und $ 12,41.
2*+
20 FRIEDKICH BECK,
Trovai Amore in mezzo de la via
in abito legger di peregrino.
Aus 8 ı2,8: Amore, aiuta ıl tuo fedele, aus $ ı2, 16: simulacra nostra,
d.h. die Scheinliebe zu den beiden donne-schermo, welche vom
Dichter auf Befehl Amors angeknüpft wurde,3? aus $ 12,41 (=$ 9,10
und $ ı, 29f.), d.h. der Bezeichnung ‚Signore de la Nobiltade‘,
welcher durch Beatrice den Dichter beherrscht, geht in Verbindung
mit der Bedeutung des Gotteskreises klar hervor, dafs Amor-Gott
überall die treibende Kraft der Liebe des Dichters ist; eine aus-
drückliche Bestätigung liefern auch die Verse der Ballade 8 ı2, 59
und 67, 89, welche den Ratschlägen Amors ($ ı2, 38 ff.) entsprechen.
Das Schlufsergebnis der Studie ist: Unter Amor ist in Dantes
Jugendwerk jedesmal Gott zu verstehen, wenn er als Person handelnd
eingeführt wird. Es ist undenkbar, den Danteschen Amor mit dem
heidnischen Cupido gleichzusetzen,3® wie es zuletzt Labusquette
(S. 616, 621, 673 ‚Cupidon christianise‘) getan hat. Nicht als ob
man sich an der Anpassung an die heidnische Überlieferung zu
sto[sen bräuchte; im Gegenteil, sie ist bei Dante gar nicht so selten
(s. Anhang 1V). Aber die Vermengung von Heiligem und Profanen,
welche oft zu einer frivolen Verletzung der religiösen Empfindungen
führen muls, ist Ärgernis erregend und, vom wissenschaftlich-
kritischen Standpunkt des Danteforschers aus betrachtet, ein un-
verzeihlicher Fehler der realistischen Auslegungsmethode. Was soll
man zu Sätzen Labusquette’s sagen, wie z.B. dafs bei den Dichtern
des dolce stil nuovo „Cupidon y coudoie le Christ un peu familierement“
(300), oder gar, dafs der Dantesche Amor neben anderen heiklen
Funktionen besonders den Beruf eines „roz des entremelteurs“ (310)
ausübe, dals „sa fonclion est d’unir lhomme et la femme et, pour
alleindre le but, tous les moyens lui sont bons (!!) ... ıl conseille l’im-
moral (|!) expedient du schermo*? Nur ein Realist (und L. ist einer
von der gemälsigten Richtung) kann auf solche Ideen kommen,
welche mit Dante gar nichts mehr gemeinsam haben. Dante’s
eigene Erfahrungen und die Lehren seiner Vorgänger, der Trou-
badours, werden beiseite geschoben oder nicht beachtet; wie wäre
es sonst möglich, dafs solche Verirrungen, deren Folgen zu offenem
Widersinn führen, immer noch gläubige Anhänger finden? Hat
s2 Beim Durchlesen des $ 5, ı6f. gewinnt man den Eindruck, Dante habe
aus freien Stücken der ersten donna schermo eine crheuchelte Liebe bezeigt,
um dadurch seine wirkliche Liebe zu Beatrice zu verschleiern. Dieser Eindruck
ist trügerisch: Amor war auch schon das erste Mal die Triebfeder dieser
‚Leidenschaft‘. Denn es heifst $ 9,10: e Derö quello cuore ch’ io ti facea
avere a lei, io Ü’ho meco etc.
88 Das sehr umfangreiche Buch hat trotz seiner Mängel auch seine Vorzüge:
es ist jedenfalls verdienstvoll, dafs L. den ernsten, aber mifslungenen Versuch
unternommen hat, völlige Klarheit über den Begriff Amore zu schaffen. Viel-
leicht finde ich noch Zeit, an anderem Orte darüber zu sprechen. Hier sei
nur auf die mifslungene Auslegung des Gotteskreises hingewiesen; L. sieht in
dem Kreisbild das — — Glücksrad (!), S. 624 ff.
s Man ziehe einmal die logischen Schlufsfolgerungen aus dem $ 24; wird
dann, wenn Amor ein ‚entremetteur‘ ist, nicht Beatrice zur Kupplerin ?!
DIE RÄTSELHAFIEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 21
nicht Dante an sich selbst erfahren ($ 13, 6), dafs „duona 2 Ja
signoria d’Amore perö che irae lo 'niendimento del suo fedele da tutte
de vili cose*? War es nicht oberster Grundsatz der Troubadour-
poesie, dafs die Liebe der Antrieb zu allen edlen Hand-
lungen sei? Ich eile zum Schlusse; wer meine Auslegung des
$ ı2 für richtig anerkennt, mufs die Überzeugung gewinnen, dafs
die realistische Methode keine Daseinsberechtigung mehr haben
kann. Amor ist Gott und die Göttlichkeit Beatricens®s
ist (wegen der Folgerungen aus $ 24) nicht mehr zu bezweifeln.
Der Gegensatz zwischen der angeblich historischen Beatrice des
Neuen Lebens und der „verklärten* Beatrice der Göttl. Kom. ist
nur durch die Schuld der Erklärer geschaffen worden, besteht aber
in Wirklichkeit gar nicht. Das Jugendwerk Dantes ist ein mystisch-
religiöses Buch, wie es von einigen einsichtigen und unbefangenen
Erklärern immer schon behauptet worden ist. Es ist ein Irrtum
zu glauben, dafs man ein solches Werk mit der historisch-realistischen
Methode jemals werde erklären können.
Anhang.
L
Alanus ab Insulis (Migne, Pair. lat. CCX, 627, Reg. VII).
Deus est spaera inlelligibilis, cujus centrum ubigue,
circumferenlia nusgquam.
„Hanc probat ılla regula, qua diclum est „„solam monadem esse
alpha et omega“* |d.h. die vorhergehende Reg. V]: ex co enim
quod principio carel el fine, Deus spaera dicitur: proprium
enim spaericae formae est principio el fine carere. Sed non est spaera
corporalis, imo intelligibilis (vgl. Corv. Hl ı2, 39). Cum enim
Deum spaeram esse dicimus, non oportel nos deduci ad imaginalıones,
uf imagınemur eum esse spacram ad simililudinem corporum, sed, duce
intelligenlia, ea ralıone intelligamus ipsum Deum esse spaeram,
quia aeternus est ... O magna inter spaeram corporalem et in-
telligibilem differentia / Im spaera corporali centrum propler sul parvi-
falem vix alıcubi esse berpenditur, circumferentia vero in Pluribus locıs
35 Erst jüngst bat Barbi (in seinen Studi danteschi X, 20 A.) über $ 24, 31
-—32 gehandelt. Come va intesa, fragt er, J’ affermasione ‚ha nome Amore‘?
Come un pensiero momentuneo, per dare una lode a Beatrice. Unwillkürlich
denkt man dabei an einen Anlals wie 8 5, 25,: wo sich zum ersten Male als
Zweck der Dichtung das Lob der Geliebten offenbart (Jar che sia loda di lei);
nach Verweigerung des Grufses wird die Not zur Tugend, der angebliche
Zufall des $ 5 zum System, welches von $ 19 bis zum Ende 'durchgeführt wird.
Den Kern der Sache, warum in dieser Benennung ein Lob Beatrice’s liegen
müsse, berührt Barbi gar nicht. Er ist offenbar in Verlegenheit, wenn er die
Frage beantworten solite, inwiefern die Gleichstellung der Geliepten mit Amor
für Beatrice besonders schmeichelhaft ist. Mit ein Paar Worten (un Densiero
momentaneo), die nichts besagen, wird der Kernpunkt der Frage umgangen;
aber über das Wesen Amoıs verliert Barbi kein Wort.
22 FRIEDRICH BECK,
esse comprehendilur. In inlelligibili vero spaeral cenirum ubigue,
circumferentia nusquam. Cenlrum dictur creatura, quia sicul
fempus collatum aeternilati repulatur momentum, sic crealura im-
mensilali Dei comparala, punctum, vel centrum. Immensitas ergo
Dei circumferentia dicitur, quia omnia disponendo quodam modo
omnibus circumfertur el omnia infra suam immensilalem complechtur.
Hae ceiiam alıia differentia inter spaeram corporalem el in-
telligibilem quia spaerae corporalis centirum immobile, circumferentia
mobilis; in spaera intelligibili contra, quia Deus stabilis? manens dat
cunca moveri.“
Bei der Ausdeutung des Bildes nehmen die der Gottheit in
den Mund gelegten Worte Zgo famguam ... lu autem non sic nicht,
wie hier bei Alanus, Bezug auf die Gegensätze Ewigkeit und
Augenblick, Unendlichkeit und Kleinheit, sondern Schöpfer und
Geschöpf werden einander gegenübergestellt vom Standpunkte des
Wissens, weil ja Dantes Verfehlung auf diesem Gebiete liegt.
Darum wird aus dem aufserordentlich deutungsfähigen Bilde nur
die eine Eigenschaft der Unvollkommenheit, Unzulänglichkeit, das
Stückwerk des menschlichen Wissens hervorgehoben, welches sich
nicht erkühnen darf, die ihm gesetzten Schranken zu durchbrechen
und so der Allwissenheit Gottes sich an die Seite stellen zu
wollen.
Nirgends wird bei Dante der Punkt als Symbol des Menschen
verwendet, der sub specie aeternilalis gesehen ‚nec Punch quidem
/öcum‘ einnimmt (Joh. v. Salisbury bei Migne, Zafr. lat. 199, Poli-
craticus lib. IV, cap. ı0, S. 532); er ist vielmehr immer das Symbol
Gottes.
Alexander v. Hales (Doctoris irrefragabilıs Domini Alexandri de
ales ... pars prima summe theologice ... Antoni Koburger 1510)
pars I, qu. 7, membrum ı schlielst eine längere Erörterung über
die bildliche Darstellung des snfellectus creatus und der divinae
substantiae simplicilas mit den Worten: propter quod dieit Tri-
megistus (sic!) deus est sphera intelligibilis cujus centrum
est ubique, circumferentia nusquam.
Mit Danteschen Gedankengängen hat die Stelle keine Be-
rührungspunkte.
Bonaventura (Ifmerarium mentis ad Deum cap. 5; in der Ausg.
S. Bonaventura, Oßerum t. septimus, Lugduni MDCLXVIN, S. 133,
col. 1):
Rursus revertentes dıcamus, quia ıgilur esse purissimum et abso-
/utum, quod est simplieiter esse, es! primarıum, el novissimum, ıdeo est
1 Genauer drückt Alanus den Gedanken aus De articulis catholicae fidei,
lib.ı, XXI „Deus igitur essentialiter est ubique, nusguam aulem
localiter.
2 Der Vers lautet bei Boethius, de consolatione philosophiae, lib. III, 9:
Ipse manens stabilis dat cuncta moveri. Alanus führt denselben Vers auch
an confra haereticos Ill, 4.
DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 23
omnium origo et finis consummans. Quia acdternum & pracsentissimum,
ideo omnes durationes ambil el inlral, quasi simul existens earum
cenlrum el circumferentia. (uia simplicissimun et maximum, ideo
fofum ınlra omnia el lolum exira omnia, ac per hoc est sphaera
intelligibilis cujus cenirum est ubigque el circumferentia nus-
guam. Quia actualıissimum et immutabilissimum, ideo ‚stabile manens
moveri dat universa’ (s. oben die Stelle aus Alanus A. 2).
IL
Par. 14, 30:
Quell’ Uno e Due e Tre che sempre vive,
E regna sempre in Tre e Due ed Uno,
Non circonscritto, e tutto circonscrive.
Johannes Damascenus, De fide orthodoxa (Migne, Zatr. gr.
XCIV, 8534):
Circumscriplum hoc est quod loco vel'tempore vel anımi per-
ceptione comprehenditur: incircumscriptum aulem quod nullo horum
conlinetur. Quamobrem solus Deus incircumscriptus est qui
Drincipio et fine careat, alque omnia complectatur (nepıLEyov),
nullatenus ipse comprehensus (nepLexöuevog).
Philo (Siegfried, PA. v. Al., Jena 1875, S. 207): ... orı 6
usv HEeög oUgl noV' OB ydap repiegerar AAAa REpLeyeı Tö
räv, leg. allg. UI, ı7. 1,97; 3. Purg. 11,2 (Scartazzini).
Dante, Zpist XI, 25 (Testo eritico 443, 69):
Quod autem de divina luce plus recipiat, potest probari per duo:
primo, per suum omnia conlinere el a nullo continert.
Alanus de Insulis (Anticlaudianus lib. 5, cap. 3):
Nec solum loca cuncta replet sed singula solus
Infra se claudit, quasi meta locusque locorum ...
Principium sine principio, finis sine fine
ee 2 2 00. . Siae tempore durans
Immensus sine mensura.
Purg. ıı, 2:
O Padre nostro, che ne’cieli stai,
Non circonscritto, ma per piü amore
Che a’ primi effetti di lassü tu hai.
Conv. IV 9,22:
Dunque la giurisdizione della natura universale & a certo termine
finita, e per conseguente la particolare: e anche di costei egli £ limi-
tatore Colui che da nulla 2 limitato, ciod la prima Bontd, ch’
1lddio, che solo colla infinita capacitd |’ Infinito comprende.
24 FRIEDRICH BECK,
Par. 27, ıı2:
E questo cielo non ha altro dove
Che la mente divina, in che 3’ accende
L’ amor che il volge, e la virtü ch’ ei piove.
Luce ed amor d’ un cerchio lui comprende,
Si come questo gli altıi, e quel precinto
Colui che il cinge solamente intende.
(Vgl Par. 30, 39 f.)
Par. 33, 116:
Nella profonda e chiara sussistenza
Dell’ altro Lume parvemi tre giri
Ditre colorie e d’una continenza.,
Conv. IV 16, 57 fi.:
Questa perfezione intende ıl Filosofo (d. b. Aristoteles) ne/ seftimo
della Fisica (d.h. Phys. VII 3,2464), guando dice: „„Ciascuna cosa
& massimamenle perfetla, secondo la sua nafura. Onde allora lo
circolo si pud dicere perfelto, quanlo veramente 2 circolo, as
quanlo aggiugne la sua fpropria virlü,s che allora & ın Iulla sua
natura; e allora si puö dire nobile circolo.“* E questo 2 quanıo
in esso & un punto, ıl quale egualmente sia dislante dalla
eirconferenza (s. auch Par. 13, 531 —060; 19,40; 26, 17; 50, 103;
33, 138 und Conz. II 14, 11 u. 153).
Il.
1884 Renier (Giorn. stor. d. !. it. U, 391).
18860 Bonghi (Za Cultura V, 13).
1894 Maruffi (Giorn. Dant. 11, 3; s. Zull. I, u,
1896 Earle (Quarterly Review, July).
1896 Mlott (System of Courtly Love, P. 150).
1896 Della Giovanna (Frammenti di st. d. 1—7).
1898 Butti (Giorn. Dant. VI, 128; s. Bull. V, 168).
1902 Scarano (Beatrice, P. 142).
1902 Proto (KRassegna critica VI, 193—200; s. Zull. X, 264
und XXVI, 9—ıo).
1903 Gargano Cosenza, Sımbolo di Bealr. S. 104.
1903 Boffito (BZull. X, 266).
1903 Boffito (Rendiconti dell’ Zstituto Zomb. pp. 1129 u. 1142).
1903 Chistoni, Seconda fase del pensiero dantesco p. 55.
1904 Zappia, Questione di Beatr. S. 267/68.
1907 Parodi (Bull. XIV, 23).
1907 Salvadori, G., Sulla vita giovanıle di Dante p. 51 und
145—149.
1908 Cochin (Vila Nova, trad. S. 200— 203).
1909 Sicardi (Nuwa Antologia ı. April; s. Zs. 36, 241).
1910 Federzoni, V. N. con note di Carducci, p. 40.
1913 Pascoli, Za mirabdile visione, 2. ed., S. 39.
DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 25
1914 Marigo, Mistica e Scienza, p. 55, A. 1; s. Bull. XXVL,9.
1915 Pietrobono, Poema Sacro ], 56.
1918 Lora, Nuova interpret. d. Vita Nuova S.63/64 (Zs. 41,485).
ı9gıg M. Asın Palacios, Zscatologia Musulmana en la Div.
Com. S. 338fl.; s. Zs. 41,472.
ıgıg Parodi (Bull. XXVI, ı0).
1920 van Dijk, Vila Nuowva S. ı27fl.; 3. Zs. 44, 252.
1920? R. de Labusquette, Les Beatrices p. 624 fl.
1922 Grandgent (Harvard Alumni Bullein vol. XXIV no. 14,
p. 308— 319) —
1924 Grandgent, Discourses on Dante, P. 93—94.
IV.
Purg. 6, 118:
E se licito m’&, o sommo Giove,
Che fosti in terra per noi crucilisso,
Son li giusti occhi tuoi rivolti altrove?
„Hier tritt besonders scharf die naive Vermischung der klas-
sischen und christlichen Welt bei Dante zutage“, so bemerkt zu
der Stelle Bassermann (Fegeberg). Zurg. 15, 88 werden in einem
Atemzug als Typen besonderer Milde und Sanftmut die Gottes-
mutter Maria und die Gemahlin des Pisistratus genannt. Christ-
liches Denken ist mit heidnischer Sage und Geschichte aufs innigste
verwoben Purg. 18, 100—ı103, wo als Beispiele rechten Eifers die
„Heimsuchung Marias und der rasche Siegeszug Cäsars gegen die
Pompejaner Spaniens“ (Bassermann) nebeneinander gestellt werden.
Der Christ Dante liest aus Virgils 4. Ekloge V. 4ffl. ebenso wie
seine Zeitgenossen eine messianische Prophezeiung heraus Zureg.
22, 70 (Bassermann). Wie treuherzig und fast kindlich nimmt sich
als Muster der Mäfsigkeit und Zurückhaltung in Speise und Trank
aus Maria mit den römischen Frauen und Daniel! Ein Gegenstück
dazu ist Maria in Parallele mit der Nymphe Callisto, obwohl die
unbefleckte Gottesmutter einen scharfen Gegensatz zur befleckten
heidnischen Nymphe darstellt (Zurg. 25, 128 u. 131). Purg. 24, 13
bis ı6 sagt Forese von seiner ebenso guten wie schönen Schwester
Piccarda: /rionfa lieta nell’ alto Olimpo (= cielo empireo oder Himmel
im christlichen Sinne). Die Musen, deren Hilfe bei dem schweren
Werke der Schilderung des Triumphzuges angerufen wird, nennt
der Dichter „hochheilige Jungfrauen“ Purg. 29, 37. Auch den
Apollo ruft er an (Par. ı, ı3), aber nicht etwa wie der heidnische
Sarazenenkönig Marsilies im Rolandslied, sondern als Christ, dessen
Symbolik in Apollo die Sonne als würdigstes Sinnbild Gottes auf
Erden sieht. Die Gottesmutter Maria wird Augusta, d. h. Himmels-
kaiserin, genannt (Par. 32, 119). Treffend ist die Bemerkung Falkes
(Dante 1922, p. 603), welcher zu der Szene, in welcher Matelda
den Dichter im Lete untertaucht, bemerkt: „Das antike Moment
des Vergessens und das christliche der Weihe verbinden sich aufs
26 FRIEDRICH BECK,
innigste miteinander.“ Recht seltsam kommt uns (Conz. U 6, ı7 vor,
wo der Erzengel Gabriel als ‚gue/ si grande lega:!o erscheint, che
venne a Maria, giovinella donzella di Ircdıcı anni, da parte del Senato
celestiale!‘ [Mit der Lesart des ssto crıtico 1921 p. 179 ‚Sanalor
celestiale kann ich mich nicht recht befreunden; denn zu dem
ganzen Ideenkreis der verehrungswürdigen, segensreichen Einrich-
tungen des von Dante abgöttisch geliebten alten Rom palst der
‚Senalo‘ besser als der Salvatore; man erinnere sich dabei auch,
dafs diesem Ideengang zuliebe Petrus zum Centurio der ersten
Manipel (a//o primipilo) ernannt wird (Par. 24, 59). Vgl. das con-
cistoro divino Conv. IV 5, 15.)
Es liefsen sich noch manche Beispiele für solche heidnische
Gedanken in christlicher Form, für eine solche ‚assaciazione del
classco e del cristiano‘ (Vandelli) oder melange de souvenirs paiens
ei du christianisme (Labusquette 325) beibringen.
Von den Ichrreichen Ausführungen Lab.s sei nur noch die
Stelle aus dem hl. Gregor angeiührt (Zpis/ola ad Desiderium epıs-
copum), weil sie beweist, dafs der Heilige an dieser Vermengung
Anstols nahm: „i/ ne fauf pas que la meme bouche mele les lowanges
de Jupiter avec celles du Christ.“
V.
Ich zitiere die V. N. nach Casini 2?, ed. 1890, das (onwrio
nach Giuliani 1874, das Buch Afonarchia nach Bertalot ıgı8, die
übrigen Werke nach der Ausg. d. it. Dantegeseilsaft Opere di Dante,
Firenze MCMXXI, welche ich kurz mit %s/o critico bezeichne. Ich
habe schon in der Zeitschr. f. rom. Phil. (= Zs. 44,471, A. ı) auf
die Unzulänglichkeit des /esto critico hingewiesen. Seine unpraktische,
zum Zitieren nicht geeignete Einteilung hat mich veranlalst, zu
Casini und Giuliani zu greifen. Für unrichtige Lesarten sei das
Beispiel Conv. I. Kanz., V. 14 angezogen:
Suol esser vila de lo cor dolente, wo offenbar solea gelesen
werden muls. Denn in den Kreis der Imperfekta gia, vedia, par-
Java, dicea palst nur solea. Diesem Kreis von Imperfekten steht
eine Gruppe von Präsensformen gegenüber: or apparisce, fa, segno-
reggia, Irema, face, dice, Irova, distrugge, sok (V. 28), welch letzteres
mit dole (V. 30) reimt. Es ist ganz natürlich, dafs der antıco pensiero
erzählt, was bisher war, während der nu020 pensier ausführt, was
jetzt ist. Gegen die von Parodi-Pellegrini gewählte Lesart fällt
entscheidend ins Gewicht, dafs die beiden Herausgeber später selbst
solea lesen, nämlich im Kommentar zu V. 14, d.h. Conv. 1I 10,9 =
testo crit. 11, 9 letzte Zeile von S. 187: questo & quello speziale densiero,
del quale detlo & di sopra(!) che solea esser vila de lo cor dolente.
Abkürzung.
Zs. — Zeitschrift für romanische Philologie.
F. BECK, DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 27
Öfter angeführte Literatur.
Asin M.-P., Za Zscatolopia Musulmana en la Divina Comedia, Madrid 1919.
Frank, Aaddala, Leipzig 1844.
Joachim v.Floris, Zxposiio in Apocalipsim [= Ap.);, Psalterium decem
cordarum [Ps.], Venetiis 1527.
Karppe S. Ztude sur les origines et la nature du Zohar, Paris 1901.
Kircher A., Oedlpus Aegydtiacus, Romae MDCLIII, 2 tomi.
Labusquette Robert de, Autour de Dante. Les Beutrices, Paris 1921?
Papus, Äabdala, übersetzt von Nestler, Leipzig 1910.
de Pauly (Jean), Sepher ha Zohar, traduit par — —, Paris 1906,
Salvadori G. Vita givvanıle di Dante, Roma 1907.
Schwarz Dr. H., Der Gottesgedanke in der Geschichte der Philosophie,
I. Teil, Heidelberg 1913.
Leider habe ich verschiedene Werke nicht einsehen können, wie z.B.
M.Sappa, Un punto della D.C. Iddio imaginato come un punto in: „il
Piemonte“ III, 2 und C. Roy, La rappresentasione della divinitd in D. in:
Rivista ligure XXIV, S.
FRIEDRICH BEcK.
Adenet le roi und seine (Gönner.
Jeder Liebhaber der altfranzösischen Literatur wird seinen
ick mit stillem Behagen an dem herrlichen Miniaturbild geweidet
haben, das uns den Spielmannskönig Adenet zeigt, wie er seinen
hohen Gönnerinnen Vortrag hält. Vgl. Suchier, Gesch. d. fra. Litt.?,
S. 2ı1. Auf dem Ruhebett sitzt halb ausgestreckt die Hauptfigur
mit der Königskrone, versonnen lauschend, den Kopf auf die Linke
gestützt, eine Rose in der Rechten; neben ihr auf einem Sitzpolster
eine zweite Frau, ebenfalls gekrönt, mit sprechender Handbewegung.
Am Fufsende, die Laute in der Hand, beugt der Spielmann das
Knie und trägt vor. Zwischen beiden, in der Mitte vor dem
Ruhebett, sitzt eine vierte Gestalt, den linken Arm familiär auf die
ruhende Königin lehnend, einen Handschuh in der Rechten.
„Adenet le Roi, die Königin von Frankreich, Mahaut von Artois
und Blanche von Kastilien unterhaltend. Nach einer gegen Ende
des ı3. Jahrhunderts geschriebenen Handschrift in der Arsenal-
bibliothek zu Paris.“ So werden wir belehrt.
Wer die beteiligten Personen sind, müssen wir aus der be-
gleitenden Dichtung, dem Cleomades, entnehmen; wir erkennen es
aber auch an der Kleidung, die heraldisch gehalten ist, wie man
auf den ersten Blick sieht. Als seine Gönnerinnen nennt Adenet
la roine de France und Madame Blanche. Die erstere ist
die zweite Gemahlin Fhilipps Ill. von Frankreich (}t 1285), Maria
von Brabant, die Tochter Heinrichs III., des Lehrmeisters und
ersten Beschützers Adenets; sie trug die Krone seit 1274 und
lebte bis 1321. Madame Blanche ist die seit 1275 verwitwete
Gemahlin des Infanten Ferdinands von Kastilien, des ältesten Sohnes
Alfonsos des Weisen (f 1284); man sollte sie aber nicht Blanca
von Kastilien nennen, so hiefs die Mutter Ludwigs des Heiligen,
sondern als Tochter des letzteren, Blanca von Frankreich. Sie
kehrte als Witwe nach Frankreich zurück, und das erlaubte Sancho IV.
sich über das Erbrecht seiner Neffen, der Infanten de la Cerda,
hinwegzusetzen und die kastilische Krone an sich zu reifsen. Dals
die Bestimmung richtig ist, ersehen wir aus dem Bilde: das Gewand
der Königin Marie vereinigt die Lilien von Frankreich auf blauem
Grund mit dem goldenen Löwen von Brabant auf schwarzem Feld;
bei Blanca kommt zu den Lilien der Turm von Kastilien auf rotem
Untergrund und der Löwe von Leon (?) hinzu, das Wappen derer
de la Cerda.
PH. AUG. BECKER, ADENET LE ROI UND SEINE GÖNNER. 29
Wer ist nun aber die mittlere Figur? Gewifs nicht Mathilde
von Brabant, die Witwe Roberts I. von Artois, des Bruders Ludwigs
des Heiligen, verheiratet 1237, verwittwet 1219, gestorben 1288,
auch nicht ihre Enkelin Mathilde, die Tochter Roberts U., der
später (1302) die Grafschaft unter Ausschluls ihrer verwaisten Neffen
zugesprochen wurde Man sieht nicht, was sie in diesem Kreis
zu suchen hätte, und kein heraldisches Kennzeichen weist auf
Artois hin. Ist es überhaupt eine Frauenfigur, die wir vor uns
haben? Warum trägt sie das kurzgelockte Haar ohne Kopf-
bedeckung? Warum reicht ihr das Kleid nur bis zur halben
Wade? Es leuchtet sofort ein, wenn man einmal aufmerksam
geworden ist, dals wir einer jugendlichen Mannesgestalt gegenüber-
treten; und der Anzug deutet auf ein Mitglied des Hauses Brabant.
Zweifellos sitzt einer der beiden Brüder der Königin neben ihr,
und zwar nicht Johann I., der regierende Herzog (1260— 1294),
sondern der jüngere Gottfried, Herr von Arschot, wie die Ähre
auf der linken Gewandhälfte anzudeuten scheint. Er ist es, der
seiner Schwester und ihrer Schwägerin den Sänger vorführt: das
ergibt sich aus der Stellung der Gruppe.
Diese Feststellung ist für Adenets Lebensgeschichte von Wichtig-
keit. Wenn es richtig ist, dafs dieser seine berufliche Ausbildung
dem guten Herzog Heinrich Ill. von Brabant (} 1261) verdankt
und wenn er ı270/7ı mit Gui de Dampierre, Graf von Flandern,
und dem Kreuzheer nach Italien ging, so können wir aus der
Widmung der Znfances Ogier an Königin Marie und aus der Ab-
fassung des Cleomades auf Anregung der beiden hohen Frauen
und aus unserem Bild erschliefsen, dals er um 1275 wieder im
Dienst der Familie von Brabant steht. Später mag er in Robert Il.
von Artois einen neuen Beschützer gesucht haben; aber um 1280
lebt er am französischen Königshof; und die Miniatur, die wir
betrachten, wird nicht gegen Ende des ı3. Jahrhunderts entworfen
worden sein, sondern in der Zeit, wo diese Menschen noch glücklich
zusammenlebten. Wir dürfen die Figuren, sprechend wie sie sind,
als nach dem Leben gezeichnete Porträts ansehen.
PhuıLıpp AUGUST BECKER.
Die Streitgedichte Peters von Blois und Roberts von Beaufeu
über den Wert des Weines und Bieres,
Von Peter von Blois (ca. 1135—.ca. 1205), dem als Schrift-
steller hervorragenden Erzdiakon von Bath, der während einiger
Jahre am Hofe Heinrichs II. die königliche Gunst genols und nach
dem Tode des Königs eine Zeitlang in der Normandie Sekretär
der Königin-Witwe Eleanor war, besitzen wir aulser mehrfach ver-
öffentlichten Prosaschriften auch sieben lateinische Gedichte, von
denen die folgenden der Gattung der Streitgedichte angehören:
De lucla carnıs el spiriltus, worin zwei personifizierte abstrakte Begriffe
als Streitende auftreten, und zwei Gedichte, in denen der Verfasser
den Wein auf Kosten des Bieres im Streit mit einem Freunde preist,
der seinerseits dem Bier den Vorzug gibt.! Die erhaltenen Gedichte
Peters (über dessen Leben und literarische Tätigkeit C. L. K[ingsford]
im XLV. Bande des Dictionary of National Biography, p. 46fl., gut
orientiert) sind sicher nicht die einzigen, die er verfalst hat. In
einem Briefe (LXXVI, zitiert von M. Edelestand du M£ril in Podsies
populaires latınes du moyen äge, S. 201) schreibt er: Ego quidem
nugis et cantibus venereis quandoque operam dedi, sed per gratiam
ejus qui me segregavit ab utero matris meae, rejeci haec omnia a
primo limine juventutis. Dafs er trotz dieser Versicherung auch
später seine jugendlichen Gedichte nicht gering schätzte, geht aus
anderen Briefen hervor. In Brief XII schreibt er an seinen Neffen:
Mitte mihi versus et ludicra quae feci Turonis, et scias, cum apud
me transcripta fuerint, eadem sine dilatione aliqua rehabebis, während
er einer Sendung reiferer Verse an den Mönch G. de Alneto die
folgenden Worte hinzufügt (Brief LVO): Quod autem amatoria
juventutis et adolescentiae nostrae ludicra postulas ad solatium
taediorum, consiliosum non arbitror, cum talia tentationes excitare
soleant et fovere. Omissis ergo lascivioribus cantilenis, pauca quae
maturiore stylo cecini tibi mitto, si te forte relevent a taedio et
aedificent ad salutem. Ob vier erhaltene französische Verse von
unserem Peter von Blois oder einem Namensvetter herrühren, ist
ungewils (s. Zistoire litteraire XV, 417).
1 Peter’s Versus de commendatione vini und Responsio ad quendam
contra cerevisiam wurden zuerst von I. A. Giles veröffentlicht im vierten Bande
seiner Ausgabe von Pefri Blesensis Opera omnia, Oxonii 1846, S. 372— 374.
Nach der Ausgabe von Giles wurden sie wieder abgedruckt in Migne’s Pafro-
logie latine, vol. 207, Paris 1855, col. 1155—1156.
—
r..
STREITGEDICHTE PETERS VON BLOIS U. ROBERTS VON BEAUFEU. 31
J. H. Hanford, der in seiner Schrift 7%e Medieval Debate between
Wine and Water (Publications of the Modern Language Association
of America, XVII, 3; 1913) und in der Einleitung zu seiner Aus-
gabe von Wine, Beere, Ale, and Tobacco: a seventeenth cenlury Interlude
(Studies in Philology, XII. Jan. 1915), ebenso wie H. Walther in Das
Sfreitgedicht ın der lateinischen Literatur des Mittelalters, München 1920,
S. 46 ff., ausführlich über die Literatur der Streitgedichte von Wein
und Wasser und von Wein und Bier handelt, sagt von den beiden
hierher gehörigen Gedichten Peters von Blois (7Ae Medieval Debate,
S. 328): „In the first (rhymed hexameters) the poet lauds wine by
contrast with beer, describing in detail the effects of each. The
Responsio (elegiacs) is evidently a reply to some poem which apparentliy
turned the tables on Peters Versus by praising beer at the expense
of wine. Beer is here called „simia vini” (cf. the expression sımıa
Dei, often used of Satan), and Aorrendum genus aqua. Wine, on
the oıher hand, is the blood of Christ. At Cana water was changed to
wine and not to beer. If you adduce the incest of Lot (Genesis 19, 33),
“not wine but man’s excess was at faul. At the close the pious
and scholarly author <afeguards his reputation by saying that this
poem, like the one which provoked it, is only a harmless joke,*
Das Gedicht, das, wie Hanford sagt, “apparently turned the tables
on Peter’s Versus”, existiert in der Tat und ist in derselben Hand-
schrift der Cambridger Universitätsbibliothek enthalten, der Giles
die beiden Gedichte Peter’s entnommen hatte, ist aber anscheinend
bisber nicht veröffentlicht. Nach dem Katalog der Handschriften der
Cambridger Universitätsbibliothek enthält die Handschrift Gg. 6.42 .
als vierten Artikel Versus Roberti de Bellafago de Commendalione
Cervisie, während Artikel 3 und 5 die Versus und Responsio Peters
von Blois sind. Über den Verfasser dieses unveröffentlichten Ge-
dichtes teilt E. M(aunde) T(hompson) im vierten Bande des Dictionary
of National Biography S. 36 folgendes mit: Beaufeu, Bellofago, or
Bellofoco, Robert de (fl. 1190), was a secular canon of Salisbury.
Educated at Oxford, he gained, at an early age, a reputation for
learning, and become the friend of Giraldus Cambrensis, Walter
Map, and other scholars. He is said to have written a work
entitled ‘Encomium Topographi&’, after hearing the ‘Topographia
Hiberniz’ of Giraldus read by the author at a festival at Oxford.
A second work, ‘Monita salubria’, is also attributed to him by
Bale;, and a poem in praise of ale, “Versus de commendatione
Cervisi@’, in a manuscript in the Cambridge University Library
(Gg. VI. 42), bears his name.
Darf der Robertus de Bellafago, der launige Domherr von
Salisbury (jocosss, Gedicht III, 29), der mit dem Peter von Blois in
Versen über Wein und Bier disputiert, identifiziert werden mit dem
Robertus Salebere, zu dessen Gunsten Peter an Johann von Salisbury,
Bischof von Chartres, seinen früheren Lehrer (Brief XXIl), schreibt
(Brief LXX), und mit dem anscheinend lebensfreudigen Robertus
Sarisberiensis, dem Peter in Brief LXI von der eitlen Vogelbeize
32 E. BRAUNHOLZZ,
abrät, dessen venfris ingluvies er in Brief LXXXV tadelt und den
er in demselben Brief erinnert: Non est equidem regnum Dei esca
et potus. Esca ventri, et venter escis. Deus autem et hunc et
has destruet? Andere Briefe ad R. subdıcanum Saresberiunsem (CV),
ad R. decanum et capıtulum Sarisberiensis eccesie (CXXXUl), ad
decanum et capılulum Sarisberiensis ecclesi@ (CIV) handeln von ernsteren
Dingen. Die Briefe ad R. amicum suum (LXXIX, worin Peter seinen
Freund verspottet, weil er, ursprünglich ein Feind des weiblichen
Geschlechts, sich zu sacrilegas nuplias habe hinreilsen lassen, und C)
gehören wohl ebenfalls hierher: Robert war in der Tat verheiratet,
denn es ist bezeugt, dafs “the church of Horton was given by
Agnes, his wife, ‘in praebendam’ to the church of Sarum”
(W.H. Jones, Fasti Ecckesie Sarisberiensis, 1879, S. 393).
Da der Abdruck der beiden Gedichte Peters von Blois bei
Giles in einigen Punkten verbesserungsbedürftig erscheint, so teile
ich sie nochmals auf Grund einer Kollation mit der Handschrift
mit und füge an der Stelle, wohin es gehört, das hier zum ersten
Male veröffentlichte Gedicht Roberts von Beaufeu hinzu.
L Versus Magistri Petri Blesensis De Commendatione Vini.
(Cambridge University Library MS. Gg. 6.42. Giles, Petri Blesensis
Opera, vol. IV, p. 372—373).
f. 222°. Felix ille locus quem vitis amenat amena,
Illa beata domus que Bachi munere plena
Vina dat hospitibus de vitis divite vena;
Sed domus infelix ubi cervisiatur avena,
5 Mensurata nimis, modo mensuranda lagena,
Infumata seges, non vina, immo venena.
Ejus enim potum sequitur dirissima pena,
Pes titubans, cerebri turbatio, mens aliena.
Turbida mens nescit vitiis imponere frena,
ı0 Dum furit ebrietas in aquis Venerisque cathena.
Fervida fermento traitur caro mentis egena,
Nliciti motus nulla cohibentur habena,
Dum bibitur Lethea palus, iterumque serena
Mingitur in lapidem renum concrescit arena;
15 Quem nisi cum ferro nec ejicit ars galiena.
Plus valet ergo mihi vinum cum paupere cena
Quam tibi cum potu de furfure fercula dena.
6 Infumata] Infirmata G. vina] vino G. immo] imo G. 13 Dliciti]
Nlicitus ms. 15 Quem] Quam G. 17 fercula] fercla ms.
IL Versus Roberti de Bellafago De Commendatione Cervisie.
f. 222°. Eloquio dulci vernans et voce serena
Munera commendat Bachi tua, Petre, camena.
Cum tu historias nota transcurris arena,
Nonne legis Bachi calices et pocula plena
STREITGEDICHTE PETERS VON BLOIS U. ROBERTS VON BEAUFEU. 33
5
Io
f. 222 v0,
15
20
25
Plus fecisse mali quam noxia queque venena?
Hoc subnixa deo vinique juvante lagena
Victorem Sodome devicit filia lena,
Indulgensque mero cathaclismi post inamena
Cham derisorem dampnat Noe vindice pena.
His caret exemplis simplex et sobria cena,
In qua convive facili potantur avena.
Exhilarans mentes convivia reddit amena
Undis juncta Ceres, sed ab ipsis vix aliena,
Temperat ardores et fervida ventris ana
Motibus illicitis imponens sobria frena.
Set simul incaluit vino vinaria vena,
Estuat in lumbis, quos nulla refrenat habena,
Vulcani fornax, ut mens rationis egena
Has nequeat flammas ulla cohibere cathena.
Inflammata mero greco calet igne crumena.
Quem nec claustra tenent quin frangens ostia dena
Ad mundum revolet licet occurrente leena.
Hanc febris speciem non mitigat ars galiena
Nec citharista sono nec garritu philomena,
Donec subveniat moıbo Frix sive Lacena,
3 tu] ıü ms. 6 subnixa] subnixo ms. 8 post] pus ms.
plena ms. 16 vena] veno ms. 21 frangens] franges ms.
Ill. Responsio Magistri Petri Blesensis.
Opera, vol. 1V, pp. 373—374).
[. 222°,
10
15
20
Scribo, sed invitus: invitat enim grave vitis
Me probum gravius improbiusque loqui.
9 pena]
(Giles, Petri Blesensis
Improbe, quid reprobas quod pagina sacra, quod usus,
Quod probat utilitas ipsa, quod ipse Deus?
Per verbi verbum de vitis munere munus
Conficitur vite sancfificante manu.
Hinc ubi conficitur Christi cruor, hinc procul absit
Potus furfureus sulfureusque liquor!
In vinum convertit aquas prece matris aquarum
Conditor, at nunquam cervisiavit eas.
Cur igitur vino prefertur simia vini
Horrendumque genus degenerantis aque?
Mutuat a vino quod inebriat et quod acescit,
In solis vinum sic imitata malis.
O labor infelix damnataque sollicitudo,
Que studuit quod aquis ebrius esset homo!
Obicis incestum Loth vino: non ibi vini
Culpa, sed in vino non habuisse modum,
Peccavit potor, non potus ut in patre primo
Non cibus in culpa, sed gula sola fuit,
Quicquid agis, peccas nisi sis moderatus et ipsam
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVUI. 3
34 E. BRAUNHOLTZ,
Justiciam librat justificatque modus.
Magna quidem cerebri est turbatio, quod cerebrose
Cervisiam laudat cervisialis homo:
235 Cognata urine, fecis germana videtur,
Non hominis potus, sed cibus esse suis.
Ut breviter signes quid et unde sit, aspice signum
Cervisie factum stramine, fece litum.
Dum sine felle jocor, quia te cognosco jocosum,
30 Jocunde admittas et sine felle jocum.
Titel: Responsio] Respontio ms. 3 sacra quod] sacraque ms. 11 simia
vini] simia vino ms. 12 degenerantis] degnerantis ms. 13 acescit] acessit ms.
17 Obicis] Objicis G. 20 cibus] citus G. 27 und:] unum ms.
Anmerkungen.
Über das Versmafs der drei Gedichte ist zu bemerken, dafs
Il sich in der Form genau an I anschliefst. I besteht aus ı7,
I aus 23 Hexametern mit dem Endreim -@na. Der mehrfache
Gebrauch desselben Wortes im Reim ist in beiden Gedichten ver-
mieden. In II kehren die 17 Reimworte von I in anderer Reihen-
folge wieder, wozu noch 8 neue Reimworte kommen: camena, lena,
inamena, a@na, crumena, leena, philomena, Lacena. III ist in
Distichen geschrieben, ohne Reim, aber mit Verwendung von
Alliteration und Replikation: 7 conficitur, Christi, cruor; 9, 10 con-
vertit, Conditor, cervisiavit; ı9 Peccavit, potor, potus, patre, primo;
20 cibus, culpa; 27 signes, sit, ssgnum; 28— 30 factum, fece, felle,
felle — ı invitus, invitat, vitis; ı, 2 grave, gravius; 2—4 probum,
improbius, Improbe, reprobat, probat; 4 ipsa, ipse; 5 verbi, verbum;
munere, munus; 5, 6 vitis, vite; 6, 7 Conficitur, sanctificante, con-
flcitur; 9 aquas, aquarum; ıı vino, vini; I2 genus, degenerantis;
13, I4 vino, vinum; 17, ı8 vino, vini, vino; 19 potor, potus;
22 Justiciam, justifical; 23, 24 cerebri, cerebrose, Cervisiam, cervi-
sialis; 27 signes, signum; 29, 30 felle, felle; jocor, jocosum, Jocunde,
jocum. In V. ı2 reimen furfureus und sulfureus. Auch im Gebrauch
der Hilfsmittel der Rhetorik, wie z. B. der Anaphora und des
Chiasmus, zeigt sich der Verfasser gewandt: 3, 4 das vierfache
quod; 4 utilitas ipsa — ipse Deus; 5, 6 de vitis munere — munus
vite; 8 potus furfureus — sulfureus liquor; 135 labor infelix —
damnata sollicitudo; 25 Cognata urine — fecis germana; 26 hominis
potus — cibus suis.
1.
4. Ubi cervisiatur avena ‘wo Getreide zu Bier gemacht wird’;
cf. III, 10. Cervisiare im Sinne von ‘cervisiam conficere’ aus dem
Jahre 1152 bei Du Cange unter cerevisia (als Zusatz von Carpentier)
belegt.
5. *Zu reichlich zugemessen, während es nur flaschenweise
zugemessen werden sollte. Dafs Bier in gıölseıen Quantitäten
STREITGEDICHIE PETERS VON BLOIS U. ROBEKTS VON BEAUFEU, 35
getrunken zu werden pflegt als Wein, deutet auch die bekannte
Stelle in Crestiens Fvain (592, 593) an: Plus a paroles an plain
pot De vin qu’an un mui de cervoise.
6. Lesart und Sinn dieses auch metrisch bedenklichen Verses
sind unsicher. Es ist unmöglich zu entscheiden, ob die Handschrift
Infumala oder Infırmata hat. Will der Dichter sagen: ‘geräuchertes
Getreide (= gedörrtes Malz?), nicht Wein, sondern Gift’? Wie
Giles seine Lesart /nfirmata versteht, ist mir nicht klar, etwa: ‘ge-
schwächtes (durch den Zusatz von Wasser)’ ?
8. Im Conflictus vin! et aqua (Carmini Burana, 173), Str. 9,
wirft das Wasser dem Weine vor: Titubando solet ire Tua sumens
basia, Verba recte non discernens.
13. Lethea palus ‘das lethäische (Vergessenheit bringende oder
eher: aus der Unterwelt stammende) Sumpfwasser‘, verächtliche
Bezeichnung des Bieres. Der Ausdruck ist vielleicht nach Vergils
Stygia plus (Fon. VI, 369. neben Stygie ague, ib. 37 4, und Stygia unda,
ib. 385) gebildet. Properz gebraucht IV, 7 ZLeih@a stagna neben
Letheus liquor, für das Wasser des Flusses Lethe, den er in dem-
selben Gedichte einen furßis amnis nennt.
13. 14. Vgl. das Hildebert von Tours zugeschriebene Epigramm
De cervisia,
Nullus amicorum posset meliora monere
Quam tu, quo moneor parcere cervisi®.
Cum bibo cervisiam nihil est turbatius illa,
Sed cum mingo nihil clarius esse potest,
Terreor inde nimis, quoniam qu& spissa bibuntur
Reddita clara gravi viscera Sxce repl° ıt.
(Notices et Extraits XXVUI, 2, S. 423.)
Wie Haur&au bemerkt, ist die Autorschaft des Epigramms unsicher.
Es wäre auch möglich, dafs die Verse von Matthieu von Vendöme
herrühren, der von sich selber sagt, dals er elegische Verse gegen
das Bier geschrieben habe. Vgl. auch Wattenbach in Si/zungsber.
der Bayr. Akad. Phil. hist. Cl., 2. Nov. 1872, S. 571. Eine Nachahmung
des obigen Epigramms sind die folgenden bei Du Cange unter
cerevisia zitierten Verse von Henri von Avranches:
Nescio quid Stygiz monstrum conforme paludi,
Cervisiam plerique vocant; nil spissius illa,
Dum bibitur; nil clarius est, dum mingitur; unde
Constat quod multas feces in ventre reliquit.
Peter von Blois, der in Tours erzogen zu sein scheint (Brief XII),
kannte vielieicht das Hildebert von Tours zugeschriebene Epigramm.
Vgl. auch Hanfords Anmerkung zu Z. 2gı fl. des Interlude Wine,
Beere, Alc, and Tobacco.
15. ars galiena *Galens Kunst’. Der Name des berühmten
Arztes kommt im Mittelalter in den Formen Galenus (Peter von Blois
ed. Giles, I, S. 257; Dante, Monarchia 1, 13,6) und, vielleicht durch
3*
36 E. BRAUNHOLTZ,
Verwechslung mit dem Namen des römischen Kaisers Gallienus,
Galienus (Novati, Sforia letteraria d’Italia. Le Origini, S. 453) vor.
In Dantes italienischen Werken (/nferno; Convivio) heilst er Galieno,
bei Chaucer (Canterbury Tales, Prologue) Gallien. Als Adjektiv kommt
galienus wieder vor in II, 23.
U.
7. Victorem Sodome, d.h. Lot. Die abschreckenden Beispiele
von Lot (Genesis XIX, 31—35) und Noah (Genesis IX, 21, 22), die
hier gegen Peter von Blois ausgespielt werden, sind von diesem
selbst mehrfach verwertet. In einem an den Magister A. gerichteten
Briefe (VII), in dem er durch Zeugnisse aus der heiligen Schrift
diesen früher tüchtigen Disputanten, der aber an den Trunk geraten
ist, davon abzubringen versucht, schreibt er: Si juxta apostolum
bonum est non bibere vinum,! non video qualiter possit bonum
esse contrarium. Ideo prudens illa mulier filium suum instruens,
in visione dicebat; Noli regibus, o Lamuel, dare vinum, ne forte
obliviscantur judiciorum Dei, et subvertant populi &zquitatem. Sed
nec ullum secretum est, ubi regnat ebrietas.? Loth, quem Sodoma
non Vicerat, vina vicerunt. Vinea quoque, quam Noe plantaverat,
suo non pepercit auctori, et ex delicto patris, usque hodie derivatur
ad posteros macula servitutis, In seinem Gedichte De Penitentia
(Giles IV, 370), 26ff. warnt Peter vor den sieben Todsünden:
Pracipue pestes septem memores capitales,
Non solum fontes, sed rivos inde fluentes.
Fonte suo rivus magis est quandoque nocivus.
Unde Loth incestus pejor fuit ebrietate,
Atque Cain gravior czdes fraterna furore.
Auch sonst kommen die Geschichten von Lot und Noah als beliebte
Gründe gegen den Genuls des Weins vor. In Golie Dialogus inter
Aquam et Vinum (Th. Wright, Z’he Zatin Poems commonly attrıbuted to
Walter Mapes, S. 87 fl). V.g91—94, klagt das Wasser den Wein an:
Per te Noe femora dormit denudatus,
Unde maledicitur irridendo natus;
Per te mundo prodiit partus infamatus,
Cum fuit in montibus Loth inebriatus.
So auch in einer wohl dem ı7. Jahrhundert angehörigen spanischen
Romanze: Z/ Pleyto del Agua con el Vino (Th. Wright, ib., p. 30g®).
8. cathaclismi post inamena ‘nach den Beschwerden der Sünd-
flut’. Cataclysmus = diluvium, s. G. Goetz, Thesaurus glossarum
emendatarum ], 188.
9. vindice pena, statt des handschriftlichen v. fena, wie Catull
65,193. Das Wort dena ist schon V.4 im Reim gebraucht.
! Wohl auf Eph. V, ı8 bezüglich.
I Prov. XAXIL, 1-4.
STREITGEDICHTE PETERS VON BLOIS U. ROBERTS VON BEAUFEU. 37
tı. facili potantur avena ‘mit leichtem Getreidesaft getränkt
werden’. Als kausatives Zeitwort im Sinne von ‘tränken’ kommt
potare bei Kirchenschriftstellern vor, s. Rönsch, Zfala und Vulgata, 376;
Kaulen, Zandbuch zur Vulgata, 160; so Zlala, Maltth. 25, 35: sitivi
et potastis me sitientem (Vu/gafa: dedistis mihi bibere).
13. Undis juncta Ceres ‘das mit Wasser vereinigte Getreide‘.
Vgl. Altercatio vini et cerevisie (Zeitschrift für deutsches Altertum,
ALIX, 1908, S. 201), wo in Str.4 von den Lobpreisern des Bieres
gesagt wird:
. . credunt nasci de Cerere
et de claro Neptuni genere.
ab ipsis vix aliena ‘vom Wasser wenig verschieden’.
ı6. vinaria vena ‘die Wein führende Ader’. Vgl. Carmina
Burana, 178: Bachus venas penetrans Calido liquore Facit eas igneas
Veneris ardore; Dispulatio iuter Anglıcum et Francum (Th. Wright,
Political Poems and Songs, 1, S. 9ı), worin der Franzose behauptet,
dals ebenso wie der Wein das Bier übertreffe, so das weintrinkende
Frankreich das biertrinkende England, und dafs für die Engländer
der Tag, an dem sie nach Bachus’ Art trinken, ein Festtag sei:
Salve, festa dies, toto venerabilis ®vo,
Qua Deus in venas scandit.
Der volkstümliche Glaube, dafs der getrunkene Wein sofort in die
Adern übergeht, erklärt auch Stellen wie Horaz I, #5. XV, ı9, wo
der Dichter seinem Korrespondenten mitteilt, dafs er, wenn er an
der See ist, einen edlen, milden Wein verlangt: quod cum spe
divite manet In venas animumque meum.
20. greco igne. Der oft erwähnte Explosivstoff, afrz. feu gregeois;
s. Carpentier bei Du Cange unter :grzs 2; A. Schultz, Das höfische
Leben, 11, S. 303.
crumena ‘Geldsäckchen, Börse’, hier wohl im Sinne von scrotum;
vgl. die Bedeutung des französischen des bourses.
2ı. Quem == diesen, den so vom Wein Erhitzten.
23. ars galiena, wie ], 15.
24. philomena für Philomela, wie Carmina Burana 47, Str. 3
und in Crestiens conte de Philomena. Auf Verwechslung mit Philu-
mena beruhend ? S.G. Goetz, Thesaurus glossarum emendatarum ], 57
unter amabilıs.
25. Frix sive Lacena ‘ein phrygisches oder spartanisches
Mädchen’. Vgl. Consultatio Sacerdotum (Th. Wright, The Latin Poems
commonly attributed to Walter Mapes, S. ı74 ff), V. 117—120:
Dixit quindecimus: „Quando bibo vina,
et me sompnus recipit hora vespertina,
tunc ut mecum dormiat volo concubina,
ne mihi deficiat carnis medicina,
38 E. BRAUNHOLTZ, STREITGEDICHTE PETERS VON BLOIS ETC.
II.
5. verbi verbum ‘das Wort Christi’. Dieser und der folgende
Vers beziehen sich auf die Verwandlung des Weins in das Blut
Christi beim heiligen Abendmahl. Vgl. Golie Dialogus inter Agnam
et Vinum (Th. Wright, Z’he Zatin Poems, S. 87 fl.) V. 07, 68:
nec fuit, ut legitur, aqua, sed Iyaus,
de quo dixit Dominus, ‘Hic est sanguis meus’;
Pleyto del Agua con el Vino (Th. Wright, ib.) p. 307®.
8. Potus furfureus sulfureusque liquor ‘der Kleientrank, der
schwefelfarbige Saft’ = das Bier.
9. 10. beziehen sich auf die Hochzeit von Kana, auf der auf
Bitten seiner Mutter der Schöpfer des Wassers (Gott, Christus) das
Wasser in Wein verwandelte (/oA. Il, ı—9). Ein Verteidiger des
Bieres könnte anführen, dafs auch diesem die Ehre zuteil geworden
ist aus Wasser verwandelt zu werden: in den Acta Sanclorum, ı.Febr.,
Vita IV. S. Brigide cap. 10 wird berichtet: quodam die quidam
leprosi sitientes de via cerevisiam anxie a B. Brigida postulaverunt.
Christi autem ancılla, videns quia tunc illico non poterat invenire
cerevisiam, aquam ad balneum portatam benedixit, et in optimam
cerevisiam conversa est a Deo, et abundanter sitientibus propinata
est. S. Hehn, Aulturpflanz:n und Hausthiere‘, S. 149.
ı1. 14. Das Bier ist öfter als eine Nachahmung des Weines
(wie hier als simia vin!) bezeichnet worden, z.B. von Vergil, der
Georg. 11, 376, von den Skythen sagt: pocula l&ti Fermento atque
acidis imitantur vitea sorbis, von Ammianus Marcellinus, der in
Rer. gest. XV, ı2,4 die Gallier ein Trinkervolk nennt, vini avidum
genus, adfectans ad vini similitudinem multiplices potus, von Tacitus,
nach dessen Germ. 23 potui humor ex hordeo aut frumento in
quandam similitudinem vini corruptus, s. Hehn, Kulturpflanzen,
S. 147—1409.
16. quod mit dem Konjunktiv = ut, wie z. B. Carınina Burana,
194, Str. 5: vos precor sodales, Auribus percipite novas decretales:
quod avari pereant et non liberales.
19. in patre primo = Adam. So de primo padre, Dante,
Par. XI], ııı.
20. cibus = fructus ligni, quod est in medio paradisi, Gen.1ll, 3.
24. cervisialis homo ‘der dem Bier Ergebene’. Du Cange
belegt unter malpenning aus dem Jahre 1264 das Adjektiv in dem
Ausdruck denarü cervrsiales ‘ Biersteuer’.
28. factum stramine. In der Altercatio vini el cercvisie (Z. f.
deutsches Altertum, XLIX, S. 202), V.ı3 wird das Bier /estuce filia
genannt.
E. BRAUNHOLTZ.
Eine provenzalische Urkunde aus Najac vom Jahre 1310,
Im November 1907 erwarb ich in Najac, das ich wegen seiner
prächtigen, das Tal des Aveyron beherrschenden Burgruine von
Toulouse aus besuchte, die untenstehende Urkunde, Der Ehrentag
unseres geschätzten Provenzalisten scheint mir ein guter Anlafs zu
sein, sie endlich der Öffentlichkeit zu übergeben. Möge sie ihn
an seine eigenen Fahrten im südlichen Frankreich erinnern, die
er in Gesellschaft desselben Alfred Jeanroy ausführte, dem auch
ich in Toulouse nähertreten durfte und mit dem ich eine Fahrt
nach dem östlich von Toulouse gelegenen Verfeil unternahm, an
die mich seither das Vertfuell des „Jaufre“ so oft erinnerte. Leider
ist uns, wie mancher andere, auch der treffliche Jeanroy nun durch
den grolsen Krieg fremd geworden.
Die Urkunde, ein Notarinstrument, steht auf einem eng be-
schriebenen Blatt mit eingeritzten, blafsfarbigen Linien in leserlicher
Schrift von ungleicher Sorgfalt. Der beschriebene Teil mist von
links nach rechts durchschnittlich 22,5 und von oben nach unten
17,7 cm. Die Linien sind schlecht eingehalten, wohl aber eine
am linken Rande befindliche senkrechte. Die Tinte ist im all-
gemeinen kräftig erhalten. Der Text lautet:
Noverint universi, presentes pariter e/ futuri, quod nos
W. Pavielh da Masairolas e Peronela, sa mollzer, ab mardament
del dig W.Pavielh, mo marit, amdoi e cascus, per nos e per
totz nostres successors, vendem e desamparam, per aras e per
5 totz temps, a vos Huc Valade e Na Johana, sa mollser, e a tot
vostre voluztari una peisa de terra, que avem el terrador de
Picaucel de Masairolas, que’s cofrozta d’una part ab la vostra
vizha boulas e mieig e d’autra ab aque/a d’En P. Depueig doze
boulas e mieig e d’aval ab lo riu de Masairolas et enaisi, coma
IO sen pueia acapsus, parten de boula en boula tro e la vostra
vixha. Tot enaisi vos o donam e’'us 0 desamparam per aras e
per totz temps, coma sobredig es e on miels aras i esei er
per adenant, e ab sos intrars e ab sos issirs e ab totz sos autres
apertenemers e ab tot, qwi qwii sia aras ni per adenant, ses
15 alcu retenemenrt, qwe no'i fam de re, per XII so/s de rodanes
geritz, Dos e percorrens, que conoissem de vos aver agutz, que
noinh tenem per be pagaig e voinh solvem. Renuzciaish ad
40
20
25
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45
50
95
HERMANN BREUER,
exceptzo de no» aguda pccunia, coma sobredig es, e/ doli «/
in factum. E-us donam tota la mai valensa, quazt que mai
valgues aras ni per adena»t, del dig pretz, que donat noinh
avetz. Renuzciaizh legi, que incipif: rem majoris precii et auc
de duobus vel pluribus reis. Et em vos tengug de la evicto e
voizh obliguam totz nostres bes presens e endevenidors. Re-
nuzciaish omnri jur? canonico ef civik, e ieu la dicha Peronela
renuzcio Specialiter jurd Vellesanı senatusconsulti, privilegio dotali
ei omni auxilso mulierum. Et ab aquesta present carta nos li
dig W. Pavielh e Peronela, sa mollier, nos derevestem de tot lo
dreig, que avem ela dicha peisa de terra, e'n revestem vos los
davardigz Huc Valade, Na Johana, sa moller, e voish metem
en bona posec,o e pazibla ef juramus supra qualluor sancıa
Dei Evangelia a nobzs corporalster tacta nunguam contra prediciam
verire seu aliqsid predictorum. Et ieu N’Amielh Valade, pro-
curaire d’En Bertran de Startemia, donzel, marit de N’Elena,
flha que fo d’En Bertolmieu R., qui fo sa en reires, e nom
del dig Bertran per causa dotal de la dicha N’Elena, requistz
dels davandigz Guillerz Pavielh, Peronela, sa mollier, lauzi e autrei
a vos li davandig Huc Valade, Na Johana, sa mollir, estan
a Masairolas sotz la seizshoria del dig Bertran la venda desus
dicha e las causas, que contengudas i so, ab una carca de froment
e una emina de sivada, que'n donetz per cad’ an a la S. Jolia
de ces al dig Bertran o a so luec-tenert a la mesura de Najac
e VI deniers de reire-acapte, quarzt si escaira. E sas autras
seinhorias, o mais el primier encartament e[s] ditz, e retieizh,
id est, que neguna part, ni aquwesta ni las autras, no solvi del
ces, que dona tota la causa, mas que tot ne sia obligat e autras
seishorias salvas, se i avenio. Et autrei vos, que'i puescatz far
deviza, se’us voletz, eus oO prometi gardar e tener deves coma
las autras de la honor de Najac. Z ie meders e vos agart
l’acapte e men tieiah per be pagatz e nom del dig Bertran
de Startemia de totas seinhorias pel temps pasat tro el jorn
d’uei. E se'n voliatz desissir, ieu lauzaria e nom del dig Bertran
a tot home de foras, cavalsr o clerc o maio d’orde, estan sotz
la seishoria del dig Bertran de Masairolas, sas seinhorias salvas,
e no'i podetz re donar. Asolven/cs testes fuerunf: R. de Tresressac,
R. Mazenx Spurius, Johan Mazerx ef ego G. Mairhai, pudlicus
Naiacz notarıus, qui de mandato dic/arum partium hanc cartam
scripsi ei signavi. Actum Naiacs V° kalendas Januar anno
dommi M°CCCX? illustrissimo domno Phzlppo Franquworum rege
regnante. [Hic signaculum notarii.]
Lesungen: 2 W.] vgl. 36 Guillem, 55 @. — 2 Mas-Airolas? —
8 P]] Peire — 18 exceplio] excepeio? c und / sind nicht zu scheiden,
auch o und e gleichen sich sehr — 25 eher de#-; sen-] e undeutlich —
34
Hs.
R.]) Raimon — 43 e]) = en (ind) — 48 ie medeis en vos]
jeinedeuo/ (der i-Strich sehr schwach, über Z ein Akut),
EINE PROVENZALISCHE URKUNDE AUS NAJAC VOM JAHRE 1310. 41
Wortschatz: 6 volunları ‘Bevollmächtigter’? s. Levy-Appel,
Suppl. und Teulet, Zayettes du tresor des chartes I, 314°, 5. — 8 boula
‘“Grenzstein, Strecke zwischen zwei Grenzsteinen’. Das Wort steht
noch bei Teulet III, 169? u. 433° und Aug. Vidal, Douse Comptes
Consulaires d’Albi Il, 77 u. 93 (duola). S. v. Wartburg s. v. *bofina. — .
10 acapsus ‘bergauf’. — 10 Zarlener ‘sich erstrecken’. — 10 und
50 ro en ‘bis zu. — 12 on miels ‘in dem Höchstmafse wie’. —
13 intrar ‘Eingang’, zssir ‘Ausgang. — 15 rodanes ‘Münze von
Rodez. — 16 gerit, garit ‘garantiert. — 16 percorren 'kurs-
fähig’. — 17 solver ‘für quitt erklären’. — 18 exception ‘Einrede’,
‘moyen oppose & une demande judiciaire’ (Behrens l.i.l. —
18 doli (exceptio) ‘Dolus’, ‘Arglist’, ‘Vorsatz’. — 19 an factum (actio)
(Klage) auf Tatbestand’. — mai valensa ‘Höchstwert’, ähnlich ma:
valgues. — 21 auc oder auf‘) mir unklar. — 22 reus ‘Gesamt-
schuldner’. — evitio ‘Entwehrung’, ‘Entsetzung’, ‘Ausweisung’. —
23 endevenidor ‘zukünftig. — 25 Velleianum (46 n. Chr.): Inter-
zessionen der Frauen sind unwirksam und gewähren eine excepftio
(Taschenwörterbuch zum Corpus juris civilis, Berlin ıgrı1); vgl. benefice
de Vellein (Schwan-Behrens, Gram. de l’ancien frangais 11, p.74
dernidre ligne). — 27 derevestir refl. ‘sich (eines Lehens) begeben’. —
34 que fo ‘verstorben’. — 36 Jauzar ‘billigen’. — 39 carca ‘Last’,
ein Mals. — 40 emina ein Hohlmals. — Jolian] ihm wurde in Najac
eine Kirche geweiht. S. Teulet, II, 2686. — 42 reire-acaple (relro-
accapılum) ‘droit exig& du sous-feudataire A la mort du seigneur ou
du tenancier’ (Levy). — 42 escager refl. ‘zutreflen’. — 43 on mais]
vgl. zu 12 on miels. — 43 encarlament ‘charte’. — 45 donar 'ab-
werfen, einbringen’ (?). — 45 mas que ‘dals vielmehr’. — 46 avenir
‘zutreffen’, vgl. zu 42 escaser. — 47 devisa ‘Testament’. — deves
(defensu) ‘geschützt. — 48 e...e sowohl ... als auch. —
51 desissir] vgl. dessesir bei Schwan-Behrens I. c. Glossar. — 52 de
foras ‘von auswärts’. — maio (mansione) ‘Haus’, m. d’orde ‘Ordens-
haus’.
Sprachliches: Zeisa < *peltia, mieig < mediu; luec < löcu,
puescals < *pössiatis -scalis, Depueig < de pödıu, pueia < *pödiat,
u < hödie, amdoi < *ambidui, pagaig < pacalı, tengug < *lenu-uli;,
n: Jolia < Jolianu, bos < bonos, mo < m(e)um, e< in, inde, so
< s(u)um, sunt usf., cofronta <.confronlal; noinh < nos inde, voinh
< vos inde, renunciamh < renuntiamus inde;, sivada < *cibata (Hafer);
maio < mansıione; lauzi < laudo, promeli < promilto, solvi < solvo,
tieinh < teneo, relieinh < *reteneo; avenio Z adveni(e)bant.
Zur Aufhellung teile ich einige von mir persönlich von dem
Munde des nicht mehr jungen Verkäufers der obigen Handschrift
abgelesene heutige Patoisformen von Najac mit: du:z raus < duos
*yvos, niau < növu, fir.k < föcu, ds»k < jdcu, üels < oclo (ls, dz durch-
weg statt /3, d2); malı < malulinu, su < sunt (su malaus ‘sind krank’);
gl» (e halb offen) < eecesia; be:bi < bibo, cre:zi (e halb offen)
< credo. /
42 HERMANN BREUER,
Anhang.
Ich drucke noch eine weitere lateinische Urkunde ab, die ich
gleichzeitig mit der obigen in Najac erworben habe. Ihr unterer
. Teil ist abgeschnitten. Der Schrift nach scheint sie wesentlich
jünger zu sein,
Noverint universi et singali, presentes pariter et futuri,
quod facta quadam venditzore per Guilhermum Calveti, patrem
Guilhermi, et dietum Guilhermum, eius filium, Petro Ribas de
quadam vinea dictorum, patris et filii, scita (sic!) el campinas
5 ın feudo, ut ibidem dictum fuit, nobilis Johannis de Palheyrolus
dominicelli confrontata ab una parte, ut ibidem [dictun:] fuit, cum
vinea Arnaldi Queronii et ab alia parte cum terra et boygne
(laygue?) Bertolomei de Amelhone et parte alia cum vinea
Stephani Coia et si qui sint alii confines, precio undecim librarum
ı0o et quatuor solidorum Turonensium cum insti/orio super huizsmodi
verditione sumpto et recepto per me notarzum infrascriptum est
sciendum cuxctisqze sit notum ut supra, quod constitutus persona-
liter in presentia mei notarii et testium infrascriptorum dictus
nobilis Johannes de Palheyrolus, dominicellus et frater dommi
ı5 Bertrasndi de Palheyrolus, guondam miilitis, dictam vendam
laudavit et dictam vineam superizss confrontatam tradidit ad
censum et ad accapitum nuzc et in perpetuum dicto Petro
Ribas ibidem presenti, stipulanti et recipienti pro se et suis
successoribzs universis, presentibzs et futuris cum tribzs pon-
20 haderis anone mensure Caslucii, quas retinuit de censu anno
quolibet in festo beafi Juliani, et cum uno denario Caturcensz,
quem cognovit de accapito haduisse, et cum alio denario
Caturcens’, quem retinuit de retroaccapito, quando accidet,
domino vel feudatario permutanti et vendis salvis et retentis
25 ac aliis juribzs feudalibas quibzscumgque consuetis salvo et retento
per dic/um dominum feudalem, quwod dictus Petrus Ribas neque
sui dictam vineam superius confron/afam non possit vendere,
dare seu inpignorare seu alzas ullomodo alienare militi, clerico
neque domui religiosorum nec dare seu alias (Hs. al) concedere
30 ad supercensum nec ponere. ....... ne 2 rn
ee de . aliam servitutem neC .. 2.2. 200%
Anmerkungen: 4 scala = siıa.. — 4 campinas] vgl. die
Campine Belgiens; e/] gleichsam e/ terrador de. — 7 wohl kaum
l’aygue (aigua) ‘Wasserlauf’, eher dboygne, boina (*bolina) ‘Grenze’;
b ist graphisch mehr gesichert. Unter demselben *doiina reiht
v. Wartburg obiges bowla ein. Vgl. auch *dudila bei Gamillscheg,
Franz. Etym. Wört. S.ı18. — 10 cum institorio “mitsamt der Ge-
schäftsgebühr,. — 11 est sciendum] in Hs. Zs/ mit Punkt davor;
ich wollte das Anakoluth beseitigen. — 15 venda] romanisch st.
lateinisch; ähnlich Sonhadera ‘ein Getreidemals. — 20 Casluai]
EINE PROVENZALISCHE URKUNDE AUS NAJAC VOM JAHRE 1310. 43
der Stadt Caylus en Quercy (Tarn-et-Garonne); vgl. casirı de Castlus
Teulet, I, 93, 286®.
Zeichensetzung: Ein breiter Punkt steht hinter /utur! ı,
Guilhermi 3, Ribas 3, dominicelli 6, Queronii 7, Amelhone 8, Coia 9,
Precio q, librarum 9, Turonensium 10, infrascriplum ı1,confronlalam ı6,
Iradıdıl 16, perpeluum 17, anone 20, Juliani 21, habuisse 22, reiro-
accapilo 23, accdel 23, permutanli 24, relentis 24, consuelis 25,
feudalem 26, clerico 28, religiosorum 29, sußercensum 30. Nach
Caturcensi 2ı (am Zeilenende) langer Gedankenstrich. Im übrigen
stammt die Zeichensetzung von mir.
Grofsgeschrieben sind u.a.: Quod 2, Zst 11, Quod ı2, Ei 2ı,
Et 22, Et 24, Ac 25, Salvo 25.
Salvo el retenlo geht wohl auf alo denario zurück.
H. BREUER.
Zu altit, morfire „fressen“,
Diez 386 hat altit. morfire „fressen, tüchtig essen“ und afrz.
morfier dass. bei Carpentier mit mndl. morfen, mhd. murpfen „ab-
fressen“ verbunden, Th. Braune, Zr?. 2ı, 216 für morfire und morfler
ein ahd. *murphjan nach alemann. mürpfen, aargauischem mürpfe
„beim Essen den Mund vollstopfen“ angesetzt und Meyer-Lübke,
REW. 50682 it. morfire auf ein langob. *mor/jan unter Berufung auf
mndl. morfen zurückgeführt. Diese Angaben über rom. und germ.
Verba bedürfen einiger Berichtigungen. Beginnen wir mit dem
Rom. Wie steht es mit afrz, morfier? Diez führte es aus Carpentier,
d. i. Du Cange-Carpentier IX, 277b an, wo aber nur auf den Artikel
morphea 1 des mlat. Wörterbuches verwiesen wird; in diesem Artikel
V,522a wird morfler erwähnt, aber nicht belegt. Dagegen belegte
God. V, 408b alierdings morfer „manger goulüment“ aus Noel du
Fail, Daliverneries d’Eutrapel, chap. 2 und aus „Cinquiesme partie
de la muse normande“, jüngeres mor fer „manger“ aus Sorels Francion,
dazu ein von morfier abgelcitetes morfiaille „gourmandise* und
merkwürdigerweise auch „mauvais vin“ aus Cotgrave, ein von
morfiaille gewonnenes morfailler „manger avec avidite, devorer*
aus Rabelais I, 5, wo es gegen den Schlufs des Kapitels steht.
Somit verzeichnet God. morfier und Ableitungen nur aus Texten
des ı6. und 17. Jahrhunderts. Es ist ausgeschlossen, dafs ein
morfier „gierig essen“ im Afrz. des 12, 13., 14., 15. Jahrhunderts
bestanden habe, ohne ein einziges Mal in der reichen Literatur
dieser Zeit aufzutreten; man kann nicht von einem „afrz.“ morfier
sprechen, sondern höchstens von einem mfrz. Worte Herkunft
dieses morfier von einem altniederfränk. oder ahd. Verbum ist
wegen des späten Auftretens von morfier unmöglich. Da das Frz.
des ı6. Jahrhunderts überaus reich an it. Lehnwörtern war, so
stammt mfrz. morfier wahrscheinlich von altit. morfire „fressen“.
Da der Stamm und die Bedeutung völlig übereinstimmen, kann
die Verschiedenheit der Konjugationsklasse die Herleitung nicht
ausschliefsen. Die von Herzog, ZrP. 23, 370 verzeichneten Fälle
des Überganges von -ir zu -ier bei echt frz. Verben gehören
allerdings dem Lothr. und Wallon. an und stützen einen Übergang
von *morfir zu morfier nicht, das, noch von Pariser Sorel gebraucht,
wohl vom Pariser Ilofe ausgegangen ist, sich freilich später in die
Normandie bis Rennes verbreitete, wie der Gebrauch in der „Muse
normande“ und durch Du Fail aus Rennes zeigen, während der
JOSEF BRÜCH, ZU ALTIT. MOKFIRE „FRESSEN®, 45
unstete Rabelais sein morfiailler irgendwo kennen gelernt haber.
kann. Auch in Paris und Umgebung konnte altit. morfire, dessen
Endung vielen es übernehmenden Franzosen nicht sicher bekannt
war, unter Bewahrung des z zu den Verben auf -er übergeführt,
insbesondere ein viel gebrauchtes altit. morffa „er pflegte zu fressen“
in 2/ morfioit französiert werden. Meyer-Lübke hat unter den Ver-
tretern des germ. Verbums im Rom. mfrz. morfier mit Recht nicht
angeführt, hätte es freilich als Lehnwort verzeichnen sollen. Diez
und er haben germ. Herkunft von morfire (morfier) unter Berufung
auf mndl. morfen angenommen. Auch mit diesem Worte hat es
eine eigene Bewandtnis. Verwijs-Verdam führen in ihrem mndl.
Wörterbuch 4, 1935 morfen „kauwen, herkauwen“* nur unter Hin-
weis auf den Artikel morfen, morfelen „ruminare, remandere* im
Wörterbuch von Kiliaen an, der den Brabanter Dialekt zugrunde
legte (Te Winkel, Pauls Grundrifs 1?,795), und bemerken schliefslich:
Het is niet ziker dat het woord in het Middelnederlandsch reeds
bestaan heeft, doch het is zeer waarschijnlijk om oudfransch morfier
„vreten“. Dem kann man nur beipflichten. Das von Kiliaen aus
dem Südniederländ. der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bezeugte
morfen stammt wahrscheinlich aus dem mfız. morfier, das gleichfalls
aus dem ı6. Jahrhundert überlie'ert ist und das sich von Paris
aus wie so viele andere Wörter und Wortformen nicht nur nach
der Normandie, sondern auch nach dem Norden verbreitete. Auch
das von Rabelais gebrauchte morfiuiller ist ja nach dem Norden
des frz. Sprachgebietes vorgedrungen und im Hennegau als morfalier
„manger avidement“ erhalten. Neundl. murf „Maul“ beweist nicht
etwa die Bodenständigkeit des mndl. morfen. Franck, Ziymologisch
woordenboek 662 betont, dals murf erst im Neundl. vorkomme, und
stellt es zu mndl. morfen, das er als „ouder nieuwnederlandsch“
bezeichnet; danach ist murf erst von morfen abgeleitet. Diez führt
neben mndl. morfen ein mhd. murpfen „abfressen“ an; schon der
Umstand, dafs einem mhd. murpfen ein ndl. *morpen entsprochen
hätte, weist darauf hin, dafs morfen nicht bodenständig ist. Dieses
murpfen verzeichnet Diez wie noch Benecke-Müller-Zarncke, MAd. Wb.
2, 276 aus Johann Bernhard Frisch, Zeuisch-lateinisches Wörterbuch
1,675c, der murpfen, murfen „abnagen“ aus Pictorius anführte. In
den eigentlich mhd. Texten kommt das Wort nicht vor, weshalb es
Lexer in sein jüngeres mhd. Wb. nicht aufgenommen hat. Es wird
aber durch schweizerd. murpfe „essen, kauen“ als verächtlicher
Ausdruck (Staub-Tobler, Schweizerisches Jdiotikon 4,421), aargauisches
mürpfe „beim Essen den Mund vollstopfen* (Th. Braune, Zr?.
21, 216), elsäss. mürfle „wie die alten Leute kauen“ in Mühlhausen
(Martin-Lienhart, Wb.der elsäss. Mundart 1,654), bayr. mur fein, mor fein
„mit geschlossenen Lippen kauen“ (Schmeller, Bayr. Wb. 1, 1647)
gestützt. Endlich ist das von Meyer-Lübke im RZW. angenommene
langob. *mor/jan durch *murpfjan zu ersetzen, das auch Th. Braune
für das Ahd. angesetzt hat. Man wird also unter Berufung auf
spätmhd. murpfen und die nhd. Dialektwörter, nicht auf mndl. morfen,
46 JOSEF BRÜCH, ZU ALTIT. MORFIRE „FRESSEN“.
ein langob. *murpfjan annehmen, daraus altit. morfire herleiten,
daraus mfrz. morfier, morfer, daraus mndl. morfen. Bei der genauen
lautlichen und begrifflichen Übereinstimmung zwischen morfire und
*murpfjan ist am germ. Ursprung von morfire festzuhalten und die
Verbindung mit rum. mo/fäl „knabbern, nagen“ aufzugeben, die
Sainean, ZrP? 30, 310 vornahm und derentwegen er die germ.
Herkunft von morfire, morfier verwarf. Er nahm onomatopoetischen
Ursprung an, den schon Meyer-Lübke im RZW. mit den Worten
„kaum Schallwort* ablehnte. Rum. mo//a: ist wohl slav. Ursprungs
(Cihac 202).
Nachtrag.
Sainean, Sources indigdnes de l’eElymologie frangaise 1, 435 meint,
morfier stehe für *morfilker, eine Ableitung von morfer. Nun wurde
morfier 1548 von DuFail in seinen Baliverneries d’Eutrapel gebraucht.
Er hätte morfier für *morflkr nur dann sagen können, wenn
damals schon / zu y geworden wäre. Der Wandel von / zu y ist
aber erst seit 1687 bezeugt (Meyer-Lübke, /rz. Gram. I, 163),
also 130 Jahre später als morfier bei Du Fail. Saineans Auffassung
ist somit unmöglich.
Joser BrRÜcH.
Revestor.
Questa voce occorre nel provenzale una sola volta, ch’ io
sappia.. La ricavo dal luogo, che ora si vedrä, per il quale mi
rifaccio alle due coblas, a botta e risposta, vivacissime, tra Fa'cö
e Cavaire: codlas, che riproduco da H 5ı° e P 55'”?, con nuove
cure critiche.1 Le due redazioni manoscritte sono indipendenti:
eP, per quanto guasto, rispecchia, io credo, il testo migliore. Le
varianti, superfluo dirlo, son quelle sole di senso.
Cavaire, pois bos joglars est,
digatz me per que‘l pe perdest:
3 s’aviatz crebat lo revest-
or, o mort romeu el cami;
gar tuit mas en vos fan boci:
6 mas pendre, ardre vos afı.
Cavaliers, pois joglars lo vest,
de cavalaria's desvest;
9 c’us joglaretz del marges d’Est,
Falcos, vos a vestit ab si:
e sem demandatz qi'm feri,
ı2 e’us demanderai gi’us vesti.
2 d.lopepergep. H. 3 s’'manca H. cremaz P. trobat H. [Accolgo
la corresione Lavaud, fresso Duc de la Salle de Rochemaure et
R.Lavaud, Zes Troub. Cantaliens, 11 558; R.Lavaud, Notes Complemen-
taires, p. 118). 4 ora o azromeuelclam P. or manca 11. 5 ge tot H.
toz P. vos] uas P. uos fan detras b. H. 6 mas penda arde uos afı P.
mas eu per me be uos nafı H. 7 Caualier poi uilars P. pois] cui H. lo
manca H. 8's]elsP. des uetP. 9c’]mancaP. marcheP. 10 Falco H.
Flacs (= Falcs) P. sa P, Il e sem] per gem H. 12 ge nocaus
deman H. qe P. os H.
‘Cavaire, poiche buon giullare siete, ditemi perche il piede
perdeste: se mai aveste scassinata la sacristia 0 morto un romeo
su la strada; che tutti se non contro voi fanno boccacce; ma
impiccagione, bruciamento vi garantisco.'
ı Per H v. ed. diplom. Gauchat-Kehrli, St. di Fil. Rom., V 521 (187
— 188); per P ed. diplom. Stengel, Arch. f. d. St.d. neuer. Spr.u. Lit., L 264.
Cfr. Gr., 111,2; 151,1; e Duc de la Salle Rochemaure-Lavaud, Zes
Troub. Cantaliens, Aurillac, 1910, Il 558—559; Lavaud, Zes Tr. Cant.,
Notes complementaires, Aurillac, 1910, pp. 117—119.
48 ° VINCENZO CRESCINI, REVESTOR.
‘Cavaliere, poiche giullare lo veste, di cavalleria si disveste;
ch@ un giullaretto del maırchese d’ Este, Falcone, v’ ha vestito del
suo spoglio: e se mi do:andate chi mi colpi, io vi domanderö
chi vi vesti.’
Tralascio ogni piü largo commento, che, in parte, avrä suo
luogo altrove, per non toccare se non di revestor. Si tratta d’un
esempio di rima spezzata, di che rimane traccia nella corrotta
lezione P. L’altra, H, & invece difettiva d’una sillaba:
o mort romeu el cami,
che di -or & sfuggita la ragione, non compresa neppur rell’ altro
testo, per effetto di quella spezzatura, d’uso, comunque, non frequente
e familiare.1 E nemmeno a un sagace come il Levy riemerse essa
dal guasto delle due versioni. ll supplemento raynouardiano registra
revest, recando i vv. 1—4 secondo H e soggiungendo i vv. 3—4
di P, senza alcuna anche ipotetica interpretazione. Il Levy si
rifugiö disperatamente nell’ ampio seno del Tresor mistraliano,
ripescandovi dal dialetto del Var rev2st, col senso ‘revers, Contraire,
espieglerie’.”2 Anche il Lavaud non vide che rezes/ e non penso
a riattaccarlo a -or dell’ ottosillabo seguente in P; ma ebbe l’intuito
felice del senso vero del vocabolo, per quanto spezzato (reves/), e
del passo.?
Per me € chiaro che bisogna leggere, racconciando Pe com-
piendo H, revestor, alla qual voce corrisponde esattamente reres/orium,
aggiunto dai Benedettini al Du Cange nel debito posto.
‘Revestorium, Idem quod supra Revestiartum, nostris Sacrıstia. *
E revestiarium ha pur esso il suo riscontro provenzale in
revesliari, col valore, sintende sempre, di ‘sacristia’”.5 Cosi I’ antico
francese ebbe revestiaire, come, in altra maniera formativa, reveskur,
reveslitoire, e, cid che piü importa nel caso nostro, revesloir re-
vestorium, tutto col senso ognora di ‘sacristia’®: il luogo, dove
i sacerdoti preparavansi, e preparansi, agli offici ed ai riti rivestendosi
dei sacri paramenti prescritti.
Lo sciagurato Cavaire, monco d’ un piede, aveva contro a sc
la voce pubblica, perch& nel medioevo, che tanti criminali puniva,
con mutilazioni, chi mutilo compariva era assai male raccomandato
e poteva passare per delinquente; onde il moncone faceva fouf
simplement accusar Cavaire come strangolatore di romei e come,
per dire a modo di Dante,
ladro, alla sacrestia, de’ belli arredi.
VINCENZO CRESCINI.
I Diez, Die Poesie der Tr.?, p. 86, n. 2.
3 Provenz. Sußßl.-W., VII 319.
8 Les Troub. Cant., I1 558-559 e Notes compldmentaires, p. 113.
* Gloss. mediae et inf. Lat, .v Revestorium da Revestitorium.
5 Levy, Proven:. Supßl.-W., VII 3ı9; e Petit Dictionnaire Prov.-Fr.
Vedi pure vestiari, Levy-Appel, Pr. S.-W., VIll 706; e il corrispondente
vestiarium, presso Du Cange, col significato anche di ‘guardaroba‘.
® Godefroy, Dict. de l’a. I. fr., sotto le varie voci.
Die Wortsippe um aprov. galiar.
Man könnte die etymologische Kunst mit der Sternkunde
vergleichen. So wie diese die Bahnen der Himmelskörper, so
sucht jene die historischen Wege der Wortzeichen festzustellen.
Und da gibt es nun am romanischen Worthimmel neben allerhand
Kometen, Doppelsternen, Trabanten u. dgl. auch gewisse Stern-
haufen oder Sternnebel, von denen wir weder wissen, von wannen
sie kommen, noch wie sie entstanden, die aber da sind und gerade
wegen ihrer Rätselhaftigkeit das besondere Interesse grolser Meister
der Etymologie errangen. Ich nehme nun zur methodischen Be-
handlung solcher wissenschaftlichen Aufgaben einen vom üblichen
z. T. geradezu entgegengesetzten Standpunkt ein. Gewils war es
ein enormer Fortschritt, als Schuchardt auf die Wichtigkeit begriff-
licher Zusammenhänge in der Etymologie hinwies und seine Beweis-
führungen vielfach auf der Synonymik aufbaute.e Doch war es
andrerseits m. E. ein Mifsverständnis und Irrtum, wenn andere, so
besonders Elise Richter, und teilweise auch Meyer-Lübke, diese
begrifflichen Brücken, die Schuchardt baute, als historische Ent-
wicklungsgänge hinnahmen resp. selbst ähnliche „Bedeutungs-
entwicklungen“ (oft äufserst komplizierter Natur) aufstellten, welche
sich bei einzelnen Worten ausgebildet haben sollten. Ich halte
diese synonymischen Beziehungen oft für nicht mehr als rein
theoretische Konstruktionen, die weit davon entfernt sind, die
wirklichen Schicksale dieser etymologischen Sternhaufen zu ent-
hüllen.
Um mich deutlicher aussprechen zu können, will ich gleich
auf ein konkretes Beispiel eingehen und zwar auf den dem Probleme
galiar besonders nahestehenden Aufsatze It. gal/ia von Schuchardt
(Zs. fr. Ph. 29, 323, hierzu 25, 237 und 30, 214), der zu galiar
in mancherlei Beziehungen zu stehen scheint. Hier, wie in seinen
übrigen Etymologien, stellt Schuchardt ein Zentrum für seinen
ganzen Sternhaufen, einen Stammvater für die ganze Wortsippe
(wenn man die Sache historisch betrachtet) in It. gala auf. Ich
halte die Rolle dieses Wortes vom Standpunkte der historischen
Entwicklung aus für rein fiktiv. Für „Schwiele, Geschwulst, Hals-
mandel*, die in Sch.’s Gedankengängen eine beträchtliche Rolle
spielen, standen den Spätlateinern verschiedene ursprünglich von-
einander ganz selbständige Ausdrücke zur Verfügung, die mit der
Zeitschr. 1. rom. Phil. XLVIL. 4
50 KARL V. ETTMAYER,
Zeit zu begrifflichen Verwechslungen und lautlichen Kontaminationen
Anlafs boten: ganglium (speziell das „Überbein“), glandula (die
„Halsmandel“, im Latein auch „Halsweh, Kropf“ [strüma, tumor)),
gangraena resp. *cancraena („Krebsgeschwulst*), ga/us bei Orybasius
(wahrscheinlich „Hüftgelenkentzündung“). Damit verbinden sich
wahrscheinlich griechische Ausdrücke wie yd@AAıov (bei Hesych)
für „Eingeweide“ und jenes x&AAaıa („Bart des Hahnes“), von dem,
wenn es tatsächlich ein vorderasiatisches Wort war, nicht blofs
It. gallus „Hahn“, sondern auch die yaAAoı („verschnittene Diener“
an Kybele) stammen mögen, insofern es ganz gut denkbar erscheint,
dafs der Hahnenbart als Männlichkeitszeichen auch auf die Hoden
übertragen sein konnte. Der Wechsel von x < y bereitet, soviel
ich sehe, kein unüberwindliches Hindernis, — zumal keines dem
Romanisten gegenüber, der immer damit rechnen muls, dafs die
griech. Tenues ala rom. Mediae erscheinen, und der deshalb in
diesen halb medizinischen Ausdrücken auch calum nicht aulser
acht lassen darf. Wie diese Worte untereinander zu gruppieren
sind, woher sie stammen, wie sie vertreten sind, ist, wenn auch
nicht ganz, so doch teilweise für den Romanisten eine cura posterior.
Tatsache ist, dafs sie vorhanden waren, im Gebrauche standen und
auch in den romanischen Sprachen ihre Spuren hinterliefsen. So
ist das ital. gangola (Meyer-Lübke, Z#. Wb. 3777) mit seinen süd-
italienischen Nebenformen siz. ganguni „grolser Zahn (Überzahn)*,
calabr. gangularu „Kiefer“, molf. ghengodde „irgend ein Vorsprung“
ganz offenkundig von ganglium beeinflust Aber auch *gallıö
„Halsmandel, Halsweh“, wie es längs der ganzen Adria in
Italien fortlebt, scheint eher mit ganglium als mit galla zu-
sammenzuhängen, — hat sich aber, ‘wie seine Lautgestalt zeigt,
mit xdAAaıov gekreuzt, das unmittelbar in nprov. gaioun, galhow
„fraise de coq, caroncules de paon* wieder auftaucht. Gewils
führen semantische Brücken weiter von Geschwulst, Wucherung,
besonders am tierischen Körper, und zwar einerseits zu harter,
runder Kiesel, Stein, andrerseits zu Trieb, Schölsling, Knospe, aber
durchaus nicht immer im entwicklungsgeschichtlichen Sinne, so dafs
„Geschwulst* zu „Keim“ wurde und nicht etwa umgekehrt ein
Ausdruck für „Schöfsling, Blütenrispe, Fruchtzweig* den Worten
für „Geschwulst* angepalst werden konnte. So manche „Wiesel“-
kräuter, d.h. Zauberkräuter (zu griech. yaAlc), wie z.B. das gallium,
das die Milch gerinnen macht, oder „Helm“kräuter (zu galea) führten
von Hause aus Bezeichnungen, die galla nicht unähnlich klangen,
aber mit dieser zunächst nichts gemein hatten, während andrer-
seits germ. galle „Schwiele, Blase, Eishöcker“ (so in Tirol) in Frank-
reich vielfach als rom. Lehnwort hereinspielte.e Dazu kommen
dunkle vorrömische Wortbeziehungen. Im lilyrischen mufste dem
griech. 40Aog, ebenso wie im Germanischen eine Form ga/ ent-
sprechen, daher auch im Illyrischen „dunkelfarbig, schwarz“ event.
mit diesem Worte wiedergegeben werden konnte. Wenn nun in
Südtirol galaveise, djalavei: für „Schwarzbeere, Hleidelbeere“ ge-
DIE WORTSIPPE UM APROV, GALIAR, 5I
braucht wird und ein ähnliches Wort galadere für „aufgeblühte
Knospe* im Albanischen auftaucht, so wäre es nicht unmöglich,
dafs auch hier einer von den immer zahlreicher erkennbaren
Ilyrismen der Östalpen vorläge.
Kurzum, wo die Synonymik eine etymologische Einheit be-
hauptet, sehe ich eine homoionyme Vielheit. Nicht das einzige
It. galla hat die zwanzig oder dreilsig romanischen Worte gezeitigt
und die mannigfachen Bedeutungen derselben aus sich selbst heraus
gezeugt, wie sie bei Schuchardt oder im #7. Wb. zu finden sind,
sondern eine Fülle homoionymer Worte existierte, die zunächst
ganz verschiedene Bedeutungen trugen, — die aber im Laufe der
Zeit allerhand analogische und begrifflliche Anpassungsprozesse
durchmachten, so dafs es geschehen konnte, dals ein Wort, das
zunächst den Gallapfel bedeutet hatte, gleichgesetzt wurde einem
andern, das „Überbein“ oder das „Hahnenbart“ bezeichnete, und
dafs sich daraus jene scheinbaren romanischen Grundtypen wie
*galliö, *gallitta, *galliamen, *gallofa usw. entwickelten, die nur
konstruktiven Wert haben, und denen in der realen Wortgeschichte
kein Platz angewiesen werden kann. Es ist nicht meine Absicht,
die Etymologien der rom. galla-Sippe hier zu erörtern, weshalb ich
nur andeutungsweise meine Ansicht darüber äufsern konnte, viel-
mehr will ich mich dem prov. galiar zuwenden und meine homoio-
nyme Methode im Gegensatz zur synonymischen Untersuchung
daran erläutern. Homoionymik heilst zunächst: alle irgendwie
eruierıbaren Formen, die für ein etiymologisches Problem in Frage
kommen, sammeln und zwar nicht nur die der romanischen Idiome,
sondern auch aller jener Sprachen, aus denen die Romanen ge-
schöpft haben können, also im lateinischen und griechischen Wort-
schatz, im illyrschen und keltischen, event. auch im germanischen
und arabischen, oder was sonst noch einschlägig wäre. Dann gilt
es, die romanischen Formen nach ihrer Lautgestalt, ihrer Bedeutung,
dem Zeitpunkt ihres ersten Auftretens und ihrer ursprünglichen
Verbreitung möglichst festzustellen und mit den vorromanischen
Worten, die in betracht gezogen werden könnten, zu vergleichen.
Bemerken wir irgend einen begrifflichen oder lautlichen Sprung,
der eine glatte Identifikation der romanischen Entwicklungsform
mit dem ihm zugemuteten Etymon nicht ohne weiteres gestattet,
so ist sofort zu untersuchen, ob nicht ein fremder Ausdruck herein-
gespielt haben könnte. Das Resultat einer solchen Untersuchung
ist dann allerdings keine „Etymologie“ in gewöhnlichem Sinne,
sondern ein mehr oder weniger verästelter und verzweigter Stamm-
baum von Etymologien oder besser: ein Flufssystem von solchen.
Zum Ausgangspunkt wähle ich prov. galiar, denn dieses der
aprov. Literatur ziemlich geläufige Wort, schon lange den Roma-
nisten aus Guill. Figueira und Guilh. de la Tor bekannt, und das
im Aprov. eine ganze Reihe von nominalen Ableitungen aufweist
(galier, galiat, galiador, gahiairitz, galiars), ist ein relativ einfacher
Fall. Ks kommt nur in einer Bedeutung, der des „Betrügens“ speziell
4*
52 KARL V. EITMAYER,
auch zwischen Ehegatten und Liebenden — besonders seitens der
Frau — vor und hat keine weiteren Wandlungen durchgemacht,
denn es ging später in den vielen, gleichbedeutenden Wörtern der Pro-
venzalen unter. Die älteren auf Bernart v. Ventadorn, Peire d’Alvernhe
und Raimbaut d’Aurenga zurückreichenden Belege zeigen uns das
Wort schon früh der höfischen Sprache der Provenzalen angehörig.
Von anderen rom. Sprachen kennt Guittone d’ Arezzo ein galkare
— gabbare, und im Nordfranz. bringt Godefroy einen ziemlich
frühen Beleg aus dem Rou und einen ganz späten aus Guill. d.
Machaut. Weitere Vorkommnisse konnte ich mit Hilfe der glos-
siertten Ausgaben nicht eruieren. Auf der iberischen Halbinsel
verzeichnet Echegaray galeador „embustero“ als veraltet (belegt bei
Berceo). Aus modernen Dialekten ist es mir nirgends bekannt.
Meyer-Lübke greift, ohne auf Braune’s Bedenken (Zs. /. r. Ph.
XXIlI, 206) weiter einzugehen, die Diez’sche Ableitung aus got.
dvals wieder auf, obwohl sie durch mehr als einen Umstand wenig
wahrscheinlich erscheint. Weder die gotische Bedeutung (einfältig)
noch die westgermanische (Irrtum, Ketzerei) will sich so recht in
die Verwendung von galiar schicken, und lautlich besitzen wir
nach Auschluls von it. guercio kein zweites germ. Wort, das den
Wortanlaut dw- den Romanen aufgenötigt hätte, doch zeigt sowohl:
die germ. Behandlung dieses Wortes als auch die romanische Be-
handlung von frk. /kwahlja, dals dieses d gewils keine Neigung zur
Gutturalisierung hatte. Nun gibt es aber ein anderes, im Nordgerm.
stark verbreitetes Wort, das lautlich und begrifflich besser zu passen
scheint: nämlich schwed. altdän. galen „nicht bei Sinnen, verrückt,
verdreht“, das auch ins Englische (gale vgl. Skeat) übernommen
wurde. Besonders hervorzheben ist, dafs es mitunter auch „gefehlt,
falsch“ (dän. gal/regne „falsch rechnen“) bedeutet. Das Wort gehört
nach Torp-Noreen zu anord. gala „bezaubern, Zaubersprüche singen“
(vgl. dtsch. Nachtigall) und reiht sich sowohl hinsichtlich des Be-
deutungswandels „bezaubern, betrügen“ (speziell auch in sexuellem
Sinne), als auch in dem weder im Nordfrz. noch im Limusin. jemals
palatalisierten g andern normannischen Lehnworten (z. B. gap)
einwandfrei an. Die Schwierigkeit liegt nur mehr in der Stamm-
erweiterung, da ein germ. *galigön ebenso unwahrscheinlich ist wie
ein hybrides *gal-isare. Letzteres sollte prov. *galejar ergeben (vgl.
gabejar, falbejar etc. Adams, Woriform. im Prov. p. 357), obwohl
allerdings vereinzelt auch -sar-Formen (frepiar, seliar) vorkommen,
die aber aus dem Nordfrz. importiert sein mögen.
Aulserdem belegt Mistral tatsächlich im Languedoc ein modernes
galejd, galhejd als „coquetter, faire le fier, badiner, plaisanter, railler,
faire le coq“, nebst galejado, galejaire, galejage (aus Marseille), dem
sich bei Labernia ein katal. gal/jar „die Stimme drohend erheben,
den schneidigen Kerl spielen, Übergehen (von Flüssigkeiten)“ bei-
gesellt, das sich in span. gallear (alzar la voz con amenazas y
griterias, sobresalir entre otros, enfurecerse con otro diciendole
injurias, — aber auch cubıir el gallo a las gallinas) fortsetzt. Im
DIE WORTSIPPE UM APROV. GALIAR. 53
Gallego heifst gakcar nur mehr fecundar el huevo par el ‚gallo.
Im Salmantino belegt Lamano y Beneite zwar galleado (fecundizado),
doch stellt er dazu das Verb gallar. Dieses ist natürlich lat. gall-
are (in den Glossen belegt), jenes *gallizare „den Hahn spielen“.1
Dals in einem Lande, wo die Halınenkämpfe heute noch als Volks-
belustigung arrangiert werden, vor allem an den Kampfhahn gedacht
wird, versteht man. Aber die „drohende Stimme“ gehört gar nicht
in seine Rolle.
Weder im Kampf noch beim Bespringen läfst der Hahn seine
Stimme hören, sondern nach erfolgter Begattung oder eventuell
auf der Flucht. Diese „drohende Stimme“ mufs daher einem
andern Worte entnommen sein. Tatsächlich zeigen die über ganz
Frankreich und Italien verbreiteten Reflexe von gallare, *gallizare
eine ganz andere Einstellung. Ersteres ist hauptsächlich in Süd-
frankreich und Oberitalien, letzteres im gleichen Gebiete und
aulserdem noch in ganz Uhteritalien und Sardinien verbreitet.
Überall bedeutet es „obenauf sein wollen, vergnügt oder prahlerisch
sein® (it. primeggiare, braveggiare, galluzzare, stare in giubilo). Der
zänkische Charakter kehrt nur in Sizilien wieder (gaddiar! = sgri-
dassare, patroneggiare. Biundi) und an einzelnen Punkten in Nord-
frankreich, so in der Dauphine gaillon: se moquant de nous
(Ravanat), in den Vogesen (garıd: chicaner, taquiner, deranger)
und wallonisch in der Wendung fe vla be gailk, te voila bien fier,
dedaigneux, singulier (Sigart). Dafs Nordfrankreich nur spärliche
Reste der beiden Verba erhielt, erklärt sich aus dem Verluste von
gallus. Doch ist die Bedeutung von sp. gallear auf ein anderes
eigenartiges Wort übergegangen — wenigstens im Osten Frank-
reichs. In den Vogesen heifst galvauder (nach Haillant) „gäter,
contrarier*, mitunter „railler, arranger, conduire, commander“.
Doch der feindselige Sinn scheint vorzuwalten, denn in der Bresse
übersetzt es Guillemaut mit „mettre en desordre, gäter“ (daneben
auch fläner), der Die. gen. mit avilir, humilier par reproches, und
ebenso führt Piat nprov. Synonyma an, die beiläufig „anschreien,
niederdonnern“* bedeuten. Das Wort kann nur von einem germ.
Namen *Galabold oder *Galawald stammen: den Galabold spielen!
Da haben wir das nordische ga/a „etwas beschreien, Zauberlieder
singen“! Und damit wäre ich zur ersten Bedeutungs- resp. Wort-
transfusion gelangt: It. gallare „das Bespringen des Hahnes“ resp.
ein jüngeres *gallizare „den Hahn spielen“ transfundiert mit einem
aus anord. gala gebildeten Verb resp. dessen Nebenformen, die
ursprünglich „zaubern“ bedeutet hatten.? Aber die Sache geht
noch weiter. Auch in Westfranken ist galvauder heute noch mehr-
fach vorhanden, — aber hier waltet die Bedeutung „fläner, vaga-
bonder“ vor: so in der Normandie, in der Maine, im Anjou.
ı WVorbereitet durch ein von gallus ausgehendes, an gaudescere an-
gelehntes gallescere (cfr. Du Cange).
8 Unmittelbar liegt nord. galen vor in manc. de galo de travers, con-
trairement au vrai sens.
54 KARL V. EITMAYER,
Danchen existieren ähnlich klingende Wörter wie anj.: envoyer au
galivage, en voyer qqn au loin pour s’en debarasser, Äfre en galivage
courir la pretantaine, mainc.: ga/voeee courir par monts et par vaux
(Dottin). Endlich gehört hierher norm. galigds r&jouissance de;-
ordonnee, litteralement ripaille de galins-gallois, c’est A dire de gueux
sans vergogne, de dröles de la pire espece (Moisy). Damit gelangen
wir zu einer zweiten Worttransfusion; es sind verschiedene bre-
tonische Wörter, die sich dem nord. ga’a beigesellten: galvoeee
entspricht einem germ. *walhiskare, ist also eine verbale Ableitung
zu afrz. galesc, galois, jenes bekannten afrz. Namens der Bretonen
(Gales), welcher uns seit dem 14. Jh. als generelle Bezeichnung
eines lustigen Gesellen, guten Kameraden, Spalsmachers, einer
hübschen Sache usw. entgegentritt. Die Verwendung des Wortes
in diesem Sinne muls indessen wesentlich älter sein, denn nprov.
galoi „jovial, joyeux, de belle humeur“, muls, obwohl in der aprov.
Literatur nicht belegt, nach Ausweis seiner Lautform, schon am
Beginn des ı3. Jh’s, wenn nicht schon im ı2. in Südfrankreich
Verbreitung gefunden haben. Wir müssen wohl annehmen, dafs
die bretonischen Laissänger & la Bledherik seit den Tagen Hein-
richs I. bis in die Provence hinab, ja selbst weit nach ÖOberitalien
hinaus, wohlbekannte Gäste waren, denn heute noch sagen die
Bormij: canlar in galf$ (allerdings von den Hühnern, da wieder
eine Transfusion mit gal/ „Hahn“ eintrat), die Mailänder ride rn
galesch ridere sardonicamente. Ich kann mir wohl denken, dafs
diese Leute von jenseits Broceliande nicht blols ihre Mabinogion-
Geschichten (wohl meist in halbfrz. Sprache!) vorgetragen haben,
sondern auch praktisch das „Zaubern“ als bequemes Mittel, sich im
Leben durchzuschwindeln, nicht verschmäht haben werden. Das
obige galigas wäre demnach geradezu als gali-gabs (zu afız. gaber,
bret. goaß) zu deuten. Auch galivage erscheint mir als eine scherz-
hafte Umdeutung des seit dem Beginn des 15. Jh.’s auftauchenden
romavage „Pilgerfahrt“, dem bekannten roumavagı der Felibres.
Ob noch weitere Bretonenworte resp. Ausdrücke, mit denen man
die Bretonen kennzeichnete, hereinspielen, wage ich nicht zu ent-
scheiden. Dem frz. galvander sieht nicht blols galvage, sondern
auch bret. galvaden „cri d’appel“ (zum gleichen idg. Wortstamm
wie anord. gala gehörig) sehr ähnlich. Doch sind lautliche wie
begrifliche Schwierigkeiten damit verbunden, die ich nicht zu
überwinden vermag.
Nebenbei möchte ich erwähnen, dafs auch galvauder alleıhand
Transfusionen mit galoper (besonders im Westen), mit deborder
(gren. galıbourdd), mit bonfemps (gren. und tarant. galabontein und
ebenso schon im Vaux de vires des alten Basselin als galedbontemps,
vgl. Godefroy), endlich mit doffes (manc. galibotE marcher dans la
boue) durchmacht.
Doch vor allem werden wir afrz. galer (resp. esgaler) unsere
Aufmerksamkeit zuwenden müssen. Dafs dieses nach Godefroy
schon im 14. Jahrh, in der frz. Literatur besonders im 15. und
DIE WORTSIPPE UM APROV. GALIAR. 55
16. Jahrh. belegte Wort mit den galois zusammenhängt, kann kaum
bezweifelt werden. Seine Bedeutung „s’amuser, se r&jouir, danser,
faire la noce“ (God.), die namentlich in den modernen Dialekten
vielfach im speziellen Sinne des Herumziehens von Wirtshaus zu
Wirtshaus und dabei Excedierens gebraucht wird, schlielst sich
ganz eng an die Wortgruppe an. Schon Rustebeuf gebraucht das
gale im Sinne von rejouissance.1 Bei Villon finden wir faire la
gale se livrer & la joie, au plaisir. Dazu das heute in ganz Öst-
frankreich verbreitete ga/e m&chante personne, das auch im Westen
(norm. mauvaise gale m&chante personne) gelegentlich auftaucht.
Wir sind hier dem galiar, von dem wir ausgingen, sehr nahe-
gerückt. Tatsächlich kann man unmöglich erkennen, ob afrz. galie
„prostituee“ (Bastard de Bouillon, heute noch in Savoyen), galier
coureur de galas, homme de joyeuse humeur (u. a. bei Rabelais)
und galeresse (God. 1279) zu obigem galer oder zu galiar, galiador,
galiairitz zu stellen ist. Aber auch andere Ausdrücke sind kaum
zu unterscheiden. Godefroy zitiert aus dem Blanchandin die Form
gaalise, das mit mit. gadalıs (afrz. jael, jaial, prov. gazal, bret. gadal)
ein früh belegtes, etymologisch dunkles Wort für „Prostituierte“ ist.
Auch kelt. ga/ „Kraft, Macht“ spielt offenbar herein, wenn Jehan
de Preis das Wort gakois (lies: galois) für „fort, venerable* ver-
wendet. Das ist schliefslich nicht verwunderlich. Dafs Bretonen
in England und vielfach auch in Frankreich umherzogen, wissen
wir, dafs sie dabei auch Erzählungen ihrer Heimat zum besten gaben,
ist wahrscheinlich. Dafs sie dieselben in rein bretonischer Sprache
vorgetragen hätten, ist kaum denkbar. Das afız. drefunner wird
wohl ein keltisch-französisches Kauderwelsch gewesen sein, ähnlich
dem Franko-Italienischen in Oberitalien; und da konnte es wohl
geschehen, dafs bretonische Worte im Sinne gleich- oder ähnlich-
lautender französischer Ausdrücke Verwendung fanden, und um-
gekehrt. Darum müssen wir, sobald wir in diese Sphäre geraten,
das Bretonische ebenso berücksichtigen wie das Französische.
Wenn die Franzosen die Bretonen als die galeis oder galoıs
bezeichneten, so hiels (resp. heifst heute noch) umgekehrt auch
der Franzose (und Engländer) bei jenen gal/ oder gallö, d. i.
Fremdling. Man glaubt dieses Wort mit Suffixwechsel an dtsch.
Gast, It. hostis anknüpfen zu sollen. Aber ich hege in dieser Hin-
sicht meine Zweifel. Das neukeltische Verb für „gehen, werden“
besteht ähnlich wie der französische Ersatz für It. ie, aus einer
Auswahl nur mehr defektiv flektierter Verba, unter denen ein
Stamm *all die Aufmerksamkeit des Romanisten besonders erregen
muls (vgl. Pedersen, Vgl. Gr. II, 452). Zu diesem gibt es nun
Präteritalformen mit einem schwer erklärlichen Vorschlags-g: corn.
gallas „er ist gegangen“ resp. Part. gyllys (l.c. p. 275). Dieses g
kann durch Einmengung der Flexionsformen von gallaf „ich kann“
1 Hierher vielleicht auch das bei G. de Coincy belegte gauler = dis-
siper (?) (God.).
56 KARL V. ETTMAYER,
eingedrungen sein. Es ist nun merkwürdig, dafs die beiden Namen,
unter denen die Kelten in Südeuropa auftraten, als Galli in Italien
und als [«&Aaroı in Griechenland und Kleinasien, gerade diese
beiden Wortstämme enthalten. Der Name der Gall wird schon
lange als „Fremdlinge* gedeutet, und die kühnen Geschichts-
konstruktionen, die man benötigte, um zu erklären, wieso die
Gallier sich selbst als die „Fremden“ hätten bezeichnen können,
werden überflüssig, wenn man an Stelle dessen „Wanderer “ setzt
(und als solche sind ja die Kelten tatsächlich nach Italien gekommen).
Der Wanderer ist aber derjenige, „der gegangen ist“ (d.h. aus
der Heimat fortzog), so dafs zwischen dem Präteritum von „Gehen“
und der römischen Volksbezeichnung tatsächlich ein Zusammen-
hang bestehen kann. Dafs in einem defektiven Verb alte Sprach-
reste fortleben können, ist an sich wahrscheinlich... Dazu kommen
aber noch einige weitere Indizien. Gewisse wandernde Händler
und Handwerker hielsen bei Griechen und Römern gallodromi, es
scheinen nach den Berichten (siehe Thes.) die antiken Vorläufer
der mittelalterlichen galoıs gewesen zu sein, die bis nach Hispanien
kamen. Ich glaube nicht, dafs Leumann das Wort richtig mit
usque in Galliam currentes übersetzt, denn Gallien war für die
antiken Kulturländer bei weitem keine ultima Thule — ich meine
vielmehr dafs galli selbst „die Wandernden“ hiefs, dem erklärend das
griech. doouoL beigefügt wurde. Auch die jungfräulichen britan-
nischen Priesterinnen, die Gallisenae (bei Mela 3, 6, 48), mögen
recte galli-genae („von Fremdlingen oder Wanderern Abstammende*)
gewesen sein, — daher ihre Jungfräulichkeit! Endlich scheinen
die cisalpinen Gallier ein Wort dieses Stammes besessen zu haben,
denn die in den lombardischen Alpen noch erhaltenen Wendungen
mandär in galia (Bormio) „in die Fremde schicken“, /erra di galia
(Posch) „fernes Land“ können sich natürlich weder auf Gallien,
noch kaum auf Galiläa beziehen. Auch zum mittelalterlichen Bre-
tonischen finde ich keinen Weg.
Der Name der Galat! wird aber wohl mit Recht als die
„Mächtigen“, die „Starken“ gedeutet — sie waren aber ebenso
auf Kriegswanderschaft begriffen gewesen wie die italischen Galli.
Ich frage mich daher, ob da nicht mehr als eine blofse Laut-
ähnlichkeit zwischen den beiden Namen bestand, — sei es, dafs
ein alter Ausdruck für „mächtig sein, zeugen* — zum Begriff
„werden, gehen“ übergeleitet wurde, sei es, dals schon die auf
Kriegsfahrt befindlichen Kelten die Ausdrücke für „wandern“ und
„mächtig sein“ miteinander vermengten.
Ich mufste bis in diese dem Romanisten wenig vertraute
sprachliche Prähistorie zurückgreifen, denn das afırz. Wort galer,
nprov. galejd bedeutet nicht blofs „sich vergnügen, excedieren“,
sodern hat noch manche weitere Verwendungen gefunden, die mir
auf ein weit höheres Alter, als das zunächst in Betracht gezogene,
zu verweisen scheinen (auch diese Bedeutungen sind allerdings nicht
vor dem 14. Jh. belegt). Von Amyot bis Lafontaine wird galer öfter für
DIE WORTSIPPE UM APROV. GALIAR. 57
„reiben, bürsten, kratzen“, daneben auch für „schlagen“ gebraucht.
Puitspelu führt Iyon. galöre für eine „steinbeschwerte Bodenbürste“
an, Moysi gibt „schlagen“ an. Daneben in der Normandie, Anjou und
Maine galeter, galter battre l’air avec les bras en proie ä une suflo-
cation violente (Verrier et Onillon), se tordre dans l’agonie (Dottin).
Man denkt hier natürlich an Aalefer — aber woher dieses? Der
Kampfhahn ist beim Sterbenden kaum das Vorbild gewesen. Aber
dazu gehören nun begrifflich einige nprov. Formen, die wieder an
*gallizare erinnern. Mistral übersetzt galejd im Lim. und Lang.
mit cerıbleer — gemeint zu sein scheint das „Worfeln“. Das von
ihm zitierte Beispiel aus Bonnet ergibt aber den Sinn der „im
Wind bewegten Getreideähren“. Die gleiche Verbalform aus dem
Querci kennzeichnet die Bewegungen der Forelle (oder eines
andern Fisches) zwischen den Steinen des Baches. Es mufs mithin
in Westfrankreich irgend ein Wort gegeben haben, das „unnuhig
hin und her bewegen“ bedeutet hatte und in verschiedenster Weise
Anwendung fand. Auch in Oberitalien glaube ich Spuren eines
solchen Wortes gefunden zu haben. Piem. ga/avia „eine Art Dresch-
flegel“ kann natürlich kein direkter Abkömmling von piem. kavara
(vgl. Meyer-Lübke, WS I, 239) sein, das allerdings zu caballus
gehören mag. Lomb. gar wird ı. für den Laubengang, in dem
sich der Vogelsteller ungesehen bewegen kann, 2. für den Kanal
oder die Grube, in welcher der Gerber seine Felle einlegt, 3. ver-
einzelt auch für den Wagen gebraucht, jedenfalls handelt es sich
immer um einen Weg resp. ein Mittel zum Fortbewegen. Ob it.
galleria ursprünglich den „Wandelgang“ bezeichnete, mufs dahin-
gestellt bleiben, — ich lasse es daher hier beiseite. Für alle diese
Worte ist keine irgendwie befriedigende etymologische Verbindung
zu finden.! Ich denke nun an folgende Möglichkeit. Gesetzt,
der kelt. Wortstamm *al/ mit der Präteritalform *gal/ hätte schon
im Altgallischen bestanden, so würde sich aus ersterem bei Über-
nahme ins Romanische die Quelle zum präsentischen *alare „gehen“
ergeben, wie es uns in den Keichenauer Glossen begegnet, wie wir
es aus nordfrz. aller und altfurl. alar kennen. Gewils wäre das
keltische Wort kaum von den Romanen rezipiert worden, wenn cs
dem It. amöulare nicht so ähnlich geklungen hätte. Aber andrer-
seits konnte amdulare nur auf altkeltischem Boden *allare ergeben.
Daneben mülste m. E. ein präteritales *gallare gestanden haben
„auf der Wanderschaft sein, sich unruhig hin und her bewegen“,
das in die verschiedensten Wortbildungen hineinspiclen konnte.
Und dieses altgallorom. *gallare hätte den viel späteren Ableitungen
aus afrz. galois gewissermalsen vorgearbeitet.
Aber damit ist die Form gakar noch immer nicht erklärt,
obwohl einiges des homoionymen Gesamtbildes vor und nach dem
Auftreten dieses Wortes bereits festgestellt werden konnte. Mit
2 Aus Raummangel mufs ich es mir versagen, diesen Satz im einzelnen
zu erbärten.
58 KARL V. ETTMAYER,
*gallizare steht galiar in keinerlei näher formulierbarem Zusammen-
hang. Alle anderen etymolozischen Schürfungen führten immer
wieder zu einem Verb *gallare. Und ob ich vom anord. gal2, ob
ich vom Bretonischen oder dem Altgallischen ausgehen wollte,
immer wieder stiefs ich bei meinen Versuchen, eine Erweiterung
des Präsensstammes ansetzen zu wo:len, auf Schwierigkeiten und
Bedenklichkeiten. So festigte sich im Verlaufe meiner Untersuchung
in mir immer mehr die Überzeugung, es müsse noch eine weitere
Worttransfusion mit einem lateinischen Worte stattgefunden haben,
das der s»inerzeitigen Schriftsprache angehört hatte und in halb-
gelehrter Weise das / vor dem Hiatus ; nicht zur Palatalisierung
brachte (also nach Art von palie, navilie, milie, concılie). Als solches
kann aber nur gaka resp. eine davon ausgehende Ableitung in
Frage kommen. Etwa It. gakare? Es ist belegt und bedeutete
mit der galea bedecken, infolgedessen „verbergen“ (CGl. V 639, 25).
Aber ı. ist das Verb selten und namentlich in späterer Zeit nur
bei Tertullian und Priscian belegt (cf. Z’hes.), 2. gibt es keinen
rechten Sinn. Es ist im Romanischen kein Reflexiv, und andrer-
seits ist eine Wendung „jemanden betrügen, indem man ihn mit
dem Helm bedeckt(?) oder verbirgt (?)* unverständlich. Auch eine
direkte Anknüpfung an galea ist nicht dienlich. Man erfährt aus
dem T7%hes. nur, dals die galea namentlich in späterer Zeit (Isidor
zum Trotz) gewils nicht aus Leder, sondern aus Metali (cristata,
nılens, gemmis [ornata] etc.) gefertigt war, ja sogar schon Varro
sagt aerea terla nitel galea, so dals die Ableitung aus yal&n „Wiesel-
fell hier fraglich erscheint; sodann, dals eine galea auch als Gefäfs
(bes. für Wasser) dient, und dafs Columella einmal den ap.x gal-
linae mit der (gehörnten) ga/a gleichsetzt.e Auch Drac. Rom.
(Ende 5. Jh.) spricht einmal von einem galealus afex.
Offenbar ist hier galeatus apex als Umschreibung für gakar
gebraucht, der kein Helm, sondern eine Fellmütze war (auch die
Perücke wird damit bezeichnet), in spätlateinischer Zeit aber jede
Art von Kopfbedeckung bedeutet zu haben scheint. Es ist die
seltenere, doch noch bei Cassiodor und Frontinus gebrauchte Form
gegenüber dem gleichbedeutenden galerum (auch mask.). Es dürfte
eine altgriechische und altitalische Art von Kopfbedeckung bes.
der Hirten gewesen sein, denn wenn sie Vergil den Pränestinern,
Statius den Arcadiern zuweist, so können diese Dichter dies gewils
nicht ohne Stützung auf irgend eine Tradition getan haben. In
der Zeit Suetons trägt man es in den jopinis. Es scheint sich tat-
sächlich um Felle von Wildtieren (Wiesel oder Wölfen) gehandelt
zu haben, ähnlich der sard. mas/fruca. Daneben bezeugen die
Glossen deutlich seine Verfertigung aus Binsen mit mantelartigem
Charakter (falleum). Seine Form scheint ebenfalls gewechselt zu
haben, da es bald der ara, der mitra, dem cıdaris (aus Linnen),
dem filleus, calamaucus, CG1.NV,522 auch dem capellus „Hut“ gleich-
gesctzt wird. Auch während und nach der Völkerwanderung ist
das galerum allgemein üblich, ja dient sogar als nomen genericum
DIE WORTSIPPE UM APROV, GALIAR. 59
für „Kopfbedeckung“ überhaupt.! Bei Claudian (Ende 4. Jh’s)
lesen wir Alercurius galero teclus. Im Conc. Matisc. (a. 585) heifst
es secwlares galerum de capıite auferant („haben ihr Haupt zu ent-
blöfsen“) usw.
Mit dieser starken Verbreitung des \Vortes geht Hand in Hand
ein militärischer Legionärausdruck. Schon Caper und später Vegetius
berichten, dafs die calönes (d. i. die Trofssklaven, welche ihren
Herren ins Feld folgen) und die Zixae (d. i. die Marketender),
galearii, auch galiarii, galliaru genannt werden, — offenbar das
galear der cassis gegenüberstellend („bemützt“, nicht „behelmt“.)
Dafs diese mit den Heeren herumziehanden Leute ein übles Volk
sind, ist nur zu verständlich, weshalb sie denn auch als /afrones,
buccellarüi etc. bezeichnet werden. Auch bewaffnet scheinen sie in
späterer Zeit gewesen zu sein. Andrerseits ist aber von Wichtigkeit
die Glosse *galzarıius (geschrieben gallarius) (CG. V, 600), also opifex
infimi generis und galiaria (eine von Caper getadelte Angleichung
an Zxra), negotii alieni mercator (CG/. V, 204). Wir erinnern uns
der gallodromi, die ich als wandernde, keltische Händler betrachtet
hatte, — hier scheinen sie als gakarıl wiederzukehren. Der Aus-
drack duccellarü, ein in der Völkerwanderung ausdrücklich bei Goten
bezeugtes und bei den Römern verbreitetes Wort, wird glossiert mit
parasitus, adulator, blanditor, scurra. Ich glaube, dafs die Laut-
ähnlichkeit zwischen galearıus und gallodromi kein Zufall ist, und
dals das fahrende gallische Volk der römischen Zeit einen guten Anteil
am Trols der Legionen und der germanischen Kriegsscharen gehabt
haben wird. Das Wort verschwindet auch nach der Völkerwanderung
noch nicht. Du Cange belegt galiator nebulo, flagitiosus und galiare
„vagabundieren und betrügen“. Im 12. Jh. wird galialor in galiardus,
später goliardus (mit Anlehnung an gula oder collegium ?) umgesetzt.
Und damit sind wir bei der letzten Worttransfusion angelangt. Ein
halbgelehrtes Wort gal.arıus kreuzte sich mit dem mehrfach ent-
springenden *gallare und ergab galealor, woraus ein *galare ab-
geleitet wurde. Es ist der vornehmste, gebildetste Ausdruck für
dieses fahrende, gallische Gesindel gewesen, der der mittelalterlichen
Gesellschaft zur Verfügung stand und den provenzalischen Hof-
sängern nicht unwürdig erschien, in ihre Kunstsprache aufgenommen
zu werden. Im Volke ganz Frankreichs war das Wort auch ver-
breitet, hier hat es das /mouilliert! Es ist hier auch zu einer viel
günstigeren Bedeutung gelangt, denn Turold schreibt v. 3113:
Gent ad le cors gaillart et ben seant
worin ich wieder eine Umdeutung im Sinne von bret. ga/ „Kraft“
erblicke. ennoch ist es auffällig, dafs dieses heute noch allent-
halben übliche Wort von keinem der höfischen, nordfrz. Dichter an-
gewendet wird. Ein übler Beigeschmack muls ihm doch angehaftet
1 Milo, der Lehrer Hukbalds (Ende 9. Jh.’s), bezeichnet damit geradezu
das „Kinderhäubchen“ (Mon Ger. P. I, m:daev. ILL De sobrietate v. 913).
60 KARL V. EITMAYER, DIE WORTSIPPE UM APROV. GALLIAR.
haben. Dafs germ. geil in Nordfrankreich auch mit beteiligt war,
ist möglich, aber nicht notwendig anzunehmen.
Ich bin mit der Untersuchung eigentlich noch nicht zu Ende.
Dem galiador hängt sich der galiot „Pirat, Seeräuber, Ruderer* an,
der, von galie „die Galeere“ ausgehend, namentlich seit dem 16. Jh.
im Gebrauch an den alten galiador öfters anklingt. Das Wort galıe,
galee selbst scheint eher mit dem Keltischen als mit dem Griechischen
zusammenzuhängen, wo weder x&4o» noch Yan einen wahr-
scheinlichen Anschlufs bieten, besonders mit Rücksicht auf die dem
Mittelmeer fehlenden, von den Romanisten wenig berücksichtigten
mhd. Formen galine, galinaere, die mir eine keltische Grundform
gal-äfa resp. gal-ina als „Kampfschiff“* wahrscheinlicher machen.
Auch die Geschichte von gal/ant ist keineswegs einfach. Zunächst
eine Art Brigant bezeichnend, wird es wohl das Part. präs. zu galer
gewesen sein, das aber nicht den ersten Ausgangspunkt gebildet
haben dürfte, vielmehr leitet eine Reihe mittelalterlicher Zeugnisse,
wie das bei Du Cange gebuchte galo „Strafe der im Konkubinat
lebenden Priester (England)* zu den gallantes der Antike (Varro,
Plinius = insanientes), die sich wieder bei den verschnittenen
Kybelepriestern, galli genannt, verlieren, womit wieder ein neues
Glied der ganzen düsteren Wortgruppe einzureihen ist. Dafs gala,
gallon mit galla (Meyer-Lübke, £1. Wib. 3655) nichts mehr zu tun
hat, brauche ich wohl nicht erst zu erweisen, wohl aber möchte
ich bemerken, dals it. galluzzare zu galluzzo „junger Hahn“ gehört
und teils an galer, teils an galligare angelehnt wurde. Manches,
was Schuchardt mit gal/z verband, ist von frz. gaule (Meyer-Lübke
9496) nicht zu trennen. So reiht sich ein Ausdruck an den andern,
und man fände füglich kein Ende.
Ich hätte die ganze Abhandlung in drei Zeilen erledigen
können: aprov. galiar, afrz. galier stammen nicht, wie seit Diez
angenommen wurde, von got. dvals, sondern von halbgelehrtem,
mittelalterlichem lat. galiator, das selbst auf spätlat. galearıus zurück-
zuleiten ist, und das Verb nach sich zog.
Aber wer verstünde dadurch, wieso der „Bemützte“ zum
„Betrüger“ werden konnte? Und wer begriffe, was für Leute
diese Betrüger waren und wie sie Betrug übten? Wie sich dieser
Ausdruck zu begriffsverwandten und ähnlich klingenden Wörtern
verhält ?
Die etymologischen Deszendenzreihen sind recht schön, und
Bedeutungssynonymik ist ein wichtiges Hilfsmittel zur Feststellung
etymologischer Zusammenhänge. Aber beide hängen historisch in
der Luft, wenn nicht das hinzutritt, was ich das Studium der
Homoionymie nenne.
Karı v. ETTMAYER.
Die reflektierte Handlung im C/iges.
Cliges ist der Roman, mit dem Chrestien von Troyes den
Geschmack seines höfischen Publikums am besten getroffen zu
haben scheint. Es liegt nahe zu untersuchen, durch welche Art
der Erzählungskunst diese Wirkung erreicht wurde. Es genügt
nicht, wenn man sagt, das sei durch die Zeichnung des Wunsch-
bildes der ritterlichen Kultur geschehen. Ebenso wichtig ist die
Frage, wie dieses Wunschbild in der Erzählung ausgewertet ist.
Zu ihrer Lösung soll die folgende Arbeit einen Beitrag bringen.
Derartige Untersuchungen drängen sich jetzt auf, gerade wenn
wir einen Meister der Generation ehren wollen, die uns voraus-
gegangen ist. Wir zeigen unsere Bewunderung, wenn wir auf dem.
von diesen Gelehrten gelegten Grund weiterzubauen versuchen.
Erst war es nötig, die Texte sicherzustellen und die Einzelkunst-
werke von aulsen zu stützen: durch Datierung, Erschlielsung von
Lebensumständen des Dichters, von Quellen, von literarischen und
kulturellen Parallelen. Jetzt drängt sich der Teil der Interpretations-
aufgabe in den Vordergrund, bei dem die altfranzösischen Epen
von innen heraus erforscht werden, als Kulturausdruck und als
dichterische Leistung. Das bedeutet nur eine leichte Schwerpunkts-
verschiebung bei der Erklärung. Exakte philologische Arbeit ist
hierbei nicht weniger notwendig als früher. Nur versucht man
sie noch mehr als bisher auf die Unterscheidung von Inhalt und
Stoff, von Kulturausdruck und Kulturerscheinung, von stilistisch-
ästhetischer Erkenntnis und Werturteil auszudehnen. Einzelunter-
suchungen in dieser Richtung widersprechen dem erstrebenswerten
Ziel der Gesamterkenntnis nicht, auch wenn sie einseitig sind; es
kommt nur darauf an, dals man von dieser einen Seite aus etwas
Wesentliches sehen kann.
Cliges zerfällt in zwei Teile; im ersten handelt es sich um
die Brautfahrt von Cliges’ Vater Alexander, im zweiten um die
Liebe des Cliges zur Frau seines Oheims. Er genielst ihre Liebe,
ohne die gesellschaftliche Konvention allzusehr zu verletzen und
gewinnt sie schliefslich zur Frau, nachdem durch List die Voll-
ziehung der Ehe mit dem ersten Mann umgangen ist. Diese
Handlung ist aber nicht der wesentliche Inhalt des Romans; sie
ist nur scheinbar sein Gerüst; die Handlungskurve wird überdeckt
62 ARTHUR FRANZ,
durch die Wirkungskurve; der Inhalt gruppiert sich um Wirkurgs-
höhepunkte und ist nur notdürftig auf den epischen Faden auf-
gereiht. Als wirkungsvoll aber ist der Teil des epischen Geschehens
herausgearbeitet, der vor teilnehmenden Zuschauern sich abspielt,
oder für die das Interesse des Lesepublikums anzunehmen ist,
weil das Idealbild seiner gesellschaftlichen Konventionen darin ab-
gespiegelt erscheint. Diesen Teil des epischen Inhalts kann man
als reflektierte Handlung bezeichnen.
Der Dichter tritt öfters aus seiner epischen Objektivität heraus
und spricht zu seinem Publikum von seinem Metier; dann nämlich,
wenn er andeuten will, dafs die Ausführung der Erzählung an sich
die Hörer wahrscheinlich langweilen würde:
2358 Por tant qu’as plusors despleüst
Ne vuel parole user ne Perdre,
QOu’a miauz dire me vuel aerdre.
Gegenüber den Täuschungsmanövern mit dem Trank, der Alis
impotent machen soll, wird das äufsere Geschehen bei Hochzeit
und Ehe ganz kurz abgemacht; mehr ist nicht nötig, sagt der
Dichter dreimal (V. 3241. 3246. 3263). Eine Geschichte, die die
Hörer schon wissen, braucht nicht noch einmal erzählt zu werden
(5536—40; vgl. auch 2855 etc), V.4036 sagt der Dichter, dals
er seine Geschichte durch die Aufzählung der einzelnen Teil-
nehmer am Turnier nicht in die Länge ziehen wolle. Indirekt
deutet er damit den Gegensatz seiner Darstellungsart zu der ver-
alteten der chansons de gesie an. Aber dann, wenn diese Personen
interessant werden, werden sie zum Teil doch genannt und auf-
gezählt. Ebenso werden Alexanders Gefährten, als sie sich vor
Artus zum Ritterschlag präsentieren, nicht einzeln genannt und
alle Einzelheiten dieses Vorgangs bewulst weggelassen:
1209 Chevalier sont, a tant m’an tes.
Denn es handelt sich in diesem Augenblick nur um den Gesamt-
eindruck, den das glänzende Gefolge des Königssohrs auf die
Umgebung macht. Aber später, V. 1280, als die jungen Ritter
ihre erste Tat tun sollen, und das Licht der Aufmerksamkeit auf
sie gefallen ist, werden sie von Alexander alle ı2 namentlich auf-
gerufen. — Das sind direkte Hinweise des Dichters auf seine Ab-
weichungen von der rein epischen Kompositionsart.
In zweiter Linie gibt uns die Einteilung des Romans in 96
Abschnitte einen objektiven Anhalt für die Wertung der Wirkungs-
szenen gegenüber dem einfachen Handlungsverlauf. Die Abschnitte
sind ungleich lang; der kürzeste umfalst acht Zeilen (V. 2193 ff.),
der längste 292 Zeilen (V. 4283). Es ist nicht anzunehmen, dafs
die Einschnitte von den Schreibern herrühren.
Fast ein Drittel der Einschnitte stehen nicht an der Stelle,
an der man sie nach dem epischen Inhaltsverlauf erwarten sollte.
Sie markieren nicht die Handlungstäler, sondern die Wirkungs-
DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 63
höhen. Der neue bildhafte oder dramatische Effekt, der die Augen
der Zuschauer in der Handlung auf sich zieht, ist durch eine
Erwartungspause vorbereitet. Er wird liebevoll angeschaut und
ausgeführt; das weitere, interesselosere epische Geschehen wird ihm
sorglos angehängt. Der Schluls von dieser Einteilungsweise auf
die treibenden Kräfte der Dichtung liegt nahe. Die folgenden
Beispiele sollen zur Erläuterung dieser Beobachtung dienen.
V. 422 ist ein Sinnesabschnitt: König Artur breitet mit seinem
Gefolge den Zug nach der Bretagne vor. Der neue Abschnitt
beginnt aber erst V. 441, wo Alexander das Privatboot des Königs
besteigt und in die Intimität seiner Familie aufgenommen wird.
Nicht die Ankunft und die neuen Taten des Königs (V. 566; vgl.
V. 570!) markieren den nächsten Abschnitt, sondern die Analyse von
Alexanders Liebesgefühlen, um die es schon bei der Überfahrt
geht (V. 575). — V.ı210 ist die Szene vom günstigen Eindruck,
den Alexander und seine Gefährten machen, zu Ende; es beginnt
der Kriegszug gegen den ungetreuen Verwalter; aber dieser neue
Vorgang ist ohne Abschnitt angehängt, und erst, als das lagernde
Heer ein schönes Bild bietet, wird wieder abgeteilt (V. 1261 fl). —
Vor Vers 1648 ist zwischen dem beginnenden Liebesgeständnis und
den Vorgängen im belagerten Schlo[s ein ganz scharfer Einschnitt,
aber diese epische Szene ist nicht abgetrennt. Der neue Teil
beginnt erst V. ı713 mit der neuen Wirkungsszene: die Belagerten
werden beim Ausfall überrascht, während der Mond sie bescheint
und die Wachen sie bemerken. — Der Abschnitt vor V. 2057
zerschneidet das Abenteuer des verkleideten Alexander in der Burg;
die Schlufswirkung des Kampfes beginnt den neuen Teil: Nachdem
der Graf gefällt ist, ist der Widerstand der anderen zu Ende, sie
können in Schande abgeführt werden. Das epische Tal liegt erst
hinter dieser Szene, V. 2067: die Leute draufsen haben eine ganz
andere Vorstellung von dem Geschick Alexanders; sie betrauern
seinen Tod. Aber für den Dichter gilt dieses Tal nicht als Ab-
schnitt: der tatsächliche Erfolg (schimpfliches Abführen der Gegner)
und der erwartete Milserfolg (betrauerter Tod) gehören ihm als
Wirkungsgegensatz nebeneinander. — Der Endeffekt dieser Ruhmestat
Alexanders ist seine Rückkehr zum Heer. Vor diesen Schlufseflekt
ist ein doppelter Einschnitt gelegt: V. 2193: die Trauer des Hceres
ist eine Täuschung; V. 2201: Alexander reitet aus der besiegten
Burg nun wirklich dem König entgegen.
Am Ende des ersten Teils zeigt sich nochmals deutlich der
Gegensatz zwischen stofflicher und effektischer Einteilung. Kein
Abschnitt findet sich V. 2350 zwischen der rituellen Liebeserklärung
und der Hochzeitsfeier, kein Abschnitt V. 2374 zwischen der Be-
lohnung des Alexander und der Schwangerschaft der Soredamors
mit der Geburt des Sohnes Cliges; wohl aber erscheint ein Ab-
schnitt dazwischen (V. 2361) vor der Zusammenfassung des Erfolgs,
den der ideale Held davongetragen hat. Vgl. noch V. 1359; 1419;
1491 (nicht 1483); 1859.
64 ARTHUR FRANZ,
Im Hauptteil herrschen die gleichen Einteilungsverhältnisse.
Hier greife ich nur wenige Stellen heraus. Bis V. 2707 ist das
Publikum beschrieben, vor dem die Kaiser sich begrüfsen und vor
dem die Kaisertochter erscheinen wird. An dieser Stelle ireien
sie wirkungsvoll auf, also ein Abschnitt. — Mit dem Elanzenden
Gesellschaftserfolg des Cliges neben Fenice
2796 De ui esgarder sS’angoissent
2799 A merveille l’esgardent tuil
beginnt ein längerer Abschnitt, der im Anschlufs an den Liebes-
blick zwischen den beiden die modischen Geistreichigkeiten über
das zweigeteilte Herz bringt, und an diese Ausführungen ist nach
V. 2856 ohne Abschnitt ein epischer Anhang angeschlossen über
den Sachsenherzog, der Ansprüche macht. Die Kompositionsfuge
ist freilich deutlich angedeutet. Aber der neue Teil beginnt erst
mit Vers 2871, vor der Szene, wo der Bote des Sachsenherzogs
seine Botschaft höfisch ausrichtet (vgl. V. 3963) und man diese
Botschaft in typischer Weise aufnimmt. — Der interessanten Braut-
nacht folgt ohne Abschnitt bei V. 35372 die Bedrohung durch den
Sachsenherzog und der gemeinsame Abzug der Kaiser; die Teilung
ist erst dort, wo das Heer ein reflektiertes (V. 3402) Bild bietet
(V. 3395). — Auf das Zwiegespräch Fenice-Thessala über die
Symptome der Liebe folgt, ohne Einschnitt bei V. 3196, der Plan
der Thessala, der stoffllich das Folgende bestimmt. — Der letzte
Abschnitt der Turnierepisode bei Artus beginnt mit V. 5041 in dem
Augenblick, als die Sonne des Ruhms am hellsten über Cliges
strahlt: er darf dem König seine Abenteuer erzählen, und er erntet
die offiziellen Glückwünsche. Anschliefsend hieran wird die Sehn-
sucht des jungen Helden nach Fenice und seine Rückkehr zu ihr
erzählt (V. 5070— 5114); aber diese entscheidende Wendung ist
nicht durch einen Abschnitt angedeutet; diese unreflektierten Er-
eignisse bilden, wie so oft, einen nebensächlichen epischen Anhang;
der neue Einschnitt ist erst vor dem Empfangsbild bei der Ankunft
des Helden in Konstantinopel markiert (V. 5115): alle kommen ihm
entgegen, vor allen begrülsen ihn Kaiser und Kaiserin:
5118 Zuit li Dlus riche et li plus noble
Li vienent au port a l’ancontre.
Et quant l’anßerere l’ancontre,
Qui devant tos i fu alez,
Et Danpererris lez a les,
Devant tos le cort acoler etc.
Solche Einschnitte im Augenblick der höfischen Resonnanz, statt
an der Stelle der epischen Handlungsgliederung, finden sich noch
häufig. Ich führe nur die wichtigeren Stellen an, ohne sie einzeln
zu interpretieren. Zwischen 2555 und 2619 bildet V. 2595 keinen
Abschnitt; ebensowenig dann V. 2635. 3011 (nicht 3002); 3395;
3424/ 3571; 4139 (nicht 4120); nicht 4193 und 4213, statt dessen
DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 65
4237; 5663 (nicht 5655); 5905 (nicht 5885); 5989; 6033; 6425
und 6503 (nichts dazwischen).
Schon aus diesen Beobachtungen über die Einteilung des
Romans ergibt sich, dafs darin zwei Arten epischer Handlung eine
Rolle spielen: die einfache und die reflektierte Handlung. Reflektiert
sind solche Ereignisse, die ihren Akzent dadurch erhalten, dafs sie
sich vor dem Hintergrund von interessierten Beobachtern abspielen,
oder dem Urteil eines gesellschaftlichen Übereinkommens unterliegen;
sie werden von diesem Hintergrund zurückgespiegelt und wirken
deshalb weniger als Handlung, als vielmehr als Pose, als Haltung,
als Effekt. Solche akzentuierte Handlungen also stehen in den
Abschnitten häufig vor, die anderen, die einfach der Fortsetzung
der Fabel dienen, nach. Die folgenden Ausführungen sollen zeigen,
dals wir es bei dieser höfischen Resonnanz mit einem künstlerischen
Zentralproblem dieses höfischen Epos zu tun haben.
Ich betrachte zuerst die Hauptfabel des Ciiges unter dem
Gesichtspunkte der höfischen Resonnanz. Es ist die Geschichte
vom getäuschten Ehemann. Alis hat gegen sein Versprechen eine
junge Frau genommen, Fenice Diese liebt den Cliges, den
eigentlich thronberechtigten Neffen ihres Gatten. Aber sie will
nicht beiden angehören. Es mufs ein Mittel gefunden werden,
dafs der Gatte sie in Ruhe läfst. Dafür gibt sie zwei Gründe an,
einen gesellschaftlichen und einen epischen. Erstens mufs die üble
Nachrede vermieden (V. 3145 ff.), zweitens muls dem Cliges der
Thron erhalten werden (V. 3173fl.). Nur der erste Grund hat
Zugkraft; die zweite Begründung wird erst bei der eiligen Lösung
der Fabel wieder hervorgeholt (V. 6572 ff. und 6677ff.), wo dem
. getäuschten Ehemann die Schuld zugeschoben wird. Bis dahin ist
der Gedanke an die gesellschaftliche Nachrede für Fenice mafs-
gebend. Mehr aus gesellschaftlichen Vernunftbedenken (V. 3157)
als wegen moralischer Skrupel ist ihr die Promiskuität zuwider, die
den Tristanstoff unhöfisch macht:
3145 Miaus voldroie estre desmanbree
Que de nos deus fust remanbree
L’amors d’Iseut et de Tristan,
Don tantes folies dit l’an,
Que honte m’est a raconter ...
Isolde liebte zwei und zerstörte ihr Leben:
3157 Ceste amors ne fut pas resnable ...
3163 OQuia de cuer, si et le cors....
Der Trank, der Alis impotent macht, und die List der Fenice,
sich tot zu stellen, werden von ihr und vom Dichter dem Gesichts-
punkt des gesellschaftlichen Echos untergeordnet. Gleich nachdem
die beiden Liebenden sich endlich ausgesprochen haben, sagt Fenice
sehr deutlich zu Cliges, dals sie nicht fleischlich die Frau des Kaisers
Zeüschr. f. rom. Phil. XLVLI. 5
66 ARTHUR FRANZ,
ist; nur weils das (leider) der Hof nicht, und auch der Kaiser
weils es (glücklicherweise) nicht; also gebe ich, fährt sie fort, wenn
ich mich Dir hingebe, kein schlechtes Beispiel:
6251 Ne ja nus par mon essanpleire
N’aprandra vilenie a feire.
Allerdings der Kaiser darf sie nicht wiederfinden:
5269 Si que ja mes me retruisse,
Ne vos ne moi blasmer ne puisse
Ne ja ne s’an sache a quoi Drandre.
Nach der Bretagne will sie nicht gehen, denn das würde üble
Nachrede wie bei Tristan und Isolde bringen:
5315 Ztciet la, totes et tuit
Blasmeroient nostre deduit.
Nus ne crerroit ne devroit croire
La chose si come ele est voire.
In dem Sinne der gesellschaftlichen Unanstöfsigkeit deutet sie auch
das Pauluszitat (nach ı.Kor.7) um, wer nicht keusch bleiben wolle,
solle vorsichtig sein:
5328 Ss sagemant, que ıl n’an praingne
Ne cri ne blasme ne redroche.
Deshalb kommt es ihr vor allem auf die geschickte Inszenierung
ihrer List an:
5361 Zt se la chose est par san feite,
Ja ne sera an mal retreite,
ne nus n’an porra ja mesdire ... etc.
Aus diesen Stellen ergibt sich, eine wie grolse Rolle die Nach-
rede in der Begründung der Hauptfabel spielt. Es kommt darauf
an, was die Beobachtenden sagen. Mit Sittlichkeit hat das wenig
zu tun. Nie ist im Cliges von Moral, nur von Korrektheit die Rede.
Der Dichter und sein Publikum wissen das sehr wohl. Chrestien
hat in seiner dichterischen Umarbeitung der Fabel (vgl. Foerster
Textausgabe?, S. XIX) die Täuschung des Ehemanns zwar gesell-
schaftsfähig gemacht, aber sie doch als Erzählungsmotiv gelassen.
Or est l’anperere gabes heilst es V. 3329, womit vergnügt das
Gesamturteil über die Szene ausgesprochen wird, in der dem Kaiser
geschickt der Trank beigebracht wird, der ihn zum Vollzug der
Ehe ungeeignet macht. Am Schlufs des C/iges wird der Inhalt der
Geschichte von Fenice richtig als Betrug bezeichnet. Weil man
davon erzählt, wie Fenice ihren Mann hintergangen hat, lassen die
‚späteren Kaiser ihre Frauen einsperren; denn sie fürchten auch ihre
Untreue.
6769 Comant Fenice Alis deut
Primes par la poison qu'il but
Et fuis par l’autre traison.
DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 67
Von diesem Gesichtspunkte aus mufls man die Gesamtfabel
beurteilen. Damit rückt die bekannte These Foersters, Üliges sei
ein Antitristan, in ein etwas anderes Licht. Der Hauptsatz seiner
Beweisführung lautet: „Dieser Hauptunterschied (im Tristan sündige,
im C/iges eheliche Liebe) beherrscht die beiden Gedichte“. Die
Foerstersche These mufs abgeschwächt werden. Cliges ist kein
Tendenzroman. Wenn er aber eine Tendenz hätte, wäre es nicht
eine moralische, sondern eine gesellschaftliche Tendenz. Der Dichter
macht uns das bewundernswerte Kunststück vor, eine moralische
und an sich langweilige Geschichte, — die von Alexander und
Soredamors — und eine än sich unmoralische, aber amüsante Ge-
schichte — die von Cliges und Fenice — zu gleichartigen poetischen
Kunstwerken zu gestalten, indem er sie beide auf denselben gesell-
schaftlichen Hintergrund projiziert. Aus der Konvention, in die er
sie einordnet, gewinnt er ihnen einen neuen eigenartigen Reiz ab.
Die Erzählungselemente, in denen Tristan und Cliges überein-
stimmen, sind zwar auffällig genug. Aber, was übereinstimmt, sind
nur Stücke, die der einfachen Fabel angehören. Diese sind für
den Cl/iges nicht so wesentlich, dafs sie seinen Charakter entscheidend
bestimmen könnten. Der Gegensatz der zwei Epen besteht nicht
in der Gegenüberstellung von Sünde und Moral, sondern darin,
dafs Tristans Leidenschaft sich über die gesellschaftliche Konvention
hinwegsetzt, Cliges Geschichte aber zeigt, wie man diese erfüllt, sie
ausnutzt, sie lebt, sie lehrt. Im Zrissan ist die Leidenschaft, im
Cliges die richtige Pose literarisch ausgewertet.
Der Ausdruck Pose enthält keinen Tadel. Er bedeutet nur,
dafs die Spieler in vielen Szenen des Üliges vor anderen und für
die Beurteilung durch andere agieren, und dafs der Dichter immer
an dieses Verhältnis von Handelnden und Beobachtenden denkt.
Diese Darstellungsart ist nicht nur ein äufserliches Kunstmittel, durch
das der Dichter seine Fabel schmückt, sondern sie bestimmt den
Inhalt des Cliges wesentlich. Durch sie wird der Stoff in den Dienst
einer bewufsten, begrenzten und eifrig ausgebauten gesellschaftlichen
Lebenskunst gestellt. Die romanische Pose ist nicht leer. Sie reizt
den Einzelnen, seine edlen Eigenschaften, die Resonnanz hervor-
rufen, in der Aktion zu steigern; sie ermöglicht aber auch dem
Dichter, diese hochgesteigerten Individualleistungen in ein System
edler Geselligkeit einzuordnen und die Resonnanzkräfte, mögen sie
wirklich oder gedacht sein, künstlerisch wirken zu lassen.
Bei den Beispielen beginne ich mit solchen Stellen aus dem
Chiges, in denen die Szene zweigeteilt ist: wir sehen die Aktion
und zugleich den Hintergrund, vor dem sie sich abspielt. Es sind
beobachtete Handlungen.
Alexander fährt zu Artus ab. Das geschieht vor Zuschauern.
Kaiser und Kaiserin begleiten ihn (V. 240); die Seeleute sind schon
in den Schiffen und bilden den Hintergrund (243); die Begleiter
mit dem vorgeschriebenen fröhlichen Eifer geben die Stimmung an
(230, 253); die Zurückbleibenden winken beim Einschiffen; sie
5*
68 ARTHUR FRANZ,
steigen auf eine Höhe, um die Abfahrenden länger sehen zu können.
Damit ist die Handlung auf die Zuschauer übergegangen, denn die
Überfahrt selbst spielt keine Rolle mehr. Das ist eine reflektierte
Handlung. — Bei der Einschiffung von Artus Heer zum Kriegszug
zeigt sich ein anders zweigeteiltes Bild (V. ı0g6fl.). Das lagernde
Heer bildet den Hintergrund für Cliges und seiner Genossen Ehrung,
die den Ritterschlag empfangen sollen. Die Szene selbst spielt sich
vor Arturs Zelt ab, und bietet ein schönes höfisches Schauspiel
(V. ııg6fl.).. — V.ı1261 stellt das farbenbunte Heer zugleich die
Zuschauer und den Hintergrund für das Kriegsspiel mit den Be-
lagerten (vgl. V. 3401f£). Diese kommen ungewaffnet aus ihrer
Burg heraus:
1272 A gaus defors sanblant mostrerent
Que gueires ne los redotoient ...
Auf diese Pose der Sorglosigkeit wird reagiert. — Die ersten ge-
fangenen Feinde werden geschleift, und zwar vor den Augen der
Belagerten (V. 1446 ff.).
Ehe Fenice erscheint, ist das Publikum da, auf das sie Ein-
druck macht (2707 ff.), ist sie doch von Gott ausdrücklich wegen
dieses Eindrucks geschaffen worden:
2718 Con Deus meismes l’avoit feite,
Cui mout i plot a travaillier
Por feire jant esmerveillier.
So wirkt denn auch ihre Erscheinung sehr, wie sie barhäuptig und
eilig daherkommt; ihre Schönheit leuchtet mit der des Cliges um
die Wette; die folgende hyperbolische Schönheitsbeschreibung ist
durch die Resonnanz richtig vorbereitet. — V. 4622ff. hat Cliges
drei Rüstungen holen lassen und sie verborgen. Wie sie aussehen,
will der Dichter erst beim Auftreten des Cliges erzählen, wenn
dieser seinen Effekt vor den berühmtesten Rittern der Erde an-
bringen kann. Vom Gesichtspunkt des überraschenden Erfolges
vor ausgesuchtestem Publikum müssen die drei Ruhmturniere be-
trachtet werden. Das ist ihr Inhalt; die Fabel selbst ist sehr dünn.
Zuerst tritt Sagremors auf: seul entre deux rangs (V. 4642); die
Zuschauer reden über ihn; niemand wagt sich vor. Auf diesen
Eindruck, den Sagremors macht (4662), reagiert Cliges und sprengt
als überraschende schwarze Erscheinung vor. Er hat sofort Erfolg:
4668 Ne n’i a un seul qui le voie,
Que ne die li uns a l’autre:
nCist s’an va bien lance sor fautre, .. ,*
Alles sieht nach ihm, spricht von ihm, wettet auf ihn; sowohl die
Barone wie das Volk. Die Selbstverständlichkeit, mit der Cliges
seine Gegner, selbst die weltberühmten Helden, wie Perceval, nieder-
schlägt und sich fiance geloben läfst, zeigt, wie wenig Wert der
Dichter auf die Kampfhandlungen, soweit sie von der Resonnanz
unabhängig sind, legt.
DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 69
4846 Veant tos gaus qui les gardoient
A Cliges feru Perceval
Ss quil l’abat jus del cheval....
Die Kampfreihe endet mit einem unentschiedenen Streit mit Gauvain.
Das Publikum empfängt diesen mit einem Gemurmel, das Cliges’
Tat in das rechte Licht setzt:
45235 vera C’est Gauvains
Qui n’est a pie n’a cheval vains.
C’est cil a cui nus ne se prant.“
Diese Anerkennung reizt den Cliges. Der folgende Zweikampf ist
durchaus als Schaustück gegeben. Die Zuschauer strömen herzu
und bilden einen Kreis (4942); sie wissen nicht, wer siegen wird.
Auch der König sieht, ehe er zum Schlichten eingreift, dem Schau-
spiel erst noch eine Weile zu. Als Held ist Cliges ausschliefslich
in dieser Spiegelung lebendig; der Anreiz der Resonnanz erhebt
ihn über sich selbst.
Man könnte meinen, dieser Reflex der Taten sei nur in der
Turnierepisode so wirksam, weil diese keinen anderen Zweck hat,
als den, Cliges Ruhm zu zeigen. Aber der Sachsenkrieg, der im
Epos nicht nur formale Bedeutung hat, zeigt die gleiche Erscheinung,
und ebenso ausgeprägt. Zuerst wird der junge Abgesandte des
Sachsenherzogs von Cliges zu einem Buhurt herausgefordert. Dieser
wird als Schauspiel erzählt; die 300 Gefährten auf jeder Seite bilden
den Chor. Alle am Hof suchen sich gute Plätze zum Zusehen (2887 ff.) ;
auch Fenice sieht den Heldentaten zu:
2912 A Lliges esgarder esirive,
Sel siut as iauz, quel part qu'il aille.
Damit ist der allgemeine Hintergrund für den Ruhm gegeben, und
ebenso ist der Kontakt für die liebende Anerkennung hergestellt.
Nicht die Sache, um die gestritten wird, ist der Inhalt des Kampfes,
sondern die Wirkung auf Fenice. Sie soll sein Lob hören und
seinen Ruhm sehen. Deshalb strengt er sich an.
2914 Et cal por li se retravailie
De behorder apertemant
Por ce qu'ele oie solemant
Que il est preus et bien adroiz ...
Was die beiden sonst noch geheim halten müssen, darf auf
diese Weise zu erkennen gegeben werden: er darf ihr zuliebe
kämpfen, sie darf von seinem Lob sprechen. Die Gegner werden
natürlich besiegt; das steht fest und löst keine Spannung aus; auch
bei der Niederlage kommt es nur auf die Resonnanz an: das
Prestige der Sachsen ist herabgesetzt (2939 ff.); sie erleiden den
Schimpf, ins Wasser gejagt zu werden.
Aus den späteren Stadien des Sachsenkrieges ist die Gefangen-
schaft der Fenice hervorzuheben. Cliges befreit sie, und er ist
70 ARTHUR FRANZ,
beglückt, vor ihr seine Heldentaten zu tun; genau wie oben ist
das eine Form der Liebeserklärung:
3757 Quant il puet feire apertemant
Chevalerie et hardemant
Devant celi qui le fait vivre.
Ihr zuliebe geht er auf einen Sachsen los und spaltet ihm den
Schädel (3780). Die Wirkung auf Fenice bleibt nicht aus; der
Umstand, dafs sie ihn nicht erkennt, läfst eine geistreiche Doppel-
heit dieser Wirkung entstehen: sie möchte, dafs er es sei, und
möchte es doch nicht.
Wir haben es mit mehr zu tun, als mit einer Teilnahme der
Zuschauer an der Peripethie; es ist eine Doppelhandlung; eine
äufsere, in der die Leistung durch die Resonanz verstärkt wird,
und eine innere, die in den Beobachtern vor sich geht. Die
Wirkung ist poetisch besser ausgewertet als die Tat. Der Kampf
entspricht in der Regel einem selbsiverständlich gewordenen Schema.
Dieses ist an sich nicht mehr spannend; die Spannung wird uns
durch die reflektierte Handlung vermittelt.
Aus dem unentschiedenen Entscheidungskampf zwischen Cliges
und dem Sachsenherzog, der ähnliche Züge aufweist wie der schon
behandelte Kampf mit Gauvain, sind folgende Punkte hervorzuheben:
Cliges hat sich diesen Kampf als höfischen Lohn ausgebeten (3975);
bei der Gewährung hat der Kaiser vor Mitleid geweint, Cliges vor
Freude. Fenice lälst sich hinführen; vor ihren Augen kämpft er;
das ist das Wichtigste an der Geschichte; sie wird sterben, wenn
er stirbt. Aber auch alle anderen sind beteiligt, etwa wie ein
sportbegeistertes Publikum.
4059 Quant el chanp furent tuit venu,
Haut et bas, juevrd et chenu ...
Dieses Publikum ist für den Dichter nötig. Er braucht es, um ihm
die Verantwortung für die epischen Übertreibungen abzunehmen,
die er als Rationalist nicht mehr gern tragen möchte:
4073 Zt sunble a gaus qui les esgurdent,
que li hiaume espraingnent et ardent.
Das Kaiserpaar steht vorn; es fühlt am meisten mit. Als Cliges
strauchelt, ist es dem Kaiser, als wäre er an seiner Stelle, unter
seinem Schild: die Kaiserin schreit vor Teilnahme. Diese Resonnanz
aus dem Munde der Geliebten gibt ihm Kraft. Das dichterische
Spiel ist auf die Zuschauer übergegangen. Fenices Schrei hat auch
beim Publikum Resonnanz. Kann er der Schicklichkeit unter-
geordnet werden ? Schadet er ihrem Ansehen? Nein, denn man
nimmt ihn für den Ausdruck rein menschlicher Teilnahme, wie alle
sie fühlen:
4114 ÖOnques nul hon ne l’an blasma,
Eingois Van ont loee tust,
DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 7!
Ihr guter Ruf ist das Pendant zu seinem Ruhm; die beiden Hand-
lungen stehen auf der gleichen Projektionsebene.
Cliges Kampf mit dem Sachsenherzog endet mit einem Vergleich.
Auch dieser wird vor Beobachtern abgeschlossen. Öffentlich mufs
der starke Herzog anerkennen, dafs er dem jungen Cliges nicht
aus Edelmut nachgibt, sondern weil er ihn nicht überwinden kann:
4174 „Oiant tos le dirois an haut.
4178 Otant trestos ces qui sont ci
Le vos covandra recorder,
S’a moi vos volez acorder.“
Li dus oian& toz le recorde.
Der Inhalt des Abkommens ist gleichgültig, die Wirkung ist da:
Cliges hat den Ruhm, die Griechen die Freude und die Sachsen
den Ärger davon. Nicht das ist ihnen schmerzlich, dafs der alte
Herzog einen ebenbürtigen Gegner gefunden hat, sondern dafs alle
es gesehen haben und nun davon reden. Diese Resonnanz tönt
noch nach, während die Handlung fortschreitet und die Heere
wieder auseinander gehen, jedes in sein Land (4194 fl.).
Durch das Mittel der Beobachtung wird die Handlung in ihrem
Gange öfters umgelenkt. Als Alexander von seinem ersten sieg-
reichen Abenteuer zurückkommt (V. 1350fl.: sa premiere chevalerie),
stellt er die mitgebrachten Gefangenen der Königin zur Verfügung.
Daraus entstehen Schwierigkeiten; die Königin mu[s mit dem König
in dessen Zelt verhandeln. Vor dem Zelt beginnt eine stumme
Szene zwischen Alexander und Soredamors. Er macht — vor ihr —
die Nachdenklichkeitsgeste und schweigt:
1376 Soredamors garde s’an prist,
Qui pres de lui se fu assise.
Asa meissele a sa maın mise
E sanble que mout soit pansıs.
Diese seine absichtliche Unbewegtheit gibt ihr Veranlassung, ihn
noch genauer als sonst anzusehen; so bemerkt sie, dals er das
Hemd trägt, in das ihr Haar eingenäht ist (vgl. V. ı160fl., 1174 fl,
1605 ff). Auf diese Weise wird die Heldenhandlung mit der Liebes-
geschichte verknüpft; sie werden beide auf die gleiche Beobachtungs-
fläche projiziert, auf der sie sich nebeneinander vertragen.
V. ı580 wird ein fortgeschrittener Zustand der gleichen Liebe
behandelt. Alexander sitzt neben Sordamors; sie wagen sich kaum
anzusehen; nur durch Blässe usw. ist der Grad ihrer Liebe erkennbar.
Diese Zeichen werden von der dabeisitzenden Königin beobachtet,
doch läfst sie sich nichts merken. Auf die Beobachterin geht nun
von selbst die Handlung über; sie nimmt die Lösung in die Hand
(V. 1604 fl.).
Auch sonst ist die Beobachtung als Mittel für den Handlungs-
umsprung beliebt. Als z. B. Fenice von den Ärzten zur Prüfung, ob
sie wirklich tot ist, gemartert und gar gebraten wird, sehen die
72 ARTHUR FRANZ,
1000 Damen des Hofes durch ein kleines Loch in der Tür zu.
Diese unerwartete Beobachtung vermittelt die plötzliche Lösung im
letzten Augenblick durch den Einbruch der Zuschauerinnen in das
Zimmer (V. 6026ff.). — Ähnlich ist es bei der Entdeckung des
verborgenen Liebespaares. Bertrand, der über die Gartenmauer
gestiegen ist, sieht sie zufällig in nackter Umarmung im Garten:
6450 Soz Pante vit dormir a masse
Fenice et Cliges nu a nu.
Der Konnex wird sofort doppelt hergestellt: Bertrand drückt seine
Verwunderung in direkter Rede aus; Fenice fühlt sich gesehen —
dafs sie aufwacht, weil eine herabfallende Birne sie im Schlaf stört,
ist eine von Chrestiens rationalistischen Motivierungen — und
schreit: so wird die dramatische Weiterentwicklung in vielen Fällen
auf die reflektierte Handlung aufgebaut. !
Die Wertmafsstäbe, die im C/iges Beurteilung und Handlung
bestimmen, sind von der Resonnanz abhängig. Ehre und Schande
sind mit gesellschaftllichem Erfolg und Milserfolg identisch; sie
liegen nicht in einer innerlichen Überzeugung; sie existieren nicht,
wenn niemand da ist, — wirklich oder gedacht — auf den die
Taten wirken. Nur auf dem Umwege über die reflektierte Hand-
lung gehen die Kulturwerte in die epische Dichtung ein. Deshalb
haftet dem Kulturbild, das wir aus dem Cöiges gewinnen können,
ein eigentümlich formaler Charakter an. Das Streben nach Ehre
innerhalb einer begrenzten Anerkennungssphäre ist eine Tendenz,
die den Zweck der einzelnen Handlungen selbst — worum gekämpft
wird, was in der Rede erreicht werden soll, wozu Geist und Eleganz
verwendet werden — in den Hintergrund drängt. Literarisch ge-
sehen, entspricht dieser kulturell formalen Einstellung die episch
formale Dichtart, bei der das Erzählungsziel aufserhalb der Erzählung
selbst liegt: Musterbeispiele von Benehmen und Denken, die einer
werdenden gesellschaftlichen Konvention entsprechen, Geistreichigkeit
und Überraschung, das sind formale dichterische Ziele, in deren
Dienst die epische Phantasie gestellt wird.
Ehre und Preis zu erwerben ist die Absicht aller Personen,
die in den Vordergrund treten. Man erwirbt sie nicht nur durch
Schönheit und Sieg, sondern auch durch Benehmen und Geist,
vor allem durch die richtige Aufmachung. Die Wege dazu lassen
sich zum Teil erlernen. Die Griechen waren die ersten Lehrmeister
der Kunst, durch das Benehmen und durch Geist Lob zu gewinnen:
31 Que Grece ot de chevalerie
le premier los et de clergie.
So sagt der Dichter am Beginn der zweiten Einleitung. Und jetzt,
fährt er fort, wohnt der Ruhm in Frankreich, Lob zu erringen
und Ehre zu erlernen:
1 Die Entdeckung des schlafenden Liebespaares im Tristan zeigt diesen
Konnex gerade nicht.
DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 73
86 Biaus pere, por enor aprandre
Et por conquerre pris et los.
Deshalb zieht Alexander von seinem Vater fort zu Artus; es ist
das erste Handlungsmotiv, und es bleibt während des ganzen Epos
eins der wichtigsen. Dafür tut der Vater seinem Sohn alles zuliebe.
Diesem Ziel sind die Aufzüge und die Turniere, das Auftreten, die
Haltung und die Listen untergeordnet. Es ist interessant zu be-
obachten, wie sorglos oft die Kämpfe selbst gegeben, wie sche-
matisch die abgebrauchten Mittel der chansons de geste verwendet
werden, und wie alle diese Inhalte zurücktreten gegenüber der In-
szenierung der Enderfolge. Als z.B. Alexander eine beliebige Menge
Gegner vom Pferde gestochen und überlistet hat, kehrt er mit vier
Gefangenen zurück; dann erst kommt das Ziel des ganzen Unter-
nehmens:
1343 Mes Alizandres ot le pris,
Qui par son cors loiies et pris
Quatre chevaliers an ameine.
Man sieht, wie er mit seinen Leuten erfolgreich ankommt; wie
steht er nun da!
Oder ein anderes Beispiel. Die Verteidiger von Guinesores
planen einen Ausfall. Was hat dieser für einen Zweck, was soll
er nützen? davon wird nicht gesprochen, sondern es heilst nur,
dafs der Nachtkampf ihnen Ruhm bringen wird:
1671 Avront tel ocision feite,
Que tos jors mes sera vetreite
La bataille de cele nuit.
Ruhm ist die Freude der Helden, um die sie kämpfen:
4049 Qu’avoir cuide chascuns la gloire
Zt la joie de la victoire.
Wir hatten gesehen, wie der Ruhm mit der Resonnanz identisch ist.
Die Resonnanz ist also auch das gewöhnlichste Mlittel, ihn dar-
zustellen. Wir sehen, mit den Augen der Zuschauer im Epos, wie
Cliges von der Besiegung des Abgesandten der Sachsen zurück-
kommt:
2956 Zt Cliges a joie vetorne,
Qui de deus Pars le pris anporte.
Wir finden es natürlich, dafs in diesem Milieu der Ruhm unmittelbar
in Liebe ausgewertet werden kann. Fenice gibt ihm den Lohn
mit dem Blick. Mit ihren Ohren hören wir, wie die Deutschen
anerkennend von ihm sprechen, wie sie stolz ist, dafs die Liebe
sie nicht getäuscht hat, weil ihr Erwählter als der schönste und
höfischste anerkannt wird, wie er es ja tatsächlich ist (V. 2980 fl.;
vgl. den gleichen Weg von der Anerkennung zur Bestätigung durch
die wirkliche Abstammung V. 323 f.).
74 ARTHUR FRANZ,
Einige Male ist die Resonnanz, die das affektvolle Auftreten
auslöst, gerade nicht durch Reden, sondern durch Schweigen der
Umgebung angedeutet. Das geschieht z. B. in dem eindrucksvollen
Moment, in dem Alexander mit seinen Gefährten in glänzender
und richtiger Aufmachung vor dem König aufzieht:
319 Zi li baron trestuit se teisent;
Car li vaslet formant lor pleisent
Por ce que biaus et janz les voient.
Das anerkennende Murmeln über Cliges hört V. 5023 im Augen-
blick der gröfsten Ehrung auf:
5024 Mes la parole leissent tuil
De lui loer et losangier.
Vor dieser schweigenden Versammlung nimmt Artus die rituelle
Ehrung vor, ihn persönlich zum Essen zu führen, wo Cliges das
Rätsel der verschiedenen Rüstungen lösen und seinen Namen
nennen soll (vgl. auch den Namen als lösenden Endeffekt V. 3815).
Mit dem Namen fällt der volle Glanz seiner Herkunft auf ihn.
Die Spannung ist gelöst: Alles gratuliert, und alles redet wieder
von ihm:
5060 Zi tuit cil qui de lui parloient
Dient que mout est biaus et preus.
Die Schande, das Gegenbild des Ruhms, wird ebenfalls fast nur
in der Resonnanz gesehen und wiedergegeben, wie oben am Bei-
spiel der Begründung von Fenices sittlichem Verhalten und anderen
Beispielen gezeigt ist.
Bei dieser Auffassung von Ruhm und Schande und bei dieser
Wichtigkeit des Eindrucks, den die auftretenden Personen machen,
und der Resonanz, die sie auslösen, ist es begreiflich, dals auf
diejenigen Faktoren das grölste Gewicht gelegt wird, durch welche
Eindruck und Resonnanz bestimmt werden. Ein solcher Faktor
ist die Haltung. Haltung zeigen alle Hauptpersonen. Sie legen
ihren Instinkten Zügel an, und sie tun es, einmal, weil dadurch
ihre Erscheinung dem Zeitideal genähert wird, das die Erfüllung
gewisser gesellschaftlicher Konventionen in sich schliefst, und zweitens,
weil dadurch die Wirkung ihres Auftretens und Handelns erhöht
wird. Den Literarhistoriker interessiert weniger die Beantwortung
der Frage, welche Haltungssitten zur Zeit Chrestiens als wesentlich
angesehen wurden, als die der damit nicht identischen Frage, welche
Rolle sie im Kunstwerk spielen. Ich beginne mit der Behandlung
der Haltung in der Liebe. Der Gegensatz zwischen Gefühl und
Haltung ist gerade auf diesem Gebiet eine der dankbarsten Vor-
lagen für den Dichter.
Hierfür eignet sich die Liebesgeschichte zwischen Alexander
und Soredamors besonders gut als Beispiel. Denn ihr einziger
Inhalt ist die vorschriftsmälsige Haltung der Liebenden, sonst ist
DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 75
nichts an ihr fesselad, denn der äufsere Gang der Geschichte ist
selbstverständlich. Mann und Frau haben sich, besonders im Hin-
blick auf das Renommee, diskret zurückzuhalten; das ist die Voraus-
setzung für den Erfolg in der Liebe, erschwert aber andrerseits
den Erfolg.
Dem Dichter scheint die Zeichnung der Grenze, auf der unter-
drückte Gefühlsäufserungen noch bemerkt werden können, besonders
lohnend. Ein gröfserer Teil der sogenannten psychologischen Über-
legungen der Soredamors über die Liebe hat diesen Grund und
entzüäckte dadurch das Publikum. Wie weit mufs sie sich zurück-
halten ? Wie weit darf sie sich offenbaren, so dafs er das Geständnis
gerade noch bemerkt, ohne dafs sie sich etwas vergibt, das heilst,
ohne dafs die anderen etwas bemerken? Kann sie annehmen,
dafs er in der Liebe erfahren ist, weil ein Erfahrener mehr bemerkt
als ein in Liebe Unerfahrener? Die lange Überlegung der Sore-
damors V. 993fl. über die Möglichkeit eines Geständnisses aus
ihrem Munde z.B. ist im Grunde weiter nichts als die Diskussion
einer Haltungsfrage.
998 ... Ce n’avint onqgues
Que fume tel forsan feist
One J’amer home requeist,
Se plus d’autre ne fust desvee.
Bien seroie fole provee,
Se je disoie de ma boche
Chose qui tornast a reproche.
Quant par ma boche le savroit,
Fe cuit que plus vil m’an avroit,
Si me reprocheroit sovant ...
(Vgl. V. 1040 fl.)
Wenn es erlaubt wäre, würde sie die Zurückhaltung überschreiten
(V. 1611 ff).
Die Zurückhaltung des Mannes ist noch stärker konventions-
bedingt. Auf den bekannten wirkungsvollen Gegensatz zwischen
der Kühnheit in den Heldentaten und der Schüchternheit in der
Liebe (V. 1580ff.) kann ich hier nicht eingehen. Der Frau gegen-
über wagt Alexander nichts — das ist die gegebene Theorie, die
der Dichter mit Beispielen illustriert, und zu deren gedanklicher
und künstlerischer Ausgestaltung er beiträgt. Die ganze Liebes-
geschichte Alexander-Soredamors ist eine Folge von Illustrationen
einer Wunschtheorie; man kann sie mit einem Bild als Schmuck-
stickerei auf dem Hintergrund ritterlicher Konvention bezeichnen,
Zwei Beispiele der Zurückhaltung der Liebenden möchte ich
herausheben, weil in ihnen die Haltung der Soredamors nicht durch
die Situation bedingt ist, und die Konvention infolgedessen als
isoliertes Kunstmittel vor uns steht.
Als Soredamors im Schiff des Königs zuerst mit Alexander
zusammenkommt, rächt sich Amors für ihre bisherige Unempfindlich-
76 ARTHUR FRANZ,
keit und läfst sie gleich in Liebe entbrennen. Sie möchte zu ihm
binsehen:
464 A grant Painne tenir se Puet,
Que vers Alixandre n’esgart ;
Mes mout estuet qu’cle se gart
De mon seignor Gauvain son frere.
Kein Mensch ist gegen die Liebe. Für Soredamors liegt durchaus
kein Grund vor, sich vor Gauvain in acht zu nehmen, oder höchstens
der Grund, dafs Gauvain die Sitten kennt, die der Frau Zurück-
haltung gebieten. — Das zweite Beispiel steht V. 2ııg: Man hält
Alexander für tot; Soredamors wird besinnungslos und bleich. Im
übrigen wagt sie ihre Gefühle nicht zu zeigen; die Umgebung
könnte es bemerken und sie tadeln. So handelt sie, obwohl in
Wirklichkeit die Umstehenden so mit sich selber zu tun haben,
dafs sie nichts bemerken würden, auch wenn sie sich mehr gehen
liefse und damit ihren Tadel verdienen würde:
23119 Zt ce la grieve mout et blesce
Qu’ele n’ose de sa destresce
Demostrer sanblant an apdert,
An son cuer a son duel covert.
Et se nus garde s’an preist,
A sa contenance veist
Que grant destresce avoit el cors
Au sanblant qui paroit defors.
Dieser Gegensatz zwischen unterdrückter Äufserung und Gefühl
läfst sich literarisch sehr gut verwenden. Er kommt dehalb oft vor.
Bei der Liebe zwischen Cliges und Fenice liegt die Sache
etwas anders. Fenice ist verheiratet, also scheint hier die vor-
sichtige Zurückhaltung der Liebenden durch die Handlung bedingt.
Aber dieser Gesichtspunkt ist für ihre gegenseitige Reserve durch-
aus nicht bestimmend. Die Zurückhaltung bei der Werbung um
die verheiratete Frau wird durch genau die gleiche Konvention
begründet, wie die bei der Werbung um die Braut. Bis zur Er-
klärung der Liebe ist jedenfalls kein Unterschied zu bemerken
zwischen den Szenen, in denen Fenice noch nicht verheiratet ist
(V. 2800fl.) und denen, in denen sie verheiratete Kaiserin ist.
Cliges und Fenice vermeiden denselben Tadel höfischer Indiskretion,
wie Alexander und Soredamors:
2800 Mes Cliges par Amor conduit
Vers li ses iauz covertemant
Et remainne si sagemant
Que a l’aler ne au venir
Ne lan Duel an por fol tenir ...
Als Cliges die nun verheiratete Fenice von den Sachsen befreit
hat und erfolggekrönt vor ihr steht, erwartet man ein Geständnis.
Aber nichts geschieht:
DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 77
3835 Des iaus parolent par esgart;
Mes des langues sont si coart ...
Warum? Weil, wie ausdrücklich gesagt wird, die Minnelehre —
die hier nicht einmal ganz palst — es so gebietet: Das Mädchen
muls sich unschuldig, ungeschickt zeigen, der Liebende ihr gegen-
über erstaunlich feige, wenn er auch für sie die gröfsten Helden-
taten vollbringt:
3840 ... car simple chose
Doit estre pucele et coarde.
3903 Mes seul celi quWil aimme dot
Zt por li soit hardiz par tot.
Die Haltung der zwei ist also in erster Linie doktrinbestimmt.
Die Szene ist komponiert, um die Lehre zu illustrieren; Cliges
benimmt sich richtig:
3905 Donc ne faut ne ne mesprant mie
Cliges, s’il redote sS’amie.
Nebenbei werden noch zwei andere Gründe für die Zurückhaltung
angegeben, die zur Hauptlehre schlecht passen. Cliges will sich
keiner Abweisung aussetzen (V. 3827), und er hätte seine Erklärung
doch gewagt, wenn Fenice nicht die Frau seines Onkels gewesen
wäre. Aber das sind unorganisch angehängte, in Wirklichkeit nicht
durchschlagende Gründe für die Reserve.
Noch zweimal dient die Konvention als Mittel, die Erklärung
hinauszuschieben: bei Cliges’ Abzug zum Artushof und bei seiner
Rückkehr. Beim Abschied, V. 4290ff., wagen sich die beiden
immer noch nicht anzusehen, als wenn sein Fortgehen etwas Un-
rechtes wäre:
4297 Que de droit esgarder ne l’ose
Aussi come d’aucune chose
Zt vers li mespris et forfet,
Si sanble que vergoigne an et.
Keins von beiden merkt, wie der andere heimlich seufzt und weint.
Das ist alles ebenso gegebene Pose, wie das Folgende: Cliges’
Eile, seine Nachdenklichkeit.e — Bei seiner Rückkehr hätte ihn
Fenice gern liebend gekülst: 5131 Mes folie fust et forsans. Nicht
weil sie verheiratet ist, sondern weil jede Frau sich öffentlich dem
Liebhaber gegenüber so zurückhalten mufs. Es sind die gleichen
Ausdrücke, die zur Begründung der Vorsicht trotz der verschiedenen
Situationen an anderen Stellen verwendet werden: V.999 /orsan;
V. 2804 for fol tenır. Und auch als sie sich dann ungestört
sprechen können, wirkt die gleiche Reserve weiter. Die rationalen
Erklärungen, die der Dichter noch hinzufügen zu müssen glaubt,
sind auch hier schwach (V. 5152, wie oben V. 3827).
Sehr häufig gibt Chrestien seiner Fabel eine rationalisierende
epische Motivierung. Mehrere derartige Fälle, die Einzelzüge
78 ARTHUR FRANZ,
betrafen, haben wir schon angegeben. Der Zaubertrank, der Alis
impotent macht, ist die wichtigste derartige Rationalisierung; durch
ihn wird ein grolser Teil der Haupthandlung motiviert. Weder
Dichter noch Leser glauben recht daran, aber er stellt doch eine
gewisse verstandesmälsige Achtbarkeit des Ehebruchs her. Der
Gatte darf die Wirkung nicht merken, deshalb wird ihm im Traum
der Liebesgenufs vorgespiegel. Es ist wahrscheinlich, dafs die
Idee zu einem die Liebe beeinflussenden Trank aus Tristan stammt;
aber der Charakter dieses Motivs ist ganz verändert. Im Tristan
ist der Trank ein Symbol, hier im Üliges ist er eine rationale Er-
findung.
Auch Fenice bekommt einen geheimnisvollen Trank von Thessala
bereitet. Dieser macht sie scheintot. Auch dieser Zaubertrank
trägt den Charakter einer motivierenden Erfindung. Die Täuschung
wird dadurch wahrscheinlicher. Der Dichter zieht jedoch auch
künstlerisch seine Folgen aus dieser Idee, und zwar im Sinne der
reflektierten Handlung. Die scheintote Fenice wirkt auf Cliges. Er
bejammert vor ihren hörenden Ohren ihren Tod (V. 6228 ff.). Sie
möchte ihn gern trösten; die Spannung, die darin liegt, wird durch
den Seufzer, den Fenice endlich ausstolsen kann, gelöst (V. 6206).
Um diese schöne Wirkung zu ermöglichen (vgl. die später be-
sprochenen Scheinhandlungen), ist eine zweite, äufserlich folge-
richtige, innerlich aber unwahrscheinliche Motivierung nötig: Cliges
darf von dem Scheintodstrank vorher nichts wissen (V. 6223).
Diese verstandesmälsige Begründung und Zusammenbindung
der Handlung beweisen wohl Chrestiens grolses technisches Talent,
sie sind aber nicht immer als künstlerischer Vorzug anzusehen.
Sie ziehen das Geschehen aus der Sphäre der künstlerischen Not-
wendigkeit in die der alltäglichen Wahrscheinlichkeit herab. Wenn
man den Mafsstab äufserlicher Folgerichtigkeit an das Epos anlegt,
so wird man dem Werk als Dichtung gewils nicht gerecht, wie die
Anmerkungen Foersters (kleine Ausgabe? zu V. 6223 und zu den
Versen 5894, 5937, 6225, 6239, 6387, 6421) zeigen. — Verstandes-
mälsig anstolsende Züge werden auch an anderen Stellen durch
rationale Motivierung mundgerecht gemacht. Ich erinnere an Fenices
Grablegung und Befreiung. Die Wachen bemerken nicht, dafs es
ihr im Grab bequem gemacht wird:
6153 Ainz sont brestuit DPasmed cheü.
Sie bemerken auch nicht, dals Cliges seine Geliebte holt, denn sie
haben getrunken und schlafen deshalb. Dieses Motiv wird aber
auch künstlerisch ausgenutzt. Es dient dazu, die Spannung zu er-
möglichen bei der Frage, wie Cliges wohl zu ihr hineingelangen
wird, und diese Spannung leicht zu lösen:
6188 Cliges ne set comant ıl Past.
Ich kehre nach diesem Exkurs über die rationale Motivierung
wieder zu dem Pıoblem der Haltung zurück. Aus den Beispielen
DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 79
über die Zurückhaltung der Liebenden hat sich ergeben, dafs diese
nicht episch oder moralisch, sondern ästhetisch begründet ist. Der
Dichter will seine Zuhörer erfreuen. Einerseits wird dadurch eine
gewisse literarische Spannung erreicht, zweitens aber, was wichtiger
ist, wird der Liebeskodex, der in der Gesellschaft galt, durch Bei-
spiele illustriert. Die Haltung, die vorgeführt wird, ist nicht nur
für die Liebenden im Epos gültig, sondern für alle Liebenden. Sie
hat Eigenwert. Sein Publikum hat der Dichter dabei im Sinn;
die Leser sollen anwendbare Musterbeispiele darin sehen; sie sollen
sagen: so wie sie hier in der Geschichte handeln, handeln die
Liebenden richtig.
Nur in einem Falle ist die Haltung der Liebenden durch den
Gang des Epos bedingt: Cliges und Fenice müssen dem Entfüh-
rungsplan zuliebe ihre Umgebung täuschen. Fenice jagt, bei Beginn
der Krankheit, ihren Geliebten laut davon, weil sie glauben machen
muls, dals seine Anwesenheit ihr unangenehm ist:
5687 er por ce guW’an cuit
Que ce que li plest li enutt.
Cliges geht davon, vor anderen kräftig Trauer heuchelnd:
5694 S’an vet feisant chiere dolante;
Qu’ains si dolante ne veistes.
Mout pert estre par defors Lristes;
Mes ses cuers est lies par dedans ...
Beim Scheinbegräbnis stimmt Cliges auffällig heuchelnd in die
Trauer der anderen ein:
6140 Zt Cliges refet duel a certes,
Tel qu'il s’an afole et confont
Plus que Luit li autre ne font.
Aber bei genauerer Betrachtung sieht man, dafs solche Züge der
Kategerie: „Haltung in Liebesfragen aus Vorsicht“ nicht unter-
geordnet werden dürfen. Sie gehören vielmehr in die sehr aus-
gebildete Klasse der Täuschungen und Überraschungen.
Auch diese haben ihr Fundament aufserhalb der Handlung im
engeren Sinne, sie gehören auch zu den reflektierten Handlungen;
denn die Täuschung an sich und ihre überraschende Lösung sind
es, die interessieren; sie fesseln erstens die Personen des Epos,
die die Täuschungen und Überraschungen mit erleben und die
ihnen zusehen; sie fesseln aber auch die Leser, wenn sie mit
diesen Personen fühlen.
Bei einer dichterischen Einstellung, die mehr auf Spiel und
Wirkung als auf den Stoff gerichtet ist, können Schein und Täuschung
als Erzählungsmittel gute Dienste tun. Sie stellen eine willkürliche,
auf den Effekt berechnete Abart der Pose dar. Während die
übliche schöne Geste das äufsere Bild des Inneren zugunsten der
gewollten Wirkung nur etwas korrigiert, handelt es sich jetzt darum,
80 ARTHUR FRANZ,
dafs ein falscher oder wenigstens ein irrtümlicher Eindruck hervor-
gerufen wird.
Als Beispiele gebe ich zuerst zwei Fälle des Waffentausches.
Alexander und seine Gefährten gelangen in die Burg der Feinde,
weil sie die Waffen der erschlagenen Gegner angelegt haben (V.ı845fl.).
Deshalb lassen die Wächter sie ein, deshalb werden sie im Innern
nicht gehindert. Sie unterstützen die Wirkung des täuschenden
Anzuges noch dadurch, dafs sie stumm bleiben und die entspre-
chenden Trauergebärden machen:
1874 Tel sanblant de dolor feisant,
Qu’apres aus lor lances trainent
Et dessos les escus s’anclinent,
Si qu'il sanble que mout se duelent ...
Gewifs ist diese List ein episches Mittel, die Handlung, nämlich
die Eroberung der Burg, vorwärtszubringen, und der Dichter hat
diesen Gesichtspunkt überaus geschickt ausgewertet (V. 1880 fl.) ;
aber die Szene ist doch nicht auf dieses Ziel hin zugespitzt, sondern
darauf, dafs das verkleidete Eindringen auf die Burgleute eine
Wirkung hervorbringt. Was gibt es bei diesen für eine Über-
raschung, für einen Schreck, als die scheinbaren Freunde sich
plötzlich als Gegner entpuppen und losschlagen !
Der Rüstungstausch des Cliges ist eine Wiederholung des
gleichen Motivs, nur ist die Reflexwirkung hier noch gesteigert.
Cliges hat den Neffen des Sachsenherzogs erschlagen, der seinen
Kopf zu bringen sich gerühmt hatte. Er zieht dessen Rüstung an
und besteigt sein Rofs. Sein eigenes lälst er frei laufen, damit
seine Genossen denken, er sei tot: er will also einen Effekt hervor-
rufen:
3532 Por les Groois feire esmaiier.
Zugleich werden die Gegner raffiniert getäuscht; sie glauben, ihres
Herzogs Neffe komme mit dem versprochenen Kopfe zurück. So
ist eine doppelte Täuschung erreicht:
3556 D’anbes pars cuident qu’il soit mors,
Der Leser freut sich an dieser Situation, weil er weils, dals es eine
doppelte Täuschung ist. Und die Lösung bringt dann eine doppelte
Überraschung; eine unangenehme bei den Gegnern, eine freudige
beim eigenen Heer. Auf diese Folge von Spannung und Lösung
bei Zuschauern und Lesern ist es in der ganzen Szene abgesehen.
— So ist auch die Effektwirkung durch den Rüstungswechsel in
den Turnierszenen aufgebaut.
Aus ähnlichen Gründen reizte den Dichter die Darstellung
der gehemmten (z.B. V.2zııgff.) und der unnötigen (z.B. V. 5810 ff.)
Gesten und die Ausführung der verborgenen und irrtümlichen
Gefühle. So betet Alexander das Haar seiner Geliebten nicht
wirklicb an (Foerster a.a.0O. S. XXXH), sondern er hätte es an-
gebetet (V. 1196), wenn er gewulst hätte, dafs es ihr Haar ist,
DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 81
und wenn er (V. 1619) nicht durch die Anwesenheit von Zuschauern
daran gehindert worden wäre. Die Handlung als Gedankenspiel
entfaltet sich frei; gerade als irreale Handlung palst sie zur Men-
talität der Leser. In der Wirklichkeit verhält sich Cliges dem
Hemd gegenüber weniger ätherisch. Wie er das Hemd im Bett
umarmt, das ist erotisch etwas schmackhaft gemacht. Denn der
Dichter sagt sich mit seinem Publikum: Die Gesten macht man
vor anderen; wenn man allein sich überschwenglich betätigt, so
mufs man durch die Liebe töricht geworden sein (V. 1631—1646).
Die irrtümliche Trauer ist mehrmals sehr sorgfältig ausgeführt.
Das Unwirkliche ist dabei wesentlich. Gerade darin liegt die
Spannung. Der Hörer weils, dafs es nur ein Spiel ist, und er
wird oft ausdrücklich darauf hingewiesen; z.B. V. 2072 u. 2087:
2071 Si feisoient un duel mout fort
Por lor seignor li Greu a tort,
2087 Mes por neant se desconfortent.
Trotzdem, oder gerade deswegen, wird die Szene ausgemalt, mit
Angabe der Namen der Trauernden, mit Chor und Zuschauern.
In diese Trauerszene tritt als Protagonistin Soredamors ein. Ihr
irrtümlicher Schmerz hat einen ausgeführten Hintergrund, und die
Lösung des Irrtums ist nun um so effektvoller. — Um den Tod
der Fenice wird mehrmals ausführlich getrauert. Die irreale Toten-
klage (V. 5791 ff., 6072 fi., 6129 ff.) ist ein Spiel. Die Hauptbeteiligten
wissen das, und die Hörer auch. Auf diesem bewulsten Mifsver-
hältnis zwischen Äufserung und wirklicher Ursache beruht die immer
wieder ausgenutzte Wirkung von solchen Iyrischen Phantasiegebilden.
Sie sollen weiter nichts sein als ein schöner Schein.
Wenn wir nun zu den übrigen Haltungsposen von geringerer
Absichtlichkeit zurückkehren, können wir uns mit kurzen Andeu-
tungen begnügen. Sie alle beanspruchen ein Interesse für sich,
das nicht im Fortgang der Handlung allein begründet liegt. Es
kommt uns hier nicht auf den kulturhistorischen Inhalt dieser Ge-
bräuche an, sondern darauf, dals sie als korrekt gespielte und durch-
geführte Posen literarisch wirken. Das richtige Verhalten wird von
den Mitspielern im Epos gewertet und wurde von den Lesern
ästhetisch genossen. In dieser Spiegelungsmöglichkeit liegt der
literarische Gehalt des Benehmens.
Der Musterritter, mag er Alexander oder Cliges heilsen, hat
sich in bestimmter Weise zu verhalten. Nur von Artus kann
Alexander seine Ritterwaffen erbalten (V. ı13 fl.); bescheiden mufs
er von seiner Unerprobtheit sprechen (V. 146). Wenn Cliges auch
zu Artus will, so erfüllt er damit genau die gleiche Vorschrift;
auch er nennt sich zu unerprobt, um sein Land schon zu verwalten
(V. 4214ff,, 4245).
Der Erfolg erfreut den Helden, aber zu viel Lob mufs ihn
beschämen:
Zeitschr. f. rom. Phil, XLVUI. 6
82 ARTHUR FRANZ,
5017 Que plus le bent tuit ansanble
Qu’il ne devroient, ce li sanble ;
Mes bel li est et san a honte;
Li sans an la face lı monte
Si que tot vergoigner le voient.
Das richtige Mafs, die richtige Mitte zwischen Stolz und Herab-
lassung, ist die Voraussetzung für das korrekte gesellschaftliche
Benehmen:
3932 Cil n’est Bas fos ne ne s’orguelle
Ne ne se fait noble ne cointe.
Nachdem Alexander und seine Leute zum Ritter geschlagen sind,
müssen sie sich in Taten bewähren, wozu sind sonst Lanze und
Schild da? (V. ı305f.). Gefährliche Abenteuer und Zweikämpfe
bitten sich junge Helden als Gunst aus, Alexander ebenso wie
Cliges, als sie von der Heimat Abschied nehmen, und nochmals
Cliges, als es sich um einen Entscheidungskampf handelt:
3971 Mes Ciiges as Pies lor an chiet ...
Que ıl ceste bataille eüst
An guerredon et an merite.
Noble Gesinnung nutzt Waffenerfolge nicht materiell, sondern nur
zum Ruhme aus. Alexander schickt die gefangenen Verteidiger,
statt sie zu töten, zum König, damit sie ihn als Absender rühmen
(V. 2169 fl). Die gleiche Pose nimmt Cliges ein, als die dreitägigen
grolsen Turniere vorüber sind. Eine ganze Anzahl der Ritter sehen
jetzt, dafs er ihr Überwinder ist:
4996 EZ tuit cıl l’apelent seignor.
Aber er will es nicht wahrhaben, dafs er es sei, der die Herrschaft
über sie gewonnen hat; und wenn es auch so wäre, seien sie
doch alle frei:
4998 Mes ıl le viuul a bos nolier
Et dit que trestuit quite svient
De lor fois, s’ıl cuident et croient
Que ce fust il qui les preist,
Wenn man sieht, dafs kurz vorher berichtet wird, wie sich Cliges
für den Ehrungsakt als französischer Ritter umkleidet, wie also der
korrekte Anzug für das Auftreten als wesentlich angesehen wird,
so versteht man, dafs es sich bei den besprochenen Gesten um
eine Art wirkungsvoller geistiger Draperie handelt, deren richtiger
Faltenwurf von den Lesern ästhetisch genossen wurde.
Es gibt eine grofse Anzahl von Teilvorgängen im Epos, deren
Anziehungskraft darauf beruht, dafs sie schön geregelt, ich möchte
fast sagen rituell, sich abspielen. Ich erinnere an die Begrüfsungen
und Abschiede, die Herausforderungen und die Turniere. Sie
alle werden nicht nur beobachtet, sondern auch beurteilt; es wird
als Aufgabe literarischer Kunst empfunden, dafs ihr richtiger Ablauf
DIE KEFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 83
zur Geltung kommt. Damit hängt die Bewertung der direkten Rede
bei Chrestien zusammen. Denn diese Auffassung vom richtigen
Ablauf ist mit rhetorischer Kunstauffassung eng verwandt. So
werden denn auch die Reden als Teil des korrekten Benehmens
nicht vergessen. Es gehört zu den Voraussetzungen für die Be-
tätigung des höfischen Helden, dals er wirkungsvoll reden kann.
Zum Beispiel wird von Alexander bei einer Begrülsungsszene aus-
drücklich gesagt:
340 Qui la langue avoit esmolue
A bien parler et sagemant.
Auch bei Botenberichten wird von der richtigen Redeweise ge-
sprochen (z. B. V. 2871, 3960—65, 6719), und Musterreden, die
die Handlung nicht gerade fördern, werden viele in extenso ge-
geben (z. B. V 2280ff. und 2311 fl.).
Es ist im Rahmen dieses Aufsatzes nicht möglich und nicht
nötig, diesen Gesichtspunkt im einzelnen auszuführen. Ich kann
nur ausgewählte Beispiele besprechen, bei denen etwas Besonderes zu
bemerken ist. Die Ankunft des Alexander und seiner zwölf Genossen
ist als so gut aufgemachte Szene beschrieben, dafs alle sofort den
Eindruck erwecken aus hochadeligem Hause zu stammen:
319 Zt li baron trestuit se teisent;
Car li vaslet formant lor fleisent; ...
Ne cuident pas qu’il ne soient
Tuit de contes ou de roi fil;
Et por voir si estoient ıl.
Erst der Eindruck, der durch den Aufzug hervorgerufen wird, dann
erst die Wirklichkeit, an der der Eindruck gemessen wird, und
die ihn bestätigt. Ähnlich verhält es sich mit Fenices Eindruck
von Cliges. Sie hat ihn gleich geliebt, weil er als der Beste erschien;
es bestätigt sich, dals er es auch war (V. 2980ff.), s. o
Als Acorionde die Herausforderung des Alexander an Alis
überbringt, wird ein Kehrbild der üblichen Begrüfsungen gegeben.
Die einzelnen Etappen des Unterschieds sind die folgenden: V. 2474:
Er antwortet nicht auf die Zurufe der Freunde; er begrüfst den
Kaiser nicht, neigt sich nicht vor ihm und nennt ihn nicht mit
seinem Titel (V. 2480ff.); im folgenden diplomatischen Zwiegespräch
gibt der Bote nicht nach, usw. Die Szene fesselt weniger durch
das, was geschieht und was verhandelt wird, als dadurch, dals sie
von der Norm abweicht. Ähnlich ist die Szene V. 2536 ff. zu be-
‚urteilen. Die Leute des Alis widerraten, als dieser gegen Alexander
etwas unternehmen will, diese Gegnerschaft und drohen mit Abfall.
Dieses Benehmen weicht von der Regel ab. Untergebene haben
den Lehnsherrn, wenn er sie zu Taten ruft, ihres Eifers zu ver-
sichern. Diese Haltung ist häufig geschildert, typisch z.B. V. 1077 fl.
1085 Einsi le roi tuit asseürent
Et afient formant et jurent ...
6*
84 ARTHUR FRANZ,
Hierbei kann bemerkt werden, dafs bei Kämpfen gewöhnlich die
Gegner des gerade im Vordergrund stehenden Helden dadurch
verdunkelt werden, dals sie von den Posen, die Sympathie einbringen,
abweichen.
Freigebigkieit und Betätigungstrieb sind Bestandteile des
Ritterideals. Sie gehören zur Wohlerzogenheit (V. ı84f., ı90f.).
Diese Tugenden spielen aber in unserem Roman keine Rolle.
Trotzdem wird mehrmals zur Jargesce gemahnt (V.405ff., 4580 fl.),
und von der faresce wird (V. ı54fl.) abgeraten. Diese Stellen
würden noch stärker aus dem Gesamtplan des Epos herausfallen,
wenn sie nicht eben Teile der Theorie bildeten, der man sich in
seinem Benehmen zu unterwerfen hat.
Es gibt auch Gesten, die aus dem Zusammenhang herausfallen,
die wenigstens unnötig erscheinen, da ihr Reflex nicht in die
Handlung eingeordnet ist. Man kann sie als reine Schmuckgesten
bezeichnen. Ich denke an zwei Fälle, die sich in den etwas nach-
lässig komponierten Schlüssen der beiden Teile finden. Gegen
Ende der ersten Geschichte erhält Alexander zum Lohn für seine
Taten den als Preis angesetzten Becher. Aber er ist so edel,
dafs er ihn nicht behalten will. Ohne jede innere Motivierung
schenkt er ihn an Gauvain weiter:
2234 La code prant et par franchise
Prie mon seignor Gauvain tant
Que de lui cele cope prant;
Mes a mout grant painne l’a prise.
Am Ende des Hauptteils ist Cliges geflohen, und der Diener Jehan
hat dem Kaiser Alis seine Schmach ins Gesicht gesagt. Alis fordert
ihn auf, den Aufenthalt seines Herrn zu verraten. Den weils er
zwar nicht, aber er beginnt doch mit der Biedermannsgeste:
6598 Fe vos dirai? Et je comant
Feroie si grant felonie
Die Handlung wird dadurch nicht gefördert, es ist nur eben eine
Schmuckpose mehr. Aber eine Wirkung hat sie doch. Sie läfst
ein Licht auf des Kaisers Gegner fallen und verstärkt dadurch das
Dunkel, in dem sich der betrogene Gatte befindet, auf den Schimpf
auf Schimpf gehäuft wird.
In der Kultur, deren Ausdruck die höfischen Epen sind, ist
eine weltliche Bindung an Stelle der religiösen Bindung getreten;
das weltliche Ritual ersetzt zum Teil die kirchlichen Vorschriften.
Es ist von diesen Vorschriften befruchtet. So ist die Standhaftigkeit,
mit der Fenice die Scheintodsprobe aushält, dem kirchlichen Märtyrer-
tum nachgebildet und dessen wirkungsvolle Pose ist benutzt. Sie
verhält sich den Peinigungen gegenüber genau wie eine Märtyrerin.
Auch das Wort fehlt nicht:
5993 Ne por ce n’i porent rien feire
Ne sospir ne parole treire,
N’ele ne se crolle ne muel .,.
DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 85
6014 Cele se test ne ne lor viee
Sa char a batre ne maumetre ...
6024 Oui au charbon et a la flame
Li feisoient sofrir martire.
Der Grund ihrer Standhaftigkeit ist freilich nicht heilig, aber die
äufserliche Wirkung ist ähnlich. Deshalb scheint es natürlich, dafs
sie als Liebesmärtyrerin in ein Grab gelegt wird, das eigentlich
für eine Heilige bestimmt war:
6094 Or soit au leu de saintüeire
L’anpererris dedans enclose ;
Qu’ele est, ce cuit, mou£ sainte chose.
Die Liebenden Alexander und Soredamors werden von der Königin
mit einer gewissen weltlich rituellen Feierlichkeit zusammengegeben ;
ein höfisches Lächeln ersetzt den Ernst des kirchlichen Segens
(V. 2342). Von den kirchlichen Zeremonien wird nur in der
äulserlichsten Weise gesprochen; nur ihre Form wird benutzt, nichts
von ihrem Inhalt (z. B. V. 3330, 5812).
Zum Schlulfs mufs noch auf diejenigen Stellen hingewiesen
werden, in denen die konventionellen Vorschriften, nach denen
man sich zu richten hat, direkt als Forderungen ausgesprochen
werden. So heilst es z.B. V. ı78, als Begründung dafür, dals
Alexanders Vater seine Zusage zur Abreise nicht rückgängig.
machen kann:
178 OQw’anperere ne doit mantir.
Er ist eben Kaiser, und mit dessen Würde und dessen Pose würde
sich eine andere Handlungsweise nicht vertragen. — Verräter müssen
geschleift werden, deshalb ist König Artus an die typische Ent-
scheidung gebunden:
1443 OQu’an doit traitor trainer.
(Vielleicht klingt ein Wortspiel mit) — Ein König mufs zu belohnen
verstehen; er mufs den richtigen Mann und das richtige Malfs
dafür finden können. Seine Handlungsweise wird von der Um-
gebung (mit der sich die Leser identifizierten) daraufhin kontrolliert,
ob die Wahl der Ehrung richtig getroffen ist. So billigen die
Barone ausdrücklich (V. 1450ff.) die Ehrung des Alexander durch
König Artus. Alexander hat die Ehrung verdient:
1470 Tuit li baron de la cort dient,
QOuw’an Alixandre est bien assise
L’enors que li rois li devise.
Nach dem Tode der Eltern trauern Cliges und Alis nur gerade
im rechten Malse; sie verletzen nicht unnötig das Gebot der ge-
sellschaftlichen Heiterkeit:
2625 An firent duel si come il durent,
Mes de duel feire se recrurent.
86 AKTHUR FRANZ, DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES.
Schliefslich: Die Königin beobachtet das Augenspiel zwischen
Alexander und Soredamors. Aber sie tut so, als ob sie es nicht
bemerke. Damit handelt sie richtig:
1600 Ne fait,sanblant qu’ele conoisse
Rien nule de quangu’ele voit.
Bien fist ce que feire devoit;
Que chiere ne sanblunt n’an ist ...
(Vgl. oben V. 3841 und 3905.)
So steht die Konvention deutlich sichtbar hinter dem Benehmen
der Handelnden. Sie ist der Hintergrund, sie ist zugleich die
Schranke für ihre Posen. Auf Grund dieser Konvention beurteilen
die Zuschauer im Epos die Richtigkeit der Haltung, und die Leser
die Richtigkeit der Dichtung. Dieser Reflex bildet ein literarisches
Mals einer anderen Zeit.
Aber mit der Resonnanz, die sie auslöst, und dem literarischen
Mals, das sie ermöglicht, ist die Bedeutung der reflektierten Handlung
und der Pose nicht erschöpft. Sie ist auch eine Stütze der Handelnden
selbst. Diese haben einen festen Hintergrund, vor dem sie sich
leicht und sicher bewegen. Die suggestive Kraft der eigenen Pose
hält den Helden aufrecht und erhebt ihn über sein alltägliches
Niveau. Das ist ein typisch romanischer, speziell französischer Zug.
Deshalb kann meine Untersuchung über die reflektierte Handlung
vielleicht dazu dienen, das Wesen der romanischen Pose als eines
Bestandteils der romanischen Geistesstruktur an einer Beispielreihe
zu veranschaulichen. Dem Romanen ist die Pose in der Tat etwas
anderes als uns, etwas weniger Äufserliches. Indem er die gegebene
Pose erfüllt, wächst er in sie hinein und wird das wirklich, was
er spielte.
ARTHUR FRANZ.
Der Silenoeroman von Heldris de Oornualle,
Ich habe schon mehrfach auf diesen altfranzösischen Roman
hingewiesen, cp. Z. f. frz. Spr. u. Lit. 43, 1,74 und 47, I, 73, und
besonders Nature, Niemeyer Halle 1917, S. VI, worin ich einige
Textproben aus dem Romane gab. Die kritische Ausgabe, die
wegen der Kriegszeit und anderer Arbeiten zurückgestellt werden
mulste, ist weit fortgeschritten. Da aber der Text das Interesse
der Literarhistoriker erwecken dürfte, will ich eine Inhaltsangabe
dieses bisher ganz unbekannten Romans geben.‘ Es wird auch
nötig sein, einige der durch den Roman erwachsenden literarischen
Probleme anzuschneiden, denn stofflich ist der Roman von nicht
unbeträchtlichem Interesse. So hoffe ich, dafs diese kleine Gabe
unserem Jubilar, der stets ein reges Interesse für die alt- wie neu-
französische Literatur gezeigt hat, nicht unwillkommen sein wird. —
Aufmerksam wurde ich auf den Roman durch die kurze Nachricht
über die Handschriften des Lord Middleton in Wollaton Hall in
der Romania 42, ı44ff. Nach längeren Bemühungen erhielt ich
durch Herrn W.H. Stevenson vom St. John’s College in Oxford
die Schwarzweifsphotographie des Textes, wofür ich ihm auch an
dieser Stelle herzlichst danke.
Stevenson hat die Handschriften in seinem Report on the
Manuscripts of Lord Middleton preserved at Wollaton Hall, Notting-
hamshire, London ıgıı, der von der Historical Manuscripts
Commission veröffentlicht wurde, sorgfältig beschrieben. Von der
uns interessierenden Handschrift sagt Stevenson I. c. S. 221: A
siout volume, measuring about eight inches by twelve, written ın an
early thirteenih century French hand .. .!“
S. 224 sagt Stevenson: III. (Fo. 189) — A foem of about six-
thousand five hundred octosyllabic lines of the Arthuriän cycle, evidently
based upon Geoffrey of Monmouth. As appears from Ihe first line?
the author was a Master Heldris (= Hildric, Heudri) de Cornvalle,
a name hitherto unknown.“ Ferner gibt Stevenson noch ein paar
ganz kurze Textproben. Das ist alles, was bisher über den Text
gebracht worden ist.
I Cp. Friedwagner, Z. f.r. Ph. 39, 585, der sich für dieselbe Handschrift
wegen der Vengeance Raguidel interessierte.
® Der Name kehrt auch gegen Ende V. 6682 wieder:
Maistre Heldris dist chi endroit ...
88 HEINRICH GELZER
Ich gebe nunmehr eine genaue Inhaltsangabe, damit mit dem
Roman literarhistorisch gearbeitet werden kann. Ich gedenke dabei
mit Dank der Inhaltsangaben unedierter Werke bei Gaston Paris,
Histoire litteraire de la France B. XXX, der einzigen grofszügigen
Übersicht über die Artusromane, die im meisten noch heute nicht
überholt ist.
Einleitung.
Maistre Heldris de Cornualle schreibt sein Werk nach den
Regeln der Kunst, aber nur für Leute, die Verständnis dafür haben
und nicht für die, die Geld der Ehre vorziehen; vor allem nicht
für die Geizigen. Aber der Geiz beherrscht jetzt die Welt. Über-
haupt ist die Verderbnis jetzt weit verbreitet, besonders an den
Höfen. Aber er will mit dem Schelten aufhören und sein Werk
beginnen.
I. Teil.
In England herrschte einst mächtig König Ebain. Er führte
einen langen Krieg mit König Bege von Norwegen. Norwegen
leidet sehr unter dem Krieg, und der Rat der Norweger schlägt
eine Heirat zwischen Ebain und Eufeme, der Tochter von Bege,
vor, um den Krieg zu beenden. Ebain ist einverstanden, da er
sie schon lange geliebt hat. Er holt sie feierlich ein, und die
Heirat findet statt. Vier Monate dauert die Hochzeitsfeier. So
war es in der alten Zeit; aber die schlechten Menschen der Gegen-
wart kennen solchen Brauch nicht mehr.
In Ebains Land war ein Graf, der zwei Zwillingstöchter hatte.
Zwei Grafen heiraten die beiden Mädchen; aber sie geraten in
Streit über das Erbe. Sie fordern sich heraus, in Cestre findet
der Zweikampf statt, beide sterben an ihren Wunden. Ebain,
darüber erzürnt, bestimmt nun, dafs Frauen in England nicht mehr
erben dürfen.
Der König verläfst Cestre. Als er durch den Wald von Malroi
reitet, tötet eine Schlange dreilsig Leute aus seinem Gefolge. Der
König setzt für den Besieger der Schlange einen Preis aus: Eine
Grafschaft und die Hand eines Edelfräuleins nach eigener Wahl.
Cador preu, der Neffe des Königs, liebt die Tochter des Grafen
Renalt von Cornualle, Eufemie. Er will deshalb den Kampf mit
der Schlange wagen. Er stärkt sich im Gebet und erlegt das
Tier. Der König freut sich sehr darüber. Zusammen reiten sie
weiter nach Herincestre. Cador wagt aus Liebesangst nicht um
Eufemie zu bitten. In der Nacht wird er krank infolge des Giftes
der Schlange. Der Kämmerer Ades meldet es dem König, und
dieser ruft die heilkundige Eufemie, die Cador heilen soll. Sie
heilt ihn auch, aber er ist kränker geworden, aus Liebe. In einem
langen Monolog klagt und leidet er. Indessen leidet auch Eufemie,
die von Liebe zu Cador ergriffen ist; so leiden beide. Bei Tages-
DER SILENCEROMAN VON HELDRIS DE CORNUALLE. 89
anbruch geht sie zu Cador; sie will sagen: amis, parlös a mi, sagt
aber: parles hay mi. Es folgt eine Betrachtung über a mi und ay m:.
Endlich gestehen sie sich ihre Liebe, aber sie zweifeln, ob der
König Wort halten wird. Denn auch Eufemie gegenüber ist der
König verpflichtet: er hat ihr für Cadors Heilung die Wahl eines
Edelmanns als Gatten freigestellt. Sie gehen zum König, der darüber
mit seinen Vasallen berät. Inzwischen sind die Liebenden in
grolser Angst; da kommt der Graf von Cestre im Auftrage des
Königs und sagt ihnen, dafs der König sie beide für einander
bestimmt hat. Die Hochzeit wird gerüstet, Renalt von Cornualle,
der Vater der Eufemie, kommt an den Hof des Königs. Renalt
ist ein Ehrenmann; solche gibt es jetzt nicht mehr. Es folgt wieder
eine Betrachtung über die Schlechtigkeit der Welt.
Renalt reist mit Tochter und Schwiegersohn nach Hause.
Bald darauf stirbt er, und Cador wird Graf von Cornualle.
Jetzt will der Dichter das Abenteuer vom Kinde Cadors
erzählen. Cador spricht mit seiner Frau über das zu erwartende
Kind. Es soll heimlich geboren werden, nur Cadors Base soll
seine Frau pflegen. Wenn das Kind geboren ist, soll die Base
auf jeden Fall einen Sohn melden, damit das Erbe erhalten bleibt.
Das Kind wird geboren, es ist ein Wunderwerk der Natur. Die
Base meldet einen Sohn, es ist aber eine Tochter. Der Graf will
sie nun als Sohn erziehen lassen wegen des Erbes. Silence soll
er heifsen, weil die Wahrheit verschwiegen werden muls. Damit
das wahre Geschlecht des Kindes nicht erkannt wird, wird dem
Priester gesagt, das Kind sei krank. Es findet eine Nottaufe statt.
Das Kind wird von der Base und einem Seneschall in einem ein-
samen Hause aufgezogen. Nature ist voll Zorn über die Täuschung.
Das Mädchen wächst nun als Knabe auf und wird sorgfältig erzogen.
Als es älter ist, erzählt ihm sein Vater die. Wahrheit. Silence wird
nun als Ritter erzogen. Als das Mädchen zwölf Jahre alt ist, tadelt
Nature sie, sie solle zu weiblichen Arbeiten gehen. Da kommt
Noreture und redet dagegen. Silence folgt Noreture.
Zwei Menestrels verirren sich in der Nacht und kommen an
das einsame Haus. Sie werden gastlich aufgenommen und von
Silence freundlich bedient. Silence überlegt sich in der Nacht, er
will mit den Menestrels gehen, um ihre Kunst zu lernen. Er weils
ja nicht, ob er in chevalerie etwas leisten wird und ob er nicht
später wieder Frauenkleidung tragen kann. Er nimmt von den
Menestrels Abschied, um auf die Jagd zu gehen. Statt dessen ver-
kleidet er sich, er färbt sich, um unkenntlich zu werden und fährt
mit den Menestrels nach der Bretagne. Hier gibt er sich ihnen
zu erkennen. Er will ihnen dienen, dafür sollen sie ihn ihre Kunst
lehren.
Inzwischen wird Silence zu Hause vermifst; der Seneschall
und die Base sind verzweifelt über sein Verschwinden, ebenso die
Eltern, die in grofse Klagen ausbrechen. Der Seneschall meint,
die Menestrels hätten ihn geraubt. Deshalb werden von Cador
90 HEINRICH GELZER,
alle Menestrels bei Todesstrafe aus dem Lande verbannt. Kein
Menestrel darf das Land betreten.
Drei Jahre wandert Silence mit den Menestrels und lernt ihre
Kunst so gut, dafs er sie weit übertrifft. Die Menestrels werden
neidisch darüber. Silence hat seinen Namen abgelegt und nennt
sich Malduit, weil er nach seiner Natur schlecht unterrichtet ist.
Sie kommen an den Hof des Herzogs von Burgund. Dieser zieht
Silence derartig vor, dafs die Menestrels ihn zu töten beschlielsen.
Sie nehmen Abschied vom Herzog, um nach Spanien zu reisen.
In der Nacht träumt Silence, Hunde wollten ihn zerreisen. Vor
Schreck wacht er auf; da hört er im Nebenzimmer die Menestrels
reden, die ihren Mordplan aushecken. Am nächsten Morgen weigert
er sich, mit ihnen zu reisen. Sie zahlen ihm hundert Mark vom
Gewinn aus und reisen allein ab, Silence bleibt beim Herzog von
Burgund, macht sich aber bald auf den Weg zu seinen Eltern. Er
geht in das beste Gasthaus, der Wirt erschrickt, weil er Spielmann
ist, und erzählt ihm von dem Bann gegen die Jongleurs. Silence
spielt so schön, dals das Volk ihm bewundernd zuhört. Am nächsten
Morgen wird er vor den Grafen geführt, unterwegs spielt er auf
seiner zwielee. Ein Alter erkennt ihn, aber der Graf glaubt ihm
nicht. Der Alte rät ihm, den Spielmann nach seinem Sohne zu
fragen. Der Graf führt Silence in ein Nebenzimmer, und nun gibt
er sich zu erkennen. Silence sagt, warum er geflohen ist, und der
Graf erkennt ihn an einem Kreuz auf der rechten Schulter. Grofs
ist die Freude Cadors, seiner Frau und des ganzen Landes. Cador
hebt den Bann über die Menestrels auf.
II. Teil.
Der König erfährt davon und entbietet Cador und Silence
an seinen Hof. Silence ist am Hofe gern gesehen. Die Königin
verliebt sich in ihn. Als der König auf der Jagd ist, ruft sie
Silence in ihr Zimmer, der sie mit Harfenspiel unterhalten soll.
Sie sucht Silence zu verführen, wird aber zurückgewiesen. Sie
sinnt nun auf Rache. Es folgt eine Betrachtung über die Liebe.
Die Königin lockt Silence zum zweiten Male auf inr Zimmer, sucht
ihn zu verführen und wird wieder abgewiesen. Nun ruft sie um
Hilfe, Silence wolle sie vergewaltigen, und hält Silence so lange
fest, bis der König dazu kommt. Ihm gegenüber verklagt sie Silence.
Aber der König ist besonnen. Lob der Mäfsigung. Ebain beschlielst,
Silence zum König von Frankreich zu schicken mit einem Brief, der
König von Frankreich soll Silence bei sich behalten und zum Ritter
schlagen. Während der Kanzler den Brief schreibt, schreibt die
Königin einen anderen, in dem steht, Ebain bitte den König von
Frankreich, dem Boten den Kopf abschlagen zu lassen. Dieser habe
Ebain beleidigt, aber der König könne sich wegen der vornehmen
Verwandtschaft des Boten nicht an ihm rächen. Silence kommt
DER SILENCEROMAN VON HELDRIS DE CORNUALLE. 91
vor den König von Frankreich; dieser küfst ihn zur Begrüfsung
und befiehit dem Kanzler, den Brief zu lesen. Als der König den
Inhalt gehört hat, wird er nachdenklich: Da er ihn gekülst hat,
darf er ihn nicht töten; andererseits will er dem König von England
seinen Wunsch nicht abschlagen. Er ruft einen Rat der Grafen
von Blois, von Navers und von Clermont zusammen. Der Graf
von Blois, der älteste, sagt, der König mufs einen Aufschub von
vierzig Tagen geben wegen des Kusses; dann kann er tun, was
er will. Clermont sagt, er solle ihn freilassen. Navers sagt, nach
den vierzig Tagen soll er ihn zu einem fernen Freunde schicken,
der ihn töten soll. Schliefslich sagt Clermont dem König, ohne
dafs man sein Verbrechen wisse, dürfe man den Boten nicht töten. :
Der König findet das richtig, weils aber nicht was tun. Clermont
rät, der König solle an den König von England um Aufklärung
schreiben und Silence solange in Ruhe lassen. König Ebain erhält
den Brief, zieht den Kanzler zur Rechenschaft und wirft ihn ins
Gefängnis. Inzwischen ist Silence in Frankreich bei allen sehr
beliebt. Der englische Kanzler im Kerker zu Winchester erinnert
sich, dafs die Königin den Brief in Händen gehabt hat, und sagt
das dem König. Es wird ein neuer Brief geschrieben, ein ver-
räterischer Graf habe den ersten gefälscht. Der König von Frankreich
ist sehr froh über die Lösung. Mit siebzehn und einem halben
Jahre wird Silence zum Ritter geschlagen. In einem grolsen Turnier
bleibt Silence siegreich. Betrachtung über cortoisie: Anstand ist
Erziehungssache. In Frankreich lieben und bewundern alle den
tapferen Ritter. Da bricht in England ein Aufstand aus. Ebain
bittet seine Frau, ihm zu erlauben, Silence zurückzuholen. Be-
trachtung über die falsche Liebe der Frau. Die Königin sagt, sie
habe nichts gegen Silence, und der König entbietet den jungen
Ritter. Silence stölst mit dreifsig ders zum königlichen Heer. Der
feindliche Graf ist aus Cestre gewichen und hat sich in einer festen
Burg festgesetzt. Silence wappnet sich zum Kampf, redet seine
französischen Genossen an; dann beginnt die Schlacht. König
Ebain und der feindliche Graf kämpfen, der König fällt vom Rofs.
Silence kämpft wie ein Löwe. Drei französische Begleiter Silencens,
Gui de Calmont, Roger de Bialmont und Hyeble de Chastel-Landon
helfen dem König wieder in den Sattel. Silence nimmt den feind-
lichen Grafen Conan gefangen. Die Schlacht endet mit dem völligen
Siege der Königlichen.
Die Königin ist bekümmert. Sie will entweder Silencens Liebe
gewinnen oder sich an ihm rächen. Nun möge Gott Silence
schützen! Er ist in hoher Gunst beim König, aber die Königin
lockt ihn wieder in ihr Zimmer und versucht, ihn zu verführen.
Silence weist sie ab, er habe schon eine Geliebte. Nun sagt die
Königin dem König, Silence stelle ihr immer noch nach. Der
König wird zornig und will sich rächen, weils aber nicht wie.
Die Königin erzählt ihm vom Turmbau Fortigiernes und von
Merlin, der allein den Turm bauen konnte, seitdem aber verschwunden
92 HEINRICH GELZER,
ist. Nur durch Frauenlist kann Merlin gefangen werden. Silence
soll Merlin fangen, der dem König eine angebliche Vision deuten
soll. Wenn Silence den Befehl nicht ausführt, soll er verbannt
werden.
Silence bricht traurig. auf. Nach einem halben Jahre des
Suchens trifft er am Rand eines grofsen Waldes einen Mann, der
ganz weils am Rücken ist; dem erzählt er seine Aufgabe. Der
Alte weils Bescheid über Merlin; Merlin ist ganz behaart wie ein
Bär, schnell wie ein Hirsch der Heide und lebt von Wurzeln. Er
haust in der Nähe; aus einer nahen Quelle pflegt er zu trinken,
seit vier Tagen war er nicht da, weil sie jetzt trocken ist. Silence
. soll dableiben; der Alte wird am nächsten Morgen wiederkommen
und Wein, Honig und Milch in drei Gefäfsen, sowie frisches Fleisch
mitbringen. Silence soll dann ein Feuer machen und das Fleisch
braten; Merlin wird es riechen und herbeikommen. Silence soll
sich dann verstecken. Das Fleisch soll sehr gesalzen sein, den
Honig soll Silence in die Nähe stellen, die Milch etwas weiter, den
Wein am weitesten. Merlin wird das Fleisch essen, dann durstig
werden und alles austrinken. Dann soll Silence bereit sein, ihn
zu fangen. Der Alte bringt am nächsten Morgen alles und ver-
abschiedet sich. Silence befolgt seinen Rat und brät das Fleisch.
Merlin riecht den Duft und nähert sich dem Feuer. Da kommt
Noreture und klagt, dafs Nature sie in Merlin bezwinge. Nature
wird zornig, Noreture antwortet, die Erbsünde stamme von Nature.
Aber Nature schilt sie: die Erbsünde stamme von Noreture. Diese
solle sich davon machen; bei Merlin habe sie verlorenes Spiel.
Noreture flieht, und Nature zwingt Merlin, zum Feuer zu laufen.
Merlin frifst und säuft sich voll und schläft ein. Silence kommt
und fesselt ihn. Merlin fragt ihn nach Namen und Absicht. Aber
Silence sagt, er werde ihn töten, weil er Gorlains, seinen Vorfahren,
getötet habe, als er Uterpandragon in des Herzogs Gestalt ‚zu
dessen Frau geführt habe, die da Artu empfing. Merlin selbst
wäre in Gestalt des Seneschalls dabei gewesen. Merlin ist gar
nicht traurig, denn er weils schon, wie die Sache ausgehen wird.
Silence führt nun Merlin gefangen fort. Die Nachricht vom Fang
Merlins kommt zum König. Dieser ist sehr zornig darüber, weil
er hofite, Silence niemals wieder zu sehen. Darum ist er zornig
auf Merlin, der doch nur durch Frauenlist gefangen werden sollte.
Das ganze Land ist in Aufregung, über siebenhundert ziehen den
beiden entgegen. Am Rande der Stadt treffen Silence und Merlin
einen zilam, der zwei neubesohlte Schuhe in der Hand trägt.
Merlin beginnt zu lachen, sagt aber den Grund nicht. Dann
kommen sie zu einer Abtei, da sieht Merlin einen Aussätzigen
betteln. Er lacht wieder wie toll, sagt aber den Grund nicht.
Dann kommen sie zu einem Friedhof. Neben der Kirche in einem
der Höfe findet ein Begräbnis statt; ein Priester singt und ein
Bürger weint und schreit. Merlin lacht wieder, gibt aber den
Grund nicht an. Merlin wird nun vor den König geführt; aber
DER SILENCEROMAN VON HELDRIS DE CORNUALLE. 93
auch dem König will er nicht sagen, warum er gelacht hat. Der
König wird zornig und droht, ihn martern zu lassen. Da lacht
Merlin über den König, dann über sich selber, dann über Silence,
weigert sich aber immer zu reden. Merlin wird mifshandelt. Die
Königin hat eine Nonne bei sich, diese verspottet ihn. Merlin
lacht über sie, weigert sich aber wieder zu sprechen. Die Königin
verhöhnt Silence, der einen solchen Wahrsager mitgebracht habe.
Silence verteidigt sich, da lacht Merlin über die Königin. Der
König wirft Merlin in den Kerker und läfst ihn drei Tage fasten.
Am vierten lälst er ihn vor den versammelten Hof führen; falls
er nicht spricht, wird ihm der König den Kopf abschlagen lassen.
Nun spricht Merlin: er lachte über den zsJa:» mit den Schuhen,
weil dieser sterben muls, ehe er nach Hause kommt. Der König läfst
nachfragen, es bestätigt sich. Nun fragt ihn der König, warum er
vor der Abtei gelacht habe. Merlin antwortet: Arme bettelten dort,
und unter ihren Fülsen liegt ein grolser Schatz verborgen. Er
wird gefunden. Nun fragt der König, wie es damit stände, dafs
er, Merlin, nur durch Frauenlist gefangen werden könne. Merlin
weicht aus und verschiebt die Antwort auf später. Der König
fragt weiter, warum Merlin bei dem Begräbnis gelacht habe. Merlin
erwidert: Der Priester sang für den Toten, und der Bürger weinte,
Der Bürger hätte fröhlich sein sollen, denn das Kind war das
Kind des Priesters. Die Königin schilt Merlin, dafs er die Frauen
verleumde und bedroht ihn mit dem Tod. Der König wird zornig,
schilt über die Frauen und schickt sie auf ihr Zimmer. Nun fragt
der König Merlin, warum er über ihn, über sich und über Silence,
und dann über die Nonne und über die Königin gelacht hat.
Merlin beginnt zu antworten. Da erschrecken die Königin, die
Nonne und Silence, der fürchtet, dafs nun sein Geheimnis enthüllt
wird. Merlin erklärt nun, warum er über die fünf gelacht hat.
Er sagt: „Alle haben sich gegenseitig getäuscht, einer von uns ist
entehrt worden, zwei von uns haben zwei von uns unter falscher
Kleidung getäuscht.“ Alle Anwesenden erschrecken über die rätsel-
haften Worte Merlins. Der König verlangt nun die Erklärung. Da
spricht Merlin: „Die Königin hat euch entehrt; Silence und die
Nonne haben uns beide getäuscht. Die Nonne täuschte euch in weib-
lichem Gewand, und Silence mich in männlichem Gewand. Die
Nonne ist ein Mann, Silence ein Mädchen.“ Der König befiehlt beide
zu entkleiden, Merlins Rede bestätigt sich. Nun fragt er Silence
nach dem Grunde der Verkleidung und wie es mit seinen Ver-
gewaltigungsversuchen der Königin gegenüber gewesen wäre. Silence
gesteht die Wahrheit; wegen des Erbes ist er als Mann erzogen
und gekleidet worden, die Königin hafst ihn, weil er nicht ihr
Geliebter werden wollte. Der König gibt den Frauen das Erbrecht
wieder; alle am Hof freuen sich darüber. Die Nonne wird hin-
gerichtet, und die Königin wird von Pferden zerrissen. Silence
werden Frauenkleider angezogen; erst hiels sie Silentius, nun Silentia.
Nature entfernt alles Männliche von ihr. Der König nimmt sie
94 HEINRICH GELZER,
zur Frau; ihre Eltern, Cador und Eufemie, kommen, und grofse
Freude herrscht.
. Schlufs.
Heldris lobt die guten Frauen; er wollte nicht die Frauen,
sondern nur die schlechten Frauen tadeln. Er hat Eufeme sehr
getadelt, aber Silence noch mehr gelobt. Darum soll keine gute
Frau ihm zürnen, sondern sich nur noch mehr bemühen, tugend-
haft zu sein.
Gesegnet sei der Vortragende, gesegnet sei der Dichter. Den
Männern und Frauen, die das Gedicht anhörten, gebe Jesus, was
sie begehren. —
Wenn wir den Inhalt des Werkes betrachten, läfst sich einiges
von der Kompositionsweise des Dichters erkennen. Als Kernproblem
schält sich folgendes heraus: Ein Mädchen kommt verkleidet als
Ritter an den Hof eines Königs. Die Königin verliebt sich in
den angeblichen Jüngling, wird abgewiesen und sucht sich zu
rächen. Das verkleidete Mädchen entgeht den Gefahren, fängt
Merlin, der die treulose Königin entlarvt. Der König heiratet das
Mädchen.
Dazu fügt der Dichter eine Vorgeschichte der Eltern des
Mädchens, ein bekanntes episches Motiv. Auch wie die Eltern zu-
sammenkommen, zeigt Verwertung beliebter zeitgenössischer Motive:
Drachenkampf und Hand einer Dame als Preis, sowie Heilung
des kranken Siegers durch die Geliebte.
Selbständig gefunden ist wohl die Begründung, warum das
Mädchen als Knabe aufgezogen wird, nämlich um ihm das Erbe
zu erhalten. König Ebain hat, weil zwei Grafen einander um des
Erbes ihrer Frauen willen im Zweikampf töteten, in England das
Erbrecht der Frauen abgeschaflt. Bei der Heirat des Königs mit
Silence wird auf deren Bitten das Erbrecht der Frauen wieder
eingeführt. Ich sagte schon, hier scheint der Dichter originell zu
sein; vielleicht hat die Sache auch einen historischen Hintergrund.
Die Jugendgeschichte von Silence zeigt auch altbekannte Motive:
die Landflucht des Helden mit Färbung zur Unkenntlichmachung
und Verkleidung als Spielmann. — Wenden wir uns zum Haupt-
problem. Hierzu findet sich eine interessante Parallele in der
Geschichte von Grisandole, die in den Prosaroman von Merlin in
der Vulgataversion eingeschaltet ist, cp. H.O. Sommer, The vulgate
version of the arthurian romances, Washington 1908, vol. II,
S. 281— 292. Der Inhalt der Episode ist folgender: Merlin trennte
sich von Artus und ging in den Wald von Romenie. Julius Caesar
war Kaiser von Rom und hatte eine Frau aus edlem Geschlecht,
aber von wollüstiger Art. Sie hatte zwölf Jünglinge bei sich, die
Frauenkleider trugen. Wenn der Kaiser abwesend war, schliefen
sie bei ihr. Zu dieser Zeit kam eine Jungfrau an den Hof des
Kaisers, die Tochter von Mathem, dem Herzog von Alemaigne,
DER SILENCBROMAN VON HELDRIS DE CORNUALLE. 95
der von Frole vertrieben worden war. Sie kam als Knappe ge-
kleidet, weil sie heimatlos war und nicht wulste, was aus ihren
Eltern geworden war. Niemand merkte ihr an, dafs sie kein Mann
war. Sie gefällt dem Kaiser, der sie zum Ritter schlägt und dann
zu seinem Seneschall macht; sie nannte sich Grisandole, ihr Tauf-
name aber war Avenable. In einer Nacht hatte der Kaiser einen
Traum: Er sah eine grolse Sau mit einem goldenen Reif auf dem
Kopf. Da kamen zwölf junge Wölfe und besprangen die Sau,
einer nach dem andern. Der Kaiser fragte, was mit den Tieren
geschehen sollte, und man sagte ihm, sie sollten zur Strafe ver-
brannt werden, und sie wurden auch alle verbrannt. Der Kaiser
erwachte und wurde sehr nachdenklich, sagte aber seiner Frau
nichts davon.
Merlin verwandelte sich in einen Hirsch, kam nach Rom in
den Palast zum Kaiser und sagte ihm, dafs nur der wilde Mann
ihm seinen Traum erklären könne. Dann entfloh der Hirsch. Der
König erklärte nun, er wolle seine Tochter und die Hälfte seines
Reiches dem geben, der den wilden Mann oder den Hirsch fange.
Viele versuchten es, aber ohne Erfolg.
Auch Grisandole machte sich auf; eines Tages erschien ihm
der Hirsch und sagte ihm, er solle sich Fleisch, Milch, Honig und
Brot verschaffen, vier Gefährten und einen Jungen mitnehmen;
dann solle er ein Feuer anzünden und daneben auf einen Tisch
das Brot, die Milch und den Honig stellen. Dann solle er sich
mit seinen Gefährten verstecken, der wilde Mann würde schon
kommen. Nach diesen Worten verschwand der Hirsch. Grisandole
befolgte die Ratschläge des Hirsches. Das Feuer wurde angezündet,
der Junge drehte den Bratspiefs mit dem Fleisch, der Duft des
gebratenen Fleisches verbreitete sich, und ein ganz bärtiger und
schwarzer wilder Mann erschien,. frals alles auf und schlief neben
dem Feuer ein. Nun kamen Grisandole und seine Gefährten herbei
und banden ihn mit einer eisernen Kette. Sie ritten zum Kaiser
zurück. Der wilde Mann sah Grisandole an und lachte. Grisandole
fragte ihn nach dem Grunde, er lehnte aber ab zu antworten, ehe
sie vor dem Kaiser wären. Sie kamen vor eine Abfei, wo viele
Arme auf Almosen warteten. Da lachte der wilde Mann wieder;
Grisandole fragte ihn wieder nach dem Grunde, doch er lehnte
wieder jede Auskunft ab. Sie kamen zu einer Kapelle; darin
beteten ein Ritter und ein Knappe. Plötzlich geht der Knappe
auf den Ritter zu und gibt ihm eine mächtige Ohrfeige; das wieder-
holt sich noch zweimal. Jedesmal lachte der wilde Mann, ver-
weigerte aber die Auskunft. Sie kamen in die Stadt, und der
wilde Mann wurde vor den Kaiser geführt. Er erklärte, Christ
und getauft zu sein, und erzählt seine Herkunft. Er würde auch
erzählen, warum er gelacht hat und noch anderes mehr, aber erst
solle der Kaiser seine Barone entbieten. Am vierten Tag war
der Hof entboten; auch die Kaiserin und ihre zwölf Jungfrauen
erschienen auf Wunsch des wilden Mannes. Der wilde Mann lachte
96 HEINRICH GELZER,
über sie. Nun bittet ihn der Kaiser zu sprechen. Da erzählt der
wilde Mann dem Kaiser dessen eigenen Traum ganz genau. Der
Kaiser gibt zu, dafs alles richtig wäre. Nun erklärt der wilde
Mann den Traum: die Sau bedeutet die Kaiserin, die zwölf jungen
Wölfe sind die zwölf Jungfrauen der Kaiserin, die verkleidete
Jünglinge und die Liebhaber der Kaiserin sind. Der Kaiser wird
sehr zornig und befiehlt seinem Seneschall Grisandole, die Jung-
frauen zu entkleiden. Es zeigt sich, dafs der wilde Mann die
Wahrheit gesagt hat. Nach dem Urteil der Barone werden die
Kaiserin und die zwölf Jünglinge verbrannt.
Nun will der Kaiser wissen, warum der wilde Mann über
Grisandole, vor der Abtei, in der Kapelle und über die Kaiserin
gelacht hat. Über Grisandole lachte er, weil er durch Frauenlist
gefangen wurde, denn Grisandole ist eine Frau. Vor der Abtei
lachte er, weil unter den Fülsen der Bettler sich ein grolser Schatz
befindet.
Dann erklärt der wilde Mann die drei Ohrfeigen, die der
Knappe seinem Ritter in der Kapelle gab [für uns hier ohne
Interesse].
Über die Kaiserin lachte er, weil sie den besten Gatten hatte
und sich doch mit den zwölf rıdaus einliefs.
Der Kaiser läfst den Schatz ausgraben und Grisandole unter-
suchen. Wieder bestätigen sich die Wahrsagungen des wilden
Mannes. Er offenbart noch die Herkunft Grisandoles und rät dem
Kaiser, sie zu heiraten.
Nun fragt der Kaiser, wie er heilse und wer der Hirsch ge-
wesen sei. Aber der wilde Mann verweigert die Antwort und geht
for. Am Ausgang des Saales schreibt er in schwarzen Buchstaben
auf hebräisch, dals der wilde Mann Merlin von Norhomberlande
und der Hirsch Merlin, der Ratgeber von Artus, gewesen sei. Der
Kaiser läfst die Eltern von Grisandole und ihren Bruder Patrice
holen, setzt sie wieder in ihr Erbe ein, heiratet Grisandole und
gibt Patrice seine Tochter zur Frau.
Die Buchstaben, die Merlin am Eingang der Halle geschrieben
hatte, werden erklärt und verschwinden dann auf wunderbare Weise.
Der Kaiser und Grisandole aber lebten herrlich und in Freuden. —
Vergleichen wir nun die beiden Erzählungen, Grisandole (G)
und Silence (S), so finden sich starke Übereinstimmungen, aber
auch beträchtliche Unterschiede.
Das verkleidete Mädchen im
Dienste eines Kaisers (Königs) G S
verkleidete Jünglinge (Nonne) im G S
Dienste der Kaiserin (Königin) (12 Jünglinge) (Nonne)
Traum des Kaisers (Königs) G S
(fingierter Traum,
abgeschwächtes
sekundäres Motiv)
DER SILENCEROMAN VON HELDRIS DE CORNUALLE. 97
Abenteuer auf Betreiben der zu-
rückgewiesenen Königin
der Fang des wilden Mannes
nachdem er gefressen hat
an]
un un un
Lachen des wilden Mannes:
über seinen Überwinder
beim Begräbnis
über den zı/ams mit den Schuhen
über die Armen bei der Abtei
über den Knappen, der seinen
Herrn schlägt
über die Kaiserin (Königin)
über den König, über sich
der Gefangene erklärt sein Lachen
Bestrafung der Kaiserin (Königin)
aalaa a||a
(verbrannt) (von Pferden
zerrissen)
Bestrafung der verkleideten Jüng- G S
linge (Nonne) (verbrannt) (hingerichtet)
der Kaiser (König) heiratet das
Mädchen G S
Es ist klar, dafs keine der beiden Versionen G und S aus
der anderen abgeleitet werden kann, vielmehr beide auf ältere
Quellen zurückgehen müssen.
Es handelt sich bei beiden Erzählungen um Folklormotive,
über die Lucy Allen Paton, The story of Grisandole, a study
in the legend of Merlin, Publications of the modern Languages
Association of America vol. XXII, 1907, S. 234—276 gehandelt
hat cp. E. Brugger, Z. f. frz. Spr. Lit. 332, 60—63.
Sie weist l.c. nach, dafs es sich um drei Motive handelt: die
treulose Königin, das verkleidete Mädchen, das Fangen des wilden
Mannes. Untereinander combiniert: die treulose Königin liebt das
verkleidete Mädchen, der wilde Mann klärt alles auf, der König
heiratet das Mädchen.
Paton weist die Motive in der internationalen Literatur reichlich
nach.1 Uns interessieren besonders die Parallelen in der franzö-
sischen Literatur.
Zu den Devinailles von Merlin: Merlin-Huth ed. Paris und
Ulrich,2 der v&/aın mit den Schuhen I, 48.
das Begräbnis I, 5of.
Beide auch in der lateinischen Vita Merlini.
1 Cp. ferner Hilka, Neue Beiträge zur Erzählungsliteratur des Mittelalters,
Breslau 1913, zu Nr. I und III.
3 Die Versromane scheinen ihr Wissen über Merlin nur aus Galfrid von
Monmouth bezogen zu haben.
Zeitschr. £. rom. Phil. XLVII. 7
98 HEINRICH GELZER,
Eine ähnliche Devinaille vom Baumblatt cp. Vita Merlini und
Lailoken (Ward, Ro. 22, 510).
Die Abenteuer, in die die zurückgewiesene Königin den angeb-
lichen Jüngling Silence hetzt, sind ebenfalls altbekannte Motive:
Frau Potiphar und Uriasbrief. Bei der letzten Probe, dem Fang
des wilden Mannes,! zeigt sich zwischen Grisandole und Silence
ein bemerkenswerter Unterschied: In Grisandole hilft Merlin selbst
bei seinem Fang, bei Silence gibt der alte Mann die nötigen Rat-
schläge. Es ist dabei nicht durchsichtig, wer eigentlich dieser Alte
ist. Ursprünglich war es wohl auch hier Merlin selbst. Aber dem
Silencedichter erschien es unwahrscheinlich, dafs Merlin seinen
eigenen Fang bewirkt, und so rationalisierte er seine Vorlage.
So werden wir für das Kernstück des Silenceromans eine Vor-
lage annehmen müssen, die der Vorlage der Grisandoleepisode
einigermalsen entsprechen wird. Es ist kaum anzunehmen, dals
der Silencedichter aus damals bekannten Motiven sich sein Thema
geschaffen hat, sondern eben die Ähnlichkeit mit der Grisandole-
episode zwingt uns zur Annahme einer schon geformten Vorlage —
einer mündlichen oder schriftlichen —, die aber nicht erhalten ist.
Für das ganze Werk ist das Vorbild Galfrids von Monmouth
klar zu erkennen: in Milieu und Anschauung, aber auch in Einzel-
heiten. So ist der Name des Königs Ebain aus Galfrid genommen,
cp. Eba, Buch ı2, Kap. ı3, Zeile 14, während allerdings die Namen
Eufeme und Eufemie nicht aus Galfrid stammen, sondern wohl
Erfindung des Maistre Heldris sind. Dagegen ist Cador von
Cornwallis wieder ein Galfridischer Name. Mit Gorlains, der offen-
bar dem Gorlois, dux Cornubiae von Galfrid gleichzusetzen ist,
liegt die Sache komplizierter. Bei Galfrid also Gorlois, bei Silence
Gorlains.. Im Brut heifst er Gornois, V. 8007 und V. 8699. Nun
zeigt die Variante in V. 8007 Gorlins, steht also unsrer Namens-
form nahe. Aber im Brut ist er Graf von Cornwallis, während
er bei Galfrid und im Silence Herzog von Cornwallis ist. Hier
steckt noch ein kleines Problem.?2 Die Stelle im Silenceroman, wo
Gorlains erwähnt wird, hat auch aus einem andern Grunde Be-
deutung. Silence hat Merlin gefangen; Merlin fragt ihn nach seinem
Namen und dem Zweck des Fangens. Da sagt Silence: Mein Vor-
fahre Gorlains wurde durch dich getötet, als du, selbst in verwandelter
Gestalt, den Uterpandragon in Gestalt des Gorlains zu dessen Frau
führtest; in dieser Nacht wurde Artus gezeugt, Silence 6141 fl.
Die Kenntnis der Geschichte der Zeugung des Artus hat der Silence-
dichter aus Galfrid. Aber es ist nicht zufällig, dafs der Dichter
Heldris de Cormualle heilst: Wir finden hier ein Moment von
cornwallisischem Lokalpatriotismus. Silence sagt, er wolle seinen
1 Der wilde Mann scheint nicht von Anfang an mit Merlin identisch ge-
wesen zu sein, cp. Lailoken (s. o.).
8 Interessant ist auch die Form Fortigierne im Silence. Bei Galfrid, im
Brut, den arthurischen Vers- und Prosaromanen finde ich blofs die Form mit V.
Nur im englischen Arthour and Merlin ed. Kölbing stets Fortiger.
DER SILENCEROMAN VON HELDRIS DE CORNUALLE, 09
Vorfahren rächen. Dabei ist davon vorher gar keine Rede. Fr
hätte nie daran gedacht, Merlin zu fangen, wenn der König es ihm
nicht befohlen hätte. Aus diesem Lokalpatriotismus heraus ver-
stehen wir auch die Wahl des Namens Cador für den Vater des
Helden und den Helden des ersten Teils des Romans. Cador,
dux Cornubiae, spielt eine untergeordnete Rolle im Galfrid; aber
weil er Cornwalliser ist, hat ihn der Silencedichter gewählt. Er
hat aus Galfrid alles zusammengesucht, was mit Cornwallis zu-
sammenhängt.
So können wir die Kompositionsarbeit des Silencedichters in
grofsen Zügen erkennen. Das Kernstück: das Folkloremotiv
Grisandole, wovon er eine — schriftliche oder mündliche —
Vorlage kannte; dazu eigene Einleitung und Begründung unter
Verwertung damals in der französischen Literatur geläufiger Motive,
Kenntnis und Verwertung von Galfrid von Monmouth unter dem
Gesichtspunkt eines besonderen Interesses für Cornwallis. Noch
ein Wort zum Namen des Dichters: Heldris. Es ist offenbar ein
germanischer Name, aber er findet sich schon im Galfrid B. 9,
K.4, Z.44 als Cheldricus, der nach San Marte, Anmerkung zu
dieser Stelle, gleich Cerdic ist.
Als letzter wichtiger Punkt ist anzuführen, dafs ein Mann aus
inselkeltischem Gebiet, nämlich aus Cornwallis, arthurische Stoffe
behandelt, aus demselben Cornwallis, dessen Bedeutung für den
Tristanroman J. Loth, Contributions dä l’&tude des romans de la
table ronde, Paris ıgı2 im 6. Kapitel, Cornwall et le roman de
Tristan, hervorgehoben hat.
HEINRICH GELZER.
y*
Due etimologie,
Catanese Diofru.
Antonio Traina Nuovo Vocabolario sic. it. 3. ediz. Palermo 1890,
rimanda diofrw a elefanti, e nel Vocabolarıetto reca „Diotru s. m.
elefante“. Gli altri vocabolaristi non registrano questa voce, che
realmente non esiste con significato comune nel siciliano. Essa
€ usata a Catania per designare la figura dell’ elefante sormontata
da un obelisco egiziano, che & nella Piazza del Duomo, benche &
naturale che qualche parlante la usi talvolta in traslato per Jofantı
o elefanti in genere, sempre pero avendo presente allo spirito quella
data figura.
Questa & in lava; e per cidÖ non puö supporsi che sia stata
importata in Sicilia, ma deve credersi che sia stata scolpita ivi.
E’ probabile che rimonti all’epoca di Pirro, che, venuto in soccorso
dei Siciliani, sbarcö in Catania, conducendo seco con le truppe
che doveano muovere per Siracusa, i suoi elefanti (cfr. C. Sciuto
Patti, Za fontana dell’ elefante esistente in Calanıa, in Arch. Stor. Sic.
N.S. a XIO p. 257ss.). L’ Elefante poi restöo come emblema della
cittä di Catania.
Chi tentasse spiegare I!’ origine della voce diosrw, prescindendo
dai ricordi storici sul cennato monumento, o anche scolpiti in esso,
farebbe delle supposizioni assolutamente inverosimili.
L’ obelisco, introdotto in Catania verosimilmente dopo Augusto,
fu innestato all’ elefante soltanto nel 1736, come dice la iscrizione
della parte anteriore del monumento. La iscrizione della parte
posteriore addita quella figura dell’ elefante come un oggetto magico,
celebre per i prestigi di un certo Eliodoro (... ex aefneo lapide
simulacrum Heliodori olim pracstigüis celebre ...).
Fazello (DecaIL. III c. ı) da a codesto negromante ambo i
nomi di Diodoro e Ziodoro. Ma D’ Amico (Cafana ıllustrata 1, 365,
380; IH,72, 75) ne cita il nome sotto la forma Ziodoro, che riproduce
la forma genuina Zkodoro, colla sola elisione dell’ atona iniziale.
Questo Eliodoro, quale „discepolo degli Ebrei, negromante,
e fabbro di idoli“ (cfr. M. Amari, Storia dei Musulmani etc. I, 2195),
benche canditato alla Sede Vescovile di Catania, fu perseguitato
da S. Leone de Ravenna, Vescovo di Catania nel 725,
Gli autori citati riconoscono che Diofrw abbia origine da
Elhodoro; e cosi anche G. Gioeni (Saggio di etimol, sic.) Tuttavia mi
sembra opportuno convalidare e giustificare glottologicamente tale
GIACOMO DE GREGORIO, DUE ETIMOLOGIE, 10I
origine, poiche nel siciliano, come anche in molti altri dialetti neo-
latini, sono ben rari i casi dello spostamento dell’ accento. Ora
a confermare la etimologia di diofru da Zliodoro, divenuto per la
elisione della sillaba atona iniziale Zsiodoru, ci serve l’esempio di
Tödaru venuto da Zeoddrus. Liodoru divenne, per assimilazione
di / iniziale al d interno Diodoru; poi 1’ accento si spostö sulla
prima sillaba, e il secondo o, divenuto atono, venne eliso.
Italiano cıurlare.
I dizionari definiscono: non star ben saldo, tentennare; ma
avvertono che la voce si usa solo familiarmente nel modo ciurlare
nel manico. Ne il Caix n& il Koerting n& il Meyer-Lübke registrano
tal voce. Rigutini e Bulle ne dichiarano incerta la etimologia.
La Crusca (V. impressione) la suppone analoga al lat. arcuarı,
moversi in giro, e crede che da essa derivi cwurlo, alterato dal
vino, Fr. Zambaldi, Vocab. etim. it. l’ascrive alla base onomatopeica
chiu voce imitativa del canto dell’ assiolo, pur pensando al ted. quer]
frullo, arnese che gira; alla quale ultima etimologia inclina anche
il Pianigiani, Vocabol. etim. della I. it, pur ricordando !’ etimo crculare.
E’owvio perö che circu- non avrebbe potuto trasformarsi il cur-;
e che neppure lo avrebbe potuto guwir-. Anche la Crusca poi
considera ciwrlo, ubbriaco, come derivato da czurlare; e lo & anche
cturlo il giro della persona che fanno i ballerini su d’ un sol piede.
Di questa voce poi € un diminuitivo ciwrlosto (poco comune), definito
da P. Petrochi (Nuovo dision. univ. della 1. it.) colpo a mano chiusa,
voltando il braccio.
A me sembra che in ciurlare si abbia la fusione di ci(golare)
lo stridere che fanno le legna con i ferri fregati insieme e urlare
dar fuori grida. N popolo, cominciando a profferire la voce cıgolare
pensö, per analogia del significato, anche a urlare; e pronunziando
la prima sillaba, tralasciö le altre, e aggiunse al «- la voce urlare
per intero: cslgolare) urlare.
GIACOMO DE GREGORIO.
Els noms vascos dels mesos de l’any.
Mein Standpunkt ist dieser: erst das Baskische
selbst reden zu lassen, ohne Rücksicht auf Hamitisch
oder Kaukasisch oder welche andere Sprache auch.
Selbst die Vorarbeiten zu einer solchen Betrachtungs-
weise, wie ich sie mir als notwendig denke, sind
noch nicht vorhanden.
(C. C. Uhlembeck, ZJZV XVII, 424.)
ı. L’afirmaciö del gran vascöoleg, que acabem de transcriure,
posa de manifest que totes les investigacions fetes fins ara no han
pas arribat a acertar a donar una filiaciö de la llengua vasca.
La comparacio muütua dels dialectes vascs i la coneixenca del
seu ric vocabulari han de portar necessariament a una concepcid,
molt diversa de la tinguda fins ara, sobre l’origen i estructura de
la llengua vasca. Segurament en estudiar el vasc s’ha abstret
massa el mot del seu ambent i de la seva vida de famiılia. En
empendre un estudi sobre els noms dels mesos vascs es mon desig
de trobar l’orıgen de la llur singular nomenclatura en el mon
romänic que enrotlla aquest pais, del qual hague de sentir fortes
influencies, per tal com el domini d’aquesta llengua era solcat per
les vies romanes que unien l’Aquitänia amb Pextrem de la Tarra-
conensis, amb la Lusitania i amb la B£tica. Per altra banda &s
curiös que el pais creuat per peregrins innombrables que anaven
a Sant Jaume de Galicia, conservi una llengua que res tingui que
veure amb les que l’enrotllen.
Hubschmiedt, Zeitschrift für deutsche Mundarten, XIX, 169 ss.
observa que en els Alps, a Fribourg (Greyez), en el lloc on es
topen els dialectes alemans i romans, es alla on el celta va perdurar
mes temps. Si l’establir un paralel fos possible, creuriem poguer
dir que el vasc s’ha pogut conservar, on &s avui, per trobar-se
enl’indret on conflui una corrent lingüistico-cultural que venia
del sur d’Espanya i una altra, paralela a la que donä origen al
catalä, que venia de la Gallia. Si aixö fos d’altra manera el vasc
s’hauria conservat en les valls d’Hecho, de Broto, de Bielsa, de
Benasc o a la Vall d’Aran.
Representa el vasc la llengua preromana de l’Espanya, arre-
conada per les dues corrents a l’indret on conflueixen els camins
A. GRIERA, ELS NOMS VASCOS DELS MESOS DE L’ANY. 103
de la Gallia i de l’Espanya? Representa el vasc el romänic pre-
literari d’Espanya i de l’Aquitänia, llengua neutral formada en el
pais de les dues confluencies lingüistico-culturals? L’estudi com-
paratiu i documentat dels dialectes vascs amb els gascons i aragonesos
ho resoldrä.
Les fonts d’aquest estudi sön una nota sobre els noms usuals
dels mesos en vasc, proporcionada amablement per l’eminent
vascöleg Dn. Resurrecciön Ma de Azkue i l’article de Julien Vinson,
Le Calandrier vasque publicat en la Revue International des Etudes
Vasques, 1V, 32 ss.
2. Azkue assegura que el vasc z/ component dels noms dels
mesos de l’any, significa ‘lluna’. Aquest significat es certament
ben acertat si &s te en compte que els pagesos dels Pirineus i de
bona part de Catalunya, encara avui, conten l’anyada per llunes,
igualment que els pagesos de Mallorca (Rokseth, Za Oulture des
cer&ales d Majorgue, 55). Prova que antiguament es contava per
Ilunes el fet de que la Pasqua se celebres despr&s del pleniluni
de marc i que una de les disputes mes fortes en els primers temps
de l’Esglesia fos la de la data de la celebraciö de la Pasqua. Si,
per tant, es t& present el caräcter arcaic del vasc, es compren
desseguida la presencia de la //una en la denominaciö dels mesos.
Quin es l’origen del vasc # component dels noms dels mesos ?
El vasc ö te un doble significat: z/ significa ‘lluna’ i ‘morir’. Dos
mots d’origen divers han coincidit i aixö, possiblement, explica
Vorigen de sdargı ‘lluna’. Azkue, Die. vasco ... en Varticle s/ observa
que :/ ‘una’ hoy no se usa mas que en los derivados, como se
vera en muchas de las palabras que siguen a esta. J/ ‘morir’,
compareix amb la variant %s/ ‘matar’. Aquesta aspiraciö ens fa
entreveure quin deu ser l’origen d’aquest mot: EI llatı FINIRE ha
passat al provengal i al catalä finar i finir amb els significats de
‘morir’, ‘extingir-se’, ‘apagar-se’ i, al nostre entendre, ha donat
il en vasc. La F- per regla general, despres de passar per una
aspiracidö, desapareix en gascö i tambe en vasc; la caiguda de la
-N- es tamb& regular en vasci i Palternancia de />r, r >/&s
tambe molt fregüent en vasc: ira < FILICE ‘helecho’, gura < GULA
‘deseo’. EI mot z,, per tant, que externament sembla un mot vasc
dels mes autöctons no &s res mes que un llati FINIRE. Provablement
tamb&E hem d’admetre un origen romanic per z ‘lluna’. Primerament
per raö de la metätesi tant fregüent en vasc la L-, palatalitzada
com en catalä i en bable i en algun dialecte aragones, va passar
a ıl.2 Per altra banda el so # < uU despr&s de passar per & es
pot comprovar perfectament en vasc: s; ‘gendre’ germ. SUNUS,?
ihi *jonc’ < JUNCU?, inguru ‘entorn’ < IN GYRU.
3 Meyer-Lübke, RJZV, XV, 209 ss.
3 Dans certains dialectes ZZ mouill&ee semble s’&tre normalement r&solue
en un groupe sl, Gavel, RIEV, XV, 206.
8 Meyer-Lübke, /b. 226, Gavel, /d. XII, 69.
104 ANTONIO GRIERA,
3. Si el component s/ dels noms dels mesos &s d’origen romänic
ho sön els altres elements integrants? Assagem de demostrarho:
GENER: Els noms vascs d’aquest mes s6n els següents:
URTARIL (B, BN, L)1 ‘gener’, ‘mes del principi d’any’ Hi ha
tres mots vascos que presenten un cert paretiu: urre ‘or’, ur ‘aigua’
i urte ‘any’. Com cal explicar l’etimologia d’aquests tres mots
coincidents en vasc i d’arrels tan diverses en llati? EI mot llatı
AQUA va passar a aua, Comp. l’aragon&s autos ‘actos’. Ara b& el
pas de au cap a o i cap a u &s regular en vasc: urka “forca’
i la naixenga de un -r darrera - es freqüent en vasc: Jau i Jaur
‘quatre’, irw i arur ‘tres’. Si be Navarro Tomäs? constata que
la vasca &s linguo-alveolar, pot haver existit molt b& una -r velar,
igual que en catala,® la qual explicaria l’origen de la -r parässita
de molts mots acabats en -u. I si wr &s un provinent del Ilatı
AQUA, urre pot ser molt be un derivat regular de aur < AURU
amb doble sr i e per a distingir-lo de AQUA i, paralelament,
urle pot ser un representant de ANNU: A +4 N venen a au en vasc:
lau PLANU, mauka ‘manga’ aryaun ‘rem’. La -/ €&s molt possible
que sigui analögica, comp. elurte ‘neu’ < FLOREi el catalä cors ‘cor’,
ort ‘or’, etc. Per altra banda l’epentesi d’una r intervöcalica no
es pas rara en vasc.* Urtail, per tant, pot ser molt be un re-
presentant de ANNU + LUNA.
NEGIL (AN): ‘mes de l’hivern’, ‘gener”. Aquest nom que tambe&
designa el mes de ‘desembre’ deriva, segurament, de NEBULU ‘nuvo!’,
‘fosc’, comp. negu ‘hivern’. Els paralels romänics ens justifiquen
aquesta etimologia: drume ‘desembre’ ‘Nadal’; druma ‘hivern’,
brumo, brumal ‘hivern’.5 Les boires de gener justifiquen de sobres
aquests noms: «Per Sant Vicents s’alcen les boires i el sol entra
pels torrents» (Plana de Vich).
LLOLL (BN) ‘gener’ vegi’s LOTAZIL ‘desembre’.
1z0TzıL (AN) ‘gener’, ‘mes del gel’. Aquest mot &s molt
provablement un representant del llati GELU; foneticament no hi
trobem grans dificultats: com en espanyol la G- passa a ;- com el
llatı FRAXINU vasc lisar. La E que no &s breu sino llarga (la
diftongaciö del castellä %zlo es deguda a la influencia de la G-),
l’obertura del catalä je/ ho prova. Per tant la E llarga de GELU
podia passar molt be a o (vegi’s n. 4) ila -L, per raons que
desconeixem passa a -/z avangant-se al gasco u on la -L ha
passat de ae.
4. FEBRER: aquest mes es Conegut en vasc amb els noms
següents:
ı AN = Alto.nabarro; B = Bizkaino; BN = Bajo navarro; G = Gui-
puozkano; L = Labortano; R = Roncales; S = Suletino: Sön les abreviatures
emprades per Azkue en son Dicionario vasco ...
3 Homenaje a Menendes Pidal, 11, 531.
8 Griera, Contribucid a una dialectologia catalana, 24.
6 Gavel, /b. 217.
5 Merlo, / nomi romansi delle stagione e dei mesi, 21 i 175.
ELS NOMS VASCOS DELS MESOS DE L’ANY. 105
otsaıL (AN, BN, G, L) ‘mes dels llops’ (Azkue), ‘mes del
fred’ (Vinson).1 Creiem mes aviat en un ‘mes de fred’ que no
pas en un ‘mes dels llops’. Sembla que el grup FR- desapareix
en vasc: Jesar ‘freixe’ amb article aglutinat; oskıryı ‘fresc’, otz
‘fred’, EI so o procedent de E llarga, que compareix en zlsolzıl
i que podem comprovar pel catalä del segle IX,?2 ha existit i
existeix en vasc: ori < VIRIDU, bios < PECTUS, el qual so segura-
ment va passar a 3 i a u segons els Casos.
BARANTAILA [barandaila] (Vinson, 25. 33). Exceptuats els anys
de Pasqua molt alta, el Carnaval s’escau sempre pel febrer i tembe& el
diumenge següent, que &s el primer diumenge de Quaresma. Aquest
diumenge Es conegut pel diumenge dels brandons el qual deuria
donar el nom que ens ocupa al febrer pel domini vasc.
«Au moyen äge on le nommait le Dimanche des brandons, par
suite d’un usage dont le motif ne semble pas avoir ete toujours
ni par tout le m&me; en certains lieux, les jeunes gents qui s’etaient
trop laisse aller aux dissipations de carneval devaient presenter ce
jour lä a l’eglise, une torche a la main, pour faire satisfaction
publique de leurs exces.»? Aquest costum ha sobreviscut encara
fins avui en alguns indrets de la Suissa romande i en els Pirineus
occidentals de Catalunya.
ZEZEILA ‘mes dels toros’, ‘mes en el qual els toros cobreixen
les vaques’: Aquest nom &s possible que sigui un representant de
SEDERE. El trobarnos, per una banda amb els mots zezendu ‘resistir-se
la vaca’, zezengei ‘novillo’, zesenki ‘carne de toro’ i, al constatar,
per l’altra banda, que el llati SEDERE tendeix a desapareix i a Esser
substituit per SENDENTARE ens fa presumir que aquest mot va pendre
un significat lleig, al qual trobem en zezeula. No falten indicis
d’aquest significat pejoratiu de SEDERE: «Polypus foemina modo
in ouis sedet: modo cauernam concellato brachiorum amplexu
claudit» (Plin., Z:d. 9, Ca. 51). «Si autem non sedet animo tuo
postea dimittes eam liberam (Hyeron., /n Deuteronomium). EI signi-
ficat del catalä ces que acaba de desapareixer ho comprova. Demes
tenim que el catalä seure es traduit en Torra per accumdo equivalent
a accubo ‘“jaure’; els romans i la gent de l’edat mitja menjaven
ajacats. Ara be si jaure ha pres en catalä un significat pejoratiu
‘fornicar’, es molt explicable l’origen del sezeıla ‘febrer’.
5. MARC: els noms vascs d’aquest mes sön:
MARTI (marchoa): L’origen romänic d’aquest nom &s incontestable.
El llatı MARTIU €s el seu fonament.
EPHAILA (epalla) ‘marc’. Una doble etimologia pot explicar
Porigen d’aquest nom del mes de marc. Zphaila pot ser un derivat
ı RIV, IV, 35.
» Olotis, nom de la ciutat d’Olot surt en 872 (Balari, Origenes histöricos
de Catalufla, 156.
8 Dom Gueranger, L’Annde liturgique, V, Premier dimanche de
Cartme, 135.
106 ANTONIO GRIERA,
d’espadar ‘mes d’espadar el lli i el cänem’. La presencia de !’«-
prot&tica amb la desapariciö de la s es perfectament regular en
vasc.1 La desaparicio de la d < T &s tambe& perfectament expli-
cable comp. els mots asmau, danzau Que suposen un -ATU.?
Gavel® suposa que ephas “foucher’ prove d’un epakı o epagi.
Es precisament en aquest mes que es fa la poda dels arbres i de
les vinyes: «lo pobill poda a l’abril» «si vols beure vi i menjar
pa sembra primerenc i poda tardä» (Falset).
OSTAROA ‘marc’ que comparaix tamb& en la forma ostala
(Vinson, 7b. 36) amb el significat de ‘maig’ te son origen, al nostre
entendre, en un drosiar amb la perdua del grup dr-. EI brostar
en aquest mes, segons quina classe d’arbres, com el fer-ho altres
pel maig, pot molt be haver donat nom a un i a l’altre mes.
6. ABRIL: els noms vascs d’aquest mes son:
APHIRILA (apirila, apırıl, aprilla): tots aquests mots sÖn originaris
del romänic april amb conservacio de la -PR- com en roncales.
YORRAILA [jorrasia] (Vinson, Z2. 33) “abril’: aquest mot &s
tambe d’origen romänic. EI mot jorra suposa un SARCULARE;
comp. l’espanyol sallo < SARCULU ‘aixadell’”. EI pas de -LL- a sr
no €s pas estrany al vasc comp. Uri Ullivarrit i el de la s-a j
tampoc: comp. jolas ‘recreu, deport’ de solds. Corrabora aquesta
etimologia el fet de escaure’s en aquest mes el temps d’herbejar
els sembrats si es vol tenir bona cullita. Deme&s l’abril es conegut
per zarcleder a Dissentis i per zarcladur a la Sopraselva.5
7. MAIG: els noms d’aquests mes, tots d’origen romanic, sn:
MAIATZ (maiafgu): es el nom romänic derivat del llati mAıU,
es general en tot el domini vasc.
OSTARILA ‘maig’: vegi’s osiaroa.
EPHAILA ‘maig’: vegi’s mes enrerä, n. 5.
LORAILA (orrilla) ‘maig’: aquest nom &s, sense cap dubte, un
derivat de FLORE amb doble rr per haver passar la R a consonat
final. Arreu del domini catalä el maig es conegut per mes de les
flors; en romanes es conegut per forarıu i en aleman per Dlumen-
monat.
8. juny: els noms vascos d’aquest mes sön mültiples:
GARAGARIL ‘mes de la cebada’, ‘epoca de la cebada’ (Azkue,
AN, G). Dues sön les etimologies provables d’aques mot: Garagar
es un derivat el de GRANU + GRANU amb la caiguda de la -n-,
comp. garau ‘gra’ i en aquest cas seria, com assegura Azkue, el
1 Gavel, /d. 138.
2 Gavel, /d. 404—407, Azkue, Dicc. II, 295.
s RIEV, XII, 354; Gavel, /d. 330.
% Gavel, /D. 211.
5 Merlo, ZB. 31.
® Merlo, Zd. 130—131.
ELS NOMS VASCOS DELS MESOS DE L’ANY. 107
'mes de l’ordi’. Mes aviat, emprö, ens inclinem a creure que
garagarıl &s un aragarıl derivat de erega, arcga ‘rella’ amb una
9- COmMp. garratoin ‘rata’!; per tant garagaıl seria ‘mes de
llaurar’.
GARAGARTZARO ‘juny’ (AN, G): Aquest nom del mateix origen
que l’anterior, es un derivat d’aregar + el suffix -ARIU ‘el mes
sembrador’.
EREIARO (AN, L) ‘mes de la siembra’ (Azkue), errcaroa (Vinson,
DB.33) € un visible derivat de reia amb e- protetica per rad de
la r-. L’idea de llaurar la terra que compareix en aquests tres
noms del juny no €s pas estranya a les demes llengües romäniques:
«la rella de Sant Joan molts la saben i pocs la fan» (Altea): comp.
suis franc&s semoraul,2 somarer ‘treballar la terra’.3
JORRAILA ‘juny’ (Vinson, Z5. 33): vegi’s mes amunt n. 6.
ARRAMAYATZA ‘juny’ (Vinson, /5. 33): aquest mot &s el mateix
que el maig segon, remaig amb la a- per ra6 de tenir »-inicial.
UDAILA “juny”. EI mot uda &s sumament prolffic en vasc:
udar ‘estiu’, udabarrı i udaberri ‘primavera’ udabiols “canıcula’
(Azkue, Dicc.). EI mot #da representa en vasc el mateix paper que
el llati vERE en las llengües romäniques de la peninsula: verano,
primavera, cat. verol, verolar, etc. Mes encara, posem la qüestio
si uda €&s el llati vere. En la llengua vasca &s dona un fet
curiös que ha estat constat en parlar de urtar:l i es, que mots
coincidents o gairebe coincidents en romänic, sön tamb& coincidents,
o gairebe coincidents, en vasc: udar ‘estiu’ te un homönim: udare
‘pera’. Donat el tractament vasc de la p- i de la v-,* &s cosa
molt verosimil que PERA i VERE hagin vingut a parar a un uda,
udar. Per altra banda cal tenir en compte que el vasc, com el
catala, t€E una o< E, i lo en vasc, com en gasco, passa a u;
aixı tenim zZugi ‘veure’ la u del qual &s la I de VIDERE, u/e < PILU
pel’, #datzor! < VENCILLU + AVICELLU ‘falsia’ on tenim # i o pro-
cedents de una E (vegi’s n. 4).
BAGILA (dagıl, babail, B). Azkue el denomina ‘mes de les
faves’. Seria, per tant, aquest nom un derivat del llatı FAva. Al
nostre entendre, emprö, &s mes verosimil que sigui un derivat de
bago ‘faig’. L’abundancia de faigs del pais vasc, la popularitat
del seu fruit, la /aja, poden haver trasm&s molt be el seu nom
al mes de juny. Hi ha un refrany catalä que diu: «pel maig la
rama al faig >».
JORRAILA ‘juny’, vegi’s abril 6.
SAN JUANILA ‘juny’, ‘mes de Sant Joan’ per rad de la gran
importäncia que la seva festa te en el poble.
I Gavel, 28. 351.
2 Bulletin du Glossaire, 1906, 15.
8 Jud-Aebischer, Archiv. Rom., IV, 46—47.
* Gavel, /b. 316.
108 ANTONIO GRIERA,
EKHAILA *juny’ (Vinson, ZD. 36). No ens atrevim pas a aventurar
una etimologia d’aquest nom del mes de juny. Els noms de enadu,
/anadur (Dissentis) aplicats al juliol poden ser molt be& paralels
del nom vasc del mes de juny. No sembla pas cosa inverossimil
el poder admetre un FENILE que hagi donat origen el ekkaila.
La caiguda de F-, de -n-iel canvi de -La , comp. pews “cabells’
en gasco, i la presencla de -k< -s, comp. el pronom actiu de
primera persona r:ık que pressuposa un yeu, no fan inverossimil
la nostra hipötesi.
9. JuLIOL: Noms vascos d’aquest mes:
UTZAIL, UTZA (AN, BN,G, L). Azkue el nomena acertadament
‘mes de la cullita’. EI nom de cullita aplicat al juliol no &s pas
exclusiu del vasc: el provencal mes di meissoun, el gallec mesal
(Vigo), el napolitä juw/o messoro, el campidan&s mesi de argiolas ho
confirmen. L’aforistica catalana del juliol fa esment especial de
la cullita: «Qui no trilla pel juliol no trilla quan vol» (Fraga,
Tamarit, Aitona). «P’es juliol ses garbes a s’era i es bous en es
sol» (Mallorca). Ara b& si el juliol i el vasc us/a, que li dona
nom, signifiquen cw/lta per que l’us/a no pot venir d’un llati ARISTA,
que entre els seus multiples significats te els de “messa’, ‘anyada’
i ‘estiu’? (comp. Thesaurus Linguae lalinae). Per altra banda el
Glosarium Rivipullense VI tradueix Arısta = messis. La # de usta
es un cas de u—o procedent de &. L’AR-d’ARISTA ha desaparegut,
segurament, per haver estat pres per prefix comp. garagarıl i ereiaro.
GARAGARIL ‘juliol’ (B) vegi’s juny n. 8.
GARIL ‘juliol’ (AN), segons Azkue ‘mes del blat’ &3, al nostre
entendre, un mot format de GRANU + IL, comp. garau ‘gra’ amb
epentesi de l’a entre el grup GR- i amb la caiguda de la -n-.1
SANTANAIL ‘juliol’ (G). EI nom de Santa Anna dona nom
al mes de juliol en algunes localitats de Guipüzcoa, de la mateixa
manera que Es conegut en sard per sw mesi de su Carmu (Porru),
la madleina de Santa Magdalena (Barbaina) i pel mes de san Jagoa
‘mes de Sant Jaume’ (Algarve). A Catalunya el dia del Carme
es assenyalat per sembrar fasols i tamb&e hi ha la dita popular
«per Santa Magdalena l’avellana plena»s. En la diada d’aquesta
santa a Menorca, les noies es reguen els cabells amb aigua beneita
perqu& els creixin.
IO. AGOST: els noms vascs d’aquest mes sön:
ABUZTU (abustua, abostua, abustuba) (Vinson, Zb. 33): aquest
nom amb les diverses variants seves &s un derivat del romänic
agostio amb el canvi de la -G- en -Ö-, alternäncia no pas rara en
la llengua vasc.?
AGORRIL ‘agost’ (Roncal i BN): Dificilment es pot encertar
l’etimologia d’aquest mes conegut per mes de les caldes (Torellö) o
1 Meyer-Lübke, Z/ZV, XV, 209 ss.
2 Gavel, /b. XV, 348.
ELS NOMS VASCOS DELS MESOS DE L’ANY. 109
mes de la calilla (Tora de Tost). L’agost &s nomenat a Valencia
mes de la bugor, mes de la xafagor. Bugor, com el cat. bwor, i bavor,
l’espanyol daho i provablament xa/agor, amb Varticle sa aglutinat,
suposen un VAPORE. Ara be, si es t@ en compte que la B- desapareix
facilment en vasc,i agorril podria ser molt be un derivat de dahor
+ ı ‘mes de la calor’, denominaciö que s’av& perfectament amb
el mes d’agost.
DAGONIL (Azkue), dagonilla (Vinson, Id. 33) ‘agost’. Adquest
mot €s, provablement, una variant d’agorri/ que compareix tambe a
Benasc en la forma auerro ‘tardor’. L’alternäncia de la d- i de
la 5- &s fregüent en vasc,? i en el present cas hem demostrat que
agorril tenia una d-, i, ademes, el canvi de -n- a -r- i al reves
no &s pas estrany en el vasc: belhaunikalu i belaurikatu “agenollar-se”.
il. SETEMBRE: Noms vascos d’aquest mes:
BURUIL 'setembre’, ‘mes de las cabezas’ (Azkue), bdurusla
(Vinson). Vinson en parlar d’aques mes obseva: «en eflet, ne
saurait &tre autre chose le «mois t&te», c’est A dire, «le mois extr&me,
le mois terminal», et nous en conclurons que l’annee basque se
terminait et comengait en septembre, probablement a la plein lune
de Fequinoxe d’automne, epoque astronomique remarcable et bien
connue.» 3
Certament l’any vasc, com l’any de les terres romäniques
comensgava pel mes de setembre. Tenim una bella prova d’aquest
fet en la denominaciö sarda del mes de setembre: l’algueres el nomena
caviranı, el sassar&s cabbidannu, el gallur&s i el logudor&s el designen
per cabıdann!, en la localitat de Nuoro es conegut per capıdannı
i en campidan&s per cabudanni.*
Certs refranys i certes costums del domini catalaä fan tamb&
referencia al comengament i acabament d’any pel mes de setembre:
Per Sant Miquel
la migdiada s’en puja al cel.
lo berenar s’en puja al cel (Benassal).
les vetlles baixen del cel (Pineda).
Morella per Sant Miquel tot l’any mirarem al cel (Olocau).
A Menorca per la Mare de Deu de Setembre Mare de Deu (d’es
missalges), els missatges renoven els contractes de la feina del camp
els quals acabaran per la vigilia de Nadal.
Si es t&E en compte que el gasco cabell €s l’aresta per tal com
els Zeus son els ‘cabells’ i tenint el vasc el mot duru amb el
significat de ‘cap’, derivat de pıLu, el durusil €s el ‘mes cap’ o el
‘primer mes de l’any”.
I Gavel, Zd. 307.
32 Gavel, /b. 349.
8 Vinson, ZDd. 34.
* Merlo, /d. 157.
110 ANTONIO GRIERA,
URRILA (urria, iralla, iraıl, ırailla [B], urri [B]). Aquests
mots no son denominacions del setembre tretes dels noms de les
falgueres o de l’escassedat; sön variants de pıLu amb la perdua
de la P-, comp. se, ule ‘pelo’ (Azkue) i amb la tramudansa de -L-
a -r- tant fregüent en la liengua vasca.
GAROIL ‘setembre’; vegi’s juliol n. 9. Aquest mes &s dit ‘el
mes mes fart de l’any’ perque s’hi fan les collites (Cat.).
AGORRA ‘setembre’; vegi’s agost n. 10.
12. OCTUBRE: Noms vascs d’aquest mes:
URRIL (AN, BN, B, L), urrila (B), urrila bıgarrengo (B), urria,
urriya, urriela). Tots aquests mots explicats anteriorment (n. ıı)
indiquen el comengament de any. En tenim una prova en lurria
bigarrengo que Azkue tradueix per ‘mes segundo de la escasez’ i
que &s en realitat el mes segon despres de cap d’any.
BILDILLA ‘octubre’”. Tenim tamb& molt provablament en aquest
mot una representaciö de PILU ‘cap’ amb el canvi tant fregüent
en vasc de p- a b-, amb la conservaciö de la -L- deguda a l’epentesi
d’una -d-.
AZARO ‘octubre’ (Navarra) ‘el mes de sembrar’. Es aquest
nom un derivat de ADSERO. Les alusions al sembrar son fregüents
en el refrener catala d’aquest mes «Per Sant Lluc moll o eixut
(sembra)»; «Per la Mare de Deu del Pilar el blat ni eixit ni per
sembrar». «Quan l’octubre &s arribat, sembra el segle l’ordi i el
blat»; «Qui vulga tenir un bon favar sembri les faves per la Mare
de Deu del Pilar» (Catalunya).
GASTANAZITU 'octubre’, ‘mes de la collita de les castafies’.
Aquesta alusi6 a la collita de les castanyes no &s pas exclusiva del
vasc. Aquest mes es conegut per mes dei castxeil (Crana), kolonoiu
(Lot),! i tenim el refrany catalä que hi fa referencia:
«Per Sant LJuc la castanya salta del pelluc;
i al cap de vuit dies a fira la duc (Llofriu)>.
LASTAIL ‘octubre’, ‘mes de la canya’ (Azkue). EI mot asia
que no el trovem en vasc amb el significat de ‘canya’ compareix
en arlalasio ‘'canya de blat de moro’. Una raö que confirma l’origen
romänic d’aquest mot la tenim en el nom felacanyes que, a Falset,
es dona al mes el de novembre.
AGORRA ‘octubre’, vegi’s n. IO.
13. NOVEMBRE: els noms vascos de l’onz& mes de l’any sön:
AZARO (AN, BN, G, L) (azaroa, hazaroa, azarua): ‘mes de
sembrar’; vegi’s octubre n. 12.
AZzıL (AN, BN, G, L) ‘novembre’, ‘mes de sembrar’. Es un
derivat de ADSERO + IL. Confirmen aquesta etimologia aforismes
com els que segueixen:
«En novembre tot lo mon sembra» (Burriana).
«Per Sant Andreu deixa l’arreu» (Tremp).
I Merlo, Z/d. 164.
ELS NOMS VASCOS DELS MESOS DE L’ANY. 111
SEMENDI (B) ‘novembre’, ‘mes de la sementera’. Es un derivat
de sement + ıl; comp. el provengal semen.
GOROTZILA ‘novembre’, ‘“mois du fumier’ (Vınson, 7b. 36).
Provablement goro/z es un derivat de culo/z, el qual tant pot ser
un dirivat de cuJo/z, mot que serveix per designar els caps de ti6
que queden per cremar en les piles de carbö, com el fem. Mes
aviat creuriem en el mes de replegar cwlofs per fer foc durant
’hivernada.
ABENTU ‘novembre’. Es el mot llati ADVENTU.
14. DESEMBRE: Eis noms d’aquest darrer mes sön:
ABENDOA (abentu, abentia, abendua, abenduba) ‘desembre’. Tots
aquests mots deriven d’un ADVENTU,! temporada litürgica de gran
importäncia, comengament de !’any litürgic i preparaciö per l’ad-
veniment del Fill de Deu. Aquest mot que es conegut a l’Aran i
a la Gasconya en la forma adfn vegi’s no. 697 de la carta d4emdre
del’ALF (380) es trova tambe a Venasc i a Andorra. Adembes les
reminiscencies d’aquest nom son abundoses en tot el domini catalä:
mes de l’adveni (Peralada, Llofriu, Lillet, etc.):
«A L’advent tanta pasta com ren» (Alcarrac);
eBlat sembrat al mes d’advent si neix no ment» (Lillet), etc.
GABONIL (G. Atalın) ‘mes de la noche buena’ (Azkue): El mot
gabon t& dos significats ı. bona nit i 2. temporada de Nadal.
Aquest mot t& una serie de derivats: gabon-egun ‘dia de Nadal’,
gabon-gaba ‘nit de Nadal’, gabongarı ‘estrena’, gabonsubil ‘tiö de
Nadal’. Dues etimologies ens atrevim a proposar per aquest nom
vasc del mes de desembre: gadoril seria un compost de gauw + bon
+ i/ ‘mes de la noche buena’ gas &s possible que sigui un derivat
de NOCTE (noiz, nou, com en catalä, nau i, per la perdua de la n-,
fregüent en vasc, gau); el don + ı/ no ofereixen cap dificultat.
L’altra etimologia de gadon:l tindria un caräcter marcadament
popular: gabonil seria el mes dels capons’. EI cap6 &s tipic del
Nadal; totes les cangons populars parlen dels capons; per tant no
seria gens estranya una semblant procede£ncia.
LOTAZIL (tlotea, Berango) ‘desembre’, ‘mes de dormir’. EI
vasc lo significa ‘dormir’ i aquesta idea pot haver influit prou
per a donar nom al mes de desembre, si es te en compte les
llargues vetlles i nits d’aquest mes, el m&s curt de l’any. De la
mateixa manera que el llati PECTUS ha vingut a biofs en vasc, LECTU
havia de venir a 40; donada emprö la palatalitzaciö de la L-
en catalä, dialectes aragenesos de la frontera i bable, hem d’admetre
una palatalitzaciö de la L- amb la qual eg degu& fondre la ; de /iosa.
NEGILA ‘desembre’ vegis gener n. 2.
BELTZILA (slbeltz) ‘desembre’, ‘gener’; ‘mes negre’. L’etimologia
d’aquest nom del desembre i del gener &s certament forga dificil,
ı Vida Cristiana, I, n. ı.
112 A. GRIERA, ELS NOMS VASCOS DELS MESOS DE L’ANY.
En catalä es parla sovint de gelada negra, i de /red negre i que
el fred rosteix i cou les plantes. Per tant l’idea de negra €s prou
aplicable als mesos de desembre i de gener per la llur fredor i
per la llur curtedat. Si ideolögicament la denominaci6 no repugna
€s possible que el NIGRU hagi vingut a dels? La -N- desapareix
fregüentment en vasc;1 i apareix substituida per una g- o una &-,
Per alta banda el canvi de R>/ es tambe molt fregqüent en
aquesta llengua, comp. z/ FINIRE, aixf com no repugna el pas de
-] > tz, comp. :20/zil ‘gener’ n. 3.
ANTONIO GRIERA.
1 Gavel, /d. 265.
Eine unbekannte Rolandlegende,
In Cartagena scheint man die Reliquien des heiligen Adalhard
verehrt zu haben. Adalhard war der Vetter Karls des Grolsen,
Abt von Corbie und Gründer von (Neu)-Corvey an der Weser,
eine der bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Auf Grund
falscher Anschuldigungen wurde er nach Karls Tode verdächtigt,
verbannt, drei Jahre vor seinem Tode (2. Januar 826) jedoch wieder
in Gnaden aufgenommen.
Eine Legende erzählt nun, die Reliquien Adalhards, der in
Spanien noch den Beinamen Genesius führt, wären 886 von Corbie
nach Cartagena überführt worden. In Verbindung mit dem vermeint-
lichen Grab Adalhards in Cartagena taucht dann eine neue Legende
auf. Adalhard erlangt von seinen Eltern auf inständige Bitten die
Erlaubnis zu dem neu aufgefundenen Grabe Santiagos zu wallfahren.
Dort angekommen falst er den Entschlufs sein Leben als Einsiedler
Gott zu weihen. Er begibt sich auf ein Schif. Während der
Fahrt erhebt sich ein ungeheurer Sturm. Die Mannschaft glaubt
ein auf dem Schiff befindlicher grolser Sünder wäre Schuld an
dem Toben des Elementes,. Schon wollen die Schiffsleute das
Los entscheiden lassen, als Adalhard sich als Opfer anbietet. Er
wirft sich ins Meer, kommt aber ans Land und wird dort von
einem Abt aufgenommen. Ihm erzählt er seine Geschichte. Er
lebt dann 25 Jahre als Mönch in Cartagena.
Die nahe geschichtlich begründete Verwandtschaft Adalhards
zu Karl dem Grolsen hat nun auch die Einführung der Figur
Rolands in diese Legende veranlalst. Adalhart gilt als „frater
Rolandi* und Roland wird auf Veranlassung seiner Eltern nach
Spanien geschickt um seinen Bruder zu suchen:
... donec Parentum inueteratus amor Rolandum fillum, & Genesii
fratrem impulit, vt filium, & fratrem exulem per orbis Hispani
plagas, aut quia Carolus Magnus prole orbatus vltimam complebat
senectutem, cuius Genesius, vt natu maior, & sanguine propinquior,
Regnorum erat aiunt haeres designatus, aut quod verius est, quia
Parentes ante ipsorum obitum fillum Genesium vliimum vale
dicere concupiere, quaereret & inuentum, ad Parentum desideratos
perduceret amplexus. Patrum Rolandus annuit votis, & Hispaniae
littoribus penetratis, portubus lustratis, Compostellam deuenit, nec
illic de fratre quidquam prouidus inuenit speculator. S. Apostolo
Parentum obtulit vota, & quo fratrem exulem possit conspicere
lachrymabundus a IACOBO efflagitat, qui interius viscera Rolandi
commouens, ab Altaris Apostolici Rolandus confortatus discessit
adspectu, & nauem conscendens, post Oceani diluuium, & Medi-
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVUI. 8
II4 ADALBERT HÄMEL, EINE UNBEKANNTE ROLANDLEGENDE.
terranei angui-portum pererratum, demum, magnis laboribus
exantlatis Carthaginensem Hispaniae sinum, quo nunc caput
Rolandi (forte ex hoc tempore, & origine) dicitur, peruenit. Hic
soluta carina, portum arripit, Insulam lustrat, & ad Mineralis
montis cacumina accedens, dum sese per aspera obliqui nemoris
tesqua euanescit, itineris Confusione ramorum semitam penitus
aberrauit. Tunc tuba cecinit, ad cuius sonitus tinnitum Genesius
arreptus, protinus insurgens sonorae vocis halitum per condensos
arborum fructices, auctoremque buccinae quaeritabat. Inuenit
Rolandum Genesius, & dispositione diuina, vterque alterius con-
spectu obmurescens, ille fratrem agnouit, iste germanum inuenit.
Aduentus causas retulit Rolandus, illis se opposuit Genesius,
& post longam de status sui perseuerantia disceptationem, demum
Rolandum dimisit. Qui Parisios rediens, Parentibus, & Carolo
Magno vitimam Genesij voluntatem aperiens, omnia de loco,
instituto, & moribus Sancti Eremitae conducibilia recensuit. Vixit
ergo aliquot annos ibidem Genesius, donec resolutionis eius
tempus peruenit, quo receptis Ecclesiae Sacramentis, creatori
animam purissimam commendauit, ad annum Domini DCCC Imp.
Carolo Magno.
Tamayo y Salazar, der in seinem Martyrologium Hispanicum
(Lugduni 1651) die Legende unter dem 2. Januar erzählt, ist sich
selbst im Klaren über den apokryphen Charakter der ihm vor-
liegenden Quelle. Er fügt deshalb hinzu:
„Quam parum haec a veris distent, ex collatione utrorumque
patebit, quod ut ne longius protrahatur ad vera pergo.*
und im Anschlufs daran erzählt er dann nach anderen Quellen
das Leben Adalhards, teilweise wieder mit anderen Legenden ver-
mengt.
Tamayo y Salazar gibt an, er habe die oben angeführte apo-
kryphe Adalhardlegende „ex pervetusta Nostrorum traditione, quid de
ipso senserit antiquitas apud Carthaginem Spartariam, ex Codicibus
MSS. Camarini humanarum literarum Magistri apud Murtium olim
emeriti, a Huelamo relatis* genommen.
Wie dem auch sei: Die Legende von der Rolandfahrt nach
Spanien und zwar nach Santiago de Compostella und nach Cartagena
hat bestanden, denn für die Adalhardlegende ist sie an sich neben-
sächlich. Jedoch der in dem obigen Text erwähnte Hinweis auf
eine Rolandreliquie in Cartagena:
„quo nunc caput Rolandi (forte ex hoc tempore et origine)
dicitur*
erklärt vielleicht die Zusammenhänge.
Auf welchem Wege die fränkischen Reliquien und damit die
merkwürdigen Legenden nach Cartagena gekommen sind, habe
ich bis jetzt noch nicht ausfindig machen können.
ADALBERT HÄNMEL.
Wortgeschichtliches.
a) Frz. amour.
Die heute herrschende Ansicht über die lautlich auffällige
Form amour ist wohl die, dafs sie dem literarischen Einfluls der
Trubadurpoesie zu verdanken sei. A. Thomas äufsert sich immerhin
nicht sehr entschieden: „L’opinion la plus probable Jarait £tre
cele qi voit dans amour, come dans jalous, une forme literaire due &
P’influance de la poesie amoureuse des troubadours“ (Rom. XLIV, 324).
Eine neue Beschäftigung mit dieser Frage dürfte also angebracht sein.
Doch wird es vielleicht gut sein, zunächst eine Vorfrage zu
erledigen.
Seit dem Erscheinen von A. Thomas’ eben angeführtem Artikel
in Kom. XLIV, 321 ff. wissen wir, dafs die lautgesetzliche Form im
Franz, existiert hat. Er hat sie in zwei Schriftstellern des 15. Jh.
gefunden, beide Male in der Bedeutung „Brunst von Tieren“, das
eine Mal von Hirschen, das andere Mal von Widdern. Ein Blick
in v. Wartburgs Franz. etym. Wörterb. Sp. 908 zeigt ferner, dafs
das Wort in dieser uns heute noch in nordfranzösischen
Mundarten besteht.
Thomas weist aber weiter durch die allerdings ganz vereinzelte
Angabe eines Dialektwörterbuches nach, dafs das Wort auch in der
gewöhnlichen Bedeutung bestanden hat und zwar in Ricey (Aube)
im Süden der Champagne in der Redensart /ouf d’ameu.
Es fragt sich also, warum man von der Form ameur keine
Spur in der eigentlichen altfranzösischen Literatur finde. Aus dem
Pikardischen, in dem heute diese Form vorzugsweise zu Hause ist,
und aus dessen Gebiet (Abbe£ville) auch eines der mfrz. Zeugnisse
stammt, haben wir doch ungezählte Denkmäler verschiedenen Cha-
rakters aus der alten Zeit; aber die Form scheint noch weiter ver-
breitet gewesen zu sein, das Beispiel von Martin le Franc weist
auf die östliche Normandie, das zitierte des Dialektwörterbuchs
auf die Champagne.
Wäre das Wort bereits im Altfranzösischen auf die Bedeutung
„Brunst der Tiere“ beschränkt, so wäre das Fehlen in der afız.
Literatursprache einigermafsen begreiflich, weil die Literatur von
der Sache wenig Notiz nimmt. Man mülste dann annehmen, dafs
das Wort in der Bedeutung „Liebe“ bereits im Altfranzösischen
lokal sehr beschränkt gebraucht wurde. Aus der Gegend ungefähr,
aus der einzig ameur in dieser Bedeutung belegt ist, stammt nun
8*
116 EUGEN HERZOG,
aber, wie allgemein angenommen wird, der grofse Dichter Chrestien
de Troyes. Es lohnt sich also, auch seine Reime noch einmal
daraufhin durchzusehen.
Foerster hat bekanntlich angenommen (vgl. grolse Cliges- Aus-
gabe LVII, Nr. 10), dafs bei Chrestien geschlossenes freies o in
zwei Gestalten erscheint, als eu und als o. Ersteres in den Wort-
ausgängen eu, eus, eu, eusc(s), o in allen anderen Fällen, und so
namentlich vor r und in den Paroxytonen. Meine Schülerin, Frl.
Dr. Adele Getzler, hat in ihrer Dissertation den betonten Vokalismus
Chrestiens auf Grund der vollständigen Reimlexika untersucht und
ist zum Teil zu abweichenden Resultaten gekommen. Nicht-
Diphthongierung des g[ zu eu läfst sich als reguläres Produkt
höchstens für die Stellung vor labialen Konsonanten annehmen,
z. B. für das Wort /os (Zupus), das ja auch im Gemeinfranzösischen
im allgemeinen die Form /oup hat, ferner in den ebenfalls gemein-
französischen Formen nos, vos, espos, jalos. Sonst zwingt nichts,
eine Spaltung der Entwicklung anzunehmen nach der Stellung in
der Silbe und nach der folgenden Konsonanz, und da wegen der
Reime mit -ocs und Olamadeu Diphthongierung zu eu für die Worte
neveu, preu, veu, qgueu, neu, seus (solus) und Suffix -os# sicher ist,
so besteht kein hinreichender Grund, dieselbe Entwicklung nicht
auch für die andern Fälle anzunehmen. Nur hat allerdings Chrestien
neben den Formen mit ex in seltenen Fällen auch solche aus einem
andern Dialekt mit 9 verwendet.1 Es reimt also duos 22mal als
deus, nämlich 3mal mit jeus (jocus), 6mal mit Zeus (locus), ı5mal
mit seus (solus), wovon streng beweisend allerdings nur die ersten 9
sind, dagegen einmal mit vos. Für die Stellung vor -/e(nt) zeigt sich
eine strenge Scheidung, auf der einen Seite SOLA, GULA, ÖL(L)A
ıımal, auf der andern Seite saole(nt), dolent, fole(nt), und allerdings
auch cole(nt) (colat, -anf), das sein undiphthongiertes o aus den
flexionsbetonten Formen bezogen hat, 5mal. Was nun or, ors, ort,
ore, orent betrifft,?2 so zeigt sich im allgemeinen eine ziemlich strenge
Scheidung, 306 unvermischten Reimen, und zwar 124 mit e] und
182 mit g[ stehen nur ı4 sichere Vermischungen der beiden Laute
gegenüber. Was speziell die Endung -or betrifit,? haben wir 184
reine Reime, und zwar 71 mit p], ı13 mit g[ und nur 9 sichere
Vermischungen. Für -ors? 23 unvermischte Fälle, und zwar 5
mit 9], ı8 mit p[ und nur eine Vermischung. Es ist daraus mit
Sicherheit zu schlielsen, dafs im allgemeinen -or genau so zu -eur
geworden ist wie PRODE zu freu und DUOS zu deus, und dafs die
wenigen widersprechenden Reime einer fremden, wenn auch nahen
(südöstl.) Mundart entnommen sind, um so mehr als in den beiden
vermutlich spätesten Werken Chrestiens, Wilbelmsleben und Perceval,
keine sicheren Vermischungen mehr existieren.
1 Das ist das Hauptresultat der betr. Untersuchung von Frl. Dr. Getzler.
Auf Einzelbeiten braucht hier nicht eingegangen zu werden, da die auch sonst
an Resultaten reiche Arbeit, sobald als es möglich ist, gedruckt vorliegen wird,
% Abgesehen von amour(s).
WORTGESCHICHTLICHES, 117
Was nun amor(s) anbetrifft, so reimt es ıomal mit 9], ı ı mal
mit o[, wobei zu bemerken ist, dafs im Wilhelmsleben überhaupt
kein Reimfall vor amor vorkommt, was nach dem Inhalt dieses
Denkmals wenig auffällt, und im Perceval nur 5 Reime mit yor,
keiner mit g[. Betrachten wir von den ıı Fällen, wo es mit o[
reimt, zwei als nicht sicher, da es sich um den Reim mit dem
etymologisch gleichartigen Namen Soredamors (über diese beiden
Reime s. weiter unten) handelt, so bleiben noch immer 9.
Wollen wir nun voraussetzen, dafs Chrestien von allem Anfang
an nur die spätere gemeinfranzösische Aussprache ampr > amour
gekannt hat, so mülsten wir in den Werken vor dem Perceval
y (rı) Vermischungen gegen 5 rein reimende Fälle annehmen, ein
Verhältn's, das mit den sonstigen Zahlen für -or(s) in einem gar
zu auffallenden Widerspruch steht. Da ist es doch gewils viel
wahrscheinlicher, dafs Chr. neben dieser Aussprache auch die
etymologisch zu erwartende ameur(s) gekannt hat, um so mehr als
diese Aussprache, 40 km von Troyes entfernt, noch 1868 in ihrer
ursprünglichen Bedeutung bestanden hat, und zwar in einer Gegend,
auf die auch sonst noch manches in Chrestiens Sprache weist.
Wir können aber vielleicht noch einen Schritt weiter gehen
und eine Vermutung darüber wagen, warum Chrestien in seiner
letzten Schaffenszeit dieser Form aus dem Wege geht. Wir sind
ja in einer Zeit des sich steigernden und immer mehr ins Mystische
und Platonische hinüberspielenden Minnekultus, in einer Zeit der
zunehmenden Preziosität. Sollte da nicht Chrestien für die Haupt-
Idee dieser geistigen Atmosphäre eine Wortform vermieden haben,
die schon damals in der Sprache des täglichen Lebens die Tendenz
gehabt haben mag, sich auf den niedern Naturtrieb einzuengen,
wie er gerade im tierischen Leben zutage tritt? Bedenken wir
auch, dafs diese Einengung uns namentlich für die Pikardie und
Flandern bezeugt ist, und gerade auf Beziehungen zum flandrischen
Hof und eventuell auf einen dortigen Aufenthalt weist uns die
Widmung im Gralroman.
Vielleicht hängt noch eine andere Erscheinung mit der Tendenz
zusammen, gerade die Form ameur zu vermeiden. In Zxbl. f. germ.
u.rom. Phil. 1919, Sp. 98f. habe ich nachgewiesen, dafs Chrestien
im Obl. Sing. die Form amors kennt. Aufser den dort angeführten
Reimstellen amors : Soredamors Cl. 446 und amors : dolors Yv. 13
kommt noch als sicheres Beispiel in betracht amors : Soredamors
Cl. 980;1 minder sicher Cl. 1598 amors : colors, Cl. 3113, wo ver-
mutlich amors : dokors zu lesen ist, und Er. 2436 amors : mors.
Der Piural wäre zwar an den drei letztangeführten Stellen nicht
ausgeschlossen, ist aber unwahrscheinlicher als der Singular in dem
Moment, wo amors als Oblicus sicher bezeugt ist.
Im Reim mit geschlossenem gedecktem o erscheint der Oblicus
amors nie. Daraus ergäbe sich, dals der Oblicus amors stets ameurs
ı Vgl. den darauffolgenden Vers.
118 EUGEN HERZOG,
zu lesen ist,! und es läge nahe anzunehmen, da/s Chrestien diese
analogische Oblicusform, die auch anderwärts begegnet, eingeführt
hat. um das Wort von ameur „Brunst“, das wohl hauptsächlich in
Redensarten wie Ö/re en ameur gebraucht wurde, zu differenzieren.
Chrestien hätte also zunächst zwischen den beiden Möglichkeiten,
den Begriff der Minne von dem der Brunst zu unterscheiden, ameurs
und amour geschwankt und sich dann für amour entschieden, was
deutlicher war und gestattete, die Differenz auch im Rectus fühlbar
zu machen. Chrestien stand damit wohl im Einklang mit der
Sprachentwicklung der höhern Stände. Das ı3. Jh., aus dem die
frühesten erhaltenen Chrestien-Hss. stammen, scheint die Form
ameur „Liebe“ jedenfalls nicht mehr zu kennen. Oder war Chrestien
nicht Mitläufer, sondern Bahnbrecher? Da es sich bei der höfischen
Minne um einen Begriff handelt, der hauptsächlich in literarisch
gebildeten Zirkeln diskutiert wurde, so ist ein Einflufs der Literatur-
sprache, der Einfluls eines so viel gelesenen Dichters nicht von
der Hand zu weisen. Dann aber wäre die Möglichkeit nicht aus-
geschlossen, dafs Chrestien selbst unter literarischen Einflüssen steht.
Der Einflufs der frühern normannischen Hofliteratur, besonders
des Eneasromans (daneben wohl aüch Wace, Marie de France, der
sog. Urtristan) auf Chrestien ist allgemein anerkannt. Dort gab es
keine Scheidung zwischen e] und p[, dort reimt amur unterschiedslos
mit jur und mit enur. Das mag Chrestien veranlalst haben, die
ihm auch aus der unmittelbaren Umgebung von Troyes bekannte
Form amour nicht nur zu gebrauchen, sondern auch später fest-
zuhalten. Provenzalische Einflüsse mögen ja auch noch hinzu-
gekommen sein, aber für Chrestien scheinen mir die französischen
naheliegender und wichtiger.
b) Afrz. englouve adj. fem. „gefrälsig“.
Englouve ist ein seltenes Wort, das in Chrestiens Cliges 5793
im Reime auf /ouve erscheint:
Morz coveteuse, morz englouve!
Morz est pire que nule louve.
Auch an dieser Stelle kennen es nur drei von sechs Hss.
Was sonst über das Wort bekannt ist, hat Foerster in der An-
merkung der grolsen Cliges-Ausgabe zusammengestellt; im Wörter-
buch gibt er statt der Etymologie ein Fragezeigen. Es kann doch
wohl keine Frage sein, dafs das Wort zu lat. zngluvies in Beziehung
steht. Dieses bedeutet nicht nur „Vormagen, Kropf,“ in welcher
Bedeutung es einen Ableger im Italienischen hat (vgl. Meyer-Lübke,
REW. 4424), sondern auch „Gefräfsigkeit, Völlerei“. Da es in
dieser Bedeutung bei den Kirchenschriftstellern vorkommt, mag es
1 Deshalb müfste man dann eben auch an den beiden erwähnten Stellen
ameurs: Soredameurs lesen.
WORTGESCHICHTLICHES, 119
zunächst aus der Kirchen- und Predigtsprache in die Volkssprache
gedrungen! und dann ein Adjektiv gewissermalsen zngluvus daraus
rückgebildet sein.
c) Frz. maıgle, prov. magalh.
Der erste Beleg dieses Wortes stebt im Cliges 3852, im Reim
auf aigle. Es ist dort zu einem ironischen Vergleich gebraucht.
Über die Bedeutung wird an der Stelle nur so viel klar, dafs es
ein landwirtschaftliches Gerät ist, mit dem der Bauer (vz/am) seine
schwere Arbeit verrichtet, und von dem er lebt. Im Chrestien-
Wörterbuch ist es als „Spitze, Hacke“ übersetzt, was vermutlich
ein Druck- oder Lesefehler für „Spitzhacke* ist. Denn in der
Anmerkung zu unserer Stelle in der dritten kleinen Cligesausgabe
weist Foerster selbst die Bedeutung „Spitzhacke der Weinbauern“
unzweideutig nach; und tatsächlich stimmen alle ne in Gode-
froy zu dieser Bedeutung.
Über die Etymologie des Wortes ist Foerster im unklaren, er
macht im Chrestienwörterbuch ein Fragezeichen. Meyer-Lübke in
REW. 5527 schreibt das Wort me(r)gle, gibt ihm die Bedeutung
„Gabel, Hacke“ und stellt es zu einem Etymon *mergula, das
„kleine Gabel“ bedeutet hätte. Es wäre dann eine Ableitung von
mergae, womit man im Lateinischen eine Art Gabel oder Rechen
für gemähtes Getreide bezeichnet hat. Aber die Bedeutung „Gabel,
Rechen“ läflst sich, wie es scheint, für das frz. Wort nicht nach-
weisen, auch spricht nichts für den Bedeutungsübergang Gabel >
Hacke; denn das span. mie/ga von merga (man könnte auch hier
eher an das supponierte Diminutiv *mergula denken) abzuleiten,
bezeichnet Meyer-Lübke selbst als zweifelhaft (5524).
Jedenfalls ist im Französischen eine Form mit r ganz isoliert
(nur ein Beleg, und vielleicht auch der verlesen). Alle andern
Beispiele weisen das r nicht auf. Das e aber mufs wohl wirklich
aus einem az entstanden sein; wenn auch der Reim bei Chrestien
nicht strenge beweist, da bei Chrestien gelegentlich a’ mit g reimt,
so beweist doch die Nebenform mag, die hie und da auftritt
und aus *mergula nicht zu erklären ist. Auch wird man das fran-
zösische nicht von dem prov. magalh trennen wollen, das eine sehr
verwandte Bedeutung aufweist (Mistral: „houe, sorte de pioche &
lame plate et recourbee“). Das Wort scheint besonders im Südosten
der Provence in den Alpendialekten vorzukommen. Der All. lingu.
kennt es in der Gestalt magaj oder magay für die Punkte im Dep.
Alpes maritimes 897, 899, 991 (vgl. 1763 C, bEche), im letztern
auch das Verb magalhar als magaja (1764 C, bächer). Auch der
einzige aprov. Beleg, der bis jetzt angeführt worden ist, weist in
dieselbe Gegend (Vie de Saint Honorat).
ı Vgl. die Form engluive wie deluive.
120 EUGEN HERZOG, WORTGESCHICHTLICHES.
Scheint also diese Herleitung ausgeschlossen, so halte ich da-
gegen die von Fr. Mistral s. magalh gegebene für sehr erwägenswert:
gr. uaxeiia „Schaufel, Spaten, breite Hacke“. Dafs das Wort im
Lateinischen nicht belegt ist, kann wohl nicht ernstlich dagegen
sprechen. Es mag hier lokal sehr beschränkt gewesen sein, ist
vielleicht von der griechischen Kolonie Massilia in die Umgebung
gedrungen und dann mit dem Weinbau in die Champagne und
andere nordfrz. Gegenden verpflanzt worden. Auch die lautlichen
Schwierigkeiten scheinen mir gering. Dafs ein griech. uadxeAla
zunächst etwa als *mdkalla nachgesprochen wurde, erklärt sich leicht,
einerseits als Assımilation an den Tonvokal,i andrerseits durch den
auch sonst zu konstatierenden Einfluls eines Z/ auf unbetontes e,
vgl. alımosina, dalfınus.. Aus mdkalla erklärt sich die franz. Form
ohne weiteres, während die prov. magalh eine Kontaminationsform
darstellen würde, das Resultat des Bestrebens, das Wort durch
Einmischung des Werkzeugsuffixes -acd« mundgerechter zu machen.
EUGEN HERZOocC.
ı Vgl. Meyer-Lübke, Zinführung, 3. Auf!., 8 131.
Altfranzösische Mystik und Beginentum.
Das Beginentum, über dessen Entstehen und Verbreitung wir
durch J. Greven’s! jüngste Forschungen am besten unterrichtet werden,
hat besondere Mittelpunkte seines Aufblühens für Nordfrankreich
mit dem heutigen Belgien, Paris? und im Osten für das lothringische
Gebiet (Metz)3 aufzuweisen. Die literarischen Urteile über die
Beginen teils von freundlicher, teils von feindlicher Seite aus, sind
bereits von E. Lommatzsch* und T. Denkinger5 gestreift worden,
lassen sich aber sicher bei planmälsigem Sammeln vermehren,
ähnlich steht es mit den lat. Zeugnissen der Chronisten, Prediger
und Theologen.d6 Dafs nun schwärmerische Mystik und franzis-
kanisches Armutsideal seit der zweiten Hälfte des 13. Jhdts. diese
ganze, den Laienstand im Anschlufs an das Aufkommen der beiden
Bettelorden mächtig ergreifende Bewegung kennzeichnet, zeigen
altfranzösische Prosatraktate und verstreute Dichtungen, die gewils
eine Zusammenfassung verdienen. Zuvörderst habe ich zwei Hand-
schriften im Sinne, die eine Lokalisierung des Beginentums an-
deuten.
Nach dem Nordosten führt uns die Hs. Berlin, Staatsbibl. Gall.
Oct. 28, von einem Pikarden vielleicht in Lille oder Umgebung zu
Anfang des 14. Jhdts. geschrieben. Sie enthält eine gröfsere Reihe
von Prosastücken und einige lehrhafte Dichtungen und ist eine Art
von geistlichem Erbauungsbuch für eines der Beginenhäuser jener
Gegend Frankreichs. Die Entstehung der Texte selbst, verglichen
mit solchen gleichen Charakters in anderen Hss., kann man ruhig
in die letzten Jahrzehnte des 13. Jhdts. setzen. E. Bechmann hat
1 Die Anfänge der Beginen. Münster 1912 = Vorreformationsgesch.
Forschungen VIlI, — Der Ursprung des Beginenwesens = Histor. Jahrbuch
XXXV (1914), S.26 ff., zgt fl. Alteste Darstellung bei Jo. Laurentius a Mosheim,
De beghardis et beguinabus commentarii. Lipsiae 1790.
2 L&on Le Grand, Les b£guines de Paris = ANl&moires de la Societe de
P’histoire de Paris XX (1893), S.295—357. M.D.Chapotin, Histoire des domini-
cains de la France. Rouen 1898, S. 5ı0fl.
s Fürs Elsals vgl. K. Schmidt, Die Strafsburger Beguinenhäuser im Mittel-
alter = Alsatia 1856—60, S. 149— 228. H. Delacroix, Essai sur le mysticisme
speculatif en Allemagne au XIVe si&clee These de Paris 1899.
* E. Lommatzsch, Gautier de Coincy als Satiriker. Halle 1913, S. 30 u. 119.
5 T. Denkinger, Die Bettelorden in der französischen didaktischen Literatur
des Mittelalters. Diss. Tübingen 1915, S. 5off, u. 70.
® Einiges s. im Anhang II.
122 ALFONS HILKA,
das Verdienst, in seiner Studie Drei Diis de !’ame! das Wichtigste
aus dieser Hs. hervorgeholt zu haben. Der mystische Einschlag?
ist bedeutend: „das bräutliche Verlangen nach dem Heiland, die
schmachtende Sehnsucht nach dem himmlischen Bräutigam“,3 mit
der bis zur Geschmacklosigkeit getriebenen Verwendung von Bildern
und Allegorien, z. B. das Rösten im Feuer der Liebe und Auf-
gehen am Spiels der Sehnsucht (es fu d’amour soil rostis, en l’espoi
de desir diervE B 11, 5/6), das Schmieden der Liebesnägel, Hammer
und Ambols beim Betrachten der Leidensgeschichte Christi (c/aus
d’amours, martiel, englume B 13 —ı5), das Turnier des Kreuzes mit
Fahnen der Sehnsucht (guinfaine de le crois, gonfanon de desirier
(B 20, 3/4), Belagerungsgeschütz beim Gebet (arbaksire a wur Br
— verwandte Hs. Brüssel 9411— 9426] 2—4). Dazu treten die
Ausdrücke aus dem Minneleben: Beständige Anrufungen des douls
amıs, die Anreden an jore und «douls pris, ferner Antithesen (A 4; 24
u. 25), die Unruhe der liebenden Seele (A Je fois rıt, puis est ploreuse,
ore esi seüre, ore est doubteuse, or se voelt laire, or voell crier A 35,4—6,
morir d’amours, rage d’amer, a mains joinles vous cri merchi, cuer
fondant, sol anientir, douchour, enivrement und yvroigne esperiteuls),
der himmlische Geliebte als medecine, vins, douls fruis, manne et miel,
ardeur empensee ventrine, feus en riviere (A 36) u.a.m.
Die Definition des Beginentums (C ı) setze ich nochmals
hierher:
Savds que j’apiel beghinage P*
Conscienche ne mie large,
Lieue et devote affection,
Oster son coer de tout herbage,
Cur l’esperit fait grant damage
De Dieu sentir en orison.
Deus larmes de contricion
Et trois far grant compassion
Valent l’avoir qui par mer nage;
Mais celi de devotion
Ne poroit esprisier nuls hom,
Souvent fait a Dieuw son manage.®
1 ZfrPh. XIII (1890), S. 34—84.
® Vgl. J. N. Schneider, Joachim von Floris und die Apokalyptiker des
Mittelalters. Progr. Dillingen 1872/3, S. 62 ff. über die pantheistisch-mystische
Richtung und den Preis der heiligen Armut als der Königin aller Tugenden
und der Blüte christlicher Vollkommenbeit bei den Begharden uud Beginen.
H. Delacroix a.a.O., S. 14 fl.
$ Beckmann, a. a.O. S. 55. Vgl. J. Greven, Anfänge der Beginen,
S. 69ff. über die ekstatischen Zustände und den visionären Einschlag der
Beginen.
« Das Wort ist erst nach 1261 oder 1262 bezeugt, vgl. G. Kurth, Bulletin
de l’Acade&mie royale de Belgique, Classe des lettres, 1912, 5.458 u. J. Greven,
Ursprung des Bsginenwesens = S. A, S. 38.
5 Über die älteste Beginenregel (gegen 1246) vgl. Greven, Anfänge der
Beginen, S. 211.
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 123
Dazu gehört das Gespräch zwischen einem Pariser Theologen und
einer schlichten Begine (fol. Qv):
ll fü uns maistres a Paris, si apiella un sien compaignon et
li dist que il li amenast une beghine, et cils l’en amena une. Ft
li maistres li dist: „Quels gens iestes vous et que faites vous?“
„Maistres“, fait elle, „nous faisons che que li fols ne scet ne ne
poet faire; car li fols poet vivre en pain et en yauwe et aler
descaus et en laignes et viestir haire. Et se ne le sces, si ’apreng
a faire.“ „Et que faites vous dont?“ che li a dit li maistres.
„Nous scavons Dieu amer, confesser, nous warder, Dieu cognoistre,
les ‚VII. sacremens, nos proimes amer et desevrer les visces des
virtus, avoir humilit@ sans orgoel, amour sans hayne, pascienche en
tribulation, clere cognissanche de Dieu et de sainte eglise, et
apparillies de tout souffrir pour Diu: tout chou est beghinages.“
Qnant li maistres l’oy, si dist: „Dont saves vous plus de divinite
que tout li maistres de Paris.“
Nach dem westlichen Lothringen, nach Metz, führt uns die
Sammelhs. der Stadtbibliothek Metz Nr. 535, die nach P. Meyers
Beschreibung! aus den letzten Jahren des ı3. Jhdts. oder den
ersten des 14. Jhdts. stammt und vor der Revolution in der Abtei
Saint-Arnould (Metz) gelegen hat. Die lehrhaften Traktate, besonders
die geistlichen Dichtungen, zeigen denselben Charakter der mystischen
Gottesliebe, vermehrt um den Preis franziskanischer Armut, wie die
Berliner Hs. Direkt an die Beginen wendet sich das Gedicht
Qui vuet droit beguinage avoir (fol. ı53v) und Je di que c'est folie
dure (fol. ı70v). Aber in denselben Kreis gehört auch die von
P. Meyer kurz angezeigte Vision: Quant li mundain sont endormi
(fol. 132r).2 Ihr sind 24 Strophen ungleicher Länge in Achtsilbnern
und Assonanzen (wohl Nachahmung de alten Chansons de geste) 3
voraufgeschickt, aber durch den Verlust des ersten Blatts der Lage
bei fol. 128r scheint der Anfang dieser Dichtung, die jetzt nur
674 Verse bietet, nicht erhalten zu sein. Die Mundart ist durchaus
lothringisch. P. Meyer wies bereits auf Str. 2 mit ihren Ausgängen
auf -asse hin, wohin auch richesses, contesse, messe eingereiht sind
mit der Aussprache des westlothr. -asse. eg ist auch durch & aus-
gedrückt in Str. 3. 5. 9. 13. as reimt mit 0 in Str. 21: plakt,
meffait, lait : droit, also die spätere Lautierung £. enmie 95 — amıe,
vgl. enmorous 215 — amorous. Diese Anfangsstrophen enthalten
Ermahnungen zur Gottesliebe und zu frommem Leben, Hinweise aufs.
Paradies und das Gericht.
i Bulletin de la Societ& des anciens textes francais XII (1886), S. 41 fl.
Die hier mitgeteilten Texte habe ich 1914 in Breslau kopiert und bin der
Leitung der Metzer Stadtbibliothek für die liebenswürdige Zusendung an die
Breslauer Univ. Bibl. nach wie vor zu lebhaftem Danke verpflichtet.
3 2.2.0. S. 53 ff.
® Vgl. P. Meyer, Bulletin 1884, S. 75 über eine franziskanische Dichtung
(Chanson d’amors de pure povreteit) aus einer gleichfalls an Metzer fromme
Frauen gerichteten Hs. vom Ende des 13. Jhdts.
124 ALFONS HILKA,
Die eigentliche Vision 2ı2fl. ist in Achtsilbnern und Asso-
nanzenpaaren gehalten. Doch erlaubt sich der Dichter, ganz ab-
gesehen von den seine Aufgabe wesentlich erleichternden Assonanzen,
gar viele Freiheiten. Selbstreime finden wir nicht selten: or/ 259,
voir 260, seni 272, amours 294, ful 329 Keine Reimentsprechung
ist für 238, 263, 402, 42ı und 552 zu finden, und die 5 Verse
379fl. haben denselben Ausgang -anf (ent), dies Laissenprinzip
schimmert noch durch in 222/53. 234/8. 261/3. 286/9. 309/12.
317/20. 358/61. 364/8. 375/8. 379/83. 386/9. 392/5. 390/y9.
400/2. 428/30. 441/4. 453/6. 461/4. 465/8. 477/82. 535/09.
557/02. 5607/72. 581/4. 587/90. 610,3. 661/4. 671/4. In 335/39
herrscht keinerlei Reimprinzip: recovreir — monde — doner — goute
— perpelueil, oder liegen hier Assonanzen € und p in der Reihen-
folge ababa vor? Die Achtsilbner sind nicht gleichmäfsig be-
handelt, Fälle von zu kurzen oder zu langen Versen mache ich in den
Anmerkungen kenntlich, man beobachtet auch Hiatus hinter uufre 406,
Irone (= trosne) 427, que 4506, table 493, anglö 573. Eine gewisse
Mannigfaltigkeit von Rhythmen erscheint 294fl. durch Mischung
von Acht-, Zehn- und Zwölfsilbnern, selbst zwei Sechssilbner (Lied
des Paradiesvogels), Schema: 8a ıoa ız2b ıob | ıob 8c 6b 8d 8d
6b | 10c ı0e ı0b Be de. Vgl. ferner die Anordnung 426—440:
Sa 8a ıob ıob ı2b ı2c ı2c | dd 8d 8b 83d 8b 8e 6f ıoe.
Weiterhin erhalten wir Zehnsilbner in 313/4. 319/22. 442. 445/8,
Zwölfsilbner in 371/2. 375/8. 420/3. 430/2. 441. 443. Eine Art
von weiblicher Zäsur hinter der 4. Silbe beim Zehnsilbner ist zu
bemerken in 320. 322. 429 und hinter der 6. Silbe beim Zwölf-
silbner in 377. 420. 422. 441. 443.
Wichtige Assonanzen:
boscaige:sage 216; certainne: aimme 531; nianl: quant 629.
Innocent : enfant 470, : chant 573, : blanc 656.
estant : lherusalem 356; sanc : forment 520.
Inf. I -er:eir 220. 228. 234. 280. 340. 483. 571. 647; :!regardeis
253, : voleis 286, : reveneis 413, : bonteis 468, : enyvreis 527,
: enamoureis 545; : osleil(< hospitale) 236. 568, : esperiteil (<
spiritalem) 561.
2. Pl. -ez. zrez : porreis 288.
„ei. ostei (frz. ost£) : charneis 225 (< camalis), vgl. esderiteisment
640; estei (< aestatem) : enivreis (frz. enivrez) 261; Zrinitei : es-
periteil 548; clarei (frz. clart) : les cleis (< claves) 604; bontei :
resusciter 610; volentei: pensers 663, vgl. esie (< aestatem) :
voleir 661; Pitel (< pietatem) : baignier 590.
-ee. Galylee : enyvreie (frz. enivree) 314; gardee : aleies (frz.
alees) 354.
a mı (frz. amoi) : prins 249. 333, : paradıis 641; avec mi: de
ci 645.
abi (frz. a toi) : alı (frz. a Zui) 360.
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK URD BEGINENTUM. 125
-1e (frz. -iee). maisnie : courloisie 431; sachie : dragie 540.
amours : enmorous 214. 226, : pour vous 220.
Endausfall von -e in mi (= mie < mica) : amı 358, :cı 480, von
“ent in gerroie (frz. guerroient) : partiroie 285; mervoille : faılle 205.
Einsilbiges vorr (frz. veosr) 251. 269. 282. 327. 457. 550; zwei-
silbiges seure 23. Anzumerken sind die Futurformen despan-
derai 9, randerai ı1, raverai 13, ferner sons 1.Pl. 105. Hiatus-
fälle: 2 146. 341, cö 531, gwö 250, beliebt nach m. c. liqu.
in vostr& 226, aulrö 406, table 493, angle 573, s. auch S. 124.
‘Keine Elision wie oft beim weibl. Artikel: 4 ame 550.
Der Inhalt der Vision der menschlichen Seele lautet: Während
die weltlich Gesinnten nachts schlummern, wachen die Gottesfreunde.
Als ich einst durch einen Wald ging, hörte ich die Klage einer
Dame, die es nach Gottesminne verlangte. Alles habe sie Jesu zu
Liebe preisgegeben, nach ihm allein dürste ihre Seele (vgl. Hymnus
Jesu dulcis memoria), seine Gegenwart, süfser als alles in der Welt,
ersehne sie, um ihn zu schauen, ihm zu folgen. Da vernimmt sie
den lieblichen Gesang eines Vögleins auf einem dichtbelaubten
Baum, der die Menschen zur Gottesliebe auffordert. Er lälst sich
von ihr nicht haschen, wohl aber verheifst er ihr, dals sie ihn einst
besitzen und er zunächst sie ins Paradies geleiten werde. Darob
entzückt, bricht sie voll Sehnsucht nach dem himmlischen Geliebten
in Tränen und Seufzer aus, eine sanfie Ohnmacht umfängt sie,
aus der sie nur erwacht, um das Verschwinden des Vögleins und
ihre Vereinsamung zu beklagen. Es trösten sie die von ihr als
Himmelsboten angerufenen Tugenden, sie selbst ergibt sich der
Meditation, hingestreckt auf ein Lager, das gebildet wird von Armut,
mit der Caritas als Kopfkissen und der Castitas als Kopfdecke,
Virginitas als Bettuch und Humilitas als Bettdecke. Die Tugenden
aber nehmen ihren Weg zum Himmel: erst waschen sie sich in
den Tränen der Reue, dann besteigen sie das Rofs des Glaubens,
gelangen durch den Pfad der Reinheit ans Himmelstor und klopfen
an mit Seufzern und Klagen. Es öffnet ihnen das Mitleid und
leitet sie zum Paradies hinauf. Meditation eilt durch die Strafsen
der Himmelsburg voran, ihr folgt das Gebet. Die Tugenden
schildern das Leid ihrer Dame, deren Sanftmut und Gottestreue,
warum habe der Herr sie so lange verlassen ? Der Himmelskönig ver-
spricht sein Kommen, wenn der Winter vorüber sei und die Wiesen
und Bäume in frischer Frühlingspracht erprangen. Doch die Liebe
erinnert ihn an sein festes Königswort: Bevor noch man mich ruft,
so bin ich hier. Er verläfst den Thron, geleitet von den Jungfrauen
und den Innocentes und kommt auf dem Rosse des Glaubens zur
frommen Seele, als Boten schickt er Inspiration und Devotion
voraus. Sie glaubt in ihrer mystischen Verzückung mit den Augen
des Herzens ein gar liebliches, süfses Kind vor sich zu sehen, den
Inhalt aller Wonne, dahinter das ganze himmlische Gefolge der
Engel, Erzengel, Apostel, Bekenner und Märtyrer. Sie lädt es zu
126 ALFONS HILKA,
einem Mahle ein: Frömmigkeit stellt den Tisch hin, Klugheit bringt
das Tischtuch, Beichte besorgt das Händewaschen, Verschwiegenheit
das Tuch zum Abtrocknen. Das Kind spricht den Segen, Sehn-
sucht bedient die Gäste mit Himmelsfreude, Seufzern, Betrachtung,
als Gespräch dient Gottes Wort, als Speise Himmelsbrot, als Trank
Reuetränen, als Nachtisch Hoffnung, Bulse, Versenken ins Trinitäts-
geheimnis. Liebe vermittelt zärtliche Begrüfsung des Himmelskönigs,
nach dem Mahle gibt es Spiele und Tänze, Jubelgesänge ihm zu
Ehren. Darauf wird dem Kinde ein Nachtlager bereitet: Bufse
bringt das Stroh, Jungfräulichkeit die Linnen, Keuschheit das Kopf-
kissen, Nächstenliebe die Kopfdecke, Demut das Bettuch. Weisheit
gebietet der Frömmigkeit, vorerst das Kind zu baden. Dabei be-
dienen Foi, Perseverance, Esperance, Pacience, Atemprance, Hu-
militez, Orisons. Alle erhalten vor dem Schlafengehen einen Wärz-
wein (care), dessen Kraft alle Gebrechen heilt, Tote auferweckt,
Klugheit verschafft. Das Bett bestreut Liebe mit Ölbaumblüten,
Contemplatio und Innocentia betten das Kind ein, Devotio schläfert
es ein, Amor liegt neben ihm. Die fromme Seele ruht, berauscht vom
himmlischen Trank, so finden sie die heimgekehrten Tugenden vor.
Am nächsten Morgen aber weckt Minne die Seele, die im Paradies
geweilt zu haben wähnt, und lädt sie zur Hochzeit im Himmel ein,
um körperlich oben zu kosten, was sie geistig unten geschaut.
Unter dem Geleit der prächtig gekleideten Himmelsscharen (die
Engel und Erzengel voran, dann die Innocentes in halb roten,
halb weifsen Gewändern, die Jungfrauen in weilsen Mänteln) gelangt
sie ins Paradies, wo der König seiner Tochter die Königinwürde
zuerkennt. 1
Text I.
1.
A Dieu proier me tornerai fol. 128r.
Et trestout mon cuer i metrali].
Si haut, si grant ne si verai
N’ai trov& ne ne troverai,
5 Et pour cel a lui me tanrai
Ne ja mais ne m’en partirai.
Tous jours loiament l’amerai,
Jusqu’en la fin le servirai
ı Ähnliche mystische Traktate verdienten eine Sammlung und Unter-
suchung, z.B. Hs. Brit. Mus. Royal 16. E. XII (2. Hälfte des 13. und Beginn
des 14. Jhdts.), vgl. P. Meyer, Bulletin 1912, S. 45 fl. Hier stehen Auslegungen
des Hohelieds, Briefe einer liebenden Seele, Abtei des hl Geistes, eine Regel
für ins amants. Das Jesuskind hat sechs Ammen: „Virginite congoit Jesu-
crist; Verite l’enfante; Povrete le vest; Pais le couche et lieve, Piti& l’alaite;
Oraison le paist; Devotion l’aboivre; Lermes le baingnent; Pensce le porte;
Amours l’acole, Pacience le norrist. Die lat. Werke ähnlichen Charakters vom
hl. Bernhard an bilden natürlich den Ausgangspunkt für diese ganze, bisher
wenig gewürdigte Literaturgattung.
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM.
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230
25
30
35
40
Et cuer et cors despanderai.
Il m’a donne tout ce que j’ai
Et por ce je li randerai.
As povres en repartirai,
A cent doubles le raverai
Ce c’orandroit pour lui ferai.
Repentance demanderai,
Grace de croire en droite foi
Selonc Dieu et selonc la loi.
2
Cis mondes faut et si trespasse
Honours, delices et richesses.
Il n’est roine ne coutesse
Qui ne soit tous jors en la trasse
Au dyable, neis en la messe;
Plus est seure la voie basse.!
3.
Biax dous Ihesus, par ta bonie
Donne moi bonne volentei,
Humle cuer en prosperitei,
Pacience en aversitei.
Fai moi servir la Trinitei,
Vivre et morir selonc ton grei.
4.
Teis cuide vivre longuement
Qui vivra ci mout cortement,
Et morra desporveement.
Les gens dient conmunement:
„Tout vait au bon definement;
Diex nous donrat repentement.“
Ce n’est pas parlei sagement;
Souvent le dit teis qui en ment,
Car il avient tout autrement.
Chascuns ne seit c’a l’uel li pent,?
Car teis eschape qui puis pent.
Cil qui bien voit et le mal prent
C’est a bon droit, c’il s’en repent.?®
5.
Sire de la terre et de mer,
De tout mon cuer te vuel amer.
fol
127
.128v.
1 Das von P.M. eingesetste, aber in der Hs. fehlende en vor la voie
ist überflüssig: seure ist zweisilbig.
2 Vgl. %. Morawski, Proverbes frangais
(Les Classiques fr. du moyen äge 47, 1925), nr. 355, P. M. merktan: Le Roux
de Lincy, Livre des proverbes II, 268.
P.M. notiert: Le Roux de Lincy, Livre des prov. II, 394.
8 Morawski, Prov. fr. nr. 1853
128 ALFONS HILKA,
45 Desormais veul acostumeir
A tous besoins toi reclamer;
Si vuel en orison entrer.
Il convient mon cuer rasembler,
Toutes cusensons fors bouter
so Et le monde congie domneir.
Premiers te convient confesser
Et a Dieu dou tout racorder,
As benefices Dieu penseir. fol. 129.
6.
Diex nous fist quant n’estiens mie.
55 Quant hons ot pechie par folie,
lhesus, li rois de signorie,
Par sa mort li randit la vie.
He! Diex, con tres grant courtoisie!
Miex vaut que conteis ne baillie;
60 Ce ne t’aprent nule clergie.
7-
Coers qui bien ce recordera
Et a certes i pancera
Et orisons enbracera,
En paradis ce levera,
65 En gemissant sospirera,
Tous mautalans pardonnera,
Tous ces pechies confessera,
As povrcs largement donra,
A tous biens s’aparillera,
70 Tout le monde pou prisera;
Bien vivra et bien se morra.
Qui Dieu veut a certes proier
Premiers ce doit aparillier,
Trestout son cuer doit reverchier,
75 Quanque Dieu desplait fors sachier.
+ B
Penseir convient et recorder,
En dolour et en cuer amer;
Ce que at meffait en penseir
Et en parleir et en ovrer, fol. 129 V.
80 En conmandemens trespasser
Des iex dou cuer! convien[t] plorer
Et d’ore en avant soi garder,
ı el. O. Schultz-Gora, Zfr Ph. NNIX (1905). 337 ff. und Literaturbl. f.
germ. u rom. Phil. XXIX (1908), 371. Schon Ephes. 1,18: illuminatus aculs
cordis.
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM.
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120
Le fais de penance porteir,
Autrui damage retourneir.
En ce puet on merci trover
Et a Dieu s’ame ıacordeir,
Le grant roi de terre et de mer.
Tous jours ce doit on amender,
De bien en mieus avant aler;
C’est grans honte de reculeir,
De soi vers la fin mal proveir.
Diex nous garde de regiber!
IO.
Quant hom a pansei en sa vie,
Pense confaite sa folie.!
L’ame qui est a Dieu enmie
Penseir doit a la courtoisie
Que Diex le fist, li fis Marie.
Fous est qui teis signor oblie.
II.
Vilains est et de put afaire
Qui ne pense au mont d’Escauvaire
Ou Diex ot tant pour nous a faire:
Ii se deffit pour nous refaire,
Il se penat de nous parfaire;
Et nous travillons a contraire,
129
Nous sons costumier de mal faire, fol. 130r.
Nous perdons le jeu a mestraire.?
12.
Une goute de pie vie
Pasce toute philosophie,
Richesces, honors, signorie;
Sans Dieu ameir est tout folie.
12.
Cuers qui tant at perfection,
Quant il se met a orison
Et entre en meditacion,
A. Ihesu doit s’entencion
Leveir et sa devocion,
Recorder l’incarnacion,
Toute sa conversacion,
Puis la mort et la passion,
Le pris de la redemption.
Mout li doi grant conpassion,
1 Erpänse: est vor sa f.
im Toblerband.
Zaitichr. 1. rom. Phil. XLVII, 9
3 Vpl. Strohmeyer über das Schachspiel
130
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ULLI m nn
ra Zls
ALFONS HILKA,
Quant pour moi jeteir de prison,
D’enfer et de chaitivison
Tout fist par sa dilection.
Il n’en atent nul guerredon,
Il n’en ot ne pris ne raison:
Tout fist de grace et de perdon.
Puis met ta contemplacion,
Ton estude, ta vision
En! la sainte surrection:
A ce s’acordent li sermon;
Ne pues oir miedre changon. fol. 1301
Pourvoi toi de contriction
Et de vraie confession,
Paie la satisfacion,
Tien aucune religion;
Ensi revanras a pardon;
Diex ferat l’asolicion.
Vez ci la tribulacion,
Ou nous serons tuit conpaignon
Li angle et li saint baron, ?
Tous jours mais en la vision,
En gloire, en jubilacion.
14.
Balance ne poroit peseir
Et cuers ne le porroit penseir,
Main escrire, eus regarder
NE oreilles oir conteir:®
Briefment nul nel poroit amer.
15.
Et con grant bien il troveroit
Cil qui en paradis vanroit!
A tous jors mais ne moroit
Ne ja mais morir ne poroit,
De tous annuis quites seroit,
Ja mais ne s’en departiroit,
Face a face Dieu connistroit;
De ces biens ce mervilleroit
Et en Dieu se deliteroit
Et de tout son cuer l’ameroit; fol, 131T.
Tous jors sans fin le loeroit,
Ampbrasceroit et festiroit,
Serviroit et conjoieroit
Ne ja anuiez n’en seroit.
8 Genttivverhälinis su conpaignon, * Fpl. ı Cor. 11,9.
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM.
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16.
Tant vous di je de paradis:
C’est uns biaus lieus, pareis tous dis,
Riches et combles et plantis.
Nuns p’i est povres ne chaitif:
Chascuns at tout a son devis.
La voit on Dieu a ce cleir vis,
La se mostera Ihesucrist;
Tout ce conferme li escris.
Alons i, c’est nostre pais!
17.
Alas! con seront cil honnis
Qui de teil leu seront bani!
Honteus seront et esbahi;
Par lor pechie i ont failli,
De Ihesucrist sont departi.
18.
He! Diex, con dure departie
De Ihesucrist et de Marie
Et de toute sa conpaignie!
Quant l’arme pert qu’estoit s’amie,
Cerat de ces confors banie,
Perdut at pardurable vie.
19.
Or est li tens et li saisons
D’aumones faire et orisons,
De justicier les cuers felons,
D’amendeir toutes mesprisons.
20.
Qui ne s’amende quant il puet,
Ne ce chastoje quant il veut,
N’est pas merveille, s’il s’en duet
En la fin quant morir l’estuet.
2I.
Qui bien a la mort penseroit,
Je croi que grant paour avroit,
Toutes haines perdonroit
Et tous autrui chateis randroit,
Loiaument ce confesseroit!
Et a Dieu se racorderoit,
De bien morir se peneroit,
De tous maus se chastieroit.
I consilleroit vor confesseroit Zs.
9*
131
fol. 131 v.
132 ALFONS HILKA,
22.
A jugement serons, a plait:
La donra on chascun son droit;
200 Qui l’avra envers Dieu meflait,
Hom li ferat et honte et lait.
23.
Saveir te convient par bataille,
Faire marchie sens repentailles.
Pour Dieu gardons que nus n’i faille;
205 Chaitis seroit, n’est pas mervoille.
24.
Ihesus est pres de nous ajidier,
De conforter et d’ensaignier,
De droit conduire bon sentier.
C’il te trovoit bon escolier, fol. 132 r.
210 Pres seroit de toi chastoier;
Mais fous ne se lait ensajgnier.
25.
Quant li mundain sont endormi,
Adonc veillent li Dicu ami.
J’ai un pou savour& d’amours,
215 S’en veul conter as enorous,
L’autr’ier passai par un boscaige.
La vois oi d’une dame sage!
Qui apres amors languissoit.
Trop forment se garmentoit
230 Et disoit: „Amours, amors,
Lonc tens ai langui pour vous!
O dous Ihesus a remanbrer,
Plus de cent fois a savoreir,
J’ai tous de mon cuer ostei?:
225 Orguel et desirs charneis, ?
S’ai je fait pour vostr& amour.
Debonaires as amorous,
Mout seis bien grans joie donneir
A ceus qui te veulent amer.
230 Tu es confors et repentans, ?
Et qu’es tu donc a toi trouvans?
Ihesus, dou cuer toute doucors,
Fontaine, Jumiere et savours,
Langue ne porroit raconteir,
..-. re
I Eine Silbe zu viel, 2 Fine Sılbe fehlt. 8 lies: as rep.
FR Dee lie he nm m ana Me he nn ne I nl En ee FE a ae
I Lies: :isier.
Silbe fehlt.
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM.
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240
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250
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275
Nule escripture deviser
Le preu qui est en toi amer!
De mon cuer vous otroi l’oteil:
Quant il vous plaira, ci vanrez,
Je vous quier, sire, sens orguel:
Nule autre chose je ne veul.
Certes, ja mais ne finerai
De querre tant que je t’avrai.
Dous Ihesus, je vous cri mercit:
Mout aproche li avespris;
.C. mil fois fais a desirer
Plus que cuers ne poroit penser.
Je vous ai si en mon cuer mis,
Nule autre chose ne desir.
Priez li quant vous l’aveis prins,
Pour Dieu qu& il revaigne a mi,
Au moins qu& il me vangne voir;
Je ne puis cens lui joie avoir.
Sire, au moins me regardeis,
Que je vous puisse assavorer,
De vos desier! ne me porroie;
Vostre amour trop griez me gerroie.
Nuns ne seit conment il me soit;
Tuit diroient, j’aroie droit.
Cil qui te goustent, plus fain ont;
Cil qui te boivent, plus soif ont.
Qui de t’amour est enivreis,
Il ne doute n’iver n’estei
Ne richesse ne povretei,
Ne ne doute ne froit ne chaut;
Que qu’il avaingne, ne m’en chaut.
Je vuoil bien de meis defaillir,
Pour ce que puisse a lui venir.
Conlie® mi quant pour mi voir
Qui les angles paist de son voir,
Des jex de joie et de ris®
Ens caroles de paradis.
Cil qui vostre dousour ne sent,
Il ne seit qu’est biens ne ne sent.
Ihesus, a qui mes cuerg languit,
Autre choze ne li soufit;
En vous sont trestoutes bonteis,
Toutes douceurs, toutes clarteis.
Je vous aing, sire, sens mentir,
Trop plus asseis que je ne di.
2 glie Zs., Zies: Conduie mi tant parmi voir.
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fol. 132 v.
fol. 133 r.
s Eine
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ALFONS HILKA,
Je ne puis dire ne conteir
Con mes cuers est pres de pasmer;
Se je le pooie un trop pau voir, !
Je le siuroie ou il iroit;
Ja mais de lui ne partiroie
Pour trestous ciaus qui me gerroie.
Tres dous Ihesus, ce vous voleis,
Laissiez vous sen[s] plus regarder:
Je vous sieurai ou vous irez,
De mi ambleir ne vous porreis.*
Desour li garde, 3’a veü
Desus un aubrisel ranmu
Un oiselet mout bien chantant,
Qui chantoit tant seriement:
„Ameis vdus qui santeis amours!
Il n’est joie s’elle ne vient d’amours.“
Quant ot l’oisel parler, forment fut esbahie:
Panre le volt, mais elle n’en print mie.
Apres li dit: „Bele, tres douce amie,
En aucun tens vous me tenreis,
Mais encor n’est ce mie.
Teneis ma foi: je vous plevi
Je vous manrai en paradis,
Ne ne tarsera mie.“
Li oiseles qui est en haut monteis
De la ce fait une joie no[ve]le,
Que tous defaut li cuers de son amie.
Au cuer la point une estancele
Amouree, fine et novelle.
Par defors parut un petit:
De larmes de joie et de ris,
De sanglotemens, de sospirs
Furent trestuit sui sen rempli.
Qui donc veist con bien fut enyvreie!
Mot ne desit pour l’or de Galylee.
Par tout ses membres forissoient
Les joies qui dedens estoient.
Tant at de joie, nel puet dire:
De tout en tout fust defaillie.
Li oisel&s, par cui joie li vint,
Bat ces alletes, s’en vait en paradis.
Celle qui gist en contemplacion
Bien fu remplie de sainte vision:
Toutes les vertus de son cors
Li sont faillies par defors.
Quant l’oiseles raleis en fust,
1 Lies: Se jel p.
fol. 133 v.
fol. 134 r.
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I Lies: tanrai.
Si li revinsent ces vertus;
Oevre ses iex et cuide voir
L’oisel dont joie li venoit:
N’en vit mie, raleis en fut
En paradis dont venus fut.
Adonc ce prist a garmenter,
D’eures en autres a pasmer.
„Lasse!“ dist elle, „que ne prins,
Quant il s’asist si pres de mi?
Je cuidoie bien recovreir,
J’aquiteroie tout le monde,
Quant qu’il puet prometre et doner,
Pour avoir une sole goute
135
De teil joie perpetueil. fol. 134 v
Nus hons ne la puet raconter,
Bouche dire n& escouteir.
Je cuit bien dire, sens mentir,
Qu’il ne soit autres paradis,
Ce ja mais venir i voloit,
Miex le tanrat! que par le doit.
Certes, ja mais ne finerai
De braire, de huchier: (ha) hai!
Tant qu’en ravrai aucun oi
Novelles de mon chier ami;
Ja mais nesun repos n’avrai
Tant que mesagiers troverai,
Qui sage la terre et le pais?
Par on ira en paradis.
Vertus, ou estes vous aleies?
Tous jours vous ai si bien gardee.“
Les filles de Iherusalem
Devant la sainte ame en estant
Dient: „Dame, ne douteis mi!®
Nous te ramanrons ton ami:
Ou il vanra sains a ti,
Ou tu iras laissus a li.“
Adonc se mist en orison,
Lonc tens en contemplacion.
En un lit gist de povretei:
Orillier at de charitei fol. 135 r.
Et un cuevrechiet de chastei;
Uns dras ot de virginitei;
Couverte fut d’umelitei.
Ces vertus prennent lor chemin
Pour aler droit au paradis.
Bien se levent de larmes de conpunction
® Eine Silbe zw viel; sage siatt sache. ? mi—= mie.
136 ALFONS HILKA,
Et si prennent desir d’ardant affection;
Sor le destrier de foi monterent,
Chemin de purtei chevaucherent,
375 Tant que vinrent a la porte de paradis.
Hurtent par gemissemens, boutent par sospirs.
Pities oevre la porte, que volentiers le fıst;
Par le doi les en moinne contremont paradis.
Meditacions vait corant
380 Par les rucs le roi querant.
Orisons levoit maintenant,
Et meditacion le prent.
Devant lui dient en estant:
„Sire, nous somes messagier
385 A ma dame, sens atargier:
Lajus venir vous convenroit,
Ne desire(s) fors vous a voir.*
Sa meniere dient au roi,
Conment elle se contenoit:
390 „Mout est blonde par connoissance,
Si est blanche par innocence, fol. 135 v.
Bien droite par discrecion,
Les ieus at simples con coulons,
Bouche vermoille con siglatons!
395 De recordeir vostre passion. 2
Bien est sa fois enluminee,
Toutes ces oevres ordenees.
Ces pensees sont bien coulees
Et ces paroles enmielces.
400 EIle est si plainne de bontei
Que nus ne la puet resgarder
Trestous ne soit enamoureis.
Sor ces choses en mervillie®:
Pour coi vous l’aveis tant laissie ?*
405 Quant li rois l’oit, si en sozrit
Et tuit li autr& autresı.
Li rois respont par couvertise:
„sSachies, n’irai encores mie,
Ancois sera yvers passeis
410 Et sera revenus esteis;
Quant li prei seront bien florit
Et li arbre seront foillit,
Damiselles, si reveneis;
Adonc i porai bien aler.“
415 Amour entendi sa raison;
Tantost le prent par le giron:
Y Eine Silbe zu viel, 8 Ausnahmsweise passion zweisilbig. 8 Lies:
est m.
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 137
„Sachies, sire, vous i vanreis, fol. 136 rr.
Se vous voleis demorer rois!
Vous aveis dit par vos escris
420 Qu’ancois c’on vous apelle, dites vous: Je sui ci.
Sires, de veritei aleis i maintenant!
Se vous n’i aleis, sire, je seroie banie,
En vostre pais ne demoroie je mie.
Nous savons bien que qui est rois
425 Pour nule riens ne mantiroit.“
Li rois si lieve, n’atant plus:
De son trone est descendus.
Amors l’amoinne parmi paradis,
Parmi apostres et parmi les martyrs;
430 Vierges et innocent vont adds apres li,
Changonette chantant plainne de courtoisie.
Nus n’en seit mot chanteir, s’il n’est de sa maisnie.
Or s’en vont tout coillant flourctes
Et tout juant de nois muguestes;
435 Roses et glai et flours de lis,
Flammes et flours de viclete
Furent joinchie tuit li chemin.
Quant vinrent fors, si sont montei
Sor le destrier d? foi,
449 Chevauchent le chemin de purtei;!
Jusques a la sainte ame n’i ot arestison?: fol. 136 v.
Ou lit la treuvent de contemplacion,
Messages li envoient par inspiracion
Soprins® d’amors et de devocion.
445 Elles li sont entre les memelestes,
Joie demoinne* desous sa saintureste.
Elle le sent, c’est un saut tressaillie,
De joie fut ces vertus defaillies.
Avis li fu par vision
450 Que devant li at un enfaucon,
Qu’en lui soient toutes amours,
Toute savours, toute dougours;
En lui sont trestoutes bonteis,
Sapience et humeliteis;
455 Solaus ne vaut a sa clartei,
Nes qu& ivers encontre estei.
Des iex dou cuer le convient voir;
Oeil corporeil nel puet voir.®
Sem? plus purteis de sapience
460 WVoit® l’enfant de toutes science;
ee le Te Bee en ne nen Br nee zein:
ı Eine Sılbe zu wenig zum Zehnsilbner. ?2 Lies: Jusqu’a la s. a.
Lies: Sospirs, % = demoinnent. 5 Eine Silbe zu viel, 6 Eine Silbe
34 wenig, lies; pueent voir. ? Sem = Sens. s Vont Zs.
138 ALFONS HILKA,
Voir le puet esperitelment !
Ou qui l’aimment bien ardanment
Et bien l’aimment desirranment.
Sovent saje? de cest present.
465 De sa facon n’ose parleir,
Pour ce que n’en soie blasme&s:
En lui sont trestoutes bonteis fol. 137 r.
De quant que Diex en puet donner.
Les vierges sont deleis l’enfant
470 Et d’autre part li innocent,
Angle et archangle et cherubin,
Apostre, confes et martyr:
Teil joie lor vit demeneir,
De doucour est ces cuers pameis;
475 Teil joie ne pot sostenir,
Toute la convint defaillir.
A cele eure li fu avis
Que li enfes parlast a li:
„Amie, vous m’aveis tant quis,
480 Trovei m’aveis, n’en douteis mi!
Tes desiers m’a fait venir ci
Et descendre de paradis,*
Son ami(u) vit tout sens parleir;
En son cuer le semont au souper.?
485 „Je t’otroie, tres chiere amie,
Trestout de quanque tu me pries.“
Piti&s a une table mise,
Et prudence la nape assise;
D’iaue servoit confessions,
490 De touaille discrecions.
Aport€ a on sans mesure
Se qu’il lor convint par droiture.
A la tabl& assis se sont: fol. 137 v.
Li enfes fist la benicon,
495 Desiers les servit au mangier,
Si aporta le mes premier:
Sachies de voir, ce fu de ris
Qui tous chaus vint de paradis,
Dont il orent si grant plantei
500 Conme de roses en estei.
Li secons sospirs d’amorestes,
Tous plain de diverses floretes,
Li tiers ce fut senglutimens,
Li quars ce fut gemissemens,
505 Et li quins jubilacions,
1 saje = sai je. ® Eine Silbe zu viel,
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 139
S’an servoit contemplacion:
De celie ont a remanant
Tuit cil qui la furent mangant,
De penseir meditacion,
510 Entre li et confession;
Ce sont paroles de delis
Qu’eles dient de paradis.
Si grant savoir avoit as pains
Pius manjuent, et plus ont fain;
515 De cestui pain sont sostenu
Angle et archangle de laissus:
C'est li parole Jhesucrist
Dou queil et vierges et martyr
Furent enyvrei si forment fol. 138 r.
520 Qu’il en respandirent lor sanc.
Cis pains si est de teil foison
Plus en manjuent, plus en ont,
S’en furent passut en desers
Quarante ans li fil Israel,
525 De vin servoit devocion
De larmes de compunction;
Nuns n’en puet si tres pou gosteir
Maintenant ne soit enyvreis.
Confessions sert de pomestes
530 C’on apelle pomes grenettes;
CE est esperance certainne
D’avoir tous tens celui c’on aimme;
Mout ierent bones a mangier.
Elle les prent en un vergier;
535 Par defors fu clous d’espinetes
Et par dedens fut d’amouretes,
Planteis de diverses florestes,
Plains de roses, de violete,
D’espices et de nois muguestes.
540 Amours a d’un escrin sachie
Une buistete de dragie,
Blanche pouree d’amourestes
Faites de flour de nois muguestes;
Ne fu nus qui en puit gosteir,
545 C’il ne fut bien enamoureis; fol. 138 v.
Elle avoit teus vertus en li
Le sen dou cors fait endormir:
Ce sont resgart esperiteil
De sainte ame en la Trinitei.
550 Quant li ame se paist en voir
Celui qui elle desiroit,
Cui il avoit tant jours ameie,
Toutes lor viandes teis sont
140
555
560
565
580
585
590
595
600
ALFONS HILKA,
Que plus manjuent, plus fain ont.
Toutes choses quant qu’il voloient
En la reie d’amors prenoient.
Il n’osent dire ne penser,
Ne lor soit tantost apresteifr).
Lor baisier et lor acoleir
Furent sens plus de resgarder:
Ce sont desir esperiteil
Que sainte ame fait enpanser
Quant pour li vot sajus venir,
Povretei et la mort soffrir.
Elle voit ou miroir d’amours
Quanqu’elle a desirr& tous jours.
Amours li fist mains maus porter,
Pour li remestre en son osteil.
Et quant ce vint apres sosper,
Mout i ot festes et clarteis:
Innocent prennent a juer fol. 139 r.
Et les vierges a caroleir,
Angle, archangle et innocent
Et les vierges chantent un chant:
„Sains Peres, sains Filz, sains Espirs,
Tu regneras tous jours sans fin!
Ou que tu soies, nous irons
Et saus fin joie demenrons!*
Ensi de[se]rvent amouretes
Con se soient pomes grenetes.
A la sainte ame fu avis
Qu’enqui fust trestous paradis,
Plains de solas et de delis.
L’enfant i a on fait un lit:
Penance l’estrain aporta
Et virginitei les blans dras,
L’orillier aporte chasteis
Et le cuevrechiet chariteis,
La coverture humbliteis.
Sapience dit a pitei:
„Il convient cel enfant baignier !“
Le lit a fait devocions,
Aveuc li meditacions.
Fois avoit un baing aportei,
Perseverance l’at chaufei,
Esperance le conportoit,
v.
Et pacience le baingnoit; fol- 139
Atemprance l’at bien lavei,
Humilitez bien essuei,
Orison en ses bras Je prent
Et l’emporte mout doucement.
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM.
605
610
615
620
625
630
635
640
045
I Lies: a porte. % Eine Silbe fehlt. ® Lies, verrez,
Quant vint devant son lit, s’appelle
Sapience une damoisele:
„Donnes a boivre dou clarei
Dont ma meire porte les cleis!
Vous en estes li boutilliere,
Et ma meire en est taverniere.*
Sapience en est! port& tant,
Chascuns en print a son talant.
Cis vins est de si grant bontei
Qu’il fait les mors resusciter,
Tous malades donne sante
Qui le boivent en veritei;
Se fait sambler toutes dolours
Que ce soient toutes dougours,
Ce fait les sages asotir
Et les sos sages devenir.
Quant ce vint a aler couchier,
Des floretes d’un olivier
Avoit amours le lit jonchiet.
Contemplacions le couchoit,
Innocence la couvetoit.
Amours se couche avec li,?
Devocions les endormi.
Les vertus furent repairiez,
Qui bien estoient travilliez:
Lor dame treuvent qui estoit
Plus yvre qu’elle ne soloit;
Dou parleir n’i avoit niant
Ne dou dormir ne tant ne quant,
Enyvreie est, ce m’est avis,
D’un des freres de paradis.
Quant vint a l’aube parissant,
Amors a fait lever l’eufant.
Son amie avoit trovee?
Ausi con lou so[i]r enyvree.
„Amie, il vous convient aler
En paradis pour espouser!
La vanrez® vous corporelment
Se que vois esperiteisment.“
„Sire, por Dieu entent a mi:
Ne sui je mie en paradis?
Saiens sont trestoutes bonteis,
Toutes savours, toutes clarteis:;
Ja mais ne quier partir de ci,
Mais que tu soies avec mi." —
„Amie, tout laissiez esteir:
141
fol. 140r.
142 ALFONS HILKA,
Laissus vous en convient aler!
Je suis rois, vous sereis roine.® fol. 140 v.
650 Maintenant l’a par la main prise.
Doi a doi aloient chantant
Angle et archangle vont devant;
Diversement furent vestit
Innocent, vierges et martyr:
655 Roube partie ont innocent,
Moiti@ rouge moitie blanc.!
Les vierges chapes portoient!
Qui les autres ne resambloient;
Les chies ont plaisans con saffırs,
660 Robes blanches con flours de lis.
Angle sont blanc con flour d’est@
Et ont alletes pour voleir
Cil vont tout a lor volentei
Trestout ausi conme pensers.
665 Ensamble entrent en paradis,
An leu trestout plain de delis.
Dont apelle li rois sa fille,
Une corone a en son chief mise?:
„Je sui rois et tu iez roine,
670 Or fai trestout a ta devise.
Il n’a saiens petit ne grant
Ne soient tuit en ton conmant,
Et desore mais en avant
Seront fait tuit li tien conmant“ ...
1 Eine Silbe fehlt. 2 Eine Silbe su viel.
Il.
Über das zweite Gedicht äufsert sich P. Meyer! nur kurz:
„Po&sie, visiblement franciscaine, sur l’amour de la pauvrete. Jen
ai copi& le commencement et la fin [= v. ı—ı2; 379—392], mais
ne l’ai pas lue en entier. L’allusion & saint Bernard, dans les
derniers vers, m’est obscure.“ Auch hier Achtsilbner, von denen
194. 206. 357. 368 eine Silbe zu wenig, 267. 273 zu viel ent-
halten. Einen Zehnsilbner bietet vereinzelt 341. Mischreime wie
creche : destrecce 197 kommen auch sonst im Nordosten vor. Selbst-
reim mit avoır 149. 383. Blofse Assonanzen sind auch hier wahr-
I A.a.O. 61. Greven, Anfänge der Beginen, S. 100 ff. betont im Gegensatz
zu P. Meyer, dafs die Armutsidee der Beginen durchaus nicht von der franzis-
kanischen Bewegung abzuleiten sei: Leben mit eigner Hände Arbeit, nicht
aber Betteln haben sie als obersten Grundsatz,
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 143
zunehmen: Aaire:: escarlate 87; Bernars:tourmens 275 und Bernart :
fais 389; escorchieg : chartriers 245; batel: iver 259; estargier :
detri 335. Verderbt scheinen guarte : peresse 325 (doch lothr. ferasse)
und &etordre : pleindre 343 zu sein. Bezüglich der Reimtechnik sind
folgende Fälle hervorzuheben, die fürs Lothringische charakteristisch
sind:
fens : volans 53, : decevans 77; defaillent : valent 59.
Inf. I: -er mit Graphie -ear gemischt 27. 35; mere:: peire 191;
-cie — -te in alourneie : pureie (— foree) 213. Zusetzung des aus-
lautenden -e in ortee : povretei 239, letzteres reimt mit coszeil
(frz. costd < costatum) 95.
Ausgang -3se (frz. -see). pie : plongnie 45; emploie: vie 277; es-
courcie : mie 321.
-ous : menours 107. Merkwürdig se courouse (frz. se courrouce) :
angrouse 15, letztere Form gehört zu engrossier, wir erhalten also
dieselbe Abschwächung des Diphthongen p:9 (dann Zusammenfall
von gu und g) wie im Reimpaar repors (frz. repos) : bois 279.
Für den Konsonantismus läfst sich hier feststellen, dafs aus-
lautendes s ebensowenig Lautwert hat wie /, daher orisons : sarmon
39, vgl. 303; savomr : savoirs 157; labours : sejour 287; melodies :
avillie 345, andererseits enss : sentil 373 und s’endort:cor 353, auch
en li: nasquil 193, aber nasgui 204. Daher stehen im selben Reim-
paar s und / einander gegenüber, weil beide bereits verstummt
waren: confors : deport 41, deperdus : secourut 187, fors : confort 329,
eüs : ful 371.
hautesse entspricht durchaus der lautlichen Entwicklung, der
Selbstreim (mit dessrece) 105 kann nicht als Kriterium gelten, c und
s wechseln beim Kopisten wahllos, vgl. cempre 195. Verzicht auf
die Moullierung des / bei obigem defaillent (: valent) 60, wo freilich
ein vazillent nicht ganz unmöglich wäre, aber beweisend bei mer-
voille : senmelle 370.
Für die Formlehre fällt wenig ab. Verstummung des Plural-
ausgangs beim Verb -en/, daher Graphie und Reimwort dLore 125,
im Versinnern forte 287 mit Hiatus (s. u.), der Editor ist nicht
berechtigt dortent dafür einzusetzen. Umgekehrt steht armment 177
und soren! 325 im Versinnern für den Singular, hingegen mit be-
sonderer Härte /uf deperdus 187, wo es sich doch um den Plural
(— /urent deperdu) handelt.
vıvommes in Konjunktivfunktion und mit -omes Ausgang 58.
Die Silbenzählung bekundet zerderids 78 und deveroif 271,
meteroit 299 als dreisilbig, Preisgabe des Hiatus in jwner 25, junent
124, selbst deussent 212, alles zweisilbig.
Die früher angeführten Beispiele des Hiatus e nach m. c. liqu.
sind auch hier vertreten: alondre 53, estre 303. 305, s’acorde 350,
auch Zortö (— portent) 287.
Hiatus bei Konjunktionen n2 16. 44 und gu? 236, doch zeigt
mies (: mie) ı08 im Innern das Bestreben, den Hiatus durch ein
144 ALFONS HILKA,
euphonisches s zu vermeiden. Gehört ein zives (uziue/ Hs.) 98 = vırve
auch hierher? Auffällig ist gewifs der Konj. bei se.
Inhaltlich steht diese Dichtung nicht eben sehr hoch. Vor allem
ist der Übergang vom Preis der Aaire s. Bernart (131) zu jenem
der Aarpe desselben Heiligen (entschieden klar erst 307 ff.) recht
unvermittelt, so schwankt einigemal der Kopist bezüglich der beiden
Wörter. In 28g9/yo ist wohl maistre corde Con apelle Misericorde
bereits die wichtigste Saite jener Harfe, aber der Kopist schreibt
seneronl, nicht sonneront, und hat vielleicht noch an ceigneront la
corde wegen des bisherigen Zorter la haire gedacht. Jedenfalls ist
der Gedankenzusammenhang nicht klar herausgearbeitet.
Das Lob wahren Beginentums erstreckt sich hier auf die
Männer (begums). Sie sollen Selbstverachtung, Schweigsamkeit,
Geduld bei Unbilden, Mäfsigkeit in Nahrung und Kleidung, bufs-
fertige Gesinnung, Nächstenliebe in guten Werken, Verzicht auf
weltliche Lust wie Jagdhunde und Jagdvögel bekunden. Ein deguin
mufs der Schwalbe gleichen, die frei in die Lüfte Gott entgegen
sich emporschwingt, auch dort nur ihre Nahrung, nicht den Wurm
auf der Erde sucht. Die Habsucht ist der schlimmste Fehler der
Welt. Das härene Buflsgewand ist der nach Armut strebenden
Beginen schönste Zier und so nacheifern sie den Bettelorden (/reres
menours), die sich gern verachten und schmähen lassen, aber auch
den Zisterziensern (cax de Citiaus), deren erhabener Gönner, der
hl. Bernhard, ihnen diese Aare besonderer Art als bestes Ver-
mächtnis übergeben hat: Gebet und unverdrossene Arbeit sind ihr
Ideal, vollkommene Armut: povzeteis el beguinages dot esire ensi con
mariages (179/80). Arm war in solcher Aaire der Heiland, er er-
löste die durch Eva sündige und durch des Angels Ave Maria
dem Heil zugeführte Menschheit. Wie prunken aber die Prälaten,
die das Volk bedrücken, dafs es nicht einmal die doree zum Lebens-
unterhalt hat, desgleichen Könige, Grafen, aber auch Bürgerliche
und Bauern! Armut lebt nur noch bei den Jüngern von Citeaux
und den Predigtmönchen, überall sonst ist sie geächtet. Das
Armutsgewand trugen nach Christus die hll. Laurentius, Stephanus,
Leodegar, Bartolomaeus, Andreas, Petrus und Paulus, Fenice (?),
Susanna, Juliana, Constantia, Agnes, Agatha, dann Augustinus,
Hilarius, Martinus, insbesondere Bernardus.
Ein Tröster in Leid und Arbeit ist die Harfe des hl. Bernhard,
gestimmt und gespielt von Armut, Vernunft, Reue und Bulse, Demut,
Liebe und Mitleid, dazu von Geduld, Gerechtigkeit. Selig, wem
dies himmlische Instrument erklingt, wer durch Gottesminne und
Armut sich das Paradies dereinst verdient!
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 145
Text II.
OM vuet droit beguinage avoir, fol. 153 v.
Il at mestier par estevoir
Qu’il ne despesse fuer que lui
Et ce! soit larges pour autrui,
5 Ce fasse joie d’autrui bien,
Tout autresi conme dou sien.
Beguins ce doit mout bien garder;
Il ne doit mie trop parler.
Sovent avient qui trop parole
ı0 Qufil at tot dit parole fole;
Le monde puet il bien despire,
Mais il ne doit avoir point d’ire.
S’on dit beguin ne lait ne honte,
N’en doit tenir ne plait ne conte,
15 Car de despit si? se courouse, fol. 154 rr.
Ne puet estre qu’il n& angrouse,
Beguins doit estre en estenance,
Ce ne doit pas croire sa pance,
Car la pance est gloute et vilainne;
20 Ja n’iert lie, c’elle n’est plainne.
Le cors doit on bien sostenir
Et de mangier et de vestir
A mesure, qu’il ne defaille;
Mais Diex veut bien c’on se travaille
25 Et de veillier et de juner
Et de soi batre et de plorer.
Ensi se doit beguins meneir
Et en l’amour Dieu reposer,
Se beguins trueve les descors,
30 I en doit faire les acors.
Beguins ne doit pas estre a aise,
Ce ses voisins est a malaise;
A son pooir le doit aisier,
C’il seit qu’il ait de lui mestier.
35 Beguins doit povres piez laveir
Et les malades viseter;
Beguins doit estre estrois vers lui
Et dous et larges vers autrui;
Beguins dolt estre en orisons
40 Et ameir messes et sarmon;
Tuit sui solas et sui deport fol. 154 v.
A ce doit estre ces confors,
Teil doient estre sui jouel:
I Etce = Etse, Et si, ähnlich 5. 18 Ce = Si u. 32 Ce = Se, Ces
== Ses 60 etc. Is = sim sil.
AAltschr. f. rom Phil, XLVII. io
45
so
55
65
70
75
85
90
ALFONS HILKA,
Ne doit avoir chien n& oisel
Ne kalandre ne jai ne pie,
Dont P’amours Dieu soit alongnie,
Quar de folie s’entremest
Qui de son Dieu fait oiselet;
Drois beguins est en leu d’oisel,
Qui fait voleir son arondrel,
Son cuer, a Dieu et za pensee:
La doit estre s’amours donnee,
Car l’alondr& en mout bon tens
Volentiers est en l’air volans
Et en volant prant sa pasture
Et quiert en l’air, de ver n’a cure.
Elle nous donne ensignement
Qne nous vivommes sagement,
Laissons les chozes qui defaillent,
Ces amons tant con elles valent.
Diex fist terre pour nos servir;
Elle nous doit paistre et vestir,
Ce n’en doit nuns plus enchargier,
Mais on s’ocist par convoitier.
Voies le monde et ses enfans:
Tant en i at des convoitans
Qui convoitent apres ’avoir; fol. 155 r.
Ja n’en cuident assez avoir;
Si convoitent la signorie
Et si convoitent la baillie;
Ausic vivent conme pourcel,
Ne samblent mie l’alondrel
Qui en volant prent sa pasture,
Laisse le monde, n’en at cure.
Laissiez le monde a convoitier,
Si vous tourneis a Dieu proier,
Car li mondes est decevans
Et vous i perderies le tens!
Quant li beguins pert sa journee,
Ja mais ne serat recovree,
Qu’i rois ne dus ne conte crient,
Car li tens passe et la mors vient.
Beguins doit vivre par mesure,
Qu’il n’ait Irop fain ne trop froidure,
Vestir doit drap a .lI. envers,
Tant que ces cors en soit covers:
Ausi chier a drois beguins haire
Pour soi vestir conme escarlate.
Beguin ne chaut de coi se soit
Qu’il ait vestit, mais qu’il n’ait froit.
Queil bien li font drap cotenei?
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 147
Povre charge est de vanitei,
C’est une pourre qui trop vole; fol. 155 v.
Sachi&s que trop de gens afole.
95 Beguins doit ameir povretei
Et la doit joindre a son costeil,
Car povreteis li ramentoit.
Se ces beguins vives! a droit,
Qui l’amour Dieu avoir vora,
100 Il doit ameir ce qu’il ama.
Il vous convient d’orguel deffandre,
Ce vous voleis la voie apanre
Si con hom va en paradis,
Si soiez povres et despris,
105 Car mout est bonne la destrece
De quoi on vient a grant hautesse.
Esgardez les freres menours:
Il ne sont mies orguillous,
Ainz mostrent bien apertement
110 Lor povretei devant la gent.
Ja userier ne lor bobans
N’amerat Diex, qu’il sont puans;
Orguel ont mis desous lor pies,
Si est despis et travillies
115 Et defouleis en la longaingne,
Ne ja n’iert teis que il s’en plaingne,
Si faites gens sont bon beguin;
Diex les i gart jusqu’a la fin!
Si esgardeis ciax de Citiaus: fol. 156r.
120 Lor beguinages est mout biaus;
Il sont aouvrei tout le jour
Et toute nuit sont en labour,
Il ont dur lit et discipline,
Junent et viellent? a matine.
125 Li un chantent, li autre plore,
Mout lor tarse que Diex demore;
Mais povreteis qui les conforte, ‘
Tous jours lor dit: „Donneis vos force!
Je vous ferai bel don donner,
130 Se vous voleis ensi mener:
Preneis la haire s. Bernart
Et leveis main et couchies tart!“
C’est une haire mervillouse:;
Elle n’at cure d’estre oiseuse
135 Ou en labour ou au mostier,
An orison pour Dieu proier,
Ceste haire ne porte mie
nn
ı uiues Hs. 2 Lies: veillent.
Jogle
148 ALFONS HILKA,
Cil qui convoite signorie
Ne cil qui assamblent l’avoir;
140 Il nen ont cure de l’avoir.
Li orgu[illous] et li mondain,
[ . . . e ® e I
Li me[nteour] et li felon
Cil n’en [ont] cure ne glouton;
145 Teis gens ne se veulent amer, fol. 156 v.
Si les convient aillours penser;
Trop sont vilain et plain d’outrage.
Porteir l’estuet en beguinage,
Car li beguin doient avoir
150 Les choses qui font Dieu avoir;
Mais ceste haire est un pou dure;
Ne sai se nuns hons en at cure,
Car il i at mais pou de gens
Qui vestent icest vestemens,
155 Si ont apris a vivre en pais,
Ce n’an vuelent porter nul fais.
Ce ne tain ge mie a savoir,
Car ce n’est mie drois savoirs,
Car Diex cui paradis estoit
160 Et nuns meflais en lui n’avoit,
N’i entra mie sens dolour.
Que feront donc li pecheour
Qui riens n’i pu[e]ent demander ?
I(l) porront il sans poinne entrer ?
165 Nennil, foi que je doi Marie!
Sifaitement n’i vait on mie.
J’ains beguignage par amour
Qui toute jour est a labour,
Qui volentiers vat au mostier
170: u. 0 ee dan Se ee
Pour aquerre sa sauvetei
Tous tens, et yver et estei; fol. 157 r.
Et si convient par estevoir
Tous ceus qui Dieu veulent avoir
175 Si haute vie conmancier
Qu’il aient honte dou laissier,
Car cil aimment Dieu trop petit
Qui povretei tient en despit,
Car povreteis et beguinages
ı80 Doit estre ensi con mariages,
Car cil qui n’aimment povretei
Sont par despit beguin clamei.
Sachiez, ce pu[e]ent cil voloir
1 Ein Vers fehlt.
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BRGINENTUM.
185
190
195
200
205
210
215
220
225
1 Häufges Wortspiel swischen Eva und Ave (Mariens Begrüfsung durch
E)
Qui la haire vuelent avoir.
Diex la sentit premierement,
Pour ceus geter fors de tourment
Qui par Eve fut deperdus
Et par ‘Ave’! sont secourut.
‘Ave’ portat hautes novelles:
Que Diex vanroit en la pucelle
Et si feroit de li sa mere
Et il seroit et filz et peire.
Granz joie fut quant vint en li,
Et plus grant quant il nasquit;?
Mais cempre vinrent li torment,
Car il nasquit si povrement
Qu’il füt nns mis en une creche;
La souffrit il mout grant destrece,
C’on ne l’avoit de coi covrir,
Car povreteis le vot servir,
Iluec fist Diex sa conpaingnie
De povretei, sa douce amie,
Qui onques puis ne li failli
Jusqu’a la mort, puis qu’il nasqui.
Or la veut on pour ce petite
Qu’elle est et vis et despite:?
Nuns ne li veut son huis ovrir,
C’elle devoit as chans gesir.
Or regardeiz cest granz prelas
Com il li font pou de solas
Et ce vivent de son avoir
Que li povre deussent avoir,
Et se li ont si atourneie
Qu’elle n’at mie la pureie;
Et ce sait bien certainnement
Que Diex l’amat plus durement;
Mais petit aimment le signor
Qui le serjant ne fait honour.®
Ce regardeis contes et rois
Et les vilains et les courtois
Com il despitent povretei:
Aucun en sont mout destorbei,
Quant elle vient en lor maison,
Qu’elle n’i vient s’a charge non.
Quant il n’ont mais de quoi finer,
Ce lor convient l’osteil presteir.
Mais Dieu qu’en chaut de lor anui,
149
fol. 157v.
fol. 158 r.
den Engel), vgl. lat. Hymnendichtung. » Eine Silbe fehlt.
7. Morawski, Prov. fr. nr. 663: En l’amour dou seignour gaaigne li serjanz.
Vel.
150
230
240
245
250
255
260
270
1 Lies: haire,
ALFONS HILKA,
Car il ne l’ont mie pour lui?
Ce ce ne fussent prescheour
Et li petit frere menour
Et cil de l’ordre de Citiaus
Qui la vestent de lor drapiax,
Elle s’en fust pieg’a fineie,
Car li riches hons I’a bannie.
Aucun beguin me reconfortent
Pour bonne haire que il portent.
Celle haire cui Diex portat,
Quant il morit, si la laissat;
Et quant il l’ot assez portee,
Si la charga a povretei,
Ce la portat a ses amis,
Sains L.orans l’ot qui fut rotis,
Sains Estevenes fu lapidez
Et sains Legiers les iex creveis,
Sains Bertremeus fut escorchiez,
Sains Andrieus lonc tens fut chartriers
Quant on le pandit a Patras
Par les jambes et par les bras,
Et sains Pierres l’ot a son col
Et puis la donna a saint Pol. fol
Quant Diex li donna l’espee,
Ja li fut la harpe! donnee,
Ce la portat en Romenie,
Ce la donna sainte Fenice,?
Qui fut fille d’empercour
Et mout amat nostre Signor;
Mais ces peres la tourmenta,
Pour ce qu’elle se baptizat;
En meir la mist en un batel
Trestoute soule sor l’iver,
Ce s’an ala avec le vent,
Dieu reclama mout doucement.
Ceste haire ot sainte Sesanne,
Et ce l’ot sainte Julienne,
Sainte Constance et sainte Agnes,
Et si l’ot sainte Agathe apıds;
Eles avoient drois sentemens?®
Qui soffroient tant de tourmens.
Trestuit li saint que j’ai nommei
Ne soffrirent tant de durtei;
Li cuers nous en deveroit fendre:
Cil voloient a droit entendre.
Celle haire portat Augustins,®
.168v.
2 Vorher felice gestrichen. ® Eine Silbe zuviel.
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM.
275
280
285
290
295
Sains Hylaires et sains Martins,
Qui tant soffrirent de tourmens;
Et apres ce l’ot sains Bernars
Et la portat toute sa vie:
La fut elle bien emploie,
Qu’il la portat parmi les bois;
Tant la portat qu’il ot repois.
Or !’a laissie a ses amis,
A ceus qui sont d’amours enpris,
Si s’en deduisent en convent.
Et li clostrier l’ont mout sovent
Et as hores et as matines;
Et li convens en deceplines
Sovent la port& en labours;
Mais il n’i at point de sejour,
Si seneront! la maistre corde
C’on apelle Misericorde.
Et qui la harpe? aront amei,
Troveront Dieu en sa plantei,
Si s’en doit on mout conforter,
Puis c’on en at si grant loiuer.
Manieres est as autres gens.
“ La pu[e]ent avoir mout souvent.
300
305
310
315
18.0. S._144
Li cors ne se porroit deffandre
Quant li cuers veut a Dieu entendre.
Qui meteroit la teste fors,
Uns tous seus cuers vaut bien, c. cors.
Nuit et jour doit on Dieu servir,
Les povres paistre, revestir;
On doit estr& en orison
Et amer missel et sermons;
On doit estr& en la labour
Pour aquerre la Dieu amour.
La harpe est bone qui ravoie
Ceus qui sont fors de droite voie.
Ce vous voleis la harpe oir,
Dont faites povretei venir:
Ce la ferat mout haut soner,
Ce vous bien voleis escouter,
Car povreteis l’a mout porteie.,
Et quant la harpe est descordeie,
Ce la tempre sens et raisons,
Ce fait sonner confession;
Contessions et repentance
Bien s’acordent a penitance;
Se fait sonner humeliteit,
% Lies: haire.
151
fol. 159 r.
fol. ı59v.
152 ALFONS HILKA,
320 Pities, amours et chariteis.
Et desirier ne se fait! mie;
Obedience est escourcie.
Mout se travaillent durement
Pour bien sonner conmunement.
325 Et justice sonent la quarte,
Et cremour veut soner peresse,
Et destresse la fait gaitier,
Qu’elle non laisse somillier; fol. 160r.
Mais elle vient avec confort,
330 Pour ce qu’elle semblast plus fors.
Qui dons oroit soner soffrance !
Mout durement court esperance:
Sa corde sonne par grant joie;
Toute la barpe ce ravoie.
335 Pacience fait estargier,
Commandemens l’at detrie,
Et justice li dit mout lait;
Mais droiture est venue en plait
Qui entr’eles a mise acorde;
340 Chascun remet main a sa corde,
Qui adonc orroit Ja harpe soner,
Amour gemir, pitie plorer,
Contricion ces poins detordre
Et desirier hurter et plaindre!
345 Ce sont les hautes melodies.
Misericorde est avillie,
Qui mout tost sonne amour et pais.
Toutes s’acordent a un fais:
Esperance sonne cremour,
350 Qui bien s’acord& a doucour;
Humeliteis entent Ja noise,
Tant vat par tout qu’elle l’acoise;
Si tost qu’elle sonne son cor,
Amours ce taist et päis s’endort. fol. 160v.
355 Adonc lor vint sospirs mout pres,
Qui mout bien le sert de .Il. mes,
De piment et de gingembres.?
8
.oe.. . oe oo...) 0 008 0 0 08 8 8 8 8 0 oo
Apres les vint servir solas,
360 Qui de bien servir n’iert ja las,
Qui n’aporte s’espices non:
Tant en geste par la maison
Qu’elle rendit si grant odour
Que nus n’i sant mal ne dolour,
365 Qui la porroit faire son lit?
I Lies: faint oder taist. ® Eine Sılbe fehlt. ® Ein Vers fehlt.
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 153
Mais il ne l’ont fors li eslit
A cui Diex donne sentement
De la joie qu’elle atent,?!
Qui lor mostre celle mervoille.
370 Quant il avient c’aucuns senmelle?
De tous les biens qu’il at eüs,
Ne nous seit dire que ce fut
Fors que de ce qu’il at sentit;
Tous jours voroit qu’il fust ensi.
375 Qui en poroit un pou avoir,
Ne la donroit pour nul avoir;
Mais ce ne poroit nuns ovrer
Qui ne vuet de pechi& müer.
Or nous metons a Dieu servir:
380 Ce nous ferat ces biens sentir,
Et si amons la povretei fol. 161r.
Et si soiens de li privei,
Car Diex l’avoit pour nous avoir,
Si en devons grant joie avoir;
385 Et nous amons ausi pour lui,
Si serons fors de grant annl,
Car pour un pou de povretei
Nous promet Diex si grant plantei;
Ceste harpe est le dons Bernart.
390 Or nous mest Diex en ces biensfais;
Amen, Amen! chascuns en die,
Que Diex nous doint sa conpaignie!
1 Eine Silbe fehlt, lies: qui les a.? s S. Glossar.
III.
Dies Stück über die Gottes- und Nächstenliebe einer echten
Begine, die in frommem Gebet weinen und seufzen, im Liebesfeuer
schmelzen und. verbrennen soll, hat P. Meyer nicht ganz abgedruckt
(v. 1—20). Er streift nur wenig die metrische Form. Diese ist
vernachlässigt. Der Hauptsache nach sind es Achtsilbner, aber
Siebensilbner haben wir in 2. 3. 2ı und einen Neusilbner in 5.
Zum Schlufs haben wir Kurzverse als Fünfsilbner in 23. 24 und
einen Sechssilbner in 25. Es handelt sich mehr um Assonanzen denn
um Reime, vgl. 1—3, 10—ı2, vgl besonders creature : amertume 6.
Zu den Versen ı6 und ı9 fehlt die Entsprechung. sure ı9 ist
bereits zweisilbig, und digne 22 steht in Assonanz zu deguine, ob-
wohl solche Reime sonst nicht selten sind.
® A.a.0.S.73.
154
10
15
20
25
ALFONS HILKA,
Text III.
J« di que c’est folie pure
Quant cuers en la creature,
Non en Creatour met cure,
Car de l’amour dou Creator
Aquiert on pais et joje et dousour;
De l’amour de la creature
Aquiert on poinne et amertume.
Pour tant, beguines, qui ameis,
Pour Dieu vos amours ordenez!
Ameis, ameis, premierement
De tout vo cuer entierement
Le dous Ihesu souvrainnemen!
Apres ameis la creature,
Non pour li, mais pour sa faiture,
Non pour grace ou pour sapience,
Mais pour celui cui tous bien donne,
Non pour poissance ou pour beltei,
Mais pour celui qui l’a criet.
Ausi serat vostre amors sure,
Plaisans a Dieu et nete et pure.
Celle est vraiement beguine
Et de l’amour Jhesucrist digne
Qui plore et gemit,
Sospire et languit, !
Qui plore en orison,
Sospire par devocion,
Languit par meJitacion,
Remet et art ou feu d’amours.
fol. 179 v.
fol. ı ır.
1 Dahinter steht: Remet et art et pır amour de cuer destant (leizteres
Wort getilgt), doch wird dies ein Fehler des Kopisten sein; vgl. den
letzten Vers.
Index einiger Wörter.
acorde 11 339
acorder ıfl. I 130, 11 348. 350
acort pl. Il 30
acoustwmeir intr. 144
afaıre 199
aisier 11 33
alletes 1662 = elktes
alondre II 53
alondrel, arondrel IL 50. 72
anprouse ll ı6 zu engroissier
amouree 1 308
amouretes, amourestes 1 536. 542. 579
aouvrei II 121
avespri 1214
baullie 159, 11 70
beguin 117. 17. 27 fl.
beguinage Il ı. 120. 148. 167 (de-
gZuignage). 179
beguine 1118. 2ı
bodan Il ııı
Duistete I S41
a certes 162. 72
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 155
chateis 1 193
changon L 131
clarei I 604
clostrier II 284
conjoier I 160
conporter 1 596
contei 1 59
convent II 283. 286
couvertise 1407
couveter 1 622
corde 11 289. 333. 340
costeil II 96
cotene! (drap) II gı
decepline II 286 — discipline 11 123
deperdu II 187
deport II 41
descorder 11 314
descort IL 29
despesse Il 3 zu despire
despire IL ıı
despit II 114. 206
par despit IL 162
tenir en despit 11 178
despris IL 104
desporveement 1 32
destorber II 222
doubles 113
dragie 1541
enchargier 11 63
enmorous 1 215 = amorous
enpris II 282 = espris
envers IL 85
escourcier intr. II 322
espinete 1535
estargier Il 335 = atargier
estenance 11 17 = astenance
estroit II 37
a un fais II 348
festir Lısg
finer II 225
Anir ıfl. II 233
famme 1 436
forete, floreste 1537. 619
forissir 1315 = fors issir
freres menours II 107. 230 (Petit
fr. m.)
fuer II3 = fors
garmenter ıfl. I 219. 331 = gaimenter
gingembre Il 357
giron 1416
haire I1 87. 131. 133. 137. 151. 184.
236. 237. 252. 273. 291
harpe 11 307. 309. 314. 334. 341. 389
Jouel 1143
Juner 1125. 124
kalandre 1145
longaingne IL ıı5
manier 11 295
de meis 1 266
mestraire 1 106
miroir d’amours 1565
nois muguetes, n. muguestes 1434.
539. 543
pasce 1108 = Passe
passut 1523 —= Pascut
pomes greneites 1 530. 580
pourre 1193
Dureie Il 214 = fouree
quarte II 325
racorder 186. 195
raison 1 125
regiber 192
reie d’amors 1 556
remetre intr. III 23
repentaille 1 203
reverchier 174
saiens 1643. 671. sains I 360 = galenz
sajus 1563 — ga jus
senmeller II 350 = sangmesler s.
W. Foerster, ZrPh. 1912, 736.
tarser 1303. II 126
temprer (la harpe) 1I 315
trasse 121 = trace
tribulacion 1 138
userier IL ı1ı
vis fem. 11 206 zu vl.
156 ALFONS HILKA,
Eigennamen.
Agathe U 266 Hylaire 11 274
Agnes Il 265 Israel (fl I.) 1524
Andrieus Il 247 Jerusalem (flles 5.) 1 356
Augustin II 273 Fhesucrist 1517
Bernart Il ı31. 277. 389 Legier I 244
Bertremeus 1 245 Lorant II 242
Citiaus Il 119. 231 Marie II 165
Constance 1I 265 Martin II 274
Escauvaire (mont d’E.) I 100 Pierre 11 249
Estevene II 243 Pol OD 250
Eve II 187 Romenie IL 253
Fenice (?) IL 254
Galylee (l’or de G.) 13ı4
Sesanne II 263
Trinitei 128. 549.
Anhang I.
In diesem Zusammenhange ist es wohl angebracht, den Ab-
schnitt über die Beginen aus der für den Gebrauch der Prediger
bestimmten Exempelsammlung, die durch die Hss. Tours 468, Bern
679 und Upsala C. 523 vertreten wird, heranzuziehen. Sie stammt
aus der zweiten Hälfte des ı3. Jahrhunderts, 1
Sciendum est quod personae dignae ad statum beguinagiü
pervenire debent habere .XXVII. proprietates ad hoc quod possint
ibi recipi et vivere, prout ex testimoniis sacrae Scripturae possumus
confirmare.
Diese Fassung von 28 Eigenschaften (alle durch Bibelstellen
erhärtet) einer guten Begine = A stelle ich mit einer anderen,
erweiterten von 32 Eigenschaften gegenüber = B, sie steht ın der
Hs. Bibl. nat. lat. 15972, fol. 177v von einer Hand des Ausgangs
des 13. Jhdts. (Artois) eingetragen: Vechi les .KXAÄIL proprietis de
beginage. P. Meyer hat den Text im Bulletin de la Societ& des
anciens textes francais 1912, S.98 abgedruckt (natürlich ist da cu/
plourant ein häfslicher Druckfehler). Ich benutze eine Kopie, die
mir der stets hilfsbereite Konservator H. Omont 1914 zusandte.
A
1. das regarder?
2. en haut penser?
B
1. bouche orant
2. eul plorant (P.M.: cul plourant)
3. ceur desirant
3. sovent orer‘
ı Vgl. meinen Aufsatz: Compilatio singularis exemplorum. S. A. Breslau 1913.
® Prov. VI, 16: Sex sunt, quae odit Dominus et septimum detestatur
anima eius: oculos sublimes etc.
8 Thren. III, 4: Levemus corda nostra cum manibus ad Dominum.
Ps. LIV, 23: Iacta cogitatum tuum in Domino, et ipse te enutriet.
% ı Thess. V, ı7: Sine intermissione orate.
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINEN1UM. 157
A B
4. petit aler! 4. petit aler = Ag
5. naient gengler? 5 das regarder = A ı
6, Janguir d’amer! 6. en haut Penser = A2
7. nele conscience‘ 7. droite entencin = AB
8. droite entencion ® 8. douche pacience = A9 (P. M.:
9. dolce pacience® paciense)
10. foy enluminant! 9. ceur croissant
11. esderance eslevant® 10. entendement cherubinal = A ı7
12. amour embrasant? 11. sentement ceraßhinal = A 18
13. Pures Densees!? 12. aler en scant = A 20
14. oevres ordenees\\ 13. farler en taisanıt = A 19
15. Saroles enmielees? 14. Plourer en riant = Aaı
16. cuer tronisant!® 15. estre fort en enfleivant (l. afe-
17. entendement cherubinant!“ bloiant)® = A 26
18. sentement seraphinant \5 16. riche en apovriant —= A 24!
19. parler en taisant\® 17. sage en laisant = A 25
20. aler en seant!! 18. Pensces coulees = A 13
21. rire en plorant!® 19. Paroles enmelees = Aıs
22. dormir en veillant ! 20. euvres ordenees = Ag
ı Thren. III, 28: Sedebit solitarius et tacebit.
2 Eph. IV, 29: Omnis sermo malus ex ore vestro non procedat.
3 Cant. II, 5: Fulcite me floribus, stipate me malis, quia amore valeo.
* Is.1,16: Lavamini, mundi estote, auferte malum cogitationum vestrarum
ab oculis meis.
s Is. X<XXVII, 3: Memento, Domine, quomodo ambulaverim coram te
in veritate et in corde perfecto.
® Mat. X, 16: Ecce ego mitto vos etc. ı. Petr, III, 14: Et siquid patimini
propter iustitiam boni.
? 1. Petr. U,9: Qui vos vocavit in admirabile lumen suum.
8 Is. XL, 31: Qui sperant in Domino, mutabunt fortitudinem: assument
pennas ut aquilae, volabunt et non deficient.
® Luc. XII, 49: Ignem veni mittere in terram: et quid volo, nisi ut :
accendatur (et ardeat).
1° Phil. IV, 8: De cetero, fratres, quaecumque sunt vera, quaecumque iusta,
quaecumque sancta, quaecumque amabilia, quaecumque bonae famae, si qua
virtus, si qua laus disciplinae, haec cogitate.
11 1, Cor. XIV,40: Omnia honeste et secundum ordinem fiant.
12 Cant. IV, ıt: Mel et lac sub lingua tua.
18 Unde sicut throni, qui dicitur ordo angelorum, ob eius tranquillitatem,
et dicitur in eo quiescere Deus: sic beguina debet habere cor tranquillum,
cor pacificum ad quiescendum Deum. Augustinus in libro Confessionum:
Quies apud te valde est, Deus meus, et vita imperturbabilis; qui intrat in te,
intrat in gaudium suum, et erit ei optime in optimo. Unde dicet beguina
tali: Haec requies mea in saeculum saeculi; hic habitabo, quoniam elegi eam.
1 Baruch III, 14: Disce, ubi sit intellectus, ubi sit sapientia, ubi longi-
turnitas viae et vitae, ubi sit lumen oculorum et pax.,
18 Col. III, 2: Quae sarsum sunt, capite.
18 1 Reg. I, ı3: Porro Anna loquebatur in corde suo.
1 Gal. V,25: Si spiritu vivimus, spiritu et ambulemus.
18 Tob. XI, 11: Coeperunt ambo flere prae gaudio.
18 Cant. V,2: Ego dormio, et cor meum vigilat.
2° P.M. liest: estre fors en fleivant und verweist auf fleve (franz. foible).
2 P,M.: en apourtant.
158 ALFONS HILKA,
A B
23. jeuner en menjant! 21. foi enlumincee = A 10
24. riche en apovreant? 22. esperance eslevee = All!
25. sage en assolant® 23. amour embrasee = A12
26. forte en afoibleant‘ 24. angelique entendement
27. conforter en desesperant® 25. cowrtoisie espirituel
28. morir en vivant® 26. devins sentemens
27. dormir en vellant = A 22
28. vellier en dormant
29. morir en vivant —= A 28
30. vivre en morant.
31. Jjuner en maignant A 23
32. maignier en junant
Daran schliefsen sich 26 schlechte Eigenschaften, die eine
Begine zum Eintritt unwürdig machen: Sciendum est quod sunt
aliae malae proprietates, quae reddunt beguinam indignam, ne
faciat professionem in sancta religione beguinagii, et quaelibet
beguinae tales ab hoc ordine repelluntur:
I. amour ont desordesice® 6. en langue humilitE‘?
2. acointance privee? 7. en vevre nicetE!%
3. vision controwvee 8. serpent sont par detraction!”
4. Penitance mal salee‘! 9. angles en conversacion !?
5. en cuer ont duplicitd'? 10. Iruffes ont Pour confession‘
ı Tob. XII, 18—ı9: Cum essem apud vos, per voluntatem Dei videbar
quidem vobiscum comedere et bibere, sed ego cibo invisibili utor, qui ab
hominibus videri non potest.
2 2 Cor. VI, ı0: ıanquam nihil habentes, et omnia possidentes.
® 1 Cor. III, ı8: Si quis vult esse sapiens, stultus fiat, ut sit sapiens.
* 2 Cor. XII, ı0: Cum autem infirmor, tunc potens sum.
s5 Tob. VI,9—ı0: Qui coepit, ipse me conterat et haec mihi sit con-
- solatio, ut affligens me dolore non parcat.
® 2 Cor. VI, 9: quasi morientes, et ecce vivimus.
T P.M.: esperanche e. .
8 Ideo fugiendae, unde Gregorius: Absque ulla dubitatione qui non vult
vitare mulierum familiaritatem, cito labitur in ruinam.
® Ideo Augustinus: Quanto namque melioris famae sunt, tanto citius
alliciunt iram sub affectu picetatis; latet ignis in specie libidinis.
10 Os. X,4: Loquimini verba visionis inutilis et ferietis foedus cum
mendacio.
11 Id est nimis delicata, quae non sicut sal a putrefactione servat, sed magis
vermes libidinis generat. ı Tim. V,6: Quae in deliciis est, vivens mortua est.
1% Ecclii. II, 14: Vae duplici corde.
18 Prov. XXVI,25: Si submiserit vocem, non credas ei, quoniam septem
nequitiae sunt in corde eius,
ı# ı Tim. V, 13: Otiosae discunt circuire domos, non solum autem otiosae
sunt, sed et verbosae et curiosae, loquentes, quae non oportet.
15 Eccle. X,ır: Si mordeat serpens in silentio, nihil eo minus habel,
qui detrahit.
1## 2 Cor. XI, 14: Angelus sathanae transfigurat se in angelum lucis.
7 diu sedendo et nihil dicendo, peccata a confcssore requirendo, virtutes
pro peccatis confitendo, aliena dicendo et sua tacendo, excusando, non accu“
sando. Contra ista Is. XLIII, 26: Dic tu iniquitates tuas, ut iustificeris. Die
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 159
11. faus sousßirs Bour devocion! 19. vaines sont en gengler?
12. en mout savoir sont curieuses? 20. Planetes du ciel pour aler!
13. d’autrui fait sont souspegonneuses® 21. couvertes sont en regarder'‘!
14. en jugement Presumpcieuses‘ 22. serdent en autrui bareter‘?
15. en compaignies enuieuses® 23. dures sont en devocion!®
16. dar jelousie envieuses® 24. renart en meditacion‘*
17. en acointances Perilleuses! 25. charnel en contemplacion 5
18. en afection furteuses® 26. singes en jubilation
2.
Beispiel einer Begine mit preziöser Ausdrucksweise:
Quaedam beguina dixit quod vellet suspendi, submergi,
incendi, humo infodi: serdue au gibet de contemplacion, noiee
en un flum de larmes de contricion, arse en un feu de charit£,
enfoie en la fosse de humilite.
Eine andere rühmt sich, über allem Tadel erhaben zu sein:
Quaedam beguina dixit quod nullus obloqui poterat in
malum de ea, quia se ele rit, dest compaignie, se ele ploure,
c'est devocionsz; se ele parle, c'est prophecie; se ele se test, dest
religions; se ele dort, ele est ravies se ele songe, c’est visions,;
se ele menjue, dest pour vivres se ele jeune, dest penitence; se
ele boit vin, c'est pour nourrir; se ele n’en boit, dest abstinence.
contra primum tuas iniquitates, contra secundum, contra tercium, ut iustificeris
contra quartum.
! Exemplum de Assa, filia Caleph, suspirante et petente a patre, rogata
a marito irriguum superius et inferius (Jos. XV, 17—19).
2 Eccli. III, 22: Fortiora te ne scrutatus fueris.
® Eccli. III, 26: Multos supplantavit suspicio eorum.
* Eccli. XVLII, 10: Vidit Deus praesumptionem cordis eius, quia mala est.
5 2 Thess. III, ır: Audivimus inter vos quosdam ambulare inquiete,
nihil operantes, sed curiose agentes,
6 Eccli. XXVI,7—9: Super omnia gravia dolor cordis, mulier zelotipa.
Et iterum: Mulier zelotipa flagellum linguae, omnibus communicans.
? Prov. VII, 25 u. 26: Ne abstrahatur in viis illius mens tua, nec decipiaris
in semitis eius: multos enim vulneratos deiecit, et fortissimi quique interfecti
sunt ab eo.
8 Exemplum de Oolla, quae insanivit in amatores suos (Os. XXIII, 5).
® Prov. VII, ı0: garrula et vaga, quietis impatiens,
10 Jud. 13: sidera errantia, quibus procella tenebrarum conservata est.
11 1 Reg. III, 3: ‘Heli non poterat videre lucernam, donec extingueretur’,
sub pallio cum capite velato quasi in obscuro foramine modico, ut non videantur
omnia videre, vident.
12 Gen. III, ı: Serpens erat callidior cunctis animantibus terrae.
13 Tob. XLI, ı5: Cor eius indurabitur quasi lapis.
14 Ps. XXXV, 5: Iniquitatem meditatus est in cubili suo.
15 Dan. XIII, ı6: De senibus non erat ibi quisquam praeter duos senes
absconditos, contemplantes eam.
be ogle
160 ALFONS HILKA,
Eine andere verteidigt ihren Stand gegenüber den Vorwürfen eines
Doktors der Theologie: Item quaedam beguina dixit cuidam doctori
eam reprehendenti:!
Vous lisies, et nous eslisons.
Vous dites, et nous faisons.
Vous aprenez, el nous prenons.
Vous maschies, et nous engloutons.
Vous marchandez, nous achetons.
Vous enluminez, nous embrasons.
Vous quidez, el nous savons.
Vous demandes, et nous prenons.
Vous queres, et nous trouvons.
Vous ames, et nous languissons.
Vous languissiez, et nous mourons.
Vous semez, et nous messonons.
Vous laboures, et nous reposons.
Vous megrissiez, et nous engressons.
Vous sonez, et nous chantons.
Vous chantes, et nous espringuons.
Vous espringuez, et nous saillons.
Vous florissies, nous fructifons.
Vous gostes, nous assavourons.?
Eine andere spricht von Jesus in schwärmerischen Antithesen:
Quaedam beguina ait de Jhesu:
C'est li tres haus, et poi ennoures;
Li tres amanz, petit ames;
Li tres bons, poi assavoures;
Li tres uissans, poi redoutes;
Li tres beaus, petit conneüs;
Li tres sages, petit creüs;
Li tres larges, poi mercies;
Li tres courtois, poi festoies.
Männliche und weibliche Beginen sollen Vater und Mutter der
Armen sein: Beguinus et beguina debent esse pater et mater pau-
perum exemplo Job qui dicebat: Pater eram pauperum. Probatio:
1. Se Ü me demandoit, je li donnoie.®
2. Se ıl estoit en dolour, je em ploroie.*
3. Se Ü estoit desconfortes, je le confortoie.®
ı Hs. Bern fügt hinzu: Cum esset turbata de bona correptione magistri
sicut superba et praesumptuosa respondit, quasi diceret: Vos debetis bene
beguinas reprehendere.
%2 Die Berner Hs. fügt hinzu: Tunc ipse doctor dixit vel potuit dicere:
Vous aputes, nous desputons.
s Tob. XXXI, ı6: Si negavi pauperibus, quod volebaat.
* Tob. XXX, 25: Flebam quondam super eo, qui oppressus erat.
5 ib.: et compatiebatur anima mea päuperi.
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 161
. Se il ne Dovoit aler, je le Bortoie.!
. Se il estoit aveugles, je le menoie.?
. Se il avoıt fain, je le paissoie.®
. Se ıl estoit nuz, je le vestoie.*
. Se il avoit froit, je le chaufoie.°
. Se ıl estoit trespassanz, je le herberjoie.®
- 9 Au 3
3.
Novellistischer Teil in fünf Exempeln:
2.1
Beguina quaedam neptis cuiusdam episcopi dormiebat quadam
vice in ecclesia quadam hora, qua veniebat eam visitare epi-
scopus. Et surgentes beguinae dixerunt illam esse raptam nec
eam excitare ausae sunt, quia possent eius spiritum plurimum
perturbare. Voluit eam episcopus saltem a longe videre.
Et paulo post excitata et vocata ab eo recognovit quod
dormiebat et sompniabat quod Magnificat es/oif bacons et
Nunc dimittis 2oree.
Beguinus, praedicans frater, narravit fabulam 8 quod lupus
deportans arietem, insecutus a domino cum servientibus et
canibus, intravit maneriam unam, ubi erat rusticus. Cui
promisit pellem arietis, ut non accusaret. Venientibus et
quaerentibus, si lupus esset ibi, dicebat ‘non’ ore, sed agitabat
caput, ostendens eum. Quod totum vidit lupus, aliis non
intelligentibus signum. Et recedentibus exivit lupus; a quo
quaesivit pellem rusticus, cum eum non accusasset. Tunc
ait lupus: Benedictum sit verbum tuum, sed mala gutta crepet
tibi oculos (mes male goute te criet les ieuz), quia insinuabat
eum. — Sic, ait frater, bdeneoites soient vos parolles, id est
orationes, mes male goute vous criel a louz les ieuz, quia totum
vultis videre.
Beguina quaedam veniens de sermone, obviavit sociae, quae
non interfuerat, et ait: Maledicta es, hodie quia non fuisti
in sermone fratris, qui praedicavit nobis de omnibus gaudiis
paradisi. Vere, respondit illa, si scirem quod possent numerari
et praedicari, minus appretiarentur.
Beguinae quaedam missae fuerunt ad quandam villam a qui-
busdam zelantibus pro eis et ut sub manu cuiusdam curati
valentis proficerent. Et cum quaedam fuisset impraegnata ibi et
ı Tob. XXIX, ı5: Pes fui claudo.
? jb.: oculus fui caeco.
8 Tob. XXXI, ı7: si comedi buccellam meam solus,
4 Tob. XXXI, 20: si non benedixerunt mibi latera eius.
® ib.: de velleribus meis calefactus est pauper.
®° Tob. XXXI, 32: Foris non mansit peregrinus, ostium meum viatori
patuit,
? Diese und die folgende Nr. fehlt in Hs. Bern.
® Vgl.L.Hervieux, Les fabulistes latins II (1884), 139. 217. 275. 328.722. 798.
Zeitschr, f. rom. Phil. XLVI1 11
ogle
I ’
162 ALFONS HILKA,
curatus ille increparetur ab his, qui eas miserant, eo quod
numquam profecissent sub eo, ait: Immo, quia de una factae
sunt duae.
5. Beguina quaedam audiens sermonem cuiusdam fratris, qui
erat fillus sacerdotis, sicut ipsa sciebat, affecta ad eius ferventem
praedicationem, surgens coram omni populo ait: Benedictae
sunt matutinae, quae fuerunt amissae pro gignendo te! Et
sic credens commendare eum, multicipliter confudit coram
illis, qui ignorabant defectum.
Ich stelle ferner die sechs Beginengeschichten aus der Mensa philo-
sophica, lib. 1V, cap. XLII, hierher und benutze den Druck [Coloniae]
s.l.a. = Hain 11075:
De beghinis.
I. Beghina quaedam dixit quod nullus sibi obloqui valeret, quia
si ipsa rediret, esset societas; si fleret, esset devotio; si loqueretur,
esset philosophia; si taceret, esset religio; si dormiret, esset quies;
si surgeret, esset visio. Et sic de multis aliis gloriata fuit; sed unius
erat oblita, scilicet quod quanto magis gloriaretur, tanto magis fatua
reputaretur. Vgl. oben S. 159.
2. Quaedam beghina Remis fuit de cuius ore Christus in forma
pueri exire videbatur, quia nimis loquax erat.
3. Quidam volens ostendere inutiles occupationes beghinarum
fecit unum circulum in quo erat depictum quomodo tres beghinae
unum anserem suffarzabant: una tenebat pedem, alia applicuit
ferrum, tercia cum malleo ferrum affıxit. In circuitu autem circuli
scriptum erat: Sicut hae tres beghinae de suffarzandis anseribus se
intromittunt, sic faciunt reliquae.
4. Quaedam beghinae conferebant qua morte eligerent mori. Una
dixit: Ego eligerem suspendi in suspendio contemplacionis; Job
enim dicit: suspendium elegit anima mea. Alia Jixit: Eligo sepeliri
in sepulcro humilitatis. Tercia elegit cremari igne caritatis. Quarta
elegit submergi in lacrimis compunctionis. Vgl. oben S. 159.
5. Quaedam beghina in una tunicula discooperto capite divertebat
in domo et casu pulsaverunt duo fratres ad porlam. Quae cucurrit
et ostium aperuit et verecundata quod non fuit velata capite
posteriorem partem tuniculae super caput retorquens clam fugit
Cui frater: Methildis, tege posteriora, quia melius est videre nudum
caput quam culum.
6. Contigit in quadam domo beghinarum quendam clericum nocte
inventum fuisse cum una: ubi ad cameram illius multae convenerunt
ad videndum spectaculum. Quod audiens una alia, in cuius lecto
adhuc quidam alter clericus iacebat, festinans videndi cupiditate,
credens cooperire caput suum panno consueto, accepta braca amasii
sui caput suum cum ea Cooperuit et sic ad locum spectaculi vel
lamenti venit, conans cum aliis plangere, ac si ipsa nihil de simili
sciret. Quam bracam capiti suppositam una prospiciens clamavit:
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 163
O soror et socia dilecta, quid est hoc vel quid sibi vult hoc
sonnium quod apportasti?P Illa ex hoc plus confusa est quam
altera socia quae salvata est per simile, cum non esset sola in tali
delicto.
Ich führe hier noch andere lat. Zeugnisse! an:
Jacobus de Vitriaco, Sermo ad virgines (bei J. Greven, Ursprung
des Beginenwesens, S. A. S. ıgfl.):
Haec vult esse deguina, sic enim nominantur in Flandria
et Brabancia, vel Japelarda, sic enim appellantur in Francia,
vel humiliata, sicut dicitur in Lumbardia, vel d,202e secundum
quod dicitur in Ytalia, vel coguennunne, ut dicitur in Theotonia ;
et ita deridendo eas et quasi infamando nituntur eas retrahere
a sancto proposito. Sed aliquando a viris sapientibus defen-
duntür, eo quod delectantur in carbonibus verbi Dei et quod
decurtata est lingua earum, eo quod verba otiosa et canti-
lenas lasciviae non loquuntur. Unde dicunt boni viri: Quid
molesti estis his mulieribus? Quid enim mali faciunt ?
Nonne libenter ad ecclesiam vadunt et psalteria sua frequenter
legunt? Nonne sacramenta eclesiastica venerantur et tota
die confessionem faciunt et praeceptis sacerdotum acquiescunt,
qui indices sunt iustitiae et quod noverunt loquuntur?
Jacobus de Vitriaco, Exempla ed. Th. Fr. Crane, 1890 = Folk-
lore Society 26, nr. 279:
Vidi quendam valde religiosum Cisterciensis ordinis mo-
nachum, qui adhuc de monachis superstes erat, cum audiret
quod multi et magni viri de statu huiusmodi mulierum male
sentirent et contra eas latrare non cessarent, rogavit Deum
ut oscenderet ei cuiusmodi mulieres essent quas deguinas
seculares nominabant. Et accepto divinitus responso quod
inveniuntur in fide stabiles et in opere efficaces, tantum post-
modum eas diligebat quod earum detractoribus semper op-
ponebat se. Vgl. Lecoy de la Marche, La chaire frangaise au
moyen äge. 2° Edition, Paris 1886, S. 365 u. oben S. 160.
Thomas Cantipratanus, Miraculorum et exemplorum libri duo.
Duaci 1605, S. 478 zum Jahre 1226, wo viele Beginen in Nivelles
(in oppido Nivellensi) vom ignis sacer ergriffen und in der Kirche
der hl. Gertrudis wunderbar geheilt wurden:
In hac urbe, ut pluribus adhuc viventibus notum est,
mulierum devotarum, quae deghinae dicuntur, nunc late diffusa
per orbem religiositas inchoavit.
Etienne de Bourbon, dominicain du XIII® siecle, Anecdotes
historiques, leEgendes et apologues p. p. Lecoy de la Marche.
Paris 1877, S. 2ı:
3 Vgl. ferner Du Cange, Gloss. s. v. beghinae.
ı11*
164 ALFONS HILKA,
Audivi a domino Philippo de Montemirabili, qui multa
monasteria albarum monialium in Francia construxit: Dicitur
quod quaedam dbeguma, cum diu caruisset sensibili sponsi
visitatione, afflicta et languens timore et desiderio, dixit
Fidei, tanquam pedissequae suae, ut ad sponsum iret, et eum
adiurando per suos articulos, quasi per carmina, et urgendo
fervidis orationibus et profundis gemitibus venire compelleret;
Spei, ut venientem cum gaudio susciperet et ad influendas
multimodas suas delicias cordi arido piis suspiriis et desi-
deriis eum arctaret; Caritati, ut susceptum caperet et captum
vinculis caritatis ligaret et astringeret, et astrictum detineret.
Quod et factum est, et inaestimabilem et durabilem sentiit
eius consolationem.
S. 62: Item accidit nuper in dyocesi Remensi quod tres
pueri jacebant in uno lecto. Cum autem maxima fierent
tonitrua et corruscationes, ille qui jacebat in medio surrexit
sedendo inter alios duos ad orationem; quem cum alii irri-
derent, vocantes eum deguinum, et arguerent, subito fulgur
descendens utrumque hinc inde occidens medium orantem
nec tetigit nec laesit.
$. 335: Geschichte einer zänkischen Begine in Reims.
Anhang II.
Auswahl einiger Stellen zur Beginenkritik aus dem 13. bis
14. Jhdt., die zum weiteren Sammeln anregen mögen.
Roman de la violette des Gerbert de Montreuil S. 27:
Gondree avoit la vielle a non,
Fille ert Gontacle le larron.
Cil l’ot d’une fausse deguine
Qui maint meschief fist de s’eskine.
Por chou di jou, tels est en’entente:
‘De pute rachine pute ente’.
Percevalfortsetzung des Gerbert de Montreuil bei Potvin
V]J, 201:
Si parement pas ne sambloient
De truande ne de drguine.
Jacques d’Amiens, ZL’Art d’amors, hısg. v. G. Körting.
Leipzig 1868, S. 66:
v. 2299 Les deghines, je le sai bien,
Aiment nett& sour toute rien,
Plus nettement apparellies
Les voi c’autres et affaities.
Molt tienent n&s lor garnemens,
Les vis ont clers et rouvelens,
ALTPFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 165
S’aiment bien boire et bien mangier,
Largement viestir et caucier;
Molt se sunt enviers Diu enclines,
Volentiers lievent as matines,
Tel cose en ai oi parler
Ke je ne voel ci raconter.
D’une riens sui lies, sans mentir,
Ke Diu ne puet on pas mentir;
Le siecle puet on engignier,
Mais Diu ne puet on cuncyer.
Gautier de Coinci bei Barbazan-M&on, Fabliaux et Contes,
Paris 1808, I, 320:
Beguin, ce dient, sont benigne,
Beguin, ce dient, sont si digne
Qu’il ne pensent a nule widive;
Beguin, ce dient, se derive
Et vient a denignitate.
Ha! ha! larron, quel barate!
Je i sai autre derivoison,
A la milleur des deus voise on.
Beguin certes ne sont pas doz,
Ja soit ce qu’aient symples voz,
Ainz sont poignant plus de fregon.
Beguin se viennent de degon,
Et de dbeguin revient degarz,
Et ce voit bien nes uns soz garz
Que de begart vient brais et boe
Qui tot conchie et tout emboe.
Salut d’enfer bei A. Jubinal, Jongleurs et trouveres. Paris
1835, S. 43:
S. 44:
En la grant sale Tervagan
La menjai .I. popelican
A. une sausse bien broie
D’une deguine renoie,
Qui tant avoit du cul feru
Qu’ele l’avoit tout recreu.
Li Cordelier, li Jacobin,
Qui escritrent en parchemin
La confession des deguines
Et les pechiez que font souvines.
Geus d’aventure, ebda. S. 155:
Bien savez fere le coilart,
Le beguin et le papelart.
166 ALFONS HILKA,
Songe du Paradis (nicht von Raoul de Houdenc), bei A. Scheler,
Trouv£eres belges, nouv. serie. Louvain 1879, S. 203; vgl. M. Fried-
wagner, ZfrPh. XXV (1901), 753fl. Ausgabe nach den mir freund-
lichst vom Koll. Friedwagner zugestellten Kopien der drei Hss. B
— Brüssel 9411—26, fol. 8c; P = Bibl.nat. 837, fol. 86d; T =
Turin L. V. 32, fol. 38b:
v.68 Dant demanderent tout ensemble
Les contenanches des beguines,
S’eles erent aukes benignes
A lor proismes, si qu’eles doivent;
Se chou ne font, bien se dechoivent.
Nis de celes de Cantimpre
Ont mult enquis et demand.
Je respondi qu’eles servoient
Nostre Sangnor et mult estoient
Plaines de tres grant passience
Et gardent bien obedienche
A lor sens et a lor pooir
Et sevent mult tres bien voloir
L’avantage et le preu d’autrui,
Tot sans pesance et sans anui.
Et si vos di bien sans dotance
Ke mult font grande penitance
Teles i a tot coiement
Et tienent bien en lor covent
Religion et caste&
Et sunt plaines d’umilite
Et font aumosnes volentiers
Et est lor serviches entiers
A Dieu, le pere droiturier.
Mais le covent font empirier
Teles i a par lor folies
Et par les laides vilonies,
Ke les foles font coiement.
Ensi est il tot voirement:
Avec les sages sunt les foles,
Et samble as fais et as paroles
K’eles aient a Dieu le cuer,
Et eles l’ont si ru& puer,
Qu’eles se soillent en l’ordure
De lecherie et de luxure
Et des autres vilains pechies
Dont tous li mons est entechies.
Dehors semblent bepuines estre
A lor samblant et a lor estre,
Et eles sunt dedens coluevres
Toutes plaines de males oevres,
De religion ont habit,
ALTPRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 167
Mais ja pour chou n’aront habit
En paradis le glorieus,
Le saintisme, le precieus,
U les bonnes seront posces
Et avec les sains coronees,
Rustebuef, Zes Ordres de Paris in Rustebuefs Gedichten, hgb.
A. Kressner. Wolfenbüttel 1885, S. 52:
L’ordre aus deguines est legiere,
Si vos dirai en quel maniere:
L’en s’en ist bien por mari prendre;
D’autre part qui besse la chiere
Et a robe large et pleniere,
Si est dbeguine sanz li rendre,
Si ne lor puet on pas defendre
Qu’eles n’aient de la char tendre
S’eles ont un pou de fumiere;
Se Diex lor voloit por ce rendre
La joie qui est sanz fin prendre,
Sainz Loranz l’acheta trop chiere.
Ders., Des Ordres, ebda., S. 57:
Beguines avons mont
Qui larges robes ont;
Desoz les robes font
Ce que pas ne vos di.
Papelart et beguin
Ont le siecle honi.
Ders., Des beguines, ebda. S. 62:
En riens que deguine die
N’entendez tuit se bien non;
Tot est de religion
Quanque l’en trueve en sa vie:
Sa parole est prophecie;
S’ele rit, c’est compaignie;
S’el plore, devocion;
S’ele dort, ele est ravie;
S’el songe, c’est vision;!
S’ele ment, nou creez mie.
Se beguine se marie,
S’est sa conversacion;
Ses veuz, sa prophecion
N’est pas a tote sa vie.
Cest an plore et cest an prie,
Et cest an penra baron,
I Vgl. oben S. 159.
168 ALFONS HILKA,
Or est Marthe, or est Marie;
Or se garde, or se marie;
Mes n’en dites se bien non:
Li rois nel sofferroit mie.
Ders., De la vie du monde, ebda S. 186:
Molt mainent bone vie deguines et beguin;
Avoec els me rendisse le soir ou le matin:
Ja ne croirai gloton aveques le bon vin,
Ne geline avoec coc, ne chat avec sain.
Le dit des Mais bei A. Jubinal, Nouveau recueil de contes, dits,
fabliaux. I. Paris 1839, S. 185:
Rendues et nonnains, Filles Dieu et depuines
Font mains divers enclins en ploiant leurs eschines;
Mais il prennent souvent privees disciplines
Qui leur valent au corps miex qu’autres medecines,
Le Dit de la Queue de Renart, ebda., U. Paris 1842, S. go:
Prestres, moingnes, jacobins,
Cordeliers et li deguins
Qui font bien le papelart.
Sous leur chapes ont Regnart ...
S. 91:
Beguines et ces nonnains
Et Filles Dieu, nul n’en doute,
De Regnart sont souverains:
Chascune vers soy le boute.
De Vipocresie des Jacobins des Jean de Conde, hgb. A. Scheler,
Dits et contes de Baudouin de Conde et de son fils Jean de Conde. II.
Bruxelles 1867, S. 186:
Et encor retenez de mi
Qu’a beginage
Ont il moult volentiers visnage;
Tout aussi envis con froumage
Chas mangeroit,
Uns d’elles a elles mefferoit;
Obedience passeroit.
Lor filles sont,
Onques n’outrage n’i pensont,
Mais souvent d’eles pitance ont.
Roman de la Rose, hgb. E. Langlois. II. Paris 1921, S. 222:
v.11938 Mais deguins aus granz chaperons,
Aus chieres pales e alises,
Qui ont ces larges robes grises,
Toutes fretelees de crotes,
Houseaus fronciez e larges botes,
ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 169
Qui resemblent bourse a caillier:
A ceus deivent prince baillier
U gouverner aus e lor terres,
Ou seit par pais ou seit par gueıres.
Des mainliens des Beghines von Gilles li Muisis, hgb. Kervyn
de Lettenhove, I. Louvain 1882, S. 237 (38 Strophen):
Or sunt en moult de lieus convent de berhinages,
Demisiclles senees, religieuses, sages;
De tous estas y sont et de pluseurs linages;
Pour leurs enfans aprendre leur font gent avantages.
Mantiaus et warcoles et simples abis portent;
Entr’elles a bien faire trestous les jours s’enortent:
Par couvens, par maisons, par numbre se cohortent;
Es biens qu’on lor voit faire, moult de gent se deportent ...
Qui mesdist de deghines, moult petit s’en avanche;
Dieus leur doinst en bien faire boine perseveranche
Et pour avoir leur vivre boine multeplianche,
Par quoy partir puissons trestout a leur penanche ...
Dieu pri que degkinage se puissent soustenir
Et es boines coustumes anchienes bien tenir,
Boines oevres dedens et dehors maintenir,
Qu’avoec elles puissons en paradis venir.
Lamentations de Matheolus de Jehan le Fevre p.p. A.G. van
Hamel. Paris 1892, S. 90:
v.1765fl. Au jour d’hui soubs turlupinage
Trouveroit on en tapinage
Envie, dol, ipocrisie,
Pensee par fraude brisie,
Especialment es deguines.
D’ardors ou feu d’amours sont dignes,
Car il n’est si jolie chose,
Quant leur burlette est bien desclose
Et elles sont bien a droit pointes
Et dessoubs large robe jointes.
Plus sont simples et precieuses,
Et tant plus sont luxurieuses.
Elles font le catimini;
Mais, par le verbo Domini!
Elles cuevrent leur ribauldie
Du mantel de papelardie.
Le beuf heent, le torel quierent,
On les fiert, et elles refierent;
On les harigote, on les luist;
‘Tout n’est pas or quanque reluist.’
170 ALFONS HILKA, ALTF RANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM.
Lateinischer Text:
v.1247 Sub facie tiacta macie, sub simplice veste
Sunt hodie fraus, invidie, mentes inhoneste.
Ergo tibi caveas pro nostris, dico, dberkignis!
Infernalis eas comburat pessimus ignis!
Cum res describi nequeat lascivior ulla
Ipsis, quando sibi reseratur carnea bulla.
Nam populo quanto reddunt se simpliciores,
Ia ludo tanto Veneris sunt fervidiores.
Extra quatymini faciunt sanctasque, sed intus
Cordis vulpini sunt; deest in corde jacinctus,
Qui foris apparet. Querunt spreto bove taurum,
Qui sibi rus subaret. Non est quitquit nitet aurum;
Decipiunt mundum, diffamant religionem
Eluduntque Deum, lactant in corde drachonem,
Quamvis angelice sint extra turturesque,
Et quamvis etiam verbis sit apostola queque.
v.1352 Pseudo-papelardas verbis, factisque renardas
Multas expertus, sibi presens dogma ministro;
Ut bene sis certus, experto crede magistro!
Este procul, vite tenues! insigne pudoris
Absit! ut inde status vestri minuatur honoris.
Ordo sive status dies merito prohibetur,
Secta dbeghignatus derisia cum reputetur;
Omnibus his viciis repleta cremabitur usque
In baratris Stigiis, ubi desunt ordo statusque.
ALFONS HiıLka.
Transkriptionsverfahren, Aussprache- und Gehörsschwankungen.
(Prolegomena zum „Sprach- und Sachatlas Italiens
und der Südschweiz“.)
Vorbemerkung.
Über die Fragen, die den Gegenstand des vorliegenden Auf-
satzes bilden, ist da und dort in dialektologischen Arbeiten und in
andern sprachwissenschaftlichen Untersuchungen gehandelt worden.
Besonders bemerkenswert scheinen uns einige Gedanken, die
Rousselot, Zes modificalions phonttiques du langage in Rev. des Pat.
Gallorom. V (1892), 224 ff. äufsert. Eine systematische Kritik ver-
schiedener Notierungen derselben Mundart geben unseres Wissens
nur OÖ. Bloch in der Einleitung seines Aflas ling. des Vosges
meridionales S. XIXf. und Gauchat in der Einleitung zu den
Tableaux phonttiques des patlois suisses romands von Gauchat,
Jeanjaquet und Tappolet, Neuchätel, Attinger, 1925. Das
letztgenannte Werk, das eine wichtige Materialsammlung zu den
uns interessierenden Fragen darstellt, wird im folgenden mehrfach
benutzt werden. Dem Aufsatze von B. Schädel, Über Schwankungen
und Fehlergrenzen beim phonetischen Notieren im Bull. de dialectologie
romane 11(1910) ist für unsere Zwecke wenig zu entnehmen.
Zur Transkription: Im Folgenden werden alle Dialekt-
formen — von einigen kleinen, durch den Druck notwendig
gemachten Abänderungen abgesehen — in der Originaltranskription
wiedergegeben. Scheuermeier, Moser und Jaberg bedienen sich der
Transkription des AIS, die sich an das System von Böhmer-Ascoli
anlehnt. Zum Verständnis dieser Transkription diene Folgendes:
Hochgestellte kleine Lettern bezeichnen schwach artikulierte
Laute. — Übereinanderstellung zweier Lettern deutet einen Zwischen-
laut an. — Der Hauptakzent wird mit ’, der Nebenakzent mit ‘‘, ein
verstärkter Hauptakzent mit ” bezeichnet. — 2, 3 deuten stärkere, 4, %
schwächere Palatalisierung, 4, &, ö etc. stärkere, &, &, ö schwächere
Nasalierung an. — Ein senkrechtes Strichlein unter dem Konsonant
(Bd, t, A, s etc.) bezeichnet die Lenis, ein kleiner Kreis (/, 7, z, z etc.)
silbige Stimmhaftigkeit von Liquiden. — e 0 ü etc. — geflüstertes
oder gehauchtes e, o, # etc. — ge und 9 == übergeschlossenes e
und 0; g, 0, @==überoffenes e, ound &. — 1,u, ü geschlossen, 5, 4, 4
offen. Sonst bezeichnen Vokale ohne diakritische Zeichen mittlere
172 KARL JABERG UND JAKOB JUD,
Werte. — y und w» = konsonantisches 7 und «, auch als zweites
Element von Diphthongen. — a = „Indifferenzvokal“ („vocale
indistinta“), der sich a nähert (z. B. auslautendes a in den Bündner
Mundarten und in vielen oberitalienischen Dialekten, vgl. e in
hochdeutsch Nase = näsa); > — „Indifferenzvokal“, der sich &
nähert (franz. e muet). Vgl. im übrigen unten S. 179 ff.
# — velares r, r = ungerolltes r. — 5 liegt zwischen s und 5,
3 zwischen 3 und 2£ — y==ich-Laut, % = ach-Laut.
In den Zusammenstellungen unten S. ıg4ff. werden wieder-
holte oder lexikologisch verschiedene Antworten durch Komma,
morphologisch verschiedene Formen (z. B. Singular und Plural,
Maskulinum und Femininum etc.) durch Semikolon getrennt. —
com. — Korrektur der ersten Antwort durch den Gewährsmann. —
: = zögernde Antwort. — * bezeichnet eine Antwort, die von einem
andern als dem Hauptgewährsmann stammt. — Durch Ünterstreichung
mit einer Wellenlinie (--) drückt der Explorator aus, dals er ein
Wort oder einen Laut nicht sicher wahrgenommen, durch Uhnter-
streichung mit einem Horizontalstrich, dafs er in Fällen, die zweifel-
haft sein könnten, seiner Sache absolut sicher ist. — Durch Punkte
wird angedeutet, dafs eine Form einem syntaktischen Zusammen-
hang entstammt, durch —, dals identische Wörter oder Wortelemente
nicht wiederholt werden.
Abkürzungen: AIS (Atlas—Italien— Schweiz, Atlante—
Italiano — Svizzero, Atlas —Italien— Suisse) = Sprach- und Sach-
atlas Italiens und der Südschweiz. Sch — Scheuermeier; Ja —=
Jaberg; Mo = Moser. ALF = Atlas linguistique de la France.
Unserm Freund und Mitarbeiter Herrn Scheuermeier sagen
wir für die Durchsicht des Manuskripts und für mancherlei An-
regungen, Herrn R. Moser für die Überlassung seiner canavesischen’
Dialektaufnahmen herzlichen Dank.
I. Transkriptionsverfahren.
Es gibt zwei Arten, Mundarten zu transkribieren. Die eine,
die wir als die schematisierende bezeichnen möchten, besteht
darin, dafs man die charakteristischen Laute einer mundartlichen
Sprachgemeinschaft zu erfassen sucht, für jeden dieser Laute ein
Zeichen wählt, sich so ein System von lautlichen Kategorien bildet
und nun weiterhin das Gehörte in das ein für allemal fixierte
System einordnet. Von der Spannweite der lautlichen Kategorien
pflegt man sich dabei keine klare Vorstellung zu machen und geht
mehr oder weniger bewufst von der Voraussetzung lautlicher Normal-
werte aus, die es festzustellen gilt. Mit andern Worten, man wendet
auf die phonetische Transkription der Mundart dasselbe Prinzip
an, das für die schriftliche Fixierung unserer Kultursprachen mals-
gebend gewesen ist. Dabei erleichtert sich, wer lautgeschichtlich
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 173
orientiert ist, die Arbeit gerne dadurch, dafs er die Wörter isoliert
und nach den Paragraphen der historischen Grammatik zusammen-
stellt und abfrägt. Mit einem derartigen Fragebuch sind zuerst die
Redaktoren des Glossaire des patois de la Suisse romande ins Feld
gezogen (anders wurden die Materialien zu den Tableaux phond-
Jigques gesammelt)1, Das von Merlo zusammengestellte phonetische
Normalquestionnaire der Opera del Vocabolarıo della Svizzera italiana
beginnt mit den Fragen: pace—trave—chiave—scala— sale —
amaro—portare—-portarlo etc. — ramo— mano — piano—rana—
casa— naso etc.
Das zweite Transkriptionsverfahren möchten wir das impres-
sionistische nennen. Es geht nicht darauf aus, das lautliche
System einer Mundart festzustellen, sondern darauf, den momentanen
Gehörseindruck in jedem einzelnen Falle möglichst genau wieder-
zugeben. Der Notierende hält ohne irgendwelchen Versuch der
Schematisierung alle Lautnüancen fest, die er wahrzunehmen glaubt
und die ihm seine Transkriptionsmittel schriftlich zu fixieren ge-
statten. Das Ideal ist, die Laute so wiederzugeben, wie sie die
natürliche Rede bietet, mit allen Unregelmälsigkeiten und In-
konsequenzen, die die Verschiedenheit des Sprechtempos, die
wechselnde affektische Einstellung, nachlässige oder deutliche Artiku-
lation usf. erzeugen. Vollkommene Beobachtungsbedingungen bietet
ja nun freilich nur die von aufsen unbeeinflufste und des Beobachters
nicht inne werdende spontane Unterhaltung von Dialektsprechenden.
Wer wie der Sprachgeograph abfragen muls, wird seinen Auskunft-
geber so zu beeinflussen versuchen, dafs er seine Antworten, soweit
es angeht, den natürlichen Sprechbedingungen anpalst; er wird
ihn möglichst wenig wiederholen lassen und ihn nicht zu über-
deutlicher Aussprache veranlassen. Die ganze Einrichtung seines
Fragebuches wird auf dasselbe Ziel eingestellt sein: Die Fragen
sind nicht nach phonetisch-historischen Reihen, sondern nach sach-
lichen Gesichtspunkten geordnet; Wortfragen und Satzfragen wechseln
ab und fügen sich zu assoziativ verknüpften Gruppen zusammen,
so dals die Wechselrede zwischen Explorator und Gewährsmann
(die „Aufnahme“) sich der Form der natürlichen Konversation nähert,
Es ist die Methode, die der gereifte Gillieron besonders in seinen
Vorlesungen mit aller Energie als die allein richtige empfohlen hat.
Sie ist von Edmont bei der Sammlung des Materials für den
ALF angewendet worden und liegt auch den Zableaux phoniliques
zugrunde, für die das abzufragende Wortmaterial meist in kurze
Sätze eingebettet wurde.
Wie sehr es darauf ankommt, ob man das eine oder das
andere Verfahren anwendet, zeigt in ungemein instruktiver Weise
ein Vergleich zwischen den Notierungen von Gauchat in seiner
1890 in der Zeitschr. f. rom. Phil. (14, 397 fl.) veröffentlichten Disser-
! Vgl. dazu Gauchat und Jeanjaquet, Bibliographie linguistique de
la Suisse romande II, ı6f.
174 KARL JABERG UND JAKOB JUD,
tation über die Mundart von Dompierre und denen der Tadkaux
phonctiques, wo Dompierre ebenfalls figuriert (unter no. 42). Die
Mustersätzchen und Mlusterwörter der Zableaux wurden hier am
15. Sept. 1907, also 17 Jahre nach der Veröffentlichung der Disser-
tation Gauchats, von ihm selbst und von Jeanjaquet abgefragt.
Zwischen den beiden Materialsammlungen liegen die neuen Ein-
sichten von Rousselot und Gillieron und die Abkehr von den
Theorien der Junggrammatiker, zu der Gauchat selbst mit seiner
schönen Arbeit über die phonetische Einheit (lies Mannigfaltigkeit!)
der Dorfmundart von Charmey kräftig beigetragen hat.! In der
nachfolgenden Tabelle setze ich in die erste Kolonne die ab-
gefragten Stichwörter mit den ÖOrdnungsnummern der Zabkaux,
indem ich durch Punkte andeute, wenn sie dort aus einem syn-
taktischen Zusammenhang herausgenommen sind, in die zweite
Kolonne Gauchats Notierungen von 1890 mit Angabe der Para-
graphen seiner Phonetik von Dompierre, in die dritte seine Notie-
rungen von 1907 und in die vierte die Notierungen von Jean-
jaquet. Ich wähle als Beispiel die von dem Doktoranden Gauchat
im Auslaut mit #, im Inlaut mit @e bezeichnete Lautkategorie, die
auf verschiedene lateinische Lautgruppen zurückgeht.
FRAGEN GAUCHAT GAUCHAT JEANJAQUET
1890 1907 1907
$ 20, @
108 ..fait.. (P.P.) ae? 222 Ja?
286 .. fait..(P. P.) fa fa
326 ..fait.. (P.P.) Ja‘ Ja
384 ..fait.. (P.P.) fa‘ fa‘
8 22.
38 .. fevrier.. Jevrä: Jerrd [dvrät
52 .. sentier.. sädäe sälä sädä
67 (le) grenier... gurnä: gurnä gurnä
255 .. pommier.. Pomä« pömd p’mä?
375 .. ouvrier orräe ovräd övrä?
117 (une) chaudiere Zspuwder? Ishudädr tsaddäer
350 .. fumee.. Jumäer> Jumätre Jumä®re
Ss 26
mäclsu mäatdett mädet
388 (le) medecin..
ı L’UnitdE Phonetique dans le palois d’une commune. In der Festgabe
für Morf dus romaniscnen Sprachen und Literaturen, Halle, Niemeyer, 1905.
2? bezeichnet hier den Akzent (System Böhmer). In den Zabkaux
gilt ” für den geschlossenen, ‘ für den offenen Vokal (System ALF).
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 175
FRAGEN GAUCHAT GAUCHAT JEANJAQUET
1890 1907 1907
$ 27P
387 .. fievre Jäevra Jacvra faevra
449 (un) lievre läaevra lacdvra lätvra
235 tiede läedu 1dda% taddü
S 31a
51 .„.suivre.. Säedr? eaddre eabdre
g 318
472 six ae eä(d)! ea?
3 33
216 (du) miel mäe mä() mä?
I 35 ß
213 ..soif säe sä sä
239 (le) verre.. vaeru varu varu
30... voit.. väe ved ve
284 (on) croit.. krä« kr? krd
5 307
194 (du poivre) parvru pädvru patur"
47 (je) dois.. däevu dad" aevt
230 .. boire.. bäer? bädr bädre
3 37€
37 (au) mois.. mä« ma? mä?
469 trois frä« rä Ira®
281 .. pris prä: prä pra?
542
18 .. froid /rae /ra(e) Jra\e)
etc.
Resultat: Was der Gauchat von ı8g0o mit zwei Graphien
bezeichnet, erscheint bei dem Gauchat von 1907 mit ı2 Lautungen,
nämlich ad, a‘, a4, a®, d‘, a, ä, ä, d, &‘, @, 2. Man möchte wirklich
! Dazu die Anmerkung: „die ‘forme lite’ [also wohl Schnellsprechform]
nähert sich ev“. Eingeklammerte Laute ‘können schwinden’, Ist das hier so
zu deuten, dafs Gauchat ae bei wiederholter Antwort mit und ohne e gehört
hat? Auffällig ist, dafs Jeanjaquet diese Doppelform nie verzeichnet,
176 KARL JABERG UND JAKOB JUD,
meinen, dafs das Ohr sich mit den Prinzipien ändert. Von der
interessanten Tatsache, dafs der in Frage stehende Diphthong je nach
dem Satzzusammenhang, nach Sprechtempo, Tonstärke, Affekt usf.
verschieden klingt, steht in der Dissertation von Gauchat kein
Sterbenswörtchen, und vor ihm und nach ıhm haben Dutzende von
Mundartbeschreibungen in derselben Weise schematisiert.
Man wende nicht ein, dafs Gauchat ı8go wahrscheinlich nur
isolierte Formen abgefragt hat; gewils bedingt das eine grölsere
Gleichmälsigkeit des lautlichen Habitus der Antworten, aber selbst
in den ıo Pausaformen, die oben für 1907 angeführt sind, erscheint
der Diphthong mit vier verschiedenen Lautungen und diese stimmen
in der Mehrzahl der Fälle nicht mit den Transkriptionen des
Jahres ı890 überein. Von den Notierungsunterschieden gegenüber
Jeanjaquet, die sicher nur zum Teil daher rühren, dafs dieser eine
andere Antwort festgehalten hat als Gauchat,! sehe ich dabei ab.
Im übrigen gehört es eben zum Wesen der impressionistischen
Methode, dafs sie das Wort unter den verschiedenen Bedingungen
festhalten will, die die Rede mit sich bringt.
Die schematisierende Methode ist verwerflich, sobald sie den
Anspruch erhebt, die Wirklichkeit getreu wiederzugeben — und
das hat sie in der Tat oft genug getan. Ihre theoretische Recht-
fertigung ist vielmehr darin zu suchen, dafs sie sich der Ideal-
vorstellung nähert, die sich der Sprechende von seiner Mundart
macht. Da/s für diesen lautliche Normalwerte existieren — die
mit der Wirklichkeit des Gesprochenen durchaus nicht überein-
zustimmen brauchen — hat Jaberg an anderer Stelle ausführlicher
dargetan.2 Daher rührt es, dafs der Einheimische einfacher tran-
skribiert als der Fremde, und dafs er die Mannigfaltigkeit der
Lautungen leugnet, die dieser wahrnimmt. Es braucht für ihn
eine starke Willensanstrengung, um sich von seinen lautlichen Ideal-
vorstellungen freizumachen und die Wirklichkeit unvoreingenommen
zu beobachten. Der Einheimische wird dem Doktoranden Gauchat
von 1890, nicht dem erfahrenen Dialektologen von 1907 zustimmen.
Je intimer übrigens ein Dialektologe mit seinem Forschungsgebiet
vertraut ist, desto mehr wird sich, wenn er sich nicht wie Gauchat
bewulst dagegen wehrt, seine Transkription vereinbeitlichen. Die
Notierungen Griera’s im Katalanischen Sprachatlas sind dafür ein
typisches Beispiel.
Die schematisierende Methode hat aber auch unbestreitbare
praktische Vorteile: Das Notieren ist weniger anstrengend. Die
Aufmerksamkeit kann sich auf die schwerer zu erfassenden Laute
konzentrieren und sich so entlasten, Ist das Fragebuch überdies
1 Es ist bedauerlich, dafs die mit so grofser Sorgfalt durchgeführten
Aufnahmen der Zudlkaux phonedtigues nicht verzeichnen, ob die Notierenden
die erste oder wiederholte Antworten des Gewährsmannes wiedergegeben haben.
Es erschwert das die Beurteilung der Notierungsunterschiede in Fällen wie
den vorliegenden sehr.
2 In seiner Besprechung des katalanischen Sprachatlasses Ro. 50 (1924), 281.
TRANSKRIPTIONSVERf., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 177
nach lautlichen Gleichmäfsigkeiten geordnet, so ist die Vergleichs-
möglichkeit stets vorhanden: Es ist unmittelbar festzustellen, ob das
a von pace gleichlautet wie dasjenige von trave und chiave, von
scala, amaro usf.1
Diesen Vorteilen stehen aber grolse Nachteile gegenüber. Die
Aufmerksamkeit des Transkribierenden wird eingeschläfert, die Ge-
fahr der Suggestion besonders bei reihenweiser Anordnung der
Fragen beim Fragenden und beim Befragten erhöht, der Gehörs-
eindruck durch die feste Erwartung bestimmt, gewisse Lautungen
zu hören. Ist ein Laut einmal klassifiziert, so achtet man nicht
mehr auf seine Nüancen. Fallen solche trotzdem ins Ohr, so läfst
man wiederholen, bis die gewünschte Regelmälsigkeit erreicht ist.
Lautliche Schwankungen treten besonders bei Allegroformen auf.
Der Schematiker will keine Allegroformen haben. Wenn sie ihm
von seinem Gewährsmanne geboten werden, so lehnt er sie ab
und plagt ihn, bis er die Lentoform gibt, d.h. die künstlich isolierte,
präparierte, auf den Teller gelegte, nicht die dem natürlichen Flufs
der Rede entsprechende Form — die Sprache in der steifen
Sonntagstracht,
Auch die impressionistische Methode hat ihre Nachteile,
Es kann — besonders bei lexikologischer Gruppierung oder bei syn-
taktischer Einbettung des abzufragenden Materials — leichter als bei
der schematisierenden Methode geschehen, dafs identische Laute
je nach der perzeptiven Einstellung des Aufnehmenden verschieden
notiert werden, wenn sie zu verschiedenen Zeiten an sein Ohr
klingen. Dies ist um so leichter möglich, je feiner das von
ihm verwendete phonetische System ist.?2 Der ungeheure Vor-
zug des Verfahrens ist der, dafs die Gefahr der Autosuggestion
bei dem historisch eingestellten Forscher stark vermindert, dafs
das wirklich Gesprochene zwar vielleicht nicht immer richtig —
wer möchte bei phonetischen Aufnahmen absolute Richtigkeit ver-
bürgen! — aber doch stets mit voller Absicht wiedergegeben wird.
Ob Allegro- ob Lentoform, stets folgt der Stift des Aufnehmenden
dem Gehörten. Die unmittelbare, unretouchierte Mannigfaltigkeit
des Wirklichen wird festgehalten, die vergleichende Analyse für
später aufgespar. Wird eine Antwort verschieden wiederholt, so
wird verschieden notiert. Die rasche, verschluckende, gehauchte,
flüsternde Aussprache ist ebenso wertvoll wie die insistierende,
deutliche, schulmeisterliche, gibt sie doch oft die überraschendsten
Aufschlüsse über die Entwicklungstendenzen der Sprache.
Die impressionistische Methode stellt viel höhere Anforderungen
an den Forscher als die schematisierende. Er mufs während der
ganzen Aufnahme mit voller Anspannung der Aufmerksamkeit dabei
sein; er kann sich nicht auf die Beobachtung einzelner Laute
konzentrieren und andere vernachlässigen. Im Moment wo er eine
I Vgl. unten S. 182.
2 Vgl. Gauchat in der Einleitung zu den Zubkaux Phonttiques S.XI.
Zeitschr. £ rom. Phil. XLVII. 12
178 KARL JABERG UND JAKOB JUD,
neue Form wahrnimmt, darf all das, was vorher durch sein Ohr
gegangen ist, für ihn nicht existieren. Er hat während der Auf-
nahme auf jede vorgefafste Meinung und auf alle wissenschaftliche
Spekulation zu verzichten. Man fordert von ihm die Genauigkeit
des Phonographs. Dafs dieses Ideal nicht zu erreichen ist, liegt
auf der Hand: der Mensch ist keine Maschine; auch das impressio-
nistische Verfahren wird nur Näherungswerte ergeben; aber es sucht
in ehrlichem Streben die volle Wahrheit zu erfassen. Wir haben
es für unsere Aufnahmen gewählt und es ist von dem von uns in-
struierten Hauptexplorator Paul Scheuermeier nach bestem Wissen
und Können durchgeführt worden. Wenn Rohlfs — besonders in
seinen ersten Aufnahmen — und Wagner weniger nüanciert notieren
und seltener abweichende Wiederholungen derselben Antwort bieten,
so liegt das daran, dals sie bereits feste Transkriptionsgewohnheiten
besalsen, als sie sich in den Dienst unseres Atlasses stellten.
% *
%
Von der gewählten Transkriptionsmeihode aus ist die Ein-
stellung zu dem phonetischen Kleide zu gewinnen, in dem der
AIS — derin diesem Punkte prinzipiell nicht vom ALF abweicht —
das gesammelte Material vorlegt.
Drei Dinge bedürfen ausführlicherer Erörterung:
ı. Die Relativität der schriftlichen Fixierung lautlicher Gehörs-
eindrücke.
2. Die Ausspracheschwankungen.
3. Die Gehörsschwankungen.
Der Besprechung dieser drei Gegenstände sollen als Anhang
einige Materialien zur vergleichenden Kritik von phonetischen
Parallelaufnahmen beigefügt werden.
II. Die Relativität der schriftlichen Fixierung lautlicher
Gehörseindrücke.
Soll ein Transkriptionssystem nicht unendlich kompliziert und
infolgedessen schwer zu handhaben und schwer zu lesen sein, so
mufs auf das Festhalten gewisser minimaler Lautnüancen verzichtet
werden, auch wenn diese wahrnehmbar sind. Es ist klar, dafs damit
ein Element der Willkür in die Aufnahme eingeführt wird: Welche
Lautnüancen sind minimal, welche verdienen wiedergegeben zu
werden? Ein objektives Kriterium gibt es nicht.
Es ist willkürlich, wenn wir in dem für den AIS gewählten
System die unendliche Skala der dentalen Spiranten mit Ascoli
(Agl. ı, XLVI und ı1,X) in die drei Tranchen s, s, $ und z, 3, ?
zerlegen,1 gerade so willkürlich wie wenn Goidanich (Ag
ı Nur ausnahmsweise hat Scheuermeier zwischen $ und s ein Zwischen-
glied (s) eingeschaltet. Andererseits hat er im venetischen und emilianischen
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 170
17, XXXIII) vier Tranchen unterscheidet. Willkürlich ist es, wenn
wir für den palatalen Quetschlaut,i dessen vielfältiger Klang schon
Ascoli bewulst gewesen ist,? nur das Zeichen ? (g) vorgesehen
haben.? Die Transkription wird zwar verfeinert, aber die Willkür
durchaus nicht beseitigt, wenn etwa Sganzini in seiner Arbeit
über die Mundarten des Livinentals drei Palatalisierungsgrade unter-
scheidet. 4
Was soll man endlich über den Sammeltopf sagen, in den
die an manchen Orten so scharf charakterisierten Varianten der
sogenannten „Vocale indistinta® geworfen werden? Ascoli begnügt
sich mit g5; Goidanich® ist mit Recht anspruchsvoller; er bemerkt,
dafs nicht nur napolitanisches auslautendes e, franz. e muet und
piem. inlautendes e etwa in /efla, wo er es mit 2 bezeichnet und
als velarisiert ansieht, eine verschiedene physiologische Grundlage
haben, sondern dals das letztere im Piemont in mindestens drei
Varietäten vorkommt, die er als offenes, mittleres und geschlossenes
E unterscheidet. In Wirklichkeit spotten die Varianten jeder zahlen-
mälsigen Feststellung. Die Analyse des 2 des Dialektes von Usseglio
(„che generalmente & largo, ma che talvolta puö colorirsi in piü
maniere, difficili da percepirsi“), die Terracini versprochen hat, ?
ist unseres Wissens nie erschienen. Wir selbst haben für die ober-
italienischen Formen der „vocale indistinta®* zwei Zeichen vor-
gesehen, von denen das eine (a) im Klang, der für uns allein
mafsgebend ist, die dem a sich nähernde, die andere (7) die dem
ö sich nähernde, frz. e muaet verwandte Varietät andeutet. Aus-
gesprochenere Schattierungen sollten durch Überstellungen (@ mit
übergeschriebenem a, &, e,0; a,d,e,1,0,u,ü,« mit übergestelltem
a; > mit übergeschriebenem e, u, «@ etc.) wiedergegeben werden.
Dieser Überschreibungen hat sich denn auch Scheuermeier in aus-
Gebiet die Notwendigkeit empfunden, zwischen s, z und die Interdentalen 9, d
ein s mit übergestelltem 9, ein s mit übergestelltem d einzuführen.
ı Vel. Agl. 17, XXVIIf. und Goidanich, Zer la fisiologia delle
rattratte in Miscell. Hortis 11, 929 ff.
2 Agl.1ı, XLVI: „La loro pronuncia ... varia piü o meno da regione
a regione*".
3 Scheuermeier, der angewiesen war, im Notfall das von uns vorgesehene
Transkriptionssystem zu ergänzen, hat sich freilich nicht da:nit begnügt und
eine ganze Reihe feinerer Nüancen auszudrücken versucht, von denen unten
die Rede sein soll,
4 Italia Dialettale I, 195.
5 Agl.ı, XLIV: „g, la cosi detta vocale indistinta, specie d’ e volgente
all’ ö, che si ode con particolar frequenza nell’ inglese“. Um zu erfahren, was
Ascoli selbst und seine Mitarbeiter unter diesem Laut verstanden haben,
müfste man seine Verwendung in den Einzelarbeiten des Apl. studieren.
Ascoli verweist auf seine eigenen Notierungen des Gredener Dialekts Ag.
1, 363ff. Der Vergleich mit Scheuermeier, der die Mundart von Wolkenstein
aufgenommen hat (P. 312), zeigt, dals dieser sein & ungefähr so verwendet
wie Ascoli sein g. Nur in der Schreibung des Diphthongs ez nähert er sich
mit £y der Gartner’schen Schreibung gi.
° Agl. ı7, &XV und XXVIl.
T Agl. 17, 214.
ı23*
180 KARL JABERG UND JAKOB JUD,
gedehntem Malse bedient — und trotzdem sind die beiden Zeichen,
besonders «a, Sammelzeichen geblieben, die nicht nur physiologisch
(worauf es uns nicht ankam), sondern auch klanglich recht ver-
schiedene Laute bezeichnen. Die Ausdehnung unserer Material-
sammlung auf Unteritalien und die Herbeiziehung eines neuen
Explorators haben es mit sich gebracht, dafs > auch für die ver-
klingenden Endvokale Süditaliens verwendet wurde.
Trotz mancher derartiger Sünden glauben wir die Genauigkeit
der im Terrain arbeitenden Dialektologen durchschnittlich erreicht,
in vielen Fällen übertroffen zu haben. Der Spezialist möge sich
nicht darüber verwundern, Laute unter demselben phonetischen
Nenner vereinigt zu sehen, die er zu trennen pflegt; er wird auf
der andern Seite Unterscheidungen finden, die er gewöhnlich ver-
nachlässigt. Die auf bestimmten Dialektgebieten gebräuchlichen
Transkriptionen sind oft traditionell festgelegt, betonen gewisse
Unterschiede und lassen andere im Dunkel. Sie lenken damit
genau so wie die konventionellen Graphien der Schriftsprachen
die Beobachtung in gewisse Bahnen,! die dann gerne für die
einzig gangbaren gehalten werden. Dazu kommt das subjektive
Element einer auf bestimmte lautliche Eigentümlichkeiten eingestellten
Beobachtung, die von der Muttersprache, von der besonderen Vor-
bildung oder den speziellen Interessen des Transkribierenden be-
dingt sein kann. Von Italienern stammende Darstellungen ober-
italienischer und rätoromanischer Mundarten vernachlässigen im
allgemeinen den Unterschied zwischen Lenis und Fortis, der dem
Deutschschweizer stark ins Ohr fällt. Die konsequente Notierung
der Lenis durch Scheuermeier (f, A, s etc.) bedeutet sicher eine
Bereicherung der Beobachtung.? Dasselbe gilt für die gehauchten
Auslautvokale (in unserer Transkription a, e, :, o etc. mit über-
gestelltem ), die für mittelitalienische Mundarten so charakteristisch
sind und doch kaum irgendwo erwähnt werden,3 — und doch ist
das Faktum für die Erfassung des Zusammenhangs zwischen dem
oberitalienischen Schwund der Auslautvokale und ihrer Schwächung
in Süditalien von kapitaler Bedeutung. Hier wären die Be-
obachtungen Scheuermeiers über den besonderen Charakter der
intervokalen stimmhaften Explosivae in venetischen Mundarten zu
erwähnen, seine Feststellungen über Zwischenlaute zwischen # und ö,
besonders in vortoniger Stellung, über schlaffe Vokalartikulationen
in emilianischen Mundarten und viel anderes mehr.
ı Vgl. Gauchat, Einleitung zu den 7aodleaux Dhon., S. VIII unten.
%2 Man vergleiche die in derselben Richtung liegenden sorgfältigen Trans-
skriptionen von Schürr in seinen Studien über romagnolische Mundarten.
Die stimmlose Lenis hat auch Lutta in seinem Dialekt von Bergün, Zs.
Bh. 71 von der Fortis unterschieden.
8 Ich erinnere mich nur an eine gelegentliche Bemerkung von Parodi
(der übrigens Genuese war) in seinen „Question! teoriche (Nuovi Studi medie-
vali I, Separatum S. 14): „Quando io dico: va bene!, mi sorprendo spesso a
pronunciare di sfuggita, quasi senza sonoritä, l’e finale (e di qui potrebbe
prender le mosse un indebolimento costante di questo suono all’ uscita) .. ‚*
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPK.- U, GEHÖRSSCHWANKUNGEN. -181
Umgekehrt wird sich der toskanische Dialektologe darüber
aufhalten, dafs Scheuermeier den Sibilanten von tosk. dece gleich
transkribiert wie denjenigen von jesce, nämlich mit $, wobei der
Unterschied nach ihm hauptsächlich in der verschiedenen Expirations-
energie liegt. Er rechifertigt sich, indem er darauf hinweist, dals
niemand daran Anstofs nimmt, wenn man bünänerisches £ in
Ischendra und tosk. Ed in cenere mit demselben Zeichen transkribiert,
trotzdem sie in der Klangfarbe mindestens ebensoweit auseinander
liegen wie $ und intervokales toskanisches 4.1
Relativ ist jede Transkription aber auch noch in anderer Hin-
sicht. Sie hängt nämlich von den Normalvorstellungen ab, die sich
der Transkribierende von den Lauten des von ihm verwendeten
Transkriptionssystems macht. Diese Normalvorstellungen sind ihrer-
seits mehrfach bedingt. Sie stehen zunächst einmal in Beziehung
zu den Lauten der Muttersprache des Transkribierenden, in viel
geringerem Mafse zu später hinzugelernten Lauten. Die mutter-
sprachlichen Laute bilden gleichsam die eiserne Elle, an der das
Fremde gemessen wird. Ein objektives Mals für die schriftliche
Fixierung der lautlichen Gehörseindrücke ist noch nicht gefunden.
Besonders frappant tritt das bei der Unterscheidung zwischen offenen
und geschlossenen Vokalen hervor. Was ist offen, was ist geschlossen,
wo geht die Grenze durch? Scheuermeier hat in seiner Heimat-
mundart ein offenes e (g?rn), das bedeutend offener ist als das
offene e von Ja. (= Jaberg) und ungefähr dem e von frz. pere
entspricht. Er beurteilt also die e der von ihm aufgenommenen
Mundarten von der Normalvorstellung eines offeneren e aus als Ja.
und analog verhält es sich mit o. Die Folge ist, dals er bei Auf-
nahmen, die er gemeinsam mit Ja. macht, Schattierungen von e
und o als geschlossen transkribiert, die diesem als offen erscheinen,
weil er sie an seinen weniger offenen e und g milst. Daher
rühren gewisse Unterschiede in der Wiedergabe der Mundart von
Cerea,? die Ja. und Sch. gleichzeitig mit demselben Gewährsmann
abgehört haben. Scheuermeier schreibt Za pe, pet, Ja. Ja pet, pel
„pelle“, und es stehen sich in analoger Weise gegenüber: a Zfsta
ı Der Bündner empfindet, wie mir Reto Bezzola bestätigt, sein in
tschendra als wesentlich verschieden von tosk. c in cenere. Tosk. c liegt für
ihn ungefähr in der Mitte zwischen seinem C und seinem ©. Das kommt auch
in den Gaumenbildern und den zugehörigen Transkriptionen zum Ausdruck,
die Lutta, Der Dialekt von Bergün (Bh. 71 der Zs.) S. 40f. gibt. Engad.
wird hier mit Z/, engad.E mit 6, und tosk.c mit //g(!) transkribiert. Die
Hilflosigkeit der Phonetiker intervokalem tosk. c (£) gegenüber kommt im
übrigen aufs deutlichste zum Ausdruck in den Beschreibungen, die Merlo,
Fonologia del dialetto di Sora, S.125f. zusammenstellt. Verschiedene dieser
Äufserungen laufen auf Scheuermeiers Auffassung hinaus. Merkwürdig ist
jedenfalls, dafs ober- und unteritalienische Dialektologen den Unterschied
zwischen C und e nicht wahrnehmen oder ihn als minimal anseben. Vgl. schon
Ascoli, A4gl.1,XLVII: „Nella pronuncia fiorentina, ilc e il g, ai quali preceda
vocale e sussegua e od 1, si accostano di molto a se 3“.
2 Vgl. die Gegenüberstellung der Transkriptionen von Ja. und Sch.
unten S. 201 ff,
182 KARL JABERG UND JAKOB JUD,
— la Igsta; na möla de kavfyi — na möla de kaveyı „capelli folti“;
gi spruey — 1 Hervfy; un dlo, do — ip usf.!
Ein absolut sicheres Mals geben aber selbst die Laute der
heimischen Mundart nicht. Die Perzeption eines Lautes wird nicht
nur durch anerzogene Normallautvorstellungen bestimmt, sondern
sie hängt auch von den unmittelbar vorher oder nachher aktuali-
sierten Lauten ab. Wenn ich den Singular Sg und gleich darauf
den Plural de höre (so etwa in Cannero am Langensee), so frappiert
mich der Unterschied stark. Frage ich die beiden Formen in
einem grölseren zeitlichen Abstande ab, so fällt er unter Umständen
nicht mehr ins Ohr. Beurteile ich nämlich /£ von der Vorstellung
eines sehr offenen e-Lautes aus (e), so kann mir g£ als geschlossen
erscheinen und ich notiere auch im Sing. fe. Das wird besonders
bei einer Mundart leicht möglich sein, die wie die meisten ober-
italienischen Mundarten für die Aussprache von e und o eine grolse
Spannweite hat.2 Die Kontrastwirkung, die den Gehörseindruck
verstärkt, ist, was auch Gauchat, Tabkaux VII bemerkt hat, dann
besonders stark, wenn dasselbe Wort denselben Laut in zwei
Schattierungen enthält.
Eine verwandte Erscheinung ist es, wenn lautliche Mafsstäbe —
später erworbene leichter als die der Heimatmundart entlehnten —
sich im Laufe der Zeit verschieben: Die in derselben Mundartregion
wieder und wieder gehörten Laute können sich an die Stelle der
ursprünglichen Normalvorstellungen setzen und es kann geschehen,
dafs man, wenn man nach einer längeren Dialektreise an ihren
Ausgangspunkt zurückkehrt, anders transkribiert als im Anfang.
11l. Ausspracheschwankungen.
Wenn man die Transkription eines Dialektologen auf ihre
Zuverlässigkeit hin prüfen will, dann befreie man sich von dem
trotz Rousselot, Gillieron, Gauchat, Terracini, Hubschmied,
Terracher und anderen noch weit verbreiteten und von den meisten
Verfassern von Dialektmonographien genährten Vorurteil, dafs das-
selbe Wort von demselben Individuum oder gar von verschiedenen
einer Mundartgemeinschaft angehörenden Individuen stets in derselben
Weise ausgesprochen wird und dafs die historische Lautserie in der
modernen Dorfsprache die wunderbare Regelmäfsigkeit aufweist,
die in den Paragraphen der Lautlehren erscheint. Wenn etwas
sich dem vorurteilsiosen Beobachter aufdrängt, so sind es die indivi-
duellen und interindividuellen Ausspracheschwankungen nicht nur
in verschiedenen Satzzusammenhängen, sondern, wenn auch weniger
weitgehend, auch bei der Wiederholung isolierter Wörter. Wie
grofs diese Schwankungen innerhalb derselben, von den Sprechenden
1 Vgl. die Feststellungen von Lutta, Dialekt von Bergün, S. 26.
?2 So hört Ja. in der Nähe von Cannero denselben Kartenspieler bald
re, bald ?re zäblen.
TRANSKRIPTIONSVERF,, AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 183
zweifellos als identisch empfundenen Lautserie sein können, ersieht
man aus den oben reproduzierten Zusammenstellungen aus den
Tableaux phonttiques, die dadurch ihren besonderen Wert erhalten,
dafs sie auf den Notierungen der gewiegtesten Kenner der west-
schweizerischen Mundarten beruhen und dafs sie durchweg das
Gehörsbild von zwei gleichzeitig beobachtenden Exploratoren wieder-
geben. Scheuermeier hat auf unsere Instruktion hin, wenn er sie
festzuhalten vermochte, wiederholte Antworten seiner Gewährsleute,
die voneinander abwichen, stets notiert. Dabei hat er durch eine
besondere Form der Unterstreichung unsicher gehörte Formen ge-
kennzeichnet, hie und da auch absolut sicher gehörte Lautungen
hervorgehoben, die ihm besonders auffielen. Wir reproduzieren
auf den Karten des AIS alle diese Feststellungen mit vielleicht
übertrieben scheinender Pedanterie.e Dem aufmerksamen Beobachter
geben sie die wertvollsten Andeutungen über gewisse Lautentwicklungs-
tendenzen, über auswärtige Einflüsse usf.; den Praktiker lassen sie
die Aufnahmen gleichsam miterleben.
Wie aufschlufsreich sind z. B. die Transkriptionsschwankungen
bei den stimmhaften intervokalen Explosiven in Venetien! Man
vergleiche etwa die Formen für pecora: dyfora, py&gora, pl. Pyegore
in P. 385 Cavarzere, Py£gyra, dann zögernd fy£vpra, pl. Pyerore in
P.364 Campo S. Martino, oder bei dem wiederholt in verschiedenem
syntaktischem Zusammenhang abgefragten fuoco: P. 360 s/@ ki al
ftgo „bleibe drinnen am Feuer“, sopyar indgl föh „soffiare sul
fuoco“, bei der Wiederholung /ögP, el fg? 1 g mgrig „il fuoco &
spento“; in 372 Raldon argnte ffögg „accanto al fuoco*, soßydr el
fögo, el föo le mgrto, in P. 345 Vas: taka 1 fo, süfa tel fögo (wohl
Imperativ statt des gefragten Infinitivs). Intervokales d erscheint
an manchen Orten bald als d, bald als d mit übergeschriebenem d,
womit eine leichte Lösung des Verschlusses angedeutet wird, z.B.
in 345 Vas nut, nüdi, aber fra /uta nüdda „era tutta nuda*, in
346 Tarzo Za kärne krüdda, aber rizo krüdo ustf.
Die unten S. 209 zu erwähnenden Unstimmigkeiten in der Wieder-'
gabe des bergünischen Nasals bei Lutta und Scheuermeier ist
man auf ungenügende Perzeption von Seiten Scheuermeiers zurück-
zuführen geneigt. Allein die Bemerkungen von Lutta, Dialekt von
Bergün 8 260 zeigen, dals zum mindesten die Resultate des Nexus
NGA und NGU schwankende sind: Zunga „Zunge“ kommt neben
langa, san „Blut“ neben sarc vor. So ist es nicht verwunderlich,
dafs wir bei Scheuermeier san? „Blut“, dalen® „sofort“, fsanga
„Zange“, danga „Zunge“ neben Zend „Butter“ finden.
Man mag einwenden, dafs, wo ein einziger Explorator notiert,
sich nicht mit Sicherheit feststellen läfst, ob es sich um Aussprache-
oder um Gehörsschwankungen handelt. Und in der Tat werden
die nachfolgenden Erörterungen zeigen, dafs es äulserst schwierig
! Sollte es sich nicht mit andern Verbindungen (z. B. vents „zwanzig“,
Sch. vgiits) analog verhalten ?
184 KARL JABERG UND JAKOB JUD,
ist, beides zu trennen. Wir haben aber bei gemeinsamen Aufnahmen
mit Scheuermeier und mit andern oft genug dieselben lautlichen
Varianten nebeneinander gesetzt wie unsere Begleiter. Einige Bei-
spiele dafür findet man in den unten wiedergegebenen Vergleichs-
aufnahmen. Bemerkenswert ist auch, dals in den oben zusammen-
gestellten Beispielen für die Notierungen von Gauchat und Jean-
jaquet die Schwankungen innerhalb der Lautserie grölser sind als
die Abweichungen zwischen den beiden Exploratoren. Das würde
noch deutlicher hervortreten, wenn man aus den Tadkauxr ersehen
könnte, ob beide dieselbe Antwort des Gewährsmannes oder ver-
schiedene Wiederholungen derselben wiedergeben. Im übrigen hat
Scheuermeier (etwas weniger ausführlich Rohlfs und Wagner) zu jeder
Aufnahme phonetische Bemerkungen geschrieben, in denen er sich
über die objektiven und subjektiven Grundlagen der Inkongruenzen
seiner Notierungen Rechenschaft abzulegen sucht und in denen er
auch seine Beobachtungen an der spontanen Rede sowohl seines
Gewährsmannes als auch anderer Personen niederlegt. Wir hoffen,
den Benutzern des AIS früher oder später diesen wertvollen Kom-
mentar zugänglich machen zu können. Wir entnehmen ihm hier
nur einige Andeutungen über besonders weit verbreitete und z. T.
auch von uns selbst beobachtete lautliche Schwankungen.
Die eben erwähnten Transkriptionen der stimmhaften inter-
vokalen Explosivae in venetischen Mundarten finden ihre Erklärung
in der Bemerkung zu 345 Vas (denen sich andere anreihen lielsen):
„Man spricht hier im allgemeinen rasch und artikuliert nachlässig.
Für die spontane Unterhaltung in der Umgebung des Gewährs-
mannes trifft das in noch höherem Grade zu als für seine eigenen
Antworten. Besonders die zwischenvokalischen Explosivae werden
häufig flüchtig und undeutlich ausgesprochen, so dafs sie leicht
verwechselt werden können.“
In obwaldischen und in zentralladinischen Mundarten wird der
Verschlufs bei der Artikulation von £ oft so stark gelöst, dafs an
seiner Stelle ein y erscheint, gfoya statt Sfrga, dumfnya neben
dumenga in P. ıı Surrhein, vdya neben vera „Nadel“ in 314 Penia
(Canazei). Ähnlich verhält sich £ im venetischen Gebiet: „g bat
im Zusammenhang, schreibt Scheuermeier zu P. 375 Gambarare
(bei Venedig), wie häufig auch anderswo in Venetien, eine schwache,
unklare Artikulation, so dals man oft fast den Eindruck von y, &
£, Z hat; ich bin nicht nur schwankend in der Transkription,
sondern der Gewährsmann schwankt wirklich auch in der Aus
sprache: kafgyo „capello*; Zyasa, $yasa „gela*; yfra, Eyära (un-
sicher gehört), gära „ghiaia*; 7a yuya (unsicher gehört), yuga „la
troia“ usf. Von aufserordentlicher Labilität ist in demselben Gebiet,
wie wir uns bei gemeinsamen Aufnahmen mit Scheuermeier über-
zeugt haben, intervokales /, z.B. in a/a, was in den Graphien 7, 4%,
Z,y, 3, y zum Ausdruck kommt. „Das / wird ganz verschieden
ausgesprochen“, bemerkt Scheuermeier zu P. 393 Fratta im Polesine.
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 185
„Es schwankt je nach Zusammenhang, Tempo und Bewulstssein
des Sprechenden von der normalen Artikulation über mouillierte
und 9 ähnliche Formen bis zum völligen Schwund. Je deutlicher
der Gewährsmann reden will, desto mehr nähert sich der Laut ?
oder /.“ Schriftsprachliche Einflüsse können die Verhältnisse noch
komplizieren. „Der Schwund von intervokalem /, lesen wir in den
Bemerkungen zu P. 354 Romano (im Vicentinischen), scheint dem
Gewährsmann als Mundarteigentümlichkeit nicht recht bewulfst zu
sein. Bald fällt es, bald erscheint es als mehr oder weniger starkes y,
bald, besonders bei bewulstem Wiederholen, als deutliches /, hier
und da auch als weniger deutliches und reduziertes £ Ich bin
nicht sicher, ob es sich bei diesem / um literarischen Einfluls oder
um die alte bodenständige Form handelt [um letzteres wohl kaum!].
Die jüngeren Angehörigen der Familie haben es nicht, sondern
lassen es fallen oder artikulieren yY“.
Für lombardische Mundarten ist die Labilität von intervokalem
v charakteristisch; e und o variieren fast in ganz Oberitalien in
ihrem Öffnungsgrad; die canavesischen Dialekte zeichnen sich durch
gelegentliche emphatische Längung der intervokalen Konsonanten
aus; in der Toskana wird bei den intervokalen stimmlosen Explosiven
der Verschlufs beim raschen Reden mehr oder weniger stark ge-
lockert, so dafs mannigfache spirantische Formen erscheinen; die
römischen Mundarten schwanken zwischen schwacher und starker
Expiration, Stimmhaftigkeit und Stimmlosigkeit bei den Explosiven
und Spiranten; in den Abruzzen sind die Diphthongierungsresultate
gewisser Vokale je nach dem Sprechtempo verschieden usf.
Bei gewissen schwachbetonten Wörtern wie z. B. dem Artikel
und den Personalpronomen häufen sich die lautlichen Spielformen.
So erscheint das Personalpronomen der ı. Person in Mathon (Schoms,
Graubünden) als gpw, ypw, ypw, y9, 30, 5b 6 Q.
Je nach den Gegenden sind es, wie auch Gauchat, Tablaux
S. XV bemerkt hat, andere Elemente des Lautsystems, die sich im
Flusse befinden. Es liefsen sich auch stabile und labile Mundarten
einander gegenüberstellen.! So sind z.B. die bündnerischen Mund-
arten weit fester als die frankoprovenzalischen. Städtische Mundarten
weisen im allgemeinen weniger satzphonetische Schwankungen auf als
bäurische Dialekte. Es hängt dies damit zusammen, dals der Städter
unter dem Einflusse der Schriftsprache und der Schule bestimmter
und schärfer artikuliert als der Bauer; doch spielt dabei auch die
Verfestigung und Selbstsicherheit der städtischen Kultur eine Rolle.
Schwierig gestaltet sich oft die lautliche Perzeption an kultur-
fremden und isolierten Orten. Als besonders dornenvoll vermerkt
Scheuermeier z. B. die Aufnahmen ıı Surrhein (Bündner Oberland),
140 Rochemolles am Mont CE£nis, 222 Germasino am obern Comersee,
307 Padola in der Provinz Belluno, 443 Comacchio usf.e. Doch
gilt hier keine Regel; klare und eindeutige Lautsysteme können
! Vgl. hierzu Gauchat, Zudlaux, S. XI.
186 KARL JABERG UND JAKOB JUD,
auch in bäurisch-bodenständiger Kultur erwachsen, wie das gewisse
deutschschweizerische und bündnerische Mundarten zeigen.
Abweichende Aussprache verschiedener Individuen verzeichnen
die Atlaskarten, auf denen nicht vom Gewährsmann stammende
Formen an dem vorgesetzten Sternchen zu erkennen sind, recht
oft, und weiteres Material bieten die phonetischen Anmerkungen.
Hier Beispiele anzuführen, ist wohl nicht nötig.
Dafs es sehr weitgehende und je nach den Mundartgebieten
verschieden gerichtete Ausspracheschwankungen bei der Wiederholung
desselben Wortes durch dasselbe Individuum — besonders im Satz-
zusammenhang, aber auch isoliert —, innerhalb der individuellen
Gestaltung der Lautserie und endlich in Bezug auf das Wort und
die Lautserie bei verschiedenen Individuen gibt, unterliegt keinem
Zweifel. Die Variationen gehen, wie oft gesagt worden ist, auf
zwei Gruppen von Tatsachen zurück, einmal auf die verschiedene
psychische Einstellung des Sprechenden, die sich in Redetempo,
Nachdrücklichkeit, Betonung, Gefühlsausdruck usf. äufsert, andrer-
seits auf die Erscheinungen der inneren, d.h. der innerhalb der
kleineren oder gröfseren Sprachgemeinschaften sich vollziehenden
Sprachmischung. Beide Faktoren zu trennen, möchte nur einer
eingehenden psychologischen und soziologischen Analyse gelingen.
Diese Analyse hier vorzunehmen, ist nicht unsere Absicht. Da-
gegen haben wir noch auf die der natürlichen Rede zuwider-
laufenden Bedingungen hinzuweisen, die die gesteigerte Mannig-
faltigkeit der in den Atlasaufnahmen festgehaltenen Lautbilder
erklären.
Man halte sich stets gegenwärtig, in welch unnatürlicher Situation
sich der Auskunftgeber dem Ausfrager gegenüber befindet. Er sitzt
stunden-, ja tagelang am Tischchen bei einer ungewohnten Be-
schäftigung; er unterhält sich nicht in seinem Dialekt, sondern er
antwortet auf schriftsprachliche Fragen; die Fragen reihen sich
zwar in möglichst natürlicher Folge aneinander, aber der Verlauf
des Gespräches wird doch immer wieder unterbrochen. Der Be-
fragte hat das Bewulstsein, deutlich reden zu müssen, damit sein
Partner aufschreiben kann, was er sagt. Es gibt Gewährsleute, die
dieser Situation während der ganzen Aufnahme nicht Meister werden
und daher unnatürlich aussprechen, andere — die guten Auskunft-
geber —, die ihren Aplomb nie verlieren und auch dem Ausfrager
gegenüber ihr natürliches Tempo bewahren, solche, die während
der Aufnahme besser, andere, die schlechter werden, und endlich
Leute, die fortwährend von einem Extrem ins andere fallen. Die
momentane Disposition, der Grad der Ermüdung, Interesse oder
Gleichgültigkeit der Aufgabe gegenüber, eine je nach dem Charakter
der Fragen sich oft sprunghaft verändernde psychische Einstellung
beeinflussen in hohem Grade den phonetischen Charakter der
Antwort. Wie die Ermüdung einen guten Gewährsmann verderben
kann, zeigt in typischer Weise das Beispiel eines bodenständigen
Schuhmachers aus Pisa, der zuerst gute, einheimische Mundart gab,
TRANSKRIPIIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 187
im späteren Verlauf der Aufnahme aber nicht mehr dazu gebracht
werden konnte, natürlich auszusprechen, so dals z. B. intervokales %
in den Materialien der ersten Sitzung schwindet, in den späteren
Sitzungen als 2 erscheint. Scheuermeier deutet das wohl richtig
rein psychologisch: Es wurde dem Manne zu langweilig, die nur
geringe Abweichungen zeitigende Umsetzung der Frage in die
Pisanermundart vorzunehmen — so wiederholte er bei lexikologischer
oder morphologischer Identität die schriftsprachliche Frage. Wir
haben auch wiederholt beobachtet, dafs an der Aufnahme nicht
beteiligte Personen — die Frau, die Kinder oder andere Verwandte
des Befragten — in ihren Zwischenbemerkungen bodenständiger sein
können als der vielleicht besser informierte Gewährsmann, weil ihre
geistige Frische nicht unter einer unnatürlichen Situation gelitten
hat. Im Grunde identische satzphonetische Verhältnisse können bei
Aufnahmen benachbarter Mundarten ein ganz verschiedenes Aussehen
bekommen, je nachdem der Befragte schüchtern oder kouragiert,
gleichgültig oder interessiert, schulmeisterlich oder natürlich, leicht
erregbar oder apathisch, affektisch oder verstandesmäfsig eingestellt
is. Dazu kommt noch die Scheu des Ausgefragten, insbesondere
des sozial tiefer stehenden, dem fremden Explorator gegenüber,
die ihn trotz aller Belehrung immer wieder dazu führt, besser zu
reden als er es gewohnt ist, also Laute höher gewerteter Mund-
arten oder der übergeordneten Schriftsprache einzuführen. Ver-
hängnisvoll kann die konstante oder die vorübergehende Gegenwart
anderer Personen werden, wenn diese weniger bodenständig und
zum Spotte geneigt sind. Umgekehrt kommt es auch vor, dals ein
Gewährsmann im Übereifer archaischere Formen gibt, als er sie in
der täglichen Rede gebraucht, was fast unfehlbar eine Mischung
von Sprachformen zur Folge hat, von all den Produkten der Sprach-
mischung nicht zu reden, die sich auch in der normalen Unter-
haltung natürlich ergeben.
Wer von einem Sprachatlas Einheitlichkeit der lautlichen Ver-
hältnisse erwartet, wird bitter enttäuscht werden. Wer die Mannig-
faltigkeit zu deuten versteht, wird freilich darin eine reiche Quelle
der Belehrung finden. Man suche die phonetische Wahrheit nicht
in der einzelnen Antwort, sondern in den allgemeinen Tendenzen,
die sich aus der Vergleichung ganzer Gruppen von Lautungen
ergeben, wie das Hubschmied in seiner originellen und ergebnis-
reichen Arbeit zur Bildung des Imperfekts im Frankoprovenzalischen
gelehrt hat. 1
IV. Gehörsschwankungen.
Die Zuverlässigkeit der lautlichen Perzeption eines Dialekt-
forschers wird bestimmt durch seine Gehörsschärfe, durch seine
momentane Disposition (Ermüdungserscheinungen), durch seine
1 Beihefte sur Zs., Heft 58 (1914).
188 KARL JABERG UND JAKOB JUD,
heimatlichen Lautgewohnheiten, durch seine Erfahrung
(Gewöhnung) und durch den Grad seiner Suggestibilität.
Über die Rolle der Gehörsschärfe zu reden, hat wohl
keinen Sinn. Es sei hier blofs darauf hingewiesen, dafs schlecht-
hörige Forscher nicht notwendigerweise groben Gehörstäuschungen
unterliegen. Sie lassen sich die Antworten so laut sagen und so
oft wiederholen, dafs grobe Irrtümer kaum vorkommen. Die feinen
Varianten der Aussprache gehen dabei allerdings verloren.
Die Aufnahmen für unsern Sprachatlas mufsten oft in lang-
dauernden Verhören durchgeführt werden. Kurze und über längere
Zeit sich hinziehende Sitzungen verboten sich schon aus finanziellen
Gründen, waren aber auch meist nicht mit den Wünschen der
Gewährsleute vereinbar, die möglichst rasch zu ihrer gewohnten
Arbeit zurückkehren wollten. Dafs unter diesen Umständen ge-
legentlich auch bei so zähen und energischen Naturen wie Scheuer-
meier eine gewisse Ermüdung eintrat, ist leicht verständlich. Es
gibt keinen Menschen, der mit einer stets gleich gespannten Auf-
merksamkeit Sinneseindrücke aufzunehmen und zu registrieren ver-
möchte. Die Ermüdung beugt selbst den stärksten Willen, und
wie jeder Arbeiter unterliegt auch der Explorator um so mehr der
Routine, je weniger frisch er ist. Es ist, wie Scheuermeier selbst
bemerkt, wohl öfters vorgekommen, dafs er anfänglich mit kon-
zentrierter Aufmerksamkeit alle Schattierungen eines Lautes fest-
zuhalten versuchte, im weiteren Verlauf der Aufnahme sich aber
mit einer vereinfachenden Transkription begnügte, die theoretisch
als gleichwertig erkannte Nüancen unter einem Generalnenner ver-
einigte, mit andern Worten, dafs er aus der impressionistischen in
die schematisierende Methode zurückfiel. Das mag z.B. der Fall
sein, wenn er den charakteristischen Diphthong der Gegend von
Somvix im Bündner Oberland, den die Schriftsprache mit au wieder-
gibt (maun „Hand“), in Punkt ıı Surrhein zunächst mit aw, «w,
ew, gew mit übergeschriebenem « transkribiert, dann aber bei aw
stehen bleibt.1 Freilich ist nachträglich sehr schwer zu entscheiden,
ob es sich im einzelnen Falle um das Aufgeben des Kampfes mit
der wechselnden Erscheinung des Lautes oder um das definitive
Erfassen eines Gehörseindruckes handelt, der anfänglich subjektiv
variierte, ?
Die Rolle, die heimatliche Lautgewohnheiten als Trans-
skriptionsmalsstäbe spielen, ist schon angedeutet worden. Sie be-
stimmen aber auch in hohem Grade die Perzeptionsfähigkeit des
Forschers. Jaberg hat ein sehr feines Ohr für die Wahrnehmung
der offenen Aussprache von 3, u und ä, weil alle drei in seiner
ı Der Laut klingt, von der Nasalierung abgesehen, ähnlich wie 80 in
port. mäo.
2 Vgl. Gauchat, Tadleaux S. XI, der bemerkt, dafs die Unterschiede
zwischen den Notierungen zweier Forscher gegen Ende der Aufnahme ab-
nehmen, wofür er z. T. andere als die oben genannten und gewifs auch nicht
zu leugnende Gründe anführt,
nn
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 189
Mundart (Langenthal im Oberaargau) sowohl lang als auch kurz
vorkommen: mir, 14, für, rynt, rint, sünt („mir*, „du*, „Türe“,
„rund“, „Rind“, „Sünde“) neben v7, sär, tür („Wein“, „sauer“,
„teuer“) mit geschlossenem 3, # und ö (hier fehlt die kurze Varietät).
Scheuermeier, der in seinem Heimatdialekt 4, 5 und 4 nicht oder
doch wenigstens nicht so scharf charakterisiert besitzt, hat mehr
Mühe, sie festzuhalten, und Italiener notieren sie meist gar nicht.
Einem Östschweizer (St. Galler), der bei einer Aufnahme für das
Wiener Phonogrammarchiv die Mundart von Ja. transkribierte, ent-
ging die Nüance deswegen des öftern, weil auch er sie in seinem
Dialekt nicht besitzt. Umgekehrt wird es Ja. schwer, die zwischen
f, y und g, g liegenden Varietäten scharf zu unterscheiden und
einzuordnen. So schwankt er z. B. in der Transkription der lom-
bardischen Resultate von vlat. 9 (etwa in Certenago in der Nähe
von Lugano) zwischen % und 9 (ne’ät oder ne’öt?). Es ist ihm
zwar von Anfang an klar, dafs der Laut im allgemeinen etwas
offener ist als sein 4; aber er ist nicht sicher, ob er näher bei %
oder bei g liegt. Der Pflock p sitzt, trotzdem er Ja. aus dem
Hochdeutschen, aus andern Schweizerdialekten, aus dem Franzö-
sischen und dem Italienischen durchaus geläufig ist, nicht ganz
fest: hinzugelernte Laute sind nie so absolut sichere Mafsstäbe
wie die von Kindheit an geläufigen. Wer in seiner Mundart %
und p besäfse, würde wahrscheinlich ohne Zögern zu dem 9 ge-
griffen haben, das Ja. nachträglich als das richtigste erschien.
Der Mittelitaliener dagegen, der als konstitutive Laute! z und
9, nicht aber % kennt, würde 9 wohl unter p subsumiert haben.
Der geringe Öffnungsgrad seiner heimischen £ und g, die sie recht
nahe an ital. etc. 4, p rücken, mögen schuld daran sein, dafs Ja,
gelegentlich zwischen g und g£, p und p schwankt, wenn er einem
e oder o begegnet, das zwischen beiden Nüancen ungefähr in der
Mitte liegt und besser ohne diakritisches Zeichen notiert würde,
während er die £ und p, die offener sind als die seinigen, unzwei-
deutig wahrnimmt. |
er ähnliche Beobachtungen berichtet Lutta, Der Dialekt
von Bergün S. 26 mit Bezug auf das für die mittelbündnerischen
Mundarten charakterisiische sehr geschlossene &£ [das g unserer
Transkription], das ihm als Oberengadiner von seiner Heimatmundart
her nicht geläufig war: „Herr Dr. Luzi [ein Mittelbündner], dem
der sehr geschlossene 4-Laut von Haus aus vertraut ist, notiert
öfters sehr geschlossenes £ (a3&, vekt, vegda), wo ich nur geschlos-
senes e hörte, und umgekehrt nur e (e/), wo ich sehr geschlossenes
£(&/ „Tür“) notierte“. Es ist anzunehmen, dafs hier Luzi richtiger
hörte als der im übrigen sehr feinhörige Lutta. Laute, die man
1 Konstitutiv nennen wir Laute, deren sich der Sprechende bewufst ist —
die also nicht etwa blofs unter gewissen satzphonetischen Bedingungen auf-
treten — und die bedeutungsbildend sein können. Vgl. z.B. in Ja.s Mundart
sörg „sauer werden“, syra@ „surren“.
190 | KARL JABERG UND JAKOB JUD,
in seiner eigenen Mundart besitzt, identifiziert man leicht; Ab-
weichungen davon mit absoluter Richtigkeit einzuschätzen, ist kaum
möglich.
Die Perzeptionsfähigkeit für Stimmhaftigkeit eines Lautes wird
sich der deutschschweizerische und der süddeutsche Romanist, der
sie von Hause aus nicht kennt, in jahrelanger Übung erwerben
und groben Verhörungen nicht ausgesetzt sein. Eine gewisse Un-
sicherheit kommt aber doch über ihn, wenn er in Gebiete gelangt
wie das der römischen Mundarten, wo die toskanischen stimmliosen
Laute unter gewissen Bedingungen bald als stimmhafte, bald als
stimmlose Lenes auftreten. So schreibt Scheuermeier in dem am
Fulse der Sabiner Berge gelegenen Palombara (P. 643), wo Ja. einem
Teil seiner Aufnahme beigewohnt hat: zfdp „vuoto“, mit dem
konventionellen Zeichen für unsicher Gehörtes, in der Wiederholung
völo; oder in Ja. 3 Aufzeichnungen findet sich für /a spıga als erste
Notierung a spika, wiederholt spiga, korrigiert in spfka. In Serrone
bei Paliano in den Sabinerbergen (P. 654) schreibt Ja. no dgrmeng
„un termine“ „und korrigiert np frmeng, im Satzzusammenhange
. dyfsi goppe „dieci coppe* (ein F eldmafs) und isoliert /a kjppa,
10 io kasyöng ‘der Garbenhaufen’, korrigiert zp ‚kasyöng usf.
Dafs unter diesen Umständen bei zwei gleichzeitig notierenden
Exploratoren Abweichungen vorkommen, ist selbstverständlich; der
Erfahrene wird sich eher darüber verwundern, dafs Scheuermeier
und Ja. in Palombara in weitaus den meisten Fällen miteinander
übereinstimmen (vgl. unten S. 204 fl.).
Dafs der Schweizer die in seiner Mundart so bedeutungsvollen
Unterschiede zwischen langen und kurzen Vokalen und zwischen
Lenis und Fortis leicht wahrnimmt, ist ebenso verständlich, wie
dals der Italiener sie vernachlässig. Umgekehrt hat der Mittel-
1 Auch Scheuermeier hat in Serrone schwankende Notierungen, weist
aber in seinen phonetischen Bemerkungen besonders auf die gewils nicht zu
leugnende Tatsache hin, dafs bei demselben Wort die Aussprache zwischen
stimmhafter und stimmloser Lenis und Fortis schwanken kann. In der natür-
lichen Rede herrscht die leicht stimmhafte Lenis vor; beim Isolieren des
Wortes kann stimmlose Lenis und bei bewufstem, verdeutlichendem Wieder-
holen sogar stimmlose Fortis eintreten.
Italienische Forscher haben — ihrer auf die schematisierende Transkription
gerichteten Einstellung gemäls — unter Vernachlässigung der satzphonetischen
Nüancen, vor allem den normalen Charakter der in Frage stehenden Laute
festzustellen versucht. Es gereicht dem ausländischen Sprachforscher zum
Troste, dafs sie — ebensowenig wie bei tosk. € — nicht zu einem befriedigenden
Resultate gekommen sind, wie besonders aus Merlo, Fonolopia del Dialetto
di Sora, Pisa 1920, S.124 Anm.1I hervorgeht, wo eine sichere Entscheidung
über Sonorität oder Nichtsonorität der Experimentalphonetik zugeschoben wird.
Die Anmerkung bezieht sich zwar auf die Explosiven nach Nasal, aber gilt
ebensosehr für die intervokalen stimmlosen Explosivae, die „einen Teil ihrer
Artikulationskraft verloren haben, so dafs sie sich den entsprechenden stimm-
haften Lauten nähern“ (Merlo, ebenda).
Vgl. auch Carlo Battisti, Ze dentali esplosive intervocaliche nei dia-
betti italianı in Prinsipienfragen der Romanischen Sprachwissenschaft, Bh. 28a
der Zs., S. 168 fl.
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 101
und Unteritaliener (nicht der Oberitaliener) ein feines Gefühl für
die Längung von Explosiven und Spiranten, das dem Schweizer —
und wohl auch dem Franzosen — abgeht, weil er sie nicht besitzt:
sein Ohr ist auf den Unterschied zwischen Lenis und Fortis ein-
gestellt, der bei ihm den Unterschied zwischen einfacher und ge-
längter Explosiva und Spirans ersetzt. Anders verhält es sich mit
den Liquiden und Nasalen, wo einzelne dtschschweiz., z. B. die
Berner Mundart, zwischen einfacher und gelängter Konsonanz
deutlich unterscheiden. Es ist bezeichnend, dafs der trotz Seiner
westschweizerischen Abstammung in berndeutschen Lautgewohn-
heiten aufgewachsene Louis Gauchat meines Wissens der erste
Forscher gewesen ist, der die für viele westschweiz. Mundarten so
charakteristische Längung von » im Typus efrnna „epine“ zum
Ausdruck gebracht hat,1 während die Westschweizer Cornu (Val
de Bagnes), Gillieron (Vionnaz) und der Franzose Edmont (vgl.
ALF Karte 476 Epine) nichts davon wissen. Man vergleiche auch
Kolonne 272 Epines der Tudleaux phonstigues: der so feinhörige
Neuenburger Jeanjaquet nimmt die Längung des » doch viel
weniger häufig wahr als Gauchat und Ja. (vgl. unten S. 214). Offenes
I #, Z notiert er als Westschweizer viel seltener als die Deutsch-
schweizer Gauchat und Tappolet, die die Laute in ihren Mundarten
besitzen (vgl. Tabl. phon. XVIf.). Dagegen hat er ein feineres
Gefühl für die Nasalierung.
Die Gehörsmängel, die auf dem muttersprachlichen Lautsystem
beruhen, können durch Übung mehr oder weniger gutgemacht
werden. Es bedarf einer gewissen Gewöhnung, um mit den
Lauten einer noch nie gehörten Mundart vertraut zu werden. Dafs
aus äulsern Gründen den Atlasaufnahmen an den einzelnen Orten
kein längerer Aufenthalt vorausgehen konnte, ist eines der Momente,
die die unbedingte Zuverlässigkeit der Transkriptionen der Explora-
toren beeinträchtigen mögen. Eine gewisse Kompensation dieses
Nachteils liegt darin, dafs die Artikulationsgewohnheiten nicht von
Ort zu Ort wechseln, sondern im allgemeinen auf grölseren Gebieten
gleichartig sind. Der Fxplorator wird also die Schwierigkeiten,
denen er beim Betreten von phonetischem Neuland begegnet, nach
und nach überwinden lernen. Für den Benutzer des Atlasses ist
daraus die Lehre zu ziehen, dafs er bei der Beurteilung der
Transkription die Chronologie der Aufnahmen, die im Ortschafts-
verzeichnis berücksichtigt wird, nicht vernachlässigen darf. Es ist
auch oft innerhalb der einzelnen Aufnahme zu beobachten, dafs
die Sicherheit sich bei bestimmten Lauten erst nach und nach
einstellt.
Im bergellischen Soglio stöfst Scheuermeier auf ein stark redu-
ziertes stimmloses z, das oft mit einer kleinen Pause an den vorher-
gehenden Vokal angeschlossen wird. Er schreibt darüber: „Grolse
Mühe machte mir die Perzeption des auslautenden » nach dieser
I Vgl. Zs. 14 (1890), 435 (Patvis de Dompierre).
192 KARL JABERG UND JAKOB JUD,
Pause. Deutlich war es nach #: saf*, pantg‘* usf., schwierig aber
nach e und 5. Bei der Reduktion des Lautes und bei seiner
Stimmlosigkeit fiel es mir anfänglich sehr schwer, zu erkennen, ob
» oder # vorliege. Erst durch den Vergleich mit ähnlichen Fällen
wurde ich im Verlaufe der Aufnahme sicherer: Nicht /£*, sondem
Ser, bE*, mf*, Sf". Herr Giovanoli [ein zum Vergleich herbei-
gezogener gebildeter Gewährsmann] spricht immer volles stimm-
haftes n:/£n; so auch Pool [der Gewährsmann für die Aufnahme, ein
Bauer] im Satzzusammenhang: al /£n al seka. -A besteht daneben
deutlich wie sonst in dA, avdon, pün, piN etc.“
Im südlichen Piemont macht Scheuermeier das charakteristische
ungerollte r Schwierigkeiten, als er ihm zum ersten Male be-
gegnet. „Z/ und r können deutlich unterschieden und normal
artikuliert auftreten“, lesen wir in den phonetischen Bemerkungen
zu P. ı56 Castelnuovo (Prov. Alessandria), „daneben hörte ich bald
für beide einen neuen Laut, der mich verblüffte, und den ich zuerst
für ein schlecht artikuliertes reduziertes / hielt: nf'a, langsam wieder-
holt ng-rd „nuora*, s&', Tochter des Gewährsmannes s@r7 „(capelli)
lisci“, dalid, Tochter barid „guercio*, A&', Tochter k$r „Herz“.
Dann merkte ich, dafs es sich um einen immer wiederkehrenden
typischen Laut handelte: ein nicht gerolltes, oft schwach artikuliertes
oder reduziertes r, das r unseres Systens.“
In derartigen Fällen, wo der doch wohl identische Laut mit },
r, r, 7 wiedergegeben wird, handelt es sich um ein tastendes Er-
fassen des Gehörseindruckes, um den Kampf des Explorators mit
der flüchtigen Erscheinung. Eine Transkription ist stets nur an-
deutend, die feine Skala der wirklichen Klänge vermag sie nie
ganz zu erfassen. Ganz besonders ausgesprochen muls aber der
skizzenhafte Charakter der phonetischen Fixierung bei einem Sprach-
atlas sein, der grolse Gebiete umfalst. Scharfe Konturen darf man
hier nicht verlangen; was geboten wird, ist vielmehr mit den neben-
einander gelegten, suchenden Bleistiftstrichen des Künstlers zu
vergleichen, aus denen der Betrachter das Gültige herauslesen muls.
Man lese die Transkriptionen des AIS knitisch, im vollen Bewnulst-
sein der Unvollkommenheiten, die ihnen anhaften müssen, chne
von ihnen mehr zu verlangen, als was sie geben können und
wollen. Durch Andeutung der subjektiven Unsicherheiten der Ex-
ploratoren auf den Karten weisen wir dem Benutzer mit Absicht
den Weg der Kıitik.
Der schlimmste Feind einer zuverlässigen Transkription ist die
Autosuggestion. Die Gefahr ist besonders grols beim bewulst
arbeitenden Sprachforscher, vor allem bei demjenigen, der es auf
die Erfassung gewisser Lautgesetze abgesehen hat. Typisch ist,
was Gauchat in ZunilE phonttiyque dans le palois d’une commune
(Sonderabdruck S. 43) gesteht: „Le phenomene de d en passe
de devenir ao m’a beaucoup intrigue depuis mon premier sejour
en Gruyere; c’est, parmi les sons charmeysans mobiles, celui
qui m’a daabord frappe. Au commencement j’avais si bien
Tage 0 are ehe ee ee
a
®
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPK.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 193
idee que a latin devenait d dans ce dialecte que je m’ob-
stinais, pour ainsi dire, ä noter d,! jusqu’& ce qu’un mot me
mit sur la bonne voie. En demandant les noms des outils servant
au tressage de la paille, je vis sur la table une planchette que la
tresseuse me designa par 9 Zaw. Ne reconnaissant pas de suite
l’etymologie du mot, force me fut de m’en tenir & l’impression
acoustique. Un moment plus tard, ayant appris que la planchette
servait ä mesurer les brins de paille prepar&s pour la tresse, je
compris que c’etait le mot latin quartu (guar/ d’aune = 30 cm)
et j’etais averti au sujet de d — ao.“ Wie viele Dialektologen
könnten ähnliche Geständnisse ablegen — wenn sie den Mut dazu
fänden |
Weniger gefährdet sind Nichtfachleute wie Edmont oder nach-
drücklich Gewarnte wie Scheuermeier; aber es ist eine Illusion, zu
glauben, die Suggestion spiele bei ihnen keine Rolle. Der Satz,
dafs alles, was einmal bewulst war, im Unbewulsten nachwirkt, hat
auch hier seine Richtigkeit. Phonetische Erfahrungen klingen nach
und können den unmittelbaren Gehörseindruck fälschen. So glaubt
Ja. bei den gemeinsamen Aufnahmen mit Scheuermeier auf vene-
tischem Gebiete bemerkt zu haben, dafs dieser anfänglich unter
dem Eindruck der vorangegangenen lombardischen Aufnahmen
betonte Vokale gewohnheitsmälsig als lang notierte, wo Ja., der die
letzten Dialektstudien in der durch die Häufigkeit kurzer betonter
Vokale charakterisierten Toskana gemacht hatte, kein Zweifel an
der Kürze des Vokals zu bestehen schien. Und Gauchat will
bei dem mit den Wallisermundarten besonders gut vertrauten Jean-
jaquet bemerkt haben, dafs er bei der Transkription den Frei-
burger Mundarten eine leichte walliserische Färbung gab: „un brin
de couleur valaisanne* (Tabl/aux S. XII).
In besonders frappanter Weise äufsert sich, wie Jaberg Xo.
50 (1924), 281 dargetan hat, die Autosuggestion der eigenen
Mundart gegenüber. Die Idealvorstellung des Lautes übertönt hier
die unbefangene Wahrnehmung besonders der Schnellsprechformen.
Der Toskaner, der in natürlicher Rede cufola, safone, rafa? etc.
(mit labialem /) spricht, leugnet die Existenz dieser Formen, weil
sie langsam und deutlich gesprochen cupola, sapone und rapa lauten.
Die Suggestion wird durch schriftsprachliche orthographische Ge-
wohnheiten verstärkt: Der Römer, der schreiben kann, schaut dem
Explorator ins Heft und erklärt, er schreibe falsch, man sage nicht
rabo, arado, spiga, sondern rapa, aralo, spica; und wenn er diese
Wörter mit bewulfster Artikulation vorspricht, so lauten sie auch
wirklich so.
Die Autosuggestion kann unter dem Einflusse der Schrift
geradezu groteske Formen annehmen. Ein Schüler de Ecole Nor-
ı Von uns gesperrt.
2 Scheuermeier scheint etwas anderes gehört zu haben als Ja.; er tran-
skribiert häufig saßhone, rapha usf.
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVIL 13
194 KARL JABERG UND JAKOB JUD,
male Superieure in Paris hat Ja. gegenüber einmal steif und fest
behauptet, er höre den Nasalvokal in franz. vin, vaın, vint und zıngt
verschieden, und von einem Senesen hat er den sentenziösen Aus-
spruch gehört: Die Pisaner sprechen schlecht, sie sagen Ja asa,
wir sprechen das c korrekt, wir sagen Ja Aasa.
Dafs auch Dialektforscher, besonders wenn es sich um satz-
phonetische Erscheinungen handelt, derartigen Suggestionen unter-
liegen, steht aufser Zweifel. \Ver dazu Gelegenheit hat, vergleiche
einmal den von Abbe Luyet für das Berliner Phonogrammarchiv
gesprochenen Text aus Saviese (Wallis) mit seiner eigenen, im
Schweiz. Archiv f. Volksk. 25 (1924), 29 des Separatabzuges veröflent-
lichten Transkription. Das wirklich Gesprochene weicht, wie Ja
bei der Phonogrammaufnahme konstatieren konnte, stark von der
Transkription des Verfassers ab. Herr Luyet hat freilich die Richtig-
keit von Ja’s Beobachtungen aufs entschiedenste bestritten.
„Fürchte die Autosuggestion wie den bösen Feind“, stand
im Vademecum des Explorators, in dem Scheuermeier unsere In-
struktionen formuliert hatte. Er wird es nicht als Beleidigung
empfinden, wenn wir die Vermutung aussprechen, dals er so wenig
wie wir in unsern eigenen Aufnahmen den bösen Feind stets be-
siegt hat.
V. Materialien zur vergleichenden Kritik phonetischer
Transkriptionen.!
Die nachfolgenden Materialien sollen dem Leser gestatten,
sich ein selbständiges Urteil über Art und Tragweite der Ab-
weichungen zu bilden, die sich bei phonetischen Aufnahmen ergeben,
wenn diese von demselben oder von verschiedenen Forschern mit
denselben oder mit verschiedenen Gewährsleuten durchgeführt werden.
Dabei halte man sich gegenwärtig, dafs Notierungsunterschiede
zwischen zwei Forschern bei der gleichzeitigen Befragung desselben
Gewährsmannes nicht notwendigerweise Perzeptionsunterschiede dar-
stellen. Wie schon Gauchat hervorgehoben hat, und wie jeder
Praktiker weils, ist es bei Dialektaufnahmen unumgänglich, einzelne
Antworten wiederholen zu lassen; temperamentvolle Auskunftgeber
wiederholen auch spontan oder korrigieren sich in so rascher Abfolge,
dals die Feder nicht alles festzuhalten vermag. So geschieht es,
dals bei gemeinsamer Arbeit häufig der eine Forscher diese, der
andere jene Antwort notiert. Man beachte im Folgenden besonders
die Fälle, wo wiederholte Antworten (durch Komma getrennt) fest-
gehalten wurden.
Dafs die Abweichungen beim Abfragen isolierter Wörter geringer
sind als bei Sätzen, ist selbstverständlich.
1 Man erinnere sich an die Angaben über Transkription und Abkürzungen
in der Vorbemerkung (oben S. 171 f.).
fen
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 195
Zu beachten ist, dafs die Forscher, von denen hier Materialien
verwendet werden, fast alle auf das impressionistische Verfahren
eingestellt waren. Nur Ettmayer notierte mehr schematisierend.1
Dals wir zum Vergleich meist Aufnahmen des einen von uns
beiden verwenden, wird man verstehen: über die Art, wie die
Materialien gesammelt worden sind, hat man eine genaue Vor-
stellung nur dann, wenn man dabei gewesen ist; und eine ver-
läfsliche Interpretation der Notierungsunterschiede ist nur dem
möglich, der die in Frage stehenden Mundarten hat sprechen
hören.
ı. Traversella (Valchiusella bei Ivrea, Provinz Turin). Der-
selbe Forscher (Jaberg) hört denselben Gewährsmann zu ver-
schiedenen Zeiten ab. Der zweiten Aufnahme wohnt ein zweiter
Explorator bei (Herr Moser, Schüler von Ja.); es wird dabei ein
umgearbeitetes Fragebuch verwendet.
FRAGEN JABERG 1909 JABERG ıgı2 MOosER 1912
ı la foglia la föya,corr. Ja föya, corr. Ja dla;
fela? dla 2 föle pl.
2 la radice la rais® la rays larays; b-pl.
3 la scorza d’un Ja skpröa id., /arüska la skerda,
albero la rüska
4 scortecciare.. skurdär id. skursär;
a skörda
3. Pers,
Ind. Pr.
5 la ciliegia la lärzza la Carfza % la lartza
6 I pomi comin- ; mait a ku- imaytfı ku imayt a ku-
ciano a fiorire. moindm a may$an5 mä y82n
furtr; furir Jyerir
7 I ciliegi hanno /Carfsga lan Ltarfgalan ’learfzealan
giä cominciato dakumamdä da kumayn- dd kumäyda
otto giorni fa. ei di fa Ya at dfa «dd fd
ı Vgl. Ro. Fo. XIO (1902), 324 fl.
® corr. = Korrektur des Gewährsmannes,
— In Trav. ist 7 erhalten.
Der Gewährsmann liefs sich bei der ersten Antwort vom Gemeinpiemontesischen
beeinflussen.
zuerst die gemeinpiemontesische Form entwischte.
» Mit & bezeichneten Ja. und Mo. die dem ä@ sich nähernde „vocale
Das diphthong. Element, das Ja. hier mit ; wieder-
indistinta“ dieses Dialekts.
gibt, wurde von ihm bei späteren Aufnahmen durch y ersetzt.
* Verdeutlichend ausgesprochen: diar?sa.
5 Offensichtlicher Schreibfehler für Aumgyn9an oder kumgydan.
Es ist bezeichnend, dafs ihm auch bei der zweiten Aufnahme
13*
196
FRAGEN
8
10
11
12
13
14
15
16
17
Quest’ anno ab-
biamo avuto
molti frutti.
Avreste dovuto
vedere come gli
alberi ne erano
carichi.
scuotere un
pero per far
cascare le pere.
sbucciare un
pomo
Mi sono seduto
sotto un albero,
appoggiato
contro il fusto.
Un ramo marcio
mi & caduto sul
viso.
Se non man-
giamo le nostre
prugne, imputri-
diranno ben
presto.
la pesca
!’uva
Le uve son dolci.
18 dolce f£. pl.
19
20
21
il grappolo pl.
la vigna
la fragola
JABERG 1909
stanıan avü
lanla früta
Larisse duvü
vpöe me ka
le pianig a
1 fram karıc
supalär m pair
por far kayg
ı pair
rüskär m mail
imsunsala sul
ana pianla,
puzä kun-
Ira..?
mbrank märd
amgkals
la tgra.
si mängen ntin
[ müstg brüng,
a mardn
sübıl
| bzsi
l üwa
? üver a sm
due
du; -a;, dü$;
dudg
27 rap; rip
la vila
Ir
KARL JABERG UND JAKOB JUD,
JABERG 1912
stanı a avü
mulu bayn
04 früta‘
s artssg dyvi
vgög kümg |
Piantg al
fro karıa?
supalär m
payr par far
kaye i payr
rüskär m
mayl
In sun sata
sul na pianta,
puda künira
I bitun
m brank sak
amgkayes
la fra
si’ manga nm
( nüsirg
brüng, a
mardran
Drest
{ pesi
l üvva
? üvg a sen
düdg>
dü$; -a; düg,
dudg
Lrap
la villa
id.
% ‚ £
ı r .. . “.. ..
Oder: ase £ früta. Moser: azä früta.
3 Oder: karid.
83 Der Gewährsmann fand das zutreffende Wort nicht.
* Der Gewährsmann schwankt zwischen zw und vv, entscheidet sich für
das letztere. ,
5 Oder gaturif. Moser: sauriä.
MOoSsER 1912
si dnian avü
müly bayn ?
Jrütta
i ärisse duvü
vedde kum’l
Dyänte alfro
karıd
supatär n payr
pr far kayg
s payr
rüskar m
mayl
ın sun sala
si’ na Pyänla,
pudä künir ’l
bitum
m brank sak
amgkayds
la lira
si mängn nın
U nüslre
Drünle, amar-
dran präst
7] pässı
id.
füvwve a sfn
dud-ge
dus; du9ga;
düß, dügde
> rrap
la vila
id.
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U.
FRAGEN
22 la noce pl.
23 il noce pl.
24 la castagna pl.
25 il castagno pl.
26 il salcio
27 il faggio pl.
28 il sambuco
29 l’acero pl.
30 la betulla
31 l abete
32 il larice
JABERG 1900
7? spitlal;
spilut
Unusat; -U
la kasifüa; -Ne
lärbul; darbuy
lgurin
J6: i JE
{ sambü
{ pien; z pızn
la biulla
[ wern!
la breinguna ?
GREHÖRSSCHWANKUNGEN. 1097
JABERG 1912
bb spilul; 3%
spilut
la nüs, nuza!!
la kaslgäa
Zdrbul; # -uf
id.
Sb f6
{ sambi
id.
id.
/ wernz
dringuna
MosER 1912
la spittul;
spiltuf
la nüs, I nusat
la kastöna
id.
id.
+0: Fl
’] sambü
pyän; ipyän
la byulla
] wärni
dränguna
Eine Vergleichung der Ja.schen Aufnahmen von 1909 und
1912 ergibt zunächst einige lexikologische Unterschiede, auf die
hier nicht eingegangen werden soll. Zur Transkription ist zu be-
merken, dafs Ja. in den beiden Aufnahmen von Traversella häufig
die Akzentstelle nicht bezeichnet und s nicht von s geschieden hat.
Von den phonetischen Varianten fallen sicher dem Gewährsmann
zur Last: 12 pusd—pudd, 14 nüsge—nüsirg, 16 Awa— Üvva, 25 dr-
buy—drbu. Im übrigen stimmen die beiden Aufnahmen von Ja.
recht weitgehend überein. Die auffälligste Beobachtung ist, dafs
Ja. den Laut, den er bei seinem ersten Kontakt mit den cana-
vesischen Mundarten einheitlich & schrieb, nach vielfacher Be-
schäftigung mit dem Canavesischen und dem Piemontesischen über-
haupt bald a, bald a, bald a mit übergeschriebenem « notierte,
was an den oben S. 173 festgestellten Unterschied zwischen den
Transkriptionen des jüngeren und des älteren Gauchat erinnert.
Auch die Notierung von unbetontem a und von a vor Nasal
erscheint jetzt differenzierter. Das Mals für offene und geschlossene
6 o und & scheint sich etwas verschoben zu haben (1,7, 13, 27).
Viel beträchtlicher sind die Unterschiede zwischen den Notie-
rungen von Moser (Mo.) und denen von Ja. Zu den die Erfassung
der ‘vocale indistinta‘ («, @, a mit übergestelltem & usf.) und den
Öffnungsgrad der betonten und unbetonten Vokale betreffenden
Unterschieden gesellen sich solche, die die Nasalierung, die Kon-
sonantenlängung und die Konsonantenqualität, besonders die Assi-
milationserscheinungen im Satzzusammenhang angehen. Mo. hört
kumay$ä, wo Ja. kAum« Pe notiert (7); einem fräta (8), vgdr (9),
pesj (15), dude (17), düda (18), spilul (22) von Ja. steht ein frälta,
vföde, pässı, die, dug%a, a von Mo. gegenüber. Wo Ja. 1909
I auzat kleiner.
? Ja. notierte 1909 Jie Velarisierung des » vor velarem Konsonant nicht.
198 KARL JARERG UND JAKOB JUD,
und ıgı2 7: pryr schreibt, notiert Moser n payr (10). sfr (17)
steht s?7 gegenüber. Mo. schreibt 7 frütta (8 Ja. ad früta), indem
er mit dem Apostroph andeutet, dafs das dZ blofs implosiv ist.
Einzelnes — so 7 «et di fa gegenüber @d di fd und 4 sZurdar
gegenüber sAursar mag ja gewils darauf beruhen, dafs Ja. eine
andere Antwort festgehalten hat als Mo.; in der Mehrzahl der Fälle
wird es sich aber um Perzeptionsunterschiede handeln, was zeigt,
wie stark das subjektive Moment ins Gewicht fallen kann. Dabei
ist zu bemerken, dals Ja. und Mo. ıgı2 die canavesischen Mund-
arten durch längere Aufenthalte kannten, dals aber Traversella ihre
erste gemeinsame Aufnahme in diesem Gebiete war.
Eine viel weitergehende Übereinstimmung zeigt der Vergleich
der Notierungen von Ja. und Mo. bei der nächsten gemeinsamen
Aufnahme (Rueglio, in der Nähe von Traversella), wofür wir die
Materialien nicht reproduzieren. Wenn man davon absieht, dals
Ja. s nicht besonders notiert und dafs Mo. stimmhaftes r, /, m
und » anders transkribiert als Ja., so ergeben sich hier etwa 50,
absolut identischer Notierungen. Zu diesem nach unseren Erfahrungen
günstigen Resultate haben verschiedene Umstände beigetragen: Ja.
und Mo. hatten ihre Notierungen der Mundart von Traversella
besprochen und ihre Transkriptionen etwas angeglichen. Rueglio
stellt denselben Mundarttypus dar wie Traversella; der Gewährsmann
antwortete hier natürlicher und sicherer als dort, und endlich lie[sen
sich die beiden Exploratoren im allgemeinen einzeln abgefragte
Wörter nicht wiederholen, so dafs sie meist dieselbe Antwort zu
Papier brachten. !
2. Ceresole Reale (Orcotal, Prov. Turin). Stark italianisierte
frankoprov. Mundart. Zwei Aufnahmen desselben Forschers (Jaberg)
mit verschiedenen Gewährsleuten.
FRAGEN JABERG 1909 JABERG 1912
ı Bada che le gal- bäka ke 1 gilnas a bika he | £inas a
line non vadano vayon niant ant al vayun Nint anti I
nel giardino. £ardin rt?
2 Le galline hanno a7 gilnas (r.-05)? a la gind 1a ft (r. Jet)
finito difarl’uova. Zaun (r.ant) fniat Lüg
färg Lüt
ı Was Millardet in der Einleitung zu seiner Ziude de dialectolgie
landaise, Toulouse 1910, S. XXIIf. über die Vorteile eines raschen Abfragens
bemerkt, ist, soweit es die Aussprache angeht, gewifs richtig. Je weniger man
die Antworten wiederholen läfst, desto unbefangener bleibt der Befragte. Etwas
anders verhält es sich mit Bezug auf die morphologische und lexikologische
Zuverlässigkeit.
?2 Langsam gesprochen.
® „ — wiederholte Antwort,
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN.
FRAGEN JABERG 1909
3 Hai venduto le #(r.) a vandä i üg?
uova?
4 Le venderö do- gı li vandrey dmdn
mani.
5 covare 31 kwär; küval
6 spennare una spiümäar na $ılnd
gallina
7 il gallo pl. Ju gäl
8 la cresta del gallo /a Artsa dal gal
g un uccello pl. ün üzgl
ıo la piuma la frümd
ıı V’ ala pl. ün äla
ı2 Tornando dalla menir; k a Iyrnavunt
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
scuola, i ragazzi ° da sköla, li bfda a
sono andatii a suynt ala dazniar i
snidare degli uc- üzfl
celli.
la gabbia la gaäbia
il passero lu pasarft
il fringuello lu franguüy
la lodola +3
la rondine la ründyla
il merlo iu merly
!’ aquila l agıa
il corvo pl. la kurbes
la lepre la lgvra
il Iupo lu lü
Sono animali che a sont besias ka fsunt
stanno nei boschi. ant I büwak
lu kasadür a vät a
la kdsa
I cacciatore va
alla caccia.
199
JABERG 1912
ti a vandd i ül?
ie (corr. 4) vendräi
dumän
..kuär, küal
piümala
lu gäl
la krösa
..n üzgl?
id.
ün äla; 2 älas
viniar da sköla li
bfda sont alä dızniar
s üzdl.
u pasarft
lu frangiy
la Iödola?3
la ründyla
id.
id.
id.
id.
id.
synt anımäl sarväago;
ay iyyni ant lı büwak,
r. al buskinas
u kasadür vet a la
käsa
!3 = Es ist auch Indik. Praes. 3. Pers. abzufragen.
® Uccello bei der zweiten Aufnahme im Satzzusammenhang: Ho preso
un uccello al laccio: z 7y Dres n üsgl an trdpula. Daher der Artikel in der
Allegroform.
8 4 ist das Zeichen für das Nichtvorhandensein einer Sache.
Der zweite
Gewährsmann, der als Jäger die Vögel besser kennt, befindet sich im Wider-
spruch mit deın ersten.
* Die Frage lautete bei der zweiten Aufnahme: Sono animali selvatici;
stanno nei boschi.
200
FRAGEN
25 la formica
26 il formicaio
27 un’ ape pl.
28 il ragno
29 la mosca
30 Le mosche rom-
pono le tele dei
ragni.
3ı il tafano
32 il pidocchio
33 la pulce
34 Che tempo fa?
35 Con questo tempo
non si puö uscire.
36 Usciremmo se fa-
cesse bel tempo.
37 fuori
38 dentro
39 II caldo & stato
tardivo quest’anno.
40 Sudo come una
bestia.
JABERG 1909
la fürmirj
lu fürmiar
la vifa ‘vespa’!
laran
la müsıg?
a/ müsias a rünlunt
a] tElas di ardi
tavan, -an(amitüber-
geschriebenem >)
lu piey
Ja püge, f
he tens rg Jait?, ke
ten ki fait??
kun si tens Wi is Po
niant sayir
i sayarıem s ı füsat
an bel tens
er
deins
u dal al as isıa
lardi sıt an
£i südy 1 istemmj
üna b£sj
KARL JABERG UND JAKOB JUD,
JABERG 1912
la fürmirg
fürmter
na vefa ‘vespa’!
id.
! müyj
la müyj a seankat la
iela di aran
u lavzn
id.
la pii
ki teins T fayt?
kun si leınsas po pa
satar
sayirien s ı füsat bel
id.
id.
lu dal a yyiä tärt sıl
dn
südy Rome na bfyıe
Es ist leicht zu erkennen, dafs die Abweichungen zwischen
den beiden Aufnahmen gröfser sind als in Traversella. Es ist das
nicht blofs dem Umstande zuzuschreiben, dafs in Ceresole zwei
verschiedene Gewährsleute abgehört wurden, sondern es entspricht
auch dem labilen Charakter der frankoprovenzalischen und proven-
zalischen Mundarten der Westalpen.* Manches findet seine Fr-
klärung in den phonetischen Notizen Ja.’s zu der Aufnahme von
ı912. Wir lesen dort: „Auslautendes z und # schwanken zwischen
3, 5 und e—u, 4 und og. 5 und g dürften die Normalformen sein.
Bei insistierender Aussprache werden sie zu ge und 9. Bei flüchtiger
1 Die Gewährsleute bemerken übereinstimmend, dafs es in Ceresole keine
Bienen gebe.
2 Ja. schwankt hier in der Transskription swischen 5 und S.
8 Das zweite ist Schnellsprechform. o
* Über das Verhalten von auslautend:m s im Satzzusammenhang s. Jaberg,
Notes sur l’s final dans les palois franco-provengaux et provencaux du
Piemont (Bull. du Gloss. des pat. de la Suisse rom. 1911, annee IO, p. 49 suir.).
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 201
Rede perzipiere ich häufig 2 und «.“ Vgl 25 fürmirj— fürmirg,
33 püge, püge — pügj, 29 und 40 sogar mäsıg und b2j gegenüber
müyj und döyie, wo bemerkenswert ist, dafs 7 und ze in beiden
Aufnahmen nebeneinander vorkommen.
Zu den so auffällig verschiedenen Resultaten von SC und ST in
den beiden letztgenannten Beispielen sowie in 23, 30, 39 und 40
halte man die Notiz: „xy ist nicht mit dem ich-Laut identisch,
sondern liegt zwischen y und s. Ich habe in der Notierung wieder-
holt geschwankt.* Ob nur Perzeptionsunsicherheit oder ob auch
Ausspracheschwankungen vorliegen, möchten wir nicht entscheiden.
Um die so stark voneinander abweichenden 3 und se (29, 40) zu
verstehen, denke man an das oben S. 195 Anm.4 erwähnte über-
deutliche diarfza in Traversella. „Unbetontes «, 7, lesen wir weiter-
hin in den erwähnten Notizen zu Ceresole, schwanken. Das Gleiche
gilt für den entsprechenden Laut vor Nasal: >y, ay, ay, ay. Die
Perzeption ist nicht durchaus sicher; doch dürfte sie dem objektiven
Tatbestand nahe kommen.“ — „Die intervokalen Gleitelaute y und v
werden oft sehr schwach artikuliert oder verschwinden ganz. Bei
deutlicher Aussprache erscheint aber speziell v stets wieder. In
der Umgebung von labialen Vokalen nähert sich v dem w.“ Vgl.
5 kivat—kücal, 35 suyir—salar. Andere Unterschiede wird der
Leser selbst analysieren.
3. Cerea (Prov. Verona). Gemeinsame Aufnahme zweier gleich-
sprachiger Exploratoren (Scheuermeier und Jaberg) mit dem-
selben Gewährsmann.i
FRAGEN SCHEUERMEIER JABERG
ı le ossa psi id.
2 la pelle la pel, pet la pet, pel
3 il capo (la testa) Ja /dsla la Igsta
4 i capelli s.? kaveyi, -£Xi, ün kaveyo kaveyı, kavfgyi,;, un
kaveyo
5 icapellilisci; liscio ? ı kaveyi ...?
6 capellispessi(folti, na mpla de kavfyi ..na möla de kaveyi
abbondanti, fitti)
7 (gli ha strappato) um mülo.., na zbran- u müco de kavfyi, na
una ciocca dica- Ka de kaveyi zbrankä de k-
pelli.
8 la treccia la Irsa id.
1 Das Fragebuch wird hier und in der folgenden Zusammenstellung auch
in Bezug auf dıe Reihenfolge der Fragen ganz genau reproduziert.
35 —= Es ist auch der Singular abzufragen.
202
FRAGEN
9 il cervello
10 la fronte
ıı le tempie s.
ı2 un occhio
13 le sopracciglia s.
14 la palpebra (pelle
che copre gliocchi)
15 le ciglia s.
16 !’ orzaiolo (bolli-
cina che viene
nella palpebra)
17 il sole mi ab-
baglia, Inf.
ı8 „Guerciare*
19 cieco f. pl.
20 soffiare il naso 3
2ı il moccio
22 la bocca
23 il labbro pl.
24 la lingua
25 i denti
26 un dente marcio
27 il dente molare
28 Si leva il sole.
29 la luna
30 la stella pl.
31 il terremoto
32 Che tempo fa?
33 Malgrado il
tempo brutto ha
voluto uscire.
34 Bisogna restare
dentro,
35 accanto al fuoco.
36 Non vada fuori!
37 lontano
SCHEUERMEIER
ı seruey
gl vizo
le tempig; una lempia
un 0C0, ddo
lg sive
: lg palpere
palperg
um borosö#
ı el söl me bat int i adı,
e! sol mg fa mal i &di
le lgsko, le zgwgrso
derbe; Brba;, grbi
me süpio el näzo
le kandele
la böka
N lavarı, läri, un
zlavarg
la lengwa
i denti
un dente, dento zbüzp,
denta...
maselari
a leva el sül, lEva syl
la lina
la si&la; le stele
Leremglo
ke I£mpo fa?
si ben k el tempo g
brülg la volü ndar
föra
bizöla slär in käza,
-drento
argnt al fögo.
np P vaga föra!
Jonlän
KARL JABERG UND JAKOB JUD,
JABERG
ı dervgy
id.
id.
un pcp
le Hye
Ä ig palbgre
um borozol
r. el sol me bäte £nl
; 2 ei
lg lösko, zgwersg
id.
me süpyo Inazo, elnazo
id.
id.
ı lavari, 3 ldabrı;, u
slavarg
id.
id.
un dente zbüso, dento ..
id.
a l£va jl söl (s leicht
unrein)
id.
id.
tgremölo
id.
r. sieben k gl tempo g
dDrulo la volu ndar
fera
bızdda slar in käsa,
-drento
argnt al fögo
nö I vaga föra!
id.
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 203
SCHEUERMEIER
d fndg ven Io?
ng dörmo stanfie
FRAGEN JABERG
d endo ven to?
ng dprmo stanple
38 Donde vieni?
39 Non dormiro
stanotte.
40 sudare 3 suddr;, südo ı suddr; sudp ı!
4ı Quandosihasete, kwände se ga st id.
42 sihalagolasecca. sg gd la göla stka se ga la gola scha
43 secco pl. seko (fast $) Seko
44 Bevereisecifose diarta se ge Süse bearia se ge Jüse
acqua. l äkwa. l äkwa
45 bere bear, corr. bla id. id.
46 il condotto d’ac- : konddto d akwa id.
qua
47 la fontana pl. la fontäna ‘Quelle’ id. ‘Quelle’
48 il trogolo della /drbi id.
fontana (com’ &
fatto ?)
49 Yacqua fresca m.?
50 !’ acqua pura
51 attingere acqua
52 torbido f.
53 piovere; piove?
äkwa [reska;, fresko
äkwa für
ira su äkwa, -sü20..
törboio; Iorbula
Byda, pyda; pydve,pyöe
akwa [reska, fresko
äkwa püra
id. id.
tdrbolo;, Iorbula
Pyda, pyde
54 spiovere (cessar
di piovere)
no pyde Pi id.
Ja. und Sch. waren, als sie nach Cerea kamen, die veronesischen
Mundarten fremd. Der erstere hatte vorher eine Aufnahme in
Melara (bei Ostiglia im ferraresischen Grenzzebiet) und gemeinsam
mit Sch., der von der Lomellina her kam, eine solche in dem
venetischen Cavarzere an der unteren Etsch (Prov. Venezia) ge-
macht. Die Verhältnisse lagen also weniger günstig als bei den
oben besprochenen Aufnahmen von Mo. und Ja. im canavesischen
Gebiet.
Die Zusammenstellung bezieht sich auf zwei Bruchstücke aus
dem Normalquestionnaire des AIS, das eine aus dem Anfang, das
andere aus der zweiten Hälfte. Wortfragen und Satzfragen sind
beide Male gemischt. Der Prozentsatz der absolut identischen
Notierungen ist in beiden Stücken derselbe, nämlich ungefähr ein
Dritte. Bei näherem Zusehen ist aber leicht erkennbar, dafs die
Abweichungen im zweiten Bruchstück (Nr. 28 ff.) geringer sind als
I 5 mit übergeschriebenem d.
2m —= Es ist auch das Maskulinum des Adjektivs abzufragen.
204 KARL JABERG UND JAKOB JUD,
im ersten: das Ohr der Exploratoren hatte sich an die Mundart
gewöhnt. Die Notierungsunterschiede betreffen zum grölseren Teil
die Vokalqualitäten, seitener die Vokalquantitäten. Dabei handelt
es sich hauptsächlich um e und o, die Sch. häufig geschlossener
perzipiert als Ja., wofür oben S. ı81f. eine Erklärung gegeben worden
ist. Was Ja. als @ notiert, hört Sch. hie und da als «a. Aus dem
Vergleich ist auch ersichtlich, dafs den beiden Exploratoren, ins-
besondere Ja., anfänglich die Perzeption der vorgeschobenen dentalen
Spiranten Mühe machte. Sch. hat von # eine andere Vorstellung
als Ja. Vgl. die stark abweichenden Notierungen von 9 cervello
und ı3 sopracciglia; übrigens bemerken Ja. und Sch. in ihren
Tagebüchern, dafs der Gewährsmann gerade hier in der Aussprache
schwankte. Andere kleine Abweichungen übergehen wir. Beachtens-
wert ist, dafs im zweiten Bruchstück auch die Antworten auf die
Satzfragen in weitgehendem Mafse übereinstimmen.
4. Palombara (Prov. Rom). Gemeinsame Aufnahme zweier
Exploratoren (Sch. und Ja.) mit demselben Gewährsmann.
FRAGEN
SCHEUERMEIER JABERG
ı Si spacca
2 il legno.
3 laccetta (piccola)
4 la scure (grande)
5 la scheggia
6 Col “falcetto”
7 si tagliano i rami.
8 il manico
g la sega
ıo la pietica
ıı la segatura (la
farina che cade)
12 segare un asse
13 la sega lunga
se spdkka, wir sagen:
ydm a spakk
£ löna, ..spakkd e lena!
ddtetifla
accella
ün dacc jilu
ky marrdeiu?
de tayem i rämi
u mänıku
a stga
i gdvallitti, andere sa-
gen auch 4 gondcca®
a segadüra
segd una daula
u segd
ıamo a spakk
e lena
l adetola
l adeta
un daleeiy
ku marräccu (et
layem i ramı
u mänigu
id.
gonöcca, u gavalliltu
a segadüra
a segd una däßula,
... däula, täula‘
u segd
ı Der Gewährsmann hat also dreimal geantwortet; Ja. hat nur die zweite
Antwort festgehalten.
% Sch. hat hier den geflüsterten Auslautvokal bemerkt, der Jaberg beim
vorhergehenden Wort aufhel.
Vgl. oben S. 180.
8 J. hat die erste, Sch. die letzte Antwort (Sing. von gdvallitti) nicht
festgehalten.
* Sch, hat die erste Antwort festgehalten; J. hat offensichtlich zunächst
nicht sicher gehört und desbalb zweimal wiederholen lassen. 8 = bilabiales v.
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN.
FRAGEN
14 la fascina pl.
15 la fragola (colti-
vata, selvatica)
ı6 la mora dirovo pl.
17 il rovo pl.
ı8 li cacciatore
ıg va alla caccia.
20 la volpe
2ı il lupo f., pl.
22 l’ orso pl.
23 Sono animali sel-
vatici.
24 la lontra
253 lo scoiattolo
26 il ghiro
27 la faina (Haus-
marder, mangia i
polli)
28 la donnola
29 il tasso
30 il riccio
31 iltopo(specie diff.)
32 la trappola da
topi
33 il pipistrello
34 il ramarro
(grande, verde)
35 la lucertola (piü
piccola, grigia)
36 I’ orbettino (ce-
cilia)
37 la serpe
1 ı grofs, 2 klein,
SCHEUERMEIER
um fas3o, una faSsı-
nella!
e Jräyle; una fräyla
£ morrige
u rüdu
u gddladöre
vda kalla, ..vakkäcla
a gölcbe
u lübu; a löba
Dürtisy, lLürtsi
sd animal sarvadıgı
una londra
Skoydttgly
a gyira, a ££ira;, 2
fire pl.
a faina
donnula
dassu
ridlu
döpi, a sörggat
drdppola, cor. u
doparölu
e nöllule, una -a
räganu
RR NN
a musgrla
£ lberditg £ige
a ipera; e berg
2 ja. hat nur die zweite Antwort notiert.
8 Anlaut unsicher gehört. Beide Exploratoren scheinen Mühe gehabt zu
haben, den Anlaut richtig zu erfassen. Sch. hat wohl besser gehört.
% 2 gröfser als ı.
205
JABERG
um vassu, Jassinflla !
e Jräule, una fräula
ge morrige, morriggt
id.
u galadöre
vd kkddla?
a göleße
id.
Lürtsu, Lürtsi
sp anımall sarvadıpi
id.
skoydttolu
a fira, gira; e gegfre®
id.
id.
id.
u rietu; ı riddı
u döbu, a sörega‘
a dräpula, u dobardlu
id.
id.
a muffria
ge ıbergite glge, una
iberiita gfga
a dbera; e ibere
206
KARL JABERG UND JAKOB JUD,
FRAGEN SCHEUERMEIER JABERG
38 la rana a rangcca id.
39 la raganella a rdganplla a raganella;, pL-2
40 il rospo u rospu id.
4ı la salamandra a Jdarandula a Jardndula
42 il gambero u rändu, -gu u rüngu
43 la chiocciola £ fummäge; a -ga £ &ummäge;, -ga
44 il guscio della a gpcca a gfcca
chiocciola
45 la lumaca (nuda) 2 gummäge nüde £ummäge nüde
46 il lombrico i frmi, u ygrme i frmi;, u yerme
47 la mignatta (la e mindlie eg minale, a -la
48
sanguisuga)
la mosca pl.
a moska, e -ske
möska
Zu den Vergleichsmaterialien aus Palombara ist zu bemerken,
dals hier Sch. und Ja. zum ersten Male mit einer römischen Mund-
art in Kontakt gekommen sind und dafs der letztere nur während
einiger Stunden einer von Sch. begonnenen Aufnahme hat beiwohnen
können. Sch. kam aus der Toskana, Ja. aus der Schweiz. Sehen
wir davon ab, dals Sch. häufig den Nebenakzent notiert hat, auf
den Ja. (der gelegentlich sogar den Hauptakzent hinzuzusetzen
vergals) nicht achtete, und dafs der eine gelegentlich eine andere
Antwort festhielt oder wegliefs als der andere. Im übrigen zeigt
der Vergleich, dafs die Notierungsunterschiede im Gegensatz zu
Norditalien weniger die Vokale als die Konsonanten — das in
dieser Gegend labilere Element — betreffen. Nur in fünf Fällen
(3, 5, 36, 39, 44), von denen zwei geringe Unterschiede betreffen,
sind betonte Vokale verschieden notiert worden; etwas häufiger
sind die Abweichungen bei den unbetonten Vokalen, die natur-
gemäls weniger sorgfältig artikuliert und weniger zuverlässig wahr-
genommen werden. Recht verschiedene Resultate hat die Be-
obachtung der Längung, der Stimmhaftigkeit und des Expirations-
druckes der Konsonanten ergeben. Ja. hat wiederholt einfache
Konsonanz notiert (3, 4, 5, 18, 32, 47), wo Sch. gelängte Konsonanz
gehört hat. In der Beobachtung der intervokalen stimmlosen Ex-
plosivae stimmen zwar beide überein, soweit es sich um die Fest-
stellung der allgemeinen Entwicklungsrichtung handelt (Lenisierung,
Sonorisierung); doch hat Sch. wiederholt nur Lenisierung gehört
(8, 32, 37), ja einmal sogar den normalen stimmlosen Laut ge-
schrieben (31), wo Ja. wohl schematisierend stimmhaftes 5, d, g
notierte. Bei Konsonant nach Nasal stimmen beide Exploratoren
1 Ja. erinnert sich, dals er sich bewufst war, mit der Notierung 5, d, £
nur einen Annäherungswert zu geben, dafs die Laute durchaus nicht den Grad
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 207
überein (24, 41, 42); dagegen hat Ja. zweimal eine von Sch. nicht
notierte Lenisierung der dentalen stimmlosen Spirans wahrgenommen
(23, 31). Ja. um vasfu gegenüber Sch. um fa (14) gehört zu
dem Gegensatz Ja. mänigu Sch. manikis (8). Endlich hört Sch.
mehrmals unreines s (s) — einmal sogar $ (25) — das Ja. einer
alten üblen Gewohnheit gemäfs nicht notiert.
* *
”
Die bis jetzt mitgeteilten Materialien sind mit ähnlicher prin-
zipieller Einstellung von deutschschweizerischen Forschern gesammelt
worden, die dasselbe phonetische Transkriptionssystem verwendeten.
Dazu kommt, dafs Mo. von Ja. in die Technik der Mundarten-
forschung eingeführt, Sch. von ihm darin weiter ausgebildet worden
ist. Trotzdem haben sich recht beträchtliche Notierungsunterschiede
ergeben.
Im Folgenden sollen Transkriptionen von Forschern einander
gegenübergestellt werden, die verschiedene phonetische Systeme
verwenden, verschiedene Muttersprachen haben oder prinzipiell
verschieden eingestellt sind.
5. Latsch (Bergün, Mittelbünaden). Ein Rätoromane (Lutta)!
und ein Deutschschweizer (Scheuermeier) befragen zu verschiedenen
Zeiten verschiedene gleichaltrige Gewährsleute. Lutta verwendet
das System der Ass. phonet., Sch. dasjenige des AIS. Beide sind
auf das impressionistische Verfahren eingestellt.
FRAGEM LuTtta 191 I —ı1914 SCHEUERMEIER 1920
I em en
2 duss düos
3 treks Ir hs
4 kalar kalar
5 Lfenty Ene
6 siks siks
7 sja:t syät
8 weis weis
) nf 5 nökf
10 diaf dias
11 endaf fndas
12 dodaf doddas
13 Iredof Irgddas
der Stimmbaftigkeit der entsprechenden oberitalienischen, französischen oder
toskanischen Laute haben. Vgl. oben S. 190.
ı Die Transkriptionen Lutta’s, des allzu früh verstorbenen Verfassers der
ausgezeichneten Monographie über den Dialekt von Bergün (3A. 71 zur Zs.),
nach den im Besitz von Jud befindlichen Originalmaterialien.
208 KARL JABERG UND JAKOB JUD,
FRAGEN LUTTA ıgı1— 1914 SCHEUERMEIER 1920
14 katsırdaf, kats:ardf[ kalgardas
15 kendaf kenda$
16 sedaf seddas
17 di/sja:t dıssyal
18 dizwäls dısw ets
19 diznakf diängkf
20 venis venIs
2ı dreifsig br ent? Ir gnla
22 der Kopf ı? Iyo: 2 cö z
23 die Haare is tyavells sets cavelis
24 das Ohr lure:b lurfta
25 das Auge Pt en ü,
26 der Mund bötya la bdca
27 die Zunge b Handy», dandy? la tänga
28 das Zahnfleisch dsindadg v2 la fingegva
29 der Hals kutels ıl kuldis
30 der Rücken dis ıl dias
3ı der Bauch ventor ı? ventar
32 das Herz ko:r ıl kör
33 Januar zne:r Sner
34 April zuret avrtt
35 Mai me:Is mels
36 August Avuafı awuast
37 Oktober ulscwar okidbar
38 der erste Tag tyalßndo exlönda
des Monats
39 die Woche le:um I funa
40 Sonntag dumändy3 dumfiga
4ı Montag tendaydat tendaide, cort. den-
daädze
42 Dienstag ma:rde ; märde
43 Mittwoch mjadze:vn? mjälseuna
44 Donnerstag deiwvdy? detavga
45 Freitag vendardae vendardz?
46 Samstag sInd? spnda
47 gestern far tar
48 heute als pls
49 morgen daman damdn
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 209
Der Vergleich ergibt fast in der Hälfte der Notierungen volle
Übereinstimmung. Dafs Lutta wie Sch. in Zürich studiert und wie
alle gebildeten Bündner Romanen stark auf deutsche Artikulation
eingestellt ist, sowie dafs es sich hier nur um Wortfragen handelt,
erklärt das relativ günstige Resultat. Manche Abweichungen fallen
dem Gewährsmann zur Last: so 37 der Germanismus pkröbar in
der Aufnahme von Sch. gegenüber Lu. u/sdwar. Die dem Schweizer-
deutschen sich nähernde bündnerrom. Artikulation der stimmhaften
Laute erklärt Abweichungen wie 18 diyweis — dıswe Is, 33 zner —
Infr, 43 mjadse:una — mjälstuna (vgl. übrigens Lutta, Bergüu $ 135).
Dafs velares » schwer warzunehmen ist und sich #4 nähert, teilt
Sch. in seinen phonetischen Bemerkungen mit; nach Lutta kon-
kurrieren die beiden Laute; daher die abweichenden Notierungen
in 1, 5, 20, 27, an welch letzterem Orte die doppelte Notierung
von Lu. charakteristisch is. In 8 weis wird Sch. das zweite
Element des Diphthongs genauer wiedergeben als Lu. Ja. hat die
Verdumpfung dieses Elementes in dem benachbarten Stuls beobachtet.
Man vergleiche übrigens die Beschreibung des entsprechenden
bergünischen Lautes bei Lutta, Der Dialekt von Bergün S. 39.
6. Grimentz (Vald’Anniviers— Wallis). Zwei in verschiedenen
Sprachgebieten aufgewachsene Forscher (der Neuenburger Jean-
jaquet und Gauchat, der aus einer in Bern niedergelassenen
westschweizerischen Familie stammt) nehmen dieselbe Mundart mit
demselben Gewährsmann gleichzeitig auf. Ein dritter Forscher
(Jaberg) hört ı2 Jahre später an demselben Orte zwei andere
Gewährsleute ab.
Die Materialien von Jeanjaquet und Gauchat entstammen den
Tabl. phon. und sind mit den dort giltigen Ordnungsnummern ver-
sehen. Die Formen von Jaberg mulsten, soweit sie nicht isoliert
gefragt wurden, andern syntaktischen Zusammenhängen entnommen
werden als diejenigen von Gauchat und Jeanjaquet. Bei den
letzteren ist der syntaktische Zusammenhang aus den angeführten
Fragen zu ersehen; für Ja. wird er durch Punkte angedeutet und
teilweise in der Anmerkung wiedergegeben. Vollständig sind die
Materialien bei Ja. nur für das erste Sujet (Frau Rouvenez); das
zweite, aus dem benachbarten Painsec stammende Sujet, Herr
Vouardoux, wurde nur zur Kontrolle beigezogen. Die von ihm
herrührenden Formen sind mit * bezeichnet.
Das Transkriptionssystem von Gauchat und Jeanjaquet ist das
des ALF, wozu folgende Ergänzungen zu beachten sind (vgl. Zadz.
Phon. S. 1): „4, & t) 6,U, u —=a,2d,1,0,u,u de timbre imprecis,
tendant plus ou moins vers dou & == velares / (/ des Polnischen).
= palatalisiertes &. Eingeklammerte Vokalzeichen bedeuten bei
Ja. geflüsterte Vokale, bei Gauch. und Jeanj. satzphonetische
Varianten.
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII. 14
210
FRAGEN
ı I fait
(chaud)
3 aujourd’
hui.
6 (un bon)
temps
ı8 (Il faisait)
froid.
31 ..lalune
32 les £&toiles
37 (Au) mois
38 (de)fevrier
40 (ilya) de
la neige,
41 (de la)
glace.
50 1 faut
51 suivre
52 le sentier..
65 La rive
66 est &troite.
8ı Le mur
82 est com-
mence.
87 Le boeuf
88 a des
cornes.
89 L’echelle..
92 ..le falte
ı I fait froid.
KARL JABERG UND JAKOB JUD,
JEANJAQUET
1905
1 JE
vweikg
ven
Fri
la una
117) Esiie
mi
tor!
de nekX
eyurt
I Isımindt
h rt va
22 fhrin
l mük
l& kömesyd
JE baulyd
la de körne
/ & sye la
la fresa
2 .. s’il faisait beau temps.
® Gauchat und Jeanjaquet haben die Akkusativ-, Jaberg die Nominativ-
form.
4 I] neige ("il donne de la neige’).
5 s ist unsicher gehört.
° Il faut savoir bien nager.
? Leur cuisine est trop £troite,
GAUCHAT
1905
id.
id.
IE!
id.
la Ipna
1öj dsıle
mt
id.
de ndk
id.
id.
evurd
Iscmen8t
rıgva
L&s) ehrise
li mük
LE kömesyd
bauleyd
la de körne
/ Isyfia
ld.
JABERG
1917
iJe Uri), ‘fo
Uri)!
we£
.68.d?
../ri, *fri
5 Iünna?>
le£ edtle
mi
Jevrt
3 dong de nek!
la lläs>, *4 las
konig.., *fa..®
Sürre
Ispmingl
la rjgva
.. ghrit?
.. MUR
..komäadya ..,
*komäsyd ..®
lo büls‘ *byis?
ig köwrne, "le
köWwrn?
ledigıa?
la fröyda, la
/rtda
Vouardoux gibt die Nominativform,
8 $ von Frau Rouvinez ist ein individueller Sprachtehler.
® In anderem Zusammenhang.
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. ZII
FRAGEN
93 du toit.
94 II ferme
95 la fenetre
96 de la
chambre.
97 Il balaie
98 devant
99 la porte
100 de la
grange.
ı02 (On a)
perdu
103 la clef
104 du
clocher.
105 Elle est
106 perdue.
109 Je vais
110 au marche
ııı chercher
ıı2 une pelle,
ı13 (une) faux,
114 (un) man-
che de faux.
115... (un)
fleau.
ı16 (un) van,
1 Je toit.
JEANJAQUET
1905
du Hi
ı k[öW
la fenöhru
U pild
21 &hoUuvd
Jevan
la pörta
de la gräze
perdak
la kja
da kjösye
IE
perdwäye
yo vd
U 3
o marleyä
Isörkä
dina päala
fese
Juksye
hjeye
vän
% chauffer la chambre.
8 ]JI s’agenouillerait devant elle.
% Vous &tes perdu.
5 S, oben S. 210, Anm. 8.
® je vais acheter....
T C’est bon marche.
8 Courez chercher tout-de-suite ceci et cela.
GAUCHAT
1905
au 1
id.
Sinthra
da pild
1 ehölive
id.
id.
id.
id.
kja
id.
id.
perdwayE
id.
u märtey?t
Iserka
dna pala
Ses(e)
[uksy?
id.
JABERG
1917
lo #1
un
Ja feneyhra
.. 19 pille?
ehövg, *ehdwug
...dgvd ..3,
*,. dgvan ...>
la pörta; *u
pöwrla
la gräs, gräs
...pgrdgk
la klä
Ip kipdye;
"klosye?
die
Berduay
ıo ve, *ıo ve „.®
..marteya!
.. Rerik, *herik,
*iserka®
la päla
la 89, "fs
lo fuksig,
"fuksyg
lo xleyi, xieye,
*] eileyg£ oder
*/j Aleye
/g van
14*
212
FRAGEN
117 (une)
chaudiere,
ı18 (une)
charrue,
119 (une)cuve,
ı20 (un) p£&-
trin,
124 (un) lit,
126 (un) cou-
teau,
127 (des) ci-
seaux,
ı28 (un)
miroir,
130 (une) cou-
ronne.
164 battre en
grange
ı65 moudre
166 le bie.
167 garder
168 les b£tes.
187 Le foin
188 est sec.
2ıg (de la)
viande
220 crue.
236 L’eau
KARL JABERG UND JAKOB JUD,
JEANJAQUET
1905
Isugdire
Isäru ye
löna
mä
hükse
kusı?
föWee
meryö%
körönu
&hötre
mudr?
/ö bla
qwärdä
IE besye
1e Jen
lE echX
Isci
krwä
2 Aue
GAUCHAT
1905
Isugdird
id. voyelle to-
nique entre %
et 0.
id.
id.
vwardä
id.
JABERG
1917
la Isygdirz
la Isarrüy,
*sarrüyl
la tina, *ljnna
la mgy, *mgy
la küks
lo kuktt,
*kuklt)
le Joste), *fowse !
.. mir,
Imjrjgw
korfna ..
ehör?, *ehdurr?
müdre
*/n bla
wärda, *wardä
.. de bfihye,
*.beyhyg? —
le behye . „,
.. bedie
I fer *..
Je?
seh, "Seh
Ise
krud
1 Ew?..*
*] vw .., -Erol?)
ı Eingeklammert sind hier die schwach wahrnehmbaren, geflüsterten Vokale.
2 Les b&tes cı@vent ..
3 ,. les foins.
4 Peau fraiche,
u”
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPK.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 213
FRAGEN JEANJAQUET GAUCHAT JABERG
1905 1905 1917
237 (est) claire. Ajära klära ...klära!
402 Main- öra id. gra.. *uyra..
tenant
403 je suis yö eikt wärıkk yö eik vwärıg warijk
gueri,
404 gu£rie. wärlkea vwärlkea werfkl, corr.
warfkl, *wa-
riktl
Die Mundart von Grimentz gehört zu jenen ungemein schwer
zu erfassenden Walliser Mundarten, von denen Gauchat in der
Vorrede der 7ad/. phon. S. XI schreibt: „Les patois valaisans, avec
leur vocalisme tr&s flottant et abondant en nuances mixtes, leurs
consonnes instables et souvent bizarres, leur vie intense, leur variete
surprenante, ont &te les plus difficiles & saisir.“ ... „En Valais,
laspect linguistique est si original et nouveau qu’il est capable de
derouter le philologue le plus experimente.“ Der beste Kenner
der Walliser Mundarten ist Jeanjaquet. Gauchat war im Jahre 1905
mit ihnen noch nicht näher vertraut; doch fiel die Aufnahme in
Grimentz an das Ende einer mehrwöchigen Dialektreise im Wallis,
Ja. hörte 1917 zum ersten Male romanische Oberwalliser Mund-
arten, kannte aber die verwandten Mundarten des Ormonttals.
Auffällig sind zunächst die Unterschiede zwischen Frau Rou-
venez (R.) und Herrn Vuardoux (V.), die nicht etwa dem Umstande
zuzuschreiben sind, dafs V. aus Painsec stammt, sondern die auf
dem verschiedenen Sprechtempo beruhen: R. spricht natürlich, V.
(Lehrer) forciert die Artikulation. Das äulsert sich deutlich in der
Aussprache der unbetonten Endvokale e und z, die bei R. schwächer
erscheinen als bei V. (236), geflüstert werden (127, 236) oder ganz
schwinden (118, 404). Die Aussprache des Gewährsmannes von
Gauchat und Jeanjaquet (M. = Monnier) nähert sich in dieser
Beziehung eher derjenigen von V. als derjenigen von R., wie man
aus dem Vergleich von 41, 100, 106, ı13 und 124 ersieht, wo
2. T. sogar sowohl R. als auch V. im Gegensatz zu M. den Auslaut
fallen lassen. Dafs auch Gegenbeispiele vorkommen, wird bei der
Labilität dieser vokalischen Elemente nicht verwundern.
Deutlich erkennbar ist bei Jeanjaquet und Gauchat der Vor-
zug eines Transkriptionssystems, das auf die Walliser Mundarten
mit ihren schlaff artikulierten verklingenden Vokalen abgestimmt ist.
Betontes £ und 9 neigen zur Diphthongierung. Es stimmt
der überdeutlichen Aussprache von V., dafs bei ihm die Di-
Tynonge viel häufiger auftreten als bei R. (1, 97, 99, 109, 126,
® une nuit claire.
214 KARL JABERG UND JAKOB JUD,
127, 128, 164, 236). M. stimmt wie zu erwarten besser zu V.
als zu R.
Der Gegensatz 65 ri'val (Jeanjaquet), rigva (Gauchat und
Ja.) stimmt zu Beobachtungen, die Ja. auch sonst gemacht hat: das
parasitische g resp. % ist wie in Bündner Mundarten (vgl. Lutta,
Bergün S. 313 ff.) labil. So findet sich in den Materialien von ]Ja.:
lo bigr’ „le beurre*, aber burg rd? „beurre rance* in der Aus-
sprache von R., dagegen dygrp rä$° bei V.; ıo pyuy pa Ip Ig dpmä
„je ne puis pas te le donner“ bei R. und V., aber isoliert
pwiß etc.
Wenn es sich in all diesen Fällen wohl vorwiegend um
Ausspracheschwankungen handelt, so werden sich die folgenden
Notierungsunterschiede, z. T. wenigstens, eher durch Perzeptions-
schwankungen erklären.
Die Längung der intervokalen Liquidae hat Ja. häufiger notiert
als Gauchat und Jeanjaquet (31, 41, 51, 96, 118, 119, 164), und
zwar hauptsächlich bei V.: auch hier verrät sich die emphatische
Aussprache des letztern. Jeanjaquet notiert diese Längung nie (vgl.
oben S. ıgı), Gauchat nur vereinzelt (89, 112).
Die Palatalisierung von auslautendem % nach palatalen Vokalen
hat Ja. bei V. stets deutlich wahrgenommen (40, 188); dagegen
entging sie ihm bei der flüchtigen Aussprache von R. wiederbolt
(188, 403). A£ (Jeanj.), Z (Gauchat) und £ (Ja.) sind verschiedene
Graphien für denselben Laut.
Bei den Nasalvokalen (6, 82, 98, 100, 116, 187) scheinen
die Perzeptionsunterschiede wohl gröfser, als sie in Wirklichkeit
sind. Ja. hört den Timbre von ? offener als Jeanjaquet und Gauchat
und notiert daher &. Den gutturalen Nachklang des Nasalvokals
hat er wohl wahrgenommen, aber nicht notiert. Immerhin scheint
Ja. 98 dpa und 187 /? beim ersten Abfragen verhört und erst
beim zweiten Gewährsmann richtig erfalst zu haben. Zweifelhaft ist
37 mi (Jeanj. und Ja.) gegenüber m? (Gauch.). Das auslautende nr
hat nur Ja. als stimmlos verzeichnet, eine Eigentümlichkeit, die ihm
schon bei bündnerischen und bei benachbarten alpinen italienischen
Mundarten aufgefallen war.
Eine gewisse Unsicherheit bei der Wahrnehmung der dentalen
und palatalen Spiranten und Semiexplosiven vermerkt Ja. in seinen
phonetischen Notizen zu Grimentz ausdrücklich. Man vergleiche
die auch bei Gauchat und Jeanj. nicht stets übereinstimmenden
Schreibungen (87, 110); doch liegen hier höchstwahrscheinlich auch
objektive Schwankungen vor.
Am stärksten subjektiv bedingt scheint die Einschätzung der
Vokallängen; am meisten gelängte Vokale notiert Ja.; dann folgt
Gauchat, und zuletzt kommt Jeanj. Hier scheint der Unterschied
zwischen Deutschschweizer und Welschschweizer zum Ausdruck zu
ı Der Punkt deutet hier wohl eine Pause an. Ähnliches in Bündner
Mundarten, z. B. in Somvix.
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 21 5
kommen (vgl. Gauchat, Tabl. phon. XVIf.).. Wir wagen nicht zu
entscheiden, ob die Deutschschweizer unter autosuggestivem Einflufs
hier eigene Artikulationsgewohnheiten auf einen fremden Dialekt
übertrugen oder ob der Westschweizer ein für Vokallängung weniger
empfindliches Ohr hat.
7. Castelfondo (Nonsberg). Zwei Forscher (v. Ettmayer
und Scheuermeier) verschiedener Nationalität nehmen zu ver-
schiedenen Zeiten mit verschiedenen Gewährsleuten dieselbe Mundart
auf. Beide haben zwar das Deutsche als Muttersprache, aber be-
sitzen als Österreicher und Schweizer verschiedene Artikulations-
gewohnheiten.
Die Materialien von Ettmayer sind seiner Arbeit über Zom-
bardisch- Ladinisches aus Südtirol, Ro. Fo. XIII (1901) entnommen.
Vgl. speziell S. 4ı4fl., 483 ff, 500 und 506. Ettmayer sammelte,
wohl im wesentlichen mit Einstellung auf die schematisierende
Methode, Material für lautliche Untersuchungen. Immerhin gibt er,
gerade für Castelfondo, recht häufig Doppelformen. Er hat die
Wörter isoliert abgefragt (nach lautlichen Serien?), während die
Vergleichsmaterialien von Sch. vielfach aus syntaktischen Zusammen-
hängen losgelöst sind. Zum Verständnis der bei den Vokalen fein
differenzierten Transkriptionen von Ettmayer halte man gegenwärtig
(vgl. S. 337): a velar; @ zwischen a und d; e velares mitteltoniges e;
& unbetontes velares e (frz. e muet); ? zwischen e und g und > (die
Erklärung der Bedeutung des letztern Zeichens sucht man an der
angegebenen Stelle umsonst); & zwischen 2 und a; «@ = unbetontes
a (zwischen a und 2), also wohl mit der Transkription des AIS
übereinstimmend. Zu unbetontem eo und u vgl. S. 543: „Un-
betontes x und 2 ist nicht ganz rein velar und schliefst sich mithin
den unbetonten Vokalen «a, £ö, & an; 0 nähert sich hierbei stets
dem geschlossenen 0.* $ zwischen s und 9 (meist postdental).
Neben die Transkriptionen von Ettmayer und Scheuermeier
stelle ich, soweit sie vorliegen, diejenigen des einheimischen Forschers
Battisti in seiner Arbeit über die Nonsberger Mundart! und die
von Ascoli im Arch. glott. 1, 327 fl, trotzdem sie sich nicht auf
Castelfondo beziehen. Ascoli hat in dem etwa eine Wegstunde
von Castelfondo entfernten Fondo gesammelt, und auf diesen Ort
werden sich wohl auch die nichtlokalisierten Angaben von Battisti
beziehen. Man vergleiche die Äufserungen von Ettmayer, Zs. 33
(1909), 598ff. über das Verhältnis seiner Transkription zu der
Battistis.
ı Sitsungsber. der Kais. Akademie der Wiss. in Wien. Philos.-Hist. Kl.
160. Band, 3. Abhandlung (1908).
PR ww N m
216
FRAGEN
neve
vedova
pero
domenica
sera
stella
cena
pieno
femmina
sete
tre
vendemmia
freddo
dito
venti
trenta
minestra
vedo
legno
selva
orecchio
cenere
lingua
piede pl.
dietro
ieri
febbre
fiele
ı Datum der Publikation der Saggi ladıni.
KARL JABERG UND JAKUB JUD,
ETTMAYER
1901
neu
vedoa
per
damendja
sera (über-
geschloss. e)
$tela
$ena,1$end(über-
geschloss. e)
plen
Jemna
se
frei
vendema, Ten-
demia
frei
de (über-
geschloss. e)
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Irenta, Iranid
man gäira
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len
$elva
rekla
sender 3
lenga
pers pi
NY 74
alızrı
fizver®
fiel
% Schreibfehler ?
3 Ist statt 6, € zu lesen? Die Zeichen sind bei Ettm. oft
gedruckt.
SCHEUERMEIER
1921
new ..
vfdpa
vgl... P£ri‘pere’
domfra, lang-
sam domen£a
sera
vgl. de steige pl.
efna
plfn
.. [fmma ..?
.. st
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vendgma
..fret
di
vinth
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..mengsira
old
.. fen
selva
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lenga
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dadre (a l’ar-
mär)
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..SyEwer
frel
BATTIsTtı
1908
neu
per
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serä
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plen
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Iret
vandema
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ASCOLI
1873!
neu
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Cena
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N 4
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Irentä (im Re-
gister e)
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len
seclvä
reklä
cender
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PP; 12131
drid
aber;
figver
Il
vedi
veclt
dender |
pe, pıdı
aljeri
schlecht aus-
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 217
FRAGEN ETTMAYER SCHEUERMEIER BATTISTI ASCOLI
| 1901 1921 1908 18731
: 29 lepre higver? .. bykvar Jjever hievr pl. lieuri
30 pecora bi213a by£ca 3 bieeäa bieca
‚31 *gebia djeba gfba gjebä
'Nebel’ |
32 dieci dio! dıfs dies dies
33 chiesa gliia, seltener glfzia, Frau: glirziä glesia (Revö)
| gluäia glvfzia
34 sei Sie syey 0773
55 letto let ..det det
;6 bene ben, ben „ben (kt), ..ben ben ben
j rikuräada, ..bgn
(Pausa), ..dgn
(Pausa)
37 viene vejn. van ven ven
38 tenero Iender, tender . . lendar Iender
39 vengo veni ven‘ ven
40 uccello auisal, autsel ..awel.. quegl
41 bello bal, bel bel bel
42 fratelli Jradızı ..Sradigy vgl. fradel
‚3 vecchio vetyel .vgwyel.. vohjel vecel
Die Mundart von Castelfondo gehört im Gegensatz zu der-
jenigen von Grimentz einer Dialektgruppe an, die stark von aufsen
beeinflufst ist. Das erkennt man in den vorgelegten Materialien
an Doppelformen von Ettmayer wie 7 sSena, #!end; 12 vendema,
vendemia; 33 gläia, glisZia (Sch. analog), vielleicht auch 16 /renta,
Irantä und an Unterschieden wie 17 Ettm. mangfira — Sch. me-
nestra;5 22 Sender — dinder.® Vielleicht gehört hierher auch der
auffällige Unterschied in der Notierung des Diphthongs von E in
24ff, den Ettm. mit 7, Sch. mit yg oder yg wiedergibt. Aus den
Materialien von Ettm. selbst und aus Battisti, Die Nonsberger
Mundart 37 und S. 29, Anm. ı geht hervor, dafs yg und ye die
verbreitetsten hochnonsbergischen Lautungen sind. In Castelfondo
lautet der Diphthong nach Battisti ;£.
! Datum der Publikation der Sargı ladıni.
% pl. Zöveri und Auri
® Vgl. pl... dyece, langsam byfce.
* Wohl Schreibfehler für veAi.
5 Vgl. dazu Battisti 79: „In nicht direktem Anlaut ist der Wandel e, :>a
sehr häufig“. Unter den Beispielen findet man mänestra und VINDEMIA
vandgmä, von denen das erste bei Ettmayer im Nonsberg fast durehwegs 2, e, &,
das letztere ausschliefslich e-Laute aufweist.
® Vgl. dazu Battisti S. 135 über Doppelformen mit ce und g (= von
Ettmayer).
218 KARL JABERG UND JAKOB JUN, TRANSKRIPTIONSVERFAHREN ETC.
Im übrigen ist eine Beurteilung der Unterschiede zwischen
Scheuermeier und Ettmayer gerade bei den Schattierungen von e sehr
schwierig, da es ohne Kenntnis der in Frage stehenden Mundarten
kaum möglich ist, sich ein zutreffendes Bild von den Werten der
Transkriptionszeichen von Ettmayer zu machen. Festgestellt sei:
Ettmayer schreibt wiederholt &, wo Sch. £ (19, 22, 23) hat. Dazu sind
bei Ettm. selbst die Doppelformen den, ben (36) und Zender, tender (38)
zu halten. Batt. schreibt S. 36 f. ohne zu lokalisieren /eR, dender, leyga.
Man beachte im weitern die Unterschiede oder nur partiellen Über-
einstimmungen von Sch. und Ettm. unter 16, 36, 37, 40, 41, 43.
Das etwas velar klingende g, dals Ettm. für den Auslaut an-
gibt, stimmt zu dem a von Sch.; doch verzeichnet dieser gelegentlich
eine etwas schlaffe Aussprache (@ in 4, 5, 7, 17); in zwei Fällen
entspricht Sch.’s unbetontes @ einem unbetonten 2 von Ettm. (29, 38),
während Sch. in 22 d/nder und 27 /yfwer gegenüber Send/r und
fizver von Ettmayer (wo wohl £ für Öö verdruckt ist), eine nach-
drücklichere Aussprache festhält. Battisti schreibt hier -er.
Im Konsonantismus gehen auseinander 27 Ettm. fA70Cr (Baut.
Sigver) Sch. Syewer,! 26 Ettm. alıarı (Batt. Aljer;)) — Sch. affri.?
— Bei dj—g (4, 31) handelt es sich blofs um einen graphischen
Unterschied; doch beachte man unter 4 bei Sch. die Schnellsprech-
form domgia und 43 vfyygl gegenüber Ettm. »e/yei.3
Um eine verschiedene Auffassung des phonetischen Grund-
mafses handelt es sich offensichtlich, wenn Sch. und Battisti mit s
wiedergeben, was Ettm. $ schreibt. Entsprechend Sch. £ (= 4) —
Ettm. /% (7. 30). Nach Ettm. S. 338 bedeutet $ palatalisiertes s mit
Lippenrundung (it. sc‘), s palatalisiertes s ohne Lippenrundung
(dtsch. -sch). Das charakteristische venetische s und 3, das in
unserer Transkription zwischen $ und s, Z und z liegt (vgl. Battisti
$ ı51) scheint Ettm. nicht zu unterscheiden.
Auffällig ist, dafs im allgemeinen die Transkription von Sch.
derjenigen von Battisti näher steht als derjenigen von Ettmayer,
trotzdem der erstere nicht speziell die Formen von Castelfondo
gibt. Es wird sich das dadurch erklären, dafs einerseits Ettmayer
stärker differenziert als Battisti und Sch., andrerseits die Tran-
skriptionssysteme der beiden letztern wenig voneinander abweichen.
Die Ascoli’sche stimmt als die am wenigsten differenzierte am
genauesten zu der Battisti’schen Transkription.
KARL JABERG und JAKOB JUD.
ı Man vergleiche Batt. S. 30 /z£ ver — fieurä (Dambel) — fieur> pl.
2 Sch. bemerkt: „? und Zy schwer auseinander zu halten: Lafär, korr.
Calyar“ (vgl. Batiisti S. 89).
8 Es handelt sich bier, wie man aus den Bemerkungen Scheuermeiers
zu dieser Aufnahme ersieht, nicht etwa um ein Versehen. Sch., dem bünd-
nerisches € durchaus vertraut ist, hat nonsbergisches £ bei seinem Gewährsmann
je nach der Stellung in Wort und Satz als einen sehr variablen Laut empfunden,
den er mit verschiedenen Zeichen wiedergibt. ze&al notiert er in erein-
stimmung mit Ettm. als die Form eines 80jährigen Mannes.
Studium der Lautgewohnheiten und Erkenntnis,
Im vergangenen Jahrhundert war das Studium der Lautgewohn-
heiten der Beginn einer vertieften Kenntnis irgendeiner Sprach-
wissenschaft.
Die grofse Regelmäfsigkeit der Lautentwicklung machte sie
zur Basis einer jeden Sprachbetrachtung. Man sprach von Zauf-
geselzen. Erklärte die Entwicklung der Formenlehre teils als Wirkung
dieser Lautgesetze, teils als rationale Folge des Bestrebens dem
irrationalen Wirken der Lautgesetze auszuweichen,
Die erste grofse Revolution in diesem Kapitel der Sprach-
geschichte war die Entdeckung von Schuchardt, dafs auf dem
Gebiete der Mundarten die Abweichungen von diesen Gesetzen
zu zahlreich wären, um weiterhin von Geselzen zu sprechen. In
dem Streite mit Thomas, der mit geringer Einsicht für die autori-
tative Meinung von G. Paris eingetreten war, prägte Schuchardt
die vortreffliche Formel:
„Lautgesetze werden nicht unter Donner und Blitz verkündet. —
Es war dies, verehrter Meister, für Sie und mich ein Ansporn, nur
um so tiefer dem Wesen jener „Gleichmäfsigkeiten* in der Sprach-
entwicklung nachzuspüren, welche man früher fälschlich Zausgesetze
nannte, die allerdings sicher etwas anderes sind, als eben Gesetze
im Sinne von „Naturgesetzen“.
Anders eine Gruppe von Fachgenossen, welche auf der einen
Seite aus dem Schuchardtschen Satze nur die Negation verstanden,
auf der anderen Seite aber sich durch die s/arren Laufgesetze, wie
sie sie nannten, in ihrer etymologisierenden oder ästhetisierenden
Bewegungsfreiheit geniert fühlten. Für diese war die Schuchardtsche
Entdeckung ein Freibrief sich ohne Studium der Lautgewohnheiten
an Sprachstudium und Sprachbewertung zu machen.
Die Möglichkeit eıner Sprachwissenschaft ohne Lautlehre suchte
vor allem Vossler in Positivismus und Idealismus in der Sprach-
wissenschaft (1904) mit den Worten zu erweisen:
„Wie die Gliederung in Laut-, Flexions- und Satzlehre
zustande gekommen ist, dürfte kein Geheimnis sein. Durch
Zerkleinerung, durch mechanische Teilung. Man wollte die
“ Sprache nicht in ihrem Werden, sondern in ihrem Zustand
kennen lernen. Man betrachte sie als etwas Gegebenes und
220 LEO JORDAN,
fertig Vorliegendes: also positivistisch.1 Man anatomierte sie.
Die lebendige Rede ward in Sätze, Satzglieder, Worte und
Laute zerlegt. Einen Organismus kann man zerstören, aber
nicht in seine Teile zerlegen“ (S. 8).
Das Vosslersche Programm war also und ist, Sprache sei
eine Sammlung von Ganzheiten, die man nur als Ganzheiten fassen
könne. Nun kann man unzerlegte Ganzheiten zwar nicht rational
erfassen, wohl aber geniefsen und werten?:
„so kann die Geschichte der sprachlichen Entwicklung
nichts anderes sein, als die Geschichte der geistigen Aus-
drucksformen, als Kunstgeschichte im weitesten Verstande des
Wortes. Grammatik ist ein Teil der Stil und Literaturgeschichte,
die ihrerseits wieder in die allgemeine menschliche Geistes-
und Freiheitsgeschichte (Kulturgeschichte) eingeht“ (S. ı 1, 12).
Die grundlegenden Irrtümer dieser Auffassung sind nun die
folgenden: Wenn man Ganzheiten oder Individuen betrachtet,
kommt man nicht über sie hinaus. Denn jede Ganzheit ist für
sich bestehend und ein Einmaliges. Vom Einmaligen als solchem
aber kann es natürlich keine Wissenschaft geben. Das gilt aber
nur für die Ganzheit, für das Individuum. Sobald man das
Individum analysiert, kommt man zu Abhängigkeiten, also auch zu
Klassen und Ordnungen, also zu Wissenschaft:
Denn was man ist, das blieb man andren. schuldig.
Will man also wirklich Geschichte treiben, will man Prozesse fassen,
so darf man die Objekte bei Leibe nicht als unzerlegbare „Individuen*,
als „Ganzheiten“ fassen, sondern man muls im Gegenteil in sie
hinein schauen. Jede Ganzheit, jedes Individuum besteht aus
Abhängigkeiten einerseits, und aus Eigenem, Individuellem anderer-
seits. Nur durch Analyse, nur durch Zergliederung der Merkmale
kann man das Eigene und das Abhängige erkennen, unterscheiden.
Und so macht der Vosslersche Vorwurf gegen Sprachzerglie-
derung: „Sie mache Prozesse zu Zuständen“, den Eindruck eines
Sophismas: Denn nicht, wer Sprache nach räumlichem und zeit-
I Ich brauche nicht auf das paradoxe dieses Sositivistisch aufmerksam zu
machen: Der Positivismus lehrte: Döfinir !’homme par U’humanite, stand also
dem Vosslerschen Idealismus sehr nahe. Obiges Verfahren aber ist weder
positivistisch noch idealistisch, sondern lediglich analytisch. Was Vossler und
seine Schule nicht leiden können, nennen sie Positivismus.
2 In der Tat hat Vossler in der Praxis nie auf die Analyse von Sprach-
phänomenen verzichtet. Selbst die Wertung von sprachlichen Einfällen oder
Satzgebilden ist ja ohne Zergliederung nicht möglich. Das Paradoxe dieses
Zwiespalts erhellt besonders grell aus einem der wackeligsten Essais seiner
Sprachphilosophie (1923), dem System der Grammatik: Hier will er den
Beweis von tolgendem führen: (S. 66): „In der Tat... auf Mechanismus der
Physis und Mechanismus der Psyche reduziert sich alles sprachliche Leben
wie die grammatische Methode es erfalst.“ Wir werden in diesem Aulsatze
den Gegenbeweis erbringen.
STUDIUM DER LAUTGEWOHNHEITEN UND ERKENNTNIS. 221
lichem Vorkommen, nach Laut, Form und Satz zergliedert, stabilisiert
Prozesse; — sondern wer sich vornimmt, sprachliche Dokumente als
Ganzheiten unzergliedert zu lassen. Nicht als Ganzheiten nämlich
stehen sie zur Umgebung einerseits, — andererseits zu Vergangen-
heit und Zukunft in Beziehung, sondern nur mit ihren Elementen.
Als Ganzheiten sind sie einmalig.
Wo stammt diese vernunftwidrige Zergliederungsfeindschaft
her? Aus Rousseaus und seiner Schule Liebestheorie, ihrem ex-
tatischen Selbstvergessen. Hier verbot sich Zergliederung: Gibt
‘man nicht ganz, nimmt man nicht ganz: On resie deux.
Von der Geliebten her übertrug die Folgezeit jene mystische
Vereinigung, in Liebhaberweise mit dem Gefühl verallgemeinernd,
auf jedes Objekt.
Schon Goethe-Schiller wandten der Sprachforschung ein:
Anatomieren magst du die Sprache, doch nur ihr Kadaver,
Geist und Leben entschlüpft füchtig dem groben Skalpell.
In demselben Sinne hatte der junge Goethe vor Zergliederung der
Schönheiten eines Schmetterlings gewarnt, und dem Delinquenten,
am Grau der einst so farbigen Flügel, vorgehalten:
So geht es dir, Zergliederer deiner Freuden!
In demselben Sinne hatte Goethe die Homerzergliederer getadelt:
Homer wider Homer.
Scharfsinnig habt ihr wie ihr seid,
Von aller Verehrung uns befreit,
Und wir bekannten überfrei,
Dafs Ilias nur Flickwerk sei.
Mög unser Abfall niemand kränken;
Denn Jugend weils uns zu entzünden,
Dals wir ihn lieber als Ganzes denken,
Als Ganzes freudig ihn empfinden.
Man sieht, es ist dieselbe jugendlich-künstlerische Einstellung wie
um 1900: Es ist dieselbe Einstellung, welche Becker-Bedier die
französische Volksepenanalyse bekämpfen liefsen, auch wo sie ernst-
haft auf Reimuntersuchung und Sprachzergliederung beruhte. Denn
es ging ihnen im Grunde nicht gegen „ernst“ oder „nicht ernst“,
sondern gegen Zergliederung von Ganzheiten überhaupt.
Im Namen jugendlicher Kunstbegeisterung mit dem Motto: So
geht es dir, Zergliederer deiner Freuden!
Ein Goethe allerdings reift; und wenn er die Farbzergliederung
in seiner Jugend als genufsmindernd verpönte, so griff er, als der
Erkenntnisdrang des Alternden vor den Farben nicht Halt machen
wollte, doch zum Mikroskop und schrieb die Zarbenlehre als Zer-
gliederer seiner Freuden.
‚ Die meisten Menschen allerdings bleiben auf den analyse-
feindlichen Forderungen ihres jungen Geblütes für ihr Leben stehen,
222 LEO JORDAN,
und so sehen wir heute eine Reihe von Publizisten unentwegt von
den Irrtümern ihrer Jugend zehren:
In dem Paris von Baudelaire, Mallarm& und Verlaine sich
bildend ist Bergson wohl der erste gewesen, welcher die Wissen-
schaft wie die Kunst hat orientieren wollen. Schon im Jahre 1888
sprach er in dem Zssaz sur les Donndes immddiates (S. ı3) von der
Sicherheit des senfiment estethique:
n... la plupart des &motions sont grosses de mille sensations,
sentiments ou id&es qui les penetrent: chacune d’elles est donc
un Etat unique en son genre, ind&finissable (— „unzergliederbare,
einmalige Ganzheit“) ... Pourtant l’artiste vise & nous intro-
duire dans cette &motion si riche ... et & nous faire &prouver
ce qu’il ne saurait nous faire comprendre ... Ainsi tombera
la barritrte que le temps et l’espace interposaient entre sa
conscience et la nötre.“
Also ganz im Sinne des Spätrokoko: Ne pas rester deux.
Diesen Weisungen Bergson’s schlofs sich dann sehr eng Croce
an; und wie jener die Naturwissenschaft wie Kunstgenufls zu
orientieren suchte, so orientierte dieser die Sprachwissenschaft.
Vossler führte, Croce folgend, diese Neuorientierung in Deutschland
ein. Und so kam es auf unserem Gebiete zu einer seltsamen
Blüte der Neuromantik. Diesmal kam sie aber nicht aus den
Kleinstädten und Wäldern der Schweiz oder Deutschlands, sondern
aus den Kaffeehäusern von Paris. 1
Auch in Italien hat Croce Anhänger unter den Sprachforschern.
Wie haben nun sie sich mit den Lautgewohnheiten abgefunden ?
Bertoni sagt uns das, nachdem er die etwas verschwommene
Ansicht der Neugrammatiker von der mystischen Wirkung von
Lautgesetzen kritisiert hat, folgendermalsen:
„I neolinguisti.... fanno delle ‚leggi‘ e delle ‚astrazioni‘
dei neogrammatici il conto che si deve fare d’ogni sussidio
pratico. Le considerano, cioe, quali utilissimi schemi di classi-
ficazione e non ne negano la grande commoditä, ma non
riconoscono loro nessun carattere di veritä.“
(Breviario di Neolinguistica S. 8, 9.)
Bertoni steht also auf dem Standpunkte Schuchardts: Zaufgesetze
werden nicht unter Donner und Blilz verkünde. D.h. sie sind keine
gottgewollten Regenten, welche die Schicksale der Sprache zügeln.
Aber in folgendem geht er über die mir bekannten Schuchardt-
schen Lehren hinaus, indem er nämlich schlielst: Sie sind keine
Gesetze, also haben sie nicht den Charakter von Wahr-
1 Diese Dinge sind ausführlicher dargestellt in Aunst des beprifflichen
Denkens (München, Bruckmann 1926) und in Zes Jades, leurs Rapports et
le Jugement de l’Homme (Genf, Olschki 1926).
STUDIUM DER LAUTGEWOHNHEITEN UND ERKENNTNIS. 223
heiten, sind uns nur ein Klassifikationsschema. Dieser
Schlufs ist nun vollkommen unbegründet und logisch unmöglich:
Entweder: die Lautgewohnheiten sind keine Wahrheiten, dann
dürfen wir sie auch nicht benutzen: Denn wir wollen doch zu
anderen Wahrheiten, höheren Wahrheiten gelangen. Das können
wir aber selbstverständlich nur, wenn wir unsere Grundlage auf
Wahrheit aufbauen.
Oder: die Lautgewohnheiten sind Wahrheiten, dann müssen
wir sie benutzen, wenn wir weitere Wahrheiten aus ihnen erkennen
wollen.
Wie man sieht, liegt die Schwierigkeit der Lösung von Bertonis
Paradox in dem undefinierten Worte veritd.
Wollen wir also über das Paradox hinauskommen, so müssen
wir uns darüber verständigen, was wir Wahrheit nennen.
Nun pflege ich folgendermalsen zu unterscheiden:
Wahrheit ist „eine Beziehung zwischen dem Subjekte und dem
Objekte“, zwischen „dem Betrachter und dem Betrachteten“:
Der Betrachter kann in seiner Aussage über das Betrachtete, in
Erkennen und Berichten, „wahr“ sein — das Betrachtete als solches
ist weder „wahr“ noch „unwahr“.
In diesem Sinne können also die Lautgesetze an sich gar
nicht „wahr“ oder „unwahr“ sein.
Sind sie aber in Hinsicht auf einen Betrachter „unwahr“,
dann mufs man alle Betrachter vor ihrer Verwendung dringendst
warnen.
Sind nun Lautungen und Lautveränderungen in dieser Hin-
sicht „wahr“ oder „unwahr“ ?
Das reduziert sich auf die letzte Frage: Sind sie, oder sind
sie nicht?
Anders gesagt: Was sind Lautungen und Lautveränderungen
in Wirklichkeit? — Was aber ist Wirklichkeit?
Das leider anonyme Individuum, welches dieses Wort der
Wirklichkeit ablauschte, war ein trefllicher Denker: Das Wort ist
Symbol und Definition: Wirklichkeil ist das, „was auf Betrachter
(und sonst) Wirkungen ausübt“.
Nun triumphieren Phänomenologen und Idealisten: „Also ist
Wirklichkeit nichts“, rufen sie. Sie meinen: Da wir nur unser
inneres Bild haben, ist alles Projizieren dieses Bildes nach aufsen
ein unbeweisbarer Schluss.
Mit dieser Meinung fallen nun allerdings „Wahrheit“ und
„Wirklichkeit“ zusammen. Zugleich aber werden auch „Wahrheit“
und „Unwahrheit“ ununterscheidbar: Weil ja nun phänomenologisch
unser inneres Bild die Dinge beherrscht, oder idealistisch „das
Kausalitätsprinzip in der menschlichen Vernunft ist“ (Vossler), und
nicht umgekehrt die Dinge unser inneres Bild beherrschen und
unsere Vernunft auszieht, um der Dinge Ordnungen (Kausalität, Ab-
stammung usw.) zu erkennen,
224 LEO JORDAN,
So aufgefalst ist Phäanomenologie, oder Jacalismus, oder Sol-
ıpsismus, oder wie man dies naive Dogma nennen will, ein „philo-
sophischer Karneval“, ein „umgekehrter Komment“, eine „Edgar
Poesche Gleichsetzung von Dichtung und Wahrheit“, eine „roman-
tische Konfusion von Traum und Leben“.
Wir haben drei Koordinatensysteme, um Wirklich-
keit aulserhalb von uns festzustellen:
ı. Die Prüfung des gleichen Objekts durch verschiedene
Sinne.
2. Die Prüfung dieses Objekts zu verschiedenen Zeiten.
3. Die Prüfung dieses Objekts durch verschiedene Be-
obachter.
Da jeweilig die Einheit nicht in uns ist, so muls sie
aufserhalb von uns sein. Dies ist der unwiderlegliche Grund-
satz einer jeden kritischen und forschenden Wissenschaft. In der
Sprachwissenschaft wenden wir ihn folgendermalsen an:
Wie erfassen die fremden Laute, Worte und Sätze mit dem Ohr,
wenn wir ins Terrain gehn — wir korrigieren die hier möglichen
Irrtümer durch historische Betrachtung, wobei wir mittelbare
Wirklichkeit mit dem Auge aufnehmen — und wir korrigieren
die Fehler dieser vierdimensionalen Methode durch Vergleichung
der Resultate vieler Forscher an demselben Objekte (Kritik).
Ein Muster gewissenhafter und sorgsamer Arbeit dieser Art
wird, verehrter Jubilar, Ihre Provenzalische Lautlehre bleiben: Sie
haben sie auf der genauen Kenntnis der neuen Mundarten, auf
der genauen Kenntnis des älteren Zustandes dieser Mundarten,
auf der genauen Kenntnis der verschiedenen Ansichten über die
einzelnen Probleme aufgebaut.
Ich entnehme dieser Lautlehre Ihre Aufstellung des Ergebnisses
von lat. offenem a im Provenzalischen, um meine Ansichten an
einem Beispiel zu erklären:
8 27: a: mar, chanlar, grat; part, arbre.
Man erkennt die Erhaltungskraft römischer Lautung in der Provence:
Der Laut blieb über zwei Jahrhunderte in den Grenzen der Artiku-
lation, welche wir als a vernehmen und als solches graphisch
wiedergeben.
Wenn wir aber nordfranzösisch artikulieren, so ist das Ergebnis
ein anderes:
mer, chanlter, gröt,; part, arbre.
So etwa sprach man im ıı. Jahrhundert. Das heilst, das proven-
zalisch noch einheitliche a hat sich zu einer gewissen Zeit der
Sprachgeschichte des Nordfranzösischen gespalten: In gedeckter
Silbe (far-iem, ar-bor) wurde es erhalten, in freier Silbe aber
wandelte es sich zu e. Später haben Verstummen der End-
STUDIUM DER LAUTGEWOHNHEITEN UND ERKENNTNIS. 225
konsonanten und Einsilbigkeit weitere Veränderungen .zur Folge
gehabt.
So also ein Tatbestand aus dem Gebiete der Lautentwicklung.
Nun erheben sich diesem Tatbestand gegenüber zwei Fragen,
wenn wir an unsere Einleitung denken:
Die erste ist: Sind das Wirklichkeiten? Wir können sie
nur mit ja beantworten. Es sind noch heute lautende Wirklich-
keiten. Und durch die gleichmälsige Schreibung der älteren Zeit
erschliefsen wir die gleichmälsige Wirklichkeit der älteren Zeit und
stellen Etappen ihrer Prozesse fest.
Die zweite Frage ist: Sind das mechanische Gesetze?
Diese können wir mit einem vorsichtigen Nein beantworten. Denn
Gesetze dulden keine Ausnahmen. Im Weltengeschehen ist der
Gang der Planeten auf den Bruchteil von Sekunden bestimmbar,
im Atom sind dieselben, errechenbaren Prozesse am Werk ; chemisches
Geschehen verläuft ebenso; und auch beim Wetter oder der Mischung
von Gasen ist es nur Plurikausalität, welche den Anschein erweckt,
als ob hier etwas anderes Nichtgesetzmälsiges vorläge. Das Gesetz-
mälsige liegt beim Plurikausalen in der jeweiligen Determination
durch die materiell stärkste Kraft, ist also Mechanismus.
Es ergibt sich demnach für die Lautentwicklung: Da Gesetz
immer dasselbe Resultat zeitigt, ohne Ausnahme, — die Laut-
entwicklung aber stets Ausnahmen zeigt, so ist ihr Charakter als
Gesetz in Zweifel gesetz. Es kommt also nun als zweiten Schritt
darauf an, sich über den Charakter jener Ausnahmen klar zu werden:
Sie sind in dem uns überlieferten Woıtschatz des Altfranzö-
sischen in der Minderzahl gegenüber den gleichmälsig entwickelten
Fällen: Aufser den oben genannten mer, chanter, gr& wandelten
noch lat. Ton-a zu £ im Zentralnordfranzösischen:
Irds, sel, söve, feve, nef, pre nes, enfler, clair, alle, mortel,
fövre, pere und zahllose Formen der Konjugation.
Und dieser imponierenden Gleichmälsigkeit entziehen sich nur
Worte wie:
chandelabre, pape, diable, dat, table.
Das sind also Worte von Geistlichen, Juristen, gehobenen Ständen,
Lesern. Ihre Ungleichmäfsigkeit mit der nationalen Lautung (Aus-
nahme) liegt also nicht an der besonderen lautlichen Verfassung
der Worte, sondern an der begrifflichen, welche. diese
Worte auf gehobene Stände beschränkt.
D.h. das Ausnehmende ist nicht etwas Lautliches, sondern
etwas Gesellschaftliches. Ein engerer Kreis innerhalb der
gıofsen Sprachgemeinschaft, eine cäque, ein Älüngel, wie man am
Rhein sagt, braucht diese Worte, bestimmt ihre Lautung.
Innerhalb dieser Clique sind diese Ungleichmäfsigkeiten eine
engere Gleichmälsigkeit: Reste einer älteren gröfseren, ja fast totalen
Gleichmäfsigkeit: Des lat. Ton-a nämlich.
Zeitschr. I. rom. Phil. XLVU. 15
226 LEO JORDAN,
Das zeigt nun den eigentlichen Charakter aller Gleichmäfsigkeit
in Lautung und Lautveränderung:
Die Gleichmäfsigkeit liegt nicht in den Lauten, denn der
Laut ist ja kein Organismus. Er ist an sich „eine Zustands-
veränderung der Luft“; in der Absicht eines Sprechenden
die „Verdeutlichung irgendeines Gemeinten“.
Sie liegt aber auch nicht im Einzelnen: Denn der Einzelne
würde als solcher nur Einmaliges liefern; das ist aber das Gegenteil
von Gleichmäfsigkeit. Sie liegt auch nicht in der Gesellschaft
als solcher. Denn es ist nicht einzusehen warum die Gesellschaft
als Individuum dazu käme zu verändern.
Sie liegt also an der Wechselwirkung der Einzelnen
auf die Gesellschaft und der Gesellschaft auf die Einzelnen.
Prozesse, welche man nicht psychologisch oder soziologisch
fassen kann, ohne zu Irrtümern zu gelangen, welche man also
psychosoziologisch fassen mufs. Prozesse, welche aus unan-
schaulichen Einflüssen in Individuen, deren mehr oder weniger
bewulsten Verarbeitung und Ausflüssen aus diesen Individuen in
andere bestehen.
Prozesse, welche stets und immer hauptsächlich durch Worte,
durch Sprache vermittelt werden, welche also vornehmlich der
Sprachforscher wird fassen und für die Erkenntnis nutzbar machen
können.
Prozesse, bei denen der unbewulsteste Teil die Lautung ist:
Denn um so geringer psychologisch das Bewulstsein, um so gröfser
ist die soziologische Gleichmäfsigkeit. Und um so grölser der Grad
des Bewulstseins ist, um so näher steht die Leistung dem Einmaligen.
Prozesse, welche also nicht nur die Basis sprachwissenschaft-
lichen Erkennens bilden müssen, sondern auch dem Psychosoziologen
als Basis dienen sollten.
Hierüber ist nun experimentell folgendes erkannt worden: Bei
einzelnen meist der Jugend angehörigen Individuen und bei einzelnen
Worten wird die Lautveränderung zuerst vernommen; dann folgen
andere Individuen, und der lautlich zusammengehörige Wortschatz
vervollständigt sich; oder aber die fortgeschrittene Gruppe findet
keine Nachahmung und kehrt zur Hauptgruppe zurück. Das nennen
wir Zinguistische Regression.
Das sind also keine Gesetze wie sie Wetter oder Gas-
mischung beherrschen: Denn es steht der Plurikausalität
des Angebots durch revolutionäre Individuen die WAHL
durch andere Individuen gegenüber. Die Entscheidung fällt
nicht innerhalb der Verursacher, sondern innerhalb der Wirkungs-
empfänger, ist also „nichtmechanisch*“,
Es sind also Regeln, oder Gewohnheiten, welche sich Gruppen,
vorbildlichen Individuen oder Ständen folgend, geben, von denen
andere Individuen und andere Stände hinwiederum abweichen.
Sie sind bestimmt durch Nachahmung nach der einen Seite,
durch Nichtnachahmung nach der anderen Seite.
STUDIUM DER LAUTGEWOHNHEITEN UND ERKENNTNIS. 227
Und sind hervorgerufen durch Sucht, Vergnügen oder Interesse
Einzelner an der Veränderung, durch den Gegensatz zu der älteren
Generation, durch individuellen Geschmack, wie jede Mode:
Das ist der Laut, das ist die Welt,
Dafs eins ums andere gefällt.
Die Gröfse der Gruppe schliefslich hängt von Begrifflichkeit
(allgemein übliches Wort oder nicht), von Vorbildlichkeit des In-
dividuums oder Standes, oder der Provinz, vor allem aber allgemein
gesprochen vom Verkehr ab.
Verkehr nivelliert: Vor dreifsig Jahren sprach in den thüringischen
Städten auch der Gebildete Dialekt; — heute sprechen schon die
Dienstboten in den kleineren Städten mit reichsprachlicher Lautung,
die der alte Tonfall noch leicht nüanciert. Und wie es mit der
Lautung ist, so ist es mit der Kleidung, ja mit der Kost: Und
der altväterliche Zwiebelkuchen, das einstige Feiertagsgericht der
Herrschaften, dessen musterhaftes Herstellen einen Bäckermeister
seinerzeit an den Hof brachte, wird heute von der Jugend niederer
Stände schon perhorresziert.
Es sind also nicht mehr jene Individuen vorbildlich, welche
nur „anders sprechen“ wie die ältere Generation und sich auch
sonst unter den Altersgenossen auszeichnen, sondern der Mafsstab
ist: „So sprechen wie die Fremden“. Ich glaube in Venedig das
Gleiche beobachtet zu haben. Es ist wohl das, was Rousselot zu
seinem Schlagwort vom Bankrott der Lautgeschichte führte. In
der Tat liegt gar kein Problem vor: Das heilst, ein Problem liegt
nur vor, wenn man an dem Begriffe „Gesetz“ festhält. Versteht
man aber die Lautentwicklung als modischen Wechsel von Gewohn-
heiten, so fällt alles Problematische fott. Denn Ausnahme
bestätigt Regel. Um so schärfer tritt unser Anfangsproblem vor:
Können wir Sprachwissenschaft treiben, ohne uns
von diesen Lautgewohnheiten aus zu orientieren?
Für die Formenlehre ist dies kein Problem mehr: Da die
Formentwicklung in ihrem charakteristischsten Teile ein Ausflicken
der Schäden ist, welche durch die Lautentwicklung entstanden, so
hiefse: Formen ohne Laute verstehen wollen dasselbe wie „eine
Wirkung ohne ihre Ursache zu erkennen suchen“.
Nun ist allerdings in der Formenlehre nur ein Teil, wenn
auch eben ein grolser Teil, durch Lautentwicklungseinflüsse deter-
miniert. Ein anderer Teil’ ist ohne äufsere Determination, ohne
Not, ohne Zwang, der von aufsen kam, verändert worden. Teils
durch Irrtum oder Analogie, wofür Sie in $$ 66 ff. Beispiele geben;
teils durch gefühlsbestimmte oder begriffsbestimmte Erfindung: Inner-
halb der Formenlehre ist das Kapitel Umschreibung das Bassin,
in welchem wir die „Nova“ sammeln. Ich erinnere als Beispiele
an das suggestive neufrz. je vais farlir, an das in der Franche-
Comte übliche z/ veut falloir. In der Tat ist je vais parlir von
15*
228 LEO JORDAN,
wunderbarer Deutlichkeit. Ich möchte es übersetzen: „Ich bin
auf dem Sprunge fortzugehen“. Es ist ohne Zweifel bildhafter als
je partırai aussilöt. Dals es sich wegen dieser Bildhaftigkeit durch-
setzte, wird von niemandem bezweifelt werden. Dals es aber weiter
nichts als ein frisch von der Leber weg erfundenes Bildhaftes ist,
eine Schöpfung wie der modische Ausdruck lautet, das ist in
diesem wie in jedem einzelnen Falle ein Problem.
D. h. logisch ausgedrückt: Die Gründe der Ausbreitung
einer solchen Umschreibung sind klar: Nicht sicher ist, ob sie ihre
Entstehung vorwiegend einem individualpsychischen Grunde
(Schöpfung), oder vorwiegend einer aulserindividuellen Ursache
verdankt.
In sehr vielen Fällen hat z. B. das Studium des Satzrythmus
geradezu revolutionäre Entdeckungen gezeitigt; und Neubildungen
in Formen, Änderungen der Wortstellung, die jeder, auch der
Vorsichtigste, für freie individuelle Änderungen angesehen hätte,
zeigten sich als deutliche und undiskutable Wirkungen von Rythmus-
einflüssen.
Hier sind nun zwei Wege verfehlt: ı. Zu meinen, dafs die
Grammatik wieder nur zu Mechanischem führe. Denn wenn die
syntaktische Änderung auch durch die Rhythmusänderung deter-
miniert scheint, so ist die Rhythmusänderung! selbst stets
eine Geschmacksänderung, bei der Determination von
aulsen vor individueller Farbgebung zurücktritt.
2. Ebenso verfehlt ist das andere Verallgemeinerungsurteil:
Es sei nun alles durch Rhythmuszwang erklärt. Ja nicht einmal
die sicheren Fälle von Veränderungen der Wortstellung z. B. sind
allein durch Rhythmuszwang zu erklären. Sie sind nun durch
den Rhythmus determiniert: Auch hier blieben dem individuellen
Belieben zu Verändern noch Spielräume.
Dies alles reduziert sich also auf die Frage: Können wir die
Sprachbetrachtung von diesem Neuen, Schöpferischen
aus orientieren, sie also wie wir oben lasen in der Tat
als Freiheitsgeschichte auffassen?
Oder können wir das nicht?
Für die Formenlehre ist die Antwort gegeben:
Wir können das nicht! Erst wenn die mannigfachen
Zwänge, welche formale Deutlichkeit beherrschen als
nichtbestehend erkannt wurden, kann man von einem
nicht lautlich determininiertem Neuen oder einem
lautlich undeterminierten Teile dieses Neuen sprechen:
In je vars partir ist keine Ursache zu sehen, warum man
je parlirai aussitöt hätte ersetzen „müssen“: Bleibt also nur ein
„Kann“, ein Grund. —
1 Ebenso zu beurteilen sind natürlich Tempoänderungen, Änderungen im
Mienenspiel, in der Schallstärke, in der Artikulationsbasis, welche alle laut-
verschiebend wirken können und meist zu wirken pflegen.
STUDIUM DER LAUTGEWOHNHEITEN UND ERKENNTNIS, 229
Da ein prinzipieller Unterschied zwischen Formenlehre und
Satzlehre nicht besteht, so dürfen wir a priori annehmen, dafs
auch hier nur eine Orientierung vom „Mufs“ her als gewissenhaft
angesehen werden kann:
Diese Annahme wird durch die Erfahrung bestätigt: Ehe wir
über die Zwänge, die der Rhythmus bewirken kann, unterrichtet
waren, konnten wir jede syntaktische Neuerung für eine Folge
persönlichen Geschmacks einen persönlichen Einfall, eine Schöpfung
halten. Wie abhängig aber die kleinste Einzelheit von den Ände-
rungen des Rhythmus ist, hat Rydberg in seinem monumentalen,
für viele bequemen Leute allzu monumentalen Werke gezeigt.
So ist auch hier der logisch einwandfreie Weg nicht der von
vornherein ein „Kann“ axiomatisch zu postulieren und deduktiv
aus dem Axiom zu entwickeln, wie das Liebhaber tun, sondern
dies „Kann“ erst für einigermalsen sicher zu halten, wenn die
Vorfrage „liegen keine Zwänge vor?“ durch Induktion mit nein
beantwortet wurde. Vorausgesetzt, dafs man erkennen will, und
nicht schwärmen, das heilst sich damit begnügen „die Freiheit, die
Schöpferkraft Einzelner oder Aller anbetend zu bewundern“.
Wie ist das nun aber mit der Stilistik? Ist nicht hier das
Gebiet, auf dem man reine Wertung einer Ganzheit, mit dem
eigenen verfeinerten „Geschmack“, mit äs/helischem Sinne, Ein fühlung,
Intuition, oder wie man diesen „Geschmack“ sonst nennen will,
vornehmen kann? Ohne Rücksicht auf Syntax, auf Form und
Laut, auf Rhythmuszwänge? Ist nicht hier endlich jene Freiheits-
geschichte gefunden, von denen unsere Romantiker schwärmen ?
Das kommt nun darauf an, was man unter Si versteht: Wenn
man induktiv vorgeht, so findet man das Folgende:
ı. Man kann stilistisch für einen Begriff das nächstliegende
Wort setzen — und man kann gradweise dafür ein fernerliegendes
wählen. Ja man kann sogar für den Begriff einen verwandten
(durch einen oder mehrere Merkmale assoziativ verbundenen) anderen
Begriff nennen, Zwischen diesen beiden Extremen schwankt der
Stil der Dichtung:
Boileau schreibt trocken vor:
J’appelle un chat un chat!
Und Mallarm& lehrte umgekehrt:
la puissance absolue d’une Metaphore ... la vivante all&gorie.
(Divagations $. 3I, 32, um 1890)
Ein Symbolist nennt also „Katze“: Zeisetreter, Mäusefänger, vier-
beinigen Vogel usw. Man soll sich darüber klar sein, dafs Sym-
bolismus vergnüglich und geistreich, ja witzig sein kann, dals ihm
aber jeder Erkenntniswert fehlt, trotzdem unsere heutige
Ästhetik ihn gern zum Erkennen miflsbraucht; wenn man weiterhin
sich darüber klar ist, dafs nicht nur die klassische Wissenschaft,
230 LEO JORDAN,
sondern auch die klassische Kunst dem Symbolismus abhold ist,
ja das Quidproquo zu vermeiden vorschreibt wie alles Unklare, so
kann man nach Erledigung dieser Vorfragen alles Symbolische ohne
Hemmung mit seinem Geschmacke werten.
Hier im Begriffs- und Worisäl wäre nun in der Tat jene
Freiheiheitsgeschichte erreicht, in welcher der Geist über den Geist
hemmungslos urteilen, werten kann. Allein über dasSymbolische,
Begriffs- oder Wortstilistische darf er unter keinen Um-
ständen hinausgehen.
2. Ganz anders wie in dem Kapitel Wort und Begriffsstil und
vor allem viel weniger frei, sehen die Dinge dem induzierenden
Forscher auf dem Gebiete „Syntax und Stil“ aus, sagen wir einmal
beim Saizsiıl:
Die Behauptung, dafs Sıtzs/il ein Teil der menschlichen Freiheits-
lehre sei, konnte auch nur von Leuten erhoben werden, welche
nur in dem Gebiete der indogermanischen Sprachen, womöglich
auf einem noch sehr viel engeren Gebiete ihre Erfahrungen ge-
sammelt hatten.
Erst eine Extratour in eine Sprache, die (wie z.B. das Japanische)
keine Komparation, keinen Bedingungssatz in der Form der Unsrigen,
keinen eigentlichen, oder formalen Unterschied zwischen Verbum
und Eigenschaftswort besitzt, so dals der verflossene Zustand durch
das „Imperfekt“, der gegenwärtige und die dauernde Zigenschaft
aber durch das „Präsens* ausgedrückt wird — erst eine solche
Extratour zeigt dem Forscher, wie gebunden das sein kann, was
wir Safsstil nennen.
Und oft, wenn ich einen japanischen Satz sage oder schreibe,
erwidert mir mein Mentor: „Ich kann Sie wohl verstehen, aber
wir sagen nicht so!“
D. h. Satsstil ist nicht an sich frei. Sondern innerhalb der
syntaktischen Gewohnheiten gibt es Spielräume, in denen sich das
bewegt, was wir Salzsi/ nennen: Sei es, dafs es wie gewöhnlich
innerhalb dieser Spielräume sich mit mehr oder weniger Kunst
bewegt, sei es, dafs es die Spielräume eigenwillig, mit oder ohne
Erfolg (Mallarme, Futurismus) erweitert.
Nach dieser Induktion ist klar, dafs ı. Begriffs- oder Wortstil-
kunde kein Grammaticum im eigentlichen Sinne des Wortes ist.
Sie wird dem Sprachforscher vermutlich in erster Linie zugänglich
sein. Aber Nichtsprachforscher haben doch auch schon sehr Gutes
über Begriff, Begriffsverschiebung, Quidproquo geschrieben. Sie
ist vor allem ein Psychologicum; speziell der Assoziationspsychologie
zugehörend. — Dagegen ist 2. Satsstıl ein Grammaticum und
nicht ohne Beantwortung der Vorfrage „Welches sind die Regeln ?“
zu beantworten. Erst wenn man die Spielräume kennt, kann man
Kann und Kunst, Freiheit und Gebrauch, respektive Mifsbrauch
(Mallarme) feststellen. Und erst wenn man Mufs (Regel) und Kann
(Spielraum) schied und unterschied, erst dann kann man unparteilich
werten.
—
STUDIUM DER LAUTGEWOHNHEITEN UND ERKENNTNIS. 231
Wer diesen Weg nicht geht, kann bewundern, schwärmen,
für seinen Dichter begeistern, seinem Geschmack Jünger werben,
Parteiphrasen in die Welt setzen. Aber erkennen kann er nicht.
Auch wird das Kantsche Wort, zu dem man aus Lessing sich
Analoga holen möge, auf ihn zu beziehen sein:
„Unter einem Prinzip des Geschmacks würde man einen Grund-
satz verstehen, unter dessen Bedingung man den Begriff eines Gegen-
standes subsumieren und alsdann durch einen Schlufs herausbringen
könnte, dafs er schön sei. Das ist schlechterdings unmöglich.
Denn ich mufs unmittelbar an der Vorstellung desselben die
Lust empfinden, und sie kann mir durch keine Beweisgründe an-
geschwatzt werden.“ (Kritik der Urteilskraft $ 34.)
Um diese Distinktionen hat Vossler seine Schule mit folgendem
Worte gesteuert: „Stil ist der individuelle Sprachgebrauch im Unter-
schied vom Allgemeinen ... Der induktive Weg aber führt vom
Individuellen zum Allgemeinen, vom Einzelfall zur Konvention.
Nicht umgekehrt. Also erst Stilistik, dann Syntax.“
Ich habe diesen famosen Satz aus Positivismus und Idealismus
($. 16) schon mehrfach herangezogen. Mit Recht, denn man wird
immer mehr sehen, dals er die Keimzelle der vosslerschen Romantik,
das Urparadox seiner Paradoxie ist. Der sprachwissenschaft-
liche Irrtum, auf welchem sich der Satz aufbaut, ist: Der indivi-
duelle Sprachgebrauch, welcher eine syntaktische Regel modifizierte,
ist in 9999 auf 10000 Fällen ein metaphysischer, anonymer Vor-
gang. Volsler meinte „individuelle Neuerung“ und sagte zndizi-
dueller Sprachgebrauch.
Der logische Irrtum besteht darin, dafs Induktion nicht der
Weg vom Individuellen zum Allgemeinen ist, sondern der Weg
vom bekannten und analysierbar vorliegenden Einzelnen zum un-
bekannten Allgemeinen,
Da nun die Grammatikregeln bekannt sind, — die Neuerung,
welche zu ihnen jeweilig führte unbekannt, total unbekannt, — so
geht Vossler in obigem Grundsatz seiner Methode vom Unbekannten
aus, um das zu suchen, was bekannt ist. — Ist aber der Satz logisch
unhaltbar und sprachwissenschaftlich laienhaft, so ist er doch wieder
psychologisch sehr gut aus Zeit und Umständen zu verstehen:
Vossler steht unter dem Banne symbolistischen Denkens: Er kon-
fundiert infolgedessen Begriffs-- und Wortstilistik mit Satzstilistik
und stellt diese Konfusion der Syntax gegenüber, mit der wohl
der Satzstil etwas zu tun hat, aber nicht der Begriffs- und Wortstil.
Aber er steht unter dem Banne der Symbolik auch insofern,
als ihm jedes Problem zur Wertung wird. Das geht so weit, dafs
ihm selbst die nüchterne Methode der Induktion, welche aus einer
Reihe ähnlicher Fälle die gemeinsamen Merkmale heraushebt, die
individuellen Merkmale abzieht, zu einem Mittel der Wertung wird:
Er unterstreicht; „Erst Stilistik, dann Syntax“.
232 LEO JORDAN,
Induktion ist ihm gleichsam ein Mittel zu erkennen, ob Frau
Syntaktika oder Frau Stilistika vorzuziehen sei. Und er gibt Frau
Stilistika den Vortritt.
Auf solch naiver Grundlage erhebt sich jene Lehre, welche
die Sprachdurchdringung von Laut, Form und Satz her ablehnte,
in Namen der Unzerlegbarbeit des Individuums.
Zwar forderte sie mit uns Induktion. Aber sie war sich nicht
im Klaren, was Induktion sei, zumal sie ihr ihre einzige Handhabe,
die Analyse, versagte. Sie predigte Synthese. Und sah nicht, dafs
Synthese ohne vorhergehende Analyse selbst in der Liebe mifslich
sei. Dafs es ebensowenig eine Synthese, wie eine Wissenschaft vom
unzergliederten Einmaligen geben könne.
Im Gegensatz hierzu wissen wir, dafs wir nicht bei Ganzheiten
stehen bleiben dürfen. Erst wenn wir analystisch in sie hinein-
schauen, durch Induktion die Gleichmäfsigkeiten bestimmen, welche
sie mit anderen Individuen zu Klassen und Ordnungen verbinden,
können wir Synthese machen. Synthese nach der Seite der Ko-
existenz hin, der Klasse, und nach der Seite der Folge hin, der
Ordnung. Der Einwand, dals wir auf diese Weise Organismen
zerstörten, statt ihren Geist zu erkennen, ist kindlich-dichterisch.
Ein Kind zerlegt sein Spielzeug — und weint, weil es nicht mehr
funktioniert. Ein Kind wischt einem Schmetterling die Flügel ab
und weint, weil sie grau werden. Die rein gedankliche Operation
„Analyse“ zerstört gar nichts. Sie geht ja am Individuum
nur vor sich, um über Klasse und Herkunft Aufschlüsse
zu erzielen. Für den gemordeten Schmetterling bleiben tausend
andere. Und es ist nicht wie in der Liebe, wo nur das Individuum
gilt. In der Forschung aber verhalten sich alle Objekte wie der
Schmetterling: Sie sind nur Beispiele, Vertreter von Arten und
Ordnungen. Und jedes Individuum steht nicht als Ganzes mit
Vergangenheit und Zukunft in Verbindung, sondern nur mit Teilen.
Darum ist in der Tat Analyse der einzige Weg, das „wirklich“
Individuelle im Individuum zu erkennen: Dies Individuelle verbleibt,
wenn wir die Gleichmäfsigkeiten abzogen, als Gehalt oder als Geist.
Und es ist nur ein grobes Skalpell, dem das Eigene, das Geistige
in höherer Potenz auf diesem Wege entschlüpft.
Gemeinschaftliches ist in unserem Fache am hervortretensten
in der Lautentwicklung: Hätten wir verkehrslose Gesellschaftsgruppen,
so könnten wir fast von Lautgesetzen sprechen. Der Lautung gegen-
über würde das Bewulstsein des Einzelnen fast gleich Null sein.
Der Gegensatz zur älteren Generation würde in bestimmten Bahnen
weiterführen. Und nur eine gesellschaftliche Revolution könnte
durch Umstellen der Stände Lautevolution zu Lautrevolution machen,
In der Tat gibt es solche Geschlossenheit nicht. Immer stärker
wird der Spielraum, den der Mensch als Einzelner wie als Gruppe
der Lautung gegenüber durch den Verkehr erhält; immer häufiger
werden Willkür, Bewulstseinsakte und Wahl der engen Gruppe
STUDIUM DER LAUTGEWOHNHEITEN UND ERKENNTNIS. 233
gegenüber — immer bestimmender freiwillige Beugung vor der
grölseren Gruppe.
Immerhin bleibt unter allen Moden wohl Lautung noch das-
jenige Gebiet, das den geringsten Spielraum besitzt und das deswegen
kein Soziologe unbeachtet lassen sollte. Seine Gleichmälsigkeiten
sind der Art, dals sie nicht nur wissenschaftliche Sprachbetrachtung
begründen, sondern auch einen festeren Boden für die soziologische
Forschung ergeben könnten, als diese ihn bisher besitzt.
Denn die Bewulstseinsakte der Lautung gegenüber sind jeden-
falls geringer als diejenigen der Mode gegenüber in Tracht oder
Meinung, in Manieren oder Lustbarkeit.
Wie dem aber auch sei, wir Sprachforscher müssen von der
Lautung ausgehen, wenn wir im Gebiete der Formentwicklung
die Art der Determination erkennen wollen: Abhängigkeit dieser
Entwicklung von der Lautung ist das Gewöhnlichere. Erst also,
wenn wir den Grad der Abhängigkeit kennen, enthüllt sich der
Grad der Freiheit; oder aber, wenn eine solche Abhängigkeit sich
nicht bestätigte, sind wir im Rechte einen spontanen, willkürlichen
Wandel für gegeben zu halten.
Es ist in der Syntax nicht anders: Ein erheblicher Teil ihrer
Neuerungen ist unter dem Einfluls von Rhytmusänderungen ge-
schehen. Und stets wird auch hier die Vorfrage des vorsichtigen
Forschers sein, ob nicht von dieser Seite her Determinationen
kamen. Immerhin ist der Spielraum nun sehr viel gröfser geworden
und die stärkere Determinante wird auf auf dem Gebiete des Be-
grifflichen und des Gefühls der Redenden und Schreibenden ge-
sucht werden müssen Diese Art der Betrachtung führt uns direkt
in das Gebiet des Satzstils hinüber. Aber auch hier sind Gefühl
und Begrifflichkeit nicht unabhängig von der Gewohnheit, von der
Regel: Und zwischen den Regeln finden sich die Spielräume, in
denen sich das bewegt, was wir ‚S// nennen. So muls auch hier
die Kenntnis des Gewohnheitsmälsigen der Erforschung des Indivi-
duellen vorausgehen, wenn wir nicht axiomatisch alles für individuell
halten und uns damit die Erkenntnis des wirklich Individuellen
verschlie[sen wollen.
Unsere Methode schreitet also vom Gemeinschaft-
lichen, das wir durch Analyse induktiv feststellen, zum
Individuellen.
Sie beginnt da, wo dies Gemeinschaftliche am
stärksten hervortritt, bei den Lauten, um da zu enden,
wo es am stärksten zurücktritt, in Satz und Stil. Es ist
ein mühsames Verfahren. Und das ist unsere Schwäche.
Aber es ist ein sichereres Verfahren, als ein Axiom an die
Spitze zu stellen: Stilistik sei ein Teil der Freiheitsgeschichte.
Denn dieses Axiom klingt zwar sehr begeisternd — es hat nur
den Fehler nachweisbar falsch zu sein. Und schliefslich, wozu
forschen, wenn das Resultat von vornherein feststeht?
234 LEO JORDAN, STUDIUM DER LAUTGEWOHNHEITEN ETC.
Ich weils, verehrter Jubilar, dafs uns ernsthafte Betrachtungs-
weise unseres Faches und ernsthafte Begründung dieser Betrachtungs-
weise einen.
Der Studierende des Provenzalischen wird an Ihrer Lautlehre
und Ihrer Chrestomathie, der Liebhaber der romanischen Sprachen
und Literaturen an Ihren Texten Muster gewissenhäfter Methode
und gründlicher Arbeit besitzen. Hier ist ein Ätema es aeı, welches
nicht deduktiv auf den Sand leichtfertiger Axiome aufgebaut ist,
sondern auf dem einzigen uns Menschen gegebenen zuverlässigen
Wege: Der fleifsigen Induktion.
Wenn die Jugend heute zu schöngeistig deduzierenden Fächern
neigt, so wird sie, sobald sie bis zum Kater durchschwärmte, sobald
der Erkenntnisdrang die Genufsfreude wieder übertrifft, sobald die
triebhafte Kunstbegeisterung und die Liebhaberei nachlassen und
wieder einiges Nachdenken gestatten, so wird diese Jugend an
Ihren Büchern sichere Wegweiser zur Erkenntnis besitzen.
Leo Jorpan.
Ungarn und die provenzalische Dichtkunst,
Ungarn hatte während des Mittelalters rege Beziehungen zu
den Ländern am Mittelmeere. Die Könige aus dem Hause Arpad
waren durch ihre Heirat mit fremden Dynastien in Verbindung
getreten, ein reger Handel entstand mit ihren Ländern, besonders
in der Zeit der Kreuzzüge. In den altfranzösischen Epen finden
wir manche Belege dafür: Ungarn galt nicht nur als das fabelhafte
Land der Heiden oder abenteuerlichster Prinzen, sondern als ein
Ausfuhrgebiet für Gold, Pferde, Waffen in einer Zeit, wo der Handel
damit gewissen Einschränkungen unterworfen war.! Welche Kenntnisse
vom Königreiche des heiligen Stephan, welche Spuren der europäischen
Beziehungen haben uns die südfranzösischen Troubadours bewahrt ?
Die Minnesänger der Provence waren willkommene Gäste an
den südeuropäischen Höfen und huldigten hervorragenden Frauen,
lobten oder tadelten die Männer, je nach deren Freigebigkeit oder
Geiztum. Die Familienverbindungen des ungarischen Königshauses
mulsten ihnen bekannt sein und einige kamen sogar in Begleitung
verheirateter Prinzessinnen in das Donauland. Die Kreuzzüge waren
das Lebenselement der fahrenden Sänger, die Ritter und Könige
dazu aneiferten, selbst daran oft teilnahmen. Wenn auch die
Troubadourlyrik nicht mit den Kreuzzügen entstand, so verdankte
sie ihren Aufschwung dieser geistigen und materiellen Bewegung,
mit dem Kreuzzug gegen die Albigenser ging sie auch zugrunde,
Bei der Orientfahrt zogen die Heere dem Donautal entlang oder
berührten den Hafen Zara an der adriatischen Küste, die teilweise
den ungarischen und kroatischen Königen unterworfen war. In
beiden Fällen kamen die Teilnehmer mit Ungarn in Berührung, die
auch zu Reibungen führte. Sonst war in Ungarn das Interesse am
Kriege gegen den Orient sehr schwach. Andreas ll. ist der einzige
ungarische König, der an einer Kreuzfahrt teilnahm und dabei sehr
geringen Ruhm ermtete. Den Troubadours, die sich am französischen
kaiserlichen Hofe in Konstantinopel, in den Burgen von Syrien und
Palästina niederliefsen, konnte der Name und der Ruf Ungarns nicht
entfallen. Die Quellen ihrer Kenntnisse sind schwer bestimmbar,
denn sie schalteten frei mit Namen und Ereignissen. Doch ist es
leicht erweisbar, dafs ihre Werke Anspielungen auf ungarische
Herrscher, Prinzen und Prinzessinnen, auf ihre Beziehungen mit
dem Ausland enthalten.
Die auswärtigen Beziehungen Ungarns waren ein halbes Jahr-
hundert hindurch, vom König Stephan U. (11ı6—3ı) bis zu
ı L.Karl, Zz Hongrie et l:s Hongrois dans les Chansons de Geste.
Revue des Lingues Rom, 51, 1907, 5—38.
236 LUDWIG KARL,
Stephan III. (1162— 73), durch den Kampf mit der Kommenos-
Dynastie in Anspruch genommen und auf Konstantinopel gerichtet.
Die französischen und italienischen Kreuzfahrer gründeten daselbst
das lateinische Kaisertum (1204—61), wo noch manche Erinnerung
an das Donauland erhalten blieb. Bela III. (1173—96) hatte doch
in erster Ehe die Tochter Raimunds von Chätillon, Statthalters von
Antiochien, geheiratet. Sie hiefs Agnes (ung. Onnus, prov. Anhes) und
die Minnesänger huldigten wiederholt einer Dame dieses Namens.
Welches Lied sich auf die zukünftige ungarische Königin bezieht,
das ist noch unentschieden.1
Das zweite Land ist Aragonien als Verbindungsglied zwischen
dem ungarischen Herrscherhause und der provenzalischen Dichtung.
Alfons Il. (1162—.906) regierte Aragonien und die Provence zu
gleicher Zeit. Sein Hof war ein Sammelpunkt der Sänger, ein
Lied von ihm ist auch erhalten.?2 Seine Freigebigkeit, seine Vor-
liebe für die Kunst lockte manchen fahrenden Sänger in seine
Schlösser. Sie wurden dort nicht durch Reichtum und Macht
allein, sondern durch Hörigkeit der Minne gefesselt. Drei
Töchter blühten am Hofe Aragoniens. Die älteste, Constanza,
heiratete König Emerich (ung. Imre 1174 —1204) von Ungam
und nach dessen Tod Friedrich von Sizilien (1204). Die zweite,
Eleonore, wurde die Gemahlin Raimunds VIL, Grafen von Toulouse
(1200), während die jüngste, Sancha, dessen Sohn Raimund VII,
heimführte (1211). Alle drei konnten sich der Huldigungen
provenzalischer Sänger rühmen, wovon in den Liedersammlungen
schwache Spuren erhalten blieben oder festgesetzt werden konnten.
Gaucelm Faidit (1190— 1240) aus Uzerche, der für Marie von
Ventadorn schmachtete, erwähnt in einem Liede dumoizela Costanza,
die aragonische Prinzessin (1194).3 Peire Vidal gehörte zu den
Schützlingen ihres Vaters und blieb nach dessen Tod (1196) ohne
Unterstützung. Er entschlofs sich an den Hof des ungarischen
Königs zu ziehen, wo er Constanza als Königin und durch deren
Vermittlung Anerkennung finden konnte (1198). Er wurde in seiner
Hoffnung nicht getäuscht: in einem seiner Lieder rühmt er den
König Emerich wegen seiner Freigebigkeit und sicherte dessen
Ruhm vor der Nachwelt. 4 Sein Aufenthalt in dessen Lande liefs
keine Spuren; weder die Chroniken noch die viel späteren Literatur-
denkmäler verraten eine Kenntnis der provenzalischen Minnedichtung
in Ungarn während des Mittelalters.
Der einzige kreuzfahrende ungarische König, Andreas Il. (1175
—1235), war dreimal verheiratet und seine drei Gattinnen liefsen
in der Literatur mehr oder minder bedeutende Spuren. Die erste
ı F. Bergert, Die von den Trobadors genannten und gefeierten Damen.
Beitr. zur rom. Phil. 46, Halle a.S. 1913.
32 Antos d’Arago: Per maintus quizas m’es datz (Bartsch, Grundrifs 23, 1).
8 Bergert, Z.c. Bartsch, /. c. 167, 6, Str. 4.
4 Peire Vidal, Podsies p. p. I. Anglade, I.es Class. fr. du moyen äge,
Paris und I. Anglade, Zes Troubadours, Paris 1908.
UNGARN UND DIE PROVENZALISLHE DICHTKUNST. 237
war Gertrud von Meran, die der Verschwörung des Banus Bank!
zum Opfer fiel und so die Heldin einer Novelle von Bandello und
mehrerer Tragödien (die bekannteste von Grillparzer) wurde. Der
König hatte durch seinen lange verzögerten Kreuzzug Beziehungen
zum lateinischen Kaisertum im Orient und als Witwer heiratete er
die Tochter des Kaisers Peter von Courtenay (gest. 1216). Die
Tochter hiefs Yolanthe, ebenso wie die Mutter (gest. 1219) und der
letzteren scheint Elias Cairel aus Sarlat, der Goldschmied und Minne-
sänger war, gehuldigt zu haben.? Er zog aus seiner Heimat nach
dem Orient und von dort nach Montferrat, an den Hof Wilhelm IV,,
den er zur Eroberung Thessaloniens ermunterte.
Zum dritten Male holte sich Andreas II. eine Gemahlin aus
Italien, wo er am Rückwege von einer Romfahrt Beatritz d’Est
(1215—11ı. Juli 1245), die Tochter des Markgrafen Aldobrandini L,
kennen lernte. Erst nach langen Verhandlungen konnte er dieselbe
heimführen und die Verzögerung mag dazu beigetragen haben, dafs
im altfranzösischen Epos Azmers de Narbonne ein ungarischer König
unter den abgefertigten Freiern der Prinzessin Hermengarde aus
Pavia auftritt.? Einer Beatritz d’Est huldigten mehrere Minne-
sänger und mit Diez wurde angenommen, dieselbe sei die ungarische
Königin. Aimeric de Peguilhan (1180—ı1270) erwähnt Biatritz
d’Est mit Guilhem de Malaspina (gest. 1220),* also in einer Zeit,
wo dieselbe das fünfte Lebensjahr noch nicht erreichte. Rambertin
Buvalelli (gest. 1221) widmet Lieder einer Beatritz,5 die er aber
verfassen mulste, bevor die Prinzessin sechs Jahre alt war. Beide
huldigten einer anderen Beatritz d’Est (11gı —ı226), der Tochter
Azzos VI. (gest. 1212), die zugleich die Tante der ungarischen
Königin war. Ihre Schönheit bezauberte auch die Sänger Peire
Ramon de Tolosa (1170—ı1200) und Guilhem de la Tor.® Sie
blieb unvermählt, nahm den Schleier (g. 1218—20) und starb im
Kloster San Giambattista von Gemmola, wurde später selig ge-
sprochen. Es ist nur ein schwacher Faden, der durch ihre Ver-
mittlung Beatritz, die Gemahlin Andreas Il, mit der Troubadour-
dichtung verbindet.
Eine festere Grundlage für die Kenntnis ungarischer Geschichte
in der Provence, besonders der Jugend des Königs Bela Ill. (1173
—96), der Agnes von Chätillon zur Gemahlin hatte, finden wir in
der Verslegende von Sanct Honorat (gest. am 'ı6. März 429). Der
3 Banus Bank war mit einer Spanierin namens Tota verheiratet, die
erst in der späteren Tradition den Namen Melinda führte. S. Poor in Szäzadok,
3 Bergert, /.c. 44, Bartsch, 2. c. 133, I1.
® L. Karl, Die Heirat des Königs Andreas II. von Ungarn in Zeitschr.
für franz. Sprache und Lit.
% Crescini, Manuaeletto provensale, Padova 1905 (46, V.61, V.57)
Bartsch, 2. c. 10, 41, 12; 2,45. Bergert, 2. c. 8ı.
5 Crescini, dc. 48, V.61. Bartsch, 2.c. 281, 1,4, 10 (Bertoni I, III, VI),
an Mon Restuur 281, 1, 5, 10 (Bertoni II, IV, VI, VII).
® Bergert, 2.c. 78. Bartsch, Z.c. 355, 18 und Treva von Guilhem de
la Tor in Crescipi, Z,c. 134.
238 LUDWIG KARL,
Verfasser war Raimon Feraud (1245—1325), aus deı Umgebung
von Nizza, Mönch im Kloster der Insel Lerins, das der Heilige
gegründet hatte, nachdem er die Gegend von der Schlangenpest
befreite. Er bearbeitete den Stoff auf den Rat seines Abtes Gaucelm
de Meyrieres (1275—1309) und widmete sein Gedicht der Prinzessin
Marie, Tochter Stephans V. von Ungarn (1239—72), und Elisabeth
der Kumanin. Als Gattin Karls I. von Anjou, zu dessen Besitz
die Provence gehörte, belehnte sie den Dichter-Mönch mit der
Priorei von La Roque-Esteron.
Die Quelle der provenzalischen Verslegende (1300) war die
lateinische Vr/a, in der Urform durch den heiligen Hilarius verfalst.
Dieselbe ist in zwei Versionen erhalten und wurde durch Nebenzüge
bereichert. Sant Honorat entstammte einer Gallierfamilie aus der
Umgebung von Toul und wurde durch den heiligen Caprasius
bekehrt, in dessen Begleitung er eine Orientreise unternahm. Nach
seiner Rückkehr zog er sich auf eine Anhöhe des Esterel zurück,
später auf die Insel Lerins, wo er ein Kloster gründete (406—-4 10).
Er wurde zum Bischof von Arles gewählt (426) und starb als
Heiliger (429).
Die lateinische Yr/a in der Dubliner Handschrift behauptet,
Sant Honorat sei der Sohn eines Kumanenfürsten gewesen, der in
Nikomedien regierte. Eine kürzere Fassung, die zweimal gedruckt
wurde (Venedig 1501 und 1511), ersetzt den Kumanenfürsten durch
den ungarischen König. Diese Änderung hatte Raimond F£raud
beibehalten, dabei als Hauptstadt seines Königreiches Nikomedien
erwähnt. Wir können mit Paul Meyer annehmen, dafs die lateinische
Vita in beiden Fassungen älter ist als die provenzalische Verslegende,
deren Verfasser sich auf eine aus Rom gebrachte Abschrift beruft.
Dieselbe wurde aber wahrscheinlich im Kloster L&rins umgearbeitet,
dafs an Stelle der Kumanen die Ungarn traten. Der Stamm der
Kumanen liefs sich im Lande nieder und wurde nach zähem Wider-
stand unter Ladislaus IV. oder dem Kumanen (1272—90) zum
Christentum bekehrt. Eine gewisse Selbständigkeit in der Ver-
waltung behielten sie Jahrhunderte hindurch. Die Mutter der
Königin Marie, Elisabeth (1255—95), entstammte der Familie des
Kumanenfürsten Köteny. Raimond Feraud, als er seinen gallischen
Heiligen aus dem 5. Jahrhundert mit Ereignissen des ı2. und
13. Jahrhunderts in Ungarn in Verbindung brachte, beging keine
Geschichtsfälschung, sondern folgte der Tradition seines Klosters.
Der Anachronismus ist bei ihm auch nicht auffallend, nachdem er
schon aus Karl dem Grolsen einen Zeitgenossen des Heiligen
gemacht hatte.
Die Vida de Saint Honorat! enthält drei Teile. Der erste erzählt
die Jugend und Bekehrung des Helden (Ch. I-XX), der zweite
! A.-L. Sardou, Ze Vida de Sınt Honorat. Legende en vers provengaux
par Raymond Ferand, Nice 1875. Dazu Fauriel in der Zst. litt. de la France
XXII, 236.
UNGARN UND DIE PROVENZALISCHE DICHTKUNST. 239
läfst ihn an Karls des Grofsen Heerfahrten nach der Geste du Roi
anteil nehmen (Ch. XXI—LXI), der dritte ist mit Wunder gepfropft
(Ch. LXII—CXIX). Die abenteuerlichen Wanderjahre des Gründers
von Lerins enthalten weitere Anspielungen auf die ungarische Ge-
schichte, indem darin sich geschichtliche Vorgänge zur Zeit des Königs
Bela Ill. (1173—906) spiegeln. Als Jüngling wurde er an den Hof
des Kaisers von Konstantinopel Manuel geführt, dessen Tochter
Marie er heiraten sollte. Er nahm den Namen Alexios an und
wurde als Thronfolger erzogen. Als dem Kaiser ein Sohn geboren
wurde, schickte er Bela nach Ungarn zurück, dessen Thron er
besteigen konnte. Als ungarischer König unterstützte er des Kaisers
Sohn Alexios in seinem Kriege gegen die Türken. Er war zweimal
verheiratet und hatte dadurch Familienbeziehungen im Osten und
Westen. Seine erste Frau war Agnes von Chätillon, Tochter des
Statthalters von Antiochien, die zweite, Margarete (1158 —97),
Schwester Philipp Augusts und Witwe Heinrichs des jungen Königs
von England. Endlich war es Bela lIl., der den Zisterzienserorden
nach Ungarn rief. Sein Ruf mufste weit bekannt sein und sein
Mifserfolg am kaiserlichen Hofe konnte dem belesenen Mönche von
Lerins nicht entgehen. Nachdem er dem Sant Honorat den Rang
eines ungarischen Kronprinzen geben mulste, lag es an der Hand,
die Lücken seiner Jugenderziehung mit Ereignissen aus dem Leben
eines Prinzen aus dem Hause Arpads zu füllen.
Die Jugendgeschichte des Heiligen beginnt mit der Heirat
seines Vaters Andrioc, der als Heidenkönig von Ungarn in Niko-
medien regierte. Er heiratet die schöne Helenborc, Schwester der
Könige Marsile und Agolant aus Spanien, die im Nationalepos als
Gegner des Christentums eine Rolle spielen. Der Ehe entstammen
zwei Söhne, Andronic und Girmain genannt. Eines Tages geht
Andronic mit grofsem Gefolge auf die Jagd, verirrt sich bei der
Verfolgung eines Hirsches im Walde, gelangt an die Einsiedelei
des heiligen Caprasi, der ihn zum Christentum bekehrt. Der Jüngling
kehrt ins Elternhaus zurück und als der König erfährt, dals sein
Sohn sich zu Christi Glauben bekennt, ist er darüber erzürnt und
die Königin stirbt vor Kummer. Andrioc will seinen Sohn dem
Christentum entfremden, doch ohne Erfolg. Er läfst die Einsiedler
aus dem Walde vertreiben und gibt seinem zweiten Sohn den
Auftrag, Andronic zum Heidentum zu bekehren. Dieser jedoch
überredet Girmain, dafs sie sich durch den heiligen Caprasi taufen
lassen. Der König entschliefst sich seine Söhne an den Hof des
Kaisers zu schicken. Auf der Fahrt dahin begegnen die Knaben
am Meeresufer dem heiligen Caprasi, sie verlassen insgeheim ihr
Gefolge und schliefsen sich dem Heiligen an. Der Hofmeister Horion
ist verzweifelt und bringt die Nachricht vom Verschwinden seiner
Söhne dem König Andrioc, der darüber sehr betrübt ist. Der
Heilige wandert mit den Jünglingen nach der Lombardei und gibt
denselben die Taufe. Andronic erhält den Namen Honorat, Girmain
wird Venantz genannt. Bei Vercell verlassen die Pilger die Lom-
240 LUDWIG KARL,
bardei und ein leuchtender Stern bezeichnet die Stelle, wo sie sich
niederlassen sollen.! Es ist der Berg Argentiera, wo der heilige
Macrobi eben sein Einsiedlerleben beendet,
Honorat als Einsiedler findet Gelegenheit zur Unterstützung
des kriegführenden Königs von Frankreich. Der Heidenführer
Aygolant besiegt den Fürsten Pepin und nimmt seinen Sohn Karle
gefangen nach Tholeta. Der heilige Jakob, der in Compostella
verehrt wird, entsendet Honorat, um ihn zu befreien. Es gelingt
dem Heiligen, die durch Dämone besessene Tochter Aygolants,
Sebylia, zu heilen und der Heidenkönig schenkt auf seine Bitte
Karle die Freiheit. Dieser zieht mit seinem Befreier nach Hause,
Venantz erwartete seinen Bruder mit Sehnsucht und empfängt ihn
mit grolsen Freuden. Damit sind die Jugendtaten des Heiligen
abgeschlossen.
An die ungarische Geschichte erinnern die teils friedlichen,
teils gewalttätigen Kämpfe zwischen Heidentum und Christentum,
die daselbst nach der Niederlassung der Kumanen im christlichen
Königreiche stattfanden. Die verwandtschaftlichen Beziehungen des
königlichen Hauses mit den neugetauften Fürsten müssen hervor-
gehoben werden. Ein gemeinsames Motiv zwischen der Jugend
Belas III. und dem heiligen Honorat wäre die Sendung an den
kaiserlichen Hof im Orient, die aus verschiedenen Gründen ver-
eitelt wird. Endlich gleicht noch die Unterstützung, die Bela dem
Kaiser Alexios im Türkenkriege gewährte, der Befreiung Karles
durch Honorat aus der Gefangenschaft der Heiden in Spanien.
Die Geschichte bewahrt in der Heiligenlegende nur einen schwachen
Schimmer, doch kann es kaum bestritten werden, dafs Raymond
Feraud die Chronik des königlichen Hauses kannte, nachdem er
doch seine Verslegende einer Prinzessin aus demselben widmete
und einige Ereignisse als Motive in der Bearbeitung der Jugend
seines Heiligen verwertete.
Das Haus Anjou eroberte im 14. Jahrhundert den Thron Ungarns
und dadurch kam das Land mit der Provence in rechtliche Beziehung
nach dem Verfall der Troubadourdichtung. Johanna I. (1327—-82),
die Enkelin Roberts von Anjou, erbte die Herrschaft über die
Provence und das Königreich Neapel. Sie heiratete ihren Vetter
Andreas, den Enkel Karl Martells und Bruder des ungarischen
Königs, Ludwig des Grofsen. Die unglückliche Heirat endete mit
der Erdrosselung des jungen Prinzgemahls im Schlosse zu Aversa
auf Anstiften seiner Gemahlin. Ludwig wollte den grausamen
Gattenmord rächen und zog mit einem Heere nach Neapel, von
wo Johanna in die Provence enifioh. Nachdem die bewafinete
Macht sie nicht erreichen konnte, lenkte der König den Streit auf
gerichtlichen Weg. Er wollte der sündigen Pıinzessin den Besitz
1 Der Weg folgt der Pilgerstrafse von Frankreich nach Italien. Der
älteste Führer ist mit der Turpinischen Chronik verbunden. S. Bedier, Zögendes
Epiques. Über einen gedruckten Wegweiser: L. Karl, Un itindraire de la
France en Italie in der Revue des Largues Romanes LI, 1908, 548.
UNGARN UND DIE PROVENZALISCHE DICHTKUNST. 241
des Königreichs Neapel und der Grafschaft Provence vor Gericht
streitig machen, erbat dazu das Gutachten eines Rechtsgelehrten,
Ludwigs von Placenta, der den erbrechtlichen Anspruch des Königs
auf die betreffenden Besitztümer feststellte (10. Aug. 1374). In
dem Rechtsstreit wurde jedoch kein Urteil gefällt. Johanna von
Neapel hatte das Glück noch drei Gatten an sich zu fesseln, der
Prophezeiung eines gewissen Anselm entsprechend: Maritabitur ALIO,
wobei das zweite Wort als Anagramm aus den Anfangsbuchstaben
der Namen ihrer Gemahle besteht.2 Ihre Schönheit rühmten die
Sänger, doch ist uns von ihr kein verlälsliches Bildnis bekannt. Ihre
erste tragische Heirat gab den Stoff zu dramatischen Bearbeitungen
in italienischer, spanischer, französischer und in Novellen in latei-
nischer, französischer und ungarischer Sprache. Die folgenden
abenteuerlichen Heiraten lielsen die Gattenmörderin im Zauberschein
erglänzen.® Der Begründer der Felibre-Literatur und neuprovenza-
lischer Dichter Frederi Mistral (1830—ı914) liefs ihre Gestalt in
einem nach Avignon verlegten Drama vor unseren Augen neu er-
scheinen. 4
Die Bedingungen des höfischen, ritterlichen Lebens und damit
des Herren- oder Frauendienstes, fehlten gänzlich in Ungarn während
des Mittelalter. Vorübergehend, durch fremde Prinzessinnen und
ihr Gefolge konnten höfische Sitten und Sinn für aristokratische
Dichtung oder Musik an die Donauufer verpflanzt werden. Weder
in provenzalischer, noch in fremder Sprache konnte dort die Dichtung
Blüte tragen. Die nationalen Volkssänger bemächtigten sich sagen-
hafter Stoffe, die ihrem Hörerkreise näher standen und auch nur
bruchstückweise in Prosawerke verflochten erhalten sind. Wenn
Ungarn in den Augen provenzalischer Minnesänger und Ependichter
als die Heimat die Kunst und Sänger liebender Fürsten oder
Prinzessinnen, frommer Heiliger und Bischöfe erscheint, so ist der
Ruf dem königlichen Hause zu verdanken. Die Könige unterstützten
und förderten die Verbindung ihres Landes mit den Kulturstätten
im Westen und Osten, sie hatten Familienbeziehungen mit den
kunstliebenden Herrscherhäusern. Endlich gab die Dynastie des
Arpad der katholischen Kirche vier Heilige, deren Leben in
Klöstern gelesen, öffentlich verherrlicht wurde, wovon sich zahl-
reiche Reflexe in den französischen Epen und Abenteuerromanen
erhalten haben.
LunpwiG Kart.
I Eine Abschrift des Urteils in den Arch. Nat. von Paris S. 458, no. 26,
° Andreas von Ungam; Ludwig von Tarent (20. Aug. 1356), Jakob von
Aragonien (25. Mai 1362), Otto von Brunswick.
® Benedetto Croce, Zepgende napoletane. Serie prima. Napoli 1905.
* F. Mistral, Za reino Yano. Paris 1890,
Zeitschr. I, rom Phil, XLVII. 16
Zwei provenzalische Streitgedichte (B. Gr. 461,16 u, 424, ]),
In der Hs. M finden sich zwei Unica, beide joc partlıt, die
insofern in Beziehung zueinander stehen, als hier und da ein
Rodrigo vorkommt, das eine Mal als Schiedsrichter, das andere
Mal als einer der Interlokutoren. Diese Dichtungen scheinen bisher
noch nicht kritisch bearbeitet zu sein. Sie können jedoch nach
Form und Inhalt ein gewisses Interesse beanspruchen, und so
mögen sie, lesbar gemacht, hier ihre Stelle finden, als kleiner
Beitrag zur Ehrung eines unserer hervorragendsten Textkritiker,
der erfreulicherweise noch immer, im Gegensatz zu manchen anderen,
zumal jüngeren Romanisten, diesen Zweig der philologischen Wissen-
schaft unbeirrt hochhält und seiner Überzeugung von der grolsen
Wichtigkeit der Textkritik durch Veranstaltung immer weiterer Aus-
gaben provenzalischer Texte beredten Ausdruck verleiht.
Nr. ı. Gr. 461,16, anonym. Hs. M 262 (MG. 318).
Das Partimen besteht aus sechs siebenzeiligen coblas unisonans
und zwei dreizeiligen Zornadas. Zum Schema ı10ab_ab_aab,
siehe Maus, S. ı5 f. und S. 87, 10, sowie Appel, BVent., Einl. S. 108
zu 2. In Bau und Reimendungen stimmt das Gedicht mit
P. Cardenal 66 (MW. 2, ı82) überein, in den Reimen allein auch
mit Montanhagol 6 (ed. Coulet, VI). Wiederkehrende Reimwörter
sind far, v.6u.47 (Gel.), jujar, v. 8 u. 44, 46 (Gel.) und sia, v. 32
u. 45 (Gel.).
Text.
I. Amix privatz, gran gerra vei mesclar
A doas donnas, cui ieu am ses baucia,
Contrals maritz e vueilh l’una pregar
Qe'm don s’amor. Jujatz qals miels seria
5 De las doas per plus tost congistar:
L’un’a marit ge non li o pot far,
L’autra l’a tal q’i muer de gelozia.
II. Amics privatz, co m’es tost a jujar,
Qar mout sai ben lo cors de drudaria;
ı0o Mas fin'amor saupra mieilhs coonseilhar.
ZWEI PROVENZALISCHE STREITGEDICHTE.
II ı5
20
IV.
25
V.
30
35
VI.
40
vi
45
VIII.
Varianten.
Pero d’aisso'us metrai en dreita via:
Leis, q’a*l jelos, podez antz gazainhar;
Qar ab gelos non pot donna durar,
Qi sia pros, anz li falsa paria.
Amics privatz, folli’aus festiar!
Qar anc presest cella, don non poiria
Aver null joi, gar trop la fai gardar
Cell gq’es gelos? Et ab gran maistria
L’autr’aug tot jorn drudaria parlar
E vai geren gon la puesc’ atrobar;
Qar lo maritz no l’en val nueg ni dia.
Amics privatz, tut sabem ses duptar
Qe:l fols crestatz ha pejor malautia
Non hal gelos, don vol tot jorn estar
Ab sa moilher; gar sap:tost la perdria
E garda la ge non lan laiss’annar.
L’autr’a’l jelos e fara s’en blasmar,
Si tost no‘l vest capell de cogocia.
Amics privatz, no'n sabes razonar
Q’ar es vencutz e plus no m’atendria
A vostres ditz; qar ieu non puesc trobar
Qe lo gelos tan tost cogos en sia
Con er l’autres; qe non li pot tardar,
Qar sa moilhiers no pot plus esperar
E laissa lo, car ren no li valria.
Amics privatz, ges ill no°l pot laissar,
S’ell atreissi laissar no la volia,
E qi'l crestat cuida escogogar,
Sos fols aturs sai ge torn’a follia;
Oar il no'n sap qe s’es far ni desfar.
L’autra poinha con s’i puesca venjar
Del fol gelos, e’/ falsa-ill compainhia.
Nostra tencos pot ben hueimais bastar,
Amics privatz, e vueilh deia’l jujar
Mos Malcoratz, ab ge amics m’en sia.
E Rodrigos vueilh ge si’al jujar,
Amics privatz, gar el sap dir e far
Tot gant si tainh a fina cortesia.,
II. 14 Que Lex. rom. 3, 256b.
III. ı9 j. de dr. 20 puesca trobar.
IV. 23 fol.
V. 32 le g.
VI. 42 e fasa.
a1 le m.
16*
243
244 ADOLF KOLSEN,
Anmerkungen.
ı. Die beiden Interlokutoren reden sich gegenseitig stets mit
amics privalz „vertrauter Freund“ an; vgl. dazu Stronski, Folquet
de Marseille, Einl.S. 35 ff. Die von dem ersten der beiden Freunde
gestellte dilemmatische Frage haben Selbach, S.75 und Maus, S. ı5
nicht genau wiedergegeben (vgl. dazu v. 24/5). Sie lautet: Welche
von zwei unzufriedenen Gattinnen ist leichter zu gewinnen, die
Frau des crestaf oder diejenige des gelos? — mesclar guerra ‚sou-
lever des querelles‘, B. d’Alamanon (ed. de Grave), S. 200.
2. Ist doas hier zweisilbig wie in v. 5, so ist die Zäsur des
Verses eine epische; eine Iyrische aber, wenn man doas als einsilbig
ansieht. Vielleicht hiefs es indes ursprünglich Doas domnas, ohne
die nicht durchaus notwendige Präposition a; vgl. v. ıg das über-
flüssige de der Hs. vor drudaria.
4—5. „welche eher am schnellsten zu gewinnen wäre“; con-
gistar und v. 8 jujar sind Infinitive mit passiver Bedeutung; vgl.
dazu Diez, Gramm. S. 936 u. 940 unter esse ad und pro.
6. faire lo, o exprime l’acte de la copulation (Pet. Dict.).
8. Zu der Schreibung jujar hier und v. 44 u. 46 s. Lex. rom.
3, 608 unter 36 forjujar und jujador.
9. cors „Lauf, Gang“.
10. In fin’ amor ist das Adjektiv betont. — conselhar „helfen“,
Appel, Chrest. St. ı, 312.
ı1. Zero „dennoch“.
14. Qi oder aber g’; oder ge „gesetzt, dafs — „falls“;
Raynouard, Lex. rom. 3, 256b übersetzt „Car avec jaloux ne peut
durer que Jdame soit honnäte, mais lui fausse compagnie*. — /alsa
paria „bricht die Genossenschaft“; vgl. afrz. fausser „(sein Wort)
brechen“, Foerster, S. 138.
15. aus = aug „ich höre“; s. unter audir in Bartschs Chrest.®,
S.471. — festiar „feiern“; im Pet. Dict. steht nur festfar und festejar.
16. Oar anc? „warum denn nur?“ vgl. it. come mai „wieso
denn nur?“ — fresesi = prezeis von resar „hochhalten“.
18. ei „aber“.
20. „sie fragt, wie ich sie treffen könne“, d.h. sie bittet mich
um eine Zusammenkunft; hier besser afrobar, da frobar v. 31 im
Reime begegnet.
21. en bezieht sich auf das o des v. 6.
22. ses duplar „ohne Zweifel, fürwahr“.
23. Zu cresiat ‚impotent‘, s. Schultz-Gora, Prov. Studien, S.ı 100,
zu v. 22.
24—25. don „weshalb“.
26. ge „derart, dafs“.
27. „die andere hat den Eifersüchtigen (zum Manne);
vgl. v. 12.
28 übersetzt Raynouard, Lex. rom. 2, 432: Si bientöt ne lui
rev&t chapeau de cocuage*.
ZWEI PROVENZALISCHE STREITGEDICHTE. 245
30. Qe „so dals“. — es = etz.
33. „Denn für ihn (den anderen, den cresiaf) kann es nicht
lange dauern“.
34. Statt des handschriftlichen zo wäre besser no'n.
39. sos bezieht sich auf gz,; zum Sinne vgl. v. 23—25.
40. Denn sie weils sich darin nicht zu helfen.
41. ponhar com Swb. 6, 451.
42. el (=elh) falsarıll ( f. la) c. — Zu angelehntem :// — /a
(weibl. Art.) s. Appel, Chrest., St. 50, 31 e’z// beleza. — Die Konjektur
ergibt sich aus v. 14.
44. deia nach voler ist ein Pleonasmus.
45. Nach E. Levys Deutung von malorar, Swb. 5, 57 bedeutet
der Name Malcoratz „der Aufgebrachte, Zornige*.
46. Kodrigo dürfte mit dem an der hier folgenden Tenzone
(Gr. 424, ı) beteiligten Trobador dieses Namens identisch sein; vgl.
Maus, S. ı5.
Nr. 2. Gr.424, 1, R..und Rodrigo. Hs. M 256 (MG. 322).
Das Partimen hat dreimal zwei zehnzeilige Strophen (codlas
doblas) und zwei dreizeilige Geleite. Das Schema 8a 8b 8a _ 8b
4a” 4a_8b 4a” ga 8b liegt auch G. d’Espanha 7 zugrunde;
vgl. Maus, Nr. 204. Im Reime werden, aber nicht von demselben
Dichter, zweimal verwendet die Wörter muda, v. 28 u. 35, dits 57
u. 63 (Gel.) und guida 48 u. 64 (Gel) — Was Rodrigos v. ı2, 32
u. 52 mit R.. bezeichneten Partner betrifft, so fragt Maus, S. 72,
ob er mit Rainaut de Tres Sauses identisch sei. Da er aber im
Schlufsvers mit Zn Berengier angeredet wird, so kann nur ein
R. Berengier in Frage kommen, Rostanh oder Raimon Berengier.
Wahrscheinlich handelt es sich um den von Chabaneau, Biogr. S. 170
genannten Raimon Berenguier V, comte de Provence, der auch
sonst tenzoniert hat, als kom ab armas sınalz, wie er sich in dem
wohl 1238 mit Bertran d’Alamanon verfafsten Gedichte Gr. 76, 17
(de Grave, Bertran d’Alamanon, S. 114) nennt, sehr wohl, wie das
hier der R.. tut, kriegerischen Heldentaten gegenüber friedlichen
Werken den Vorzug geben konnte und der dann für seine Frage-
stellung ein Schema desjenigen Dichters benutzt hätte, der seine
Tochter Beatrix in seinen Liedern besang (vgl. Chabaneau, Biogr.
S. 145 unter G. d’Espagne). Dafs als Interlokutor Rodrigos ein
Raimon in Betracht komme, bemerkt übrigens auch Chabaneau,
S.174b. Hinzu kommt nun noch, dafs hier im v.63 von Berengier
ein Gigo zum Schiedsrichter vorgeschlagen wird. Ein Guigo
(de Cabanas) hat aber ebenso wie Raimon Berenguier mit Bertran
d’Alamanon Tenzonen gedichtet (nach de Grave, S. 71, um 1233;
vgl. auch Schultz-Gora, Prov. Studien I, 94), so da/s anzunehmen
ist, dafs beide Partner Bertrans auch miteinander bekannt waren.
246
III.
IV.
10
15
20
25
30
35
40
ADOLF KOLSEN,
Text.
Ar chauzes de cavalaria,
En Rodfrigos, lo laus e’] pres
Et retenes per tota via
Ses l’obra, o, si mais voles,
L’obra, no’i sia
Lo pres nul dia
Nil laus? Mas pero tal prendes
Qe vostr’amia
Totz temps n’estia
Vostra, si no er la perdes.
Laus mensongiers es juglaria,
R.., per que saber podes
Qe no m’azaut de sa paria,
E vueilh l’obra aver ades
En ma bailhia;
Oar a baucia
Non es dretz midons gazainhes.
Tan s’umelia
En leis eoindia,
Per q’ab frau non tainh q’ieu l’ames.
En Rodrigos, saisons ajuda
Az aver joi de leis q’amatz,
Desg’us treus ha joia creguda;
Mas s’ill es tals con vos la faz,
Ja no'’ss er druda
Ni car tenguda,
Qar laus e pres per ren laissaz,
Don ilh s’i muda,
Qan venra’l bruda
El laus dels cavaliers prezatz.
Vostra racos mi par vencuda,
R.., gar non ver razonatz
Ab faz d’arnıas, don mantenguda
Es valors e jois e solatz.
E car no’s muda
Per gen menuda
Ma domna, cui sui obligatz ?
Qar folla cuda
Non es volguda
Per leis; tan la sosten vertatz.
Varianten:
I. gesi 6 Le p.
III. 23 Desaus t. 24 t.connozla 25 noser
27 Qar.
ZWEI PROVENZALISCHE STREITGEDICHTE. 247
V. En Rodrigos, s’obra grazida
Vos es, fins jois vos er faidiz
E vostra donna’us er faidida,
Pos no‘°n seres per nul grazitz,
45 C’obra perida
Es e s’oblida
Ses laus e ses prez. Qui’lh es guitz?
Laus e prez gida
Fin joi a vida,
50 Per q’es vencutz e relengitz!
VI. De cell s’es vergoinha partida
Qe vol esser car amentitz,
R.., per q’ieu hai ses failhid&
L’obra, on es totz bes noiritz,
55 Per miells chaugida
Q’ar ges aizida
Non es, drez ge’m fos, per fals ditz
Cil g’es complida,
Sol fos ardida
60 D’amar, de totz bos aibs complitz.
vo Pos la partida
Avem bastida,
En Gigos juge vostres ditz.
vo. Be’m plaz; gar gida
65 Valor complida,
En Berengier, m’es abellitz.
Varianten: V. 41 sobre g. 42 ioi. 46 Eseis o. 49 Fins.
VI. 52 e. qar ha mentiz, 60 coplitz.
VII 63 Gigo.
VIII. 66 B. ni mabellitz.
Anmerkungen.
Die Doppelfrage bezieht sich auf den Wert kriegerischer und
friedlicher Betätigung: Wählt ihr jetzt den Ruhm der Tapferkeit
ohne die friedliche Arbeit oder vielmehr (s7 ma:s voletz) die friedliche
Arbeit ohne jeden Waffenrunhm? Dem preiz de cavalarıa ses l’obra
hier ist v. 5fl. und v. 45fl. die odra ses Jaus e preiz entgegengesetzt.
I. cavalarıa bedeutet hier wie S. 18 meiner „Trobadorgedichte“
(Halle 1925), Nr. ı8 (Gr. 238, 2), v.4 „Tapferkeit“.
2. pres (= prets), voles (— voletz), sowie frendes ... im Reime
mit ades (v. ı4) und der ı. Pers. Konj. Praet. gazainhes (v. 17);
s. dazu Erdmannsdörffer, S. 124 b.
5. obra ist friedliche, produktive Tätigkeit; vgl. besonders v. 54.
Das Wort steht v. 41 und 45 gleichfalls ohne Artikel.
248 ADOLF KOLSEN, ZWEI PROVENZALISCHE STREITGEDICHTE.
7. mas und fero begegnen auch sonst vereint, so Appel, Chrest.
7, 26; 69, 30; BVent, 23, 45 und Cadenet, S. 100 zu 6.
13. ich erfreue mich nicht seiner (des falschen Ruhmes)
Gesellschaft.
16—17. Dem gasainhar a baucia entspricht v. 20 amar ab frau.
24. faire „darstellen, schildern“; Swb. 3, 382, 10.
28. : „für euch, euch gegenüber“.
29—30. wenn die rühmliche Nachricht (Hendiadys) von den
Helden eintrifft.
36. für gemeines Volk, das nur von Waffentaten Lob erwartet.
42. Jaidiz „entfernt, entzogen“ (?).
47. Qui’lh es guiliz? Wer ist für sie Führer (des Wertes)?
50. es relenguits „ihr seid matt gesetzt“.
52. der dringender Zurechtweisung bedarf; car „instamment“,
Pet. Dict.; amentir, im Provenzalischen nicht belegt, ist im Afrz.
„dementir“.
56—57. „so dals, insofern ich auf rechtem Wege bin (falls
mir Recht würde), diejenige jetzt gewils nicht für falsche Reden
empfänglich ist“.
61—62. bastir un sirventes heilst es bei G. Faidit, Zeitschrift
f. rom. Phil. 38, 306, ı. Fufsn., dastir l’estampida bei R. de Vaqueiras,
Appel, Chrest., St. 52, 68/70.
63. Zu Gigo s. die Einleitung.
64. gar gida „da er vorangeht“.
66. Zu Berengier s. die Einleitung. — m’es abellitz „er ist mir
wohlgefälllg, gefällt mir, sagt mir zu“; vgl. Appel, Chrest., St. 53, 59.
ADOLF KoLsen.
Provenzalisch p/us negative Aussage steigernd,
In seiner Ausgabe des Lebens der heiligen Fides von Agen
widmet Hoepfiner! den Versen 40/41
Non’s pars neguns dels granz peccaz,
plus cel q’es folz getz mel[z] membraz
einen längeren Exkurs. Er findet den zweiten dieser Verse dunkel
und meint, des Dichters Idee sei folgende: je törichter die Leute
sind, desto weniger enthalten sie sich der Todsünde?; der Text
aber besage gerade das Gegenteil, und dieser seltsame Widerspruch
sei nur so zu erklären, dafs der Dichter den v. 40 trotz seiner
negativen Form in positivem Sinne aufgefalst habe, d.h. dafs er
zwar gesagt habe: „Keiner enthält sich der Sünde“, dafs er aber
konstruiere, als wenn es hiefse: „Sie verharren alle in der Sünde,
die Toren noch mehr als die Vernünftigeren“. In dem Nachtrag,
in dem er sich mit der kurz vor Vollendung seiner Arbeit erschienenen
Ausgabe desselben Gedichts durch A. Thomas? auseinandersetzt,
stellt Hoepfiner (S. 370), gewils mit Befriedigung, fest, dals Thomas
seine frühere Deutung der Stelle? aufgegeben habe und unabhängig
von ihm zu derselben Auffassung wie er gelangt sei. In der Tat
sagt Thomas ganz ähnlich wie Hoepffner (S. 51): Za densee exprimee
sous forme ntgative au v.40 («aucun ne s’absiint de») Equivaut d l’af-
firmation que «tous s’abandonnerent d...»s5 c'est ce qui explique l’emploi
de «plus» au v. 41, oR une synlaxe rigoureuse demanderail «moins».
Beide Herausgeber legen also im Grunde dem Dichter einen
recht groben Denkfehler zur Last, und auch Chaytor, der Hoepffners
Ausgabe anzeigt,5 tut eigentlich nichts anderes, wenn er der Stelle
dadurch beizukommen sucht, dals er von dem negativen Sinne des
ı E. Hoepfiner et P. Alfaric, Za Chanson de Sainte- Foy, Paris 1926,
tome Ier (Publications de la Facult& des Lettres de l’Universit@ de Strasbourg,
fasc. 32), S. 260—1.
2 Dafs dieser Gedanke zugrunde liegt, dürfte zweifellos richtig sein und
wird durch die Ausführungen Alfarics über den Zusammenhang von Torheit
und Sünde im 2. Bande der Ausgabe, S. 88 erhärtet.
® La Chanson de Sainte Foi d’Agen (Classiques francais du moyen äge
Nr. 45), Paris 192S.
* Im Journal des Savants 1903, S. 341, wo Thomas durch Aufhellung
des geiz (= ge + Artikel) überhaupt erst einen Sinn in den Vers gebracht
hat, übersetzt er diesen, ohne ihn in den Zusammenhang zu stellen: Zus celui
qui est fou que le plus raisonnable.
5 Modern Language Review XXI (1926), S. 456—7.
250 KURT LEWENT,
plus (!) ausgeht und übersetzt: None of them avoid sin, no more the
foolish than the sensible, i.e. all alike are equally lo blame. Zwar sieht
Chaytor selbst, dafs es bei dieser Auffassung des Verses eigentlich
umgekehrt lauten mülste: „der Kluge nicht mehr als der Tor*;
er meint aber, so etwas finde sich in früheren Gedichten oft.
Nun wird man dem Verfasser des Lebens der heiligen Fides
gewils keine meisterliche Handhabung der Sprache nachsagen wollen !;
aber von dem Vorwurf, dafs er „mehr“ gesetzt habe, wo er „weniger“
(Thomas— Hoepffner) oder „nicht mehr“ (Chaytor) meinte, glaube
ich ihn doch reinwaschen zu dürfen.
Chaytor verweist zum Verständnis dieser Stelle auf v. 224, wo
ein gleichgeartetes Aus begegne. Es heilst da von Dacian:
Colged s’en leit, non pog dormir,
plus q’om qe sempre vol fugir.
Merkwürdigerweise deutet auch Hoepffner hier Aus mit pas plus,
dessen negativen Sinn er aus der Verneinung des Hauptsatzes
bezieht, und verweist dabei auf den „ziemlich analogen“ Gebrauch
des Plus in v. 41. Trotz Hoepffners gegenteiliger Meinung wird
man das Komma hinter dormir streichen können, wie es auch
Thomas tut. Dagegen bin ich mit des letzteren Übersetzung: mais
ne pul pas plus dormir que celui qui veut fuir sur le champ? nicht
ganz einverstanden, wenn ich auch zugeben muls, dafs die Stelle
so gedeutet werden kann. Vielmehr bin ich mit Hoepffner und
Chaytor der Meinung, dafs dem p/us in v. 224 dieselbe Funktion
zukommt wie dem in v.4ı, und dafs diese von der sonst ge-
läufigen etwas abweicht, hat wohl auch Hoepfiner gefühlt und. ihn
bewogen, auf die Setzung des Kommas hinter dormir so grolsen
Wert zu legen.
Trifft die Annahme zu, dafs in v. 40/4ı non ... plus que...
etwas anderes als „nicht mehr alg = ebensowenig wie“ bedeutet,
so wird man, um diese Bedeutung zu erfassen, von dem Nicht-
schlafenkönnen als einer im Bewulstsein des Dichters vorhandenen
Vorstellung ausgehen und in dem Zus eine auf Dacian bezogene
Steigerung dieser Vorstellung erblicken dürfen. Dacian legte sich
ins Bett, konnte aber nicht schlafen, und zwar in höherem Grade
noch als einer, der zur Flucht bereit ist. Das Aus steigert also
nicht ein Wort des Satzes, sondern die gesamte verneinte Aussage,
ist also als ein Satzadverb zu betrachten.
Von dieser etwas durchsichtigeren Stelle aus fällt Licht auf
das eingangs zitierte Verspaar. Diesem ist m. E. gar nicht anders
beizukommen, da die Stellung der beiden Satzglieder ce g’es fols
und mel[z] membraz die Deutung des non ... plus que als „nicht
mehr als“ unmöglich macht. Auch hier ist wieder von der negativen
i Hoepffners diesbezügliche Ausführungen in seiner Einleitung (S. 231—49)
scheinen mir etwas überschwenglich.
? Auch Gröber, Melanges Chabaneau S. 600, übersetzt: „er konnte nicht
mehr schlafen als einer, der auf dem Sprunge ist zu fliehen.“
PROVENZALISCH PLUS NEGATIVE AUSSAGE STEIGERND. 251
Vorstellung des Dichters, dem Nicht-sich-fernhalten von Sünden,
auszugehen. Diese Vorstellung wird nun von den Toren in höherem
Malse ausgesagt als von den Vernünftigeren. Niemand enthielt
sich der Todsünden; der Tor übte die Nichtenthaltung in weit
grölserem Umfang als der Vernünftige. Wenn man diesen Ge-
danken anders wenden wollte, so könnte man freilich auch sagen:
der Tor enthielt sich noch weniger der Todsünden als der Ver-
nünftige, und hier wäre denn das „weniger“, das Hoepffner und
Thomas so sehr vermissen. Der Dichter aber hat weder gegen
die Logik noch gegen die Syntax verstofsen. Da er seiner Aus-
sage negative Einkleidung gibt, konnte er ein „weniger“ gar nicht
verwenden, sondern diese negativ geformte Aussage folgerichtig
nur mit plus steigern.
Dafs diese Ausdrucksweise übermäfsig klar ist, wird niemand
behaupten wollen. Wenn aber die beiden hier vorgetragenen Fälle,
wie ich annehme, wirklich völlig gleicher Natur sind, so liegt die
Vermutung nahe, dals diese etwas eigenartige Verwendung von
plus nicht auf einer stilistischen Entgleisung des Verfassers der
„Fides“ beruht, sondern im Sprachgebrauch seiner Zeit begründet
ist. In der Tat glaube ich diese Redeweise auch sonst im Proven-
zalischen gefunden zu haben, an Stellen, die m. E. erst auf Grund
der hier versuchten Deutung rechte Beleuchtung erfahren.
Wenn Raimbaut d’Aurenca sein Lied Gr. 389, 10 (Kolsen,
Dichtungen der Trobadors S. 226) mit der zweizeiligen Tornada:
Plus que ia fenis Fenics
non er q’ieu no'n si’amics
schliefst, so will er m.E. nicht mit Kolsens Übersetzung sagen:
„Ebensowenig, wie Phönix einmal endet, werde ich je aufhören,
euer Freund zu sein“, sondern: In noch stärkerem Mafse besteht
in Bezug auf mich die Unmöglichkeit, euch nicht zu lieben, als
in Bezug auf den Phönix die, dafs er je enden wird; d.h. eher
wird der Phönix enden, als dals ich euch nicht liebe. Während
durch Kolsens Übersetzung der Vergleich der Ungleichheit, der
doch nun einmal in plus que liegt, verloren geht und gewissermalsen
zu einem Vergleich der Gleichheit nivelliert wird, bleibt die Natur
des pius bei der hier vorgetragenen Deutung gewahrt, einer
Deutung, die mir den pretiösen Liebesbetrachtungen der Trobadors
im allgemeinen ! und dem Stil des oft nur gar zu gezierten Raimbaut
im besonderen durchaus angepalst zu sein scheint.
Ganz ähnlich dürfte der Fall in dem in ms. a’ überlieferten
Gedicht des Cadenet Gr. 106, ı8a (Appels Ausgabe S. 32) liegen,
dessen Anfangsverse lauten:
Plus que la naus q’es en la mar prionda
non ha poder de far son dreg viatge
entro gel venz socor de fresc auratge
i I Man liebt treuer als Tristan, leidet gröfsere Pein als Andrieu, ist be-
glückter als Flore usw.
252 KURT LEWENT,
e la condui a port de salvamen
non ai poder, tant no'm pes ni m’albir,
ni null respeig vas cela cui dezir ...
Appel übersetzt: „Nicht besser als das Schiff, das ..., hab ich,
mag ich so sehr auch meinen Geist bemühen, Gewalt vor der, die
ich ersehne ...“ und beseitigt damit m. E. die Kraft des Ausdrucks,
dessen Wesen mir wieder in der Steigerung der negativen Aussage
zu beruhen scheint. Einem „nicht besser als“, d.h. also einem
„ebensowenig wie* würde ich auch hier die Wahrung der Steigerung
vorziehen und übersetzen: „In noch höherem Malse als das Schiff
auf hohem Meere keine Gewalt hat, habe ich vor derjenigen keine
Gewalt, die ...“, d.h. ich bin noch machtloser ihr gegenüber als
das Schiff auf hohem Meere. Gerade die Stellung an der Spitze
des Satzes, wie sie dus hier und in dem vorhergehenden Beispiele
hat, dürfte eine stilistische Stütze für diese Deutung des Wortes sein.
Diese Stütze fehlt auch nicht ganz in dem folgenden Beispiel,
das ich ebenfalls hierher stellen möchte. In der Buchausgabe seiner
Poesies provengales inedites hirees des manuscrits d’Italie, Paris und
Leipzig ı898, S. 69 veröffentlichte Appel das Gedicht Gr. 345, 2
des Guillem Peire. Darin heifst es von dem oder von den schlechten
Reichen:
Agels plus ge deners fals
non deu esser prez cabals.!
Appel übersetzt: A ceux-c, qui sont plus faux qu'un (aux) denier,
prix ne doit appartenir. Diese Deutung setzt aber ein doppeltes
fals voraus. Ich möchte deshalb konstruieren: Plus ge deners fals
agels non deu esser pres cabals und übersetzen: „In höherem Malse
noch als falschen Hellern soll jenem (bzw. jenen) kein voller Wert
zuteil werden“, d.h. er soll weniger gewertet werden als falsche
Heller.?
Endlich noch ein Beispiel aus der Epik. König Artus Hände
haften fest an den Hörnern des Zauberrindes:
Mas anc non pot las mans partir
dels coras — tant non las a tiradas —
plus que si (dies si) foson claveladas.
Jaufre ed. Breuer v. 266—8.
Die Unmöglichkeit, die Hände von den Hörnern zu lösen, war
grölser, als wenn sie an diesen angenagelt gewesen wären.
Wenn das Wesen der hier behandelten Redewendung wirklich,
wie ich meine, darin besteht, dafs p/us ein negatives Satzganzes
ı Statt Agels sollte man Agel erwarten, da in der ganzen Strophe nur
von „dem“ Reichen die Rede ist, Ob dem cadals wirklich die Bedeutung
„zugehörig“ beigelegt werden darf, mag dahingestellt bleiben; vielleicht gehört
prez cabals, eine stereotype Redensart, auch hier zusammen. Für die hier
behandelte Frage ist aber beides ohne Bedeutung.
2 Der Dichter spielt hier offenbar mit dem doppelten Sinne des Wortes
pretz, dem realen (Geldeswert) und dem ideellen (moralische Wertung).
ua nn En
PROVENZALISCH PLUS NEGATIVE AUSSAGE STEIGERND. 253
steigert, so hat dies zur selbstverständlichen Voraussetzung, dass
das Wort auch in positiven Sätzen in gleicher Verwendung vor-
kommen mufs. Nun ist es eine bekannte Erscheinung, dals gerade
Mengeadverbia wie mouf, fan, mais, melhs u.a.in der alten Sprache
überaus häufig nicht vor dem Worte stehen, zu dem moderne,
mehr logisch gestaltende Ausdrucksweise sie stellen würde, sondern
fern von diesem Worte, besonders gerh am Anfang des Satzes.
Die so gestellten Adverbien geben dann nicht den Grad des durch
ein Einzelwort bezeichneten Begriffs, sondern die Intensität der
durch den ganzen Satz zum Ausdruck gelangenden Gesamtvorstellung
an.i Dies ist jedem Leser alter Texte geläufig, sei aber zum
Überflufs hier noch mit ein paar Beispielen für us erhärtet: Que
Plus etz blanca quevori Guilh. IX, Gr. 183, 6, v. ı3 (ed. Jeanroy,
Ann. Midi XVU, 203, Nr. VIII); De lai don plus m’cs bon e bel Non
vei mesager ni sagel ders., Gr. 183, ı, v.7 (a. a. O. S. 208, Nr. X);
Plus sera dreicha que lıgna (Quand ieu serai sos privala Marcabru,
Gr. 293, 18, v. 23 (ed. Dejeanne Nr. 18); Plus trac pena d’amor
De Tristan l’amador Bern. Vent., G@r.70,44, v.45 (ed. Appel Nr. 44);
Car eu sui seus plus qu'eu no dic ders., Gr. 70, 24, v. 36 (ed. Appel
Nr. 24); Car meins n’a de iauzimens Qui plus vos ser lialmens El. Barj.,
Gr. 132,2 (ed. Stronski XIU), v. 23/24; Anz sofra bonamen, On
blus er malmenalz Pons Capd., Gr. 375, ıı (ed. Napolski XXII),
v. 20/21; Mas plus n’er avinen, Sim ten gai e jauzen, Com (lies
C’om = C’on?) mais me fai languir, On plus l’am finamen ders.,
Gr. 375, 2ı (Napolski Nr. XVI), v. 15— 18.
KURT LEWENT.
ı Vgl. Schultz-Gora, Provensal. Elementarbuch*, 8 zı1.
The Function of the Gong in the Source of ÜOhrestien
de Troyer’ Ivain, !
We have sometimes wondered why there is as yet no study
on the function of the gong in the source of Chrestien de Troyes’
Jvain. Scholars are all agreed that there was a gong in Chrestien’s
source, but no one, as far as we know, has attempted to show
either what the gong looked like or what its function was. Perhaps
it is because critics have hitherto tacitly taken for granted that the
gong was more or less similar to the gong in the castle of the
Vavassor, and that its function was not only to announce the
arrival of the challenger but also to give a formal challenge to the
defender of the spring. That is so doubtless, but the gong’s most
important and primary function was much more than that. The
present study is an endeavour to explain what this function was.
By a lucky chance we find a gong in other poems of the
Middle Ages. Many years ago now Gaston Paris pointed out the
general similarity that exists between the Lanzelet of Ulrich von
Zatzikhoven and Chrestien’s Zvain.? The similarity has in recent
years been worked out in greater detail by Wendelin Foerster, the
regretted editor of Chrestien’s works,3 and by R. Zenker.* As in
Jvain, so here also the scene is laid beside a spring in a forest —
the beautiful forest of Behforet in the neighbourhood of Dodona.
This spring bursts forth from the roots of a lime-tree, from the
branches of which there hangs a bronze cymbal or gong with a
hammer near by:
3898 Diu linde ist grüene durch daz jär,
ein @rin zimbel ist dar an
gehenket, daz ein ieglich man
ı For more information about the source of /vain and other questions
raised by this study than can be given in the limited space at my di
I refer the reader to the book which I have been writing on the subject for
over four years now, and which should be ready for publication before very
long. The title is: The storm-raising spring in the forest of Broceliande,
a study of the sources of Chrestien de Troyes’ Ivan and the episode of La
Foie de la Cort in Erec.
2 Romania, Vol. X, p. 474, n. 4.
® See introduction to his small Z/vain, 1912*, pp. XXX V fi., reprinted with
additions and alterations in his Arıstian von Troyes Wörterbuch zu seinen
sämtlichen Werken, Halle 1914, pp. ı10*fl.
% Forschungen zur Artusepik 1. Jvainstudien, Halle 1921, pp. 84f.
GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN DE TROYES’ IVAIN. 255
mit eime hamer dran slät,
der muot üf mine vrowen hät
und der manheit wil bejagen. (Edit. Hahn.)
When Lanzelet came to the spring he struck three blows on the
gong with the hammer and a knight named Iweret galloped up
to engage him in single combat. After a fierce struggle Lanzelet
defeated Iweret, married the dead knight’s daughter, Iblis, and
became lord of Dodona in his place.
An episode which bears some resemblance to the version in
Lanzelet occurs, as Foerster first pointed out,! in ZZuon de Bordeaux;
it is generally known as the episode of Dunosire. There we hear
how Huon comes to the castle of a giant named Orgueilleux. In
front of the castle is a basin or cauldron of gold, in this case not
hanging from a tree, but mounted on a pillar:
Par devers destre Huelins regarda,
-I- bacin d’or a °I- piler trouva;
Cil que Y’i mist mout bien li ataka.?
As there is no hammer in this version Huon strikes tlıree blows
with bis sword on the cauldron and makes the castle reverberate
to the echo:
Il traist l’epee dont Seuvins l’adoba;
Sour le bachin l’enfes III’ cos frapa
Et li palais tenti et resonna.®
The giant does not appear immediately for he is asleep, but later
Huon fights with the giant and slays him.
What is to be inferred from these two versions with regard
to the source of Chrestien’s Zvain? What actually stood in Chrestien’s
source here?* From the points of agreement between Lanze
and the episode of Dunosire Foerster inferred that in Chrestien’s
source there was a gong and that three blows were struck on it.5
This gong was perhaps still in the source that Chrestien used for
his poem, for he has described just such a gong in the castle of
the Vavassor, and there the Vavassor himself strikes three blows
on it with a hammer:
aıı Anmi la cort au vavassor, ...
Pandoit une table ...
Sor cele table d’un martel,
Qui panduz iert a un postel,
Feri li vavassors trois cos. ®
I See small /vain®, p. XLI.
2 Edition of Guessard and Grandmaison, p. 141.
® Ibid., p. 141.
* For the relation of these three texts to each other I refer to my
forthcoming book.
5 Ursprünglich ist dagegen das Gong mit seinen drei Schlägen, dessen
Rolle hier die Sturmquelle ist, small /vain*, p. XLIV, n. 2.
° Cf. JZvaint, p. XXXVII and Wörterbuch, p. 112*,
256 CHARLES BERTRAM LEWIS,
Up to this point the present writer is in complete agreement
with Foerster, but Foerster went further and argued that since a
gong stood in Chrestien’s source the storm-raising spring did not.!
Foerster did not consider the storm-raising spring to be part of
Chrestien’s source because he was convinced that Chrestien took
it from Wace.? It is true he is not quite so categorical in his
Worterbuch,3 but he never really changed his position.% In Foerster’s
opinion, then, and this is the point to which we would call attention,
Chrestien took the storın at the spring from Wace and put it in
the place where the gong had originally stood in his source, and
used it as a challenge to Ivain’s antagonist.5 Now, much as we
admire Foerster's work, we cannot help thinking that Foerster made
a serious error in coming to this conclusion. We refuse to believe
that the storm at the spring did not belong to Chrestien’s source
and consequentliy we are unwilling to believe that Chrestien took
it from Wace; besides, Wace’s spring was only a rain-making spring.
Chrestien certainly knew Wace’s description of the spring, but all
he borrowed from Wace was on the one hand the idea of localizing
his own storm-raising spring in the forest of Broceliande, and on
the other the trait that he had been befooled in going there to
see the wonders of the spring.® The present writer would rather
believe that the storm which bursts the moment some water is
poured on the emerald slab is as important and as original a
feature as the gong; in other words that the gong and the slab
were both influential in raising the thunderstorm. Chrestien perhaps
did not understand the real significance of the gong or he would
not have separated it from the thunderstorm, though it is possible
of course, if unlikely, that the gong and the thunderstorm were
already separated in the source which Chrestien used. However
that may be, if we would explain the supernatural element in /va:n
it is necessary to bring together once again just these two features—
the gong and the thunderstorm, for in our opinion the three blows
struck on the gong helped quite as much to raise the thunderstorm
as the water poured on the emerald slab. It was precisely the
act of making the gong resound on the one hand and of pouring
water on the slab on the other, which caused the thunderstorm.
t Schon der Umstand, dafs die Quelle neben dem Gong keinen Zweck
hat, läfst sie als ganz nebensächlich und sekundär erscheinen, /did., p. XLIV,
n. 2; cf. p. XXXV.
2 Roman de Row 11, 6395—6420; cf. Wörterbuch, p. 101*. Was nun
unsere Sturmquelle betrifft, so ist aus der wöıtlichen Entsprechung zwischen
Wace und dem späteren /vain mit Sicherheit zu schliefsen, dafs Kristian sich
dieselbe aus Wace geholt hat, /vain*, p. XXVIII; cf. Zdid., p. XIIf.
s P. 106*; cf. Zenker, Z/vainstudien, p. 132.
4 Cf. /vain, Textausgabe, Halle 1926 (= Iv.+2), pp. XIV and XIX).
8 Während aber in L. (Lanzelet) das Gong und die mit dem daneben
hängenden Hammer ausgeführten Schläge den Gegner rufen, tut es hier das
durch das ausgegossene Wasser hervorgerufene Gewitter, small Zvasn*, p. XXXVII
= Wörterbuch, p. 112*; cf. /bid., p. 119*.
® See Zenker, Zvainstudien, p. 1331.
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22
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GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN DE TROYES’ IVAIN.” 257
These curious traits, we would maintain, are survivals of ritual
acts which were actually performed in a primitive stage of society
and their object was, by sympathetic magic, on the principle that
like produces like, to evoke thunder and rain.
The mental outlook of man in these primitive epochs has been
admirably described by M. Salomon Reinach. Man believed that
certain mysterious bonds linked him with the world of Nature,
that -he could obtain from Nature all his wants by setting Nature
the example, that is to say, by having recourse to one or other
of the innumerable practices which constitute what is called sym-
pathetic magic. Before he asked for rain by prayer, as is done at
the present day, man believed he could obtain it by force, and
make it inevitable by rites to which Nature would be bound to
respond, as an echo responds to a cry.! An example of such
sympathetic magic is contained in the legend of Salmoneus. In
the sixth book of Vergil’s Aeneid,2 Salmoneus, a legendary king
of Thessaly, is depicted as undergoing the most dreadful torments
in Hades for having imitated the thunder and lightning of Jupiter.
In his insensate pride he imagined that he was the equal of Zeus
or even Zeus himself, for he imitated Zeus’s lightning flash by
hurling flaming torches into the sky, and Zeus’s thunder-clap by
fixing cauldrons of bronze to his chariot and driving it over sheets
of bronze fastened to the ground. Zeus, angered by such rivalry,
blasted him with his bolt.3
This legend, says M. Reinach, is absurd and childish, but
thanks to the science of comparative mythology it is possible to
detect its origin and reduce it to its earliest form. There was at
Crannon in Thessaly a sacred chariot of bronze. In times of
I Cultes, Mythes et Religions, Vol. II, p. 164. Mr. Cook, Zeus, Vol.I,
p. II expresses the same idea in much the same way: “Vegetable life, and
therefore animal life, and therefore human life, plainly depends upon the
weather, that is upon the condition of the Sky. Hence unsophisticated man
seeks to control its sunshine, its winds, above all its fructifying showers by
a sheer assertion of his own will-power expressed in the naive arts of magic.”
2 The passage is as follows: —
Vidi et crudeles dantem Salmonea poenas,
Dum flammas Jovis et sonitus imitatur Olympi.
Quattuor hic invectus equis et lampada quassans,
Per Graium populos mediaeque per Elidis urbem
Ibat ovans, Divümque sibi poscebat honorem:
Demens qui nimbos et non imitabile falmen
Aere et cornipedum pulsu simularat equorum.
At Pater omnipotens densa inter nubila telum
Contorsit (non ille faces, nec fumea taedis
Lumina), praecipitemque immani turbine adegit.
1. 585 ff. quoted by Reinach, doc. cit. p. 160.
® For the legend of Salmoneus and representations of it in art, cf.
Ä.B. Cook, Zeus, Jupiter and the Oak, in Classical Review, Vol. XVII,
PP: 276f.; Idem, The European Sky-God in Folklore, Vol. XV, pp. 300,
399f.; J. Harrison, Themis, p. 79 ff.; J. G. Frazer, The Golden Bough, 3rd edit.,
Vol. I, p. 310.
Zeitschr. 1. rom. Phil. XLVII. 17
258 CHARLES BERTRAM LEWIS,
drought the people used to shake it violently by dragging it along,
praying at the same time to the gods for rain. This chariot is
figured on the obverse of certain coins belonging to Crannon. It
is a very archaic-looking vehicle with solid wheels, and on it the
coins show a huge amphora, which was probably filled to the brim
with water, so that when the chariot was put in motion some of
the water splashed over on to the ground. The water as it fell
made a sound like rain and the rumbling of the chariot seemed
like thunder. With the exception of the torch, we have here the
same ritual acts as those performed by Salmoneus. The people
of Crannon, like Salmoneus, were in the habit of producing rain
by sympathetic magic. Thus the myth of Salmoneus, adds
M. Reinach in conclusion, is nothing else than a ritual act mis-
understood. Salmoneus used to raise thunderstorms by the noise
of his rumbling chariot and the flash of his flying torches. In
other words the legend of Salmoneus has preserved the memory
of a Thessalian magician practising his beneficent art, eliciting
lightning from the sky and bringing down the much-needed
rainstorms on the parched and thirsting earth.?
It is in the light of these practices of primitive rain-making
magic that we wouid attempt to explain the supernatural element
in Chrestien’s Zvaım. We shall endeavour to show that the thunder-
storm in the forest of Broceliande is produced by the ordinary
processes of sympathetic magic, namely by the imitation of natural
phenomena, and more especially by the imitation of those phenomena
that actually are the thunderstorm: lightning, thunder and rain.
The rain was imitated by the act of pouring water on the emerald
slab, thunder and lightning by the gong. Let us consider each
in turn.
When Calogrenant comes to the spring in the forest of Broce-
liande he follows out the instructions given him by the Monster
Herdsman, takes some water from the spring and pours it on to
the emerald slab close by. Immediately a terrific thunderstorm
bursts over the spot.$? Seven years later Ivain in his turn comes
to the spring and also pours water on the emerald slab with the
same result. The description which Chrestien gives of the emerald
slab is curious and worth remarking:
424 Li perrons iert d’une esmeraude,
Perciez aussi come une boz,
ı 5. Reinach, doc. cit., p. 165; cf. J. Harrison, Zoc. cit., p. 81f.; J. G. Frazer,
loc. cit., p. 309.
?2 S. Reinach, Zo. cıt., p. 169; cf. A.B. Cook, Zeus, Vol.I, p. 12f.: —
“With the age-Iong growth of intelligence it gradually dawned upon men that
the magician, when he caused a storm, did not actually make it himself by
virtue of his own will-power, but rather imitated it by his torches, rattling
chariot, etc., and so coaxed it into coming about.”
s See Il. 410— 454.
* See ll. 802—800.
GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN DE TROYES’ IVAIN. 2 59
S’i ot quatre rubiz desoz
Plus flanboianz et plus vermauz,
Que n’est au matin li solauz.
Foerster in commenting on these lines expressed the view that the
four rubies, on which the emerald slab rests, formed two little
columns and suggested that the slab might have served as an altar.
In support of this view he instanced the description of the spring
given by Thomas de Cantimpre, who records that the slab rested
on marble columns and resembled an altar: super qguem (fontem)
lapis instar allarıs in columnis marmoreis locabatur.! In our opinion
Foerster was perfectly right in saying that the slab was raised off
the ground on columns, but wrong in considering it to have been
an altar, and the hole through the slab to have been made to let
the blood of the victim flow away.?2 In the light of the methods
we have described above of making rain by sympathetic magic,
the conclusion would seem to be forced upon us that we have here
the description of what in classical times was called a /apes manalıs,
or streaming stone, used in times of drought to produce rain.
The best known Japis manalis in antiquity was perhaps the
stone near the temple of Mars outside the Porta Capena at Rome,
which in times of drought was carried in solemn procession into
the city and immediately brought down rain.? Mr. Gilbert quotes
a passage from Varro preserved by Nonius, which in his opinion
shows that Varro looked upon the /apıs manalıs as a sort of pitcher—
urceolus, or basin—aguaemanalıs.4 He therefore infers that the
sacred stone called /apıs manalis was hollowed out in the form
of a pitcher or ewer, and that water was poured out of it, in times
of great drought, so as to imitate falling rain— in order, by imitating
Nature, to call forth rain from Jupiter.®5° This rain-making ceremony
was known as the Aguaelictum® and clearly must have belonged
to the ritual of Jupiter—of Jupiter Elicius, the Latin counterpart
ı Small Zvain®, pp. XXVIIIf. and XXIX; cf. Wörterbuch, p. 104*.
2 Loc. cit., p. XXIX, n. I.
s Cf. Cook, in Folklore, Vol. XVI, p. 269 and Class. Rev., Vol. XVIII,
p: 365b.; Frazer, Tre Golden Bough, Vol.I, p. 310; O.Gilbert, Geschichte
und Topographie der Stadt Rom im Altertum, Vol. II, p. 154, n. 1.
* Urceolum aquae manalem vocamus, quod eo aqua in trulleum effundatur,
unde manalis lapis appellatur in pontificalibus sacris qui tunc movetur quum
pluviae exoptantur, Non., p. 637, quoted by Gilbert, oc. cıt., p. 154, mn. I.
Cf. Frazer, loc. cit., Vol.I, p. 310, n. 3.
$ Man darf also den manalıs laßis ... als einen in Form eines urceolus,
eines Kruges, ausgehöhlten Stein ansehen, welcher bei Dürre in Prozession
umhergeführt und aus welchem Wasser vergossen wurde, offenbar zu dem
Zwecke, durch diese dramatische Wiedergabe des Regens diesen selbst zn nafura
gleichsam aus dem Himmel, d. i. Jupiter, herauszulocken, O,. Gilbert, oc. cit.,
p. 514.
° Aquaelicium dicitur, cum aqua pluvialis remediis quibusdam elicitur,
w quondam, si creditur, manali laßide in urbem ducto, Paul. ex Fest. p. 2,
Müll, cf. Cook in Folklore, Vol. XVI, p. 268.
17°
260 CHARLES BERTRAM LEWIS,
of the Pelasgian storm-god Zeus.1 Dr. Frazer,? also connects the
Aquaelicium with “the ritual of Jupiter Elicius, the god who elicits
from the clouds the flashing lightning and the dripping rain”.
Similarly the emerald slab in Chrestien’s /varr is almost certainly
connected with an ancient rain-making ceremony.3 In the first
place the mere fact that the slab was an emerald is full of signi-
ficance, for emeralds, as Mr. Cook has pointed out, were readily
“associated with the solar gods because they shone with a peculiar
radiance of their own”.4 Further the detail: Zercies aussi come une
bog, (l.425)— with a hole through it like a goat-skin bottle, which
the editor of the poem was of opinion tells us nothing,5 becomes
from this point of view full of meaning. The present writer imagines
that there was a large hollow scooped out on the top of the emerald
slab and that this gradually tapered off as it penetrated deeper
into the stone, so that only a small round hole of the size of the
neck of a bottle came through to the other side. That is to say,
the hollow in the stone resembled a goat-skin bottle with the neck
downwards, and it was doubtless fashioned thus so that it would
hold a good deal of water on the upper surface and only allow
it to flow away slowly. The water in falling from the slab would
make a sound very similar to rain, for the emerald slab, as we
have seen, was raised on little columns a certain height from the
ground. It seems impossible to doubt that Chrestien’s emerald
slab was a Zapıs manalis and that Calogrenant and subsequently
Ivain in pouring water on the slab were making rain by sympathetic
magic.
The function of the gong, we have suggested, was to imitate
thunder and lightning. But how did it do that? How is one to
picture the gong to oneself? There is a curious trait in Chrestien’s
description of the spring, which in our opinion has not received
all the attention it deserves: it is the iron basin or cauldron which
ı Es ist klar, dafs diese Zeremonie ... allein für den Jupiter, als den
höchsten Himmelsgott und Herrn über Regen und Wind, pafst, und ich stehe
deshalb, wie bemerkt, nicht an, diesen Zafis manalıs resp. die Zeremonie des
Aquilidum mit dem Kulte des Jupiter Elicius in Verbindung zu bringen
(Gilbert, Z/Dbid.).
2 Loc. cit., Vol. II, p. 183.
s W.A.Nitze, Modern Philology, Vol. VII, p. 150f., has already pointed
out in a general way the similarity that exists between Chrestien’s slab, which
he considers a “rain-stone”, (/b:id., p. 149, n.4) and the Jafis manalis of the
Porta Capena at Rome (cf. Zenker, doc. ci£., p. 106) though I had no knowledge
of his study until after my own theory had been worked out. It is therefore
interesting to record that Mr. Nitze and I have come to very much the same
conclusion about this poipt though working on different lines and completely
independently of each other. The two stones indeed show, as we shall see,
an extraordinarily close resemblance, though Nitze and Zenker do not work
out the resemblance in detail.
% Class. Rev., Vol. XVH, p. 403.
5 See note on line 425: “durchbohrt wie ein Schlauch” sagt uns gar
nichts, da die Gestalt beider zu verschieden ist, though he adds — Durchbohrt
ist die Steinplatte offenbar, damit das darauf gegossene Wasser abfliefsen kann.
GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN DE TROYES’ IVAIN. 261
Chrestien depicts hanging down from the pine-tree. The basin,
it will be remembered, is attached to the pine-tree by a long chain
which reaches right down to the spring:
385 Et s’i pant uns bacins de fer
A une si longue chaainne,
Qui dure jusqu’an la fontainne,
but there is nothing to tell us what it is for nor why it is sus-
pended from the tree, and were it not for the other versions it
would be completely inexplicable. Chrestien himself seems to know
so little about it that he not only does not record any action
connected with it but in a subsequent passage he even says the
basin was of finest gold. M. Ferdinand Lot in an article on Ze
chevalier au hon implies that the basin was there for drawing water
from the spring and pouring it on to the emerald slab: “L’imprudent
qui puise avec le bassin de l’eau dans la fontaine et la repand
sur le perron d&chaine une temp£te &pouvantable dans la foret”,1
and in this view he has been followed by Mr. W. A. Nitze,? while
Mr. A.C.L.Brown, in order to point a parallel with the version in
Gilla Decair, even considers the basin to have been used as a
*drinking vessel”.3 Both these views, however, as we shall see,
are most certainly wrong.
Now this basin, as we have seen, figured also in Zanzelet and
there too it hangs from the branches of a tree. In the episode
of Dunostre on the other hand the cauldron is mounted on a pillar.
The concordance of all tbree texts, therefore, seems to show that
the basin or cauldron was originally off the ground, and the present
writer is inclined to think that it was fixed on the top ofa pillar,
as in the episode of Dunostre. There is another significant detail
in this episode of Dunostre which the other two versions have not
preserved and that is the two bronze men who defend the entrance
to the castle. Each is armed with an iron flail with which they
are always striking, so that even the swiftest lark could not fly
into the palace without being hit:
Et 3’a ‘II: hommes a l’entrer de l’ostel;
Tout sont de keuvre et fait et compasse,
Si tient cascuns I‘ flaiel acouple,
Tout sont de fer, mout font a redouter.
Tout ad&s batent et yver et este,
Et si vous di, par fine verite
Une aloete, qui bien togt set voler,
Ne poroit mie ens el palais voler
Que ne fust morte; ne poroit escaper.*
! Romania, Vol. XXI, p. 67.
? Modern Philology, Vol. VII, p. 150.
® Iwain, a study in the Origins of Arthurian Romance, p. 115.
* Edition Guessard et Grandmaison, p. 136, 11. 4561—4570. Cf. p. 141,
where the same description is repeated.
262 CHARLES BERTRAM LEWIS,
There is certainly a great deal in this passage which is the poets
own invention, but the copper man with his flail which is always
in motion is not. The author of Zuon de Bordeaux or his source
has not hesitated to use his material for his own ends, to introduce
a second copper man and to place them one on each side of the
entrance to the giant’s castle, but we cannot help thinking that
behind the embellishments and alterations of the author we have
here an original trait—the bronze man with his flail. This bronze
man, we are inclined to think, is here out of place, and should
rather be mounted on a pillar near the cauldron. The curious
thing is, in any case, that if the bronze man with his flail be
mounted on a pillar and if this pillar be placed close enough to
the pillar on which the cauldron stands to enable the bronze man
to touch the cauldron with the end of his flail, we have an almost
perfect fac-simile of the gong of Dodona. The similarity is so
striking that it seems to us that we have in our three texts survivals
(doubtless no longer understood, but all the same survivals) of the
Dodonaean gong. Chrestien, Ulrich von Zatzikhoven and the author
of Huon de Bordeaux have all preserved parts of it. Chrestien and
Ulrich have the gong and the hammer.1 Chrestien has even pre-
served the gong—-or rather a part of it—twice, for the iron basin
or cauldron hanging down from the pine-tree ?2 must originally have
formed part of ıhe gong. The author of Auon de Bordeaux has
preserved the whole gong but in two parts—on the one hand the
cauldron mounted on a pillar, on the other the bronze man with
the flail,? but without the least understanding of the function of
the mechanical contrivance he has described, and that is why the
one half of the gong is separated from the other.4
The classical texts relating to the gong of Dodona have been
gathered together and discussed by Mr. A. B. Cook.5 From these
it appears that in very early times the sanctuary of Zeus at Dodona
was surrounded by a number of bronze cauldrons or tripods, which
were arranged so close to each other that if one of them were
struck all the others reverberated in turn. There seems no reason
I Jvain, 1l. 211 —219; Lanzelet, 11. 3399— 3901.
3 Jvain, 11. 386— 388.
8 Huon de Bordeaux, p. 141 and p. 136.
* Mr. Brugger writing on Zuon de Bordeaux and Fergus in the Modern
Language Review, Vol. XX (1925), p. 163f. mentions the copper men of the
Episode of Dunostre and the basin mounted on a pillar (zd:d.. p. 165) but
completely misses the significance of these objects, for he writes: “Naturally
Huon could not have a fight with the threshers. Another expedient was found.
He sees ‘un bacin d’or’ hanging on a pillar. With his sword he strikes three
blows on it, so that the palace resounds.” J. D. Bruce, Zuman Automata ın
Tradition and Romance considered that the copper men in the episode of
Dunostre were “suggested by those in the Dolerouse Garde episode of the
prose Lancelot”, Afodern Philology, Vol.X (1913), p. 523. There is, however,
no real resemblance between the two.
5 The Gong at Dodona, in The Journalof Hellenic Studies, Vol. XXII
(1902), p. 5 fl.
GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN DE TROYES’ IVAIN. 263
to doubt that this was the earliest sanctuary of Zeus, for as Mr. Cook
says: “It is not at all improbable that in primitive times the oracle
at Dodona had no walls, and that the numerous votive tripods
belonging to Zeus were arranged as a fence round the sacred
enclosure.”1 However, these statements were doubted and in ancient
times too, for there exists a number of other descriptions of the
shrine at Dodona which draw a different picture. In the time of
Aristotle there was no longer a circle of tripods around the sanctuary,
but in its place two pillars of equal height: on the top of the one
was a boy holding a whip with thongs of bronze, and on the top
of the other a bronze cauldron. The pillars were so placed that
when the lashes of the whip were shaken by the wind they struck
the cauldron and made it resound.?2 This was the famous gong
of Dodona: rO Awdwvalov yaAxelov as it must have been towards
the end of the fourth century B.C.
The question that first suggests itself is: What was the purpose
of the gong of Dodona? It must be confessed that we do not
know. Mr. Cook suggested that the sound of bronze had a “pro-
phylactic or apotropaeic virtue” and that the gong’s chief use was
to “scare away evil influences”.3 That is doubtless correct, but it
does not tell us very much, and we are inclined to think that the
real function of the gong was something more than this. We are
inclined to think that the chief function of the Dodona gong was
to produce thunder and lightning by the processes of sympathelic
magic, namely by imitating the phenomena of Nature which con-
stitute the thunderstorm, that is to say especially thunder and
lightning. The difficulty, however, is to realise how the gong
could play a part in practices of sympathetic magic and be used
to imitate thunder and lightning. This difficulty is increased by
the fact that all our knowledge of the gong at Dodona relates to
the gong in ordinary times and when not in use, while we have
no description of the gong in action, that is to say of the part
played by the gong during the magic ceremonies. That the gong
served to imitate thunder it requires no great eflort of the
imagination to understand. Each time the cauldron of bronze
was struck a reverberating sound was made which was not unlike
tbe rumbling of thunder.* It is less easy to understand how the
ı Loc. cit., pP. 7. B
2 Apıororking dt wc nAaoua dıel&yywv dVo Ynol oTVA0VG eivan, xul
Ent usv Tod Eregov Atßrnra, Ent Yarevov dt nalda xparofvra uaouyea, Ns
Tolg luavrag galxkovs Ovrag 0EIouEvorS un’ av&uov TO AEßnTı NE00XxPOLELV,
10v de Tuntöusvov nyelv, Suid. 3. v. Awdwvaiov yalxsiov, quoted by
A.B. Cook, doc. cit., p.8. Cf. ıhe picture of the gong restored given by
Mr. Cook, loc. cit., p. 12.
8 Loc. cit., pp. 16, 28, etc.
* The same idea would seem to have occurred to Dr. Frazer, for he says
in his Magic Art and the Evolution of Kings: “Perhaps the bronze gongs
which kept up a humming in the wind round the sanctuary were meant to
mimick tbe thunder”, Vol. II, p. 358.
264 CHARLES BERTRAM LEWIS,
gong could be used to imitate lightning hut perhaps not quite
impossible.
We have seen above that the bronze boy at Dodona held in
his hand a sort of whip or flail. The structure of this whip is
worth remarking. It was composed of a bronze or copper staff
to the end of which were attached three long thongs also of copper.
According to one account even the thongs were jointed, being
formed of strips of copper connected by leather couplings.? The
significance of this strange instrument will become clear if one
thinks of it in action. Imagine the glittering copper staff with its
three glittering flexible thongs raised from the cauldron opposite
and brandished in the air; the burnished copper of the flail against
the sky would resemble very closely the colour of lightning to the
throng of worshippers looking up at it from below, and with its
jointed thongs hanging at various angles in the air the flail would
give a crude imitation of the zigzag of forked lightning, while the
triple thong itself would represent the lightning forking in three
directions. With these things in one’s mind it is possible to picture
the gong in action. When it was required to produce lightning
and thunder by means of sympathetic magic the bronze man must
have raised his flail from the cauldron opposite and flashed it
through the air, bringing it down on the cauldron with all his
might. The glittering copper flail zigzagged and flashed in the
air like forked lightning and the cauldron each time resounded
like thunder. This made a succession of flashes of forked lightning
followed by peal after peal of thunder and doubtless after this
imitation of the thunder and lightning the drenching rain-storm
was not long delayed. On this showing, then, the famous gong
of Dodona was a mechanical contrivance which could be set going
or stopped at will and its function was not so much to ‘scare away
evil influences’ as to raise thunderstorms by the primitive methods
of sympathetic magic.
Something of this kind, it seems, was the function of the
Dodona gong, and Mr. Cook, we think, would agree with this
explanation. Since we wrote these pages the second volume of
Mr. Cook’s Zeus has appeared and it is interesting to note that
in bis account of the whip of Zeus? Mr. Cook connects the whip
with lightning and sees in the whip or flail of the Dodonaean
gong “an appropriate emblem of the lightning”.$ Mr. Rendel Harris®
has also shown that the Ancients considered the lightning as a whip.
Now this explanation, which we have given of the function
of the Dodona gong, would suit equally well the gong which must
have existed in Chrestien’s source—indeed it seems almost an
! See A.B. Cook, Zoc. cit., p. 12.
3 See pp. 824—6.
3 /bid., p. 8206.
* Picus who was also Zeus, Cambridge 1916, pp. 57-60.
GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN DE TROYES’ IVAIN. 265
obvious explanation the moment one has formulated it.! It affords
a completely satisfactory explanation of the thunderstorm in /vasn,
which, be it noticed, is not sufficiently accounted for by the act
of pouring water on the emerald slab. Strictly speaking this act,
if we have in it a survival of ancient magic ritual, should only
produce rain, since only tke patter of falling water is imitated.
In order to raise a thunderstorm, however, by the processes of
sympathetic magic, lightning and thunder had of necessity to be
imitated also, and doubtless in Chrestien’s source there was not
only an imitation of rain but also an imitation of thunder and
lightning, the former being the function of the emerald slab and
the latter the function of the gong. In the poem as it stands we
have only one of these acts left, namely the imitation of rain, but
it is clear from the remains of the gong still to be found in the
poem, and from the resemblance which this gong when reconstructed
bears to the gong at Dodona, that originally there was an imitation of
thunder and lightning too. Similarly in Zanzelet and the episode
of Dunostre, where we have only a reminiscence of the gong we
may suppose that in the original source there existed also the
imitation of rain by pouring water on a slab.2 Chrestien, with
his readiness to split up his material and use it in different parts
of his poem, took upon himself, we would suggest, to separate the
gong from the emerald slab.? He attributed the thunderstorm to
the single act of pouring water on to the slab and utilized the
gong in another way, namely to announce the arrival of visitors
at the castle of the Vavassor. In one way perhaps the change
was not very great, for the gong must always have belonged to
the Vavassor, since the spring is certainly in the grounds of the
Vavassor. From another point of view, however, the change was
considerable, for it completely obliterated the function of the gong.*
ı I have only quite recently had knowledge of M. Andre Mary’s trans-
lation of Zrec et Enide, Le Chevalier au lion, but I see M. Mary would also
connect ihe gong in the courtyard of the castle of the Vavassor with Dodona:
“ce gong n’est plus ici qu’un signal pour appeler les serviteurs, mais, A l’origine
du conte, il &tait sans doute destine A imiter le bruit du tonnerre et A provoquer
l’orage par sympathie, de m&@me que les chaudrons de la for&t de Dodone,
qui fut certainement un centre de magie avant de devenir un sanctuaire
prophetique”, p. 19.
®? From this point of view it would be possible to defend J. D. Bruce’s
remark in his Zvolution of Arthurian Romance, 1923, Vol.I, p. 212, that
“Lancelot’s challenging of Iweret by striking on the brazen cymbal at the
fountain may very well have been suggested boy the episode of Ivain and the
fountain in Chrestien’s /vaın (ll. 800 fl.)” from the objections made to it by
R.Zenker, Weiteres sur Mabinogionfrage in ZFSL, Vol. XLVIII (1926), p. 97
on the ground that the parallel is not sufficiently close.
® Man kann überhaupt öfter wahrnehmen, dafs Kristian gern dasselbe
Motiv variiert oder spaltet und dann an verschiedenen Stellen verwendet.
Vgl. noch oben Gong und Sturm, Foerster in small /vain*, p. XLII, n. ı;
cf. Wörterbuch, p. 117*, n. I.
* The liberties which Chrestien took with his material have not yet been
so much as guessed at. I shall have occasion in the book I have announced
266 CHARLES BERTRAM LEWIS,
If it is at all possible still to reconstruct what stood in the original
poem here, it is necessary to replace the gong beside the spring,
close to the emerald slab, and to look upon the thunderstorm as
evoked as much by the action of striking the gong as by that of
pouring water on to the emerald slab. In other words, the thunder-
storm in /vain is in our opinion a reminiscence of ritual practices
wbich were once actually performed in the age of primitive man.
How a knowledge of the rain-making practices of Dodona could
have reached Western Europe in the XI or XII centuries is a question
we are unable to go into here. We propose to discuss it in the
book we have announced.
Closely bound up with the thunderstorm in Z/vam is the single
combat beside the spring, for the act of raising the thunderstorm
serves as a challenge to the defender of the spring. The task of
defending the spring was called ‘keeping up the custom of defending
the spring:
1848 Por la costume maintenir
De vostre fontainne deffandre
Vos covandroit bien consoil prandre.
“Maintenir la coutume” is the term frequently used, not only in
Ivain but also in many other poems to denote the practice of
defending a spring or some other spot against all comers. There
is no need for us to prove that we really have in Ivan an example
of this ‘custom’. That is already established, as M. Philipot has
pointed out: “Il est aujourd’hui demontre de la faron la plus
certaine que le sujet du Chevalier au lion nous presente ... une
variante du th&me si fecond de la ‘coutume’.”1
The ‘custom’ as it appears in Z/vain is this. The spring in
the forest of Broceliande is in the keeping of a certain knight
(Esclados le Roux) who has the task of defending it at certain
recurring intervals against all comers. At the risk of losing his
life in the adventure any other knight can dispute the title of
the guardian of the spring and challenge him to single combat
by taking some water from the spring, pouring it on to the emerald
slab and thereby raising a thunderstorm. Should the defender of
the spring prove victorious in the fight which ensues (as Esclados
does in the fight with Calogrenant) he lives in peace for seven years
(cf. 1.175, pres a de set anz) until he is challenged in the same
way again. If, however, he is defeated and slain then his victorious
foe (Ivain) becomes the guardian of the spring in his place under
precisely the same conditions, marries the wife (Laudine) of the
dead knight and succeeds to his castle and lands.
The most remarkable feature of this ‘custom’ is the fact that
the newcomer (Ivain) challenges his adversary (Esclados) to single
above to call attention to a number of them, but this is the only one I can
mention here.
ı Romania, Vol. XXVI, p. 302.
GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN DE TROYES’ IVAIN. 267
combat by raising a thunderstorm. It would seem indeed that
until the challenger had raised the thunderstorm he had no right
to fight the champion of the spring, nor was the champion under
any obligation to take up the challenge. As soon as the thunder-
storm burst, however, the champion of the spring was bound to
defend the spring against tlıe man who had raised the thunderstorm.
This is certainly an unusual, not to say an extraordinary, way of
challenging to a duel, but in the light of this study the significance
of the act is manifest. /vam, by the acts he performs, plays the
part, as we have shown, of a primitive rain-making magician.
Esclados, the champion of the spring in the forest of Broceliande,
would seem to be the official rain-maker. From the fact that Ivain
calls Esclados out to battle by raising a thunderstorm we infer that
Ivain intends to dispute the title of Esclados in the hope of defeating
him and succeeding to his charge.
If one compares the ‘custom’ in Zvain with the ‘custom’ in
other poems of the Middle Ages one finds that the challenge is
not always given by a thunderstorm, that is to say by pouring
water on a slab, but in some poems by three blows on a gong,!
in others again by three blasts on a horn.?2 The difference, however,
is not so great as would appear at first sight, for since the function
of the gong was to raise a thunderstorm, the challenge by gong
must have been originally identical with the challenge by thunder-
storm—was indeed, as we have shown, part of it. Further, there
are reasons for believing that the horn in the course of time took
the place of the gong and that the horn in some cases came to
be used in place of the reverberations of the gong.? If we bear
these things in mind it is clear that there is really no difference
between these three different kinds of challenge—they are all sur-
vivals of ritual acts the purpose of which was to produce a thunder-
storm, and the röles of the men who performed these acts are
reminiscences of the parts played originally by rain-making magicians
in a primitive stage of society. The extraordinary thing is that
the ‘custom’ of defending the spring in /vain and the ‘custom’
as it appears in other mediaeval poems is practically the same
point for point as the custom regulating the succession to the
priesthood of Zeus at Dodona. In order to make this clear let
us return again to Dodona.
In charge of the sanctuary of Zeus at Dodona was the priestly-
king, who was at one and the same time high priest of Zeus and
1 Lanselet and the episode of Dunostre in Huon de Bordeaux.
® Li Chevaliers as deus espees, Fergus, Les Merveilles de Rigomer,
Malory’s Morte d’Arthur, Book VII, and originally doubtless the episode of
La oie de la Cort in Erec et Enide. The limited space at my disposal here
does not permit me to give a comparative study of the various versions of
the ‘custom’, so for that I am obliged to refer the reader to the book I have
announced above, see p. I, n. 1.
® These reasons will be developed in my forthcoming book.
268 CHARLES BERTRAM LEWIS,
king of the district. He was, it would seem, the representative
of Zeus on earth and the living embodiment of the god.! Asa
living Zeus, the priestly-king had the powers and attributes of Zeus
himself and all the functions orginally performed by the god de-
volved upon him. Since Zeus ruled the sky—indeed originally
was the sky himself[—so too his divine representative was lord
over the sky, especially the stormy sky. His task it was, therefore,
to control the lightning, the thunder and the rain-storms, so that
the earth might not he left without rain, but, duly watered, might
bring forth her fruits in abundance and supply the needs of the
people. As Zeus’s representative the priestly-king could himself
raise a thunderstorm, just as Minos did by uttering a prayer to
Zeus.2 “In early days”, as Mr. Cook rightly points out, “this would
have been done, not by a prayer to Zeus but by mimetic means”
and we have just shown what these ‘mimetic means’ were. The
priestiy-king of Dodona raised a thunderstorm by setting the Dodona
gong in action.
It is evident that, in order to discharge the functions of Zeus
like a Zeus, the human priest-king would have to be a man in the
prime of life and physically perfect— dutum»? or 6AöxAnpost—
stronger and more famous for physical prowess than any other
man in his kingdom. Now primitive Pelasgian communities had
a simple process of natural selection in order to secure the best
man for the post of priestiy-king. Any one could be promoted
to the exalted office who could slay the reigning king in single
combat, and by so doing prove that he was the strongest man in
the kingdom, but, if he failed, the penalty was death, and his head
was nailed by the king to the palace wall. That this was the
primitive custom was ably argued by Mr. A.B.Cook, who, on the
strength of the myths of Phorbas, Dryas and Oenomäus, was “led
to conjecture that the priest or priestly-king of Dodona at one
time was accustomed to challenge all comers to a contest of strength
and, if he worsted them, to slay them and hang their heads on
his oak-tree.” 5
In his study on 7Ae Zuropean Sky-god Mr. Cook pushed his
conjecture further and concluded that if the stranger was successful
in slaying the priestly-king, as Pelops was in the chariot-race with
Oenomäus, he became king in his stead and married the wife or
daughter of his dead antagonist. 6
One result of this custom was that the king remained on the
throne and defender of the sacred spring of Zeus only so long
ı Cf. A.B. Cook in Classical Review, Vol. XVII, p. 185.
2 A.B. Cook, Zeus, Vol. II, p. 8; cf. Class. Rev., Vol. XV, p. 409a
and Folklore, Vol. XV, p. 311.
3 Cf. Folklore, Vol. XV, p. 374, n. 28.
* Ibid., p. 376.
5 Class. Rev., Vol. XVII, p. 270b; cf. ıd:d., p. 278.
® Cf. Folklore, Vol. XV, pp. 379 fl., 382, 397.
GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN DE TROYES’ IVAIN. 269
as he could defeat all comers. “Since old age is inevitable, it
would appear,” says Mr. Cook, “that in remote times all priestly-
kings or human Zeuses must have been doomed to die a violent
death,”1 and though there is no actual proof to be brought forward,
this undoubtedliy was the rule of the Dodonaean kingship too.
In later days, however, the tenure of the kingdom was probably
limited to a fixed number of years—a cycle of eight or nine years,
at the end of which the priestly-king had to procure a fresh
mandate, so to speak, from Zeus for a further continuance in office.
This, as Mr. Cook aptly points out, was the case of Minos in Crete,
who was himself the Minotaur. “Minos as priestly-king had a
reign of limited duration: Evvewpog Baolleve (Od. XIX, 179) *he
was king for a period of nine years’, and at the expiration of
every such period he repaired to the Idaean cave for a personal
interview with Zeus ... It was also at intervals of nine years that
the Minotaur received his tale of human victims ... This probably
implies that the divine powers of the sun-king needed renewal at
the end of every annus magnus „.. The ninth year, then, was a
critical time for the Cretan sun-king, whether we call him Minos
or the Minotaur. At such a crisis it would be incumbent upon
him to defend his title against all comers, and it was on the occasion
of the third recurring period that Theseus slew the Minotaur (Plut.
v. Thes. 15, 17).”2 Now since the cult of Zeus in Crete, as Mr. Cook
has shown, “was essentially the same as the cult of the Pelasgian
Zeus at Dodona”3 we may infer that there was also at Dodona
a periodical contest at the end of every eight or nine years to
decide who should be the priestly-king of the district.
It is doubtless no mere coincidence that in these practices
regulating the succession to the priesthood of Zeus at Dodona we
have all the essential features of our ‘custom’ of defending the spring,
as we find it in /vain and other poems of the Middle Ages. We have
already shown that, like the priestly-kings of Dodona, the champion
of the spring must originally have been a magician rain-maker, able
to raise thunderstorms; that, like them too, he is challenged to a
single combat by another rain-maker who wishes to succeed to
his office, that these contests both at Dodona and in our Mediaeval
poems only take place at certain recurring intervals— every nine
years at Dodona and in Crete, every seven years in our poems—
that the champion of the spring, like the kings of Dodona, retains
his office only so long as he can defeat all comers at these periodic
contests, and that, when at last the challenger proves victorious and
slays the champion of the spring, or the priestly-king of Dodona,
he marries the wife or daughter of his dead antagonist and defends
ı Folklore, Vol. XV, p. 383; cf. J. G. Frazer, 7hre Golden Bough,
Vol. II®, p. &ft.
2 A.B. Cook in Class. Rev., Vol. XVII, p. 411a; cf. Folklore, Vol.XV,
pP: 395f. and G. Glotz, Za civilisation &gdenne, p. 1721.
8 Class. Rev., Vol. XV, pp. 403 ff.
270 CH.B. LEWIS, GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN ETC.
in bis turn the spring or the sanctuary of Zeus. The parallel
is so striking and complete that it is difficult not to believe that
we have here in the cult of Zeus at Dodona the far-off origin of
the mediaeval ‘custom’ of defending the spring, depicted in such
vivid colours in Chrestien’s /vaımn. The custom of defending the
spring in the forest of Broceliande against all comers is a reminiscence
of the practice that obtained at Dodona in primitive times, when
the high-priest of Zeus used to defend the sacred spring of Zeus
‚against any one who challenged him. Indeed all the important
cult objects of the ancient sanctuary in the oak-forest of Dodona
appear again in J/vamm in the forest of Broceliande. Beside Zeus’s
sacred spring there also stood a tree which, like the pine-tree in
Ivain, never shed its leaves, and beside the tree the gong. The
gong, beside the spring, existed also once in the source of our
poem and its function, as we have shown, must have been identical
with the function of the Dodona gong: it helped to raise a thunder-
storm by imitating the processes of Nature. Thus Dodona with
its cult of Zeus and strange magic practices affords a complete
parallel to almost all the strange things in /vam. The only ex-
ception is perhaps the fable of Zvain, which seems to have no
parallel at Dodona, but this exception may be due to chance, for
another famous cult of Zeus, the cult of Zeus in Crete, which was
to all intents and purposes identical with the cult of Zeus at
Dodona, provides a striking parallel also to that, namely the legend
of Theseus and the Minotaur. Certainly the fable, as we have it
in Ivam, has been tampered with and radically altered, but it is
possible to bring home to Chrestien the changes he has made and
reconstruct it to a great extent. When thus restored the fable of Zva:n
provides a striking parallel to the legend of Theseus and the Minotaur.
This raises the larger question of the whole source of Zvain, which we
are unable to treat here. For proof of this conclusion, therefore,
we would ask readers to be good enough to wait until the book
we have announced is ready for publication. This much we can
say already, however, that in the ligfit of these results it will be
necessary to give up at last the far-fetched theories about the
Celtic sources of Zvain.! There is nothing Celtic at all in Zvamn,
as Foerster always said—.nothing but a few Celtic names perhaps
and a tinge of Celtic colouring. The source of /vam is to be
found in Classical Antiquity and in Classical Antiquity alone.
CHARLES BERTRAM LEWwIS.
1 See amongst many others A.C.L. Brown, /wain, a study in the origins
of Arthurian Romance in Harvard Studies and Notes in Philology and
Literature, Vol. VIII, 1903, Idem, Z%he AÄnight of the lion, in PMLA, Vol.XX
(1905); R. Zenker, /vainstudien, 1921, Beihefte der Zeitschr. f. rom. Phil.
no. 70, and a series of articles by the same scholar entitled: Weiteres zur
Mabinogionfrage in ZFSL, Vol. XLI (1913), pp. 140fl., Vol. XLV (1917),
pp: 47 fl., Vol. XLVIII (1926), pp. ı fl. and on the other side W. Foerster all
through his works, and A. Hilka in small Zvain 4% (1926), p. XXXVIIR.
Französisches zu E. E, Niebergalls „Datterich“,
Seit der hundertsten Wiederkehr des Geburtstags Ernst Elias
Niebergalls im Jahre ıg15 hat seine geniale Darmstädter Lokal-
posse „Datterich“ von ı841 eine fröhliche Auferstehung gefeiert.
„Denkt, unsern olte „Datterich“, der is — hoffähig worrn“, hiefs
es nach der Aufführung im Hoftheater zu Darmstadt. Aber nicht
nur die heimatliche Bühne eroberte sich jetzt der humorvolle
Schwank, auch in Frankfurt, in Berlin, in Dresden fand er seitdem
ein beifallsfreudiges Publikum, und in Hamburg versuchte sich
Oıto Ernst (1920) sogar an einer niederdeutschen Bearbeitung.
Immer wieder hatte Zuschauer oder auch Leser Gelegenheit, die
souveräne Beherrschung der Darmstädter Redeweise, die behagliche,
gemütvolle Schilderung der kleinbürgerlichen Gesellschaft aus der
Biedermeierzeit, vor allem aber die überaus trefisichere Charakteristik
des Titelhelden, des Datterich selbst, zu bewundern, der, wenngleich
verbummelt und verlumpt, doch „im schäbigen Rock ein eleganter
Geist“ ist und sich mit Witz und Grazie hoch über seine spielsigen
Mitbürger zu erheben weils. !
Zu den köstlichsten und wirksamsten Szenen des Stücks gehören
sicherlich die ersten sechs des dritten Bildes, die uns zusammen
mit Datterichs Gläubigern in seine kahle Dachkammer führen und
uns erleben lassen, wie er sich virtuos, mit einer keinen Augenblick
verlegenen Pfiffigkeit und geistigen Gelenkigkeit, der Quälgeister
entledigt und Herr der fatalen Situation bleibt. Zum besseren
Verständnis der nachfolgenden Ausführungen setze ich die Szenen
rasch hierher.
Drittes Bild.
Erste Szene.
Morgens. Datterichs Dachstube. Die Gerätschaften
bestehen in einem zerbrochenen Spiegel, ditto Tisch, einem
Stuhl und Bett. Datterich sitzt in einem zerrissenen Schlaf-
rock vor dem leeren Tische und gähnt. Es schlägt neun Uhr.
Datterich: Jawohl, die Morgenstunde hat Gold im Munde, absonnerlich,
wann mer se vaschläft. In der Klafs bin ich gelernt worn: aurora musis
amica, des haafst uf Deitsch: Morjends schläft mer am beste. Ach, mei
1 Über „Ernst Elias Niebergall. Sein Leben und seine Werke“ handelt
zuletzt Karl Esselborn, Darmstadt 1922, Fünfte Jahresgabe der Gesellschaft
Hessischer Bücherfreunde. Eine ausführliche Bibliographie ist beigegeben.
272 ERHARD LOMMATZSCH,
schenste Stunde wohn in der Klafs die, wo ich geschwenzt hob! Do kimmt
mer awwer immer gäje nein Uhr die Sonn grood uf mei Bett un stehrt mich
in meiner Nachtruh, un wann die’s net is, do sinn’s annern Leit. (Nochmals
gähnend) Wie werd mer sich dann heit dorchschlage? (Es klopft an) Aha, die
Morjendvisite gehn schon widder oh. Herein!
Zweite Szene.
Datterich. Schneider Steifschächter.
Steifschächter: Scheene gute Morje. Ich mufs mich doch aach emol
nooch Ihne ihrm Befinne erkundipe.
Datterich (zuvorkommend): Setze Se sich, liewer Freind. (Für sich)
Der Mann mufs heeflich drakdiert wern. (Laut) Mei Befinne? dafs Gott
erbahrm! Schlecht, sag’ ich Ihne, sehr schlecht! Alleweil die Minut haw-ich
e Abbedeekerrechnung bezahlt, finfunverzig Gulde siwwen-enzwanzig Kreizer,
da schmelzt abm sei Bisje Baarschaft zusamme: des alsfort Doktern, des hot
was uf sich. Sie sinn doch recht gesund? des Aussähe bringt’s mit sich.
Was mache die Frau Gemahlin und die liewe Kinna? Alles noch wohl uf,
hoffentlich.
Steifschächter (seufzt): Gottlob, soweit is noch alles gesund; kost ahm
viel Mieh, soviel Drawante die Meiler zu stoppe — ich wohlt defswäje —
Datterich: Ach des mufs Ihne Spafs mache! E brav Frah, wohlgezogene
Kinna, e gut Geschäft —
Steifschächter: Ja, wann die Zeite net so schlecht wehrn. Des kost
alleweil e Hitz, bis mer sei Geld eitreibt.
Datterich: Ich glahb’s gern, ich wahfs ja, wie mir’sch mit meine Aus-
stende geht. Hawwe-Se die gästrig Zeidung geläse?
Steifschächter: Nah. Ich wollt Ihne nu bitte —
Datterich: Ach, die hette-Se läse misse! Von dähre derkische Flott —
Steifschächter: Ich kimmer mich wenig um des, was aufserhalb vorgeht.
Sie erlauwe — die Östermels is vor der Dihr —
Datterich: Ja, sie mufs bald ohfange. Un wos wannert widder e
Menschespiel nach Amerika aus!
Steifschächter: Ich hett aach Lust, awwer die viele Rickstände! bis
mer die erbeischafft! Sie wern’s net ungihtig nemme —
Datterich: Folge-Se meim Rat! Bleiwe-Se im Land: e Handwerk
hot hier zu Land als noch sein goldene Boddem.
Steifschächter: En scheene. Ich hob Ihne da die olt Rechnung.
Datterich (nimmt sie): Scheen. Ich schick’s Ihne.
Steifschächter: Kennt ich’s dann net glei mitnemme? Ich hob wos
zu bezoble —
Datterich: Ach, e Mann, wie Sie, werd doch net so ufgebrennt sei.
Dafs ich aach vohrt do des Geld in die Abbedeek schicke muls. Bis Samstag
morjend hawwe Se’s,
Steifschächter: Ja, Sie hawwe mich awwer schun so oft vadreest.
Datterich: Ich wer Ihne aach noch dreeste. Sie sinn e eisichtsvoller
Mann, nor e Bisje Geduld. Uf dem Knie lefst sich so ebbes net abbreche,
FRANZÖSISCHES ZU E. E. NIEBERGALLS „DATTERICH®. 273
Bezable, wann mer Geld hat, des is kah Kunst: awwer bezahle, wann mer
kahns hat, des is e Kunst, liewer Mann, un die muls ich erscht noch lerne.
Steifschächter (steht seufzend auf): Also bis Samstag gewifs?
Datterich: E Mann, e Wort.
Steifschächter: No, do soog ich Adjeh. (Ab)
Datterich; Adjeh, mei liewer Freind.
Dritte Szene.
Datterich (allein): Da lernt mer Menschekenntnis! Iwwrigens lafs ich
heit noch den Rijel an der Dihr mache: for eich Quelgeister bin ich net
dahahm. (Es klopft an) Numero zwei. (Nimmt eine Prise) Herein!
Vierte Szene.
Datterich. Ein Wirtsjunge.
Wirtajunge: E Kumblement von meim Herr, un Sie sollte doch endlich
emol Des bezohle, ehr sollt ich net fortgeh.
Datterich: No, do setz dich. Die ahzigliche Reddensarte hett dei Herr
sporn kenne; wieviel macht’s?
Wirtsjunge: Acht Gulde und siwwe Batze.
Datterich: Mehr net? (Greift in den Sack) Mit Koborjer Grosche werd
dei Herr aach zufridde sei —
Wirtejunge: Do sollt’ ich schee obkomme, wann ich-em die bringe
deht; letzt hott er mich erscht driwwer geschendt, do hatt ich ahn ufgehenkt
krickt.
Datterich: Duht mer lahd. Do soog deim Herr, mei Kafs bestind in
lauter degradierte Koborjer Stiefgrosche, un mei Verhältnisse dehte mer net
erlauwe, dafs ich se unner ihrm Wert losschlage debt: mit neie Guldesticker
kennt ich-em awwer vor der Hand net ufwarte. Dazumal, wie ich den Wei
bei-em gedrunke hab, hawwe die Koborjer noch gegolte; da soll er also aach
sein Wei um die Hälft erunner setze, sag-em, dann liefs ich mer aach die
Grosche zu sechs Heller gefalle. Adjeh!
Wirtsjunge; Der werd e schee Gesicht mache.
Fünfte Szene.
Datterich (allein): Wann kahns mehr an de Koborjer verlohrn hat als
wie ich, do macht gewifs kahner Bankrott. Mir zu Gefälle hette alle Ferschte
von Eiroba ihr Minz erunner setze derfe, dann ich hatt nix, ich hob nix un!
wer nix hawwe. Geh emol her du ohrm Greschje! (Zieht einen Koburger
aus der Tasche) Gell dei Herr Vadda will nix von der wisse, un die Zeit is
der lang worn in dem Sack, wo de gar kah Kamerade hast? No, wort,
Herzje, ich bring dich doch unner die Leit, du sollst e lustig Herrschaft krijje,
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVIU. 18
274 ERHARD LOMMATZSCH,
ich geb dich de Musegande. (Er betrachtet den Groschen mit Rührung)
Dreest dich mit mir! Bei uns Mensche geht’s grood so: wann mer unser
Dienste gedah hawwe, un mer sinn iwwerflissig, do degradiert mer uns aach,
un mer gelte aach net mehr for voll, aufser im Wertshaus, un selbst do helt's
manchmol schwer, bis mer’s dazu bringt. (Nach einer Pause) Was for en
Dreester werd mer dann der Himmel heit schicke? ... — Der Deiwel — do
kimmt owwer ahner der Drepp eruf gedappt, den kenn ich an seim Gang — —
des is wahls Gott der unbeefliche Bengler! Heiliger Bafanucius, steh mer bei!
(Läuft umher) Der Kerl is im Stand un haagt mich in meim eigene Kwatier —
so Schuster sinn des Deiwels — kah Rijel — nix do — Halt! — An eme
Kranke werd er sich net vagreife! —
(Er bindet sich schnell sein Schnupftucb um den Kopf und wirft sich
aufs Bett. Es klopft mehrmals heftig an; er antwortet mit lautem Stöhnen.)
Sechste Szene.
Datterich mit gebrochenen Augen, auf dem Bette liegend; Bengler.
Bengler: Lickt die Eil noch uf de faule Haut! Göästert widder voll
gewäse, he? Des Geld versoffe, statt mich zu bezohle?
Datterich (schlägt die Augen wieder auf): Ach, licb Grolsmudda —
sinn-Se widder do aus der Derkei?
Bengler: Wos, Kerl? Sinn-Se noch voll? Ich will Ihne begrofs-
muddern! Mei Geld — odder — Sie wisse, wos ich Ihne gedärmt hob.
Datterich (breitet die Arme aus): Komm’ an mei Herz, Hulda! Was
willst du, schwatzbärtiger Krieger? Willst du mir vabicten, auf dem Deppich
der Nadur zu wandeln ?
Bengler: Er helt mich in seim Suff vor en Teroler, weil er von Debch
schwätzt.e. Wort, Oos, ich will dich nichtern mache! (Er rüttelt ihn) Geld
will ich, odder Ihr Buckel soll mer’sch bezohle!
Datterich (mit einer durcb das Rütteln abgesetzten Stimme): Es lije
jetz Bi-i-ihrn — genug — hunne — wos for e Bech — wann ahns kehmt —
schiddel doch — des ohrm Be-em-che net-so! Schorsch — du iwwerdreibsts.
Bengler (tritt verwundert zurück): Er mufs doch net voll sei. Entwedder
is er meschukke, odder leit er im Fiewer.
Datterich (scheint zu sich zu kommen): Dreier Freind Alonso, kannste-
de mer zwa breilsische Dahbler lehne? (Schwach) Du willst mer die Auge
zudricke?
Bengler (wütend): Herr! — Nor net gestorwe, dann do kennt ich
aach mit zor Leicht; erscht bezohle-Se mich, dann kenne-Se in Gottes Nohme
mache, wos Se wolle.
Datterich (vagiert wild mit den Armen): Verräder, willst du deinen
Judassold? Nimm diesen Edelstein aus Persiens Krone! (Matt) Ha — ich
sterbe!
Bengler (in der Stube umherlaufend): Do leit des Laster jetz un is am
Obflattern! Net genug, dafs er im Läwe die Leit um ihr Sach gebrocht hot: —
er balwiert-se noch dorch sein Doht! — (Grimmig den Stock schwingend)
Wos deht ich-en so gern haage, awwer er spihrt doch nix mehr, un es wehr
FRANZÖSISCHES ZU E. E. NIEBERGALLS „DATTERICH“. 275
aach net ganz menschefreindlich. (Stürzt ans Bett) Awwer wort, wer mer nor
widder gesund, do will ich der’sch weise! (Er ballt die Faust und geht ab)
Datterich (springt auf, schlägt einen Entrechat und dreht ihm eine
Nase): Grob bifs-de, awwer doch noch net gescheit genug! Wie mich der
Limmel hett schmeifse wolle, hett ich mich doht gestellt, wie e Kläwwer, do
wehr-er gewils zurickgehuft ...
Diese lustige Szenenfolge darf in besonderer Hinsicht die
Aufmerksamkeit der Literaturhistoriker, zumal der romanistischen,
beanspruchen. Zu jedem ihrer Hauptmomente lassen sich aus dem
älteren französischen Schrifttum Parallelen beibringen, freilich weniger
um etwa darzutun, dals der Schöpfer des „Datterich* sie gekannt
und für sein Stück verwertet habe, als um wieder einmal zu zeigen,
dafs gleiche oder ähnliche dem Leben mit Kunst nachgezeichnete
Figuren und Situationen zu verschiedenen Zeiten und am ver-
schiedenen Ort unabhängig voneinander gleiche oder ähnliche
literarische Form annehınen können. Denn zugegeben — wir
kommen auf diese Frage zurück —, dafs bei der Gestaltung des
Zusammentreffens Datterichs mit dem Schneidermeister (Zweite Szene)
eine Erinnerung an Molie&re lebendig war oder dafs die alte Farce
vom Advokaten Pathelin in irgend einer Version dem hessischen
Dichter zu Gesicht gekommen war und ihm die famose sechste
Szene zwischen dem im scheinbaren Paroxysmus fiebernden Kranken
. und dem Schuster, dem „unheeflichen Bengler“, eingab, unbekannt
war ihm sicherlich jene anmutige kleine Dichtung Jehan Froissarts
geblieben, in welcher der Poet, ähnlich wie Datterich in der fünften
Szene, mit dem letzten, aufser Kurs gesetzten und darum im Säckel
verbliebenen Geldstück stille Zwiesprache hält. Es ist Froissarts
Dit dou Florin vom Jahre 1389. In einem Winkel seines Beutelchens
entdeckt er den einsamen Gesellen:
«Diex! doux valet>,
Di je lors, «es tu ci quatis?
«Par ma foi, tu es uns quetis,
«Quant tous seuls tu es en prison
«Demorts, et ti compägnon
«S’en sont ales sans congie prendre.
«Or ca, il t’en fault compte rendre.»
(Froissart, Podsies, p.p. A.Scheler, Bruxelles 1871, II 223, 112 ff.)
Trefflich lassen sich diese altfranzösischen Verse in der „Mundart
der Darmstädter“ wiedergeben: „Geh emol her du ohrm Greschje!“,
sagt Datterich und zieht einen Koburger aus der Tasche, „Gell
dei Herr Vadda will nix von der wisse, un die Zeit is der lang
worn in dem Sack, wo de gar kah Kamerade hast? No, wort,
Herzje, ich bring dich doch unner die Leit...“
Die Entstehung des Di? dow Florin verdanken wir bekanntlich
einem Mifsgeschick, welches dem Dichter gelegentlich eines Besuches
18*
276 ERHARD LOMMATZSCH,
der päpstlichen Stadt Avignon widerfuhr. Sein denkwürdiger Aufent-
halt im Lande Bearn war zu Ende gegangen, im Gefolge der Herzogin
von Berry hatte er im Mai 1389 Schlols Orthez und seinen hohen
Herrn, den Grafen Gaston Phebus von Foix, verlassen. In langen
Winternächten hatte er ihm seinen abenteuerlichen Roman vom Ritter
Meliador vorlesen müssen, nun war er zum Abschied mit klingendem
Lohn freigebig bedacht worden, achtzig schwere aragonesische Gulden
hatte ihm die Rechnungskaınmer des Grafen ausgezahlt. Für sechzig
von ihnen hatte er vierzig gute Frankstücke einwechseln können,
die er leichtsinnig einer kleinen, billig erstandenen Börse anvertraute;
so nahte in Avignon das Verhängnis. Am Sonntag in der Frühe
waren die Franken noch zur Stelle, nach dem Besuch der Messe
waren sie verschwunden: verloren oder gestohlen. Wie nun den
Verlust wettmachen? Der gangbarste Weg schien dem Dichter
wohl derjenige zu sein, der zu den gespickten Geldbeuteln der
vornehmen, ihm wohlgesinnten Herren führte, in deren Gesellschaft
er gerade reiste, des Herrn von Riviere, des Grafen von Sancerre,
des Vizegrafen von Acy. Auch der Dauphin der Auvergne würde
es sich gewils nicht nehmen lassen, dem liebenswürdigen Froissart
aus der Klemme zu helfen. So griff der Poet denn zur Feder
und schrieb die hübschen Vers. seines Di/, welche den Gönnern
gefallen, ihnen ein Lächeln abnötigen und sie veranlassen mochten
die verlorenen vierzig Franken zusammenzuschielsen.
Denn Froissarts Werkchen ist nicht, wie so viele andere Bei-
spiele der Gattung, ein plumpes und abgeschmacktes poetisches
Bittgesuch, in seiner ganz persönlich gehaltenen, launigen Art stellt
es vielmehr etwas Originelles vor. Es war ein neuer und glücklicher
Gedanke, die Forın eines Zwiegesprächs mit einem Gulden zu wählen,
der, einmal beschnitten und untauglich geworden, als letzter von
vielen im Beutel übrigblieb und seinen Herrn auf allen Wander-
fahrten treulich begleitcte:
«Je sgai francois, englois et thids,
«Car partout m’aves vous porte.>!
(a.a. ©. v. 154.)
So ist der Gulden in der Lage, dem Dichter vorzurechnen, wo all
die einstigen blanken Kameraden geblieben sind. Leicht zerrann
allezeit das Geld in Froissarts sorgloser Hand. Seine Schriftstelierei,
sein kostspieliges Reisen durch die französischen, englischen und
italienischen Provinzen hat manches Pfund draufgehen lassen. Nicht
i Also irrt H. Suchier, wenn er sagt: „Der Gulden, um den es sich
handelt, ist der letzte von einer gröfseren Summe, die ihm Gaston Phöbus
beim Abschied aushändigen lief,“ (Suchier-Birch-Hirschfeld, Gesch. d. frz. Lit,
Leipzig 1913, I, 250). Froissart ba!te ihn schon nach Be&arn mitgebracht. —
Zum Dit dou Florin vgl. noch die von einzelnen Ungenauigkeiten ebenfalls
nicht freien Darstellungen Kervyn de Lettenhove’s, Ocuvres de Froissart,
Chroniques 1, Introduction ı, Bruxelles 1870, S. 339 fl.; M. Darmesteter’s,
Froissart, Paris 13894, S. ıııfl.; G. Gröber’s, Grundr. d. roman. Philologie,
1I, ı, Straf»burg 1902, S. 1052.
FRANZÖSISCHES ZU E. E. NIEBERGALLS „DATTERICH*®. 277
zu vergessen die fröhlichen Weinstuben von Lestines. Noch nicht
kennt der Gulden den jüngst eingetretenen Verlust der vierzig
Franken, und da ist es denn Sache des Dichters, die Erlebnisse
der letzten Zeit, die der Gulden im Beutel verschlafen hat, ihm zu
erzählen. Der Gulden weils nun raschen Trost und Rat: „Ver-
schmerzt und vergelst, Herr, die ärgerliche Einbufse! Denkt an
eure adeligen Freunde; sie werden sich vom Grafen Phebus nicht
beschämen und euch nicht vergebens an ihrer Tür anklopfen lassen.“
Mit also geschickter Hand und heiterer Erfindungsgabe versteht
Froissart das Peinliche des Bittgesuchs zu mildern,
In den einleitenden Versen seines Gedichts verbreitet sich
Froissart über Wesen und Macht des Geldes, das den Wechsel
liebt, das unbeständig von Hand zu Hand durch die Lande rollt,
das mit einer wahrhaft zauberhaften Kraft ausgestattet ist:
Argens est de pluisours lignies;
Car lors qu’il est issus de terre,
Dire poet: «Je m’en vois conquerre
«Päys, chasteaus, terre et offisces.»
Argens fait avoir benefisces,
Et fait des drois venir les tors,
Et des tors les drois au retors.
Il n’est chose qu’argens ne face,
Et ne desface, et ne reface.
Argens est un droit enchanteur,
Un lierres et un bareteur;
Tout met a point et tout toueille ...
(a.a. 0. v. 52 ff.)
Damit streift der Dichter ein Thema, das vor ihm im zwölften,
dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert, zumal seit der Zeit Philipps
des Schönen, in .der realistisch-satirischen Dichtung Frankreichs,
und nicht nur hier, oftmals angeschlagen wurde. An die lateinischen
Sprüche De nummo, an die französischen Verse von dem „Herrn
Heller“ (De dan Denier), an satirische Anspielungen in Dichtungen
Rustebuefs, im Baudouin de Sebourg oder im Renart le Contrefait,
an etliche Balladen des Eustache Deschamps (z.B. VII, 75,
nr. 1422 mit dem Refrain: Zouf se fait par force d’argent) könnte
leicht erinnert werden.1 Aber nähere Beziehungen zwischen diesen
ı Vgl. zu den lateinischen Dichtungen A. Jubinal, Nouveau Recueil de
Contes, Dits, Fabliaux, Paris 1842, II, 426f.; G. Gröber, Grundr. d. roman.
Philologie, 1 ı, S.380; H.Süfsmilch, Die Zutein. Vagantenpoesie des 12.
und 13. Jahrhunderts als Kulturerscheinung, Leipzig 1917, S. 56f., 64f.;
P.Lehmann, Die Parodie im Mittelalter, München 1922, S. 72, 3ıff. (ein-
schlägige Texte in seinen Beispielen zur lateinischen Parodie im Mittelalter,
ebd. 1923). — Das Gedicht De dun Denier ist abgedruckt in A. Jubinal,
Jongleurs et Trowveres, Paris 1835, S.94. Vgl. G.Gröber, a.a.O., IL ı,
S.882; C, Lenient, Za Satireen France au moyenäge*, Paris 1893, S. ı81 ff.;
A. Tobler, Vermischte Beiträge s. franz. Grammatik, I1?, Leipzig 1906,
5.227 u. 251; hierzu ergänzend G. Belz, Die Münzbezeichnungen in der afra.
278 ERHARD LOMMATZSCH,
und ähnlichen Reimereien und dem Di dou Florin ergeben sich,
etwa auch hinsichtlich des bildlichen Ausdrucks, nicht, und fern
steht ihm auch das dem 13. Jahrhundert angehörige anonyme Streit-
gespräch Du Denier et de la Brebis, das einzige mir neben dem
Dit douw Florin bekannte altfranzösische Gedicht, in welchem ein
Geldstück sprechend eingeführt wird. Heller und Schaf streiten
hier, nicht eben fein, auch nicht sonderlich lustig, vielmehr ziemlich
platt, über den Grad ihres Wertes für die Menschheit und über
ihre Notwendigkeit in der Welt. Einzelne Verse, die das Schaf
spricht:
«Denier, enten, si te remembres
«Que ne perdes un de tes membres!
«Ta vertuz seroit refusee,
«Ne vaudroies mie tostee
«De pain d’orge ou de pain d’estoupes.
«Tu n’as de goi couvrir tes coutes
«Fors un poi de sac ou de cuir;
«Iluec porroies tu porrir
«S’on n’avoit a fere de toi,»
könnten uns wohl an Froissarts ausgedienten, im engen Säckel
eingesperrten Gulden zurückdenken lassen. Allein es liegen hier
nur ferne und vage Anklänge vor, die nichts besagen und uns
keineswegs die Frage erhellen, ob Froissart dieses Spielmannsgedicht
überhaupt jemals kennen gelernt hat.!
Literatur, Diss. Strafsburg 1914, S. 22. — Das Thema ist auch der spanischen,
deutschen, englischen oder schottischen Vulgärpoesie des Mittelalters geläufig.
Bekannt ist das Kapitel Znxienplo de la propiedat que’l dinero hd
im Zzibro de Duen Amor des Arcipreste de Hita (Ed. Julio Cejador y
Frauca, Madrid 1913 [Cldsicos Castellanos) I, S. ı82 ff. mit Anm.; teilweise
abgedruckt auch in E. Werner, Dlütenlese der älteren spanischen Literatur,
Leipzig 1926, S. 47f.), welches Quevedos «Poderoso Caballero Es Don
Dinero „..» vorausnimmt. Schon Ferd. Wolf, Studien zur Geschichte der
span. u. porlug. Nationalliteratur, Berlin 1859, S. 109, Anm. 3, zitiert aus
Anlafs dieses Kapitels des Juan Ruiz ein deutsches Gedicht Dis ist von dem
Pfenninge (Müller, Sammlung deutscher Gedichte aus dem XII.—XIV.
Jahrh., Bd. I, am Ende) und einen englischen Song in Praise of Sir Penny
(Ancient Songs and Ballads. From the Reign of K. Henry II. to the Re-
volution. Coll. by J. Ritson, London 1829, I 134).
ı Vgl. auch die Verse des Streitgedichts: «Mes se fa croiz est jus posee,
L’en te feroit cuire et refondre. Denier, me cuides tu confondre?» mit Di
dou Florin 140fl.: «... et si te Borterai Fondre en la maison d’un orfevre,
Ou cuire ou fu d’un aultre fevre.» Auch dieser Anklang ist gewifs rein
zufällig. — Das Streitgedicht Du Denier et de la Brebis ist veröffentlicht von
A. Jubinal, Nouveau Recueil de Contes, Dits. Fabliaux, Paris 1842, II 264 fl.
(die zitierten Verse stehen 5. 268/69); vel. G.Gröber, Grundr. d. roman.
Philologie, 1lı, S.877; G. Paris, Za litt. frang. au m. &. 8 110. Innerhalb
der ausgedehnten Literatur der mittelalterlichen Streitgedichte steht es wohl
ziemlich vereinzelt da. Über den nach Flandern gehörenden lateinischen Con-
flictus Ovis et Lin! aus dem ı1. Jahrhundert s. H. Walther, Das Streit-
gedicht in der lateinischen Literatur des Mittelalters, München 1920, S. 55 fl.
und G. Ehrismann, Gesch. d. disch. Literatur bis sum Ausgang des Mittel.
alters, 11, 2, ı, München 1927, S. 152; einzelne Argumente, die später das Schaf
FRANZÖSISCHES ZU E. E. NIEBERGALLS „DATTERICH®“. 279
Kein beliebteres und banaleres Thema im übrigen als die
Klagen der Dichter und Spielleute über den chronischen Mangel
an Geld und die Hinfälligkeit ihrer Börse, die an Auszehrung leidet
und nur von der Freigebigkeit der hohen Gönner Heilung erwarten
darf. «S7 puis Prouver, et par bonnes raisons, Qu'il n’est si grant
doleur ne tel tormen! Com le meschief que J’avoır pouw d’argent,»
beschliefst etwa Guillaume de Machaut eine Ballade (Chichmaref
DO, 646) und variiert damit im voraus den später von Pierre
Gringore, Roger de Collerye oder Rabelais gern zitierten
Spruch: Zaulte d’argent, ces! douleur non pareille. Nicht einmal,
sondern zehnmal und mehr ergeht sich Eustache Deschamps
in wehleidigen und trivialen Bettelversen. Froissarts gefälliges
Talent übertrifft diese und andere Zeitgenossen. Erst Villons sich
mit freierem Witz gebende Regueste a Monseigneur de Bourbon von
1458 hält den Vergleich mit dem Dii dou Florin aus, vor allem
aber die wegen ihrer heiter scherzenden Selbstironie, ihrer liebens-
würdig spielenden und schmeichelnden Grazie oft gerühmte Zpis/re
au Roy des Clement Marot vom ı. Januar 1532. Auch Marot
batte, wie er erzählt, eine betrübliche Überraschung erlebt: Geld
und Börse waren gestohlen. Den Di dou Florin hat er aber wohl
nie gelesen; sein Vorbild ist nicht Froissart, sondern Villon.1
Ob Chaucer Froissarts Werkchen gekannt hat, mag ebenfalls
recht fraglich scheinen. Sein bekanntes letztes Gedicht 7’%e Compleynt
of Chaucer to his Purse ist im Jahre 139% an den neuen Herrscher,
Heinrich von Lancaster, gerichtet, steht also zeitlich dem Dii dou
Florin sehr nahe. Der eindringliche Appell an die leichte und
leere Börse, doch wieder schwer zu werden («Beth hevy ageyn, or
elles mot I dye!»), die Folge der zärtlichen Anreden, mit welcher
der Dichter seiner Bitte Nachdruck zu verleihen sucht: my Jady
dere, my Iyf, myn hertes stere, quene of comfort and of good companye,
my Iyves light and saveour, ist recht artig geraten. Neuere Kom-
mentare weisen auf Dichtungen Guillaume de Machauts und
Eustache Deschamps’ als mögliche französische Vorbilder hin.
Aber mehr als eine rein oberflächliche Verwandtschaft hinsichtlich
zu seinem Ruhme dem Heller gegenüber anführt, begegnen bereits hier. Dem
Thema nach: Vorzug der Naturalien vor dem Gelde, kommt dem französischen
Gedicht am nächsten das altspanische Streitgespräch Z/ Trigo y el dinero
(A. Durän, ZRomancero general, Madrid 1880, II 400). Hier finden sich
manche parallele Wendungen. Ganz verschiedenen Charakter zeigt die Cor-
certatio Ferri et Auri in einer genuesischen Handschrift des 15. Jahrhunderts
(s. Walther, a.a. O., S. 189 zu S. 58).
i Wiederum aber ergibt sich aus der gleichen Situation ein zufälliges
Zusammenklingen von Versen. Vgl. Dit dou Florin v. 407 (das Geld ist ver-
schwunden): ... Fin de somme, Onques n’öl de tel fantomme Parler ...,
mit Marot’s Zpistre v.23: ... Car oncques Puis n’en ay ouy Parler. —
Zu Villon’s Ballade s. G. Paris, Frangois Villon, Paris 1901, S. ıı1f.;
P. Champion, Zrangois Villon, sa vie et son temps, Paris 1913, Il ıoı fl.
Zu Marot’s Epistel vgl. jetzt Ph. A. Becker, Clment Marot, sein Leben
und seine Dichtung, München 1926, S. 68f., 269.
280 ERHARD LOMMATZSCH,
des Themas eines poetischen Bittgesuchs oder der Form der Ballade
läfst sich nicht feststellen. I
Endlich noch der Stofsseufzer eines deutschen Poeten ob der
Flüchtigkeit des Geldes:
„Meine güldenen Dukaten,
Sagt, wo seid ihr hingeraten ?
Seid ihr bei den güldnen Fischlein ...?
Seid ihr bei den güldnen Blümlein ...?
Seid ihr bei den güldnen Vöglein ...?
Seid ihr bei den güldnen Sternlein ...?
Ach! ihr güldenen Dukaten
Schwimmt nicht in des Baches Well’,
Funkelt nicht auf grüner Au,
Schwebet nicht in Lüften blau,
Lächelt nicht am Himmel hell —
Meine Manichäer, traun!
Halten euch in ihren Klaun.“
So der junge Heine im „Lied von den Dukaten“, das er wahr-
scheinlich Anfang Februar 1821 verfalste, als er Göttingen verlassen
und seine Schulden regeln mulste.2 Schon Gaston Paris hat dieses
„Lied“ im Zusammenhang mit Froissarts Dis dou Florın flüchtig
genannt.? Hinzugefügt aber sei, dafs Heine ein paar Jahre später
bei Gelegenheit seiner Harzreise noch einmal Zwiesprache mit einem
Geldstück gehalten hat. Dies war jedoch kein beschnittener und
wertlos gewordener Gulden wie der Florin des Froissart, auch kein
von den Darmstädtern scheel angesehenes „Koborjer Stiefgreschje*,
vielmehr war es ein guter, blanker Taler, den der Dichter in der
Klaustaler Münze in die Hand bekam:
„Mit einem Gefühle, worin gar komisch Ehrfurcht und Rührung
gemischt waren, betrachtete ich die neugeborenen, blanken Taler, nahm
einen, der eben vom Prägstocke kam, in die Hand, und sprach zu ihm:
„Junger Taler! welche Schicksale erwarten dich! wie viel Gutes und
wie viel Böses wirst du stiften! wic wirst du das Laster beschützen
und die Tugend flicken! wie wirst du geliebt und dann wieder ver-
wünscht werden! wie wirst du schwelgen, kuppeln, lügen und morden
15. The Complet Works of Geoffrey Chaucer, Oxford 1899, S. 562 Anm.
Verwiesen wird auf Machauts Complaınte: «aSire, a vous fuis ceste clamour»
(Chichmaref I 262) und besonders auf E. Deschamps’ Ballade 247 (II 8ı) mit
dem Refrain: «Muis du paier n’y sgay vole ne lour.»
2 5. P.Beyer, Der junge Heine. Eine Entwicklungsgeschichte seiner
Denkweise und Dichtung, Berlin 1911 (= Donner Forschungen, hspg. von
Berthold Litzmann 1), S. 150. Beyer, edd. S. 127, Anm. 2, vermutet für das
Gedicht den Einflufs Uhlands.
8 Esquisse historique d. 1. litt. frang. au m. ä., Paris 1907, $ ı71. Die
Notice zu den Zxtruits de Froissart erinnert S. 177, Anm. 3 an Villons Ballade
und Cl. Marots Epistel (Zxtruits des Chroniqueurs franyais: Villehardouin,
Foinville, Froissart, Commines, p.p. G. Paris et A. Jeanroy, Paris? 1909).
FRANZÖSISCHES ZU E. E. NIEBERGALLS „DATTERICH®. 281
helfen! wie wirst du rastlos umherirren, durch reine und schmutzige
Hände, jahrhundertelang, bis du endlich schuldbeladen und sündenmüd
versammelt wirst zu den Deinigen im Schofse Abraham’s, der dich ein-
schmelzt und läutert und umbildet zu einem neuen besseren Sein, viel-
leicht gar zu einem unschuldigen Teelöffelchen, womit einst mein eigenes
Ur-Urenkelchen sein liebes Breisüppchen zurechtmatscht*. — —
(Die Harsreise).!
Doch kehren wir jetzt zu Freund Datterich in seine beinahe
vergessene Dachstube zurück. Der erste Gläubiger, der sich einstellt,
ist der Schneider Steifschächter. Mit liebenswürdiger Höflichkeit
wird ihn Datterich, der seine Leute geschickt zu nehmen weils,
bald abgefertigt haben. Datterich (zuvorkommend): „Setze Se sich,
liewer Freind. (Für sich): Der Mann mufs heeflich drakdiert wern.
(Laut): ... Sie sinn doch recht gesund? des Aussähe bringt’s mit
sich. Was mache die Frau Gemahlin und die liewe Kinna? Alles
noch wohl uf, hoffentlich ... Ach, des mufs Ihne Spafs mache!
E brav Frah, wohlgezogene Kinna, e gut Geschäft —...“ Natürlich
fällt einem die meisterliche Gläubigerszene in Molietres Don Juan
IV, 3 ein. Auch hier der bescheidene Schneidermeister, Monsieur
Dimanche, der gar nicht recht zu Worte kommt und sich mit
höflichen Redensarten vom geistig überlegenen Schuldner abspeisen
läfs. Don Juan: «Allons vite, un sitge pour monsieur Dimanche ...
Parbleu! monsieur Dimanche, vous vous portes bien? ... Vous avez
un fonds de sante admirable, des levres fraiches, un teinl vermeil, et
des yeux vifs.... Comment sc porte madame Dimanche, votre Epouse? ...
C’est une brave femme ... Ef votre petite fille Claudine, comment se
porte-I-elle? ... Zi le petit Colin, fail-il toujours bien du bruit avec
I Charles de Costers Ulenspiegel erhält als Belohnung für seinen
Antwerpener Fliegerstreich drei Gulden. „Was sind drei Gülden in der
Tasche eines jungen Gesellen denn ein Schneeball vor dem Feuer, oder eine
volle Flasche, die vor Euch steht, Ihr weischlündigen Trinker? Drei
Gülden! Die Blätter fallen von den Bäumen und schlagen wieder aus,
aber die Gülden wandern aus der Tasche und kehren nimmer zurück. Die
Schmetterlinge fliegen mit dem Sommer fort, und die Gülden gleicherma/sen,
ob sie pleich zwei Esterling und neun As wiegen“. Solches sagend betrachtete
Ulenspiegel seine drei Gülden. „Welch stolzer Anblick“, sprach er für sıch.
nAuf der Vorderseite Kaiser Karl gepanzert und behelmt, mit einem Schwert
in der einen Hand und dem Reichsapfel, der diese arme Welt bedeutet, ın
der andern! Welch stolze Miene hat er! ... Ach, wenn ich Kaiser Karl
wäre, ich würde Gülden für jedermann prägen lassen, und wenn ein Jeglicher
reich wäre, so würde keiner mehr arbeıten“. — Aber Ulenspiegel hatte das
Nachsehen bei dem schönen Gelde; es war dahingegangen beim Klrren der
Humpen und Flaschen“ (Charles de Coster, Zyll Dlenspiegel und
Lamm Goedzak ..., deuisch von Fr. v. Oppeln-Bronikowski, Jena 1909, I, 40,
S. 84). — Eine derb humoristische Dorfgeschichte „Das schlechte Fünffranken-
stück“ erzählt in neuester Zeit der Flame Cyriel Buysse. S. Cyriel Buysse,
Flämische Dorfgeschichten, übertr. von G. Gärtner, München 1916, S. 253 (auch
in Flämisches Novellenbuch, gesammelt und übertragen von Fr. M. Huebner,
Leipzig, Inselverlag, 1917, S. 113. Auch an Fritz Reuters „ihrlichen®
dütschen Studenten und den falschen preufsschen Daler, der „sin hülprike
Engel würd“, darf erinnert werden („Dörchläuchting“, cap. 7 am Ende).
282 ERHARD LOMMATZSCH,
son tambour? ... Ei votre petit chien Brusquet, gronde-t-il toujours
aussi fort, et mord-ıl toujours bien aux jambes les gens gui von chez
vous? ... Ne vous Elonnez pas si je m’informe des nouvelles de toute
la famille; car j’y prends beaucoup d’inieröt ...»
Der Gedanke, dafs Niebergall aus dem Spiel des Moliere
Anregungen für die Gestaltung seiner Schneiderszene empfangen
habe, liegt verführerisch nahe. Dafs der ehemalige Gielsener Student,
der spätere Privatschullehrer den französischen Klassiker gelesen
hat, scheint zum mindesten möglich. In seinen Stücken finden sich
auch gelegentliche Zitate aus Schiller und Shakespeare. Und doch
möchte ich Esselborn recht geben, der, a.a.O.S. ıı2, die Annahme
einer Beeinflussung durch Moliere ablehnt. Niebergall kann die
Szene ganz selbständig nach dem Leben geformt haben, wie einst
Moliere die seine. Die Ähnlichkeit der darzustellenden Situation
liefs beide Dichter auch ähnliche Gedanken und Worte finden, die,
an den rechten Platz gestellt, zu beiden Malen von glücklichster
Wirkung sind. Ja, wenn eine wörtliche Übereinstimmung sich auf
charakteristische Einzelheiten erstreckte, wenn etwa auch bei Niebergall
der Schuldner den Gläubiger nach dem Befinden der Frau, der
Tochter und des Söhnchens in gleicher Folge fragen und weder
die lärmende Trommel noch das kläffende und beifsende Hündchen
fehlen würde! Nur in diesem Falle würde der Beweis gegeben
sein, dafs der Dichter des „Datterich“ sich eine kleine literarische
Anleihe bei Moliere gestattet habe.
Die Gläubigerszene des Don Juan ist noch im 17. Jahrhundert
von Regnard im Joueur (1696) III, 7 nachgebildet worden, freilich
mit wenig Glück. Zu dem Schneidermeister Monsieur Galonier
gesellt sich hier noch, ohne Not, ein zweiter Gläubiger in Gestalt
der Sattlersfrau Madame Adam; die Rolle des Sganarelle hat Valeres
Diener Hector übernommen. Allein die Szene hat alle Feinheit
und alle Anmut des Moliereschen Dialogs eingebüfst und der Witz
ist, soweit überhaupt vorhanden, roh und frostig geraten.! —
Endlich Datterich und der gewalttätige Schuster. Mit ihm läfst
sich nicht gut Kirschen essen, und so bleibt Datterich nichts weiter
übrig als den in schweren Fieberphantasien darniederliegenden
Kranken zu spielen, eine Rolle, die er mit gleicher Virtuosität
durchführt wie einst der pfifige Advokat Maistre Pierre Pathelin,
als sich der Tuchverkäufer bei ihm eingefunden. In seiner erwähnten
Schrift (S. 110) erinnert Esselborn an den Darmstädter Komiker
Wilhelm Hanstein (1784—ı826), „der es fertig gebracht hat,
sich tot zu stellen, um das Geld aus der Sterbekasse in seine leere
Kasse überzuleiten, ähnlich wie Datterich sich tot stellt, um sich
den Gewalttätigkeiten seines, hartnäckigsten Gläubigers, Bengler, zu
1 Eine zweite treffliche Szene zwischen Schuldner und Gläubiger hat
Moliere bekanntlich dem Dourgeois Gentilhomme (IlI, 4) eingefügt. Hinsichtlich
ihres Ausgangs (der Schuldner borgt zur oberen Abrundung der Summe von
neuem) läfst sich mit ihr eine Szenenfolge in Dancourts „Zes Bourgeoises d
la mode“ (1692) vergleichen (I sc. 7, 8, 9, 12).
— nn — Pr
FRANZÖSISCHES ZU E. E. NIEBERGALLS „DATTERICH“. 283
entziehen“. Esselborn führt des weiteren aus, dafs für die Entstehung
dieser Hansteinanekdote Karl Maria von Webers Singspiel Adu
Hassan mit dem Textbuch F.K. Hiemers, nach einem Märchen
aus Tausendundeiner Nacht, in Betracht zu ziehen sei. Auch hier
wissen sich der Liebling des Kalifen Abu Hassan und seine Gattin
Fatime dadurch Geld zu verschaffen, dafs sie die Scheintoten spielen.
Weber komponierte das Singspiel während seines Aufenthaltes in
Darmstadt; im Jahre 1815 gelangte es hier auf der Hofbühne zur
ersten Aufführung und Hanstein spielte den Oberkämmmerling
Mesrur. Die Hansteinanekdote mochte Niebergall infolge der engen
Beziehungen seines Vaters und seines Oheims zum Hoftheater, dessen
Orchester beide angehörten, wohlbekannt sein.
Eng miteinander verschlungen sind off die Fäden mündlicher
und literarischer Tradition und der nachspürenden Hand gelingt
es nicht, das Knäuel zu entwirren. Dafs irgendwelche Erinnerung
an einmal Gehörtes oder Gelesenes die Feder des Dichters führen
half, glaube ich für die Benglerszene annehmen zu sollen. Und
am ehesten wird man wohl an Maistre Pathelin, in irgendeiner
Bearbeitung oder Übersetzung, denken dürfen, denn in keiner
anderen der zahlreichen Versionen des volkstümlichen Motivs vom
Gläubiger, der sich durch vorgebliche Krankheit oder Tod des
listigen Schuldners prellen läfst, wird gerade das scheinbare Delirium
mit soviel Witz und lustiger Erfindung dargestellt! So wird in
diesem Fall Rich. M. Meyer („Die deutsche Literatur des Neunzehnten
Jahrhunderts“, Berlin 1900, S. 93) recht haben, wenn er vom
„Datterich* sagt: „Die Handlung borgt, wie in all diesen Stücken,
sorglos Motive aus der ältesten Tradition bis zu dem mittelalterlichen
Schwank vom ‚Advokaten Pathelin‘ herab“. Bewundernswert aber
bleibt die Sicherheit und die Selbständigkeit der burlesken Kunst,
mit der es Niebergall verstanden hat, die Krankheitsszene dem Stil
und dem Rahmen seines Lokalstücks anzupassen.
Pathelin redivivus! In unseren Tagen ist der verschmitzte
Patron in verjüngtem Gewande über die Bretter einer Stadt „zwischen
Maas und Rhein“ gezogen und hat als „Advokat Mullerich“
neue Triumphe gefeiert. Was mir sein Schöpfer, der Aachener
1 Über das Fortleben der französischen Farce s. K. Schaumburg, Die
Farce Patelin und ihre Nachahmungen in Ztschr. f. neufranz. Sprache u.
Litteratur 1X (1887), ı fl.; A. Banzer, ed. X (1888), 93 fl. — Über die ver-
schiedenen Versionen des Schwankmotivs s. J. Bolte, Veterator (Maiktre
Patelin) und Advocatus, zwei Pariser Studentenkomödien aus den Jahren
1512 und 1532, Berlin 1901 (Zatein. Lit.-Denkm. hsg. von M. Herrmann, 15),
S. VII, Anm. 1. Aus dem 15, Jahrhundert stellt sich dazu noch die 42. Novelle
der „Porrettane“ des Giov. Sabadino degli Arienti (Ed. Gambarin, Bari
1914 [Scrittori d’ Italia], S. 251, vgl. S.v. Am, Roman. Forschungen XXNVI
[1909], S. 751), sowie eine Facetie des Piovano Arlotto, s. Die Schwänke
und Schnurren des Pfarrers Arlotto, gesammelt und hsg. von A. Wesselski,
Berlin 1910, Nr. 143, II, S. 136 mit Anm. S. 245 f. Hier schützt der Schuldner
als Krankheit die Pest vor und die Furcht vor Ansteckung vertreibt den
Gläubiger.
284 ERHARD LOMMATZSCH,
Germanist Fritz Brüggemann, über die Entstehung des heiteren
Spiels in liebenswürdiger Weise schreibt und was ich hier mitteilen
darf, ist lehrreich und geeignet, den Literatur- und Motivhistoriker
abermals zur Vorsicht bei der Beurteilung literarischer Zusammen-
hänge zu ermahnen. Der Name „Mullerich* erinnerte mich an den
Namen des „Datterich“ und ich fragte beim Autor an, ob hier eine
engere Beziehung vorläge.1 Brüggemann antwortete: „... Lange
suchte ich nach einem mir geeignet erscheinenden Namen für den
Advokaten. Schliefslich kam ich auf „Mullejan“, das ist ein hier
in meiner Vaterstadt Aachen sehr beliebter Schimpfname und ist
soviel wie „Mauljohann“, das heifst also ‚Maulheld, Grofstuer,
Renommist, Schwätzer. „Mullen“* ist Schwätzen in diesem Sinne.
Aber bei der verbreiteten Anwendung dieses komischen Schimpf-
namens hätte man das Stück überhaupt unter diesem Namen nicht
mehr ernst genommen, sondern es als einen Ulk im Sinne des
‚rheinischen Volkstheaters (des sogenannten Kölner Hänneschens)
angesehen. Ich hielt also nur an dem „Mullen“ fest, machte aber
aus dem „Mullejan* einen „Mullerich*. Dieser Name kommt
übrigens schon in Gutzkows „Äiltern vom Geiste“ vor. An Niebergalls
„Dallterich“ habe ich nicht gedacht“ (Brief vom 7. Mai 1922).
Die Uraufführung des „Advokaten Mullerich“ fand am 20. April
1922 im Stadttheater zu Aachen statt. Wie er aber überhaupt dazu
gekommen sei, das burleske Spiel zu schreiben und selbständig,
übrigens in sehr glücklicher Weise, zu formen, erzählt Brüggemann
folgendermalsen: „... Den Original-, Pathelin‘ habe ich nie gelesen.
Ich weils von ihm nicht mehr, als ich über ihn in Creizenachs
„Geschichle des Dramas“, Bd.1 (zweite Aufl. ıgı1), S. 446 gelesen
habe. Ich machte mir anfangs nur ein Vergnügen daraus, das
lustige Stückchen meinen Kindern auf dem Kasperletheater vor-
zuspielen. Das geschah etwa zehnmal bei verschiedenen Gelegen-
heiten. Dabei ergab die praktische Erfahrung, was besonders
wirkungsvoll sei. So bildete sich das Spiel ganz aus sich technisch
heraus. In den Ferien setzte ich mich einmal hin, das Erprobte
niederzuschreiben, nun aber kam es zu psychologischen Vertiefungen
und Feinheiten, die von der Puppe nicht mehr wiedergegeben
werden konnten, das ganze Spiel wurde auf die Gebärde gestellt.
Trotzdem habe ich das Stück immer mehr gehört als gesehen.
Von Anbeginn war ich bemüht, die Motive, die im Zathelin lose
nebeneinanderliegen, innerlich zu verknüpfen, also die Geschichte
von dem gestohlenen Hammel einmal und die andere Geschichte
von dem unbezahlten Tuch zum anderen. Bei Pathelin wird der
Tuchhändler zum Gänsebraten eingeladen, ich machte aus dem
Gänsebraten einen Hammelbraten, d.h. ich identifizierte ihn mit
dem gestohlenen Haminel und machte die Frau Pathelins zur An-
stifterin des Hammeldiebstahls. Aus dieser Verknüpfung ergaben
ı Wie Niebergall zu dem auffallenden Namen seines Titelhelden kam,
führt Esselborn a. a. O. S. 106 aus.
FRANZÖSISCHES ZU E. E. NIEBERGALLS „DATTERICH®. 285
sich auch die burlesken Formen für die Krankheitsszene, indem
Pathelin bei mir in seinem Paroxysmus in dem Tuchhändler selbst
einen Hammel sieht und diesen dadurch gänzlich aus der Fassung
bringt. Ob es Ähnliches im Original gibt, ist mir ganz unbekannt.
Ich habe mich für das Original nie interessiert, sondern nur für
die Motive, aus denen ich ein ganz neues und eigenes Stück
schrieb ...“ (in dem gleichen Briefe).
Diese jüngste literarische Form der berühmten Gläubiger- und
Krankheitsszene sei zum Schluls nach dem mir freundlich zur Ver-
fügung gestellten Manuskript des noch ungedruckten „Advokaten
Mullerich“ hier wiedergegeben.
Zweite Szenenfolge.
Elfter Auftritt.
Meister Nikolaus [Seidenschwanz, Tuchmacher und Tuchhändler],
Mullerich, und Katharina [Mullerichs Frau).
Mullerich (kommt von hinten, ganz verändert, ein gebrechlicher alter
Mann, um den Kopf ein dickes weilses Tuch; hüstelnd): Öhö, öhö, öhö, ich
bin en armen, alten, kranken Mann. Öhö, öhö, öhö,
Nikolaus (starrt ihn wie versteinert an).
Katharina (ist hinter Mullerich eingetreten, immer Hände ringend im
Hintergrund).
Mullerich: Ich bin en armen, alten, kranken Mann. Öhö, öhö, öhö.
Nikolaus (ganz klein und bescheiden): Herr Mullerich, wart ihr nicht
heute Morgen bei mir?
Mullerich: Öhö, öhö, öhö, was sagt ihr da? Ich kann euch nicht
recht verstehn,
Nikolaus (etwas lauter, aber noch immer sehr besch:iden): Ich meine,
ob ihr nicht heute Morgen bei mir wart, Herr Mullerich? Bei mir im Laden
und habt grünes Tuch gekauft?
Mullerich (schüttelt verneinend den Kopf): Nein. Ich bin en armen,
alten, kranken Mann. Ich bin seit vier Wochen nicht mehr aus dem Bett
gekommen. Öhö, öhö, öhö.
Katharina: Seht ihr, hab’ ich es euch nicht gesagt!
Nikolaus (eindringlich): Herr Mullerich, ihr wart doch heute Morgen
bei mir! Ihr habt mich doch zum Mittagessen eingeladen!
Mullerich (fängt an zu zittern): Ich bin en armen, alten, kranken Mann.
Warum läfst man mich nicht in meinem warmen Bett, in dem ich all die
Wochen so gut gelegen habe? Öhö, öhö, öhö (fängt noch stärker an zu zittern).
Katharina (eilt ihm zu Hülfe): Ach, du lieber Gott! jetzt bekommt er
wieder seinen Paroxysmus! Hätt’ ich ihn doch in seinem Bett gelassen!
Mullerich (fängt an zu fiebern);: Ich sehe allerhand Gestalten! (auf
Nikolaus zugehend) Diesen da, den sah ich früher schon. Ist das nicht der
alte Küster, den wir schon vor zehn Jahren auf dem Kirchhofe begraben
haben ?
Nikolaus (zieht sich ängstlich zurück).
286 E.LOMMATZSCH, FRANZ. ZU E. E. NIEBERGALLS „DATTERICH“.
Mullerich: Pfui, der stinkt nach Grabesluft! Öhö, öhö, öhö. Nein,
das ist der alte Küster nicht. Wie verändert sich der Mann vor meinen Augen!
Öhö, öhö, öhö. EI, das ist ja gar kein rechter Mann! Sieh, der hat gar
keine Menschenfüfse,
Nikolaus (zieht verlegen immer abwechselnd den einen und den andern
Fufs nach hinten unter seinen Mantel).
Mullerich: Hammelbeine sind das ja!
Nikolaus (bekreuzigt sich).
Mullerich: Katharina, was hat der für ein Angesicht!
Katharina (schaut Nikolaus mit der ernstesten Miene sehr interessiert
an und bestätigt Mullerichs Worte immer durch ein versicherndes Kopfnicken).
Mullerich: Öhö, öhö, öhö. Ist das nicht ein Hammelkopf?
Nikolaus (wirft entsetzt den Mantel über seinen Kopf und stürzt links
zur Türe hinaus).
So bewährt der alte Maistre Pierre Pathelin noch im 20. Jahr-
hundert die urwüchsige Kraft seines komischen Witzes.. Auch an
dem lebenswahren, bald behaglichen, bald pfifigen Humor des
„göttlichen“ Daiferich werden sich die spätesten Enkel und Urenkel
der Darmstädter noch erfreuen.
: ERHARD LOMMATZSCH.
Zur galloromanischen Spraochgeschichte.
a) Frz. font, wallon. /eent.
Besteht kein Zweifel darüber, dafs schon frühzeitig im Gallo-
romanischen die Endung der 3. Plur. Präs. -un?/ durch -unf ersetzt
worden ist, also auch jacıun! einem *facunt Platz gemacht hat, so
ist doch das Verhältnis von diesem */acun? zu frz. font, wallon. feent .
schon im Jonas, somit recht früh, noch nicht aufgeklärt. Die ver-
schiedenen älteren Auffassungen dieser Formen stellt Rydberg, le
developpement de /acere dans les langues romanes S.g8 ff. zusammen,
lehnt */acunt ab und konstruiert ein vulglat. */aur/ ohne sich genauer
über die Entstehung dieser Form zu äufsern. G. Paris hält mit
Recht an */acunt fest „qui peut dans une prononciation rapide
s’abreger en *faunt ... *faunl! pronoce en deux syllabes a fort
bien pu donner le fameux /een? du Jonas, faunf prononce en
diphtongue a donne& prov. faun, frg. font“ (R. 22,571), vgl. dazu
n/eent me parait toujours venir de fa-unt, forme maintenue spora-
diquement (en regard de Jaunt > font) par le desir de conserver
syllabiquement distincte la terminaison de la 3. personne plur.“
(R. 24, 307). Dabei bleibt aber die scharfe geographische Um-
grenzung von cent nicht erklärt und auch die Annahme einer
Kurzform ist nicht unbedingt überzeugend, wogegen grundsätzlich
gegen die Erklärung von /eent nichts einzuwenden ist. Ich habe
Rom. Gramm. I, 8439, U, $ 268 in /eent eine lautliche Entwicklung
gesehen, in /onf eine Anbildung an vons, ont. Fırz. Gramm.! $ 318
habe ich /onf als durch *ront (trahunt) bedingt aufgefalst, da ja
fraire und /aire von Haus aus weite Strecken zusammengehen.
Daran macht mich nicht irre, dafs Stimming sagt, für /rahere sei
vulglat. /ragere anzusetzen (Zs. 39, 124). Denn abgesehen davon,
dafs nach dem Einf. $ 101 Ausgeführten mir die Berechtigung
eines solchen Ansatzes zweifelhaft scheint,1 wäre auch */ragunt zu
1 [ch benutze die Gelegenheit um zu sagen, warum mich Juds Einwände
ASNSpL. 124, 398 nicht überzeugt haben. Richtig ist, dafs man von aer
nicht ohne weiteres auf /Zrahere schliefsen kann, aber dafs aus Z/rahere etwas
anderes als Zrazire geworden wäre, ist nach der ganzen Entwicklungsart des
Französischen schwer anzunehmen. Dagegen halte ich den Einwand nicht für
berechtigt, dafs der Hinweis auf die Entwicklung von Zegere nicht angehe,
Natürlich ist prov. Zegir Buchwort, aber span. leer, portg. ler zeigen nun einmal
die normale Entwicklung. Das mag begrifflich auffällig sein, aber wir müssen
uns mit der Tatsache abfinden, wie ja auch frz. Zire durchaus erbwörtlich ent-
288 WILHELM MEYEK-LÜBKE,
*/ron! geworden, vgl. fou aus fagu. Entscheidend ist der andere
Einwand, dafs das Häufigkeitsverhältnis der beiden Verba eine solche
Einwirkung als sehr unwahrscheinlich erscheinen lälst. Ich habe sie
daher aufgegeben. Schwan-Behrens $ 348c nimmt wie in zadunt
frühen Schwund des intervokalischen Verschlulslautes an, Jordan,
Afız. Elementarbuch 233 sagt kurz „sorf ist vermutlich das Vorbild
von font (Jonas hat normales feent)*.
Da Zacul zu Jar, -acu zu -ai wird, so mülste man scheinbar
*faient aus *facunf erwarten und dieses */aient hätte sich so schön
zu fais, fait, faimes, faites gefügt, dafs sein Verschwinden ganz
unverständlich wäre, auch mit der Tatsache, dafs */ronf nach */raimes,
fraıles zu fraient umgestaltet wurde, im Widerspruch steht. Es mulfs
also die lautliche Übereinstimmung zwischen /acu und *facunf nicht
eine vollständige sein und zwar mufs die Verschiedenheit in einer
Richtung liegen, die die Labialisierung des a zulälst. Wenn meine
Auffassung richtig ist, dafs die Verschiedenheit zwischen /o# aus
fagu und la: aus Jacu darauf beruht, dafs, als in letzterem Worte
zur Zeit, da g aus c vokalisiert wurde, der Auslaut nicht mehr
labial war, das g sich also dem palatalen a anglich und zum
palatalen Spiranten wurde (ZRPh. 39, 405), so mulS bei */acunf
irgendwie doch die labia!e Wirkung stärker gewesen sein, sei es
nun, dafs der anlautende Labial in einer Art Fernassimilation den
labialen Spiranten ausgelöst hätte, worauf dieses aue wie das ältere
wickelt ist. Es kommt ja auch gar nicht darauf an, wie grols heute die Zahl
der Analphabeten in Spanien ist. Wissen wir denn, ob vor dem Arabereinfall
das Verhältnis nicht ganz anders war? Wenn wir obne theoretische Erwägungen
einfach das Tatsächliche hinnehmen, so kommt man zu der umgekehrten Auf-
fassung, dafs nur in dem hochkultivierten, um nicht zu sagen gelehrten Süd-
frankreich im frühen Mittelalter der Einflufs der Bücherkreise so grofs war,
dals er den Ersatz der erbwörtlichen Form durch eine latinisierende ermöglichte,
in Nordfrankreich und auf der Iberischen Halbinsel dag:gen nicht. Schwer-
wiegender ist dıe andere Bemerkung, dafs trainer, straccare u.a. ein *fraginare,
#*fyagicare voraussetzen, Grundlagen, die ich auch im REW. angesetzt habe.
Ich möchte aber heute ital. s/raccare ausschalten. Die Zweifel, die Schuchardt
von allem Anfang an gegen die weitgehenden -icare- Konstruktionen geäufsert
hat (Zs. 23, 331), haben sich auch mir nıehr und mehr aufgedrängt, wenn ich
auch gerade für sfraccare nichts zu bieten vermag. Aber span. fragar kann,
bei der Beliebtheit der -gur-Bildungen auf der Iberischen Halbinsel, Neubildung
von fraer aus sein. Auch rum. fräräna schaltet aus, da es nicht inare als
Suffix enthält, so dafs a's einzige Stütze, da doch frz. frafner ebensogut *fra-
hinare wie *raginare sein kann, prov. Zraginar bleibt. Nun bedeutet Zrapına
„espece de grand filet de p&che“ und das führt auf lat. /ragum „Schleppnetz“,
so dafs also von da aus */raginare in der Fischersprache an Stelle von #ra-
hinare getreten sein kann.
ı Das ist die einzige afrz. Form, Zac belegt Littr& erst aus Marco Polo,
den man auch nicht als Autorität für französische Volkssprache anführen kann,
dann aus Bercheure. Es ist danach nicht wahrscheinlich, dafs Zac auf einem
vulglat. Zaccus beruhe, wie Rohlfs Litbl. 1925, 301 sagt. Er bringt das Wort
als einen Beleg für die Regel, dafs langer Vokal + Kons. durch kurzen Vokal
+- langen Kons. ersetzt werden könne, ohne die Bedingungen dafür zu geben.
Ich habe von jeher gegen diese Regel gekämpft und jetzt einen mächtigen
Bundesgenossen in Juret gefunden, s. Manuel de phonetique latine 152,
Übrigens heifst es lat. Zäcus, nicht, wie Rohlfs ansetzt, Zäcus.
ZUR GALLOROMANISCHEN SPRACHGESCHICHTE. 289
au zu 0 geworden wäre, oder dals #» vor rn seine Klangfarbe
länger beibehalten habe. Beides ist möglich, beides lälst sich nicht
streng beweisen, aber vielleicht läfst sich für das eine noch etwas
anführen.
Das Wallonische zeigt die Labialisierung des a in geringerem
Umfange als das Zentralfranzösische, die Endung des Imperf. lautet
-eve, nicht -oue, es zeigt aber assimilatorische Kraft eines anlautenden
Labials auf eine velare Spirans auch in Zagay aus Bagacum und
fref aus fraga (Fız. Gramm. $ 160). Danach kann man auch hier
*favent aus *facunt erwarten, also im Grunde dieselbe Anfangs-
entwicklung wie auf dem übrigen Gebiete, dann aber nun eben
nicht o# aus av, sondern Bewahrung des v und wahrscheinlich dann
Wandel von d zu e. Ein /armes, faites, *fevent fiel aber nun voll-
ends aus der Rolle, da es einen labialen Stammauslaut zeigte, der
sonst nirgends erschien. So trat /eenf ein, vielleicht auch mit herbei-
geführt durch jene Dissimilation, der lat. failla, frz. viaz und die
anderen oft angeführten Wörter ihre auffällige Form verdanken.
Auf dem Zacw-lau-Gebiete (ZRPh. 39, 403) mülste man nun
erst recht font erwarten, statt dessen begegnet von Anfang an /ant,
vgl. Devaux, Dauph. 269, Philipon, R. 30, 251. Da diesem anf
auch an/, vanf zur Seite stehen, wird man nicht umhin können,
darin eine ähnliche Entwicklung von au vor n zu a zu sehen, wie
sie in prov. anla aus haunla, espantar gegenüber frz. dpouventer
vorliegt.
Da */acunt einsilbiges font ergibt, sollte man aus dicunf ebenfalls
eine einsilbige Form erwarten und zwar, wenn das # noch seine
alte Klangfarbe hatte, *diun/, woraus *dieunf und weiter *dien/ wie
mien aus mieon. Aber eine solche Form ist nicht überliefert, viel-
mehr ist dien! von Anfang an das einzige. Wenn nun /aimes, failes,
/ont geblieben, dimes, dites *dient durch dient ersetzt worden ist, so
kann der Grund darin liegen, dafs /ont in den anderen -onf eine
Stütze hatte, auf der anderen Seite rien? zu rire, ocient zu ocire ein
in das Schema gut passendes dient leicht hervorrufen konnten.
Nimmt man aber an, das # vor nf sei auch schon zu e geworden,
so könnte man nach dem Muster von am: einfaches *dın! erwarten,
das aber wiederum denselben Einflüssen wie *dientf erlag. Wo
aber amiu zu amıu wird, erscheint auch genau entsprechendes
diont, vgl. Devaux 279, Philipon, R. 30, 250.
b) Gaskognisch num: aus lat. nomen.
Die Frage, wie sich gask. num: zu lat. nomen verhalte, ist immer
noch nicht befriedigend gelöst. Die Übereinstimmung mit span.
nombre ist so auffällig, dafs man einen Zusammenhang anzunehmen
um so eher geneigt sein kann, als es ja auch sonst nicht an
Zusammenhängen zwischen den Idiomen hüben und drüben der
Pyrenäen fehlt. Allerdings gerade auf dem Gebiete der Formen-
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII, 19
290 WILHELM MEVER-LÜBEKE,
lehre stellt sich das Gaskognische zum übrigen Südfranzösischen,
es kennt /us, Jor, letzteres auch als Possessivum bei einer Mehrheit
der Besitzer, vgl. Beispiele aus alter Zeit bei Luchaire, Recueil de
textes de l’ancien dialecte gascon, Gloss. und bei Millardet, Recueil
de textes des anciens dialectes landais, S. XIX und XXII; es ver-
wendet #-Perfekta und „-Partizipien in weitem Umfange wie die
Galloromanischen Mundarten, nicht im beschränkten der Ibero-
romanischen usw. Man kann daher trotz materieller Gleichheit
gaskogn. zum: unbedenklich von span. nomdre trennen. Dann bleiben
drei Möglichkeiten: die alte Ascolische von einem Ablativ; die von
mir in Schicksale des lat. Neutrums S.77 und 175 und neuerdings
von E. Seifert, Zs. 42, 287 ff, ohne zu wissen, dals sie darin einen
Vorgänger hat, vertretene eines Akkusativs *nominem, und eine
spätere (Gröbers Grundr. I!, 370, Katal. 58), wonach lautliche Ent-
wicklung von -er zu -ne vorliegt.
Die Ascolische Theorie von dem urromanischen Dreikasus-
system, Nominativ, Akkusativ und Ablativ wird heute niemand mehr
vertreten,? sie ist zu sehr konstruiert, steht mit der formalen und
syntaktischen Entwicklung des Lateinischen im Widerspruch und
stützt sich allzu sehr auf Wörter, deren spätere Aufnahme aus der
Schriftsprache allgemein anerkannt ist. Es bleibt also nur die
Wahl zwischen den beiden anderen.
Was ich gegen die erste zu sagen habe, habe ich oft genug
ausgesprochen. Wenn man nicht konstruiert, sondern sich an die
Überlieferung hält, so sieht man, dafs das Lateinische von Anfang
an Neutra auf -er, -erıs, akk. -er und Maskulina oder Feminina
auf -er, -eris, akk. -erem nebeneinander hatte, und damit war das
Übergleiten von einer Klasse in die andere ermöglicht und es ist
das auch geschehen. Aber den Neutren auf -us, -oris stehen keine
Mask. auf -ws, -oris oder -eris zur Seite mit Ausnahme des einzigen
adjektivischen zefus, das z. T. von den Substantiven angezogen
wurde, daher afrz. obl. vez, somit konnten diese nicht in die ge-
schlechtliche Flexion hinübergeführt werden. Die einzige Ausnahme,
das südostfrz. Sifre < peclore ist eben eine Ausnahme, die einmal
irgendwie, auch nach ihrer örtlichen Beschränkung, aufgeklärt werden
mufs, die aber nicht ein durch alle anderen Fälle und durch eczus
selbst auf dem ganzen übrigen Gebiete von Rumänien bis Portugal
bestätigtes Prinzip als unrichtig erweisen kann. Nicht anders steht
es mit den Neutren auf -men. Zlamen ist natürlich Maskulinum,
aber in der christlichen Zeit mulste es untergehen und auch vor-
her kann es wohl nicht so stark gewesen sein, dafs es die namentlich
auch durch die Abstrakta auf -men so grolse Klasse der Neutra
hätte mit sich reilsen können. Endlich fec/ten, das aber schon
formell den Bildungen auf -men ferner steht. Es bleibt also dabei,
I Das gibt auch E. Seifert zu. Wenn sie aber a.a. O, S. 287, 5 sagt,
ich nehme Ascolis Darlegung an, so ist das ein Irrtum. Nur die lat. Flexion
vermis verminis übernehme ich, die Ablativtbeorie zu bekämpfen war der
eigentliche Grundgedanke meiner Dissertation.
ZUR GALLOROMANISCHEN SPRACHGESCHICHTE. 291
konstruiert man nicht, sondern betrachtet man das vorhandene
Material auf seine Eigenart und überblickt man die sämtlichen
Typen, so sind nur diejenigen, die männliche, im Nominativ oder
im Akkusativ übereinstimmende neben sich hatten, von der neutralen
zur geschlechtlichen Flexion übergegangen. Speziell der Schlufs
von -er, -eris auf -en, -inis ist unstatthaft. Das Schlagwort „jedes
Wort hat seine Geschichte“ wird ja, wie alle solche Schlagwörter, oft
mifsbraucht, aber es gilt gerade, wo es sich um grolse Typen handelt.
Insoweit stimme ich aber E. Seifert sofort zu, dafs die Ver-
schiedenheit zwischen gaskogn. nom: und südfrz. nom mit der Ver-
schiedenheit der Synkope des Nachtonvokals zusammenhängt, sehe
darin eine glückliche Lösung einer zweifellos bestehenden Schwierig-
keit. Zunächst aber noch etwas anderes. Die Verf. sucht von
dem richtigen Grundsatze ausgehend, dafs man wohl nicht für sonst
so eng zusammenhängende Sprachgebiete verschiedene flexivische
Grundformen annehmen dürfe, zu zeigen, dafs auch prov. nom auf
nomine(m) beruhe, mufs dann aber, um die Verschiedenheit von
aze aus asınu zu erklären, zu einer frühen Synkope ihre Zuflucht
nehmen. Ist das nicht unnötig kompliziert und wird damit nicht
wieder der Weg zur Erklärung der Verschiedenheit zwischen rom
und z0mi versperrt? Eine morphologisch nicht unbedenkliche Form
wird konstruiert, dann, da die aus ihr entstandene mit der all-
gemeinen lautlichen Entwicklung nicht Schritt hält, mufs wieder
eine besondere angesetzt werden.
Ich gehe von folgenden Erwägungen aus. Aus filice entsteht
prov. feltze, gaskogn. fellz, was ich daraus erkläre, dals im Westen
die Synkope älter ist als im Zentrum und älter als der Schwund
der auslautendenden Vokale. Es standen nebeneinander gaskogn.
dolize, feltze und prov. doltze, feletze (s. Diphth. im Prov. S. 365,
Anm. ı). E.Seifert hat sich dieser Ansicht angeschlossen Zs. Bei-
heft 74,24. Ebenso ist gaskogn. juvene vor dem Schwund des -r-
zu yuıne,! asınu zu asıu, fraxinu zu fraisnu geworden.
Nun trat der Schwund der auslautenden Vokale ein: dultg,
felts, und selbstverständlich yun. Das » nach Konsonanten aber
mulste entweder völlig schwinden oder aber, und das ist ja das
Üblichere auch anderswo, zu vokalischem z werden, das dann seine
Nasalität verlierend zum oralen mehr oder weniger reduzierten
Vokale wurde. Daher zeigt dieser Vokal die Färbung des lateinischen,
vgl. einerseits agu, reySu (fraxınu), karpu (carpınu), andererseits om:
(homine), lendi (lendine) usw., was für die Geschichte der Auslaut-
vokale nicht gleichgültig ist. Übertragen wir nun diese Feststellungen
auf die Formel -men. Einem /elize, doltze, juine stand entweder
noch »omen oder vielleicht schon *nomne zur Seite, das dann etwa
mit *emperadre, sempre usw. auf eine Stufe zu stellen wäre. Als
nun asıu zu azu, lendne zu lendi wurde, da trat naturgemäls nomi
an Stelle von *nomne.
I Wegen ui aus pv s. Zs. 39, 83.
19*
292 W. MEYER-LÜBKE, ZUR GALLOROMAN. SPRACHGESCHICHTE.
Auf dem übrigen Gebiet, das somnu zu som wandelte, mulste
dagegen nomne ebenso naturgemäls zu z0m werden.
Schlielslich sei noch die Form Aame erwähnt, die der ALF
auf Punkt 790 Ariege anmerkt und der kamen aus Accous (Basses-
Pyr.) bei Luchaire, Etudes sur les idiomes pyren&ens de la region
frangaise S. 285 und 286 entspricht. Das scheint ein /amime in
reinster Form wiederzugeben, würde aber auch dann nichts für
die Entwicklung von nom besagen, da /ames und seine Nebenform
*famen ja nicht Neutra sind. Aber da andere Wörter wie Aeres:
(fraxinu), aze (asınu) keine solche £ zeigen, wird man besser die
Nasalierung als sekundär durch das vorhergehende m veranlafst
betrachten.
So scheint mir für den Westen lautliche und flexivische Ent-
wicklung in Einklang gebracht zu sein, ohne dals man auf der einen
oder der anderen Seite zur Annahme von Ausnahmeentwicklungen
greift, und auch die Verschiedenheit zwischen Westen und Zentrum
ihre Erklärung in der Gesamtentwicklung zu finden.
WILHELM MEYER-LÜBKE.
Doppelte Vornamen.
Wie die Namenstudien überhaupt fürs Romanische noch in
ihren Anfängen stehen, so sind auch die Beobachtungen über das
Aufkommen des Gebrauches zweier Vornamen bisher noch nicht
auf umfassende Erhebungen begründet worden, soweit ich wenigstens
wüfste. In seiner dankenswerten und nützlichen Übersicht „Les
noms de personnes“, Paris 1925 gibt A. Dauzat S. 70 auch ein
paar Worte über die Pluralit dw prenom, Er sagt dort folgendes:
„La pluralite du prenom remonte & la fin du moyen-äge.
Prenom romain, nom individuel gaulois et germanique, nom de
bapt&me pendant de longs siecles &tait unique. Les premiers noms
de bapt@me multiples apparaissent dans les familles nobles vers le
XIV*® siecle (d’abord dans le Sud-Ouest), usage, qui ne prend de
Pextension qu’aux alentours de la Renaissance, et surtout & partir
du XVlII° siöcle, epoque oü il gagne la bourgeoisie, plus tard les
campagnes.
On a discute& sur la cause du phenom£ne: pluralit@ de parrains,
souci des familles traditionalistes de perpetuer certains pr&noms,
desir d’assurer plusieurs patrons celestes & l’enfant — autant de
facteurs qui sont, plus ou moins, entres en jeu. L’Eglise a accepte
la pluralitt de noms de bapt&me, la loi celle des prenoms.
En cas de prenom multiple, il n’y en a qu’un seul, en gen£ral, —
le plus souvent le premier — qui est employ& pour designer la
personne: c’est le prenom usuel; les autres, pour &tre legaux, sont
purement honoraires et peuvent servir seulement & preciser l’identi-
fication de l’individu (par exemple en cas d’identite du nom de
famille et du pr&nom usuel).
Cependant certains pr&enoms doubles sont, et ont &tE sourtout
jadis, en usage. Cette coutume, comme en temoignent les noms
de famille de la region, fut autrefois tres en honneur dans I’Est,
ou elle a presque completement disparu. Jean-Jacques n’est plus
en faveur ä Geneve comme il l’etait encore & l’epoque de Rousseau.
Dans les Vosges rurales, en ıgoı, M. Haillant ne retrouvait plus
que Jean-Evre et Jean-Nicolas, et encore en declin. A l’heure
actuelle, en France, l’usage du prenom double ne persiste guere
qu’en Bretagne (Jean-Marie, Jean-Francois, Anne-Marie), en dehors
des prenoms feminins Marie-Louise, Marie-Ther&se, que des sou-
veraines mirent jadis & la mode et qui eux-m&mes perdent peu d
peu leur vogue.“
294 WERNER MULERTT,
Diese Skizze über den Verlauf der Doppelnamen-Modebewegung
in Frankreich ist in den grofsen Zügen wohl zutreffend. Meine
Absicht ist es nicht, das Problem im ganzen nachzuprüfen. Aber
ich will an einigen Punkten einsetzen, für die das Material, über
welches ich verfüge, ausreicht, um Dauzat in gewisser Weise zu
ergänzen, gelegentlich zu berichtigen und um die französische Sitte
der Verwendung einer Pluralild des frönoms in den allgemeineren
Zusammenhang mit den entsprechenden sonstigen europäischen Ver-
hältnissen zu stellen.
Was die Beurteilung der Doppelvornamen in der ältesten Zeit
ihres Vorkommens sehr erschwert, ist stets die Frage: ist der zweite
Vorname nicht als Patronymicum aufzufassen, also als etwas, das
ungefähr unseren jetzigen Familiennamen zu vergleichen wäre?
Das Provenzalische und Französische machen es in dieser Hinsicht
nicht so leicht wie gewisse Fälle im Kastilischen, wo wir z. B. in
der Abfolge der drei bekannten, vielgefeierten Grafen von Kastilien:
Fernän Gonzälez 970
Garci Fernändez 970—995
Sancho Garcla 995—1022
deutlich sehen könnnen, wie immer der Sohn des Vaters Namen,
meist versehen mit der Patronymikal-Endung -ez, mitschleppt. Wo
derartige besondere Endungen fehlen und auch andere Anzeichen
versagen, können wir beim Auftreten doppelter Namen immerhin
sehr oft eine ähnliche Veranlassung für einen alten Doppelnamen
vermuten: Jaufre Rudel wohl «- Rutelli.
Dauzat hat (s. 0.) die Beweggründe rekapituliert, die zum Geben
eines Doppelvornamens führen können. Eine sehr alte Schicht der
Bewegung ist in der folgenden Weise zu charakterisieren. Man
gab einer Person noch einen zweiten Namen, um sie näher Zu be-
zeichnen. Diese allgemeine Tendenz zu Zunamen oder Spitznamen
(surnoms, sobriqueis) seit dem g. Jahrhundert ist bekannt.1 Es
handelt sich dabei gewiss nur in Ausnahmefällen um Zweitnamen,
die schon in der Jugend, geschweige denn gleich bei der Taufe
beigelegt worden sind. Ich rechne hierher aus einer etwas jüngeren
und für uns wichtigeren Zeit Namen wie A/fonso el Casto, Foulque
Nerra, Rıchard Löwenherz, Johann ohne Land, dann aber, um unserem
speziellen Problem näher zu kommen, auch einen Namen wie Giraud
Hector, wo der Zusatz ein Name ist. Ebenso muls Philippe- Auguste,
der Name des französischen Monarchen, der 1165—1223 regierte,
hierher gestellt werden.?
Handelt es sich doch in diesem anscheinend aulserordentlich
frühen Falle eines nordfranzösischen Doppelnamens, hıstorisch be-
trachtet, um eine nähere Charakterisierung, die davon herzuleiten
1 Erst aus dieser Zeit: Äarl Martel, Pipfin der Kurse; doch vgl.
Dauzat $. 35 Anm.
? Für die französischen Könige ist der Doppelname eine Ausnahme, die
erst mit dem letzten Träger der Krone im 19. Jahrh., mit Zouis- Philippe, eine
Durchbrechung erfahren hat.
DOPPELTE VORNAMEN. 295
ist, dafs Philipp I. vom Verfasser der Gesta Philippi Augusti, d.h.
von dem Zeitgenossen Rigord, schmeichelhaft unter die Caesares
Augusti eingereiht, bzw. nach dem Monat August genauer bezeichnet
werden sollte, in dem er geboren war.!
Doppelvornamen oder scheinbare Doppelvornamen, die auf
die eben genannte Art zustande kommen, sind indessen m. E.
Ausnahmen, eine Minderheit jedenfalls gegenüber anderen Gruppen,
die sich finden. Sehr häufig werden — so wird man sagen dürfen —
sonstige zweifache Vornamen im Spätmittelalter gleichfalls nur
scheinbar sein. Man kann unter ihnen, glaube ich, unschwer
zwei Untergruppen feststellen, die im allgemeinen, wo wir sie in
Urkunden oder sonst finden, das Feld beherrschen. Entweder
pflegt es sich dabei um einmalige Patronymica oder um traditionell
gewordene Patronymica, d.h. streng genommen um Familiennamen
in unserem heutigen Sinne des Wortes zu handeln.
Für die erste der genannten Gruppen: Patronymicum in
einmaliger Anwendung auf ein Individuum (bzw. eine Schar von
Geschwistern) zeugt aus Kastilien die oben genannte Namenreihe
der Grafen von Kastilien.? Dafs sie auch im Südfranzösischen
vertreten ist, darüber kann kein Zweifel bestehen. Zeriran Folcon,
Peire Milon,? Bernard Aton, Pierre Aton,* Arnaud Odon5 sind höchst-
wahrscheinlich noch als echte Verbindungen eines Rektus-Namens
und eines Obliquus-Namens aufzufassen, wobei der Obliquus den
Vater bezeichnete. Mindestens aber lebt in dieser Art von Ver-
bindungen auch in einer Zeit des Kasusverfalls noch die Erinnerung
an derartige alte Verbindungen fort, was ohne weiteres zu den
Feststellungen des abbe Duffaut und Dauzats, s. a.a. O., S. 36
(vgl. Johannes Petri filius oder, besonders im Süden, Johannes Petri)
stimmt. Allerdings ist der Vorbehalt zu machen, dafs uns, um
einen Namen sicher an dicser Stelle einreihen zu können, der
Stammbaum der Familie, dem er angehört, mindestens eine Abfolge
von einigen Generationen, bekannt sein mufs. Sonst können wir
nie wissen, ob ein Doppelvorname nicht einer im allgemeinen wohl
jüngeren Schicht angehört, einer Schicht, deren Betrachtung wir
uns jetzt zuwenden. ®
Vom Jahre 1035 ab finden wir bekanntlich für mehr als
100 Jahre bei den Grafen von Barcelona die Namen ABaimon-
Berenguer. Hier liegt ein Doppelvorname vor. Aber ob er
I Beide Begründungen stehen bei Rigord; siehe Alexander Cartellieri,
Philipp II. August, König von Frankreich, Bd. ı (1165— 1189), Leipzig und
Paris 1899—1900, S. 9 ff.
32 S. auch Dauzat, a. a. O.. S. 43. — Später (vgl. heutige span. Familien-
namen) sind derartige Namen erblich geworden.
3 Aus Chabaneaus Liste in den „Biographies des Troubadours“,
% G. Lacoste, Histoire generale de la province de Quercy, t. II, Cahors
1883, S. 29 u. S. 685.
5 Ebenda S. 401.
% Siehe auch die Bemerkungen Dauzats a. a. O. S. 1323 über heutige
Familiennamen in Obliquusform.
296 WERNER MULERTT,
wirklich als echt anzusehen ist? Bei den regierenden Mitgliedern
der Familie ist in diesem Falle nicht nur der Zweitname hereditär
geworden wie in anderen Familien (wie wir gleich sehen werden),
sondern anscheinend auch der erste Name. Das ist die Besonder-
heit dieser Barceloneser Grafennamen. Viel klarer liegen die Ver-
hältnisse in den folgenden Beispielen. Man nehme die Familie
De Grateloup! (burgundischer Abstammung und über Guienne und
Gascogne in die Touraine gelangt). Es finden sich in ihr die
Namen: Guillaume Arnaud de Grateloup (1265—1348), sein Sohn
Jacques Arnaud de Gr., dessen Sohn Pierre Arnaud de Gr. (f 1425).
In der Folgezeit, so mufs man wohl sagen, hat sich allein der
Besitzungsname De Grateloup durchgesetzt, das früher daneben
stehende Arnaud ist verloren gegangen. Dauzats Bemerkung,? aus
der man schliefsen könnte, dafs so der Verlauf in jedem Falle
gewesen wäre, geht zu weit, wie man daraus entnehmen kann, dals
es durchaus eine Reihe adliger Familien gibt, bei denen diese
Zweitnamen sich neben den Herkunfts- bzw. Besitzungsnamen
erhalten haben, und zwar bis in die Gegenwart. Zu verfolgen ist
es sehr deutlich etwa bei der Familie Zes Frangois des Courlis.3
Das älteste bekannte Mitglied der Familie lebte ı272 in Neapel
und hiefls: Ciiment Frangois, dessen Abkomme war (1420—.8o)
Antoine Frangois, ein Sohn von diesem wiederum, Carles alias
Charles Frangois, heiratet 1487 usw. In dieser Familie ist rangois
+ des Courtis zu einem Ganzen zusammengewachsen und so erhalten
geblieben. — Ähnlich liegt es bei der Familie der Gilles chevaliers,
seigneurs de la Grue usw. aus Anjou und Touraine. So führt von
einem Kichard Gilles (f 1377) die Abfolge über Pierre Gilles,
Mathurin Gilles, Nwolas Gilks zu Gilles Gilles (f etwa 1540).1
Der zweite Band der Archives des familles nobles de la Touraine,
de l’Anjou, du Maine et du Poitou ist besonders reich an solchen
aus Personennamen (Zweitnamen) entstandenen Adelsnamen, so:
Benoist, Berlirand, Daniel, Denis, Ernault, Garnier, Gilles, Gülle,
Hemery, Herbert, Hue, Huguet (de Scmonville), Ogier, Richard,
Robineau, Roger (de Chalabre), Simon.
Wenn ich mein Material überblicke, ist ein ursprünglicher Träger
des Zweitnamens (bei den de Grateloups: Arnaud, bei den de Couttis:
Frangois) in den Genealogien nie zu finden. Wir kommen hier an-
scheinend fast stets in eine Zeit hinein, die vor dem Einsetzen reich-
lichen Urkundenmaterials liegt. Das hohe Alter solcher traditioneller
Zweitnamen zeigt sich besonders dann, wenn die Namen solche sind,
die der kirchliche Kalender nicht besitzt, wie Arnaud oder Jordan.
1 Archives des familles nobles de la Touraine, de l’Anjou, du Maine et
du Poitou, p. J. X. Carr& de Busserolle, Tours 1881, I, S. 46f.
3 2.2.0. S. 37.
® Archives des familles nobles etc. I, S. 257 ff.
* Ebenda II, S. 38.
5 Erst das Tridentiner Konzil (1563) hat die Heiligennamen für die
Namengebung obligatorisch gemacht. Aber schon im 13. Jahrh. hat das
Languedoc 92 Heiligennamen unter 100 Namen (s. Dauzat S. 54f., 57).
DOPPELTE VORNAMEN. 207
Man kann aber überhaupt nicht sicher sagen, dafs diese Zweit-
namen immer als Erbschaft vom Namen eines bedeutenden oder
irgendwie einflufsreichen Stammvaters — oder auch nur als dunkle
Erinnerung an einen solchen — zu betrachten sind. Ich reproduziere
den Stammbaum, der sich bei Hilding Kjellman, Le troubadour
Raimon-Jordan, Vicomte de Saint-Antonin, Uppsala-Paris 1922,
S. 14 findet.
Izarn I
Izarn II «— en vie en 1083 — Frotard
PP rn a nn
Izarn III Sicard Guillaume-Jordan Pierre
+ vers I140 en vie en 1157
De rn nn nn nn nn
Izarn IV Frotard Sicard Forton
+ vers 1198 + vers 1212 + avant 1197 Raimon- Jordan
Izarn V Pons Bernard-Hugues
en vie 1247 en vie 1250
Es zeigt sich, wenn man sich auf die in diesem Stammbaum
gemachten Angaben verlälst, dals der Zweitname Jordan erst bei
dem dritten Sohne Izarns II. auftaucht und dann auf den Sohn
Raimon- Jordan, den bekannten Trobador, vererbt wird. Es zwingt
uns nichts anzunehmen, obgleich es möglich ist, dafs andere Mit-
glieder der Familie, besonders Väter und Grolsväter den Namen
Jordan bereits geführt haben und dafs nur die Urkunden darüber
stumm sind. So machen schon diese beiden Doppelvornamen einen
Eindruck von Echtheit, noch mehr ist das aber der Fall bei dem
Namen Bernard- Hugues. Gänzlich isoliert erscheint er, ganz frei
und ohne Traditionszwang scheint er als Doppelname gegeben zu
sein: so wie das in neuerer Zeit berechtigt ist und vorkommt.
Mit diesem Bernard-Augues werden wir ins Quercy geführt,
aus dem auch einzelne früher genannte Doppelnamen noch un-
sicherer Deutung stammen. Gehen wir in die Gascogne, so finden
wir in der gräflichen Familie von Armagnac, ebenfalls ohne festen
Traditionszwang, einen Arnaud Bernard im ı1. Jh., einen anderen
im 13. Jh., sowie einen Pierre Gerard, des zweiten Arnaud Bernard
Bruder und Nachfolger.!
Dauzat hat (s. oben) von adeligen Familien des Südwestens
gesprochen, wo Doppelnamen zuerst vorkommen sollen. Wir könnten
die Namen aus der Familie der Vizgrafen von Saint-Antonin und
der Grafen von Armagnac hierher rechnen, auch die der Grateloups,
deren historischer Weg sie durch den Südwesten geführt hat (s. o.).
Aber Dauzats Lokalisierung und Datierung bedarf doch einer
Änderung. Normannische oder sonstige nördliche Fürsten- und
Adelsnamen sind freilich anscheinend arm an Doppelnamigkeit,
ı Nach den Angaben der Grande Encyclopedie III, S. 984. — Vgl. auch
den Stammbaum der Grafen von Foix usw.
298 WERNER MULERTT,
vielleicht ganz frei davon (wenigstens im ausgehenden Mittelalter).
Aber im Süden Frankreichs ist das Vorkommen von Doppelvornamen
durchaus nicht auf ein Teilgebiet, eben den SW beschränkt. Kein
stolzeres Herrengeschlecht im Südosten als die Grafen von Toulouse.
Wir haben da, vom Vater zu Sohn die Abfolge: Graf Zudes —
Raimond II— Raimond 1I1 Pons — Guillaume III Taillefer — Pons —
Guillaume IV, dieser Guillaume IV. vermacht die Grafschaft dem
Grafen von Saint-Gilles, Raimond, seinem Bruder (R. IV.). Im
Comte de Tripoli, das er erobert hat, folgt ihm sein Neffe, ein
Guillaume - Jourdain. Daheim ist sein Vertreter und später sein
Nachfolger sein Sohn Bertrand (} ı 112), der seinerseits dann seinem
Bruder Alphonse- Jourdain das Grafentum überläfst. Wir haben in
dieser Fürstenfamilie also abgesehen von Guillaume Taillefer sowie
von den späteren Guillaume- Jourdain und Alphonse- Jourdain schon
in der ersten Hälfte des ı0. Jahrh. einen Aaimond Z2II Pons
(der seinem Vater 924 folgt und 950 stirbt). Da der erste der
Vornamen in einer Tradition steht (Raimond IIL!), ist die Freiheit
des Doppelnamens noch nicht so entwickelt, wie in dem viel späteren
Falle des Vizgrafen von St.-Antonin, aber das Vorkommen von
Doppelvornamen wird dadurch doch zeitlich sehr weit zurück-
geschoben. Hier ist auch Kataloniens, der Grafen von Barcelona
noch einmal zu gedenken, wo schon vor der Reihe der Raimon-
Berenguer ein Raimon-Bornell III. steht. Er gehört sogar schon
ins ı1. Jahrhundert — wie Guwi-Geoffroy, der sich als Herzog von
Aquitanien Wilhelm VIIL nannte und uns wieder aus dem Südosten
wegführt.
Wir können demnach Dauzats Angaben modifizieren.
ı. Die Anfänge des Gebrauches von Doppelnamen liegen
im Süden, sowohl im Südosten wie im Südwesten. Es muls
noch festgestellt werden, ob der SW, was nicht unmöglich
ist, nachdem die Sitte aufgekommen war, besonders reichlichen
Gebrauch von ihr gemacht hat. !
2. Die ersten Anfänge von Doppelnamen führen sicher
bereits in die erste Hälfte des ı0. Jahrhunderts.
So bekommen wir also statt der einen ungenauen Bestimmung
Dauzats: „fin du moyen äge“ ein genaueres Datum, bezüglich der
anderen: „vers le XIV* siecle“ ist es mir nicht einmal möglich zu
sagen, ob sie Geltung hat, auch wenn man sie nur auf die
Mode-Hochflut von Doppelnamen im Spätmittelalter beziehen will
Chabaneaus Liste der Trobadors in den „Biographien der Trou-
badours“ könnte zu einer solchen Annahme fast berechtigen; leider
ist das Material sehr bunt und kritisch nur schwer zu verwerten. Sehr
charakteristisch ist, um Süden und Norden in ihrer Verschiedenheit
zu erkennen, ein Vergleich der südlichen Doppelvornamen (echter
1 Dafür wie tür alle anderen weiteren Studien werden die 19 Bände des
Dictionnaire de la Noblesse p. p. De la Chesnaye-Desbois et Badier, Paris
1863—1876 gute Dienste leisten.
DOPPELTE VORNAMEN. 299
und unechter) bei den Trobadors mit den stets einfachen Vornamen,
die sich bei den Minnesängern des französischen Nordens finden. —
Normannische, pikardische, überhaupt nordfranzösische Familien
stehen, wie gesagt, ganz abseits von der Bewegung, und es ist
schon bei einem Grafen von Blois, Chartres und Meaux eine Aus-
nahme, wenn er Ztienne- Henri (} 1102) zum Namen hat.
Das Umsichgreifen des Phänomens auch in den Kreisen des
Bürgertums, das anscheinend im Süden schon recht frühe beginnt,
lasse ich hier auf sich beruhen.
Die weitere Ausdehnung der Doppelvornamen, die Dauzat für
die Zeit der Renaissance behauptet, ist, wenn man die geo-
graphische Verbreitung erwägt und den Blick auf Gesamt-
frankreich gerichtet hält, wohl nicht zu leugnen. Im ganzen aber
sind Doppelnamen im ı5. Jahrh. anscheinend seltener als sie im
12.— 14. Jahrh. waren, d.h. seltener als zu einer Zeit, da sie sich auf
südfrz. Familien beschränkten. Die Vorfahren der bourbonischen
Königsfamilie haben in ihren Reihen während des 13. Jahrh. nur
ganz vereinzelt einen zwiefachen Vornamen.? Im 15. Jahrhundert
habe ich schlechterdings keinen gefunden, während die südfranzö-
sische Familie der Albret die spätmittelalterliche Sitte auch in jener
Zeit fortgesetzt hat. Unter den Kindern Charles’ II., sire d’Albret
(t 1471) findet sich ein Arnaud- Amanjeu d’Albret; und Jean, sire
d’Albret usw., roi de Navarre (} 1516) hat sogar schon seinem
Ältesten einen dreifachen Namen gegeben (eine sonst erst 100 Jahre
später sich verbreitende weitere Vermehrung): Jean- Andr£- Phebus ;
sein zweiter Sohn hiels Martin- Phebus.? In der Kathedrale von
Tours befindet sich das Grab eines französischen Königssohnes
Charles- Roland, der 1495 gestorben ist.*®
Im ganzen ist das ı5. wie das nachfolgende ı6. Jahrhundert
noch sparsam im Gebrauche der Doppelnamen. Unter Heinrichs IV.
ehelichen Kindern (also im 16. Jahrhundert) finde ich Gaston- Jean-
Baßtiste und Henrielte- Marie, unter den natürlichen Cafherine- Henrietle
und Gaödrielle-Angeligue. Oder ich nenne als weiteres Beispiel, aus
i Vgl. z.B. Jeanroys Liste der trouvetres in der Bibliographie sommaire
des chansonnierg francais du moyen Age, Paris 1918, S.4S ff. — Aber auch
eine Durchsicht der Bände von De la Chesnaye-Desbois et Bladier (s. 0.) oder
des Nobiliaire universel de France lehrt das rasch.
® König Ludwig VIII. (+ 1226) siebentes Kind Prilißpe-Dapobert; König
Ludwig IX. (+ 1270) viertes Kind Yean-Tristan. — Viel reichlicher finden sich
Doppelnamen bei den Albrets, was bei ihrer geographischen Zugehörigkeit zum
Süden verständlich ist. Amanjeu’s VI. (+ nach 1281) Söhne Bernard Esy,
Arnaud Amanjeu, Amanjeu’s VII. (lebt noch 1324) Sohn Bernard Esy, von
dem wieder ein Arnaud- Amanjeu VIII. (+ 1401) abstammt.
8 Zum Vorhergehenden vgl. die Histoire genealogique et chronologique
de la Maison royale de Bourbon ... par N.L. Achaintre t. I (1823), S. 24f.,
t. II (1825), S. 23—33, S. 43, 48, 68.
* Vgl. als weitere Beispiele Marie- Marguerite aus der Familie Preuilly
(Carr& de Busserolle, Armorial ... S. 794 f.), Tochter des Barons Gilles de Pr.,
der 1412 starb oder frederic-Paul Auberi, „anglais de nation“, der 1499 (oder
schon 1439) nach Frankreich gekommen sein soll (das. unter Aubery).
300 WERNER MULERTT,
dem Adel, Charles-Claude de Bauffremont, dessen Tochter Marie-
Catherine am 25. April 1597 den Baron Jean (V.) de Vieuxport
heiratete. 1
Im ı7. Jahrhundert entsteht in ganz Frankreich ein Übermals
an zweifachen und mehrfachen Vornamen, wovon man sich leicht
aus jedem Stammbaum, aus jeder Namensammlung überhaupt, die
sich auf jene Zeit bezieht, überzeugen kann.
Wir müssen in dem gewaltigen Neuanschwellen der Bewegung
eine Renaissanceerscheinung sehen, die ihre volle Auswirkung freilich
erst in den folgenden Jahrhunderten — sie hat sogar bis ins 19.
und 20. Jahrh. angedauert — erfahren hat. Es steht dahin, ob Italien
an der Entstehung der Mode, die sich wie ein Plural majestatis
treftlich in den Dienst des Persönlichkeitskultes und des rhetorischen
Prunkens stellte, entscheidend beteiligt ist. Mindestens seit dem
Ausgange des 14. Jahrhunderts findet sich die Doppelungssucht in
grolsen italienischen Familien, zumal des Nordens, z.B. bei den
Visconti,?2 den Sforza,®? den Gonzaga.* Auch gelegentlich bei den
Medicis5 und den römischen Colonna.® Nach den statistischen
Feststellungen, die Heinrichs? gemacht hat, ist es sicher, dafs in
Deutschland die Doppelnamen-Mode (Johann Friedrich, Johann
Georg, Otto Heinrich, Max Emanuel, Johann Gebhard, Hans Gerhard,
Johann Kasimir usw.) mit 1500 bei den ernestinischen Wettinern,
den pfälzischen Wittelsbachern, den albertinischen Wettinern usw.
einsetzt. Fürsten und Hochadel marschieren an der Spitze. Es
gibt einige frühere Vorläufer bereits 1445 in Heidelberger Uni-
versitätsmatrikeln.
Das uns beschäftigende Problem als ein gemein -europäisches
zu betrachten hat Heinrichs in seiner wertvollen Studie zu tun
gänzlich versäumt; auch Dauzat ist der Tatsache nicht nachgegangen.
Dabei liegen die Zusammenhänge zu den beiden Zeitpunkten, in
denen die Doppelnamensitte einen Aufschwung genommen hat, klar
auf der Hand. Socin® hatte Einzelfälle auf deutschem Sprachgebiet
schon für die Mitte des 13. Jahrhunderts belegt. Neben O/fo Berthold
Truchsess von Waldburg (1239—60) steht eine Anzahl anderer Doppel-
ı XXVe volume du Nobiliaire universel de France p. p. Jules Martiaon,
Paris 1907, unter De Morant S. 5f.
2 Giangaleazzo + 1403, Giammaria + 1413, Zitippo-Maria + 1447, Maria
Bianca, Filippo-Marias einzige Tochter.
3 Giovanni- Galeaszo- Marıa + 1476, danach Giovannı Galeasso und
Francesco Maria (1492—1535).
4 Gian Francesco (erste Hälfte des 15. Jahrh.), Gian Francesco, geb. 1445.
5 Pier Francesco + 1497.
86 Marco Antonio + 1521, Marco Antonio der Jüngere + 1584. — Ich
verlasse mich hier und sonst für Italien auf die Angaben der Grande Ency-
clopedie und des Nuovissimo Melzi, Dizionario completo (Milano Vallardi).
? Studien über die Namengebung in Deutschland seit dem Anfang des
16. Jahrh. (Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte der
germanischen Völker 102), Strafsburg 1908, S. 20.
8 Mittelhochdeutsches Namenbuch nach oberrheinischen Quellen des 12.
und 13. Jahrhunderts, Basel 1903, S. 108.
DOPPELTE VORNAMEN. 301
namen wie Deretholdus Heimo, Brüno Wernher, Cünradus Bertholdus
usw.1 Die Belege sind oberrheinisch. Die geographischen und
zeitlichen Umstände legen den Gedanken nahe, dals es sich um
ein Ausstrahlen der im 10. Jahrhundert beginnenden katalanischen
und südfranzösischen Mode handelt.
Den Ausgangspunkt der zweiten Doppelnamen-Welle zu be-
stimmen, ist wegen der auf dem Gebiet der Namenkunde fehlenden
Vorarbeiten noch nicht an der Zeit. Von den Bewegmotiven für
das Verleihen mehrerer Namen, die angegeben worden sind (s. o.
Dauzat), gelten vielleicht das eine oder andere, vielleicht alle, für
beide Perioden der Auralitd du pr&nom. In der Zeit des Humanismus
und der Renaissance mögen übrigens altrömische Namen, zumal
die von Kaisern, zu der Beliebtheit neuen Anstols gegeben haben
(Julius Caesar, Marcus Antonius, Marcus Aurelius).” Das schliefst
ein Wiederaufleben der mittelalterlichen Mode, von der Reste noch
fortbestanden, nicht aus.
Deutschland ist bei dieser Renaissance-Mode offenbar nicht
im Schlepptau der französischen Nachbarn. Höchstens könnte Köln,
wo (nach Heinrichs) erst in den 80er Jahren des 16. Jahrhunderts
im Bürgerstand sich einige Beispiele zeigen (in der dortigen Uni-
versitätsmatrikel sogar erst 1604— 1605), die Verhältnisse der be-
nachbarten romanischen Gebiete widerspiegeln, wohin die Doppel-
namen-Epidemie inzwischen vorgedrungen war.
Ob die oben erwähnten Namen der Heidelberger Universitäts-
matrikeln von 1445 schon ganz der neuen Renaissance-Strömung
zugehören? oder ob sie als Ausläufer der mittelalterlich-südfranzö-
sischen Bewegung zü gelten haben, vermag ich nicht zu sagen.
WERNER MULERTT.
I Bei Socin (a. a. O.) auch Hinweis auf die Heldensage, auf Hugdietrich
und Wolfdietrich, sowie auf die Erklärung, die das Gedicht von Wolfdietrich
(13. Jh.) für den Namen Wolfdietrich gibt. Daselbst auch, was die Quedlin-
burger Annalen (ı1. Jahrh.) über Yugotheodoricus sagen.
2 Wie diese Namen selbst bei genauer, wissenschaftlicher Betrachtung
aufzufassen sind, tut hierbei nichts zur Sache.
s Vgl. für die zeitliche Möglichkeit die Namen in der Familie der Visconti,
oben S. 300,
Franziskanische Mystik des 16. Jahrhunderts in Spanien.
Seit den Tagen des Poverello von Asisi, seit Jacopone, Ramön
Lull und Bonaventura hätten die Franziskaner, so meinte Men&ndez
y Pelayo, die Philosophie der Liebe in Erbpacht gehabt. In der
Tat scheint Sanct Franciscus das menschliche Urbild allumfassender
Liebe zu sein, er, der die Menschen und Tiere Brüder nannte, er,
der Christum nicht nur in der Seele, sondern in sichtbaren Merk-
malen am Körper mit sich trug, er, dessen Wahlspruch „Deus
meus et omnia“ mit bündiger Kürze kundgibt, dafs seine Liebe
nicht nur Gott gehört, sondern allem, was da auf Erden geschaffen
ist. Warum aber der seraphische Liebesbaum gerade im Spanien
des 16. Jahrhunderts die schönsten Blüten treiben sollte — son
frailes menores espaoles los que escrıben los hbros mäs cläsıcos y
bellos acerca del amor de Dios\ — das wird wohl seinen Grund
darin haben, dals zum Impuls der Ordensgrundsätze auch noch die
Triebkraft der nationalen und Zeitstimmung sich hinzugesellte. Unter
Zeitstimmung verstehe ich dabei den Auftrieb der Gegenreformation,
unter nationaler Stimmung hingegen die jene’ Jahrhundertmitte in
Spanien charakterisierende „Angst um die Seele“, die aus den
apokalyptischen Schrecken der europäischen Religionsgreuel ent-
stand und in den ignatianischen Zxercitia spiritualia in bewunderns-
werter Sublimierung Weckruf und Heilmittel, Erregung und Palliativ
in einem fand. Fassen wir das Gemeinfranziskanische und aus ihm
traditionell Überkommene in dieser spanischen Bewegung im Voraus
kurz zusamammen, so läfst sich etwa sagen: aus der Schule des
Bonaventura stammt der dreifache Grundzug spanisch-franziska-
nischer Mystik, der darin zum Ausdruck kommt, dafs die voll-
kommene Vereinigung mit Gott nicht eine Sache des Glaubens
oder Erkennens, sondern der Liebe ist, dafs die Entzündung der
mystischen Liebe einer Berührung des Seelenzentrums (des mittel-
alterlichen Seelenfünkleins, dessen, was Teresa de Jesus den Kern
der Seele, e/ espiritu nennt) durch die Flammenzunge der Trinitäts-
taube gleichkommt, und dals endlich aus dieser Berührung die
wahre ciencia de amor, das Wissen von der Göttlichen Liebe her-
vorgeht. Was sich hinzufügt, ist zeitgenössisch -spanische, teils
platonisch gefärbte, teils ganz individuell- persönliche Auffassung
und Stimmung.
3 Men£ndez y Pelayo, /deas estdiicas, Bd. 3, cap. 3.
FRANZISKANISCHE MYSTIK DES 16. JAHRH. IN SPANIEN. 303
L
Vorbote und Herold der franziskanischen Mystik im Spanien des
16. Jahrhunderts ist Francisco de Osuna.! Selber zwar der letzten
Vollendung nicht teilhaftig geworden und eigentlich nur ein mystisch
orientierter Asketiker geblieben, hat er gleichwohl als erster in seinem
Land den Versuch gemacht, die Vorbedingungen zu mystischer
Sammlung planmäfsig darzustellen und dürfte mit wenigen Aus-
nahmen allen Späteren als Führer auf den Pfaden kontemplativer
Verinnerlichung gedient haben. Bei den Karmeliterinnen des
Klosters San Jose in Avila ist noch heute das von Teresa de Jesüs
benützte Exemplar von Osunas Hauptwerk zu sehen, in dem die
mystische Nonne einzelne Stellen unterstrichen oder mit ihren
gewohnten Merkzeichen (Fingerzeig, Herz, Kreuz) als beachtenswert
hervorgehoben hat. Man ist inzwischen dem geistigen Verhältnis,
in dem sie zu Osuna stand, genauer nachgegangen, und schon
die Tatsache allein, dafs sie in seinen Schriften viel Belehrung und
Zweifellösung gefunden hat, mufs ihn besonderer Beachtung wert
erscheinen lassen.
Er stammte aus Osuna, wo seine Eltern dem Dienstpersonal
des Don Juan Tellez Girön, Grafen von Urefia, angehörten und
wo er um 1497 zur Welt kam. Als Knabe durfte er den Vater
nach Afrika begleiten und Zeuge der Einnahme von Tripolis durch
die Spanier sein (Juli 1510). In den Franziskanerorden eingetreten
und des regulären theologischen Studienganges teilhaftig geworden,
erregte er alsbald die Aufmerksamkeit seiner Oberen durch seine
besondere Begabung: für asketisches Schrifttum, und es wurden
ihm hinfort alle Hindernisse in dieser Beziehung grolszügig aus
dem Wege geräumt. Etwa 30jährig hatte er bereits den ersten
Band seines weitschichtig angelegten Hauptwerks (Primer Abecedario
espiritual, 1525) erscheinen lassen. Als Vertreter seiner Ordens-
provinz auf verschiedenen Generalkapiteln kam er nach Toulouse
und Paris, durchreiste im Anschluis daran die Niederlande, besuchte
Köln und Aachen, wobei Land und Leute dieser bewegten Zeiten
manch tiefe Eindrucksspur in seinen Anschauungen und Schriften
hinterliefsen. Wann er starb, ist nicht sicher bekannt; nur so viel
steht fest, dafs er 1542 schon nicht mehr unter den Lebenden
weilte.
In der Reihe seiner teils lateinisch, teils spanisch geschriebenen
Werke nimmt der sechsteilige Abecedario espiritual ohne Zweifel die
erste Stelle ein. Es ist ein Monumentalwerk spanisch - asketischen
1 Die wissenschaftliche Literatur über ihn ist (wie bei allen spanischen
Asketikern und Mystikern, Teresa de Jesüs und Juan de la Cruz ausgenommen)
von aufserordentlicher Spärlichkeit. Alles mufs da auf Grund eigener Forschung
und fast nur an der Iland der Quellentexte erarbeitet werden. Man vergleiche
über ihn etwa Ed. Böhmer, Zrancısca Herndndes und Frai Francisco Ortis,
Leipzig 1865, pag. 249. Texte stehen in Auswahl in Nueva Biblioteca de Autores
espafloles Bd. 16 und bei E. A. Peers, Sdanısk Mysticism, a preliminary Survey,
London 1924, pag. 59 und 179.
304 LUDWIG PFANDL,
Schrifttums, nicht nur was den Umfang und den Gedankenreichtum
betrifft, sondern auch im Hinblick auf seine Verbreitung, die allein
schon aus der grolsen Zahl der Nachdrucke in den verschiedensten
Städten der Halbinsel ersichtlich wird.1 Sechsteilig, so liest man
gelegentlich, sei er allerdings nur in der ihm von den Verlegern
willkürlich gegebenen Form, denn Osuna habe ursprünglich und
eigentlich nur drei Teile geplant, und alles übrige sei eine durch
den buchhändlerischen Erfolg veranlafste Zusammenfassung hetero-
gener Schriften durch geschäftstüchtige Drucker. Allerdings ist
schon die Quarta Parte nicht mehr nach dem Alphabet voran-
gestellter Sprüche geordnet, aber andrerseits hat die Quinta Parte
in ihrer ersten Hälfte (nicht so freilich in der zweiten) wiederum
die alte alphabetische Disponierung, ein Beweis einerseits dafür,
dafs der Verfasser die ursprünglich dreiteilige Reihe in der be-
gonnenen Form fortzusetzen willens war, andrerseits dafür, dals er
nicht beabsichtigte, das Abc-Prinzip in allen einzelnen Teilen
streng durchzuführen. Die vorbedachte Geschlossenheit des Planes
ist freilich bei den ersten drei Adcedarios am vollendetsten. Der
erste, que /rala de las circumstancias de la sagrada pasıdn del hijo de
Dios, lehrt die Meditation; der zweite, donde se Iralan Jiversos exer-
cicios, behandelt die asketische Selbstzucht; der dritte endlich
meistert das innerliche Gebet und damit die höchste, der Askese
Osunas erreichbare Stufe der Vereinigung mit Gott, oder wie er
es ausdrückt, Ja via unitiva de carıdad vigilante con Dios. Diese
drei Gedankenkreise, so will er es verstanden wissen, umschlössen
die gesamte überhaupt mögliche Der/ecciön del hombre und, um die
Steigerung in der Erhabenheit des Zieles und in der Verfeinerung
der zu erreichenden Vollkommenheit anzudeuten, hat er sie echt
volkstümlich mit einem Roggenbrot, einem Gerstenbrot und einem
Weizenbrot verglichen. Adecedario I und U sind naturgemäls rein
asketisch und können uns hier nicht weiter beschäftigen. Nur
einiges sei angemerkt. Das erstere muls in seiner gründlichen
Ausführlichkeit, warmherzigen Gefühlsvertiefung und packenden
Darstellungsrealistik eine aufserordentlich erfolgreiche und volks-
tümliche Meditationsschule geboten haben. Kapitel 3 des 5. Trak-
tates erzählt mit erschütternder Anschaulichkeit, wie der Herr Jesus
ans Kreuz geschlagen wurde. In Kapitel 8 des 2ı. Traktates ist
der Schmerz ‚der Gottesmutter unter dem Kreuz in dermafsen
realistischer Menschlichkeit dargestellt, dafs einer der Inquisitions-
ı Die Bibliographie des Abecedario liegt leider sehr im Argen. Nach
meiner Zusammenstellung erschienen im Laute des 16. Jahrhunderts mindestens
insgesamt 22 verschiedene Ausgaben. Für die Popularisierung einzelner Teile
in Deutschland trug namentlich der unermüdliche Aegidius Albertinus Sorge.
Eine gesonderte Untersuchung verdient dessen Zlegellum diaboli oder des
Teufels Gai/sl, darin gar lustig und artlich gehandelt wird von der Macht
und Gewalt des bösen Feindes, von den Effekten und Wirkungen der Zauberer,
Unholden und Hexenmaister, München 1602, das nach einem (heute gänzlich
verschwundenen) spanischen Original des Francisco de Osuna übersetzt sein soll,
FRANZISKANISCHE MYSTIK DES 16. JAHRH. IN SPANIEN. 305
Indices des 17. Jahrhunderts die Streichung dieser Stelle anordnete.
Beachtenswert ist ferner, dals dieser erste Teil, im ganzen auf den
Evangelienberichten aufgebaut und im einzelnen von wörtlich über-
setzten Zitaten wimmelnd, ein echtes und rechtes Bibelvulgarisations-
buch bildet. Die Selbstzuchtlehre des 2. Abcedario gipfelt in der
Kunst, den eigenen Körper mit seinen irdischen Bindungen und
Schwächen in scharfer Disziplin zu halten. Ein grandioses Höllen-
gemälde, äufserlich und innerlich Zentrum und Höhepunkt bildend
(Traktat ıı, Kap. 1—ı0), dient dabei als heilsamer Spiegel schlimmer
Zukunft und fürchterlicher Ewigkeit. Da erfährt der leichtfertige
Weltmensch mit Schaudern, wie das Sterben in der Hölle ein Dauer-
zustand ist, wie hundert Todesarten zu einer einzigen werden und
eine zu hunderten, wie unermessliche Traurigkeit herrscht, wie das
infernalische Feuer brennt, wie es den Körper versehrt und doch
nie und nimmer verzehrt, ja wie sogar die Seelen in der sengenden
Marter dieses Glutenpfuhls sich winden. Ein Vergleich liegt nahe.
Theresia von Avila hat wenige Jahrzehnte später ihren eigenen
Platz in der Hölle in Form einer Vision gesehen. Aber nichts als
unsägliche Einsamkeit, Enge, Dunkelheit und Trauer sind die Be-
standteile und Merkmale ihres Infierno. Die realistisch-dynamische
Phantasie des Asketikermönchs ist in die intuitive Verinnerlichung
der Mystikernonne abgeklungen.
Der 3. Abecedario, der einzige von allen sechsen, der nach
mystischen Zielen Ausschau hält, gibt praktische Anleitung zum
innerlichen Gebet, zur oracıön de recogimiento. Der Sammlung des
geistigen Menschen geht seine sorgfältige Surgdtio voran. Die Ein-
bildungskraft des Menschen mufs aller irdischen Dinge ledig werden
und überdies zur Fähigkeit gelangen, sich gegen äufsere Einflüsse
freiwillig abzuschliefsen. Die Begierde muls von allem Körperlichen
ab und dem rein Geistigen zugewendet werden. Das Gedächtnis
hat sich zur reinen Erinnerung an Gott und seine Wohltaten zu
veredeln und kann so zur Quelle beständiger Gottsehnsucht und
Hingabefreudigkeit werden; es mufs die Seele jener besonderen
Eigenschaft der geistlichen Empfindsamkeit fähig machen, die sie
gleichsam die göttlichen Dinge schmecken lehrt, und die dann den
Willen auf eine Weise zu lenken imstande ist, dals er nur mehr
durch die Liebe und für die Liebe zu handeln fähig wird. Der
Verstand bedarf einer besonders scharfen Zucht; er muls in seinen
praktischen und spekulativen Äufserungen zu schweigsamer Ruhe
gebracht werden, damit er die Vorbedingung der eigentlichen
Sammlung, das fensar nada erreiche. Dafs Plan und Aufbau der
Abecedarios durchaus nicht so mechanisch und äufserlich sind, wie
man es zuweilen verächtlich gerügt findet, und wie man aus der
mehrmaligen Verwendung des Alphabets zum Zweck stofflicher
Gruppierung schliefsen könnte, das sei an eben diesem wichtigsten
Tercer Abecedario kurz dargelegt. Es zerfällt in einen Prölogo und
23 Tratados, deren jeder durch einen Wahlspruch eingeleitet wird,
der mit dem entsprechenden Buchstaben des Alphabets beginnt;
Zeitschr. I. rom. Phil. XLVII, 20
306 LUDWIG PFANDL,
z.B. Anden siempre juntamente la persona y el espirilu, oder Benai-
ciones muy fervienles frecuenla en lodas tus obras, oder Zela y guarda
is persona y mezclards en todo a Dios. Nun aber ist die Ideen-
gruppe des einzelnen tratado nicht etwa vom Sinn und Wortlaut
dieses Spruches abhängig, sondern der Spruch wird mehr oder
minder zwangsweise so gewählt, dafs er sich mit seinem Anfangs-
wort in ein laufendes Abc einfügt, zugleich aber den Inhalt des
ihm folgenden tratado annähernd deckt. Sowie man die alpha-
betische Zwangsreihe der Sprüche ignoriert, hebt sich bei einiger
Überlegung und der nötigen Vertrautheit mit dem Gegenstand der
eigentliche Plan klar und deutlich ab. Der Prölogo nebst tratado
ı und 2 bilden die allgemeine Einleitung und handeln in kurzem
Überblick von Vorbedingung, Natur und Wirkung des recogi-
miento. Tratado 3 mit 23 geben sodann die ausführliche und im
einzelnen vertiefte Darstellung des solchermafsen kurz voraus-
charakterisierten Gegenstandes. Und zwar entwickeln 3 mit 9 die
Vorbedingung als Loslösung des Menschen von allen welt-
lichen Dingen, ıo mit ı6 die Einstellung auf das Göttliche, ı7
mit 23 die kontemplative Besitzergreifung von Gott durch
die Seele. Gehen wir noch genauer auf die verschidenen Gruppen
ein, so zeigt sich, dafs bei 3 mit 9 die Loslösung sich progressiv
zu erstrecken hat auf Sinneseindrücke und Gefühle, auf Erfahrung
und Gewohnheit, und dafs sie am besten effektiv wird in tätiger
Selbstkontrolle, in Hingabe an einen geistlichen Berater, in geistiger
und körperlicher Zurückgezogenheit. Es zeigt sich sodann, dafs
bei ıo mit ı6 die Hinlenkung auf das Göttliche stattfindet mittels
der asketischen oder kontemplativen Tränengabe, mittels der trai-
nierten Gedächtniskraft, mittels des (unübersetzbaren) gus/o espiritual,
der beim echt kontemplativen Geist die rein verstandesmälsige
Betätigung zu verdrängen und so das fensar nada zu einem tat-
sächlichen Zustand zu gestalten hat; dafs ferner das Gebet der
Seele als Weg, die Liebe aber als treibende Kraft zu dienen hat.
Es zeigt sich schliefslich, dafs bei ı7 mit 23 als Wirkung zu Tage
tritt: Gott im Körper, oder Nachfolge Christi in der Abtötung;
Gott in der Seele oder Verinnerlichung, Demut, Triumph über die
Versuchungen, Gewissensruhe und schlielslich unerschütterlicbe
Beständigkeit in der erreichten Vollendung.
Ähnlich sind, wie gesagt, alle übrigen Abecedarios aufgebaut,
soweit ihnen die (nur scheinbar mechanisierend wirkenden) Spruch-
alphabete zugrunde liegen. Das vierte, er que se fralan los mislerios
y preguntas y exercicios del amor, gehört stofflich der Moraltheologie
an, während es technisch nach homiletischen Zielen strebt; mit
anderen Worten: es erörtert in ausführlicher Gruppierung den
Begriff und Gehalt der christlichen Liebe (in der Theologie be-
kanntlich charılas, von Osuna aber noch kurzweg amor genannt),
geht aber zugleich bei jedem einzelnen Kapitel davon aus, für
welchen Tag oder Anlafls des Kirchenjahrs der jeweilige Ideen-
komplex zu Predigten geeignet ist. Beachtenswert erscheint mir,
FRANZISKANISCHE MYSTIK DES 16. JAHRH. IN SPANIEN. 307
dafs sich unter den zitierten Quellen (Bibel und Kirchenväter vor
allem) keine einzige platonische, also weder der Grieche selbst,
noch auch Plotin, Castiglione oder Leon Hebreo, befindet; sie alle
bildeten für Francisco de Osuna eine heidnische und darum fremde
Welt. Das fünfte Abcedario, wiederum reichlich Bibelstoff enthaltend
und ausschliefslich der Standes- und Sittenlehre gewidmet, ist im
ersten Teil ein Trostbüchlein für die Armut, im zweiten ein Warnungs-
büchlein für den Reichtum. Inhaltlich nahe verwandt damit erweist
sich eine wenig bekannte andere Schrift des Verfassers, der Norte
de los estados, der den drei Ständen (esfados) der Ledigen, Verehe-
lichten und Verwitweten ein Leitstern (rzorie) sein will, in Dialog-
form gehalten ist und, nebenbei bemerkt, mit Unrecht gänzlicher
Vergessenheit anheimgefallen zu sein scheint. Über das sechste
und letzte Abcedario endlich, das nach den Bibliographien den
Nebentitel führt: que trata de las llagas de Jesucristo para exercicio
de lodas las fersonas devotas, vermag ich keinerlei Urteil abzugeben,
da ich es nicht zu Gesicht bekommen habe.
Was allen Schriften Osunas gemeinsam ist und wodurch ins-
besondere sein Riesenwerk der Abecedarios auch literarisch wertvoll
und für seine frühe Zeit merkwürdig bleibt, scheint mir dieses:
der Reichtum seiner Gedanken vor allem, und dann die über-
quellende Beredsamkeit, mit der dieser ungezügelte Feuerkopf die
Fülle der auf ihn einstürmenden Ideen unruhig umkreist und durch-
leuchtet, die Art, wie er sie dreht und wendet und mit immer
neuem Ansprung an ihre wortreiche Deutung geht. Osuna war
Andalusier und trug die Kutte des populärsten, am engsten mit
der Mittel- und Unterschicht verbundenen Ordens, des franzis-
kanischen. Das erklärt vielleicht am besten den volkstümlich-
familiären, zuweilen in Trivialität entartenden Ton seiner Schriften,
von dem als Probe und Beispiel der Vergleich gelten mag, dafs
die Seele im wachsenden Zustand der Sammlung anschwelle wie
ein Handschuh, den man aufbläst (como guante cuando soplan dentro).
Franziskanisch ist auch die Grundidee seines Hauptwerks, des
Tercer Abecedario: alles durch Liebe und um der Liebe willen.
Aus ihr erflielst gleichzeitig der an sich strengen Lehre eine
wesentliche Milderung. Nicht durch Zwang und Furcht soll die
Seele geleitet werden, sondern durch die Freude (siempre estar
803050 y alkgre); auch ein Seufzer zur rechten Zeit ist ein gut
menschlich Ding, denn der beste Bogen bricht, wenn er nicht zu-
weilen entspannt wird. Miguel Mir, der den Tercer Abecedario
in einem modernen Neudruck zugänglich gemacht hat, hält den
Francisco de Osuna für einen escrilor mistico, no leörico sino Praäclico
0 praciiiante de lo que escribid6, mit anderen Worten, für einen nicht
nur spekulativen, sondern auch empirischen Mystiker. Das bedarf
natürlich insofern der Einschränkung, als ja Osuna in seiner Lehre
über einen bestimmten mystischen Vorbereitungszustand, den des
recogimiento oder der Kontemplation nicht hinausgelangt ist. Ihn
als Mystiker zu bezeichnen, heifst darum von vornherein dem Wort
20*
308 LUDWIG PFANDL,
eine vage, seltsam überdehnte Bedeutung beilegen. Dafs er hin-
gegen das, was er lehrte, nicht aus Büchern, sondern aus eigener
seelischer und religiöser Erfahrung kannte, das wird man im Hin-
blick auf den Ton warmherziger Überzeugtheit, in dem er es vor-
trägt, und im Hinblick auf mancherlei eingestreute persönliche
Geständnisse nicht bezweifeln dürfen.
Der 22jährigen Theresia von Avila hatte ihr Onkel Pedro ein
Exemplar des Tercer Abecedario zum Geschenk gemacht. No sabia,
so berichtet sie später, cdmo proceder en oracıdn ni c6mo recogerme,
y asi holgudme mucho con El y determineme a seguir aquel camıno con
fodas mis fuerzas (Vida, cap. 4), Die junge Nonne wurde also
durch das Buch des Franziskaners so recht erst in die asketische
Gebetspraxis eingeführt. Mit Recht wird man annehmen dürfen,
dafs dabei insbesondere auch die Anregung zu Freude und Froh-
sinn bei aller Askese der von schweren Skrupeln gequälten Anfängerin
viel tröstliche Förderung gebracht habe. Sie hat den ihr lieb-
gewordenen stummen und doch so beredten Ratgeber zeitlebens
nicht mehr von sich gelassen, und der dicke Quartband mit den
gotischen Lettern behielt seinen dauernden Platz in ihrer Zelle. Er
war ja seiner ganzen Einteilung nach zu beschaulicher Gelegenheits-
lektüre besonders geeignet, denn die einzelnen Tratados bildeten
fast lauter in sich geschlossene Abhandlungen, von denen jede
auch für sich allein studiert werden konnte. So hat es wohl auch
Theresia gehalten und, selbst als sie über Osunas Gebetslehre
hinausgewachsen war, sich immer wieder Rat und Anregung im
Abecedario geholt. Aus ihm stammt beispielsweise ihre gesamte
Tränenlehre, oder etwa das bedeutsame Kapitel 22 der Vida, und
zahllos sind die weniger wichtigen Gesichtspunkte und Ideen, die
sich in beiden Autoren als streng identisch und gemeinsam erwiesen
haben. Freilich darf man sie als Gesamtpersönlichkeiten nicht mit-
einander vergleichen wollen, denn an dem gemessen was Theresia
erreichte, ist Streben und Lehre des Fray Francisco nichts als ein
mühseliges Ringen mit der zähen Materie des Willens.
DI.
Nicht so sehr durch Art und Umfang seiner Schriften, als
durch Predigt, Tat und Beispiel religiöser Zucht und Verinnerlichung
wirkt der Älteste der eigentlichen Franziskanermystiker, Pedro
de Alcantara! (1499— 1562). Aus altem Adelsgeschlecht geboren
und an der Universität Salamanca vorgebildet, kennt er von Jugend
auf keinen anderen Lebenszweck als in strengster Entsagung und
Frömmigkeit dem Herrn zu dienen, tritt sobald es die Jahre erlauben
in den Orden der Minoriten ein und gewinnt durch die fammende
i Über ihn vergleiche man etwa O. Zöckler in Zeitschrift für die gesamte
Jutherische Theologie, Bd. 25 (1864), pag. 37, und E. A. Peers in Bulletin
of Spanish Studies, Bd. 3 (1926), pag. 60.
li. m m m
FRANZISKANISCHE MYSTIK DES 16. JAHRH. IN SPANIEN. 309
Glut seines Gebetslebens, durch die unerhörte Kasteiung seines
Leibes, durch die eindringliche Macht seiner Predigten einen ge-
waltigen Einflufs nicht nur auf seine Ordensbräder, sondern auch
an den verschiedenen Stätten seines Wirkens auf das religiöse
Leben von Volk, Adel und Hofgesellschaft; das letztere beispie]s-
weise zu Lissabon in der Umgebung des Königs Johann Il. Er
ist das lebende Beispiel jener asketischen Mönchsgestalten, wie sie
die spanischen Maler und Bildhauer so unnachahmlich sprechend
in ihren Kunstwerken verewigt haben. 40 Jahre lang, so erzählt
uns Theresia (Vida, cap. 27 und 30) schlief er nur anderthalb
Stunden des Nachts, immer im Sitzen, und afs gewöhnlich nur
jeden dritten Tag, mit der Begründung gue muy posible era a quien
se acostumbraba a elle. Nie trug er Kopfbedeckung noch Schuhe
oder Sandalen, dafür aber ein blechernes Bulshemd auf der blo[sen
Haut. Als ihn Theresia kennen lernte, war er so hager und aus-
gemergelt, dafs es ihr schien (man beachte die bildmälsige Kraft
des Vergleiches!) als ob er aus lauter Baumwurzeln bestünde.
Karg an Worten, war er gleichwohl muy afable y muy sabroso, porque
tenia muy lindo entendimiento. Als sein letztes Stündlein nahte, re-
zitierte er frohlockend den Psalm Zaefatus sum und kniend gab er
seinen Geist auf. Der von ihm verfalste Zraliado de Ja oracıdn y
medilacıön ist ein meisterhaftes Lehr- und Handbüchlein betrachtender
Gebetsübung. Als Grundlage dient ihm zweiffellos der Adecedario
espiritual des Francisco de Osuna. Aus ihm entwickelt Pedro seine
mystische Art und Auffassung des Herzensgebets, einer Kombination
der verstandesmäfsig reflektierenden und gefühlsmäfsig empfindenden
Andacht, die in dieser Vereinigung die Seele zu innigster Gemein-
schaft mit Gott emporheben soll. Für ihn führt der Weg von
der Verstandesbetrachtung (medilacidn) zur Herzensbetrachtung (cor-
templaciön). Jene denkt, überlegt, erwägt mit den Verstandeskräften,
diese fühlt, strebt und erhebt sich mit Wille und Affekt. Die eine
sucht, die andere findet, die eine ist Mittel, die andere Erfüllung
und Vollendung. In der contemplaciön fällt der zündende Funke
der Gottesliebe in die Seele, und nun schlielst sich der mystische
Beter gleichsam in sich selber ein, deniro de si mismo en el centro
de su dnima, donde esid la imagen de Dios, y alli esid atenlo a El como
que en todo lo criado no hubiese otra cosa sino sola ella y solo dl. Liebe
aber ist Summe und Inbegriff aller mystischen Gottvereinigung.
Ekstasen und ihre Begleiterscheinungen sind nur verschiedene
Intensitätsgrade der vollzogenen Liebesentflammung. In dem
Schriftchen ZPeticidn especial de amor de Dios hat dann dieses Streben
nach mystischer Gottesliebe und das Wissen um sie noch eine
besonders vertiefte und sorgfältige Ausdeutung erfahren.
Wenn auch aulserhalb Spaniens in ähnlicher Form bereits bei
den mittelalterlich-franziskanischen Mystikern durchdacht und erlebt,
stellen diese Gedankenreihen, Ratschläge und Anregungen gleich-
wohl für spanische Verhältnisse etwas der Allgemeinheit in dieser
präzisen Fassung Neues dar, und die beredte Schlichtheit, mit der
310 LUDWIG PFANDL,
Pedro de Alcäntara, von innerer Wärme und Überzeugungstreue
glühend, seine Sache vertritt, haben im Verein mit dem Rufe seines
heiligmälsigen Lebens und dem Erfolg seiner Predigertätigkeit nicht
wenig zur Popularisierung des Tra/ado de la oracıdn beigetragen.
Um 1540 verfalst, erlebt das Schriftchen ein Jahrhundert lang fast
jedes Dezennium eine Neuauflage und ist bereits 1583 in italienischer,
ı605 in deutscher, 1607 in lateinischer, 1622 in französischer Über-
setzung verbreitet. Die Form des kombiniert reflektierenden und
empfindenden Gebets bildet späterhin, als Pedro das Ideal seines
klösterlichen Asketenlebens in der mit päpstlicher Gutheilsung
erfolgten Neugründung eines Ordenszweiges strengster Observanz
(der Rekollekten oder Alkantariner) verwirklicht sieht, einen wesent-
lichen Bestandteil der von ihm entworfenen neuen Ordensregel.
Luis de Granada benützt das Büchlein für seinen Libro de la
oracıdn y meditacidn (manche wollen ihn sogar umgekehrt als den
eigentlichen Verfasser, den Pedro de Alcäntara aber als den Nach-
ahmer gelten lassen), und Theresia von Jesus hat reiche Förderung
für ihr Gebetsleben aus ihm gezogen. Ihr ist aufserdem Fray Pedro
nicht nur ein tatkräftiger Helfer bei ihren Klostergründungen, sondern
auch ein liebevoller Seelenführer und Berater gewesen. Von ihr
allein wissen wir, dafs er auch ein reicher Erfahrungsmystiker war
und gewaltiger Verzückungen teilhaftig wurde, deren einer Theresia
selbst als Augenzeuge beiwohnte. Er darf uns ferner als anschau-
liches Beispiel dafür gelten, wie die mystische Lehre nicht nur
durch das Schrifttum, sondern auch von der Kanzel aus den Weg
zum Herzen des Volkes finden konnte.
ul.
Nach franziskanischer Auffassung erwächst die wahre ciencia
de amor, das Wissen um jene Tugend, vermöge deren wir Gott nicht
nur über alles um seiner selbst willen lieben, sondern eine förm-
liche seelische Liebesvereinigung mit ihm eingehen, aus einer Liebes-
entflammung jenes geheimnisvollen Seelenzentrums, in dem Gott
uns innewohnt. Nun gibt uns ein anderer dieser spanischen Fran-
ziskanermystiker eine ausführliche Erläuterung dieser cıencia de amor;
sagt uns, mit anderen Worten ausgedrückt, wie dieses Wissen um
die Liebe sich einem darstellt, in dessen Innerstes dieser zündende
Funke eingeschlagen hat.
Diego de Estella (1524—78), ursprünglich Ballesteros y Cruzas
geheifsen, stammte aus dem Städtchen Estella im alten Königreich
Navarra. In Toulouse und Salamanca vorgebildet, beendete er
seine Studien in der letzteren Uhniversitätsstadt, nachdem er eben-
dort das franziskanische Ordenskleid der Minoriten älterer Observanz
angetan hatte. Sein Ruf als Kanzelredner und seine asketische
Frömmigkeit erwarben ihm das Vertrauen hoher Persönlichkeiten.
Er wurde Hofprediger des Königs, Beichtvater des Kardinals Granvela,
Freund und Berater des mächtigen Ruy Gömez de Silva, an dessen
Seite er geraume Zeit in Lissabon tätig war. Nach dem Tode
FRANZISKANISCHE MYSTIK DES 16. JAHRH. IN SPANIEN. 311
dieses seines Gönners zog er sich in die Stille seines heimatlichen
Klosters zurück, nicht ohne mancherlei Bedrängnissen und Quälereien
von Seiten milsgünstiger Ordensmitbrüder ausgesetzt zu sein, eine
notwendige Begleiterscheinung der damaligen Ordensreform und
der mit ihr verbundenen Spaltung in Anhänger der strengen und.
der milden Observanz. Die Frucht dieser nicht ganz friedvollen
Mufse waren neben verschiedenen lateinischen Traktaten seine
zwei spanischen Hauptwerke, die Vanidad del mundo (1574) und
die Czen meditaciones del amor de Dios (1576). Wir dürfen hier von
einer Betrachtung der ersteren dieser beiden Schriften Abstand
nehmen, weil sie rein asketisch ist und nur die Abkehr vom Irdischen,
die Sündhaftigkeit alles Weltlichen und die Vergänglichkeit alles
Menschlichen predigt. Höchst bedeutsam ist hingegen für uns die
zweite, weil sie eine aus franziskanischer Mystik erwachsene Liebes-
lehre bildet. Räumliche Beschränkung zwingt uns freilich, gleichsam
nur die Quintessenz daraus zu extrahieren und mancherlei Wichtiges
ungesagt zu lassen.
Die natürliche Erkenntnis der Notwendigkeit menschlicher Liebe
zu Gott bedarf keiner besonderen Erleuchtungsgnade. Alle Geschöpfe
rufen uns zu, wir sollen Gott lieben, und an jedem einzelnen von
ihnen nehmen wir eine Zunge wahr, die seine Güte und Gröfse
verkündet. Die Schönheit des Himmels, der Glanz der Sonne, das
Strahlen der Sterne, die strömenden Wasser, das Grün der Auen,
die Buntheit der Blumen, alles was seine göttlichen Hände schufen,
fordert uns auf, ihn zu lieben. Wir können unsere Augen nicht
öffnen, ohne Beweise seiner höchsten Weisheit zu erblicken, wir
können unsere Ohren nicht auftun, ohne Herolde seiner Güte zu
vernehmen. Das ist eine Weisheit, die allen erreichbar ist, soweit
sie guten Willens sind, ein Wissen, das sich für alle schickt, sofern
sie nicht mit Absicht ihr Herz verhärten. Wer hingegen den
zündenden Funken der göttlichen Liebe gespürt hat, bei dem wird
sich das tiefere Wissen um die besagte Notwendigkeit etwa folgender-
malsen gestalten:
a) Gründe. Gott muls vor allem ob seiner Güte geliebt
werden. Denn er lälst die Sonne aufgehen über Gute und Schlechte,
läfst regnen über Gerechte und Ungerechte. Er hat die Sünderin
nicht verachtet, die ihn im Haus des Pharisäers aufsuchte, er hat
sich vor der Ehebrecherin nicht verborgen, die man ihm im Tempel
zuführte, er hat den Schächer nicht verstolsen, der ihn am Kreuze
anrief. So du diese Güte erkannt und recht verstanden hast, wirst
du nicht aufhören, in brennenden Seufzern deine Seele zu ihm
emporzusenden, damit sie sich im Feuer der unendlichen Liebe
zu ihm verzehre.. Gott mufs aber auch wegen seiner Schönheit
geliebt werden. Denn die Schönheit der Geschöpfe vergeht und
endet in ihrer besten Zeit, aber die Schönheit des Schöpfers währet
immerdar und besteht mit ihm selber. Die Dinge, die der Mensch
schätzt und begehrt, haben im Vergleich mit dem Adel seiner
Seele ihren Wert nur dadurch, dafs sie begehrt werden, während
312 LUDWIG PFANDL,
Gott allein die ursächliche Schönheit ist, aus der alle anderen
Schönheiten ihre Reize herleiten. Verstand und Wille aber reifsen
den Menschen ob solcher Erkenntnis mit eiligem Ungestüm zur
Liebe derartiger Vollkommenheit und Schönheit empor.
b) Intensität. Wie Gott geliebt werden muls, das zeigt er
uns selbst. Denn, obschon er alles nach Zahl, Mafs und Gewicht
geordnet hat, so hat er sich gerade in seiner Liebe zu uns kein
Mafs und Ziel gesetzt. Hier allein ist er über alle Berechnung
und alle Begriffe hinausgeschritten, denn er hat aus Liebe den
Gerechten für den Sünder hingeopfert, den Schöpfer sterben lassen,
damit das Geschöpf lebe. Wo ein Tropfen des Erlöserblutes genügt
hätte, da hat er Ströme vergossen, wo ein Funke hingereicht hätte,
da hat er ein Flammenmeer der Liebe entzündet. Darum kann
die Gegenliebe des Menschen nicht anders als ihn sich selber ent-
fremden, ihn aus seiner Hülle ziehen und aulser sich bringen, ihn
entrücken und im Feuer der Entrückung verzehren.
c) Stufenfolge. Dreiteilig ist die Liebesleiter, auf der der
schwache Mensch zu seinem Gott emporklimmt. Zu unterst liebst
du nur dich selbst und aufser dir Geschaffenes nach Wahl und
Neigung ; denn immer steht in allem Irdischen die Unvollkommenheit
am Anfang und die Vollkommenheit erst am Ziele. Dann erkennst
du Gottes Güte, Weisheit und Allmacht gegen dich und gegen
die Geschöpfe, und du liebst ihn um deinetwillen, weil du seiner
bedarfst und das was du liebst nicht ohne ihn besitzen könntest.
Zuletzt schwingst du dich, ein Wissender, dazu auf, ihn allein um
seinetwillen zu lieben. Nun erst hat die Seele erstiegen was sie
zu ersteigen hat, und ist wo und wie sie zu sein hat. Das ist
das Ziel, an dem der Mensch gänzlich sich selbst und alle Dinge
vergilst, hingerissen und in seinen Gott verwandelt wird.
Denn darin offenbart sich die grofse Würde des Menschen vor
allen anderen Geschöpfen, dafs er sich durch die Liebe in jeden
noch so höheren oder niedrigeren Gegenstand, als er selber ist,
umgestalten und verwandeln kann.
Das ist das Wissen um die Liebe, wie es dem seraphischen
Geiste des Fray Diego sich darstellt, zweiffellos sublimer Gedanken,
feuriger Inspiration, edler Überzeugtheit voll. Und doch gesteht
er, dafs er das Letzte nicht zu sagen vermag. Die Zunge redet,
denn auf andere Weise geschieht dem Verlangen kein Genüge.
Aber es demütigt sich der Verstand, schlägt die Augen nieder und
bekennt, dafs er soviel Helle nicht ertragen kann; dafs, wenn er an
Gott denkt und von ihm spricht, es nicht geschieht um zu begreifen,
sondern um den Willen noch mehr zu der Flamme zu entzünden,
deren Wärme jetzt empfunden wird, deren Helle aber erst in jenem
Reiche sichtbar wird, welches das himmlische Jerusalem heifst.
IV.
In Leben und Charakter unterscheidet sich wesentlich von
Pedro de Alcantara und Diego de Estella, denen er an erhabener
(ui HE Sr mo mer un rn - -_
FRANZISKANISCHE MYSTIK DES 16. JAHRH. IN SPANIEN. 313
Reinheit seiner Grundsätze gewils nicht nachsteht, der dritte dieser
franziskanischen Mystiker, Juan de los Angeles (1536—1609). In
ihm ist nichts von der fast fanatischen Askese, die den einen
zum wahren Heros des Leidens und Kasteiens macht, auch nichts
von der verzehrenden Glut der Andacht und Jenseitssehnsucht,
die an dem anderen wie ein unstillbares Fieber nagt. Er stammte
(mit seinem weltlichen Namen Martinez geheifsen) aus dem Nest
La Corchuela bei Oropesa, trat, nachdem er den regulären Studien-
gang durchlaufen hatte, in den von Pedro de Alcäntara reformierten
Minoritenorden ein, wurde innerhalb desselben wiederholt zu hohen
Ehrenstellen berufen und überdies zum Hofprediger der Kaiserin-
Witwe Maria, der Schwester Philipps U, ernannt. Milde sonnige
Ruhe liegt über seinem Leben und seinen Werken ausgebreitet.
Das Ringen mit der Einbildungskraft, um das Empfundene der
Fassungsgabe des Laien verständlich in Bildern zu symbolisieren,
und das Ringen mit der Sprache, um das in Bilder umgedachte
anziehend und fafslich auszudrücken, das in Schmerzen Gebären
der grofsen Mystiker ist bei ihm ein friedlich-frohes Spiel. Innige
Zartheit der Gefühle, die oft an die Weichheit der Teresa de Jesus
erinnert, einfältig blühende Phantasie, die sich beschaulich an
stimmungsvollen Vergleichen freut, ! zierlicher Wohlklang der Sprache,
die wie ein süfses Narkotikum wirkt, und bei allem ein gänzliches
sich nach Innen wenden, eine freudig-warme mystische Andacht
geben den Schriften dieses freundlich-milden Seelenführers etwas
ungemein Sympathisches, jene schwer in Worte falsbare Anziehungs-
kraft, die Menendez y Pelayo ganz unübertrefflich mit dem Sätzchen
ausgedrückt hat: no es posible leerle sin amarle. Es ist auch gar
nichts Heroisches an ihm, obgleich Eroberungen, Königreiche, Heere,
Waffen, Krieg, Kampf und Triumph zu seinen beliebtesten Ver-
gleichsbildern gehören, obgleich seine Phraseologie mit Wörtern
der Konquistadorensprache auf das Reichlichste durchsetzt ist,
obgleich endlich schon die Titel seiner Werke wie kriegerische
Fanfaren klingen. Es war das mehr ein Bestreben, dem Geist
seines heroischen Zeitalters gerecht zu werden, ein Versuch, mit
altvertrauten Bildern neue Begriffe zu umschreiben. Wie hätte auch
Fray Juan ein waffenklirrender Eroberer sein können, er dessen
einziges Ziel und Streben die echt franziskanische Liebe war.
Unter den spanischen Mystikern ist er zweifellos einer der
eifrigsten Seelentheoretiker, freilich auch unter den besten der am
wenigsten eigenartige, da er sich gar zu eng teils an Platons Liebes-
theorie, teils an Bonaventura, Tauler und Ruysbroeck (den er
Rusbrochio nennt) und ihre Psychologie anschlielst. Das bevorzugte
Gebiet seiner Vollkommenheitslehre ist das Innenleben, dessen Sitz
und Mittelpunkt er in der Seele, dem Reich Gottes (e/ alma o reyno
ı Die Wanderung der Jungfrau Maria, die gesegneten Leibes zu ihrer
Base Elisabeth geht, vergleicht er mit der ersten Fronleichnamsprozession, bei
der sich Bäume nnd Sträucher am Wege ehrfürchtig neigten und an der un-
sichtbar der ganze himmlische Hofstaat teilgenommen habe.
314 LUDWIG PFANDL,
de Dios) sieht. Nicht das /orcer la cabeza, componer las manos, modestar
y bajar los ojos, encoger los hombros, hablar por compäs y en tono devolo,
medır los pasos, nicht das confesar y comulgar a menudo por el pundonor
ist Weg und Ziel des Gnadenlebens, sondern das andar dentro de
si mismo, das componer el hombre interior. Worbedingung dazu ist,
dafs der Mensch sich über das Wesen der Seele im klaren sei,
darüber vor allem, dafs sie nichts anderes ist als jenes innerste
Winkelchen oder Gipfelchen (bald Aondon, bald dfice) des Bewulst-
seins, das in Ruhe und Todesschweigen befangen, von der Aulsen-
welt gänzlich abgeschlossen, nur das Bild Gottes enthält, oder
einfacher ausgedrückt, jener Komplex unseres Bewulstseins, der das
Wissen von Gott und den Glauben an ihn umschliefst. Das Mittel
der Seelenverlebendigung, das heilst des verständnisvollen Ein-
dringens in jenen Aonddn, ist einzig die Liebe Nun liebt aber
der Mensch auf dreifache Art, mit den Sinnen (Akomdre animal),
mit der Vernunft, das ist mit der Fähigkeit, gut und böse, wahr
und falsch zu unterscheiden (Aomdre racional) und endlich mit den
seelischen Kräften des hierin gottähnlichen Wesens, der Intelligenz
im eigentlichen und höchsten Sinne (Aombdre divinizado). Also legt
sich Juan de los Angeles die platonische Liebestheorie zurecht
und sucht mit ihrer Hilfe das christliche Gebot zu erklären: du
sollst deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deinem
ganzen Gemüte und mit allen deinen Kräften. Nicht etwa nur
die letzte und vollkommenste der drei Arten zu lieben, genügt
für den Menschen, um in den vollsten Besitz des Seelenkämmerleins
zu gelangen, nein, es müssen sich vielmehr alle drei Arten der
Liebe vereint auf das göttliche Wesen konzentrieren, die erste von
der Welt sich abkehrend und die Sünde meidend, die zweite den
Glauben festigend und das Vertrauen stärkend, die dritte alle
geistigen Fähigkeiten und edien Affekte nach Innen sammelnd
(hier offenkundiger Einfluls der drei mystischen Stufen purgatio,
illuminatio, unio), um die süfse und reine Liebe zu erzeugen, die
jene Vereinigung mit Gott in der Seele, die conguista del reyno de
Dios en el alma vollzieht. Diese unio mystica hat zwei Formen:
die Umwandlung der Scele, und die Verzückung. Die erste geht
vor sich mittels einer Entflammung des innersten Seelenzentrums
durch die Glut der göttlichen Liebe; sie bleibt, wenn einmal
erreicht, ein dauernder Zustand, während die zweite ein einmaliger
‘und wiederholbarer ekstatischer Akt ist, dem sich akzidentelle
Phänomene verschiedener Art beigesellen können. Die feinfühlige
Zergliederung des mystischen Innenlebens in den verschiedenen
Stadien seiner Entwicklung — Mittelpunkt ist immer die liebende
Seele — bildet auch den Gegenstand der grölseren Werke des
Juan de los Angeles, zunächst der Zriunfos del amor de Dios (1590),
die später in der Zucha espirilual y amorosa entre Dios y el alma
(1600) eine verbesserte Umarbeitung fanden, und dann der Dialogos
de la conquista del espirilual y secreto reino de Dios (1595), denen
(1608) noch ein zweiter Teil, der Manual de vida perfecla folgte.
FRANZISKANISCHE MYSTIK DES 16. JAHRH. IN SPANIEN. 315
In ihnen allen stellt der Autor ohne Umschweife hohe Anforderungen
an seine Leser, indem er ihnen beispielsweise in der Vorrede zur
Lucha espiritual erklärt: no es de todos esta doctrina, sino de aquellos
que ya pasaron por los exercicios de la via furgativa e ıluminalıva.
Juan de los Angeles ist vor allem Moralist und Psychologe;
insbesondere überrascht er durch die Wahrheit und Tiefe seiner
Affekt-Analysen. Er geht im übrigen, wenn auch durch mancherlei
christliche Autoren wie Bonaventura oder Ruysbroeck und Tauler
stark beeinflufst, getreulich in den Bahnen Platons. Die Grund-
gedanken des Griechen, dafs die Wissenschaft von der Liebe die
gesamte Sitten- und Seelenlehre umfasse, und des weiteren, dafs
die Hauptwirkung der Liebe darin bestehe, dafs sie den Liebenden
in den Gegenstand seiner Liebe förmlich verwandelt, hat er sich
ganz und gar zu eigen gemacht. Seine Mystik ist im übrigen mehr
spekulativ als empirisch. Das Selbsterlebnis liegt ihm nicht so sebr
im Blut wie seinen grolsen Zeitgenossen Pedro de Alcäntara, Teresa
de Jesüs und Juan de la Cruz. Er diskutiert (im Schlufskapitel
der Zucha espiritual) mit beredter Gelehrsamkeit über Visionen und
Ekstasen, aber es schlägt nirgends das Feuer eigener schmerzlich-
sülser Erfahrung durch. Er ist viel ausgeglichener, viel konzentrischer
als jene anderen. Bei ihm, dem Meister der Kontemplation, geht
alles ohne Kampf und Leiden ab. Er gewinnt darum auch nicht
den gewaltigen, durch die Macht des Wortes und der Tat ge-
förderten Einflufs auf die Zeitgenossen, und die Nachwelt hat ihn
(wie sein Ordensmitbruder und jüngster Herausgeber, der Pater
Jaime Sala mit Recht beklagt) fast völlig vergessen. 1
Über augustinische und franziskanische Wege zur Höhe des
Karmel, auf dieser Bahn ersteigt die spanische Mystik des ı6. Jahr-
hunderts ihren, zuletzt in geheimnisvollen Nebelschleiern ver-
schwimmenden Gipfel. Anders gewendet: während die augusti-
nische Mystik ihr Ziel zu Gott über die Betrachtung seiner Doppel-
gestalt als des Allmächtigen und Allbarmherzigen sucht, während
sich die franziskanische durch die Liebe allein emporschwingt,
erwächst hingegen die theresianische Mystik aus dem Apostolat
gegenreformatorischen Mitgefühls, um sich schliefslich in Juan de
la Cruz zur reinen, einfachen Willensmystik zu sublimieren. Aus
diesem Entwicklungsgang einen kurzen Ausschnitt genauer zu um-
grenzen und ihn dem gefeierten Altmeister der romanischen Philo-
logie, dessen warmherziges Interesse nicht zuletzt auch deren
spanischem Zweige gehört hat, als freundliche Gabe zu seinem
Ehrentage darzubringen, das sollte der alleinige und bescheidene
Zweck des vorliedenden Aufsatzes sein.
LupwıG PFANDL.
1 Mag sein und zu hoffen wäre es, dafs ihm die jüngst erschienene aus-
gezeichnete Biographie von A.Torrö (ray Juan de los Angeles, Madrid 1924,
a Bände) neue Freunde zu den wenigen alten dazugewinnt.
Grundlagen, Aufgaben und Leistungen
der Troubadours-Forschung.
Je mehr die romanische Philologie sich ausdehnt und vertieft,
desto häufiger macht sich das Bedürfnis geltend, von dem Stande
der Arbeit auf einem einzelnen Gebiet den übrigen Fachgenossen
Rechenschaft abzulegen, die angewandten Methoden zu vergleichen,
gesicherte Ergebnisse vorzuführen und von neuen Plänen zu reden.
Gerade die Troubadours-Forschung kann sich dieser Pflicht nicht
entziehen. Ihr dient in Deutschland eine eifrige, aber verhältnis-
mälsig kleine Gemeinde: eindringende Beschäftigung mit dem
Provenzalischen, von dem einst Raynouard und Diez ausgingen,
gilt nicht mehr wie früher als nodzle officium des Romanisten. Andere
Disziplinen wie das Studium der modernen Dialekte, gewisse Zweige
der altfranzösischen Literatur, die Geschichte der neueren und die
Entwicklung der neuesten französischen Literatur, die Entdeckung
des Spanischen und der spanischen Literatur nehmen heute die
Aufmerksamkeit stärker in Anspruch und scheinen für die Zukunft
weitertragende Ergebnisse zu versprechen, ganz abgesehen von den
grundsätzlichen Erörterungen, die der ermüdende und verbitternde
Streit zwischen Positivismus und Idealismus in Sprach- und Literatur-
wissenschaft hervorruft. Der Provenzalist versteht nicht die grolse
Kunst aller wahrhaft Modernen, die Kunst, die geistige „Situation“
zu erfassen und sich behende auf sie einzustellen. Erst recht ist
die Troubadours-Forschung für den Schulunterricht nicht fruchtbar
zu machen; der indirekte Nutzen, den die methodische Schulung
in Kritik und Interpretation auf diesem schwierigsten Gebiete dem
künftigen Lehrer zu bringen vermöchte, wird übersehen oder gering-
geschätzt. Auf Neuphilologentagen wird sie nicht zur Einkehr genötigt,
nur auf Philologentagen gönnt man ihr den gebührenden Platz.
Solche etwas trüben Gedanken und andere über die Zukunft
der romanischen Philologie in Deutschland gilt es zu verscheuchen,
wenn ein Meister dieser Studien seinen siebzigsten Geburtstag feiert,
der sie von seiner schon reifen Berliner Dissertation „Das Leben und
die Lieder des Trobadors Peire Rogier“ (1882) bis zu dem tief-
schürfenden Aufsatz „Zu Marcabru“ (in dieser Zeitschr. XLIII, 403 ff.)
ständig gefördert hat, auch in Zeiten, wo ihn wichtige Arbeiten
auf anderen Feldern vorwiegend beschäftigten; der sie durch die
Provenzalische Chrestomathie (5. Aufl., Leipzig 1920) bei allen Lernenden
und durch die vorbildliche Ausgabe des Bernart von Ventadorn
GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 317
(Halle 1915) bei allen Forschenden zu Ansehen und Ehren gebracht
hat: Carl Appel bildet mit dem zu früh verstorbenen Emil Levy,
dessen Provenzalisches Supplement- Wörterbuch er pietätvoll und ver-
hältnismälsig rasch beendete, und mit O. Schultz-Gora zusammen ein
glänzendes Dreigestirn deutscher Provenzalisten von erstem Range,
das durch den unvergelslichen grolsen Lehrer Adolf Tobler in einer
Art apostolischer Sukzession mit Friedrich Diez verbunden ist. Seiner
Leistungen und Anregungen muls auf Schritt und Tritt gedenken,
wer über Grundlagen, Aufgaben und Leistungen der Troubadours-
Forschung handeln will. Er kann das eine wie das andere auch
als sein dankbarer Schüler ohne Fanfarenstöfse und Weihrauchwolken
zu dem festlichen Tage. Eine ruhige, redliche und kritische Dar-
stellung der Arbeit mehrerer Generationen zeigt unaufdringlich, aber
unabweisbar, was auch Appels Leben, wissenschaftliche Tätigkeit
und Lehrtätigkeit erfüllt und geadelt hat: das unzerstörbare Ethos
hingebender und selbstloser philologischer Forschung.
I.
Im Jahre 1872 ist Karl Bartschs Grundri/s zur Geschichte der
provensalischen Literatur erschienen. Als wertvollster Abschnitt des
Werks, als grundlegende Vorarbeit für alle Ausgaben und Ab-
handlungen wurde damals die Liste der Troubadours und ihrer
Lieder anerkannt, die den darstellenden Teil ergänzte. ! Inzwischen
sind Jahrzehnte tüchtigen Schaffens verflossen, und durch die er-
freulichen Fortschritte wie durch die unerfreuliche Zersplitterung
unserer Wissenschaft ist eine Bearbeitung notwendig geworden, die
unter meinen Händen mit dem Wachsen des Materials und bei den
gesteigerten Anforderungen an die Kritik ein neues Buch werden
mulste, keine blofse Liste mehr, sondern eine Bibliographie der
Troubadours.* Ich habe die bewährte Anordnung von Bartsch
ı Es zeigt sich immer wieder, dafs sie nach Malsgabe der Kenntnisse
der Zeit sehr zuverlässig ist. Es ist recht selten, dafs eine Notiz so ergänzungs-
und verbesserungsbedürftig ist wie die über 242, 81 (bei mir 330, 19a); vel.
Pillet, Zis. Blatt 1907, 23 Anm. und Kolsen, Samtl. Lieder des Trob. Giraut
de Bornelh 1, S. VI und Zs. XXXVII, 578.
3 Man gestatte mir diese Form beizubehalten. Die meisten Provenzalisten
ziehen 7rodador vor. Ich sehe nicht ein, was damit gewonnen ist, Das Wort
troubadour ist durch Jehan de Nostredame und seine Vies (1575) in die franzö-
sische Schriftsprache eingeführt worden, und zwar in der Form, die es in seiner
neuprovenzalischen Mundart hatte. Ins Deutsche ist es aus dem Französischen
gekommen, nicht aus dem Altprovenzalischen, das man nicht kannte. Seitdem
hat es in beiden Sprachen eine ziemlich ruhmreiche Geschichte gehabt. Wenn
in deren Verlauf sich allerhand unechte Vorstellungen und Aflektionswerte an-
gesetzt haben, so ist das für den Literarhistoriker mehr interessant als störend;
für die Popularität des Stoffes sind sie förderlich gewesen. Diez hat das einzige
Buch unseres Spezialfaches, das man zur Literatur rechnen darf, „Zeden und
Werke der Troubadours“ genannt; auch das ist nicht gleichgültig. Bisher ist
es den Provenzalisten nicht gelungen, der Gemeinsprache den Troubadour zu
rauben und den Trobador aufzudrängen, und es wird ihnen nicht gelingen,
weil das Schlagwort fehlt, unter dem solche kleinen Revolutionen zu machen
318 ALFRED PILLET,
beibehalten; viele Nummern sind natürlich hinzugefügt oder anders
gestellt.1 Ich gebe für jeden Dichter die ganze Literatur, soweit
sie noch irgendwelchen wissenschaftlichen Wert hat, nicht nur zu
den Tatsachen seiner Biographie, auch zu seiner literarischen Stellung,
und bei jedem seiner Gedichte den Anfangsvers mit den wichtigeren
Varianten, die Handschriften mit den Blattzahlen und Hinweisen
auf ihre diplomatischen Abdrucke, die eventuellen Differenzen in
der Attribution, die Gattung, der es angehört, die halbwegs zurecht-
gemachten Drucke wie die kritischen Ausgaben, die grölseren
Beiträge zu Textkritik, Erklärung oder Datierung. Diese Biblio-
graphie wird auch dem Aulsenstehenden, dem von anderen Gebieten
Herankommenden zeigen, dafs das Feld vielfach durchgepflügt ist,
doch lange nicht in seinem ganzen Umfang, doch nicht gleichmäfsig
tief, dafs diese Disziplin Leistungen aufzuweisen hat, die nicht ver-
gessen werden sollen, und stetig vorwärtsstrebt. Bis zum Abschlufs
meines umfassenden und mühevollen Werkes wird die Arbliographie
sommaire des chansonniers provengaux (manuscriüs et editions) von
A. Jeanroy (in Zes Classiques frangais du moyen öge, 1916) weiter
wertvolle Dienste leisten. Die grolse Bibliographie der alt- und
besonders auch der neuprovenzalischen Literatur und Sprache sowie
der Lokalgeschichte und Archäologie Südfrankreichs, die Daniel
C. Haskell unter dem Titel Provengal Literature & Language, in-
cluding the local history of southern France. A list of references in
the New York Public Library (New York 1925) auf Grund der
wunderbaren Bücherschätze dieser Bibliothek herausgebracht hat,
verfolgt wesentlich andere Ziele. —
Die Grundlage der Forschung bilden die grofsen Liederhand-
schriften.
In Italien sind die ältesten uns erhaltenen Sammelhandschriften
(bis auf eine) entstanden, als provenzalische Dichtung dort noch
sind. Und warum soll man künstlich einen Gegensatz zwischen der Sprache
der Provenzalisten und der Sprache der übrigen Romanisten und sonst aller
Gebildeten schaffen ?
ı Es mag eine technische Frage scheinen, ob ich bei Bartschs fast allgemein
augenommenem System bleiben oder das Muster von Raynaud nachahmen sollte,
der in seiner Bibliographie des chansonniers frangais des XIIIe et XIVe siecles
(2 vol., 1884) bei der Einteilung der altfranzösischen Lieder auf die Verfasser
gar keine Rücksicht nahm und die sämtlichen Lieder nach dem Reimwort des
Anfangsverses ordnete und durchnumerierte. Aber was 1884 tür die altfranzö-
sische Lyrik mit ihren vielen Anonyma praktisch sein mochte, liefs sich später
auf die provenzalische, die umfangreicher und besser durchgearbeitet und schon
einmal eingeteilt war, nicht mehr anwenden. Nur bei Bartschs Anordnung
sind bei jedem Dichter vida, Lieder und eventuell Werke nichtlyrischen Charakters
im Zusamirenhang zu übersehen, wobei freilich auch Lieder von zweifelhafter
Echtheit gekennzeichnet, unechte ausgeschieden und anderswo untergebracht
und Lieder mit doppelter oder vielfacher Attribution unter dem wahrschein-
lichen Verfasser eingereiht werden müssen. So auch sind kritische Ausgaben
von einem Dichter, Abhandlungen über ihn an die Spitze seines Abschnitts
zu stellen und die Bibliographie der einzelnen Lieder zu entlasten. Das Auf-
suchen der anonymen und der falsch attribuierten Stücke wird eine nach Reimen
geordnete Zusammenstellung der Anfangsverse erleichtern.
GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 319
lebhaft bewundert und gepflegt wurde.1 Der erste Teil (D und D:)
von D, der mächtigen Hs. der B. Estense in Modena, wird gewöhnlich
von 1254 datiert; die Bedenken, die Bertoni (Trov. d’Italia S. 1809)
dagegen geäulsert hat, sind übertrieben. Dem Ende des ı3. und
dem Anfang des 14. Jahrhunderts weist man jetzt eine stattliche
Reihe von Hss. italienischer Herkunft zu. Im 14. Jahrhundert ist
diese eifrige Sammler- und Abschreiber-Tätigkeit fortgesetzt worden,
im 15. Jahrhundert ist sie ganz erlahmt (Hs. c). Aus Südfrankreich
selbst ist keine wirklich alte Troubadours-Hs. erhalten, was nicht
wundernehmen kann, da auch die erzählende, die dramatische und
selbst die didaktische Dichtung der Provenzalen bei der Spärlichkeit
der Hss. ein Trümmerhaufen ist. Dafs aber Sammlungen hier zuerst
und schon sehr früh unternommen worden sind, ist ohne weiteres
vorauszusetzen; haben doch in den altfranzösischen chansonniers
(X,W u.a.), von denen X, der von Saint-Germain-des-Pres, bis
zur Mitte des ı3. Jahrhunderts zurückreicht, auch provenzalische
Lieder Aufnahme gefunden, in ganzen Bündeln und meist mit
Noten. Die grolse Sammlung, die Bernart Amoros aus Saint-Flour
(Cantal) im Ausgang des 13. Jahrhunderts anlegte, ist wenigstens
in einer schlechten Abschrift des ı6. (Hss. a und al, s. unten)
ziemlich vollständig auf uns gekommen. Die Grundsätze, die der
gelehrte Kleriker in seiner Vorrede? entwickelt, sind nicht ganz die
unsrigen, aber für die Zeit die Weisheit selbst. Wie schade, dals
seine Warnung vor nutzlosen Emendationen nicht gehört worden
ist! Sie hätte auch den 'wackeren Männern nicht geschadet, denen
wir die umfangreichen und höchst wichtigen Hss. Rund C verdanken:
diese sind in Südfrankreich — C genauer in Südwestfrankreich —
im 14. Jahrhundert entstanden und zeigen z. T. nach der Auswahl
der Dichtungen und der Orthographie einen regionalen Charakter.
Noch ausgesprochener ist dieser bei dem cAhansonnier Giraud (f),
der die letzten Troubadours der Provence, d.h. der eigentlichen
Provence im geographischen Sinne enthält. Der Bedeutung der Höfe
der iberischen Halbinsel als Reiseziel und Obdach für wandernde
und flüchtige Troubadours und dem regen Anteil der Katalanen
an der Dichtung selbst und an ihrer Theorie entspricht nicht ganz
die Zahl der in Spanien gefundenen oder dorther stammenden Hss.
Dahin gehört die vor dem 30. Mai 1268 niedergeschriebene Hs. V
der Marcus-Bibliothek und die Hs. Sg von Saragossa, jetzt in
Barcelona, während die katalanischen Liederhss. Vega-Aguilö für
die Troubadours nicht viel bringen.
I Ich verweise auf Abschnitt I der Birbliograßhie sommaire von Jeanroy
(dazu Bertoni, Archivum romanıcum 11, 396 fl.) und auf das ausgezeichnete
Kapitel IV bei Bertoni, / Zrovatori d’ Italia, Modena 1915. Datierung und
Lokalisierung sind bei einzelnen Hss. unsicher. Die sprachlichen Eigentünlich-
keiten von Hss. sind öfters untersucht worden, so z.B. die der Hs.T von
Appel, Prov. Inedita, S. VIff. und Bertoni, l.c. p. 195.
® Diplomatischer Abdruck von a durch E. Stengel, Rev. des langues rom.
XLI, 350: maint luec son qu’eu non ai ben aut l’entendimen, per g’ieu no‘
ai ren volgut mudar, per paor g’ieu non Peiures l’obra; que trucp volgra
esser prims e sutils hom gi 0 Pogues lol entendre.
320 ALFRED PILLET,
Das ernsthafte Studium, das Dante! und Petrarca der pro-
venzalischen Lyrik gewidmet und durch ihre Nachahmungen bekundet
hatten, die aufrichtige und fast übertriebene Verehrung, mit der
die beiden Grofsen von ihren Vorgängern an oft kommentierten
Stellen? redeten, ward in der Renaissance der philologischen
Forschung Italiens ein Vorbild und ein Anstols. Jetzt, wo die
Geschichte der Hss. zum Gegenstand fruchtbarer und reizvoller
Untersuchungen gemacht worden ist, die besonders durch die
wichtige Arbeit von A. Thomas über Francesco da Barberino (1883)
und durch Pierre de Nolhac und sein schönes Buch Za Bibliotheque
de Fulvio Orsini (1887) mächtig angeregt wurden und mit dem
gründlichen Werk von Santorre Debenedetti über G4 Studi provenzali
in Italia nel cinquecento (Torino ıgıı) eine Art vorläufigen Abschluls
gefunden haben, lälst sich recht übersehen, wie viel wir der er-
haltenden Tätigkeit dieser Humanisten der Appenninenhalbinsel
verdanken, die aufser lateinischen und griechischen Hss. nebenher
provenzalische und andere romanische gekauft oder geliehen haben,
sie mit dilettantischem Eifer und schwachem Verständnis studierten,
Abschriften nehmen liefsen und neue Sammlungen anlegten, von
denen einige auf uns gekommen sind. Ist auch nicht erwiesen,
dafs Petrarca in die Hs. K Notizen gemacht habe,3 so sind die
Kollationen des Kardinals Pietro Bembo in K und auch in D*
unzweifelhaft echt. Und so hat der Provenzalist, der sich über die
alten Folianten beugt, meist das Bewulstsein, dafs eine lange Reihe
von Männern sie geschätzt und durchblättert haben, denen einseitiges
Spezialistentum noch fern lag. Keinem von diesen Gelehrten des
16. Jahrhunderts und der nächsten beiden fühlt er sich wohl so
nahe wie Giovanni Maria Barbieri (1519—74), dem Bibliothekar
von Modena: dessen unvollendet nachgelassenes Werk Dell’ origine
della poesia rimala übermittelt uns zahlreiche und ganz wertvolle,
wenn auch in ihrer praktischen Bedeutung überschätzte Angaben
aus den ihm zur Verfügung stehenden Hss. mit einer Gründlichkeit
und Liebe, die ihn simpaticissimo mwachen.d° Und das zur selben
ı H. J. Chaytor hat seine Sammlung 7%he Troubadours of Dante, Oxford
1902 vollständig darauf angelegt, eine Auswahl aus den Werken der von
Dante zitierten Troubadours zu geben. Der Gedanke war mehr sinnig als
praktisch und die Ausführung leider mangelhaft; vgl. meine Besprechung im
Lit. Blatt 1904, 25 fl.
2 Ich brauche hier kaum darauf hinzuweisen, dafs Appel, der früh von
den Troubadours zu Petrarca geführt wurde, in seiner grofsen kritischen Aus-
gabe der Trionfi, die auch methodisch so wichtig geworden ist (Die Triumphe
Francesco Petrarcas, Halle 1901), die berühmte und keineswegs leicht zu
erklärende Stelle des Zriumphus Cußidinis III, 38 ff. über die Troubadours
zu kommentieren hatte.
s P. de Nolhac, F. Orsini S. 314 und De Lollis, Rom. XVIII, 465Sfl.
* Abgedruckt bei Debenedetti, 1. c., p. 273 fl.
5 Meine Meinung von der Bedeutung von x wird wohl, nachdem so
viele Jahre seit Mussafias Aufsatz (in den Sitzungs-Berichten der K. Akad. d.
Wiss., philos.-hist,. KXl., Bd. 76, Wien 1874, S. 201 ff.) verflossen sind, nicht
ketzerisch erscheinen. Ein ansprechendes Gesamtbild gibt Bertoni, G. M. Barbıeri
e gli studi romanzı nel sec. XVI. Modena 1905.
GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 321
Zeit, wo in der Provence Jehan de Nostredame seine berüchtigten
Vies des plus celöbres et anciens podtes provengaux (1575) verbrach.!
Die grofse Mehrzahl der Hss. ist lange bekannt. Seit dem
Erscheinen von Bartschs Grundri/s sind noch einige hinzugekommen.
Stengel hat in der Biblioteca Nazionale zu Florenz eine italienische
Sammelhs. (13./14. Jh.) mit provenzalischen Liedern und Coblas (])
nachgewiesen.2 Auf die Hs. Sg (14. Jh.) machte Mila y Fontanals 3
aufmerksam, sie wurde aber von dem Besitzer Professor Don Pablo
Gil y Gil in Saragossa und seinen Erben ängstlich gehütet, so dafs
selten einmal ein Glücklicher, wie Kolsen für seine Arbeiten über
Giraut de Borneil, Texte oder Varianten daraus erlangen konnte
und lange selbst der Inhalt nur mangelhaft bekannt war (wenigstens
bis Pages, Ann. du Midi 1, 5ı4fl.). Im Jahre ıyıo ist sie der
Biblioteca de Catalunya im Institut d’estudis catalans zu Barcelona
geschenkt worden # und wird seitdem besonders von den rührigen
katalanischen Fachgenossen benutzt. Von N?, der sogen. jüngeren
Cheltenhamer Liederhs., gab Constans 1881 eine Beschreibung und
Inhaltsangabe. 5 Sie ist die einzige im ı6. Jahrhundert (und natürlich
in Italien) nach mehreren Quellen angelegte Hs., die, namentlich
durch ihre Biographien und Razos, wirklichen Wert hat.® Sie ist
übrigens die einzige Troubadours-Hs. in Deutschland, auf der
Preufsischen Staatsbibliothek in Berlin, die sie 1889 aus dem Nachlafs
des Sir Thomas Phillipps erwarb. Das grölste Aufsehen erregte
1899 ein glücklicher Fund in Modena. Von der uns leider ver-
lorenen Sammlung des Bernart Amoros hat 1589 Jacques Teissier
aus Tarascon eine nicht ganz vollständige und schlechte Abschrift
genommen, die der Auftraggeber Piero di Simon del Nero noch
teilweise kollationierte, und von dieser Abschrift waren die zwei
ersten Hefte und ein Gesamtregister in der Hs. a der Riccardiana
in Florenz wohlerhalten, über den Verbleib des Restes aber war
nichts ermittelt, als Bertoni in der Kollektion Campori der Estense
die noch fehlenden drei Hefte auffand und die Zusammengehörigkeit
zeigte.’ Eine Fülle der wertvollsten Inedita waren mit einem
Schlage gewonnen und wurden in der Folge glänzend ausgebeutet.
Sogar das Verzeichnis der von Jacques Teissier nicht abgeschriebenen
Stücke ist nachträglich gefunden worden. 8
Gröfsere und kleinere Fragmente, ein paar Blätter, ein Blatt
sind wiederholt und auch im Privatbesitz aufgestöbert worden und
1 Nouv. dd. preparde par C. Chabaneau et publide par %. Anglade, 1913.
? Rivista di flolol. rom. 1, a5 fl. (1872).
3 Rev. des langues rom. X, 225 fl. (1876).
% J. Mass6 Torrents, Ann. du Midi XXVI, 459.
5 Rev. des langues rom. XIX, 261 fl. und XX, 105 fl.
® Vollständiger Abdruck durch mich im Arch. CI, 365 ff. und CII, 179 ff.
mit einer Einleitung besonders über die Quellen CI, ııı fl.
T Giorn. stor. della lett. ıtal. XXXIV, ıı8 fl.
® Abgedruckt bei Bertoni, Z/ Canzoniere provenz. di Bernart Amoros
(sezione riccardiana), S. 14 fl.
Zeitschr. 1. rom. Phil. XLVII. =
322 ALFRED PILLET,
haben Hunger nach dem Ganzen geweckt, von dem sie stammten. !
Das Fragment von Bergamo (wo) ist darum besonders merkwürdig,
weil die Pergamenths. das einzige Beispiel eines Palimpsests ist:
der provenzalische Teil (13./14. Jahrhundert) ist schon im 14. Jahr-
hundert überschrieben und arg entstellt worden.?2 Ein neckischer
Zufall hat es gefügt, dals von einer und derselben verlorenen Hs.
des ı13./14. Jahrhunderts Blatt VI in der Bibliotheque Nationale
(eingeklebt in M) und Blatt VI in der B. Classense in Ravenna
sich zusammenfanden.3? Fast noch interessanter als diese Ver-
sprengten sind die Eintragungen einzelner Lieder in Hss. ganz
fremden Inhalts, weil sie uns einen Einblick in die wirkliche Ver-
breitung dieser Erzeugnisse gewähren. Der Planch des Gaucelm
Faidit auf seinen Gönner Richard Löwenherz ist gewils mit der
Melodie in einer Hs. der Zstoire de la guerre sainie des Ambroise
am Platze,* aber das Wunschlied Pistoletas Ar agues eu mil marcs
de fin argen® hätte sich nicht auf das Vorsatzblatt einer Hs. des
Roman de la Rose,® die Alba des Giraut de Borneil auf das Deck-
blatt einer Münchener Hs. medizinischen Inhalts? verirrt, beide
übrigens auch an andere Orte, wenn beide nicht allbeliebt gewesen
wären. Geistliche Hymnen, Marienlieder sind weit gedrungen. Ein
Bufslied des Folquet de Romans (156, 10) hat der wackere Bürger
tienne Benoit von Limoges noch 1426, fürchterlich verballhornt,
an den Anfang seines Livre de raison gesetzt. Dafs Coblas, die
man doch auch gesammelt hat, sich gern einzeln oder in kleinen
Gruppen herumtreiben, braucht kaum gesagt zu werden.® Mitleidig
lesen wir in einem Protokoll der Inquisition von Toulouse, wie sich
ein Bürger 1274 verantwortet, der Öffentlich das Sirventes des
Guillem Figueira gegen Rom angestimmt hatte: die erste Strophe
dieser cantılena eines guıidam ioculator, qui vocabatur Figuera wird
sogar von ihm aus dem Gedächtnis zitiert. 10 —
Auch die indirekte Überlieferung ist ziemlich reichlich. Um
1200 hat Jehan Renart, oder wer sonst der Verfasser des Romans
1 Nach verlorenen Hss. ist viel geforscht worden, namentlich von Chabaneau,
Wie leicht man sich aber Illusionen hinsichtlich solcher versiepten Quellen
bingeben kann, zeigt lehrreich V. De Bartholomaeis, Di un presunto canzoniere
provenzale di Roberto d’Angiö, Estratto dalla serie I, t.IV, 1909/10, delle
Memorie della R. Accademia delle Scienze dell’Istituto di Bologna, classe di
scienze morali, ses. storico-flologica,
% De Lollis, Studi medievali I, S61 fl. (1904/05).
85 Renier, Giorn. stor. della lett. ital. XX\VI, 286; danach öfters behandelt.
4 A. Keller, Romvart S. 4ıı fl. und 425.
5 Niestroy, Der Trob. Pistoleta S. SYfl. nach P. Meyer, Rom. XIX, 43 ff.
6 Mussafıa, Fahrb. VIII, 216.
? Wilh. Meyer, Sitzungsber. der philos.-philol. und hist. Klasse der k.b.
Akad.d. Wiss. zu München 1885, S. 113 ff.
8 Louis Guibert, Ze Livre de raison d’Etienne Benoist 1426, Limoges
1882, S, 35, vgl. P. Meyer, Rom. XII, 124.
® Z.B. zwei Coblas in einer Nürnberger Hs. der Institutiones etc., ge-
druckt von H. Suchier, Zs. XV, sıırfl.
10 Gius. Boffto, Giorn. stor. della lett. ital. XXIX, 204 fl.
GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 323
Guillaume de Dole sein mag, eine Fülle von altfranzösischen Liedern
und Refrains in seine liebliche Erzählung eingestreut und auch drei
provenzalische Kanzonen ohne Namensnennung aufgenommen als
son poilevin, changon auvrignace, nämlich eine von Jaufre Rudel, eine
angeblich von Daude de Pradas herrührende,! die sonst nur in
einer provenzalischen und einer altfranzösischen Hs. steht, also in
Südfrankreich kaum gefallen hat, und das Lied von der Lerche
des Bernart de Ventadorn. Und Gerbert de Montreuil hat im Roman
de la Violette diese glückliche Neuerung nachgeahmt.
Richtige Zitate aus Troubadours hat Raimon Vidal, ein Pro-
venzalisch schreibender Katalane, massenhaft? in seiner Erzählung
vom Minnegericht und nicht so zahlreich in seinem Lehrgedicht vom
Verfall der Poesie und von den Anforderungen des Spielmanns-
standes angebracht, nicht von künstlerischem Instinkt geleitet wie
jene beiden Franzosen, sondern zur Bekräftigung und zum Schmuck
seiner langen Reden. Die Hauptladung (277 Strophen) aber führt
der Abschnitt ‘/e Zerilhos Tractat d’amor de donas’ in dem Dreviarı
d’amor des Matfre Ermengau aus Beziers (begonnen 1288). Dieser
ist nicht nur der bedeutende Theoretiker der Liebe, er ist auch
damals der gröfste gelehrte Kenner der provenzalischen Lyrik. Und
er hat nach meiner Überzeugung durchaus überlegt und zuverlässig
gearbeitet. Wo er den Namen eines Dichters nicht weils, ist es
auch heute trotz angestrengter Bemühung fast niemals möglich, den
Schleier der Anonymität zu lüften und weiterzukommen als Matfre
Ermengau. Schon aufserhalb der guten Tradition steht ein Toskaner,
Francesco da Barberino (1264— 1348): er hat in dem unendlich
langen lateinischen Kommentar seiner Documenti d’Amore zehn Stellen
aus provenzalischen Gedichten im Original angeführt und hier wie
in dem ZReggimento e costumi di donna andere Aussprüche und Er-
zählungen von Troubadours mit unverkennbarem Geschick für
Anekdote und Novelle berichtet (meist aus nichtlyrischen Werken).
Dafs Grammatiken und Poetiken aus den Troubadours Beispiele
des guten und mindestens ebenso gern auch solche des schlechten
und verdammenswerten Sprach- und Reimgebrauchs ziehen, nimmt
nicht wunder. In den ARazos de frobar bringt sie Raimon Vidal als
Belege für die Regeln oder besser Postulate seiner grammatischen
Abhandlung. Darin folgte ihm in den ARegls, einer Grammatik
der Troubadourssprache in katalanischem Dialekt (zwischen 1286
und 1291), sein Landsmann Jaufre de Foixä, der wie er auch als
Dichter an den Fragen interessiert war (wenn er nämlich mit dem
Monge de Foissan identisch ist,” der übrigens selbst die Stophen-
schlüsse einer Kanzone (304, ı) aus den Anfangszeilen von sieben
1 124,5. G. Paris in der Einleitung zur Ausgabe von Servois S. CXIX
bezweifelt die Echtheit und denkt an Richart de Berbezill als Verfasser.
% 39 Zitate, dazu drei innerhalb einer interpolierten Stelle in r (Study
di flol, rom. V, 57 ft.).
s A. Thomas, Rom. X, 322 und J. Mass6ö Torrents, Ann. du Midi
XAXV/XXXVI, 313 ff.
21*
324 ALFRED PILLET,
bekannten Gedichten bildet. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts!
schrieb der gute Terramagnino aus Pisa seine Docirina de cort (oder
d’acort), er brachte nur die Regeln des Raimon Vidal in provenzalische
Verse, suchte aber lauter eigene Beispiele (33) aus Troubadours
zusammen, ein Verfahren, das für jene Zeit und auch für spätere
immer noch von Anstandsgefühl zeugt. In diesen Zusammenhang
einer Schule gehört Dante nicht, aber er ist hier zu nennen, weil
er in De vulgarı eloguenlia öfter Gedichte wichtigerer Troubadours
anführt und sorgsame und scharfsinnige Bemerkungen literarischen,
stilistischen und besonders metrischen Charakters anknüpft. Dagegen
enttäuschen die Zeys d’amors, das Gesetzbuch der Sobregaya com-
panhia in Toulouse (1356 beendet); Guilhem Molinier hat nur wenige
Zitate aus Liedern von Troubadours, er macht sich seine eigenen
albernen Beispiele und Merkverschen, ein Beweis, wie weit er innerlich
schon von dem Alten entfernt ist.?
Im ganzen ist die Bedeutung dieser Zitate für die Textkritik
gering, schon weil sie zu rücksichtslos dem Kontext angepafst sind;
aber mit den paar als Anthologien angelegten Hss. oder Teilen
von Hss. vereint, können sie uns einigermafsen helfen die Frage
zu lösen, was eigentlich die Provenzalen und die kunstverständigen
Ausländer an den Dichtungen bewundert und geliebt haben.
Il.
Nur mühsam dringt man von den Werken zu den Verfassern
vor. Die Überschriften der Hss. sind unsere wichtigste Quelle für
die Zuteilung der Lieder, aber keine ganz zuverlässige. Schon die
Namen machen oft Schwierigkeiten. Chabaneau hat als Anhang zu
den Diographies des Troubadours (1885) eine Liste der Troubadours
und der übrigen Autoren 3 mit ungefährer Bestimmung von Zeit und
Herkunft gegeben und vieles, sehr vieles bei Bartsch gebessert, aber
selbst diesem ausgezeichneten Kenner, den seine warme Heimatliebe
anspornte und sein historisches Wissen unterstützte,4 ist lange nicht
alles gelungen. Schon ob man Girapt de Borneil oder Guiraut de
Bornelh schreiben solle, ist eine bange Frage, die A. Thomas dahin
beantwortet hat, dafs der Dichter Giraut geheilsen habe (Kom.
XXXV, ıo6fl.). Appel hat viel Mühe gehabt, zu entscheiden, ob
Uc Brunec oder Uc Brunenc die wahrscheinliche Namensform ist
ı Bertoni, Zrov, d’ Italia, S. 120 ff.
® J. Anglade, Histoire sommaire de la Litterature meridionale au moyen
äre, 1921, S. 238fl. handelt ausführlich über die ganzen Gramatiken und
Poetiken. Die oben stehenden Angaben über die Zitate beruhen auf meinen
Auszügen und Zählungen.
8 Histoire generale de Languedoc ... par dom Cl. Devic et dom ]J. Vaissete,
t. X, Toulouse 1885, S. 324 ff.
4 Appel hat seiner aufrichtigen Verehrung für ihn in den Mölanges Cha-
baneau (Erlangen 1907) durch einen Aufsatz „Zur Metrik der Sancta Fides“
(S. 197 ff.) Ausdruck gegeben, der ein wichtiges und schwieriges Problem der
Technik der Laisse in der aprov. und afız. Epik anschneidet,
GRUNDI., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 325
(s. unten). Bartsch nennt einen Autor der letzten Zeit Grainier,
und Paul Meyer belehrte ihn, dafs in der einzigen Hs. G. (d.h.
Guillem) Raynier stünde.1 Die Abkürzungen für Guillem (G.) und
Guiraut (Gr.) sind manchmal verwechselt worden. Ein Dichter von
Coblas heifst bei Bartsch Guiraut del Olivier, d’Arle und so auch
bei anderen; Chabaneau, Appel und sein letzter Herausgeber
Schultz-Gora? nennen ihn mit Recht Guillem. Den Troubadour
Albert de Sestaro oder Albertet (Grdr. 16) würde ich auf Grund des
Zeugnisses der meisten Hss. unbedingt Albertet nennen, höchstens
mit dem Zusatz de Sestaro wie M und al (Arch. CXLV, ı23). Der
Name Daspol ist sonst anscheinend nicht bekannt; A. Tobler, Göfting.
gel. Anz. 1872, 1, 285 schlug vor da (Herr) S[:mon] Pol zu lesen;
P. Meyer will ihn durchaus mit Guillem d’Autpol identifizieren. 3
Die Hs. Cämpori (a!) hat ein Sirventes von en Genim durre de
Valentines: ist das Durre oder d’Urre? Mit Hilfe des Dickonnaire
topographique du departement de la Dröme* ist leicht festzustellen, dafs
Urre die alte Form des jetzigen Namens Eurre eines Ortes im
Valentinois ist. In dem messier Albric, mit dem Uc de Saint Circ
in Oberitalien Coblas wechselte, hat Gröbers5 Scharfblick eine
historische Persönlichkeit erkannt: Alberico da Romano, Bruder des
bekannteren Ezzelino, als Dilettant und als Besitzer des ‘“diber
Albericı', der Quelle von D, an der Dichtung interessiert.6 Unter
den /robatritz figurierte früher na Bieiris de Roman, leider mit einem
Lied an eine Frau na Maria, so dafs Chabaneau treuherzig schrieb:
Une chanson adressce d une aulre dame, quelle parait avoir aimde d’amour
(S. 341). Da löste Schultz-Gora das Rätsel: Nabieiris ist n’Abieiris
— n’Alberis, also wieder Alberico da Romano (Z/s. XV, 234).
Mancher Name ist glatt zu streichen. Ein Gebet (175, ı) hat
in C die Überschrift Geneys, lo joglars a cuy lo voulz de Lucas
donet lo sotlar. Eine späte Episode? des Prologs der altfranzösischen
Venjance Nostre Seigneur berichtet uns schon, dafs ein französischer
Spielmann 8 Genois oder Jenois vor dem berühmten zo//o santo im
Dom von Lucca spielte, und dafs ihm der aus Holz geschnitzte
und kostbar gekleidete Gekreuzigte zum Lohn einen seiner Schuhe
hinwarf, den der Bischof mit schwerem Gelde auslöste. Es ist
nach der Lage der Dinge ziemlich ausgeschlossen, dafs etwa ein
realer Geneis oder Genois, der das Urbild des legendären Genesius
gewesen wäre und spätestens um die Mitte des ı2. Jahrhunderts
1 Rom. I, 387. So auch Anglade, Ze froub. Guiraut Riquier, S. 100.
Das Partimen mit Guiraut Riquier ist herausgegeben von Chabaneau, Kev.
des langues rom. XXXII, 116.
2 Provens. Studien I, Strafsburg 1919, S. 24 ff.
5 Rom. XXIV, 128 und Zst. dit. XXXII, 59.
% Dict, topogr. du dep. de la Dröre ... par J. Brun-Durand, 1891,
S. 135. Der Ort liegt im canton de Crest-Nord.
5 Rom. Studien 11, 495.
6 Bertoni, Zrov. d’ Italia, 5. 66 fl.
? Hegb. von W. Foerster, Melanges Chabaneau, S. 32 fl.
8 uns genlis menestres \. 410, li jougleres 435 etc.
326 ALFRED PILLET,
gelebt haben mülste, unser Gedicht verfalst hätte; denn nach seiner
Form gehört es erst ins ı3. Jahrhundert. So wird wohl der in
einer anderen Hs. genannte Arnaut Catalan der Autor sein, aber
wie merkwürdig ist dann die Mentalität des Schreibers von C,
der das Gebet jenem Legendenhelden beilegt!
Leider sind die Erfindungen dieses und anderer Schreiber
sonst weniger geeignet, uns durch ihre Poesie mit ihrer Unwahr-
scheinlichkeit auszusöhnen. Wir haben mit den falschen und den
zweifelhaften Attributionen unsere liebe Not. Im grolsen und ganzen
möchte ich annehmen, dafs die Spielleute, die zuerst ein Lied von
dem Verfasser selbst übernahmen und verbreiteten, es auch hoch-
hielten, zumal wenn es der Hörerschaft gefiel. Sie werden es in
ihre Liederbücher, soweit sie solche hatten, mit dem richtigen
Namen eingetragen haben. Vor ungewollter Verwechslung waren
sie durch ihre Erinnerungen geschützt, und als Vortragende konnten
sie es nach Stimmungsgehalt, Stil, Metrum, Melodie von den Liedern
anderer Dichter-Komponisten durch Übung und Instinkt unter-
scheiden. Die Verderbnis hat wohl erst später angefangen, als
man immer grölser werdende Sammlungen anlegte, bei denen die
persönliche Erinnerung zurücktrat und die Tradition verblafste.
Ein äufserer Umstand spielte hier eine unheilvolle Rolle. Man
trug gewöhnlich vor jedem einzelnen Gedicht den Namen des
Verfassers mit besonderer (roter) Tinte ein, auch wenn ein Haufen
Gedichte zusammenstanden, und malte wohl zu dem ersten Gedicht
der Reihe eine schöne Miniatur. Gelegentlich verschob man aber
diese Eintragung auf später, hatte dann die Vorlage nicht mehr
zur Hand und ergänzte nach dem Gedächtnis oder nach Gutdünken
oder auch nach anderen Quellen. So ist es sehr häufig, dafs das
erste Lied einer Gruppe zur vorangehenden gezogen wird, also zu
den Liedern eines anderen Troubadours, oder dafs das letzte
schon die folgende Gruppe eröffnet. In solchen Fällen entschliefst
sich der Kritiker, der durch andere Zeugnisse aufmerksam geworden
ist, leichten Herzens, weil er eben den Anlafs der Verderbnis sieht.
Aber auch mit mehr oder minder bewufsten Änderungen
hat man wohl in beiden Stadien zu rechnen. Namentlich die
kleinen Dichter haben schwer gelitten. Man kannte sie nicht,
man begehrte sie nicht. Es ist durchaus denkbar, dafs Spielleute
die ihnen geläufigen Stücke eines geringgeschätzten oder wenig
bekannten Troubadours unter einem grofsen Namen eingeführt
haben. Es ist ebenso denkbar, dals sie gerade solche Stücke, bei
denen ja das Plagiat nicht so leicht zu entdecken war, dilettierenden
Gönnern oder guten Freunden unterschoben. Auch zum Ruhme
einer Hs. trugen die foefae minores nicht bei, wenigstens nicht ehe
ein gelehrter Sammelfleifs und die Pflege regionaler und lokaler
Interessen beim Sammeln einsetzten. Was hinderte dann, ihre
Sächelchen irgendwo anzuhängen oder einzuschieben und am besten
bei einer langen und ansehnlichen Gruppe? Auch in der Literatur
gilt das harte Wort (Matth. 13, 12): „Wer da hat, dem wird ge-
GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 327
geben, dafs er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird
auch genommen, das er hat.“ Ein Beispiel dafür wäre beinahe
Bernart de Pradas geworden. Unter seinem Namen vereinigt Bartsch,
Grär. 65, ı—3 drei Kanzonen, die nicht ohne Eigenart sind. Alle
drei werden im Register von C als ihm gehörig aufgeführt und
ebenso die erste im Drewari V. 28611, die dritte von Barbieri
zitiert, aber die eigentliche Hs. C schreibt die drei dem bekannten
Daude de Pradas zu und die Hs. E die erste und zweite Bermart
de Ventadorn (die dritte fehlt in E). Der Nachruhm des armen
Bernart de Pradas hing also an einem Haar, seine Existenz selbst
erscheint Chabaneau, S. 338 problematisch. Immerhin führen die
verschiedenen Attributionen von C und E auf Bernart de Pradas
zurück, und nachdem Appel, Bern. de Vent. S. 304 sich dahin aus-
gesprochen hat, dafs 65, ı nach seiner Sprache nicht von Bernart
de Ventadorn sein kann, sind die Chancen für Bernart de Pradas
sehr gestiegen. Überhaupt werden wir uns gern zum Retter der
obskuren Dichter aufwerfen, wenn die Sachlage es erlaubt, doch
erlaubt sie es nicht bei allen. Ich habe nachgewiesen,! dafs von
den zwei Gedichten, die in al unter Bertran de Pessars stehen,
das eine dem Grafen Wilhelm IX. von Poitiers gehört, das andere
Marcabru: wo bleibt nun der unbekannte? Bertran de Pessars ?
Zum Glück fehlt es wahrlich nicht an Kriterien, die uns von
dem Zeugnis der Überschriften in den Handschriften unabhängig
machen. Die älteren Troubadours haben gern in der Tornada,
auch schon im Gedicht selbst, ihren Namen genannt, und von
einer gewissen Zeit ab ist diese treffliche Sitte wieder aufgekommen,
und die letzten Troubadours haben sich schon ganz philologisch
betrachtet und ihre Werke datiert. Ein hübsches Minnelied (190, ı) 3
geht in beiden Hss. (Ce) unter der stolzen Flagge des Jaufre Rudel,
aber der Verf. nennt sich selbst V. 60 en Grimoartz, und ein
Grimoartz Gausmars (oder Gaumars) wird in Peire d’Alvergne’s
Satire auf die zeitgenössischen Dichter verhöhnt.* Umgekehrt kann
auch die Anrede mit dem Namen einen Dichter ausschliefsen.
1 Beiträge zur Kritik der ältesten Troubadours, Sonderabdruck aus dem
89. Jahresbericht der Schlesischen Gesellschaft für vaterl. Cultur, Breslau ıg11,
S.afl. Dort habe ich auch schon solche Erwägungen über die Behandlung
der kleinen Dichter angestellt.
% J. de Nostredame ist er allerdings nicht unbekannt, S. 127.
3 Krit. bgb. von Stimmming, Der Troub. Jaufre Rudel, S. 57.
% Bekanntlich versuchte Zenker, Die Arov. Tensone, S. 34 fl. nachzuweisen,
dafs Grimoartz Gausmars (oder Gaumars) mit Guillem Ademar identisch sei,
fand auch Zustimmung bei O. Schultz[-Gora], Zis. XII, 540 und Jeauroy, Ann.
du Midi 11. 295, wurde aber in eine Polemik mit Appel verwickelt (A.
Lit. Blatt 1889, 109 — Z. Zts. XIII, 294 — A. Zts. XIV, ı60 — Z. Zts.
XVI, 444) und bielt in den „Liedern Peires v. Auvergne", S. ı96ff. seinen
Standpunkt aufrecht. Ich stehe in dieser Frage zu Appel. Vgl]. auch Carstens,
Die Tenzonen aus dem Kreise der Trobadors Gui, Eble, Elias und Peire d’Üisel,
Königsberger Diss. 1914, S.27ff. — Über Guillem Ademar hat mein Schüler
R.M. Wetzel in Königsberg 1917 promoviert; es ist sehr schade, dafs seine
gut fundierte Ausgabe nicht gedruckt werden konnte.
328 ALFRED PILLET,
Bei einem schwierigen Liede! gehen die Hss. und ihre Register
auseinander, die einen zeugen für Alegret, die anderen für Marcabru,
eine für Raimbaut d’Aurenga. Die Tornada Alegretz folls, en qual
guiza Cujas far d’avol valen Ni de gonella camiza? scheint mindestens
zu beweisen, dals das Gedicht nicht von Alegret ist, und der
Gedankengehalt und das Temperament, dafs es von Marcabru ist.
Ich will aber 'nicht verschweigen, dals ich früher geglaubt habe,
Alegret rede sich selbst an, rüge seine in ihrer Ironie unverständ-
lichen Worte und nehme sie zurück.
Eine grolse Gruppe bilden die Tenzonen (gewöhnlich Partimens),
die Coblaswechsel, die Gedichte an oder gegen andere Dichter
und die Antworten. Hier reden sich die Interlokutoren an, oft
freilich nur mit Vornamen (wie wir heute sagen würden), oft nur
mit Verstecknamen, wohl beide gar mit demselben; hier wird eine
Ansicht in kräftiger Tonart, mit persönlichen Erfahrungen begründet,
oder es werden dem Gegner bestimmte Vorhaltungen gemacht,
Invektiven ins Gesicht geschleudert: so mag die Kritik die fehlenden
oder nachlässigen oder nur aus dem Text geschöpften Überschriften
der Handschriften ergänzen und berichtigen. An der Tenzone
Amics Bernartz de Ventadorn, die für die Theorie der Liebe so
wichtig ist, nimmt ein Peire teil, den man allgemein für Peire
d’Alvergne hält: die besten Hss. haben es fertig gebracht, ihn in
der Überschrift Peirol, im Texte Peire zu nennen. Wer aber der
Peire ist, der mit Albertet tenzoniert (16, 15), und der Peire, der
mit Peironet Coblas wechselt,?2 weils ich nicht. Den Peire, der
sich in der Tenzone Zr agquel so quem plaı nı que m’agensa3 mit
einem (welchem?) Guillem streitet, kennt wenigstens Paul Meyer.
Er sucht ihn mit dem Verfasser des Marienliedes 344, ı, Peire
Guillem, der dann aus chronologischen Rücksichten nicht Peire
Guillem de Luzerna sein könnte, zu identifizieren. Dem steht
nicht nur entgegen, dals sich für die Autorschaft des Peire Guillem
de Luzerna bei 344, ı gute Gründe beibringen lassen, sondern
auch dals 344, ı schon in D? aufgenommen und also mindestens
dreifsig Jahre älter ist als die Tenzone (gegen 12805). Ähnlich
geht es mit den grolsen Sammelnummern bei Bartsch, unter denen
hauptsächlich Tenzonen stehen, Bernart, Guillem u.a. Ein (natürlich
fingiertes) Gespräch in kurzen Wechselreden zwischen dem Dichter,
der amicx und margues angeredet wird, und einer Dame (dona) wird
gewöhnlich dem Albert marques de Malaspina zugesprochen, dem
alten italienischen Raufbold (bei Bartsch steht es durch ein Versehen
unter Albert de Sestaro ı6, 10). Es ist aber nach der ganzen
Anlage jünger und gehört, wie ich vermute, einem Manne namens
Marques (wohl Märques), Marques de Canillac, der mit Guiraut
ı Ed. Dejeanne, Podsies completes du troub. Marcabru, S. 42 ft.
® Krit. heb. von Milä y Fontanals, Rev. des langues rom. XIII, 65.
3 Krit. hgb. von P. Meyer, Dern. Troub., S. SI.
% Hıist. lit. de la France XXXII, 64 wie bereits Zom. XXVI, 155.
5 Zur Situation s. Ch. de Tourtoulon, Rev. des langues rom. IV, 397.
GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 3209
Riquier und dessen Bekanntenkreise tenzonierte.1 Bei den Spott-
liedern zwischen Garin d’Apchier und Torcafol sind die Attributionen
schon in den Hss. verwirrt, da sich die beiden Feinde gewöhnlich
mit demselben Namen Comunal anreden. Nur auf Grund der An-
gaben der Texte hat Appel scharfsinnig die Verfasser bestimmt.?
Danach hat Stronski seine Untersuchungen über Garin d’Apchier
mit urkundlichen Nachweisen veröffentlicht, merkwürdigerweise ohne
von Appels Zuteilungen Notiz zu nehmen, und manche Anspielungen
erklärt.d Bei den Tenzonen, welche der sympathische Kanonikus
Gri d’Uisel und sein verbummelter Bruder Eble, der dritte Bruder
Peire und ihr gesetzter Vetter Elias d’Uisel ausfechten, sind die
einzelnen Rollen gut zu unterscheiden. Trotzdem ist nicht alles
klar gewesen: so steht Zn Gui, digalz al vostre grat bei Bartsch
unter Eble statt unter Elias. Carstens hat in seiner vortrefflichen
Ausgabe4 die einschlägigen Fragen gründlich erörtert. Dafs mit
Eble d’Uisel auch Eble de Saignas (nicht Signa!) identisch sein
soll, ist eine geistvolle Hypothese von Zenker (Die prov. Tenzone
S. 38 fl). Er hat sie gegen den Widerspruch von O. Schultz-Gora
und Appel® mit Geschick verteidigt, sie hat viel für sich, begegnet
aber manchen Bedenken, und so braucht man Eble de Saignas
nicht zu streichen. Solche gewaltsamen Identifikationen genau be-
zeichneter Troubadours flölsen mir stets ein gewisses Milstrauen ein.
Die Fürsten sind in den Hss. meist nicht mit Namen und
nie mit der Zahl bezeichnet, nur mit dem Titel, z.B. do coms
de Peiteus. Gui de Cavaillo fragt (192, 5) den Grafen von Toulouse,
ob er seine Länder lieber vom Papst zurückbekommen oder aus
eigener Kraft zurückerobern wolle: da kann der unglückliche
Raimon VL ebensogut gemeint sein wie der tapfere Raimon VII;
denn zu beiden hat Gui de Cavaillo Beziehungen gehabt. Ob der
Graf von Rodez, unter dem Grdr. 185, 1ı—3 stehen, Enric I. oder
Ugo IV. gewesen ist, darüber sind die Ansichten auseinander-
gegangen; es ist wahrscheinlich Enric 1.6 Ein anderer Graf von
Rodez, Enricll. ist Interlokutor in einer ganzen Reihe von Tenzonen,
nicht nur 140, ı u. 2, sondern auch 226, 1; 226,5; 248,74 und viel-
leicht in 201, 2 (Selbach, S/reitgedicht S. 105), wo der Gegner Guillem
de Mur sein mülste; aufserdem ist er als Schiedsrichter beteiligt
an 226, 8 und erteilt Guiraut Riquier ein Zeugnis (/es/imon!) am
Schlufs von dessen Kommentar zu 243, 2.! Den Grafen von Bretagne
1 Diese meine alte Meinung babe ich im Archiv CXXXVIII, 272 aus-
führlich begründet. Ich freue mich, dals Bertoni, Z Zrovatori d’ Italia S. 50
wenigstens die Autorschaft des Malaspina bezweifelt und die Tenzone nur im
Anhang S. 469 abdruckt.
2 Rev. des langues rom. XXXIV, 12 fl.
s Ann. du Midi XIX, safl.
% Die Tenzonen aus dem Kreise der Trobadors Gui, Eble, Elias und
Peire d’Uisel, Königsberger Diss. 1914.
5 Lit. Blatt 1889, 109, Zts. XIV, 168 und Rev. des langues rom.
XXXIII, 408. Zu den Einzelheiten s. Carstens, 1. c., p. 27 fl.
© Poesies de Uc de Saint-Circ, p.p. Jeanroy et Salverda de Grave, S. 162.
T Choix V, 216, M. W. IV, 232.
330 ALFRED PILLET,
hat man wohl zu Recht mit dem als französischer Dichter bekannten
Pierre HU. Mauclerc identifiziert,i! wie Coine mit Conon de Bethune,?
Chardo mit Chardon de Croisilless oder de Reims.” In diesem
Zusammenhange mag auch auf ein Problem hingewiesen werden,
das zunächst gelöst scheint: die erste und glänzendste /robairitz,
die Gräfin von Die ist wahrscheinlich Beatrix, Tochter des Dauphin
Guigues VI. von Viennois, Gattin Wilhelms II. von Poitiers, Grafen
von Valentinois. Ob sie dieselbe ist, von der Francesco da Barberino
allerhand verdächtige Anekdoten und Aussprüche auskramt, ist ganz
unsicher und auch unwesentlich.
Die relative Einheit der provenzalischen Schriftsprache bringt
es mit sich, dafs sprachliche Kriterien gewöhnlich versagen. Die
örtlichen und zeitlichen Unterschiede in der Sprache zweier Trou-
badours sind verhältnismälsig geringfügig, die Eigentümlichkeiten
des einzelnen lassen sich nicht ohne Subitilität feststellen, und zur
Einreihung eines kurzen Liedes reicht unter solchen Umständen
das Material seiner Reime im allgemeinen nicht aus. Wenn Zenker
wesentlich aus sprachlichen Gründen eine geistliche Alba und ein
längeres Gebet in Achtsilbnerreimpaaren dem Folquet de Marseilla
nehmen und dem Folquet (oder Falquet) de Romans zurückgeben
konnte, so war das ein ziemlich seltenes Glück und auch kein un-
getrübtes. Unabhängig von solchen philologischen Bedürfnissen ist
der Eigenwert sprachlicher Untersuchungen an dem Gesamtwerk
eines Dichters. Eine so umfangreiche und so minuziöse, wie sie
Appel an Bernart de Ventadorn angestellt hat, bedeutet eine wesent-
liche Vertiefung unserer Kenntnis der Schriftsprache und ihrer
dialektischen und individuellen Besonderheiten. Und bei Peire
Milon, mit dem er zuerst sich eingehend beschäftigte,® haben wir
es gar mit einem Dichter zu tun, dessen Sprache ganz aus dem
üblichen Rahmen herausfällt, offenbar lokal bedingt ist, also einem
sehr dankbaren Objekt. Leider sind alle solchen Studien dadurch
erschwert, dafs unsere Grammatiken des Altprovenzalischen die
ı H. Suchier, Denkmäler prov. Literatur und Sprache I, 556 u.a. Die
Dissertation meines Schülers Dr. Karl Wick über ihn ist leider nicht gedruckt
worden.
2 De Bartholomaeis, Rom. XXXIV, 44ff., s. auch Schultz-Gora, Zes.
XLI, 703 ff.
3 H. Suchier, Zis. XXXI, 129 fl. und besonders S. 138; dagegen ohne
rechten Grund De Bartholomaeis, Stud) romanzi IV, 264, A.2.
* Jules Chevalier, Bulletin de la SocidtE departementale d’archeologie et
de statistique de la Dröme, t. 27, Valence 1893, p. 183 ft.
5 Zts. XXI, 335 ff. Für die Alba hat Zenker, soweit ich sehe, allgemeine
Zustimmung gefunden; hier war der Boden übrigens schon durch P. Meyer
und durch Appel, Lit. Dlatt 1896, Sp. 166 vorbereitet. Gegen die Zuweisung
des Gebets an Folquet de Romans, mit der sich P. Meyer, Rom. XXVI, 585
und Anglade, Rev. des lanzues rom. XLII, 485 einverstanden erklärten, hat
Stronski, Ze troub. Folquet de Mars., S. 137* ff. Bedenken geäufsert.
© Im Anhang zu seiner kritischen Ausgabe ZAev. des langues vom.
XXXIX, 185 ff.; vgl. jetzt Bertoni, Zrov. d’ Italiu S. 177 fl.
GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 331
Dialekte wenig berücksichtigen, weniger als beim Stande der
Forschung schon lange möglich wäre.
Auch mit der Heranziehung der Metrik ist es eine heikle Sache.
Nach der Theorie soll jede Kanzone ihr eigenes metrisches Schema
haben wie ihre Melodie, das Sirventes kann Schema und Melodie
von einer Kanzone entleihen. Der Dichter darf sich so wenig wie
andere wiederholen. Allerdings genügt schon eine geringe Änderung
am Schema eines Gedichts, um es wieder zu verwenden. In der
Praxis hielt man sich nicht so streng an die Vorschrift, doch strebte
man unaufhörlich nach Wiederbelebung und Neuschöpfung, auch
wo man in demselben Rahmen blieb. Danach ist ohne weiteres
klar, wie unsicher unsere Mittel sind, wenn wir eine Attribution
mit metrischen Gründen stützen. Nur mit grolser Zurückhaltung
können wir sagen, ein Dichter habe die und die Zusammenstellung
der Verse, die und die Art der Reimfolge besonders geliebt, er
habe sich in bezug auf das Durchreimen der Strophen so und so
verhalten, das fragliche Gedicht zeige diese Prinzipien, also sei es
wohl von ihm. Und noch schwerer ist es, aus metrischen Gründen
abzulehnen. Das Argument, der Dichter habe doch sonst nicht
eine solche Technik, also sei das Gedicht nicht von ihm, würde
sofort der Frage begegnen: Wie können wir das bei dem geringen
Material wissen? Warum sollte er sich nicht einmal etwas ganz
anderes ausgedacht haben? Sind nicht die metrischen Schemata
einzelner Troubadours völlig disparat? Es wird mir nicht verdacht
werden, dals ich über die Verwendung solcher Argumente skeptischer
denke als einige hochgeschätzte Fachgenossen. Ich kann es nicht
billigen, dafs Stengel eine Reihe gutbezeugter Lieder des Elias
de Barjols einfach heraustun wollte, weil sie seiner Vorstellung von
den metrischen Gewohnheiten dieses Troubadours nicht entsprachen.?
Das geht zu weit. Ich leugne dabei nicht, dafs Gründe der Metrik
im Verein mit anderen ihr Gewicht haben, auch für die Attributionen,
dafs man die Entwicklung eines Dichters auch in der Entwicklung
seiner Metrik verfolgen kann, und dals die Entlehnung eines be-
kannten Schemas unter Umständen für die Chronologie wichtig
ist.3 Und natürlich hat das Studium des Strophenbaus genau so
seinen selbständigen Wert und seinen eigentümlichen Reiz wie das des
Sprachgebrauchs. Das Interesse an ihm ist so grols, weil er gerade
bei den Provenzalen am originellsten und kunstvollsten entwickelt
ist, den anderen Romanen zum Vorbild und zur Versuchung. Dieses
1 Eine Wendung zum Besseren in dieser Hinsicht bezeichnet die Gram-
maire de l’ancien provengal ou ancienne langue d’oc von J. Anglade (1921).
% In seiner Besprechung der Ausgabe von Stronski, Zts. f. frz. Sprache
und Lit. 31, II, ı9 ff.
® Eın unentbehrliches Hilfsmittel zur Identifizierung der Schemata ist
trotz unleugbarer Fehler und Mängel immer noch der Anbang bei Maus,
Peire Cardenals Strophenbau ın seinem Verhältnis su dem anderer Trobadors,
Ausg. und Abh. V, Marburg 1884. Der jugendliche Apppel hat seinerzeit
auf Grund eigener Sammlungen ziemlich scharf über das Buch geurteilt
(Zit. Blatt 1885, 22).
332 ALFRED PILLET,
Studium wird um so sicherer und fruchtbarer, je mehr es sich mit
dem Studium der Musik verbindet.! Auf diesem Gebiet hat das
bahnbrechende Werk von ]J.-B. Beck, „Die Melodien der Trou-
badours“ (Stralsburg 1908) das grölste Aufsehen erregt. Mit einem
Male waren diese alten Melodien wieder verständlich und lebendig,
frisch und lieblich. Es schien, als ob man die einzelnen Troubadours
nur noch von dem doppelten Gesichtspunkt der literarischen und
der musikalischen Leistung betrachten dürfte — soweit eben das
Material es erlaubt, denn nur von einem Zehntel der Lieder sind
Noten erhalten. Aber die übertriebenen Hoffnungen haben sich
nicht erfüllt. Es ist bei der Arbeitsteilung zwischen Provenzalisten
und Musikhistorikern geblieben: die Anforderungen an die Vor-
bildung sind auf beiden Seiten zu grols. Unter den Provenzalisten
haben wohl Restori? und Appel3 am frühesten — schon vor Beck —
und am intensivsten sich mit den Melodien beschäftigt, und das
ist namentlich Peirol durch Restori, aber auch Uc Brunec und
Bernart de Ventadorn zugute gekommen.
So werden wir wirksame Hilfe bei Attributionsdifferenzen eher
von den sachlichen Angaben und dem allgemeinen Stimmungsgehalt
des Liedes erhalten. Der Name oder der Versteckname der an-
gebeteten Dame oder des umschmeichelten Gönners ist oft ent-
scheidend; nur haben auch verschiedene Dichter dieselbe Frau
gefeiert, wie auch derselbe Dichter verschiedenen Frauen nacheinander
und gar nebeneinander gehuldigt hat. Das Verhalten zu der Dame,
ob demütig flehend, resigniert wartend, ob heifs begehrend, hell
jubelnd, ob schwermütig verzagend, enttäuscht verzichtend, ist in
der Kanzone durch Temperament und Erlebnisse bedingt. Das
Eintreten im entschlossenen Sirventes für einen beliebten Fürsten,
wohlmeinendes Warnen und Beraten eines jungen, unsicheren, irre-
geleiteten, das leidenschaftliche und meist so plumpe Schmähen
des Gegners, die Stellung zu den grolsen politischen und sozialen
Fragen der Zeit und zu den kleinen Ereignissen des Tages, die
Neigung zu kleinlichem Mäkeln oder zu frischer Parteinahme, zu
optimistischer oder zu pessimistischer Weltbetrachtung sind gleich-
falls charakteristisch. Leider ist unser Material bei so vielen an-
ziehenden oder merkwürdigen Persönlichkeiten ganz unzureichend;
leider ist auch die Entwicklung ihres Seelenlebens mehr zu ahnen
als zu erweisen. Wie schwierig es doch im einzelnen Falle ist,
aus dem Gehalt des Liedes auf einen bestimmten Verfasser zu
I Gennrich, Musikwissenschaft und romanische Philologie, Halle 1918.
®? Restori, Rivista musicale italiana 11, ı fl, und III, 231 ff., 407ff. Der
Abschnitt über Peirol ist auch literarisch wichtig, nicht nur eine monografia
musicale.
8 In seiner Abhandlung über Uc Brunec (s. unten).
* Bergerts Buch „Die von den Trobadors genannten oder gefeierten
Damen“ (Beiheft XLVI zu dieser Zts., Halle 1913) hat sich als verläfslich nnd
unentbehrlich erwiesen. Aus Chabaneaus Nachlafs hat Anglade herausgegeben:
Onomastique des troubadours, liste des noms propres ... publide d’aprös les
Dapiers de Camille Chabaneau par 7. Anglade, Montpellier 1916.
GRUNDL,, AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 333
schliefsen und einen anderen auszuschlie[sen, zumal wenn für den
einen und den anderen manches sonst noch spricht, das haben
die endlosen Erörterungen über Dem platz lo gais temps de pascor
gezeigt, in denen Appel, Arch. CXLVII, 220 für Bertran de Born
Partei genommen hat (also gegen Guillem de Saint Gregori, zu
dessen Anwalt Lewent, Arch. CXXX, 325 fl. sich gemacht hatte).
Wir haben bisher von Namen und Persönlichkeit der Dichter
gehandelt und von Attributionen und Attributionsdifferenzen und
haben dabei Hilfsmittel und Methoden charakterisiert, die ebenso-
gut auch für andere Zwecke dienstbar zu machen sind. Die
Schwierigkeiten, die sich bei der Attribution so mancher Gedichte
einstellen, mehren sich, sobald es gilt, Gedichte chronologisch zu
ordnen, auf bestimmte Menschen und Ereignisse zu beziehen und
so ein Lebensbild von dem Dichter zu gewinnen. Eine Hilfe sind
uns dabei die alten vsdas (Biographien) und razos (Mitteilungen
über die Veranlassung der Lieder). Eine wirkliche Hilfe oder eine
trügerische? Diez stand ihnen noch vertrauensvoll gegenüber, aber
nicht kritiklos. Später entdeckte man zahlreiche Irrtümer, Flüchtig-
keiten, Unwahrscheinlichkeiten in den historischen Partien der
Biographien, die sich nachprüfen liefsen. Weiterhin merkte man,
wie oft die Razos ohne eigene Kenntnis der Sachlage nur den
Inhalt des Gedichts umschreiben, einzelne Stellen gröblich mils-
verstehen. Besonders bei Bertran de Born trat das hervor, Stimmings
grofse Ausgabe (Halle 1879) beleuchtete scharf die Unzuverlässig-
keit der „Scholien“. In Chabaneaus prächtiger Publikation der
Biographies des Troubadours (1885) steht altes und junges Gut neben-
einander: die eigentlichen, kurzen, schlichten Lebensbeschreibungen,
wie sie die älteren Hss. IK, AB, das Original von aa! fast nur
kennen, und die novellistisch aufgeputzten Razos der späteren
Hss. ER, besonders P, auch H und N?, und dieser Aufputz der
Razos schadet der Würdigung der Biographien. Dafs die Biographie
des Guillem de Cabestaing das schon früher auftretende literarische
Motiv des hergmaere enthält, war leicht zu sehen.! Den sagenhaften
Zug aus der des Jaufre Rudel schälte Gaston Paris 1893 heraus?;
er zerstörte völlig die Sage von der Liebe des Dichters zur Gräfin
von Tripolis, aber er erklärte auch ihre Entstehung. Seine geniale
1 E. Beschnidt, Die Biographie des Trobadors Guillem de Capestaing
und ihr historischer Wert. Marburger Diss. 1879; s. auch Zanders, S. ı13 fl.
und Längfors, Ann. du Midi XXVI, ı99 ff. und Zes Chansons de Guilhem de
Cabestanh, 1924, S.XV fl. ’
® Jaufr€ Rudel in Revue historique LIII, 225 ff., wieder abgedruckt in
Melanges de Litterature frangaise du moven äge, 1912, S.498ff. Die ıeiche
Literatur über den Gegenstand, der duch E. Rostands Drama Zr Princesse
lointaine modern wurde, hier aufzuzählen, würde mich zu weit führen. Unter
den älteren Schriften ist ein Aufsatz von Ernest Sabatier, Jaufre Rudel, Mem.
de l’Academie de Nimes, 7° serie, t. 4, annee 1881, S. ı1gff. zu Unrecht ver-
nachläfsigt worden. Dafs Appel, Wiederum zu Jaufre Rudel, Arch. CVII, 338 ff.
die geistreiche Hypothese aufgestellt bat, des Dichters Liebe gelte der heiligen
Jungfrau, brauche ich nicht zu erwähnen.
334 ALFRED PILLET,
Kritik und seine strenge Methode machten den zu erwartenden
Eindruck und lockten zur Nacheiferung an. Schultz-Goras inhalts-
reiche Rezension im Arch. XCII, zı8fl. zog sogleich eine Reihe
anderer Vidas und Razos von geringer Glaubwürdigkeit heran. Die
Einzeluntersuchungen folgten sich und mit ihnen die Anklagen und
Verurteilungen. Die öffentliche Meinung war sehr ungünstig, aber
nicht ganz einheitlich. Zingarellis Standpunkt werden wir weiter
unten kennen lernen. De Lollis pflichtete ihm bei, verbreitete sich
über die winzige Vida und andere Nachrichten von Wilhelm IX,
was er ‘Su e giü per le biografie provenzali’ nannte, und sprach am
Schluls das gıolse Wort gelassen aus (Medlanges Chabaneau, S. 393):
A chi rifa la storıa della fo:sıa provnzale non fus non rincrescere che
dalle biografie dei pochi ci sia da spremere poco o nulla. ]J. Zanders
schrieb ein anregendes Buch, dessen Titel schon ein Programm ist:
Die altprowenzalische Prosanwelle. Eine hierarhistorische Kritik der
Trobador-Biographien (Halle 1913). Anders, ruhig und klar äufserte
sich Stronski in der Vorrede zu seinem Zolguet de Marseille, S.IX:
Pour ls donndes gnerales sur la vie des troubadours (origine, nom,
/amille, conaition, lieu de sejour, carııdre, mortl) les biographies ont des
informalions succincles mais serieuses, qwelles ont recueillies sur les lieux
ou les troubaduurs avatenl scjournd et qui peuvenl älre errondes, mais
qui ne sont pas simplement inventees ... Mais pour la carrıödre pochgue
et surlouf (dest le poınt capılal) pour hnsloire amourceuse des troubadours
et pour leurs prötendues avenlures amoureuses, les ancıens biographes ne
savenl absolument rien el se contenten! de broder des recits naifs don!
le point de depart se trouve dans les allusions des chansons ...1 Jeanroy,
Archivum romanicum 1, 239 ff. stimmte bei aller grundsätzlichen Skepsis
doch dieser Unterscheidung zu.
Wenden wir uns nun zu der Darstellung in Zingarellis gelehrtem
und feinsinnigem, aber mehr destruktivem als aufbauendem Aufsatz
über Bernart de Ventadorn.?2 Wir haben von diesem zwei oder drei
Lebensbeschreibungen: eine verhältnismälsig kurze und schlichte in
sechs Hss., eine rhetorische und mit Zitaten prunkende in der
Berliner Hs. N2, dazu eine erst an die älteren Hss. sich anschliefsende
und dann fabulierende in Sg.? Ich habe seinerzeit (Arch. CI, 130)
als selbstverständlich vorgetragen, dals N? oder vielmehr seine Quelle
eine Erweiterung (z. T. auch Verkürzung) und Ausschmückung des
Berichts der anderen Hss. gibt. Zingarelli sagt umgekehrt, N? habe
uns einen sehr alten Bericht erhalten, der erst von den anderen
Hss. gekürzt sei. Das ist nun jedem Unbefangenen höchst unwahr-
scheinlich. Aber den letzten Grund der Annahme wird man gleich
sehen. N? beruft sich auf die spöttischen Worte in Peire d’Alvergne’s
Satire auf die zeitgenössischen Troubadours:
1 Strohskis Buch Za@ lögende amoureuse de Bertran de Born (1914) ist
gewissermalsen die wohlgelungene Probe auf das Exempel. et
2 Riverche sulla vita e le rime di Bernart de Ventadorn, Studi medievali
I, 309 ff.
s Ed, Appel, Bern. v. Vent., S. XIfl.
GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 335
en son faire ac bon sirven
ge portav! ades arc d’alborn;
e sa mair’ escaudava‘'l forn,
el paire dusia l’essermen.
Ich sehe das als einfaches Zitat an, das die Richtigkeit der Tradition
bestätigen soll. Zingarelli sagt, hier hätten wir die Quelle des
Biographen; was er wisse, das wisse er von Peire d’Alvergne. Wie
kam nun Peire d’Alvergne zu seiner Behauptung? Hatte sie eine
Grundlage in der Wirklichkeit? Ganz unmöglich. Es war ein
literarischer Scherz. Bernart spricht von seinem Dienen (sertir),
also nennt Peire seinen Vater einen Dienstmann (sirven); er spricht
immer von dem Feuer seines Herzens, also lälst Peire seine Mutter
Feuer anmachen.
Man sieht, wie ein bedeutender Gelehrter eine Idee zu Tode
hetzt und vor lauter Kritik schliefslich kritiklos wird. Haben wir
wirklich Grund, auf eine solche Übertreibung der Methode stolz zu
sein? Man hat vergessen, dafs die Biographien in den Anfängen
der Forschung die Wegweiser gewesen sind. Es ist nicht aus-
zudenken, wo wir heute ohne sie stehen würden.1 Man streicht gern
an, was sie falsch gemacht haben, und übersieht, was sich bestätigt
hat oder glaubhaft erscheint. Vor allem verkennt man die Bedeutung
der Überlieferung, die in ihnen steckt, nicht nur in den sachlichen
Angaben, so entstellt sie manchmal sein mögen, sondern auch in
den kritischen Urteilen über die Dichter und in den leider zu
seltenen Mitteilungen über ihre Zugehörigkeit zu einer Schule. Eine
Vorstellung von dem Verlauf der literarischen Entwicklung geben
sie nicht — eben darum, es ist bitter zu sagen, haben wir auch
keine rechte. Sie geben immerhin ein anschauliches und farbiges,
wenn auch nicht realistisches Bild von der Welt, in der die
Troubadours lebten. Uc de Saint Circ und die anderen Biographen
lasen die alten Dichter in einer Sprache, die noch die ihrige war,
oder soweit sie Ausländer waren, eine verwandte und ihnen völlig
geläufige, sie lasen sie mit dem Herzen und den Sinnen, sie ver-
standen die gesellschaftlichen Verhältnisse noch, sie lebten in den
Gedankengängen, den Empfindungen und dem Formgefühl, sie
wünschten durch Nachahmung der Vorgänger würdig zu werden.
Wir hätten auch heute, manche Veranlassung, von ihnen zu lernen
und nicht nur sie zu kritisieren.
Nur eine Stimme herrscht über die Dienste, welche die Ge-
schichte leistet. Troubadours, die man nur aus den Handschriften
kannte, sind jetzt aus Urkunden nachzuweisen. Das Leben einzelner
Persönlichkeiten, die im Lichte der Öffentlichkeit standen, läfst sich
1 G. Paris, Melanges, S. 508 drückt dieses Verhältnis richtig aus: Dies
a td troß indulgent, sans doute parce qu’inconsciemment il hesitait d couper
la dranche sur laquelle il dtait assıs: si on rejette en effet les biographies,
on se lrouve pour beaucoup de troubadours en presence d’un verituble neant
au point de vue historique.
336 ALFRED PILLET,
durch Jahre verfolgen. Schultz-Gora hat sich durch solche Studien
bleibende Verdienste um die italienischen Troubadours und um
einige südfranzösische erworben.1 Ähnliches gilt von Stronski. Sonst
zeigen sich die einheimischen Gelehrten naturgemäls im Vorteil,
weil es zumeist klafteıtief in die Lokalgeschichte hinuntergeht, für die
sie die besseren Hilfsmittel und wohl auch die sachkundigeren Rat-
geber haben. Die selva oscura der Urkunden und Chroniken, deren
Aussagen doch richtig verstanden und nachgeprüft werden müssen,
hat für den darin ungeschulten Philologen allerdings auch ihre
Gefahren. Als das Ideal erscheint mir, dafs Philologe und Historiker
zusammen arbeiten, wie das R. Sternfeld und Schultz-Gora für ein
vielbehandeltes Sirventes von Calega Panzä getan haben.? Oft
genügt schon eine allgemeine Kenntnis der grolsen politischen
Ereignisse. Manches Sirventes, manches Kreuzlied, mancher Planch
ist so höchst befriedigend datiert, nach seinen Anspielungen und
seiner Tendenz erklärt worden. Mitunter haben sich auch kon-
kurrierende Auffassungen behauptet, selbst für Lieder, in denen
mehrere Angaben über Zeitgenossen und Vorgänge zusammentrafen.
Als Stronski das Todesjahr des Blacatz auf 1237 bestimmte,? wurden
alle Erörterungen überflüssig, die über das Datum des seltsamen
Klageliedes von Sordel angestellt worden sind — und dabei ist in
diesem Klagelied von dem römischen Kaiser, von den Königen von
Frankreich, England, Kastilien, Aragonien, Navarra, dem Grafen
von Toulouse und dem von der Provence die Rede. Schultz-Gora
hat in seinen meisterlichen Prozenzalischen Studien ein schwieriges
und schlecht überliefertes Sirventes des Amoros dau Luc scharfsinnig
und gelehrt erklärt und ist mit seinen Deutungen der vielen geo-
graphischen Namen bis an die Grenze des Möglichen gegangen;
aber Jeanroy,5 der die Zeit, um die es sich hier handelt, besonders
gut kennt, hat eine andere Datierung (1230) vorgeschlagen und
noch manches gebessert. Die Briefe und einige Gedichte des
Raimbaut de Vaqueiras 8 haben viel Kopfzerbrechen gemacht, das
Gezänk Sordels und seines Kreises hat neuen Streit erregt.?
1 Die Lebensverhältnisse der italienischen Trobadors, Zts. VII, 177.
Zu den Lebensverhältnissen einiger Trobadors, Zts. IX, 116 ff.
2 Ein Sirventes von 1268 gegen die Kirche und Karl von Anjou, Mit-
tellungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, Bd. XAIV,
Innsbruck 1903, S.616 ff. Das Sirventes steht bei Bertoni, Zrov. d’ /talia, S. 441 fl.
3 Rev. des langues rom, L, 23ff., s. auch Ann. du Midi XXIV, 569.
4 Provenz. Studien 11, Berlin und Leipzig 1921, S. 1ııgfl.
5 Melanges d’'histoire du moyen äge offerts d M. Ferdinand Lot par ses
amis et ses &löves, Paris 1925, S. 275 fl.; vgl. auch schon Rom. XLT, ıı1 fl.
© Die Briefe des Trob. Rambaut de Vaqueiras an Bonifaz I, Markgrafen
von Monferrat, hgb. von O. Schultz[-Gora], Halle 1893. Daran schlielst sich
eine ganze Literatur.
? Bertoni-Jeanroy, Un duel poetique au XIIIe siecle, Ann. du Midi
XXVIII, 269 ff. polemisieren gegen Schultz-Goras Anordnung der Gedichtpaare
im Liederstreit zwischen Sordel und Peire Bremon Ricas Novas (Arch,
XCIU, 123 ff.); dazu Schultz-Gora, Arch. CXLVII, 80 fl.
GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 337
I.
Die vergangenen Jahrzehnte haben eine grofse Arbeit darauf
verwandt, diese Quellen zu erschliefsen und auszubeuten. Von
allen Handschriften sind Beschreibungen und Inhaltsverzeichnisse
angefertigt. Rohe (sogen. diplomatische) Abdrucke liegen von vielen
vor. Die Hss. der italienischen Bibliotheken sind alle abgedruckt
bis auf D und D?! und ein paar unbedeutende. Einige dieser
Hss. sind von Bertoni? mit minuziöser Genauigkeit reproduziert und
in ausgezeichneten Einleitungen untersucht worden, so dals fast
zuviel des Guten für sie geschehen ist. Leider ist für die Hss. der
Pariser Nationalbibliothek zu wenig geschehen: man ist auf Ab-
schriften oder auf die beliebten Photographien angewiesen, soweit
nicht Abdrucke einzelner Stücke bei Mahn, Gedichte der Troubadours
einen etwas dürftigen Ersatz bieten.
Nachdem schon von Raynouard und von Rochegude die zurecht-
gestutzten Texte des Ohosx des poesies originales des troubadours und
des Lexique roman, bzw. des Parnasse occilanıen vorlagen; nachdem
der unermüdliche Mahn von Hunderten und Hunderten von Liedern
den rohen Text der Hess. (s. o.) gedruckt hatte; nachdem viele
Stücke aus italienischen Hss. durch Grüzmacher (im Arch. Bd. XXXIU
—XXXVI]) publiziert worden waren; nachdem eine eigentlich
kritische Arbeit mit einzelnen Ausgaben und mit Bartschs Chresto-
mathie eingesetzt hatte, wurden die Inedita allmählich seltener.
P. Meyer beutete f aus für die Derniers Troubadors de la Provence
(1871), wie später H. Suchier N für den Iyrischen Teil der Denz-
mäler provenzalischer Literatur und Sprache (I, Halle 1883). Chabaneau
räumte ziemlich gründlich auf mit den Zoesies inedites des trou-
badours du Perigord (1885)? und den Varia provincialia (1889).*
Die zahlreichen noch verbliebenen Inedita aus den Pariser Hss.
und aus italienischen Bibliotheken 8 sammelte Appel systematisch und
gab sie in trefflicher kritischer Bearbeitung heraus. Eine Nachlese
I Bekanntlich ist De abgedruckt durch Teulie et Rossi, Ann. du Midi
XIII, 60 ff., ı99 fl., 371 ff. und XIV, 197 fl., S23 ff. d verdient keinen Abdruck
(H. Suchier, Zts. IV, 72 ff.).
2 0): Jl canzoniere provenzale della Ricardiana n° 2909, Dresden 1905
(Ges. f. rom. Lit., Bd. 8); vgl. meine Besprechung Zi. Blatt 1907, aıfl. —
al: /l canz. Brov. di Bernart Amoros (complemento Cämpori), in Collectanea
Friburgensia, 1911. — Kollation von a: Zlcanz. prov. di Bern. Am. (sezione
riccardiana), ib. 1911. — G: Zlcanz. prov. della Bıbl. Ambrosiana, R. 71. Suß.
Dresden 1912 (Ges. f. rom. Lit., Bd. 28). — Von der Genauigkeit des Abdrucks
von G konnte ich mich durch Photographien überzeugen, die Bertoni mir gütigst
zur Verfügung stellte.
® Aus KRev. des langues rom. XX, 53fl., XXI, ı57fl., XXV, 209ff.,
XXVII, 157 fl.
% Aus Rev. des langues rom. XXXII, 93ff., ı09ff., ı7ıfl., Ssofl.,
XXXIII, 106 fl.
6 Provensalische Inedita aus Pariser Hss. herausgegeben. Leipzig 1890.
© Poesies provengales inedites tirdes des manuscrits d’ Italie, Paris-Leipzig
1898 (aus Rev. des langues rom. XXXIII, 404 fl., XXXIV,S f., XXXIX, 177 fl.,
XL, 405 ff. und 425).
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII. 22
338 ALFRED PILLET,
von Jeanroy in Pariser Hss. war danach nur kärglich.T Es war
nicht mehr als ein glücklicher Zufall, dafs ich in C eine Kanzone
von Guillem Magret nachweisen konnte, die eine Anspielung auf
die hübsche Sage von Golfier de las Tors und dem dankbaren
Löwen enthält.2 Auch die später entdeckten Hss. wurden entweder
gleich ganz abgedruckt, oder es wurde wenigstens der neue Stoff
so bald und so gründlich wie möglich ausgebeutet. Inedita gibt
es wohl so gut wie gar nicht mehr. In irgendeiner Form kann
man jedes Lied lesen, von dem man überhaupt weils — voraus-
gesetzt, dafs man auch mit rohen Abdrucken etwas anzufangen
versteht.
Die kritischen Ausgaben sind ständig vervollkommnet worden.
Das zeigen deutlich die Chrestomathien, die ja die meistgelesenen
Texte bieten. Bartschs Chrestomathie provengale (Elberfeld 1868) war
nach seinem Provenzalischen Lesebuch (1855) und seinen Denkmälern
der provenzalischen Literatur (1856) eine Tat. Sie hat Generationen
ins Provenzalische eingeführt. Leider ist sie durch die unzureichende
und unselbständige Neubearbeitung von Koschwitz (6° &d. Marburg
1904) nicht auf die Höhe gekommen. Paul Meyers Recueil d’anciens
lextes bas-latins, provengaux el frangais (1874) brachte verhältnismälsig
wenig Iyrische Texte. Im Ausland wenig verbreitet, ursprünglich
nur für eine Uhniversitätsvorlesung bestimmt und darum nicht mit
dem strengsten Mafsstab zu messen sind die Zesti antıchı provenzali
raccolli ... a cura di E. Monaci, Roma 1889. Crescinis Manualello pro-
venzale (Verona-Padova 1892) ist ein vortreffliches Hilfsbuch, nicht
zum wenigsten durch die ausführliche und gelehrte grammatische
Einleitung. In seiner 3. Auflage ist es zu einem wirklichen Afanuale
per U avviamento aglı studi provenzali (Milano 1926) geworden. Appels
Provenzalische Chrestomalhie (Leipzig 1895, jetzt 5. Aufl. 1920) bringt
geschickt ausgewählte und sorgsam, scharfsinnig und überzeugend
hergestellte Texte, die in ihrer Art unübertroffen sind. Das Glossar
erfreute und verwöhnte die Fachgenossen durch seine Vollständigkeit
und die Feinheit der Bedeutungserklärung. Der wohlgeordnete
Abrifs der Formenlehre in der Einleitung, der so oft zu Rate ge-
zogen worden ist, wurde ergänzt durch eine systematische und
historische, nach Auffassung und Anlage originelle und anregende
Provenzalische Laullehre (1918). Schultz-Goras Altprovensalisches
Elementarbuch (Heidelberg 1906, 4. Aufl. 1924) ist vor allem eine
knappe, aber inhaltreiche und wohlgelungene Einführung in die
provenzalische Grammatik, auch in die Wortbildungslehre und Syntax,
bringt aber auch für jede Gattung charakteristische Texte. Lommatzsch
3 Podsies provengales inddites D’apres les manuscrüs de Paris, Ann.
du Midi XVII, 457 fl.
2 Ein ungedrucktes Gedicht des Troubadours Guillem Magret und die
Sage von Golfier de las Tors. Festschrift sur Jahrhundertfeier der Königl.
Universität zu Breslau. Mitteilgn. d. Schlesischen Gesellschaft f. Volkskunde,
Bd. XIII—XIV, Breslau ıgıı, S.640fl. — Das Gedicht ist nach mir heraus-
gegeben durch Naudieth, Der Zrob. Guillem Magret, Beiheft 52 zu dieser Zts.,
Ss. ı18fl.
GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 339
hat mit seinem Provenzalischen Liederbuch (Berlin 1917) andere Ziele
verfolgt: er gibt einem grölseren Leserkreise auf wissenschaftlicher
Grundlage, aber mit der Absicht, auch Freude zu bereiten, geeignete
Texte im Original mit Hilfen, gute Nachdichtungen und alte Sing-
weisen in moderner Transkription.
Die wirklich kritischen Ausgaben einzelner Troubadours be-
gannen mit „Peire Vidals Lieder hgb. von K. Bartsch“ (Berlin
1857).! Nur wenige sind Schund; fast immer kann man Arbeit
und Nachdenken anerkennen. Ihr Wert ist so verschieden wie
ihre Anlage. Einen Überblick über sie zu geben ist schwer, doch
sollen einige gemeinsamen und charakteristischen Züge und einige
Besonderheiten im folgenden herausgehoben werden. ?
Es ist bemerkenswert, dals die kleineren Troubadours im ganzen
besser weggekommen sind als die grofsen. Schon aus einem äufser-
lichen Grunde: die Beschaffung des Materials ist nicht mit so vielen
Schwierigkeiten, Umständen und Kosten verknüpft, weil die Zahl
der Gedichte geringer ist und auch meist die Zahl der Hss., in
denen sie überliefert sind. Manche sind ein passendes Objekt für
Anfänger, aber nur für begabte und geschulte: für andere sind
noch die leichten zu schwer. Manche, deren Hinterlassenschaft
begrenzt, aber interessant und selbst amüsant ist, eignen sich für
solche Gelehrte, die ein kleineres Gebiet gründlich und liebevoll
durchforschen wollen, irgendwelche Spezialinteressen haben oder
eine neue Technik versuchen. Wie E. Levy mit Guillem Figueira,
dem bald Paulet de Marseilla und Bertolome Zorzi folgten,? hat
Appel mit Peire Rogier begonnen (s. oben). Der Stoff war dankbar,
aber schon die Einleitung hatte allgemeine Bedeutung und zeigte
eine ausgedehnte Kenntnis namentlich der Metrik. Den Troubador
Uc Brunec, wie er ihn nannte, behandelte er in den „Adhandlungen
Herrn Prof. Dr. Adolf Tobler .... dargebrachi* (Halle 1895, S. 45 fl.).
Für den „Trobador Cadenet“4 konnte er wegen der geistigen
Absperrung Deutschlands, die er schwer empfand und lebhaft be-
klagte, eine Anzahl Hss. nicht benutzen. Aus dieser Not und der
Not der Inflationszeit machte er eine Tugend, indem er ein ver-
kürztes Verfahren für derartige Ausgaben anwandte. Die so her-
gestellten Lieder mit ihren Übersetzungen fügte er kunstvoll in
seine zusammenfassende Darstellung ein. Andere Forscher haben
kleinere Troubadours zum Anlafs oder zum Vorwand genommen,
um ihre Sammlungen und Beobachtungen auszuschütten. Stronskis
Kommentar zu Elias de Barjols5 strotzt geradezu von syntaktischen,
1 Es sei aber der verdienstlichen Ausgabe des Guiraut Riquier durch
Pfaff (Mahn, Werke, Bd. IV, 1853) wenigstens gedacht.
® Eine gute Liste der wichtigsten Ausgaben gibt Schultz-Gora in der
4. Auflage des Zlementarbuches S. 6fl.
3 Guilhem Figueira, ein prov. Troubadour. Berliner Diss. 1880. —
Rev. des langues rom. XXI, 261 fl. — Der Troub. Bertolome Zorzi. Halle 1883.
* Halle 1920, s. meine Besprechung in dieser Zis. XLIII, 254 ff.
5 [Ie troubadour Elias de Barjols. Toulouse 1906 (Bibliothegue meri-
dionale X). S. meine Besprechung im Zif. Blatt 1907, 409 fl.
22*
340 ALFRED PILLET,
lexikographischen und metrischen Exkursen. Dichter von lokaler
Bedeutung haben ihre Herausgeber zu eingehender Beschäftigung
mit der Provinz- und ÖOrtsgeschichte genötigt. An der Ausgabe
des Bertran d’Alamano von Salverda de Grave! ist das Beste der
Kommentar, in dem das aufgeregte Treiben der Provence zur Zeit
der Eroberung durch Karl von Anjou sich spiegelt.
Von den grolsen Troubadours hat Bertran de Born früh (1879)
einen ausgezeichneten Herausgeber gefunden. Stimming hat in der
grolsen Ausgabe ? und weiterhin sich nicht nur um den schwierigen
Text und die philologische Erklärung der Gedichte, sondern auch
um ihre Chronologie und ihre historische Erklärung hingebend
bemüht und hat eine musterhafte kleine Ausgabe? den Lernenden
zum Studium des populärsten der Troubadours in die Hand ge-
drückt, nachdem inzwischen A. Thomas im Anschlufs an ihn eine
eigene Bertran- Ausgabe herausgebracht hatte. Die Freude am
Schwierigen und Nerkwürdigen hat Canello zu Arnaut Daniel!
gelockt, Zenker zu Peire d’Alvergne,5 Dejeanne zu Marcabru.®
Voll belohnt wurde ihr Scharfsinn und ihre Arbeit nicht, konnte
es auch kaum werden (manche Gedichte von Marcabru spotten
eben jeder Erklärung), ihre Leistung ist dennoch aufserordentlich
verdienstlich. Kolsen hat „Sämtliche Lieder des Trobadors Giraut
de Bornelhk“ (1. Bd., Halle ıgı0) in Text und Übersetzung vor-
gelegt, Kommentar und Glossar sich vorbehalten. Auch der
„Meister der Troubadours“ gibt ziemlich harte und nicht immer
wohlschmeckende Nüsse zu knacken. Stronski erfüllte mit seiner
Ausgabe des Folquet de Marseilla? die Erwartungen, die man
nach seinen früheren Leistungen hegen durfte. Appels 2ernart
von Ventadorn® bezeichnete Vossler® als „das Bedeutendste, was
textkritische Arbeit während der Kriegsjahre hervorgebracht hat“,
und gewils mit vollem Recht. Ist doch nicht nur der Text mit
gewohnter Meisterschaft ediert, übersetzt und kommentiert; auch
die ganzen sprachlichen und metrischen Eigentümlichkeiten sind
sorglichst und auf breitester Grundlage erörtert, eine zeitliche
Gruppierung der Gedichte ist, soweit das möglich war, an der
ı Le troub. Bertran d’Alamanon. Toulouse 1902 (Bibl. merid. VII).
3 Bertran de Born, sein Leben und seine Werke. Halle 1879.
8 Bertran von Born, hgb. von A. Stimming. 2. Aufl. Halle 1913
(Romanische Bibliothek NIII). — Poesies complötes de Bertran de Born,
p. p. Antoine Thomas. Toulouse 1888. (Biöl. merid. I.)
* Ia vita e le opere del trovatore Arnaldo Daniello. Halle 1883. Auf
dieser Grundlage hat R. Lavaud, Ann. du Midi XXI, ı7 fi., 162 ff., 300.
446fl. und XXIII, 5 fl. eine verbesserte Ausgabe aufgebaut.
5 Die Lieder Peires von Auvergne. Erlangen 1900. (Rom. Forschungen
XII, 653 ff.)
6 Poesies completes du troubadour Marcabru. Toulouse 1909. (Bibl.
merid. X11.)
T Le troubadour Folquet de Marseille. Cracovie 1910.
® Bernart von Ventadorn. Seine Lieder mit Einleitung und Glossar hgb.
von Carl Appel. Halle 1915.
® Französische Philologie, Gotha 1919, S. 19.
GRUNDL,., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH, 341
Hand namentlich der Verstecknamen, durchgeführt, Bernarts liebens-
würdige Persönlichkeit ist mit Wärme und tiefem Verständnis
geschildert und in den Zusammenhang der Entwicklung gestellt.
Damit nicht genug: er forscht ständig weiter über seinen Bernart
(Bernart de Ventadorn, Can la frej’aura venta, Zts. XLV, 608 ff.) und
hat kürzlich eine Auswahl für Übungszwecke veröffentlicht.1 Sie ist
willkommen, wie es nach der grofsen die kleine Ausgabe der Zrionf
war, die in einem italienischen Gewande erschien. ?
Ein Korpus der Troubadours haben wir nicht und werden wir
so bald nicht bekommen. Immerhin haben wir seit langem Samm-
lungen, die diesen Mangel teilweise ausgleichen. So hat Mila y
Fontanals in sein darstellendes Werk De los Trovadores en Espaila
eine Fülle von Gedichten mit Übersetzungen eingestreut, fast nur
bekannte Texte. G. Azais, Zes Troubadours de B£ziers (2° Ed. Beziers
1869); P. Meyer, Zes derniers Troubadours de la Provence (1871); Duc
de la Salle de Rochemaure, Zes Troubadours canlaliens (2 vol., Aurillac
1910) mit Nachträgen von R. Lavaud; Jeanroy, Jongleurs et Trou-
badours gascons des XII“ et XIIl* siecles (1923 in den Olassiques frang.
du m. &.) — alle diese Publikationen hahen die Dichter bestimmter
Gegenden im Auge, sind übrigens von ungleichem Wert und Um-
fang.? Bertonis grolses Werk 7 Trovatori d’Italia (Modena 1915)
falst leider nicht alle Texte der italienischen Troubadours zusammen,
gibt aber ein glänzendes Gesamtbild. Ihm gingen / Trovatorı
minori di Genova (Dresden 1903, Ges. f. rom. Lit, Bd. 3) voran.
Andererseits haben wir auch Publikationen nach Gattungen (s. unten),
wozu noch Witthoefts Sirventes joglaresc* gehört, und eine sehr
reizvolle: Die provenzalischen Dichterinnen. Biographien und Texte
von Oskar Schultz[-Gora], Leipzig 1888. Ein eigenartiges Verfahren
übt Kolsen: seit Jahren gibt er zwanglos, wenn auch nicht zu-
sammenhanglos Texte kritisch heraus, die teils noch nicht kritisch
behandelt waren, teils zu Berichtigungen und Ergänzungen heraus-
fordern, in Zeitschriftenaufsätzen, in den Dichtungen der Trobadors
(Heft ı—3, Halle 1916— 19), in dem kleinen Bande 7rodadorgedichte
(Halle 1925), der in die Sammlung romanischer Übungstexte auf-
genommen ist.
Nicht unerwähnt soll bleiben, dals wir von einzelnen Troubadours
nun schon mehrere Ausgaben besitzen, eine an sich erfreuliche, aber
auch nicht unbedenkliche Erscheinung. Wenn z.B. Anglade —
nach Bartsch — Les poesies de Peire Vidal (1913, 2° &d. 1923 in den
Classiques frang. du m. d.), A. Längfors — nach Hüffer — Zes chansons
ı Bernart von Ventadorn. Ausgewählte Lieder, hgb. von Carl Appel.
Halle 1926. (Sammlung romanischer Übungstexte, VII. Band.)
° / Trionfi di Francesco Petrarca, Testo critico per cura di Carl Appel.
Halle 1902.
3 Henry Vaschalde, Zistoire des Troubadours dw Vivarais, du Gevaudan
et dw Dauphind, 1889 wage ich kaum zu nennen.
4 „Sirventes joglaresc“. Ein Blick auf das altfranzösische Spielmanns-
leben. Ausg. u. Abh. LXXXVIII, Marburg 1891.
342 ALFRED PILLET,
de Guilhem de Cabestanh (ib. 1924, schon vorher Ann. du Midi XXV], 5fl.,
ı89 ff., 349 fl.) selbständig herausgeben, so wird kein verständiger
Mensch etwas dagegen einzuwenden haben, dafs eine veraltete
Ausgabe und eine nie gut gewesene ersetzt sind. Ob aber Zes
poesies des quatre Troubadours d’Ussel, p. p. Jean Audiau (1922) nach
Carstens schon einem tiefgefühlten wissenschaftlichen Bedürfnis ent-
sprach, mögen andere entscheiden.
Diese ganze kritische und sammelnde Tätigkeit wäre undenkbar
ohne die Begleitung der Rezensionen. Die hervorragendsten Forscher:
Bartsch und A. Tobler, Levy, Appel und Schultz-Gora, Zenker,
P. Meyer und Chabaneau, Jeanroy, Crescini, De Lollis, Bertoni und
manche andere haben eine Unsumme von Fleils und Nachdenken
in diese Arbeit gesteckt. Von einzelnen Kritikern, nicht zum
wenigsten von Appel selbst kann wirklich gesagt werden, was der
kleine Bestiarius von dem Vogel Glasauge sagt: Zuelh de veire ...
a la us solil vista que res que sia, que be veiria tras .I. parct.\1 Nicht
selten sind die Konjekturen der Rezensenten denen der Heraus-
geber an Zahl und Scharfsinn weit überlegen, freilich auch erst
durch deren ebnende Vorarbeit ermöglicht. Die Ehrlichkeit und
das Streben nach -Gerechtigkeit in allen diesen Rezensionen ist
offenbar. Mitunter ist aber eine Schärfe in der Beurteilung der
Einzelheiten, die nicht blofs auf den Dilettantismus abschreckend
gewirkt, sondern auch manchen guten Willen gelähmt hat. Es ist
schlie[slich kein Wunder, dals die Provenzalistik, namentlich in
Deutschland, in grofse Gefahr geriet, eine esoterische Wissenschaft
zu werden. Gegenwärtig wird, so scheint mir wenigstens, wieder
nachsichtiger geurteilt. In der Tat sind die Anforderungen an
Überblick und Kombinationsgabe des Herausgebers derart gestiegen,
dafs nur der Geübteste und Begabteste ihnen genügen kann. Und
dabei bieten die Texte der Troubadours schon an sich Schwierig-
keiten genug, mehr als die poetischen Texte einer anderen alten
romanischen Sprache.
Man sehe sich die Überlieferung an. Ein Germanist und ein
Altphilologe, beide Männer von Ruf, mit denen ich eine Reihe
bekannter, in vielen Hss. überlieferter und glänzend edierter Gedichte
las, fanden diese an sich schon schwer zu verstehen und zu erklären.
Als wir dann aber auf den Variantenapparat eingingen, konnten
sie einfach nicht fassen, dafs es eine solche verwirrende Fülle von
Varianten gäbe, so starke Abweichungen bis in die kleinsten Einzel-
heiten, solche Unterschiede in der Schreibung, wobei doch ein
befriedigender kritischer Text zustande gekommen war. Eine
Orientierung in dieser Wirrnis sollen die Stammbäume ermöglichen,
aber welches Vertrauen kann man zu ihnen haben? Gröbers
grolse Untersuchung „Die Ziedersammlungen der Troubadours“,? ein
1 Appel, Chrest.® S. 202. Dazu vgl. den Aufsatz Zuelh de veire von
Appel, in Bausteine zur roman. Philologie, Festgabe für A. Mussafa, Halle
1905, S. 154 fl.
2 Rom. Studien I1 (1877), 337 ff.
GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH,. 343
Monument geistiger Energie, ist für alle weiteren Untersuchungen
über Anlage, Quellen und Kritik der Hss. grundlegend und vor-
bildlich geworden, und die Ergebnisse sind von den Herausgebern
einzelner Hss., soweit sie sich die Mühe der Nachprüfung oder der
Einordnung gaben, im ganzen bestätigt worden. Danach sollte
man glauben, dafs wir den Stammbaum hätten. Weit gefehlt:
viele Herausgeber machen sich ihre eigenen Stammbäume und gar
einen für jedes einzelne Gedicht, besonders solche, die auch Wert
auf Vollständigkeit des Apparats und Rechtfertigung der Lesarten
legen. Andere freilich stehen diesen Konstruktionen skeptisch
gegenüber. Sie verlassen sich auf ihre praktische Erfahrung vom
gewöhnlichen Wert der Hss. und auf ihren sicheren Blick für
das Wahrscheinliche.
Anatole France1 erzählt von seinem geliebten Professor Bergeret:
N m£prisait la gloire lilteraire, sachant que celle de Virgile reposait
en Europe sur deux coniresens, un non-sens et un cog-d-l’äne. Der
Ruhm der Troubadours ist lange nicht so verbreitet wie der Ruhm
Vergils und ist doch viel sicherer begründet: auf einer Legion von
contresens, non-sens, cog-d-l’öne. Man kann mit einiger Übertreibung
sagen, dals viele Gedichte Marcabrus kaum aus etwas anderem
bestehen. Wie weit sind wir trotz aller kritischen Bemühungen
Dejeannes und seiner Rezensenten? davon entfernt, ein kultur-
historisch so wichtiges und poetisch so entzückendes Stück zu
verstehen wie das Starenlied! Ältere Gelehrte haben sich nicht
einmal die ungewöhnliche Situation klar gemacht: die Geliebte,
zu der Marcabru den gelehrigen Vogel als Liebesboten entsendet,
ist eine Kurtisane.3 Aber nun die Einzelheiten der Botschaft und
der Erwiderung! Ich greife eine verhältnismäfsig leichte Stelle
heraus (XXVI, Strophe II).
Sobr'una branca florida
Lo francx ausels brai e crida,
Tant ha sa votz esclarzida,
15 OQOuw’ela n’a auzit l’entensa.
L’us declui,
Lai s’esdui
Truesca lui.
19 « Auzels sui,»
Ditzs: — «Per cui
Fas tal brui
22 Ho cal[s] amor[s) tensa?» (Hs. tensas)
V. ı9 ist kaum im rechten Zusammenhang, und die Konjektur zu
V, 22 ist unglücklich. Ich lese:
1 D’Orme du Mail, S. 238.
2 Pillet, Beiträge zur Kritik der ältesten Troubadours,S. ı1 fl. — Bertoni,
Studi medievali III, 638 fl. — Lewent, Zts. XXXVII, 313 ff. und 427ff.
® Ich glaube zuerst das ausgesprochen und auch den Vergleich mit der
Richeut gezogen zu haben, 1. c. p. 15.
344 ALFRED PILLET,
n„Auzels, fui!“
Ditz. „Per cui
Fas tal drui,
Ho cal amortensa P“
„Vogel, flieh!“ sagt sie. „Für wen machst du solchen Lärm, wo
Dämpfung not tut?“ Und so harren wer weils wie viele Stellen
einer befriedigenden Deutung. Ich will sie nicht aufzählen, um mir
nicht denselben Vorwurf zuzuziehen wie der Starr. Nur darauf
möchte ich ganz kurz hinweisen, dals sich bei Marcabru zwei
interessante Anspielungen auf die chansons de geste finden, die
man noch nicht gesehen hat. XIX, 20 ist unter Jos bals Gaifter
wahrscheinlich zu verstehen /os daus (besser dbaues) Gaifer — afrz.
les bous Gaifier.! Die Stelle XXI, 31 Pieger es que gualiana (so inC,
galiana E) Amors bezieht sich vielleicht auf die zauberkundige
Galienne, die wir aus dem Maine? kennen. Und noch einen Namen
möchte ich herstellen in XLI, 20: Zas daratairitz baratan, Frienz
del barat corbaran, Que fan Pretz e Joven delir, Baraton ab los
baratiers ... corbaran kann nach dem Zusammenhang keine Verbal-
form sein. Ich lese dara/ Corbaran und denke an jenen Corbaran,
den Emir von Mossul Kerbogha, der im ersten Kreuzzug bei der
Belagerung von Antiochia eine so grolse Rolle gespielt hat, dals
er in der Erinnerung blieb.? Wenn gerade sein Name gewählt
wurde zur Kennzeichnung dieser Art von daraf, des Ehebruchs,
so geschah das nur, weil in Corbaran ein Anklang an corbar im
obszönen Sinne war. f
Unter solchen Umständen bedarf es wirklich der Übersetzungen,
die immer häufiger werden, und nicht nur der poetischen, in denen
Vossler der Meister seit Diez und Paul Heyse ist, sondern vor
allem der schlichten und wortgetreuen und doch nicht geschmack-
losen, wie sie Appel z. B. zu Bernart de Ventadorn gegeben hat.
Manche Übersetzungen redlicher Philologen haben allerdings Jeanroy
dazu gebracht, dals er, ein altes Wort geistreich erneuernd, den
Stolsseufzer ausgestolsen hat: ce sys/öme finira par nous faire regreller
les «belles infidles» de jadıs (Rev. critique 1914, 1, 426). —
Doch nun zu den zusammenfassenden Darstellungen. Diez
entwarf in „Zeben und Werke der Troubadours“ (1829, 2. Aufl.
v. Bartsch, Leipzig 1882) wunderbar treue und anschauliche Bilder
von den wichtigeren Persönlichkeiten. Spätere Zeiten haben diesem
Werk nichts Ähnliches entgegenzustellen. Fauriels Zistoire de la
poesie provengale (3 Bde. 1846) söhnt sonst durch geistvolle Be-
i Über diese s. G. Paris, Melanges de litt. frang. du moyen äge, 5. 205
und Be£dier, Zegendes &piques III, 175.
2 Reis Corbarans de Persa heilst er in der Chanson d’Antioche bei Appel,
Chrest. 6, 3. Zu den Namensformen s. Rajna, Rom. XLIX, 66fl. — Rajnıs
Meinung, dals die in der Fides V. 491 erwähnten Corbarin ihren Namen von
Corbaran haben und damit eine viel spätere Datierung der Fides gegeben sei
als die übliche, baben Hoepfiner und Alfaric, Za Chanson de sainte Foy,
1926, I, 199, II, 20 mit Recht bestritten,
GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 345
trachtung mit ihren sachlichen Mängeln aus, aber die Kapitel über
die Troubadours sind flach. Restori schrieb ein gediegenes, nur
zu kleines Hilfsbuch (Zefferatura provenzale, Milano 1891). Stimming
gab in Gröbers Grundri/s 2 U, ı3 fl. (1893) eine feinsinnige, stim-
mungsvolle Gesamtdarstellung von den Verhältnissen, den Dichtarten
und der Gedankenwelt der Troubadours, ohne auf die einzelnen
Persönlichkeiten einzugehen. Der Abschnitt in der Geschichte der
französischen Literatur von H. Suchier (und Birch-Hirschfeld) —
2. Aufl., Leipzig und Wien ı913, 1, 58f. — ist die Gelehrsamkeit
und Umsicht selbst, aber nach Lage der Sache nur ein Exkurs in
der altfranzösischen Literaturgeschichte. Ein populäres Werk hat
Anglade unter dem Titel Zes Troubadours ı908 aus Vorlesungen
veröffentlicht und dann in seine treffliche ZZstoire sommaire de la
LittErature meridionale au moyen äge (1921) eingearbeitet. Ich glaube
auch diesem geschätzten Gelehrten kein Unrecht zu tun, wenn ich
sage, dals eine eigentliche Geschichte der provenzalischen Literatur,
zum mindesten der Lyrik noch nicht geschrieben ist.! Sie würde,
wenn sie die politische und soziale Dichtung nicht hinter der
Minnedichtung zurücksetzt, das Bild eines bewegten, bunten, leiden-
schaftlichen Lebens sein.
An Vorarbeiten dazu fehlt es keineswegs. Man hat vor längerer
Zeit begonnen die Stellung der Troubadours zu weltbewegenden
Problemen und zu einschneidenden Ereignissen zu schildern, zu
den Kreuzzügen, zu den deutschen Kaisern, zu verschiedenen Phasen
der Unterwerfung von Südfrankreich. Zum Teil sind leider diese
Abhandlungen ziemlich versteckt. Appel hat über „Deutsche
Geschichte in der provenzalischen Dichtung“ in einer Rektoratsrede
gehandelt, die auch in den Buchhandel gekommen ist.?2 Schultz-Gora
gab als Anhang zu „Zn Sirventes von Guilhem Figueira gegen
Friedrich IL“ (Halle ıgo2) ein „Verzeichnis der provenzalischen
Gedichte, in denen der Hohenstaufe Friedrich II. genannt wird“;
diese Liste ist ergänzt worden, s. Schultz-Gora, Arch. CXXXIV, 196.3
Örtliche Gruppen wurden wiederholt ins Auge gefafst, für Frank-
reich wie für Italien; für dieses haben wir jetzt zum Glück das
zusammenfassende Werk von Bertoni (s. o.). Milä y Fontanals schrieb
schon 1861 sein gediegenes, klares, nüchternes und doch feines
Buch De los Trovadores en Espanla.% Einzelne Troubadours sind
samt ihrer Umwelt in stattlichen Bänden behandelt. Andraud wollte
mit Za vie et l’zuvre du troubadour Raimon de Miraval (1902)
weniger eine Öfude litleraire geben als eine dfude de meurs über die
ı Was ich über das Werkchen von H. J. Chaytor, 7Ae Troubadours,
Cambridge 1912 denke, babe ich in der Historischen Zeitschrift CX, 438 gesagt.
®2 Erst Sonderabdruck aus Nr. 733 u. 736 der Schlesischen Zeitung, Breslau
1907, dann bei Niemeyer.
8 Vgl.auch F. Wittenberg, Die Hohenstaufen im Munde der Troubadours.
Diss. Münster 1908 (mit Textbeigaben),
*% Neudruck als t. II, Barcelona 1889, der Obras completas del doctor
D. Manuel Mild y Fontanals. S. jetzt Jeanroy, Zes Troubadours en Espagne,
Ann. du Midi XXVII|XXVILL, 142 fl.
346 ALFRED PILLET,
Gesellschaft des Südens vor Ausbruch des Albigenserkrieges. An-
glades wichtiges, nur etwas breites Buch Ze /roubadour Guiraut
Riquier (1905) enthält eine Fülle von Nachrichten über die Poeten
der Dekadenz.
Einen anderen Ersatz bieten die Monographien über einzelne
Gattungen. Eine Gattung, die mit den gesellschaftlichen Verhält-
nissen aufs engste verknüpft ist, die Tenzone ist früh zum Gegen-
stand konkurrierender Abhandlungen gemacht worden.1 Appels
Studie „Vom Descort“ (Zts. XI, 2ı2 ff.) greift über die provenzalische
Literatur hinaus. Klagelied, geistliches Kunstlied, Kreuzlied sind
von Schülern Toblers, von Springer,?2 Lowinsky,® Lewent + trefflich
behandelt worden, im Sinne entwicklungsgeschichtlicher Betrachtung
und mit Abdruck charakteristischer Texte.
Die Feinheit der Methode und die Kühnheit des Geistes, mit
der Jeanroy in Les Origines de la poösie Iyrıque en France au moyen
dge (1889, 3° ed. 1925) den Ursprung der provenzalischen und
der altfranzösischen Lyrik betrachtete, wird auch bei dem Be-
wunderung erwecken, der inzwischen zu der Meinung gekommen
ist, dals Jeanroy wie sein Lehrer G. Paris die volkstüämlichen Grund-
lagen der Troubadoursdichtung erheblich überschätzt. Von einem
ganz anderen Standpunkt hat Wechssler 5 den Minnesang als grofses
Kulturproblem erfalst, auf seine Voraussetzungen in den sozialen
Verhältnissen und rechtlichen Anschauungen der Zeit und in der
früher stets unterschätzten gelehrten Bildung der Troubadours hin-
gewiesen und die engen Beziehungen zur Mystik, aber auch den
„Widerstreit zwischen Frauenminne und Gottesminne“ dargelegt.
Der Mifserfolg von G.Schlägers® geistvollem Versuch, das Tagelied
aus der dem Ovid zugeschriebenen Epistel Leanders an Hero
abzuleiten hat W. Schrötter nicht abgeschreckt: in einem anregenden
und verdienstlichen Buch „Ovid und die Troubadours“ (Halle 1908)
hat er zu zeigen gesucht, wie unendlich viel sie von dieser höchsten
Autorität in Liebesfragen gelernt hätten. Er persönlich hat leider
die Abhängigkeiten stark übertrieben. Immerhin ist man jetzt mehr
als früher geneigt nach lateinischen Quellen zu forschen, und nicht
blofe bei Ovid: Faral, Rom. XLIX, 244ff. bringt die Pastourelle
mit der Bukolik Vergils in einen Zusammenhang, dessen Möglich-
keit ich seinerzeit erörtert, aber verneint habe.? Die Theorie vom
1 Knobloch, Die Streitgedichte im Provenzalischen und Altfranzösischen.
Breslauer Diss. 1886. — Selvach, Dus Streitgedicht in der altprov. Lyrik.
Ausg. u. Abh. LVII. Marburg 1886. — Zenker, Die provenz. Tensone. Leipzig
1888. — Jeanroy, Za Tenson provengale, Ann. du Midi II, 281 fl., 441 fl.
3 Das altprov. Klagelied. Berlin 1895. (Berliner Beir. 5. german. u.
rom. Philol. VII.)
35 Zum geistlichen Kunstliede in der altprov. Literatur, Zis. f. fra
Sprache u. Lit. 20 1, ı63 fl.
* Das altprov. Kreuslied, Rom. Forschungen XXI, 321 ff.
5 Das Kulturproblem des Minnesangs, Bd.I, Halle 1909.
© Studien über das Tagelied, Jena 1895.
7 Studien zur Pastourelle in Beiträge zur rom. u. engl. Philol. dem
X, deutschen Neuphilologentage überreicht, Breslau 1902, S. 88 fl.
GRUNDL,., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 347
arabischen Ursprung und Vorbild des Minnesangs, die an sich
bekanntlich alt ist, haben Burdach 1 und Singer ? in gelehrten Ab-
handlungen mit mehr Phantasie und Geist als Kritik vorgetragen.
Sie haben grolses Aufsehen erregt, Anhänger gewonnen, Gegner
beunruhigt. Neuerdings glaubt Hennig Brinkmann, in der lateinischen
Lyrik des Mittelalters das Vorbild der provenzalischen gefunden
zu haben.3
Alle diese Ursprungsfragen hängen mit einer anderen Frage
zusammen, die noch ihrer Lösung harıt, der Frage nach der
Entstehung der provenzalischen Schriftsprache. Was Morf hier-
über vorgetragen hat,* ist geistvoll wie immer, aber mehr ver-
wirrend als belehrend. Gewils hat er völlig recht mit seiner
nüchternen Erklärung der berühmten Stelle der Razos de frobar, so
recht, dafs er beinahe eine offene Tür einrennt, aber die Bedeutung
dieser Erklärung hat er überschätzt. Es bleibt doch dabei, dafs
Raimon Vidal dem Limousinischen einen Vorrang vor den anderen
Dialekten einräumt, wenn er auch nicht gesagt hat, es sei das
Provenzalische. Morfs eigene Theorie, dafs die alte Gallia Narbonensis
die Basis der Schriftsprache sei, ist unbegründet geblieben. Die
sprachlichen Kriterien weisen vorwiegend auf den Westen, und die
Geschichte der Literatur läfst den Primat des Limousinischen auch
gerechtfertigt erscheinen. So wird wohl Chabaneaus Urteil schwer
umzustolsen sein.
Die Frage des Ursprungs der provenzalischen Lyrik interessiert
zu viele Gelehrten der Nachbarfächer, besonders Germanisten,
Orientalisten und Altphilologen, als dafs sie nicht dauernd im Flufs
bleiben sollte. Mit ihr ist auch die Aufmerksamkeit auf das älteste
Stadium dieser Lyrik gerichtet. Und hier haben sich Vossler und
Appel getroffen. Vosslers Arbeiten über Wilhelm IX., Marcabru,
Bernart de Ventadorn, zwischen denen noch die über Peire Cardinal
erschien,5 haben eine Stellung für sich. Ich bin nicht mit allen
seinen Urteilen einverstanden. Seine Auffassung des Grafen von
Poitiers halte ich nicht für glücklich: ich glaube, dafs er der Genialität
des Dichters und auch des Menschen nicht gerecht wird, gebe
1 Über den Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs, Liebesromans
und Frauendienstes, Sitzungsber. der Preuss. Akad. d. Wissensch. 1918, XLV,
XLVII.
8 Arabische und europäische Poesie im Mittelalter, Abhandlungen der-
selben Akademie, Jahrg. 1918, philos.-hist. Klasse, Nr. 13.
8 Geschichte der lateinischen Liebesdichtung im Mittelalter. Halle 1925.
Entstehungsgeschichte des Minnesangs. Halle 1926. (Deutsche Vierteljahrs-
schrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Buchreiche, 8. Band.)
* Vom Ursprung der provenzalischen Schriftsprache, Sitsungsber. d.
Preuss. Akad. d. Wissensch. XL\V (Berlin 1912), 1014 fl.
5 Die Kunst des ältesten Trobadors, in Miscellanea di studi in onore
di Attilio Hortis, Trieste 1910, S. 41gfl. — Der Trobador Marcabru und die
Anfänge des gekünstelten Stiles, Sitzungsber. der Kgl. Bayerischen Akad. d.
Wissensch., philos.-Philolog. u. hist. Klasse, Jahrg. 1913, 11. Abh. — Peire
Cardinal, ein Satiriker aus dem Zeitalter der Albigenserkriege, Jahrg. 1916,
6. Abb. — Der Minnesang des Bernhard von Ventadorn. Jahrg. 1918, 2. Abh.
348 A. PILLET, GRUNDL., AUFG. U. LEIST. D. TROUBADOURS.-FORSCH.
aber zu, dafs es schwer ist, auf Grund der wenigen Gedichte und
der zweifelhaften historischen Notizen zu einem überzeugenden
Urteil zu kommen, und dafs selbst wenn die Überlieferung besser
wäre, wir immer noch vor einem Rätsel stehen würden. Das Wesen
der anderen hat er mit genialer Intuition erfalst und sie mit sicherem
Griffe in ihre geistige Umwelt gestellt. Hier ist wirklich eine
vertiefte Betrachtung, die not tat und wirken wird. Aber auch
Appel hat in der Vorrede zu Bernart von Ventadorn und in seinem
Aufsatz zu Marcabru (s.o.) das Äufserste getan, um die Persönlich-
keit der Dichter, die Voraussetzungen der Kunst, die Entstehung
der Stilformen, die Theorie der Liebe zu verstehen. Vosslers Bilder
sind, wenn der naheliegende Vergleich gestattet ist, expressionistisch,
indem sie einen bestimmten, von ihm für wesentlich gehaltenen
und auch wirklich vorherrschenden Zug betonen, und so ist das
Bild Marcabrus noch herber geworden, als es an sich nötig war.
Appels Bilder sind impressionistisch, Zug um Zug, Strich für Strich
sind liebevoll gesetzt, das Ganze wirkt vielleicht nicht so einheitlich,
aber die Chancen der Porträtähnlichkeit sind wesentlich gröfser.
Lange Zeit war die Kleinarbeit, den früheren Bedürfnissen
der Forschung entsprechend und in gewissem Sinne auch dem
zentrifugalen Charakter des Stoffes sich anpassend, die Signatur
der provenzalischen Philologie. Wenn sie mitunter einen kleinlichen,
spitzfindigen und polemisierenden Zug trug, so sind immer Aus-
dauer, Treue und Uneigennützigkeit ihre Rechtfertigung und ihr
Ruhm gewesen. Allmählich wagt man sich häufiger an grofse Aus-
gaben, wichtige Biographien und zusammenfassende Darstellungen,
die sich an weitere Kreise der Romanisten wenden.
Die Troubadours verdienen gekannt zu werden. Begeistern
können sie selten; interessieren können sie vielseitiger und tiefer,
als vorsichtige Gelehrtenart zugeben will. Es ist eine ungeheuer-
liche Übertreibung, dafs bei ihnen alle Poesie unter Formenkult
nnd Konventionalismus der Auffassung erstickt sei; ganz abgesehen
davon, dafs sie sich wenigstens die Mühe gegeben haben, ihre
Konventionen und Formen selbst zu erfinden. In Wirklichkeit
bricht die Persönlichkeit überall durch. Und bei manchem spüren
wir dann, dafs er mehr war als sein Werk, von dem ersten, geist-
reichsten und charmantesten, dem Grafen von Poitiers bis zu dem
wackeren und vergeblich dem Verfall steuernden Guiraut Riquier,
von den kleinen, tapferen und unglücklichen Verteidigern der
heimatlichen Scholle und Sitte gegen die Übermacht des Nordens
bis zu den Männern, deren Schatten ein gewaltiger Wille wenigstens
für die Phantasie eines anderen Volkes in Hölle, Fegefeuer und
Paradies gebannt hat.
Doch warum das dem verehrten Gelehrten sagen, dessen beste
Lebensarbeit doch den Troubadours gegolten hat?
ALFRED PILLET.
Impressionismus, Expressionismus und Grammatik.
I. Impressionismus. II. Expressionismus. III. Impressionismus und
Expressionismus.
I.
1. Die Anregung zu dieser Studie verdanke ich dem Schriftchen
Charles Ballys, /mpressionnisme et Grammaire.! Es unterscheidet zwei
einander entgegengesetzte psychologische Bestrebungen bei der
Erfassung der Erscheinungen und ihrer sprachlichen Wiedergabe:
ı. Die äufsere (innere) Erscheinung wird in ihrem ersten Eindruck
erfalst, als einfache Tatsache; ihre Voraussetzungen oder ihre Folgen
werden nicht erforscht oder, wo sie sehr nahe liegen, geradezu ver-
nachlässigt = Mode d’aperception phenomeniste ou impressionniste.
2. Die Erscheinung wird im Zusammenhang ihrer Ursache und ihrer
Wirkung erfafst, also als Wirkendes oder als Bewirktes. Das etwa
fehlende Glied in dieser Verkettung setzt der Geist aus eigenem
hinzu. Er erfalst also das Erscheinende als Objekt einer Tätigkeit
auch dann, wenn der Täter nicht unmittelbar erfalsbar ist, oder
als Täter auch dann, wenn das Objekt seiner Tätigkeit nicht un-
mittelbar sichtbar wird —= mode d’aperceplion causale ou Iransitive.
Bally unterstreicht, dafs er bei „impressionistisch“ an keinerlei
Kunstausdruck denkt, das Wort vielmehr rein etymologisch braucht.
Hier trennen sich unsere Ziele. Es erscheint mir nicht nur un-
möglich, den künstlerischen Impressionismus von der grammatischen
Untersuchung abzuscheiden, sondern sogar besonders reizvoll, zu
zeigen, wie engstverbunden die Begriffe sind, bei deren Verbindung
mit „und“ noch heutzutage mancher Aufsenstehende auf einen
Druckfehler schlielsen wird. Wir vom Bau wissen aber längst,
dafs wir zwischen künstlerischem Stil und Gemeinsprache keine
Grenze ziehen können, da die Sprachschöpfung in letzter Linie
Einzelschöpfung ist, so gut wie das künstlerische Eigenerlebnis und
also wesensgleich mit ihm. Wo aber sollen wir den Schnitt führen
zwischen absonderlichster Einzelsprache und allgemeiner Sprach-
gepflogenheit ?
Jeder künstlerische Stilausdruck wirkt sich aus einer bestimmten
seelischen Einstellung aus. Diese Einstellung kommt aber nicht
nur für „Stil“ als Gesamtausdruck einer künstlerischen Tätigkeit
1 Societ anonyme des Editions Sonor 1920.
350 ELISE RICHTER,
in Betracht, sondern für jede Auswirkung der Seelentätigkeit über-
haupt. Es ist also zu untersuchen, wie beschaffen die Einstellung für
einen Sprechakt sein mufs, der mit dem künstlerischen Schöpfungsakt
als wesensgleich anzuerkennen ist.
Um zu beleuchten, wie die künstlerische Seelentätigkeit sich
in der „Grammatik“ auswirkt, ist es notwendig, nicht nur vom
Impressionismus, sondern auch vom Expressionismus und
vom Naturalismus zu sprechen.
2. Naturalismus ist diemöglichst genaue Abschilderung
der Aufsenwelt. Der Naturalist schildert die Sterbeszene mit medi-
zinischen Einzelheiten, die Grubeneinfahrt oder Überseeverhältnisse
mit grölster, womöglich an Ort und Stelle gesammelter Sachkenntnis.
Genauigkeit ist Trumpf. Der Naturalist verrät nichts von seiner
Teilnahme an dem, was er schildert; nur aus der Auswahl seines
Stoffes läfst sich auf seine persönliche Geschmacksrichtung schliefsen.
Handelt es sich um geschichtliche Vorgänge, so zieht er Schrift-
stücke und alle erreichbaren Zeitbelege nach Möglichkeit heran.
Sein höchstes Streben ist Wahrheit. Der Naturalismus als solcher
ist vollkommen objektiv. Er zeichnet, nach Mafsgabe menschlichen
Könnens, die Dinge an sich. Der Wissenschaftler ist Naturalist.
Rein sprachlicher Naturalismus ist die Klangnachahmung:
kuckuck usw. Der akustische Eindruck, den wir empfangen, dient
auch in der Mitteilung zum Hervorrufen der zugehörigen Vor-
stellung. Der Sprecher schaltet nur die Gehörsempfindung in
Sprachbewegung um.
3. Impressionismus (Eindruckskunst!) ist die Wiedergabe
des Eindrucks von den Dingen; es ist nicht die Frage, wie sie
objektiv beschaffen sind, sondern wie sie jeweilig dem beobach-
tenden Auge erscheinen. Der Eindruckskünstler fragt nicht
nach Herkunft und Voraussetzung für das, was er sieht, er verknüpft
es nicht mit Ursache und Wirkung. Der Eindrucksmaler setzt, dem
Eindruck entsprechend, einen blauen Farbfleck auf sein Bild, un-
bekümmert, ob das ein Stück Himmel ist, oder ein Kopftuch oder
der Reflex auf dem Rücken eines braunen Pferdes. Er schaltet
die logischen Korrekturen aus, die der Durchschnittsmensch an-
zubringen gewohnt ist. Unsere Erfahrung sagt uns nämlich, dafs
ein Pferd nicht blau ist, wenn es im Stall oder bei mälsigem Licht
im Hof steht. Und so erkennen wir gewissermafsen das Blau auf
dem Pferderücken nicht an; wir geben nicht zu, dafs das Pferd je
nach dem Standort und der Tageszeit verschiedene Farbe zeigt,
wir sind bestrebt — und dazu erzogen — aus der Verschiedenheit
der Eindrücke eines und desselben Dings gewissermafsen eine
Durchschnittserscheinung herzustellen, die von keinem der Augen-
blickseindrücke allzuweit absteht, und nach der wir diese letzteren
„richtig“ stellen, wobei sich nun allerdings kaum in einem einzigen
! Ich entnehme diese gute Verdeutschung Sr Walzels Aufsatz „Von er-
lebter Rede“, Zeitschr. f. Bücherfreunde, 1924, S. 25.
IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 351
Augenblick der wiedergegebene Eindruck mit dem wirklichen Augen-
blickseindruck vollkommen deckt. Das krasseste Beispiel solcher
Richtigstellung zugunsten des Beschauers bietet der altägyptische
Künstler, der Profilbilder mit zwei Augen malt (vorausgesetzt, dafs
nicht sakrale Gründe mitwirkten). Der Maler sieht zwar nur das
eine Auge, vermutet aber, der Beschauer werde auf einen einäugigen
Menschen schliefsen und setzt daher das zweite Auge auch noch
hin. Bei einem solchen Vorgehen muls aber gar nicht Rücksicht
auf den Beschauer vorliegen. Moderne Kinder zeichnen Profilbilder
mit zwei Augen, „weil er doch zwei hat“.
Der Eindruckskünstler stellt nichts richtig; er gibt den Eindruck
eines einzigen bestimmten Augenblicks wieder, diesen aber rück-
haltslos und daher mit voller Ehrlichkeit, — mit gröfserer als der
Richtigstellende. Er ist realistischer als dieser; aber die volle Wahr-
haftigkeit seiner Darstellung gilt nur für seinen eigenen Standpunkt
in einem gegebenen Augenblick. Die Beziehung zwischen dem
Werk und dem Schöpfer darf nie aufser acht gelassen werden.
Wer sich nicht ganz mit dem Schöpfer verselbigen kann, versteht
sein Werk nicht.
Eindrucksmäfsig ist die perspektivische Erfassung der Dinge.
Sie ändert sich von Standpunkt zu Standpunkt; aber so viele Augen
von demselben Standpunkt aus beobachten, sie sehen die gleichen
Überschneidungen.
4. Dasselbe gilt vom Eindrucksdichter. Er spricht von seinem
augenblicklichen persönlichen Eindruck. Z.B. Rainer Maria Rilke
von der Anfahrt an das Schlofs (Neue Gedichte 11, 97):
War in des Wagens Wendung dieser Schwung?
War er im Blick, mit dem man die barocken
Engelsfiguren — —
Annahm und hielt und wieder liels, bevor
der Schlofspark schliefsend um die Fahrt sich drängte,
an die er streifte, die er überhängte
und plötzlich freigab: denn da war das Tor,
das nun, als hätte es sie angerufen,
die lange Front zu einer Schwenkung zwang,
nach der sie stand.
Wenn Rilke sagt, dafs der Park sich um die Fahrt drängt, und
sie einschliefst, dafs die Front läuft und vor dem Tor halt macht,
so sagt er nichts, was wir nicht alle in Wahrheit auch sehen, wenn
wir, still im Wagen sitzend, heranfahren. Aber gewohnheitsmäfsig
nehmen wir die logische Korrektur vor: Park und Front stehen
still; die Heranfahrenden gelangen nach mancherlei Verschiebungen
zum Anblick der einzelnen Teile.
Rilkes Eigenart beruht zum grofsen Teil auf dieser Umkehrung
der Darstellung, und eine grolse Gruppe von Dichtern aller Länder
steht zu ihm. Goethe’s „Waldung, sie schwankt heran“, von dem
im Himmel befindlichen aus gesehen, ist ihr Vorläufer.
352 ELISE RICHTER,
Die moderne Eindruckskunst scheut sich nicht, die Dinge so
darzustellen, dafs der schulmäfsig geübte Beschauer zunächst den
Eindruck hat, es stünde alles auf dem Kopf, z.B. Ernst Stadler
(Aufbruch 1914) die umiaumelten Fanfaren. Die Fanfaren sind der
Haupt- und Dauereindruck. Sie sind gewissermalsen das Stehende
im Getümmel, das sie veranlassen. Sehr kühn; aber doch nicht
unverständlich, wenn man dem Umstand Rechnung trägt, dafs die
Fanfarenbläser an einem Punkt stehen, Gehörs- und Gesichts-
eindruck also der des einheitlich Ruhenden, der Gesichtseindruck
der taumelnden Kämpfer aber lebhaft bewegt und wechselnd ist.
Die Bezeichnung des Gehörseindrucks als etwas „Stehenden“
erschiene sehr kühn, aber Alltagswendungen wie stehende Redensarten
oder ständiger Lärm beweisen, dafs sie vor Zeiten gemacht wurde.
Dann setzt aber „umiaumelf“ auch nur den Alltagsgebrauch fort:
die umringte Schönheit, das #mjubelte Bild, das umtanzte goldene
Kalb. Vgl. unten $ 5.
Die Eigentümlichkeit des Eindrucksstils besteht darin, den sinn-
lichen Eindruck losgelöst von seiner Ursache in den Mittelpunkt
zu stellen, so dafs als Hauptvorstellung erscheint, was sonst Teil-
und Nebenvorstellung war. Mallarme, Poösies, 118 Ce me va hormis
!’y taire Que je sente du foyer Un pantalon militaire A ma jambe
rougeoyer. Es geht mir über [die Möglichkeit] darüber zu schweigen,
dafs ich an meinem Bein eine Militärhose im Kaminfeuer rot leuchten
sehen soll. Man beachte die frz. Wortstellung: da/s vom Kamın
her eine Militärhose an meinem Bein rot leuchtet. Das Rotschimmern
der Hose ist Hauptvorstellung. Verhaeren, Zes Zeures claires (74)
schildert den kommenden Morgen. Des vols dmeraudes sous les arbres
eirculent. Smaragdene Flüge bewegen sich. Was fliegt? Vermutlich
gar nichts: Durch das anbrechende Licht kann der Eindruck ent-
stehen, dafs unter den Bäumen smaragdne Flecken aufflimmern.
Die Ursache der Erscheinung ist vollkommen ausgeschaltet, weg-
geschoben; die Aufmerksamkeit soll nicht darauf haften bleiben,
was den Eindruck verursacht; das Smaragdenflimmern an sich, die
bewegten Flecken, sind Gegenstand der Mitteilung. !
5. Wir sagen alle Tage die kühnsten Dinge, die uns ganz
unsagbar und unwagbar vorkämen, wären sie heute neu. Z.B. die
Sonnenstrahlen /anzen. Nur wenn allzu realistische Einzelzüge dazu
kommen, erscheint es gewagt, z.B. Rene Schickele, Pfingsten (1914)
Die Fische schaukeln den Himmel auf ihren Flossen, Sonne tanzt auf
dem Rücken der Hunde.
Wir sagen alltäglich: Die Zeit rennt (verrinnt ist eine Anschauung
der Sanduhr), im Zauf der Zeit. Nur weil kräftig anschaulich ge-
macht, erscheint kühn: Rene Schickele, Zeibwache 85 Die 10 Jahre,
die Jockend vor Dır liefen, bis sie Dir auf einmal in Deinen Rücken
riefen. Ohne allen dichterischen Ehrgeiz sagen wir auf der Fahrt:
1 In meiner Studie über das neueste Französisch ANSZ 135, S. 364 hatte
ich es anders erklärt.
IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK, 353
Die Telegraphenstangen fliegen vorüber. Der Weg läuft (führt,
geht) nach X. Die Felder bleiben zurück. Die Berge schliefsen
sich. Jetzt kommt der Wald. Das Tal senkt sich. Sven Hedin
(Bagdad—Ninive— Babylon 38) /a wechselnden Szenerien kommt
mir die Landschaft entgegen, während ich selbst in tiefster Ruhe
das köstliche Schauspiel genielse. Die wissenschaftliche Darstellung
spricht vom „vereinzelten Auftreten“ einer Pflanze.
Der Baum wirft Schatten. Um uns der impressionistischen
Kraft solcher Wendungen bewulst zu werden, müssen wir sie in
andere Form kleiden. Der Baum schleudert Schatten hin. Wer wagt
es? Und doch war der erste, der sagte er wirft Schalten, nicht
weniger kühn und originell. Die Bäume s/recken die Äste aus, bilden
ein Dach. Die Ware geht (geht ab) oder sie ıst ein Ladenhüler, die
Papiere s/eigen, das Kapital /räg/ etwas, wirft etwas ab usw.
6. Wir sind unversehens in das Gebiet des Animismus ge-
kommen: Ich höre heulen. Der Wolf Aeult, aber auch der Wind.
Die Tür „raungt“, der Deckel zwsl/ nicht schliefsen. Die Milch Zäuft
zusammen (= gerinnt, triest. va insieme), der Strick rei/st, das Fenster
spring! auf usw. Aus diesem tief eingewurzelten eindrucksmäfsigen
Sprechbedürfnis heraus ist es anzunehmen, dafs auch in Zukunft —
aller gelehrten Erkenntnis und allem seit dem sechsten Lebensjahr
festsitzenden Schulwissen zum trotz — in unserem Sprachgebrauch
die Sonne auf- und untergehen wird, so gut wir von der MondscAeibe
reden.
Die Tür öffnet sich, und alles Ähnliche in allen Sprachen.
(Dabei sind doppelte Bedeutungen auseinander zu halten: /a porte
s’ouvre: ı. geht „von selbst“ auf; 2. lälst sich öffnen (= wird ge-
öffnet — ist Öffenbar), z. B. leicht oder nach rechts) Ich habe
nur den Eindruck, dafs die Tür, die eben geschlossen war, jetzt
offen steht. Wer ist der Urheber? Das wird nicht untersucht,
es scheint, dals die Tür es ohne äufsere Veranlassung, also aus
innerem Antrieb getan hat. Künstlerisch verwenden wir diese
Ausdrucksform zur Erhöhung der Spannung. Man vergleiche:
Karl öffnete die Tür und trat ein mit: Die Tür öffnete sich und Karl
rat ein. Im Alltag ist die Belebung des Gegenständlichen so ge-
wöhnlich (vgl. dagegen $ ı7), dafs der Unterschied zwischen un-
beseeltem und beseeltem Geschehen — zwischen Geschehen und
Handlung — sprachlich vollständig verwischt ist. Das Rad Jäuft;
das Haus szeht, das Messer schneidel. Hierzu alle Bezeichnungen
für Werkzeug wie für den Ausüber der Handlung, Bohrer, Gasmesser,
Schraubenzicher usw. Wienerisch heist eine bestimmte Schrauben-
zange ein Zranzos, frz. hollandaise = Holländerin = Schöpfmaschine,
frz. fricoteuse die Strickmaschine wie die Strickerin usw.
Passives und aklıves Tun werden sprachlich vermischt, weil sie
die gleichen Eindrücke hervorrufen. Die Kugel ro0/l/, ob sie durch
meine Hand ins Rollen kommt oder durch irgendeine Erschütterung,
oder infolge der unebenen Unterlage, so dafs kein „Urheber“ (nur
eine Ursache) festzustellen ist, gerade so wie das Wasser im Bach
Zeitschr, £, rom, Phil. XLVII. 23
354 ELISE RICHTER,
rinnt ohne menschliches Dazutun, oder die Welle sich bäumt.
Von rechtswegen sollten wir scheiden: Der S/rom flie/st und der
Wein fliefst aus dem Fa/s in die Flasche und nun gar das Papier
fliefst (= die Tinte flielst auf dem Papier), denn hier ist ja das
Thema ganz fälschlicherweise als Subjekt des Fliefsens angesetzt.
Alle drei Ausdrucksweisen sind impressionistisch.
Eine mittlere Stufe zwischen Animismus und Personifikation
(vgl. 816) ist die Loslösung des Zustandes, der im Vorder-
grund des Eindruckes steht, zu einem selbständigen Dasein:
Steph. Zweig, Verwirrung der Gefühle 233 Der Luftzug liels die
Flamme [der Kerze] blau emporspringen, und hinter ihm taumelte,
riesenhaft losgerissen von seinem slarren Dastehen der zuckende
Schatten wie ein Trunkenbold quer über die Wand.
7. Etwas anders geartet als die Tür öffnet sich ist der passive
Ausdruck für die Mitteillung eines Vorgauges, bei dem not-
gedrungen der Urheber genau so in der Gesamtvorstellung
enthalten sein mufs wie das Bewirkte. Der Hund wird gequält.
Ich kann den Eindruck dieses Vorganges nicht haben, ohne die
Teilvorstellung des Täters. Hier kommt es nun darauf an, welcher
Teil der Gesamtvorstellung im Vordergrund steht: das Leiden des
Tieres oder die Rohheit des Täters (Karl quält den Hund).
Und wieder anders ist der sogenannte reflexive Ausdruck, der
ein Werden, ein langsames Verändern mitteilt. Z/se fait vieux.
Er macht sich (wird nach und nach besser). Die Menge walzt sich
heran. Entstanden aus der Vorstellung eines subjektiven (in sich ge-
schlossenen, auf sich selbst gerichteten) Tuns, ist er jetzt idiomatisch
für den Eindruck des langsamen Vorganges, oder des Zustandes:
Der Himmel wölbt sich, ich unterhalte mich, ich fühle mich wohl, er
fühlt sich (= ist selbstbewulst.. Im Romanischen ist die formale
Erklärung möglich, dafs der „reflexive“ Ausdruck durch Umschreibung
des Mediums und Deponens gewonnen und dann sehr erweitert
wurde.
8. Eindrucksmäfsig richtig (logisch falsch) ist die jetzt in allen
Sprachen beliebte Verschiebung „ich ärgere mich über die angedrannte
Milch“, „der abgenommene Hut liels die Glatze sehen“, „die wrg-
genommene Wand gab einen geräumigen Tanzsaal* u.ä. Das Be-
wirkende wird nicht als Handlung (die Milch ist angebrannt, der
Hut wurde abgenommen, man nahm die Wand weg) ausgedrückt,
sondern als Eigenschaft vom Subjekt des Teilsatzes, der die Voraus-
setzung für die Aussage des Hauptsatzes angibt. Eindrucksmälsig
richtig: die Gesamtvorstellung „angebrannte Milch“ ist Gegenstand
des Argers; der abgenommene Hut ist ein Eindruck; die Glatze ein
zweiter. Ich habe den zweiten Eindruck als Folgeerscheinung des
ersten. Die weggenommene Wand == die Wand ist weg!, die
Handlung des Wegnehmens ist als vollendet hingestellt, ihr Ziel
durch den Eindruck festgehalten,
9. Die Verschiebung von genitivischer Bestimmung
zu adjektivischer: mafrıbus famılıas et ingenuis sub hostilem höidınem
IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 355
subjechis statt hostium im Auct. ad Heren. IV, 8 (vgl. Marouzeau,
Le Latin 240), wozu auch ceuium pecus.!
Die Verwendung des Adjektivs in adverbialer Funktion,
z.B. /a fenötre est grande ouverte; es ist der Eindruck des Grofsen
(Weiten) in Verbindung mit dem „offenes Fenster“.
Die Verwendung der örtlichen Präposition an Stelle
der Kasussuffixe, und die Verwendung Aabeo, facio, sum, venio,
lnco usw. an Stelle der Zeitsuffiixe, mit einem Worte die ganze
periphrastische Ausdrucksweise, die die Entwicklung der
Romanismen im Lateinischen kennzeichnet, ist ein Bestreben nach
Versinnlichung, ist stärkere Herausarbeitung des Eindrucks. Im
neuesten Französisch wird das Beiwort durch de + Substantiv er-
setzt, um den Eindruck stärker zu unterstreichen: /a:lle de sveltesse,
un jardın de beautE — un beau jardın.?
Über diese und andere Verschiebungen des Ausdrucks vgl. u.a.
meine Studie über das neueste Französisch. Hier sei noch auf die
Verwendung des subjektiven Tätigkeitswortes für den
Ausdruck der Eigenschaft, oder des Zustandes hingewiesen.
Der See glänzt. Der Berg erhebt sich in die Wolken. Mich zärstet.
Rosa rubet ist eindrucksvoller als sudra est.3 Der Zimmel blaut, der
Morgen graut. Die sprachliche Auswahl ist willkürlich, da kein
der Morgen (oder der Himmel) rötet vorhanden; der grauende
Morgen ist alltäglich, der d/auende Himmel nicht. Ginzkey, Zerribile
(Neue Freie Presse 1923, 6.Mai) ... darüber schaffefe die Dämmerung.
Ist eine Tätigkeit in dem Gesamteindruck eines Menschen
die Hauptvorstellung, so wird ebenfalls das subjektive Tätig-
keitswort verwendet, um gewissermalsen sein Wesen durch einen
Dauerzustand zu kennzeichnen: er frinkt, spielt, schreibt.
Kleine Zahlen sind übersichtlicher als grolse; es gehört also
zur impressionistischen Ausdrucksweise, wenn 4 > 20 lieber gesagt
wird als 80. Die Multiplikation der kleinen Zahl ist anschaulichert
und der so gebildete Zahlenausdruck ist ein Rest aus irgendeiner
uralten Zählweise.
10. Der Vergleich eines Eindrucks mit einem anderen
Eindruck ist impressionistisch, sei es, dafs die beiden verglichenen
Gegenstände nebeneinander gestellt werden, sei es, dafs die Nennung
des einen und die Form der Vergleichung übersprungen wird. Die
Wellen sind wie stampfende weilse Rofsbeine, die Schaumkämme
sind die weilsen Rofsmähnen. Der Schnee der Wangen. Die grüne
Jugend. Roter Hafs. Ein Beispiel für impressionistische Schilderei
mit seltsamer Häufung von Vergleichen und neuartigen Ausdrücken
ist Leon Bloy, Femme Pauvre 6 Une gouaillerie morose et superbe
Söalait sur ce mascaron de gemonies, crispant la levre infericure sous
ı Vgl. dazu Marouzeau S. 206.
? Bally a.a. O, 17.
® Ebd. S.9.
* Vgl. Leo Spitzer, Urtümliches über die romanischen Zahlwörter,
ZRPh. 45.
23*
356 ELISE RICHTER,
les crenaux empoisonnes d’une abominable gueule, abaissant les deux
commissures jusquau plus profond des ornidres argileuses ow cretacdes
don! la litharge et la rogomme avaient ravıne la face (Ein düsterer,
hochmütiger Hohn lagerte auf dem Galgengesicht; er kräuselte
die Unterlippe unter den angefressenen Zähnen eines scheulslichen
Maules, und zog die beiden Mundwinkel bis in die tiefste Tiefe
der tonigen oder kreidigen Furchen, mit denen Bleiglätte [der
Mann baut Wagen] und Fusel sein Gesicht verwüstet hatten).
Es ist nur eine Frage des allgemeinen Beifalls, ob seltsame
Vergleiche in die Alltagssprache übergehen. Er speit Feuer (vor
Zorn), die Züge speien Tausende von Ausflüglern aus ist geläufig. An
gewisse Jules Romains’sche Vergleiche dürfte man sich kaum ge-
wöhnen, z.B. Les maisons faisaient ... des hommes ... comme une
chevre fait ses crottes usw.!
ı1. Die impressionistische Sprechweise ist die dem Menschen
ureigentümliche. Die ersten sprachlichen Äufserungen waren jedes-
falls Reflexe von inneren oder äulseren Reizen, konnten gar nichts
anderes sein, als elementare Wiedergabe eines Eindrucks. Die
Kindersprache ist impressionistisch und tut unbewulst, was der im-
pressionistische Künstler bewulst ausführt: er wählt aus dem Gesamt-
eindruck dessen, was sein Gesichtsfeld trifft, das Wichtigste von
Form und Farbe, verstärkt dieses und opfert den Rest.? Das Kind
erfafst einen Teil einer Gesamtvorstellung, bezeichnet diesen; die
ganze übrige Gesamtvorstellung bleibt unausgedrückt, unzerlegt.
In der Sprache der Erwachsenen wird die Gesamtvorstellung
nicht zerlegt im unpersönlichen Ausdruck: „Zs raucht“. Ich
habe den Eindruck des Rauchens, gleichgültig zu sagen, ob es der
Ofen oder der Herd ist. Logische Darstellung würde Ursache und
Wirkung (Subjekt und Prädikat) angeben, impressionistisch genügt
die Angabe des Zustandes. Zs wird getanzt. Wer das Tanzen
ausführt, ist weggelassen, wie der Maler Einzelheiten der Landschaft
„weglälst“, die den Haupteindruck stören. „Zeichnen ist fortlassen*
sagt Liebermann.3 Zu künstlerischer Wirkung werden unpersönliche
Ausdrücke verwendet, wo persönliche, weil bestimmter, von wesentlich
geringerer Wirkung wären. Man beachte die Steigerung ins Un-
heimliche von Zr klopfl über man klopft zu es klopft. Wo gespenstische
Wirkung beabsichtigt ist, häufen sich die unpersönlichen Ausdrücke:
Ahnfrau I Darum winmert es so klaglıch in den halbverfallenen Gängen,
darum pocht’s in dunkler Nacht. 11 Laut wird’s ın dem öden Zimmer,
Rauchend wogt es um mich her, — hör’ es weinen, hör’ es klagen,
und zulelzt in meiner Nahe wimmert es ein dreifach Wehe usw. Ganz
ı Vgl. Heifls, Vom Naturalismus zum Expressionismus, N. SP. XXIX, 107
und L. Spitzer, Der Unanimismus Jules Romains im Spiegel seiner Sprache,
Arch. rom. VIII, söft.
? Mauclair in Encycl. Brittannica, Bd. 14, „/mpressionism“ S. 345. I/mpr.
is the art that surveys Ihe field and determines which of the shapes and
tones are of chief importance to the interested eye, enforces these and sacrı!-
fices the rest.
8 Rainer Maria Rilke, Worpswede, S. 124.
IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 357
selbstverständlich sagen wir es geht um. In Schillers „Taucher“
beruht der ganze Eindruck des Geheimnisvollen auf der durch-
gehenden Anwendung der unpersönlichen Ausdrucksweise: Str. VI
Und es wallet und siedet und brauset und zischl. VII Grundls, als
ging’s in den Höllenraum. 1X Und stille wird’s über dem Wasser-
schlund, In der Tiefe nur brauset es hohl... — Und hohler und
hohler hört man's heulen, — Und es harrt noch mit bangem, mit
schrecklichem Weilen. X1 Und heller und heller — Hört man’s näher
und ımmer näher brausen. XII Und es wallet usw. — Und mit ...
Getose Entstürst es brüllend dem finsteren Schofse. XI Da hebt sich’s
schwanenweifs — Und es rudert mit Kraft (Hier von besonderer
Wirkung der Übergang zum persönlichen Ausdruck: Und er ist’s)
XIV Zs behielt ihn nicht. XVI Da unten aber ısts fürchterlich.
XVO Zs ri/s mich hinunter — wie einen Kreisel trieb mich’s um.
XIX ... Unter mir lag’s noch bergetief — Und ob's hier dem Ohre
gleich ewig schlief, Das Auge sah, wies von Drachen sich regte.
XXI Da Arochs heran. XXVI Da ergreaift’s ihm die Sece ... es
blitzt aus den Augen ihm kühn ... Da treöt’s ihn... XVII Da
bückt sich's hinunter.
Übergang von eindrucksmälsiger zu logisch-naturalistischer
Darstellung ist: es scheint die Sonne,i es glanzt der Sec, d.h. nach
der eindrucksmälsigen Mitteilung folgt die logische Ergänzung.
Da die Setzung der unausgewickelten Gesamtvorstellung ein-
drucksgemäls ist oder wirkt (vgl. unten) so gehört hierher die Vor-
ausnahme mit ga und die Wiederaufnahme mit ga oder mit dem
Pronomen. Les officiers, dest des ingenus.? Celle femme, on aurait dit
qwelle &tait le dEchainement de lachivilE musculaire.® (Ca me gene, votre
parapluie. Plaut. (bei Marouzeau 210) aurum, ıd fortuna invenilur.
Die Handlung wird als unzerlegte Gesamtvorstellung im
Infinitiv gegeben; der Infinitiv als Objekt ist eindrucksmälsig,
z. B. Horaz Sat. I, 9 misere cupis abire, Terenz Andr. III, 2 reddere
hoc non perdere me misit (— ul reddas).
Der sogenannte Notiz- oder Tagebuchstil gibt eine ganz
unausgewickelte Gesamtvorstellung wieder. Verlaine, Poömes Saturnins,
Effet de Nuit: La nuit. La pluie. Un ciel blafard que dechiquette
De flöches et de tours 4 jour La silhouelle D’une ville gothique Eteinte
1 Es scheint die Sonne könnte man für grundverschieden halten von es
scheint zu regnen, wo es scheint die persönliche Meinung ausdrückt, die Ein-
stellung des Sprechenden zum Inhalt seiner Mitteilung: in diesem Fall wäre
es inhaltsleer und könnte auch fortbleiben: mir scheint, es regnet. Aber in
Wahrheit ist das es nur fortgelassen, weil es eben im zweiten Satzglied steht.
Es regnet = Regen ist, Regen scheint (mir) zu sein. Ich habe den Eindruck
von etwas, das dem Regen durchaus ähnlich ist, das wie Regen aussieht;
= es (wirkliches Thema) erweckt den Schein des Regens. Vgl. er scheint zu
betrügen. Der Unterschied beschränkt sich also auf die verschiedene Bedeutung
von scheinen.
8 Bei Lösch, Der impressionistische Stil der Goncourt, 5. 71. Vgl. auch
L. Spitzer, Das synthetische und das symbolische Neutralpronomen im Franzö-
sischen und Bally, a.a. O.
® Bei Lösch S. 72.
358 ELISE RICHTER,
au loinlain gris. La plaine. Un gıibet plein de pendus raboueris usw.
Er ist ein oft besprochenes Hauptstilmittel des Impressionismus.
Dazu zu stellen ist der anakolute Ausdruck.
12. Erscheint als Hauptvorstellung eines Eindrucks die
Eigenschaft, so verschiebt der Eindruckskünstler die logische An-
ordnung, die Eigenschaft wird als das eigentliche Ding, ihre
Erscheinungsbedingung als Beiwort gegeben. Ze rouge de son
chapeau. Die Bläue des Himmels. Kaiser Rudolfs halige Macht.
Dieser letztere Typus ist tief in die Alltagssprache gedrungen in
der Form der höflichen Ansprache. Form. Augiens.? 369. 19
Avesira benevolentia nobis destinatus, Form. Morbac. passim sanclilas
vesira, Ina beatitudo, tua bonitas, Form. Senonens. 201. 30 almıtas
vesira, 202. 8 dıilecta carılas vestra, Form. Aug. 367.8 vestra saga-
citas, 374 inmensa palernitas vestra, Flavin. 487.18 fraternilas
vestra, ebd. 488 ecscelentiae vestrae, Form. Bitur. 173. 8 salus abundet
altıtudinem culmenis vestri, ebd.fl. misericordia, nobilitas,
gralia, indusiria, fortitudo, magnificentia vel sanchtas vestra,
precamus pielatem vestram, vestrae regalis clementiae carlam,
ad salutem vestrae culmenis, Marini N. 83 /Jaudabilitatem vestram.
Als Gegenstück Form. Bignon. 236. 37 nostra stultitia, Form. Bitur. 174
parvitas, pravilas. Noch jetzt: meine Wenigkeit, Euer Gnade;
Seine Eminenz (— Sein Hervorragendes) ist (sind) ausgefahren usw.
In diesen so alltäglichen Wendungen ist das eine Mal die Macht,
das andre Mal die Erhabenheit, oder die Gnade usw. im Blickpunkt
des Bewulstseins, die Bezeichnung wird daher gewonnen. Gar
nichts anderes tut Rilke, wenn er im „Requiem“ sagt: So wenig der
Feldherr eine Nike festhalten kann am Vorderbug des Schiffes, wenn
das geheime Leichisein ihrer Gottheit sie plötzlich weghebt in den
hellen Meerwind,
P. Adam, Za Force: Enfin, pensa la coldre du jeune homme.
So verschieden scheinbar pensa la colere du jeune homme von sagte
Seine Gnaden, beide kommen aus derselben Wurzel. Der franz.
Typus Ja sveltesse des tailles, la blancheur des colonnes (statt colonnes
blanches) ist schon im Abnehmen, dagegen kommt faille de svellesse
auf (vgl. 10). Der Zsel von einem Bedienten. Der Haupteindruck
„Esel“ überragt alles Übrige, das in Abhängigkeit gesetzt wird.
Dieser Typus erscheint aufs höchste gesteigert bei Leon Bloy:
Ernest Daudet, digne fils de son Alphonse de pere. Die ganze
Verachtung, die Bloy in den Namen Alphonse Daudet legt, konnte
nicht nachdrücklicher herauskommen, als durch diese Heraushebung.
Hierher gehört natürlich auch die Ausdrucksform Assassin
que Iu es. Geld wenn ıch haäll.
Die Bezeichnung einer Person nach der hervorragendsten
Eigenschaft: (der) Ärauskopf, (der) Xote, Naso, nach Stellung und
Beschäftigung Aüster, Müller usw., span. Orofendola < aurium
I Bally, a.a. O. S.ı7 macht aufmerksam, dafs sich solche Wendungen
schon bei Euripides finden, Aaxides neniwv statt „zerrissene Gewänder“.
2 Mon. Germ. Hıst. Leszum N.
IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 359
pendulus (nach Rich. Riegler1 „goldenes Pendel“, vielleicht als
schwebendes Gold geradezu den vodls dmeraudts gleichzustellen,
prov. coupoven — Schneidewind (Turmfalke) Riegler, Bibl. dell’Arch.
Rom., Vol. 3, S.105. Die Bedeutungsentwicklung „pars pro
toto“ z.B. Fähnlen usw.; die Bedeutungsverschiebung von
Konkreten zu anderen Konkreten, z.B. Zisenbahn = Schienen-
weg > „Wagenzug“; dieser springt mehr in die Augen, seitdem
die Tatsache der Schienenwege eingebürgert ist.
Als besonderes Kennzeichen der modernen Eindruckskunst gilt
die Vermischung von Reizen aus verschiedenen Zentren.
Da ist die „audition color&e“ sowohl bei musikalischen Tönen (A dur
= rosa, Dmoll = blau usw.) als bei Vokalen, vgl. das Gedicht
Voyelles von Rimbaud? A nor, E blanc, ] rouge, U vert, O bleu usw.
Bekanntlich ist die Verbindung von Farbe und Vokal bei ver-
schiedenen Versuchspersonen durchaus verschieden.? Die Vermutung
liegt nahe, dafs es sich dabei um Assoziationen handelt, die auf
erste Eindrücke des Kindes- oder Säuglingsalters zurückgehen und
sich festsetzen.
Verwickelter sind die Kreuzungen bei modernen Dichtern.
D’Annunzio, Notturno* [der Laubfrosch klettert mit Hilfe eines
Haferhalmes auf eine Maispflanze] e /a raganella beveva con quel filo
d’avena tulto il verde della Versilhia e lo rendeva in canto al mio
sopore. (Das Fröschlein trinkt alles Grün, gibt es wieder im Ge-
sang für meine Schlaftrunkeit.) 0 negli occhi quel suono d’argento
assordito, cuwi Iremava la levitä del capelvenere. (Ich habe den ge-
dämpften Silberklang im Auge, den die Leichtigkeit des Frauen-
haares zitternd von sich gab.) Vgl. oben, (Subst. statt Adj.): Der
Silberklang des erzitternden Frauenhaars.. Das Frauenhaar ist so
leicht, dafs es nur den allergedämpftesten Ton von sich gibt, wenn
es erzittert. Ich sehe den Klang, den seine Leichtigkeit zitternd
hervorbringt. Rene Schickele (Zeidwache 1914) Pfingsten: Gehör und
Gesicht kennen keine Grenze, wir sprechen mit Mensch und Tier. Was
unser Blick trifft, antwortet „Wir“. E. Ludwig, Remdrandts Schicksal 80:
Ein tiefes Braun, wie von Cellotönen, hat sich aus dem Gold der
glänzenden Zeit gerettet und spielt mit rötlichen und mil olivgrünen
Halbtlönen eine nie gehörte Kammermusik. \gl. Farbensymphonie.
Diese Vermischung von Reizen im Bewulstseinsfeld ist aber
nicht neu. In Zn/. Viv. 6285 heilst es Jant ert bele ... Que dou
veoir estoit grant melodie (Tobler, V. 2. V, 408). Gar nicht zu
reden von dove ıl sol tace und seinen Nachfahren, z. B. Rilke (Sonette
an Orpheus II, 5) das polyphone Licht der lauten Himmel. Neu ist
allenfalls das Hineinbringen des Tastgefühls: Ernst Stadler (Auf-
1 Archiv. Rom. VI, S. 168.
2 Oeuvres, Paris 1924, S. 93, dazu Une saison en enfer, S. 285.
8 Ich sehe a = mattrot, g = weifslichgelb, # = hellgrün, p = orangegelb,
4 — schwarzbraun, g = orangerot, & dunkelgrün usw., die Schliefslaute als
dunkle Linien im Wortspektrum.
* Nach Mario Praz, Cultura 19223.
360 ELISE RICHTER,
bruch 65) Alle Trottoirs sind eng mit bunten Blusen und Madchen-
gelächter vollgepackt, Rilke, „Kleinseite*1 ... hohe Türme voll
Gebimmel, Ginzkey, „Stephansturm“.?2 Sein Fufs erstarrt im Markt-
gebraus von Krämerlichtgeschrei umloht, Stephan Zweig, Verwirrung
der Gefühle 208 Das Zimmer schien plötzlich überfüllt von Dämmerung
und Schweigen. Schweizerisch redensartlich: Der sitzt mir die Stube
voll (— ist lästig lang da). \Wie sagen wir im Alltag, seit undenk-
lichen Zeiten und in allen Sprachen? Ein Aeller, scharfer, spilzer
Ton, eine weiche, grelle, schreiende, satle Farbe. Wilder Schmerz,
glänzende Rede. Siechende, spilze Reden, sü/se Töne; das Gespräch
fortführen, dufliıger Farbenlon, Farbenharmonie, die Tat stınkt zum
Himmel, köimmelschreiendes Unrecht; Ein Bild wachrufen, das schmeckt
nach Verrat. [Cela] sent ... Patheisme (Littr), täter du degöut
et du chagrin (Sevigne, ebd... Graue Stunden, rosige Laune,
ein Gerücht hören und verbreiten. Ihre Schönheit macht viel Lärm.
Blinder Lärm. Hohle Redensart. Dünne Stimme, rührend
Stimme. Lat. odor acufus, vox odscura, dulce visu, dulce auditu
nomen usw.
DI.
14. Expressionismus (Ausdruckskunst) ist die Wiedergabe
von Vorstellungen oder von Empfindungen, die die äufseren
(bzw. inneren) Eindrücke in uns erregen; die objektive Beschaffen-
heit der (Vorstellungs)gegenstände, die diese Eindrücke wachrufen,
kommt gar nicht in Betracht. Die Ausdruckskunst beschäftigt sich
nicht damit, was objektiv vorhanden und wie das objektive Vor-
handensein überhaupt einwandfrei festzustellen ist. Sie gibt das
subjektive Denken und Fühlen über die Dinge, die im
spekulativen Ich vorhandene Idee von den Dingen. Der Aus
druckskünstler sagt nicht, was vorgeht oder was er sieht, sondem
was ihn beim Anblick eines Vorganges oder Dinges bewegt, sein
persönliches Empfinden und sein Urteil (unter Umständen
sein Vorurteil) über die Dinge. Er sieht von jeder Naturwahrheit
von vornherein ab; er zieht die Aufsenwelt nicht als solche in den
Kreis seiner Schilderung; er berichtet seinen Seelenzustand bei
der oder jener Gelegenheit, das, wozu die äulseren Erlebnisse ihn
angeregt haben, oder, um den modernen Ausdruck zu brauchen,
wie er „darauf reagiert“. Die Ausdruckskunst umfalst jede Art,
Innerliches und Nichtsinnliches zu äufsern. Nach Rilke ist das
Wesen des Künstlers: sich sagen, das Tiefeigene, das Ungemein-
same.® Das ist aber auch das Wesen des spekulativen Geistes.
Der Philosoph sagt „sich“, sein persönliches Denken über die
Dinge, wie der Künstler sein persönliches Empfinden sagt.* Das
! Stephan Hock, Zyrik aus Deutschösterreich 1919, r4l.
®2 Ebd. 137.
8 Worpswede: Einer sein, als Künstler, heifst: sich sagen können, 55 ff.
besonders 58. i
% Der heifse Drang, Persönliches zum Ausdruck zu bringen, ergreift heute
auch oft den Wissenschaftler und man hört das Schlagwort, die Wissenschatt,
IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 36 I
innere Erlebnis ist nur subjektiv vorhanden und es wird sich nie
ganz feststellen lassen, ob überhaupt zwei Menschen sich vollkommen
deckende innere Erlebnisse haben können. Von vornherein war
das innere Erlebnis nicht mitteilbar, das mulste, im Laufe zahlloser
Geschlechter, erst erlernt werden. Es ist einer der feinsten seelischen
Vorgänge; denn es gibt ja keinen Ausdruck, der an sich dem
Vorstellungsgegenstand des inneren Erlebnisses vollkommen ent-
spräche, es wäre denn, dals der Einzelne ihn eben dafür frei erfände.
Wie soll aber der Hörer sicher sein, was er darunter zu verstehen
hat? Das Verständnis ist schwer oder geradezu unmöglich, wenn
nicht irgendeine sinnliche Brücke geschlagen wird (Erklärung durch
Vergleich). In der ungeheuren Mehrzahl der Fälle wird das Nicht-
sinnliche von vornherein durch Vergleich mit dem Sinnlichen mit-
geteilt. Der Hörer soll aus diesem auf den inneren Vorgang
schliefsen. Der Ausdruck war ursprünglich kräftig bildhaft. Ein
nach innen Schauender zog z.B, um die schwere Arbeit seiner
Gedanken zu schildern (= mitzuteilen), den äufseren Eindruck des
Wiegens, Er-wägens (= die Last heben) heran. Jede Vergleichung
eines Nichtsinnlichen mit einem Sinnlichen ist durchaus subjektiv
und expressionistisch. Der Sprecher wirft seine Vorstellung nach
aufsen, wie es Rilke in dem Gedicht „Das Einhorn“ ausspricht
(Neue Gedichte I, 39): Seine Blicke, die kein Ding begrenzte, warfen
sich Bilder in den Raum. (Es hat nicht äufsere Eindrücke, die
durch das Auge ins Bewulstsein dringen, sondern umgekehrt: was
es „sieht“, sind Bilder, die aus dem Inneren in den Raum geworfen
sind, wie aus einer Laterne). Das innerlich rein subjektiv Erschaute
wird durch Versinnlichung objektiviert und damit anderen zugänglich.
Wenn also Goethe die zwei Seelen in seiner Brust vergegenständlicht
als Faust und Mephisto, als Tasso und Antonio, so verfährt er
expressionistisch. Schiller wirft das Phantasiebild des Bösen in
die Aufsenwelt in der Gestalt des Franz Moor usw. Die expressio-
nistische Tätigkeit kann somit als die Vergegenständlichung des
innerlich Erschauten angesehen werden. Sie kann die mannigfachsten
Formen haben:
15. Die Vergleichung innerer Zustände mit Natur-
vorgängen. Mallarme& 30 Des crepuscules blancs tiedissent sous mon
erdne. Matte Frühlingsstimmung. Im Altfranzösischen war /umer
„rauchen, dampfen“ ganz gewöhnlich für „zornig sein“,1 vgl. übrigens
auch: er dampft vor Zorn, Ich habe „wie edel im Gehirn“. Zeim
im Gehirn. 7’as du noir (ich bin traurig).
das Universitätskolleg, soll „Erlebtes“ geben. „Erleben“ heifst etwas mit eigenen
Gefühlswerten durchsetzen, es in sein Gefühlsleben aufnehmen. Gewils soll
der Wissenschaftler mit vollster Anteilnahme an seiner Arbeit sein — ohne
die sie nie gelingen könnte — gewils soll er über nichts berichten oder urteilen
(z. B. eine Dichtung! oder ein Buch!), was er nicht aus eigener Anschauung
kennt, aber es liegt jetzt die Gefahr nahe, dafs subjektives Empfinden an die
Stelle der objektiven Beobachtung trete, die eben das Wesen der Wissen-
schaft ausmacht.
ı Vgl. E. Richter, Zabak trinken, ZVglSprf. LV, S. 147.
362 ELISE RICHTER,
Die Verlegung der eigenen Stimmung in Auflsenwelt-
dinge, die unter ganz anderen Daseinsbestimmungen bestehen
oder überhaupt unbelebt sind. Da ist vor allem das Erfüllen
der Natur mit Stimmungsgehalt: der muntere Bach, die
lachende Sonne, der drohende Fels. Von Verlaine sagt Heifs,!
die Landschaft ist das Gefäls für seine Stimmung. Leon Bloy
spricht vom schlafenden Ozean, Jules Laforgue? Za mer au
solennel bassın, Rimbaud Za vitre qui rit la-bas, Andre Fontainas
(Allee de Glaieuls) des jones sanglolants.?
Statt zu sagen, was tatsächlich in uns vorgeht, verlegen wir
den Vorgang nach aulsen: Da erwartet mich ein schöner
Ärger. Steph. Zweig, Verwirrung der Gefühle 223 Das Zimmer, wie
immer vollkommen abgedunkelt, erwartete uns mit vertrauter Däm-
merung. Aber nicht nur Stimmungen, sondern auch Bedeutungen
werden expressionistisch in die Landschaft gelegt. Wir deuten
Felsen zu Burgtrümmern um und dichten zu den Trümmern die
einstigen Bewohner u.ä.
Die Vergöttlichung der Natur. Sie ist der erste Schnitt
auf einem langen Wege geistiger Entwicklung. Wir verlegen unsere
Empfindung des Göttlichen (in irgend einer Form), unser Bedürfnis
nach dem Göttlichen nach aulsen. Das Weitere ist dann die
sinnliche Gestaltung des Gottesgedankens bis zu voller Vermensch-
lichung; die sinnliche Ausdrucksform für irgendein Nichtsinnliches,
z. B. die Verkörperung des griechischen Schönheitsideales im Bilde
der Helena oder Rembrandts Darstelluug des Erdgeistes unter der
Form eines magischen Zeichens,
16. Die Personifikation ist nicht zu verwechseln mit dem
Animismus. Die Beseelung entwickelt sich auf Grund von Ein-
drücken (vgl. $ 6), die Verkörperung ist freischaltende Phantasie- oder
Denktätigkeit. Rosny Aine, Marthe Baraquin, 233 Z’4E trama ses
robes somptueuses dans le crepuscule, Melot du Dy, Le Sot 1’y laisse!
Pourquoi me suis-je levE Si malin, perdu de röver Le dolent destin
relöve Son visage mal lave. Der Dichter stellt, recht gut zeichnend,
sein wehvolles Geschick mit schmutzigem Gesicht dar, wie Rosny
die geschilderte Empfindung des schwülen Sommerabends durch
frainer ses robes sompiueuses. Oder Giraudoux, Suzanne 21 La plane
June ... se donnait le secret d’une lune masqguee. Francis de Miomandre,
Ecrit sur de l’eau (1908), 54 une de ces phrases tremblantes di
reconnaissance et qui ont la main sur le coeur. Diese „halbe“
Personfikation ist, literaturgeschichtlich und volkskundlich, seltener
und später als die ganze Personifikation, die fast immer und überall
zu belegen ist, vor allem für dichterische Zwecke, z. B. Barbusse
„Apolhlose* (Pleureuses), eine Verherrlichung der hohen hingebungs-
ı N. Spr. XXIX, 101.
®? Camille Mauclair, Jules Zaforgue XI.
8 The Times Literary Supplement 1921 8. D:z.
* L’Expansion Belege, Brüssel 1921.
IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 363
vollen Arbeit in einem nicht zu überbietenden Stimmungsgemälde
der Dämmerung.
I Mes yeux lasses du jour qui ment,! La joue un peu creuse sourit
O ma sainte, seule en novemdre, D’un sourire de sacrifice ...
Vous cherchent adorablement
Dans la priere de la chambre, 6 Votre cou noyd, frele A voir,
Vous soutient de douce Epouvante,
2 Je m’arr&te au seuil sans cowleur Perdue en musique du soir,
Le grand deluge vous abtme, Infinie, & peine vivante ...
Et dans quelque coin de douleur,
Vous &coutez, travail sublime. 7 Je vois votre coeur rayonnant
Dans la candeur cr&pusculaire.
3 Grise dans le soir en suspens Je vois, docile, maintenant,
Comme heureuse de jours sans Que votrebonte& vouse&claire...
nombre,
8 A force de tranquillite,
Votre front s’incline et s’&tend, :
Vous brillez comme aupr&s d’un
Dans un cantique de penombre.
| cierge,
4 Peu d peu mes regards du jour Dans le soir de realıitd
S’habituent A votretendresse... Oü vous &tes un peu la Vierge.
Je comprends l’indistinct amour,
Et le mystöre de caresse 9 La nuit tombe avec ses rayons
Et sanctifie en Zaix immense
5 Sur latempe un doigt s’attendrit, La gloire dont nous d£faillons,
Comme un saint et souffrant office; A genoux, au coeur du silence.?
Die Allegorie: Alles äufserlich Erschaute ist nur ein Gleichnis.
Der Beschauer setzt das nichtsinnliche Wesen dem äulserlich Er-
scheinenden gleich, sieht in diesem nur das Bild jenes, legt ihm
einen Sinn unter, der objektiv ganz fern liegt (un’allegoria 2 nascosta
in ogni figura del mondo, d’Annunzio, Contemplazione della morte XI).
Die Metapher, z. B. Mallarme in dem schönen Gedicht
Le Guignon ı2: Die groflsen Unglücklichen ... voyageaient sans
pain, sans bdlons et sans urnes, Mordant au citron a’or de lideal
amer. Doppelte Verschränkung. Die goldene Frucht des Ideals,
das Ideal bitter wie die Zitrone. Leon Bloy, Zemme Pauvre gı Il
ne lui restait plus gwWun inlolerable degoüt pour le mistrable amant
dont ... U’dtonnante lächelE Vavait saturde de tous les crapauds du
möpris et de l’aversion.
Der hyperbolische Ausdruck: eine See von Plagen, furchtbar
gern usw.
Das Symbolisieren. Die Scheidewand zwischen Geistigem
und Irdischem fallt. Einerseits ist alles vergeistigt, andrerseits kann
der Mensch sich auch an jede Stelle und in jedes Gebilde ver-
setzen. MM® de Noailles (Paroles dans da nuit, in La Plöiade, 1921).
1 Die Schilderung der Dämmerung in ihren zahlreichen Schattierungen
ist von mir kursiv, die Personifikation gesperrt gedruckt.
2 Auf den Knien, am stillen Busen der hohen Arbeit, wird uns statt
des Ruhmes, den wir entbehren müssen, unendlicher Friede.
364 ELISE RICHTER,
Je suis le haut cypres, debout sur la pelouse, Dont la branche remue
au pas du rossignol, Mais qui reste immobile et qui benit le sol.
Ebenso symbolisch bei Rilke, Sonette an Orpheus I], ı2 [Ohne
unseren wahren Platz zu kennen (im Weltganzen), handeln wir aus
wirklichem Bezug (= Beziehung)], Die Antennen fühlen die Antennen,
und die leere Ferne trug.
Das Typisieren. Der im Leben nie erschaute „Typus“ an
sich, das ist die platonische Idee der Sache, kann nie eindrucks-
mäftig dargestellt werden. Die Aufsenwelt liefert die Einzelstücke,
die Gedankenarbeit die Allgemeinvorstellung. Mit welchem Mittel
immer diese allgemeine Vorstellung ausgedrückt wird, der Ausdruck
ist expressionistisch. Die mittelalterlichen Realisten, die Platonisten,
die der Idee ein objektives Dasein zusprechen, sind Expressionisten.
Die romantischen Philosophen, die die Aufsenwelt nur als das
Nicht-Ich erkennen, d.h. das Ganze nur an dem einzigen Malsstab
des Eindrucks auf das Ich messen, sind Impressionisten. In die
Einzelerscheinung den „Typus“ hineinlegen, der unserer Denkarbeit
entspringt, ist expressionistisch. Eine allgemein geübte Art des
Typisierens begegnet uns in der Bildnismalerei, wenn ein dicker
behaglicher Herr „der Kommerzienrat“ wird. Anders verhält es
sich z. B. bei Egon Schiele, der in das Bildnis Züge hineinlegt und
einen Typus schafft, dem der Gemalte innerlich gar nicht entspricht,
z. B. ein magerer Herr, Kanzleibeamter, wird zum Verbrechertypus
herausgearbeitet. Er hatte so auf den Maler „gewirkt“. Im
Gegensatz zu Ibsens Maler Rudorf (Wenn wir Toten erwachen),
dem alle Arten von Tierzügen aus den Gesichtern entgegenstarren
und der, indem er Fratzen in die Bildnisse hineinzeichnet, nur malt,
was er sieht (eindrucksmälsig).
17. Von der ausdrucksmäfsigen Naturbelebung ist es nur ein
Schritt zur modernen Gegenstandslyrik. Sie füllt eine der
bedeutungsvollsten Seiten der modernen Dichtung. D’Annunzio,
Notturno (a. a. O. 122): Ze rondinı rissano e stridono con furores
vedo in un angolo due inafflatoi capovolli: e non so perchd, mi dann
ıl senso del silenzio, fanno una pausa negli stridii laceranti. Die um-
gestürzten (also „ruhenden“) Giefskannen vermitteln ihm den Ein-
druck der Stille; in dem durchdringenden Schreien der Vögel stellen
sie eine Pause dar. Rilke, Neue Gedichte II, (113) Der Ball: Du
Runder, ... Du zurschen Fall und Flug noch Unentschlossener, der,
wenn er steigt, als hälte er ıhn mil hinaufgehoben, den Wurf entführt
und freilä/st, und sich neigt und einhalt und den Spielenden von oben
auf einmal eine neue Stelle zeigt, sie ordnend wie zu einer Tansfıgur,
und dann, erwartet und erwünscht von allen, rasch, einfach, kunstios,
ganz Natur, dem Becher hoher Hände zuzufallen.
M. Fontainas, Cantique des Colonnes (La Pleiade)
Si froides et dordes De nos lits de cristal
Nous fümes de nos lits Nous fümes dveillees,
Par le ciseau tirdes Des ongles de metal
Pour devenir des Iys! Nous ont appareillees.
IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 36 5
Pour affronter la lune, Pieusement pareilles,
La Zune et le soleil, Le nez sous le bandeau,
On nous polit chacune Et nos riches oreilles
Comme ongle de l’orteil. Sourdes au blanc furdeau.
Servantes sans genous, Un temple sur les yeux,
Sourires sans figures, Noirs pour Üdternite,
La belle devant nous Nous allons sans les dieux
Se sent les jambes pures.! _ A la divinite.
Man kann sich nicht nachdrücklicher in die Säule versetzen; das
Lächeln ohne Gesicht, die für alle Ewigkeit schwarzen, d.h. nicht
vorhandenen Augen besagen, dafs es sich nicht um Karyatiden
handelt. Die Säulen, die leuchtenden, deren Politur Sonne und
Mond beschämt, die den Tempel tragenden, lilienweilsen, in fromm
hingebender Arbeit gleichgemachten, sie, die Gegenstände, daher
ohne Götter, gelangen zur Göttlichkeit kraft ihrer Schönheit und
Eignung für den Tempel. Die Besingung der Lokomotive und
das Sich in die Eisenbahn Versetzen des Iyrischen Dichters geht
nicht erst auf Verhaeren zurück? sondern ist schon viel älter. Die
Dichter des jungen Deutschland haben sich bereits dieses Stoffes
bemächtigt. Karl Beck: Rasend rauschen rings die Räder, Rollend
grollend, stürmisch sausend, Tief im innersien Geäder kämpft der
Zeitgeist freiheitsbrausend. Dann Gerhard Hauptmann, „Im Nacht-
zug“ und Fontane, „Die Brücke am Tay“. Gerrit Engelke (} 1918
vor Cambray), „Lokomotive“ schildert das zwanzigmeterlange Tier,
das des Winks harrt, um aufzuspringen.? Unvergelslich bleibt die
Beseelung der Lokomotive in Zolas „Bete Humaine“.
Der Dichter fühlt sich in den Gegenstand ein, lockt gewisser-
malsen aus dem Gegenstand Vorstellungs- und Gefühlsverbindungen,
die ganz und gar nicht in ihm liegen. Der Gegenstand wird be-
handelt, als ob er selbständig lebte und zwar gerade in der
Gefühls- und Gedankenrichtung des Dichters lebte. Das „als ob“
ist ausdrucksmälsig, während das „wie wenn“ eindrucksmälsig ist.
Etwas macht den Eindruck „wie wenn es ... wäre“. Alles was
sich auf den Schein bezieht, ist eindrucksmälsig, alles Spekulative,
Intuitive* ist ausdrucksmälsig. Man kann kurz sagen: Der Fx-
pressionist folgt der Eingebung, der Impressionist dem Eindruck.
Sobald der Schein willkürlich erweckt wird, laufen Expressionismus
und Impressionismus zusammen. Vgl. $ 20.
Häufig legt der Dichter nicht nur realen Dingen seine An-
schauungsweise unter, sondern auch geschichtlichen objektiv
vorhandenen Persönlichkeiten. Geschichtliche oder sagenhafte
I Ich gestehe, dafs mir diese zwei Zeilen nicht klar geworden sind,
3 L’En-Avant, Les Forces tumultueuses, 154.
3 Dr. Franz Pfeffer, Die Iyrische Lokomotive, Neues Wiener Tugblatt
1927, 12. Febr.
* Friedrich Schürr, Sprachwissenschaft und Zeitgeist, 1922, S. 19 ff. setzt
Expressionismus = Intuition.
366 ELISE RICHTER,
Stoffe behandelt er nicht wie der Naturalist nach Mafsgabe der
überlieferten Wirklichkeit, sondern er schafft sie willkürlich um;
Schiller stellt eine Jungfrau von Orleans hin, wie sie seinem
dichterischen Bedürfnis genügt. Hoffmannsthal, der Moderne,
legt in die „Elektra“ einen Konflikt, von dem die alte Überlieferung
nichts weils usw. Der Erzähler benützt eine beliebige Gestalt als
Gefäfs für seine eigenen Anschauungen und Empfindungen; die
geschichtlichen Umrifslinien bieten ihm nur Gelegenheit zu ganz
persönlichen Auslassungen. Das gehört in das Gebiet des Ex-
pressionismus.
ı8. Nach dem Gesagten ist es klar, welch aufserordentlichen
Anteil der Expressionismus im Sprachleben hat. Da ist vor allem
der urtümliche Sprachakt als Ganzes, wenn man von den Schall-
nachahmungen und den Reflexlauten (Interjektionen) absieht. Der
Sprachakt an sich ist nicht zu verwechseln mit der impressionistischen
Sprechweise, die sich eines vorhandenen Ausdrucksmittels bedient.
Die Fähigkeit, ein inneres Erlebnis auf einen Sprachakt zu beziehen
und auf diese Weise nach aulsen zu bringen, muls als zum Gebiet
des Expressionismus gehörig anerkannt werden. In letzter Linie
ist jedes Mittel der Mitteilung expressionistisch, das die Stellung-
nahme des Ichs zu irgend einem Vorgang oder Zustand ausdrückt.
Die wichtigsten hier aufzuzählenden Kapitel der Grammatik
herausgreifend, sind expressionisch:
Die Entsinnlichung des Atisdrucks und die daraus sich
ergebenden Möglichkeiten reuer Verwendung: Umwälzung m
Beleuchtungswesen, diese Vorstellung /rift auf „.., ist ein-
gebürgert, Bewegung machen (ursprünglich = wirken —=kneten!) usw.
Jede Neubildung zur Schilderung eines Gemütszustandes,
z. B. s’illimiter sich ins Grenzenlose verlieren, die engen Natur-
schranken durchbrechen.!
Die Bedeutungsübertragung vom Konkreten auf das
Abstrakte: Schule, Ces grands efforts de Vesprit ou Ü’öme touche
quelguefois (Littre, toucher). begreifen. Sehr lehrreich ist, wenn
so ein entsinnlichtes Wort wieder einmal rein sinnlich genommen
und uns der Vorgang in greifbare Nähe gebracht wird: Rilke,
Requiem ı0, Ich begreife. Ganz wie ein Blinder rings an Ding
begreift, Fühl ich dein Los und wei/s ihm keinen Namen. Vom
Konkreten auf das in ihm enthaltene Kollektive: das Haus tagt;
vom Urheber auf das Bewirkte: die dlinde Scheibe (die am
Sehen verhindert), vom Beginn der Handlung auf das Ziel:
trouzer. Bedeutungsveränderung durch Gemöütsanteil (Ver-
schlechterung, Verbesserung u. ä.). Die Entwicklung verschiedener
Suffixe wie -one und -ın0 casone, casıno u. a, Euphemismus jeder
Art. Zu dem sogenannten „affektischen* Bedeutungswandel gehört
u. a. auch die Bedeutungsentwicklung der Präpositionen aus der
konkreten zur übertragenen Bedeutung, z. B. über = ursprünglich
ı Heifs, X. Spr. XXX, 5. 123.
IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 367
„rein örtlich schwebend“, affektisch „schützend“1 auch „drohend*,
„unheilbringend* usw.
20. Der Ausdruck der Stellungnahme des Sprechers zum
Inhalt seiner Mitteilung; sei es Wunsch, Ungewilsheit, Zweifel usw.,
also alle Formen des „irrealen“ Satzes: On dirait; guil mourül;
si je savais; Musset, Lorenzaccio 10 mais que je meure, [je ne
mourrai pas silencieux], wenn ich schon sterben soll; 7 sarebbe
smarrito am Ende hatte er sich verirrt; non lo avrebbe detlto er wird
es nicht gesagt haben, (denkt sich X). Diderot, Zntretien d’un
Philosophe: On croit, et tous les jours on se conduit comme sı l’on ne
croyait as. Nach Ordinalzahlen und nach dem Superlativ?
(le premier que je connaisse) drückt der Konjunktiv die persönliche
Einreihung aus, ist also expressionistisch.
Das Futurum als Form der Voraussetzung: Horaz, Sai. 1,9
noris nos — bu ne seras Pas sans me connailre (Marouzeau, Ze Latin 263).
Das franz. Futurum als erzählende Form: Renan, Vıe de
Jes. Chap. XXIV Zelas/ ıl faudra plus de dix-huil cents ans pour que
le sang qu'il va verser porte ses fruils. En son nom, durant des sitcles,
on ınfligera des tortures usw. Der Erzähler versetzt sich in die
Vergangenheit, auf den Standpunkt der damaligen Zeitgenossen und
erblickt von da aus das ihm als geschehen Bekannte in der Zukunft.
Selbstverständlich ist aber die Form der Gewifsheit auch
expressionistisch. Die Urteilsfällung ist eine subjektive Meinungs-
äulserung, daher ist jedes Urteil expressionistisch, auch wenn es
in der Form der objektiven Behauptung auftritt. Diese Form
bedeutet ja nichts anderes, als dafs der Sprecher seine Meinungs-
äulserung für objektiv gültig hält. Ob dieses Fürgültighalten an
sich gerechtfertigt ist oder nicht, kommt dabei nicht än Betracht.
Der „Aussage“satz, der „Behauptungs“-satz drückt die Einstellung
des Sprechers zu seiner Mitteilung nicht weniger deutlich aus, als
der Bedingungssatz, der Fragesatz usw.
Ironie wie jede andere Einstellung des Sprechers zum Inhalt
seiner Rede wird formal oder musikalisch (durch den Tonfall) ex-
pressionistisch ausgedrückt.
Der Dativ der näheren Beteiligung (er ist mir krank
geworden).
Der Plural als Ausdruck der Autorität, oder der Bescheidenheit,
oder der gemütlichen Zusammenordnung 3 (Nehmen wir die Medizin).
nl.
20. Impressionismus und Expressionismus als künst-
lerische Stilform gehen vielfach ineinander über — ganz abgesehen
von dem oft schwankenden Bedeutungsinhalt beider Ausdrücke.
1 Hans Sperber, Zur Bedeutungsentwicklung der Präposition Über.
3 Leo Spitzer, Urtümliches bei romanischen Zuhlwörtern, ZRPh. 45, 5.9.
8 Vgl. Havers’ fesselnden Aufsatz „Zur Bedeutung des Plurals“ in Fest-
schrift für Paul Kretschmer.
3068 ELISE RICHTER,
Die äufsersten Grenzpunkte können festgestellt werden, die inneren
Grenzen sind flielsend, weil das Kunstwerk, häufiger als man an-
nimmt, beide Stilformen aufweist. Der Maler z. B. hat die Idee
eines Farbenschmelzes, den er durch einen nackten Körper inmitten
bekleideter, um einen Tisch sitzender Gestalten zum Ausdruck bringt
(Ausdrüäckskunst bei Manet). Diese Farbenidee stellt er aber technisch
eindrucksmälsig dar, so dafs beide Stilrichtungen auf demselben
Bilde vereinigt sind. Beethoven nimmt die Landschaft zum Thema
seiner VI. Symphonie. Die fröhliche Stimmung beim Anblick der
Landschaft — also seine Empfindung — drückt er in musikalischer
Form —expressionistisch — aus (I. Satz). Aber im II. und III. Satz
gibt er die Eindrücke wieder, die er empfängt, das Murmeln
des Bachs, das Schwirren der Mücken, die huschenden Sonnenlichter
auf den Wellen (dazu die Tierstimmen mit naturalistischer Treue),
die Schwüle und das Gewitter — alles das impressionistisch.
Wenn dagegen Richard Straufs in seiner Alpensymphonie echte
Kuhglocken, Alpenhörner und Donnermaschine verwendet, so ver-
fährt er mit einem Realismus, der den künstlerischen Rahmen
sprengt, wie die Einfügung wirklicher Edelsteine in die byzantinischen
Heiligenbilder.
Rimbaud, Zes dauvres d l’iglise 56: Naturalistische Schilderung
des Eindrucks, wie sie auf den Eichenbänken sitzen, ihre stinkige
Ausatmung die Kirche füllt, usw. Dann /es Sauvres ... tendent leurs
oremus risibles el lötus expressionistisch. Ihm, dem Beobachter,
kommen ihre Gebete lächerlich und eigensinnig vor, — weil sie
ihnen nichts nützen; den Betern sind sie ernst, und sie wirken
nicht an sich lächerlich, sondern der Dichter legt die Vorstellung
des Lächerlichen hinein. In einem andern Gedicht vergleicht
Rimbaud! die Schemel im Gastzimmer mit seltsamen Kröten (ein-
drucksmälsig); den Vergleich überspringend setzt er sofort mit dem
Verglichenen ein, leiht ihm geheimnisvolles, gespenstisches Dasein
(ausdrucksmäfsig) in durchaus subjektiver Phantasiearbeit. Der Baum-
strunk macht den Eindruck eines Gnoms (Impression.); unsere
Phantasie verleiht ihm Leben, spinnt die Geschichte des Gnoms aus
(Expression... Mallarme, Ze sonzeur 37, vergleicht die Glocke mit
dem Ideal (expression.) j’ar beau firer le cable d sonner V’ldtal ...
Diese Ähnlichkeit zu sehen, ist eine rein persönliche Einstellung.
Aber die Ausführung, wie der Glöckner die Glocke zieht, ist
impressionistisch: Ze sonneur ... chevauchant! trisiement en geignant
du lalın Sur la fierre qui tend la corde seculaire, usw. Es ergibt
sich, dals eine Etikettierung der Kunstwerke, eine saubere Einteilung
in Fächer nur theoretisch möglich ist, nicht praktisch.
21. Die Zusammenrückung zweier Vorstellungen wie Vafer und
Haus in das genetivische Verhältnis ist eindrucksmäfsig, wo es sich
offenkundig um Besitz- oder Teilverhältnis handelt: Vaterhaus,
Druderkufs, Tischfufs, Brautschau, dagegen ausdrucksmäfsig, wo &
15.39,
IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 369
sich um ein Zweck- oder Zielverhältnis handelt, das nicht durch
einen Eindruck, sondern durch Überlegung ins Bewulstsein kommt.
Tischtuch (für), Leichenhalle (für), musikliebend (— Akk.), gotlergeben
(—= Dat... Man könnte sagen: z/e und /s sind impressionistisch,
ego ist expressionistisch.
Das Herausstofsen der ungegliederten Gesamtvorstellung
in einem Wortstamm ist impressionistische Ausdrucksweise, das
Verwenden der zu Flexionssilben erstarrten Stämme expressio-
nistische. Der Imperativ der 2. Person, soweit er reiner Stamm, ist
impressionistisch, der Konjunktiv ursprünglich expressionistisch.
22. Die von mir versuchte Aufteilung aller Wortstellungs-
vorgänge in „persönliche — „sachliche“ oder „nichtrücksicht-
nehmende* — „rücksichtnehmende“ deckt sich keineswegs mit der
Einteilung Impressionismus— Expressionismus. Man könnte zwar an-
nehmen, dafs die Anordnung der Wörter je nach dem Haupteindruck
„eindrucksmässig“ verfährt; aber dann muls man den Begriff der
Hauptvorstellung ganz ausdrücklich auf das innere Erlebnis beziehen.
Schade! (ausdrucksmälsig) Zeuer! (eindrucksmälsig) sind beides un-
zerlcgte Gesamtvorstellungen. Andrerseits kann eine eindrucks-
mäfsige Darstellung in sachlicher Wortstellung gegeben werden:
Verlaine (Jadis et Naguere), L’Angelus du Matin 88 La plaine brille
au loın et fume. Un oblique rayon venu Du soleil surgissant, allume
Le fleuve comme un sabre nu. Die Voranstellung des subjektiv
Wichtigsten ist eindrucksmäfsig: Francis de Miomandre, Zerit sur
de l’eau, 27 Pour un rien, je ne renirais pas, Es hing nur an
einem Haar, so wäre ich gar nicht mehr heim gekommen! Rol. 1031
Luisent cl helme.! Doch ist zwischen diesen beiden Beispielen ein
malsgebender Unterschied. Im letzteren handelt es sich um einen
starken äufseren Eindruck, im ersteren um die Einstellung des
Sprechers zum Inhalt der Rede, folglich ist im ersteren Beispiel
„expressionistisch*“ und „impressionistisch* zusammengefallen,
während das zweite rein impressionistisch ist.
Von besonderer Wichtigkeit ist der Umstand, dafs sich doch
so häufig der Sprecher in die Seele des Hörers versetzt und
in der Absicht, einen ganz bestimmten Eindruck bei ihm zu erzielen,
die Form der Mitteilung in diesem Sinne berechnet. Wir
müssen also unterscheiden: ı. Den ersten Eindruck des Sprechers
(das Urbild), 2. seine Wiedergabe (Abbild), die im Hörer
3. das Abbild dieses Abbildes hervorruft (das Nachbild). Gelingt
die Hervorrufung des Nachbildes nicht, so weils der Hörer eben
gar nicht, wie das Abbild bzw. das Urbild beschaffen war. Der
Sprecher — sowohl der einfache Durchnitt wie der Künstler —
berechnet die Wirkung des Abbildes, damit das Nachbild seiner
Absicht entsprechend erstehe. Er führt es für verschiedene Hörer
verschieden aus. Wenn wir unseren Stoff im Universitätskolleg
ı Vgl. Richter, Zur Klärung der Wortstellungefragen, ZRPh. XLII,
S.714ff, Lerch, Zyden der Wortstellung, Idealistische Neuphtlologie 5.105.
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII. 24
370 ELISE RICHTER,
anders gestalten als im volkstümlichen Kurs, so tun wir nichts
anderes, als dals wir berechnen, wie wir das gewünschte Nachbild
zustande bringen. Nicht anders verfährt der Photograph bei der
Einstellung der Linse mit Rücksicht auf die Entfernung und Aus-
dehnung des Gegenstandes einerseits, die Grölfse und Schärfe des
gewünschten Bildes andrerseits.
Soll also im Hörer das Nachbild eines impressionistischen Aus-
drucks erstehen, so wird der Sprecher — ganz abgesehen von
seiner augenblicklichen Einstellung zu dem Inhalt seiner Rede —
ein impressionistisches Abbild schaffen, also auch dann, wenn
er selbst im Augenblick der Erzählung gar nicht impressionistisch
erlebt, z. B. bei der Erzählung eines längst verflossenen oder er-
fundenen Vorkommnisses, Diese gefühlerregende Rede ist
sekundär impressionistisch und mus von der primär im-
pressionistischen, gefühlerregten Rede ganz gesondert
werden.
“Wenn der Sprecher bei der Ausführung dann realistisch
verfährt, so ist das nur eine Stilfrage.e Denn Realismus ist eine
Art der Darstellung, kein Grundsatz der Auffassung. Der Impressionist
kann realistisch schildern oder seinen Eindruck nur flüchtig an-
deuten, ebenso der Expressionist seine Empfindung oder Vorstellung.
Dante übermittelt uns seine Vorstellungen des nie geschauten Jenseits
expressionistisch mit dem Realismus des Alltäglichen, aufs schärfste
Beobachteten.
Die niedrigste Ausdrucksform ist die vollkommen direkte
Rede: je lui dis: viens donc, il me ripond: je ne peux pas. Je lui
dis ... usw. Die Einführung der indirekten Redeform setzt
die Fähigkeit des Sprechers voraus, nicht impressionistisch im Sinne
des gegenwärtigen Eindrucks zu berichten, sondern den Vorgang
von seinem eignen gegenwärtigen Standpunkt aus gewissermalsen
perspektivisch zu gestalten (Verwendung des Konjunktivs und aller
anderen Arten der indirekten Rede). Ein künstlerisch berechneter
Impressionismus ist u.a. die Verwendung der vergangenen Zeit-
form zur Berichterstattung über Dinge, die der Zeit nicht unter-
liegen, z. B. Die Strafse def dem Flufs entlang und führte zu
einem See, um den die Berge sich im Halökrers erhoben. Die Stralse
läuft noch, die Berge erheben sich noch. Aber der Erzähler drückt
durch das Imperfekt den Eindruck aus, den der Wanderer
hatte, als er damals die Strafse ging. Er ging und Aatte den
Eindruck des entlang fliefsenden Gewässers; er kam zu einem
See und erlebte den Anblick der im Halbkreise sich erhebenden
Berge.
Desgleichen ist es ein aus künstlerischer Erwägung oder
auch nur aus gesprächsmälsiger Lebhaftigkeit entspringender
Impressionismus, die Erzählung eines — notwendigerweise —
vergangenen Geschehens in die Gegenwart zu versetzen (er-
zählendes Präsens) und so dem Hörer den Eindruck des Mit-
erlebens zu geben.
IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 371
Hierher gehört auch die Wiedergabe der Rede im siyle indirect
Jibrei (— Walzels „erlebte Rede“). Der Erzähler tritt hinter der
Person, die er redend oder denkend einführt, ganz zurück, und
lälst sie also gewissermalsen selbst wirken, z. B. /e demandais, oü
l avant et. 11 n’dtait pas sorti (Antwort des Gefragten. Wo
es sich um das Denken anderer Personen handelt, tritt natürlich
die oben besprochene Vermischung beider Ausdrucksweisen ein.
Auf dem engen Raum, der mir zur Verfügung stand,? den
Meister verchrungsvoll zu begrüfsen, konnte ich eine vollständige
Lösung meiner Aufgabe gar nicht ins Auge fassen. Weder in
Bezug auf die Untersuchung aller sprachlichen Vorgänge, noch in
Bezug auf die aus allen Sprechweisen heranzuziehenden Beispiele.
Der Gedanke, dafs alles sich mit Impressionismus und Expressionismus
erklären lasse, ist von vornhcrein abzuweisen, da zahlreiche Er-
scheinungen des Sprachlebens auf ganz anderen Ebenen liegen.
Es sollte nur auf einem neuen Wege gezeigt werden, wie ununter-
brochen die Linien vom „verstiegenen“ Ausdruck des originellsten
Kopfes zum „ledernsten“ Grammatikabschnitt laufen. Das grellste
Neue wird abgebraucht, das alltäglichste Älteste war einmal mafslos
gewagt. Grammatik ist das jeweilig Feststehende einer Sprechweise,
Stil das Fliefsende. Die in der Grammatik gebuchten Formen sind
das, was jedermann jederzeit zur Verfügung steht; sie gibt den
objektiven Sprachgebrauch. Stil ist der subjektive Sprachgebrauch ;
zunächst Privateigentum, geht er ganz oder in einzelnen Formen
in den allgemeinen öffentlichen Besitz über, das ist Grammatik.
Daher müssen wir, um über Expressionismus oder Impressionismus
einer Ausdrucksform zu urteilen, vielfach auf die Zeit zurückgehen,
in der sie Neuschöpfung war. Der Stil fliefst aus dem grammatischen
Becken und mündet wieder hinein. Die kühnste Wendung von
heut kann morgen oder übermorgen Grammatik sein.
ELisE RICHTER.
ı Vielerlei Belege bringt das aus ganz anderen Gesichtspunkten gearbeitete
Buch von Dr. Margarete Lips, Ze style indirect libre, Bibl. scientifique, 1926,
Paris.
® Und bei dem — fast allgemeines Geschick der Festschrittbeiträge! —
zu nahe gesteckten Zeitpunkt der Fertigstellung.
24*
Zur Syntax des Reflexivpronomens.
Jarre taıre — faıre se laıre.
Aliud est latine, aliud grammatice loqui.
Quintilian, Instit. orat. I 6, 27.
Der offensichtliche Ausfall der reflexiven Fürwörter mo’ (me),
nos, vos, so vor dem Infinitiv in Fügungen wie Je me garni de [moi]
defandre,; Or nos doinst dieus sı [nos] demeners; Qui vous enseigne
a [vous] couvrirs Et se einent de [soi] mal retraire u. dgl. würde
nach Tobler, Verm. Beitr. V,26fl. als eine Erscheinung dxö xoıvot
zu deuten sein, indem das pronominale Objekt des regierenden
Satzes zugleich die Funktion eines zu dem Infinitiv gehörigen
Objektes zu versehen bestimmt wäre, so dafs mithin trotz der
Wortstellung nicht zu entscheiden wäre, welches von den beiden
erforderiichen Objekten unterdrückt worden sei. Man sieht sofort,
dafs die Annahme solcher doppelten Funktion nur dann zulässig
wäre, wenn es sich ausnahmslos um die Pronomina der ı. und
2. Person (me, fe, nous, vous) oder um das refl. Fürwort se handelte,
und mit vollem Recht hat daher schon Georg Cohn, Zs. f. re. Spr.
u. Lit. XLIll3i4, z24ff. in unanfechtbaren, auch in ihrem weiteren
Verlaufe feinsinnigen Darlegungen eingewendet, dafs da, wo die
beiderseitigen Objekte in ihrer äufseren Struktur nicht überein-
stimmen würden, also in der 3. Person (/e, Ja, les, lor gegen son, se),
oder wenn ein Substantiv in Frage kommt, mit zwingender Not-
wendigkeit sich der Schlufs ergebe, dafs das ausgesprochene Fürwort
lediglich das zu dem Verbum finitum gehörige Objekt darstelle und
somit der Infinitiv seines bei logischer Analyse zu erwartenden
Objektes entkleidet erscheine. Angesichts dieses Sachverhaltes fällt
natürlich die Annahme eines «ro xoıwod in der üblichen Ver-
wendung dieses Terminus in sich zusammen, doch lälst sich denken,
dafs von dem wie auch immer gestalteten Objekt des übergeordneten
Satzes sich eine psychische Bewegung loslöst, die in der Richtung
des reflexiven Fürwortes verläuft, dergestalt, dafs das die ideelle
Gemeinsamkeit der Person erfassende, nur partielle «nö xowot
des beiderseitigen pronominalen Gedankengehaltes, nicht aber
das der äufseren Form, sich in dem Ausbleiben des zu dem
Infinitiv gehörigen reflexiven Objektes offenbart. Dieser psycho-
motorische Akt wird um so hemmungsloser vonstatten gehen, als in
der ihrem ideellen Umfang nach doch von vornherein abgeschlossenen
ZUR SYNTAX DES KELATIVPRONOMENS. 373
Gesamtvorstellung ein Hinweis auf ein irgendwie anders geartetes
Objekt nicht enthalten ist, und wenn sich diese Evolution auch
nicht zu akustisch wahrnehmbarem Niederschlag verdichtet, wird
sie doch nicht verfehlen, in der Psyche des Hörers von gleicher
Geistesverfassung funktionell den erwarteten sinngemäfsen Widerhall
zu wecken, gerade wie wenn ihm durch materielles Eintreten des
reflexiven Fürwortes das Verständnis des Ganzen handgreiflich vor
die äufseren Sinne gerückt worden wäre. Aus dieser psychischen
Disposition altfranzösischen Sprachtums heraus erwuchsen dann die
Gebilde, von denen die genannten Abhandlungen Toblers und
Georg Cohns Kunde geben und auch im folgenden einige eben-
bürtige Proben zu finden sein werden.
Zu dem von Georg Cohn, a.a.0. 25f. gesammelten Fällen
von latentem Vorhandensein eines reflexiven Objektes vor dem
Infinitiv, ohne dafs letzteres aus dem Objekt oder auch dem Sub-
jekt des übergeordneten Satzes oder überhaupt aus dessen materiellem
Bestand erschlossen werden kann (N’est pas ga venuz por esbatre,
Ch. Charr. 3446; Quels mestiers est de entremetre de tel ovre, L. Rois
215), geselle ich den Typus ZZ sofri a desfendre, Jehan de Nevelon,
Veng. Alix. (ed. Schultz-Gora, 1902) 1806,1 der sich zunächst in
seiner äufseren Struktur mit den schon bekannten Gebilden im
wesentlichen als gleichartig erweist und ihnen auch analog als ein
Hinausgreifen über ursprünglich gezogene Schranken gedeutet werden
kann, bei näherem Zusehen aber durch eine leise psychische Nüance
von ihnen geschieden erscheint insofern, als neben schlichtem sofrir
in dem Sinne von „sich enthalten, sich gedulden u. .%,2 in der
alten Sprache, vielleicht sogar häufiger, refl. so sofrir gebräuchlich
ist. So begegnen nebeneinander Fügungen wie Zx alendres mout
li grevoit, Ne vost plus sofrir ne alandre, Erec 1918; N’ont courage
de plus sousfrir (warten), Amad. Yd. 899, 659, 1515; Olivier, sueffre
tant que j’aie a loi parle, Fierabras 1361 (die provenz. Fassung s. u.);
und andererseits refl. 5 4 dist tan! quil se sueffre de la bataille,
Cont. Charrete II, cxııı; Sire, dıst Sanses, un Pelil vos sofrez, Bat.
d’Alesch. 2623; Mes se vos pleisoit del couchier Me sofferroie — je
molt bien, Charr. 952; Prudence sa femme le prist a admonester quil
se souffrist, Men. Paris I, 187; Zour chou vous loe que vous souffres
de cest affaire, Merlin I, 176, ed. G. Paris und Jacob Ulrich, wo
das Glossar so souffrir irrtümlich durch Arendre son parli' übersetzt;
S7 loeroie endroit moi que on se souffrist de ci d tant que la venue
dou flun fust passee, Men. Reims 91, 174; Soufrez vous un petit,
Mir. N.D. XXVII, 1572; Or te sueffre, ebd. XII, 1561; suefre
toy, ebd. XIV, 235, 82, und noch im 16. Jahrh. Towtesuoyes elles se
souffriret ung peu: alledans doubleusement lopinion du bergier, Jean
le Maire, Ill. Gaule liv. I, ch. 33; provenz. Oliviers, ar ti suefre tro
ay’am tu parlat, Fierabras 1546; sufretz vos fro dema, ebd. 1982;
1 a desfendre beim „sich Verteidigen“ war er nicht gehörig bei der Sache.
® Vgl. die reich gegliederte Bedzutungsentwicklung bei Godefroy.
374 ALFKED RISOP,
Johannes der Täufer sträubt sich anfangs Christus zu taufen; aber
dieser sagt: Sofre or ..., worauf es heilst Dons se soffrit sainz
Johans et si obeit, als Übersetzung des lat. Textes Acguievit Johannes
ei obedivit, in der Pariser Handschrift der Predigten des h. Bernhard
(ed. Förster) 95, 3 und Migne, Patrol. S. 146, 6.1 Angesichts dieser
zwiefachen Behandlung von soufrir scheint mir die Vermutung
erlaubt zu sein, dafs der Schöpfer der oben aus der Vengeance
Alixandre angezogenen Wendung ihr die nun einmal überlieferte
Gestalt z/ soffri a desfendre gegeben habe, weil in seinem Bewufst-
sein das ihm nicht minder geläufige z/ se soufri lebendig wurde
und so infolge einer Kreuzung beider Möglichkeiten des Ausdrucks
ein Gebilde zustande kam, innerhalb dessen die Unterdrückung
des refl. Objektes vor dem Infinitiv als Folge desselben psychischen
Prozesses erscheint, dessen Wirken ich eingangs bei der Erklärung
der von Tobler und Georg Cohn betrachteten Erscheinungen an-
nehmen zu dürfen glaubte. Da, wo der sprachlichen Versinnlichung
einer Idee mehr als eine einzige Form des Ausdruckes zu Gebote
steht, findet ja auch sonst im weiteren Verlaufe der Rede ein bei
logischer Analyse nicht gerechtfertigtes Überspringen eines späteren
Gliedes in die nur bei einem früheren zu billigende Eigenart statt.
So wird wohl die Wiederaufnahme der Konjunktionen gwand und
comme im koordinierten Satze durch einfaches gue, das in ihnen
doch keineswegs enthalten ist, durch Angleichung an die einwand-
freien gleichbedeutenden Formeln Zors (que... + que ...), uis
que... + que...) zustande gekommen sein, und wenn man Schich-
tungen findet wie Carlo veniva sopra noi e de’ nostri Paesi, Viaggio
di Carlo Magno I, 23 oder sSenzsa bestie menute Che foro recepule
Et de aimi e de castrali Che no foru nominalı, in der altabruzzischen
Katharinenlegende, ed. Mussafia, Sitzungsb. d. Wiener Akad. 1885,
CX, 100, so ist der auffällige Ersatz von sopra und senza durch de‘,
de nur durch die Annahme zu rechtfertigen, dafs die auch sonst
geläufige, hier zunächst latent bleibende Verknüpfung von sopra
und senza mit ds im weiteren Verlaufe der Rede in das Bewulstsein
des Dichters trat und nun analog der Formel guand .... + gue
einfaches ds an die Stelle von sopra di und senza di treten konnte.
Bei Homer heilst es einmal ö (der Löwe) Bovol werdoyerau 7
1 Die hier erörterte Bedeutung von soz souffrir ist in manchen Wendungen
auch dem unten näher zu betrachtenden, mit ihm zuweilen koordinierten sos
faire eigen: Ne te weille mie souffrir et taire de mi aidieir et conforteir,
en nul temps ne te taire mie de mi secourre et aidieir, Lothr. Ps. no. 29;
von gleicher Art sind Fälle wie Zi de bien dire m’ai teu R.S. Benolt 816
(wegen ai s, u. 5.000 Anm.): Z/ ne se pot taire qu’il ne dist, Chev. pap. 12,23;
Ze me vueil cy du tout taire De toy louer, I. de Meung, Test. 1609; Mais
d’en plus Barler je m’en tais, Phil. de Vigneulles, Gedenkbuch 247, noch
neufranzösisch Zw sa’s que les kourigans se taisent de rire quand ıils sentent
venir un chrötien, Richepin, La plu 24; ebenso synonymes Du Pluerer et
du plaindre ne se fist mie muz, \Veng. Alix. 1260. Der Sinn „sich enthalten*®
klingt auch wieder in Z/ a la force de s’en taire (sich des Redens enthalten),
Canıvcet, La ferme des Gohel 143, 158.
ZUR SYNTAX DES RELATIVPKUNUMENS. 375
0ieocıv 78 uer’ dyoorspag EAapovs, Odyss. VI, 132, wo das
erste nach uer&pyouat regelrecht im Dativ stehende Glied mit der
Präposition werd im zweiten Gliede vergeselischaftet erscheint, eine
in den Tiefen seelischen Geschehens sich schürzende, in ihrer
konkreten sprachlichen Einkleidung aber nur den Sinnen zugäng-
liche Paarung inhaltlich verwandter, doch formal verschiedener
Vorstellungen, die manchem Grammatiker, der in seinem Bedacht
auf Ordnung und woblgefällige Glätte und Rundung der Rede ein
irgendwie vor werd unterzubringendes Balve (etwa nach Odyss.
V, 193) nicht missen zu können glaubt, anstöfsig und vielleicht sogar
der Emendation bedürftig vorkommen mag. Aber den Terminus
Ellipse, von dem in den landläufigen Lehrbüchern alter und neuer
Sprachen bei der Erörterung so gearteter Materien so ausgiebig
gefabelt wird, gibt es im Betriebe der Sprachwissenschaft nicht, und
niemand kann den Strom im Becher fassen. !
Die Frage, ob schon innerhalb des Bereiches der engeren
altfranzösischen Zeit ein Fortschreiten von diesem urwüchsigen
Gebaren zu dem abweichenden Verfahren späterer Sprachperioden
sich werde nachweisen lassen, ist bei dem verhältnismälsig nicht
gerade häufigen Auftreten entsprechender Spezimina, besonders
wenn man, wie ich es hier beabsichtige, sich im wesentlichen auf
die Betrachtung der Gruppe /aire + refl. Infinitiv beschränkt, nicht
leicht zu beantworten. Jedenfalls werden die alten Sprachgewohn-
heiten — etwa seit dem 15. Jahrhundert, wie mir scheint — von
einer freilich noch heute nicht abgeschlossenen, auf die Versinn-
lichung des reflexiven Elementes gerichteten Entwicklung in ihrem
ruhigen Walten gestört. Für das Aufkommen des Neuen werden
teils innere, im Wesen sprachlichen Lebens begründete Antriebe,
teils von aufsen her in die Natur der Dinge eingreifende Nöti-
gungen die Verantwortung zu tragen haben. In seiner verdienst-
lichen, in gewissen Einzelheiten allerdings abzulehnenden Eiude
syntaxique sur le verbe faire en frang. moa., Melanges Wahlund 95— 107
hat der schwedische Romanist A. Johansson,?2 wenn ich ihn recht
verstehe, die Umwälzung auf analogische Einflüsse zurückzuführen
versucht, und damit hat er, soweit es sich um organische Entwicklung
i Schon der alte Hallenser Prof. A. F. Pott hat diese Eigenart mensch-
lichen Sprachtums erkannt und gegen anders gerichtete Auffassungen polemisiert,
wenn er auch ein leises Bedauern über das „hundertfache“ Vorkommen von
„Verschweigung“ in der Sprache nicht ganz unterdrücken kann; s. sein schönes
Werk: Wilhelm von Humboldt und die Sprachwissenschaft, Berlin, S. Calvary
u. Co., 1876, I CCCXXX. (Von der Teilnahıne Potts für die romanistischen
Studien und seinen die Materie angehenden Schriften sowie seiner Würdigung
des hohen Wertes der neulateinischen Idiome für die allgemeine Sprach-
wissenschaft habe ich gehandelt in meiner Schrift Die romanische Philologie
an der Berliner Universität 1810—1910, S. A. S. 16, 20, 51); (s. Vollmöllers
Rom. Jahresbericht Bd. X). Zur Sache vgl. H. Steinthals scharf zugespitzte
Polemik gegen Aug. Schleicher, Zs. f. Völkerpsych. III, 497—506.
32 Die von demselben Verfasser herrührende Pıogrammschrift Verbet faire
med följande infinitif. En studie i modern fransk syntax, Norrköping 1895,
36 5. hat mir nicht vorgelegen.
376 ALFRED KISOP,
im Sinne der Linguistik handelt, wenigstens der Idee nach einen
gangbaren Weg eingeschlagen, wenn ich mich seiner Auffassung,
die man bei ihm nachlesen mag, auch nicht anschliefsen kann.
Wenn sich neben den schlichten, in ihrer knappen Geschlossen-
heit so kraftvoll anmutenden Urtypen die durch die mit analytischer
Breite vernehmbar werdende Einführung des refl. Elementes vor
dem Infinitiv auch die Sinne befriedigenden Neugestaltungen des
Gedankenverlaufes hervordrängen, so sehe ich deren psychische
Wurzel zunächst in dem den ältesten Zeiten noch nicht auf-
gegangenen, hinfort aber nach und nach erwachenden Bewulstsein
für die Tatsache, dafs in den zahlreichen Formen des Verbum
finitum das reflexive Verhältnis stets durch das entsprechende
Reflexivpronomen seinen materiellen Ausdruck findet, so dafs ı se
difend, vous vous defendez für das Verhalten des Infinitivs ausschlag-
gebend werden konnte. Man denke dabei an die Übertragung
der Lautverhältnisse gewisser Verbalsiämme auf solche zu dem-
selben System gehörige Formen, die von Anfang an unter dem
Gebot anders gearteter Lautgesetze stehen, z/ ame, amons aimons,
ıl vient, vendrai, viendrai und überaus zahlreiche wesensgleiche
morphologische Entwicklungen, von denen oft genug sonst gehandelt
worden ist. Was insonderheit unseren Fall angeht, so treten im
Laufe der Zeit innerhalb ursprünglich hinsichtlich der Wortfolge
anders geschichteter Sprachgewohnheiten Verschiebungen ein, deren
wahrnehmbarcs Ergebnis dem Aufkommen des refl. Fürwortes vor
dem Infinitiv nach jaire usw. förderlich gewesen sein kann. Ich
rede hier von den so geläufigen Verbindungen der NModusverba
pouvoir, vouloir, devoir, savoır, oser, cuider, daigner, commencer mit
einem reflexiven Infinitiv, vor dem also das zu ihm gehörige
pronominale Objekt nicht entbehrt werden konnte, da ein zweites
Objekt überhaupt nicht vorhanden war. Dabei ist nun aber zu
beachten, dals, wie bekannt, in solchen Fällen ein so geartetes
Objekt in der alten Sprache wohl regelmäfsig seine Stellung nicht,
wie die logische Analyse verlangt, vor dem Infinitiv, sondern viel-
mehr vor dem regierenden Zeitwort einnahm, so dals man also zu
deın in der alten Sprache allein heimischen Typus jo (ne) te pus
veoir gelangte. Im Gegensatz zu Forschern wie Tobler, Verm. Beitr.
Il, 37, V, 27, Friedwagner, Veng. Rag., Anm. zu v. 24, 88 u. a., die
die mir in ihren Beweggründen nicht verständliche Ansicht vertreten,
dafs das Modusverbum das zu ihm keineswegs gehörige Pıro-
nominalobjekt „an sich ziehe“, scheint mir der psychische Vorgang
darin zu bestehen, dafs die Sprache hier dem Vorbilde der ein-
fachen Zeiten des Verbums finitum folgt, in denen das pronominale
Objekt oder die Negation sich immer unmittelbar an das Subjekt,
gleichgültig, ob dasselbe ausgesetzt ist oder nicht, anschlielst, so
dals die Anordnung je fc vos, je ne te vois as als eine ohne
Rücksicht auf logische Bedenken zustande gekommene Folge ge-
wohnheitsmäfsiger Satzmelodie angesehen werden muls. Bei solcher
Auffassung des Sachverhaltes erscheint die oft so weite, durch das
ZUR SYNTAX DES KELATIVPRONOMENS, 377
Eindrängen anderer Teile der Rede veranlafste Entfernung des
pronominalen Objektes von seinem Infinitiv nicht mehr auffällig;
vgl. ef ne se saveroit plus en qui fir, Chron. Math. d’Escouchy
ll, 324; Quant je m’ay en telx ennemis ose embatre, Mir. N.D. 34, 1604
und einige ältere Fälle bei Friedwagner, Veng. Rag. zu v. 2488
und bei Meyer-Lübke III, 8 738. Nicht anders dürfte es sich
verhalten mit dem Ausweichen des logisch unanfechtbaren Typus
Lances baısies se sont entrecontre, HBord. 8058; Par tel air se sont
entrehurte, ebd. 8062 in die Wortfolge Zes ditz deux royaumes s’en-
Iresont depuis lousjours guerroies, R. Blondel 395, oder Zar amour
aymer s’entreseullent, Quand puis espouser s’entreveullent (16. Jahrh.),
Montaiglon, Recueil d’anc. po@s. II, 165 und aus derselben Zeit
JIs s'entrestoyent veuz, Bon. Desperiers, Nouv. Recr. I, 87. Mit der
Loslösung des Präfixes re- von seinem Stammworte in Fällen wie
in Athis se rest alez couchier, Athis 30, 1247; Lempereris s’en rest
enlree en ses chambres, Marque 32, die ich den wenigen von mir
im Archiv f. n. Sfr. 105, 316 mitgeteilten zugeselle, wird es wohl
eine ähnliche Bewandtnis haben. Die Wiederholung von en/re vor
dem Partizipium in Zaidement a cel aulre assaut S’entrefont mult
enirempirid, Meraugis 192 (bei Ebeling, Auberee 116) oder die von
re in Fortune a sa roe tornee Et Rome r’est resvigoree, Brut 3966
mutet an, als sei den Dichtern die sachgemälse Stellung des enire
und des re nachträglich flüchtig zu Bewufstsein gekommen. Und
so wird denn auch die Ausgestaltung des afız. Typus es/ vantes 1
mit refl. Sinn zu z/ s’esf vants von den nicht periphrastischen Formen
von sol vanter, also ıl se vanle etc. seinen Ausgang genommen
haben. 1
ı S. Tobler, Vrai aniel 32, 166 und Verm. Beitr. V, 302; je me suis
esloignies als Vorbild für je me suis densez s. Verm. Beitr. II, 59; zu 503 Denser,
eb. 11,67. Die Verbindung der refl. Zeitwörter mit avoir hat Tobler, Vrai
aniel 32, 166 für das Altfranzösische mit zahlreichen Beispielen belegt und
dazu weitere Literatur verzeichnet. Aus dem 15. Jahrhundert füge ich hinzu
Sondit filz se avoit esloigne (a. 1456), Math. d’Esconchy Chron. II, 334: Zt
Ja depuis sept ans en ga, s’a traveili6 de prandre l’isle et citE de Roddes
(a. 1452), Jean Germain, Revue de l’Orient latin II, 336° Besonders stark
scheint der Nordosten an der Erscheinung beteiligt zu sein; zum Wallonischen
s. Doutrepont, Theorie 27; Zeligson, aus der Wallonie, Progr. Metz 1893, 10;
zum Vulgärparisischen s. Siede, Syntaktische Eigentümlichkeiten 47; aus dem
Lothringischen: Z2 s’avozt ensevelit dedens lui mismes, Serm. S. Bern. T 124,88;
Wai a mi ke ieu mai coisiet (quia tacuı), Ezechiel 70; Je m’ai plus travilliet
de tos ceos, eb. 77; (Tl) s’avort demostrez, Jean Aubrion 49 und oft; zlz s’avoient
obliges, Chron. lorr. 49; Car s’ıl fuist jour, les plussours se heusse en aucunes
manier (so) reconfortes, Voy. d’Anglure, Ms. M. S.79, Anm. 5; neuwallonisch
Le vaich s’avin dislouöte (delie), Revue litt. frang. et prov. 2, 218(?). Ferner
gaskognisch Quant se las a lauados (die Hunde) bei Blade, Poe&s. pop. de la
Gascogne 184; vgl. Lanusse, De l’influence du dialecte gascon sur la langue
fire. de la fin du XVes: & la seconde moiti€ du YVII, Paris 1893, 429.
Den von mir aus der neufranzösischen Volkssprache im Archiv. f. n. Spr.
XCIT, 465, CV, 317 beigebrachten Beispielen reihe ich bier an: Ze m’ai defid
(vulgärparisisch), Montepin, Secret du Titan I, 51; Yorld Pourquoi je m’ai mis
en gröve, Arist. Bruant, Dans la rue 187, 205; neuburgundisch Zesu s’arivö
Panveüllai, H. B(erthaut) Contes etc., Dijon 1885, 99.
378 ALFRED RISOP,
Von einer lokalen Verschiebung des pronominalen Infinitiv-
objektes etwa in Ge Z’aım bien a veoir, Marque gı, oder in Zik
ne s’en savoil coment vengier, ebd. 136, kann also abgesehen davor,
dafs vor dem Infinitiv die betonte Form /uz, sos stehen würde, nicht
wohl die Rede sein, man hat es hier vielmehr mit einer durch
keinerlei sekundäre Doktrinen eingeengten, echt volkstümlichen
Sprachbetätigung zu tun, deren Walten durch die Jahrhunderte
hindurch bis in die neueste Zeit selbst in höherer Rede fühlbar
bleibt, denn auch der Gebildete ist nicht in jedem Augenblick
soweit seiner Herr, dafs er die im Wesen seiner heimatlichen
Sprache begründeten Besonderheiten vergessen könnte, 1 und dafs
selbst der bedächtige Pedant, ohne es gewahr zu werden, leicht
in die von inm bekämpften Mängel verfälit, erlebt man häufig
genug.? So findet man in jüngerer Zeit selbst bei hochangesehenen
Autoren Zeugnisse wie Z/ ne se peut rösoudre, Chäteaubriand, Les
martyrs liv. VOII, 277 u.ö.; Zilles s’allaient perdre d droste et d gauchz,
Scheffer, Misere royale 12; Je ne le fuis pas faire, Maupassant, Bel
ami 234, 367; La pauvre fille se voulait briser la Iöte, A. Houssaye,
Pecheresse 142. Einmal auf diesen Weg gestellt, gelangt die Sprache
da, wo es sich um den Infinitiv reflexiver Zeitwörter oder mit essere
zu konstruierender Intransitiva? handelt, bei der Gestaltung der
periphrastischen Formen der Modusverba zu Konsequenzen, vor
denen sich der Analytiker bekreuzigen muls, die aber packende
ı,.. le plus fort grammairien peut oublier les rögles en composant un
livre, comme sur le champ de bataille au milieu du feu, pris par les accıdents
d’un site, le plus grand general oublie une rögle absolue de l’art militaıre
sagt Balzac, Une fille d’Eve 40; und „jedermann hat das göttliche Recht so
zu reden, wie sein ganzes Volk redet* (Ausspruch Adolf Toblers).
® Von alltäglichen Erfahrungen abgesehen, denke ich an Laurentius Valla,
der seinen eigenen Forderungen an die Güte des Stiles keineswegs selbst ge-
nügte, s. Voigt, Wiederbelebung d. class. Alt. II, 421, und bis zu welchem
Grade Raimon Vidal gegen die in seiner Poetik gegebenen Regeln in seinen
Dichtungen verstiefs, schildert unser unvergelslicher Heinrich Mort in seiner
ihm eigenen urwüchsigen Art; s. Sitzungsber. der Berliner Academie 1913,
ı1. Anm. Der Verfasser von Allerhand Sprachdummbheiten, der S. 211 gegen
die „reitende Artilleriekaserne“ u. del. wettert, leistet sich selber, ohne
sich des Widerspruches mit seinem Anathema bewulfst zu werden, die Un-
geheuerlichkeit „eine Liste der nächsten Sonntagsprediger* S.53 Anm.
und die heute täglich zu beobachtende Tatsache, dafs die Gegner von Fremd-
wörtern sich des Gebrauches derselben keineswegs enthalten, hat schon vor
mehr als hundert Jahren einem W.S. zeichnenden Autor in Ludens Nemesis
12, 445 Gelegenheit zu einer Bemerkung gegeben. Ein Knabe, der sich wegen
einer Versäumnis mit den Worten Dame, m’sieur, J’al mend boire notre chevan
entschuldigt, erhält von dem maftre d’dcole, der freilich später @ cause de son
inconduite et de ses idees sur l'instruction Publique entlassen wurde, die Ant-
wort On dit cheval, animau!, Balzarc, Paysans Sı.
8 Bei diesen letzteren sieht Tobler, Verm. Beitr. II, 37 den Grund für
das Eintreten von essere an Stelle von Aabere vor dem modalen Hilfszeitwort
in der zwischen diesem und dem Infinitiv als dem Träger des Begriffes ob-
waltenden engen, für das Bewufstsein des Volkes nicht mehr zu trennenden
Verbindung (s. Beispiele unten), In Berlin hört man die ähnliche Redensart
„Da is er jemacht det er wechkam“, wo die Dominante „fliehen,
auskratzen“ für die Konstruktion entscheidend geworden ist.
ZUR SYNTAX DES RELATIVPRONOMENS. 379
Zeugnisse für die Tatsache darstellen, dafs die Sprachentwicklung,
um mit Wilhelm von Humboldt zu. reden, „wie Natur wirkt“. Der
Kontakt mit dem refl. Objekt des Infinitivs hat nämlich zur Folge,
dafs die konstruktiven Merkmale der periphrastischen reflexiven
Formenbildung eben an den modalen Hilfsverben sichtbar werden,
so dafs also die Wendung elle a volu sol esloignier zu elle s’est volue
esloignier verschoben erscheint. Freilich hat sich die Sprache nicht
immer in dem hier zunächst natürlich erscheinenden Gebrauch von
avoir stören lassen; vgl. Ox Zrunamons s’ol fait apareillier, Enf. Og.
3747; Quant je m’ay en telz ennemis os embalre, Mir. N. D. 34, 1604,
und nun wieder vornehmlich im Osten Zes cılaims ne se avoıent
vollu melire en guerre, Phil. de Vigneulles 40; ZZ s’avoit voullu prenre
a une jement, ders., Gedenkbuch 28; Zeguel se avoit voulus (so) deffendre
Pierre Aubrion 462; Une jeune fille sage Qui s’a voulu engager Pour
servir, Ner&e Qu&pat, Chants pop. messins (1877) ı7, also gerade
wie die eigentlichen reflexiven Zeitwörter, besonders im Nordosten,
oft genug mit avoir verbunden werden (s. o. S. 377 Anm,). Von
dem Typus elle s’est volue esloignier hier ausführlich zu reden, liegt
kein Anlafs vor, nachdem ich mich im Archiv f. n. Spr. 95, 316f. und
109, 197 eingehend mit der Sache befafst habe. Meine ebenda zu
findende Andeutung, dafs die Erscheinung auch der jüngsten Zeit
noch nicht abhanden gekommen ist, z.B. De guelque fagon que
je m’y sois fu prendre, Rousseau, Conf. part. II, liv. IX (Oeuv. ed.
Musset-Pathay XV, 227, XVII, 314); Ss Ze comte de Vandenesse s’dait
pu voir, d trois ans de distance, beau-frere ..., Balzac, Une fille
d’Eve S. 3 (wo sonst das pronominale Objekt an seiner heute als
korrekt geltenden Stelle untergebracht wird: z/ aurazt fu se fraßper, 60;
Florine put se deshabiller, 105 usw.), wird für unser Jahrhundert
bekräftigt durch Que/ historien se peut ou s’es! jamais pu vanler d’avoır
dissipe definitivement toules ces erreurs? bei dem Kunsthistoriker
Georges Lafenestre (de l’Acad. franc.), Revue des deux mondes
1905, 91. Insonderheit gedenke ich noch der von solcher Be-
handlung betroffenen Impersonalien Z/ m’en est pu souvenir, Chron.
scand. (Soc. hist. France) I, ı (15. Jahrh.) und ZZ m’est pu advenir
d’avoir dit mensonge, Agr. d’Aubigne, Mem. (ed. Lalanne) 421. Die
angebliche Heranziehung des pronominalen Infinitivobjektes an die
Modalverben ist übrigens gemeinromanisch, 3. Meyer-Lübke II, $ 738.
An einer genügenden Zahl von Beispielen für die hier zuletzt er-
örterte Erscheinung scheint es zu fehlen; einige italienische aus
Boccaccio, den Cento novelle antiche und provenzalische aus
Raynouards Choix und dem Lex. rom. stehen bei Diez Ill, 288
Anm. Andere wären S’era incomincialo a innamorare, Pecorone I], 18;
GC siamo voluli venire, ebd. 1,125; Zgli si dira che ı0 non sia potula
stare sensa (sc. marıto), San Bernardino da Siena, Novellette etc. 10;
Tu non vi se’ poluto stare un ,ora, Libro di nov. ant. (Scelta Nr. 93)
46; man beachte auch den Fall /’ alfro Savio !’ arebbe volula guar-
dare, Sette Savj. (ed. Teza) 28; Ferch? ella & tanto bella quanto la
nalura l’ avesse potuta fare, Pecorone (Scelta Nr.89) 62; Za prima
380 ALFHED RISUP,
grazia che lu m’aı adomandata, io nolla f’ de voluta negare, Legg. di
Vergogna ı7. Solchen Bräuchen ist das Neuitalienische treu ge-
blieben; vgl. Ma quell’ uomo non se l’era poluto levare mai del cuor:,
Verga, Vagabondaggio 253; S7 4 avesse Dotuli annienlare, Cioni,
Capolavoro 381; und passivisch mit Unterdrückung von che—era vgl.
e li, subitamente in una nolizia non polula negare a chi [ aveva domandata,
la sua dolce speranza gli era uccısa nel cuore, Barrili, La Sirena 155.
Bei der genugsam bekannten Geistesverfassung der Instanzen,
die berufen waren oder sich gedrängt fülllten, den blühenden Natur-
garten altüberlieferten französischen Sprachtums durch Drahtkulturen
eigenen Fabrikates zu veredeln, konnte es nicht fehlen, dafs auch
die soeben erörterte scheinbare Verschiebung des pronominalen
Infinitivobjektes nebst ihren Folgen unter die kritische Sonde ge-
nommen wurde. Wenn der Abbe d’Olivet (1682—1763), der be-
rühmte Verfasser der Zistorre de P’Acadimie frge. (bis 1700), noch
den Mut hat, beide Arten von Wortstellung zuzulassen, so glaub:
Feraud, der Schöpfer eines Dictonnaire crilique de la langue [rec
Marseille 1787 dıe Anschauung des alten Fransois de Lamothe-
Levayer (1588—ı672), dals das Pronomen sachgemälser vor dem
Infinitiv zu stehen komme, unter Beschwörung eines seltsamen,
sonst nicht bekannten Sprachgenius mit der kategorischen Anweisung
stützen zu müssen: efechivement, cela es! plus analogue au genie de la
langue, qui est de rapprocher, aulant quelle peut, les mots qui ont relatıon
enlre eux. Die Freiheit, die Girault-Duvivier (1765— 1832), dessen
Grammaire des Grammaires, 19° edition, Paris 1867 ich obige Notizen
entnehme, 8. t.], S. 318, 335 f., 384, solchen Einschärfungen gegen-
über unter Berufung auf den persönlichen Geschmack und unter
Betonung des von den grolsen Klassikern in der Tat geübten un-
gebundenen Verfahrens sich und seinen Zeitgenossen zu wahren
beflissen ist, beweist im Verein mit den aus jüngster Zeit von mir
beigebrachten Tatsachen nur, dals sogenannte Logik und sprach-
liches Leben höchstens in dem Bewulstsein der „scerußolini“ oder
„Professor! Falarachi“, wie Edmondo de Amicis in seinem herrlichen
Buche Z’idioma gentile 213 die Pedanten nennt, ein ungetrenntes
Dasein führen, während die lebendige Sprache unbekümmert ihre
eigenen Wege geht. — Ma ella s’E beata e cio non ode, Dantesche
Worte, die Altmeister Tobler, Verm. Beitr. 12, 204 einst heranzog,
um die naive Ursprünglichkeit seines geliebten Altfranzösisch zu
kennzeichnen. Nun hat freilich Emile Deschanel seinem Buche
Les deformalions de la langue frge., Paris, Calman Levy 1897 den
Satz Sainte-Beuve’s On aime en France la casuistique du langagt
(Nouv. Lundis) als Motto vorangesteilt, und damit zugleich die
geistige Richtung gekennzeichnet, in der sich seine Leistung bewegt
und die ganz und gar dem eng verwandt ist, was wir an den in
gewissen Kreisen zu autoritativer Geltung emporgewachsenren „Aller-
hand Sprachdummheiten* „gebührend“ einschätzen gelernt haben.
Ich möchte freilich bezweifeln, ob es gelingen wird, den Gegen-
stimmen, wie sie in Frankreich laut geworden sind, innerhalb der
ZUR SYNTAX DES RELATIVPRONOMENS. 381
deutschen Sprachgrenzen ähnliches an die Seite stellen zu können.!
Nicht nur, dafs der Abbe Rousselot gerade wie Gaston Paris bei
der Handhabung der Rechtschreibung individuelle Freiheit wünscht, 2
5. Revue d. datois II, 240, sondern ein Autor von der Höhe eines
Anatole France läflst sich folgendermalsen vernehmen: Ceux-/d
Jurent des cuistres qui pr£tendirent donner des rögles pour dcrire, comme
sl y avast d’autres rögles pour cela que l’usage, le goüt el les passions,
nos vertus el nos vices, towles nos faiblesses, toutes nos forces. — Je
liens pour un malheur public quil y ait des grammaires frangaises.
Apprendre dans un livre aux £cohers leur langue nalale est quelque
chose de monstrueux, quand on y pense, &ludier comme une langue morte
la langue vivante: quel contre-sens! Notre langue, cCesl notre mere et
notre nourrice, ıl faut boire d m&me. Les grammaıres sont des biberons.
Et Virgile a dit que les enfants nourris au biberon ne sont dignes ni
de la table des dieux ni du lit des d£esses, A. Fr., Pierre Nozieres 146.
Der gleiche Begehr nach persönlicher Freiheit klingt wieder in
einer scharfen Polemik Ernest Renans gegen das Lateinschreiben:
On nous oblige ainsi d döfagonner entidrement nolre pensee pour la meltre
dans un moule qui n'est pas le sıen. Supposent-ils que toutes les ıidees
peuvent passer dans loules les langues? Sans doute en un sens. Mais
elles n’y passent qu'en ddpouillant leur couleur propre, kur vultum pro-
prium. Oh! quel creve-ceur de travanller ainsi d desoriginaliser sa
pensee! Ah! diables de grammairiens, comme je rage contre eux, s. Nouv.
cahiers de Jeunesse, Revue bleue 5 janvier 1907, 5° serie t. VII, ı,
und derselbe Renan sagt: Za Phrase regulidre est-elle la vraıe forme
regulidre de la pensee, ou nm’est-elle pas un moule gönant qui lu est
impose, el ne serail-ıl pas plus commode d’aller lege solutus, pourvu
quon se fit entendre? Adieu alors la lilteralure, dans le sens restreinl.
Il n’y aurait plus que des penseurs, des savants et des poßles. Ce serait
id la litt£ralure, ebd. S. 65, Äufserungen, die mich lebhaft an den
oft kundgegebenen Widerwillen alter Kirchenschriftsteller gegen die
Regulae (ferulae) Donati erinnern; s. z. B. Schuchardt, Vocal. d.
Vulgärlateins I, 58ffl. und vieles andere, was ich bald in anderem
Zusammenhange zu behandeln hoffe.
Nun ist bekannt, dafs die Anordnung 2 fourra s’dloigner dank
gelehrter Bemühungen wenigstens offiziell den Sieg davongetragen
hat und damit, wie ich oben schon angedeutet habe, ein neuer
Anhalt für die Einführung des refl. Fürwortes in den alten Typus
sl le fil relourner gegeben war, so dals sich neues z/ Je fif se relourner
ergab, doch so, dafs die Sprache sich die Freiheit nicht nehmen
liefs, sich der beiden Typen nebeneinander zu bedienen. Ein
nicht allzu leicht zu vermehrendes Verzeichnis, das sich im wesent-
lichen auf die Formel /arre + refl. Inf. beschränken soll, wird das
schwankende Verhalten der späteren Sprachperioden bis in die jüngste
1 Doch denke ich an die Geringschätzung alles nur Technischen in der
Dichtkunst bei Goethe-Eckermann ed. Ruest S. 353.
%2 Falsche Orthographie erscheint der Schauspielerin La Faustin „Z2lus
naturel“, E. de Goncourt, La Faustin 237.
382 ALFRED RISOP,
Zeit hinein beleuchten: Mais Guenelun faı acorder al rei, Roland 3895
(neben a Charlemagne se vuldrat acorder, ebd. 2621; Jel ferai enwers
zos acorder, Par. Duch. 1591; Pensant que si la faour et la force ne
l’avoyt peu faire rendre, la doukur le feroit, Heptam. LU; Z Le uel
a propos ıcı vous a fait rendre, Moliere, Amphitryon III, 4; ı ls faisoit
esjouyr, Vie S. Franc. 39 (15. Jahrh.), Amphitryon Ill, 4; Ceste responce
me fil retirer, Caq. Acc. 216 (a. 1622); Les maurais Iraitemenis ...
pour jamaıs de la cour me feraient retirer, Moliere, Les Facheux II, 2;
Faites relirer tout le monde, Restf de la Bretonne, Contemp. UJ, 121;
DO, 222; Un sergent de ville arrıva et fit relirer les curieux, H. Malot,
Bonne affaire 153; Un rıgoureux coup de cravache le fl se dresser,
G. Sand, C£s. Dietrich 316; neben Vous me faites dresser les cheveux
sur la töte, Sardou, Nos bons villageois 34; Z/ la fit se coucher,
G. d’Hailly, Le prix d’un sourire 65 neben Claire le fl coucher,
A. Daudet, Fromont 318; Nous essayons ... de les faire s’asseor,
Loti, Mon frere Yves 264 neben altfranz. // me fist asseoir, Joinvil.e
8634; Zl la fil asseoir, Leroux-Cesbron, L’Etrangere 110; In en-
gagement tacıle qui aurait pu faire se cabrer mes inslincis, G. de Peyre-
brune, Sertimentale 138 neben Vous le ferez cabrer ohne Angabe
der Quelle bei Mätzner, Gram. 195; Auns les fist trestos cois Ienır,
Julian 4010 (auch bei Georg Cohn a.a. OÖ.) neben neufranz. Je
Z’aı fait se tenir Iranguille, Zola, VEriteE 29 und dazu auch Zi
ordonne& expressemant au maisire desdils beings Prendre soigneuse garde...
les (die Besucher) faisant contenir en modeslie et silence, Montaigne,
Jounal de voyage 71; Z/ estoit delibir& de s’en aller d Romme faıre
couronner empereur, Chron. Jean d’Auton IV, 333 (15. Jahrh.); neben
Charles daulphin alla... en la cite de Rzims el la se fat couronner,
J. du Clercq, Mem. I, ı (s. God. IX, 225b, 15. Jahrh.); Noblesse de
courage, haultains propos ... te font le caur envoler une fois envers
le ciel, J. de Wavrin ll, 235 (15. Jahrh.); Ze vent avast fait envoler
les cendres, Zola, Le docteur Pascal 235 neben Jaisser s’envoler,
Toudouze, Miroir tragique 82; Bien risolu d le faire s’expliquer,
A. Daudet, Jack II, 183 neben On voulait de faire expliquer,
G. Sand, Maitres sonneurs 98, 267; Je la laisse expliquer sour tout
ce qui me louche, Racine, Britannicus Ill, 81; Zes eforts meme ...
le faisaient se sowvenir, Th. Gautier, Fortunio 239; J’avazrs honte de
la faire se souvenir de ma honte, Rev. bleue 1905, 693; Cest bien
le hasard gui vous a fait vous souvenir, Toudouze, Miroir tragique 156
neben C’es/ !’en faire souvenir, Rousseau (ed. Musset-Pathay) III, 431;
Mademoiselle de Caverne fit souvenir Destin que ..., Scarron, Rom.
com.I, ch. XIII; J’as craint de la faire souvenir de ma prisence, G.Sand,
Comt. de Rudolstadt 1, 103; Cec me fait souvenir, Gyp, Femmes du
Colonel 101; neben neufranz. faire dvanouır auch I/s craignaient
quun mouvement trop brusque fil S’evanouir le parfum d’amour, Nonce
Casanova, Messaline 216; Armand redoutait de faire Slvanouir k
ı Vgl. Zle aimait l’entendre expliquer sur les chemins, Lemaitre, Mı
soeur Zubette 20.
ZUR SYNTAX DES RELATIVPRONOMENS. 383
charme, Champsaur, Faute des roses 247; Cela le fi jelter dans le
guays, Agr. d’Aubigne, Mem. ı8 (16. Jahrh.) neben Z/ en sort une
odeur penelrante qui la fait violemment rejeter en arritre, Samanos,
Vie qui brüle 200; Zui que l’ecau fait sauver, courut au benitier,
Rostand, Cyrano I, 7; Ton mouvement assez brusque fill sauver un
homme, A.Pothey, La feve de S.Ignace 14 neben Zaissons les autres
se sauver, Balzac, Une tenebreuse affaire 95; elle laisse sauver les
malfaiteurs, Ohnet, Dame en gris 257; Le temps qui le fait estendre
(den Baum), Rem. Amor. 29; Ze medecin la fit dtendre sur le canape,
Maupassant, Mont Oriol 12 neben Je % fais s’allonger, Zola, Fecon-
dite 12.1
Dazu noch eins. Bei Johansson und anderen Grammatikern
begegnet man der schwach begründeten Lehre, dafs beireziprokem
Sinne des refl. Fürwortes die Unterdrückung desselben nach faktitivem
faire nicht erlaubt sei. Darauf ist zu erwidern, dafs auch in solchen
Zusammenhängen kein Anlals vorliegt, der der Auslassung des
pronominalen Elementes hinderlich wäre. Denn die wechselseitige
zwischen zwei oder mehr Seienden fühlbar werdende Beziehung liegt
oft schon in der Struktur und der Bedeutung der in Frage kommenden
Zeitwörter beschlossen oder ist aus dem Ganzen mühelos zu erschliefsen,2
und überdies ist nicht abzusehen, aus welcherlei Gründen die Sprache,
die doch neben refl. zds s’dorgnent ein il les fait eloigner unbedenklich
duldet, bei reziproker Tätigkeit das analoge Nebeneinander zs se
battent und ces circonstances les firent battre meiden sollte. Dabei
soll zugestanden werden, dafs, ob nun auf linguistisch einwandfreiem
Wege oder infolge einer irgendwie von aulsen kommenden lehr-
haften Einwirkung,. die heutige Sprache gelegentlich das reziproke
Fürwort vor dem Infinitiv eingeführt hat, also gerade so verfahren
ist, wie es beim einfachen Reflexivum geschehen ist. Dafs übrigens
auch unter den im Eingange von Tobler und Georg Cohn formu-
lierten Bedingungen der reziproke Wert des Reflexivpronomens den
Ausfall desselben vor dem Infinitiv nicht abzuwenden vermag, zeigt
die Fügung A /ant desrengent si s’esmurent Por (soi) encontrer sans plus
atendre, Veng. Rag. 5738. Hier einige Zeugnisse: (Ze) hasard qui
avoıt fait renconirer ensemble deux personnes, Furetiere, Rom. bourg. 160;
Le hasard nous a fail rencontrer, Heudebert, M"® Hugolin 23; A
Paris, ou le hasard nous fit rencontrer, Sardou, Rabagas I, 10 und
I Mancherlei auch bei Ebeling, Vollm. Jahresb. V I, 190.
2 Es braucht kaum gesagt zu werden, dafs in dem Gefüge Z/s s’attabldrent
avec un ravissement naif qui les faisait se sourire sans cesse, Col. Yver,
Princesses de science 93 das eventuell durch Z’un d Z’autre zu erweiternde
reziproke se nicht unterdrückt werden kann, weil in der Struktur von sourire
die Reziprocität noch nicht vorgedeutet ist. Man sicht auch, dafs der Satz
Ci rimase appena il tempo di sorriderci a vicenda, Salv. Farina, Mio figlio 396
keineswegs des innerhalb solcher Gedankengänge dem Italienischen freilich sehr
geläufigen a vicenda bedarf, um sofort sinngemäfs verstanden zu werden,
gerade wie in Deux hommes ... S’entre-donnaient de temps en temps des coups
de Poing, Scarron, Rom. com., chap. VI mit einfachem se sehr wohl aus-
zukommen war.
384 ALFRED RISOP,
daneben Une force inconnue faisait se rencontrer leurs yeux, Maupassant,
Une vie 43; C’est une rencontre fortuite ou l’on fait se rencontrer
une jeune fille et un homme d marier, Samanos, La vie qui brüle 93;
Quand le hasard les faisait se renconirer, Maurois, Bernard Quesnay 202.
Ferner Une grande secousse qui fit entrechoquer les pols sur les polidres,
Verly, Hist. du pays flamand 24 neben Des frissons ... faisaient
s'entrechoguer mes dents, Maupassant, Des vers 6. Sonst noch: Je
ne les fais point entrebatre, Chr. de Pizan, Long Estude 2906; ZEnsuite
nous ferons battre un lion et un tigre, Th. Gautier, Fortunio 237;
Vous voulez donc absolument les faire baltre, Bourget, Cosmopolis 263.1
Fälle von Einführung des reziproken Fürwortes wären: Za haine
de M"* Vacreuse fut alors aussi violenle que celles qui faisaient s’as-
sassiner les familkes aux siecles passes, Rosny, Les corneilles 33;
L’costume d’vrait les faire s'ressembler, Gyp, Petit Bob 173; Une
periode de calme ... qui fait se separer les groupes, Rosny, Charpente 69;
La confiance heroique qui les avoit fail se confesser l’un par l’aulre,
Rev. contemp. 25 aoüt 1885, 530.2
Wenn nebeneinander begegnen Fälle wie Un druit leger fil s
relourner Herbeline, Rosny, Crime du docteur 187 und Une beaufe
qui faısait relourner les femmes sur son passage, Ohnet, Roi de Paris 33,
ohne dafs durch die verschiedene Behandlung des Infinitivs eine
Abweichung in der Bedeutung der beiden Gefüge begründet würde,
so könnte sich leicht die Annahme ergeben, dafs auch die beiden
hier in Betracht gezogenen Gruppen /aire faire und faire se laire
dem Sinne nach ein und dasselbe besagen. In der Tat können
ja weder re/ourner noch heutiges faire als Intransitiva in den Formen
des Verbum finitum das refl. Fürwort entbehren, doch bleibt zu
beachten, dafs in der alten Sprache, gerade wie dem lateinischen
und italienischen /acere, dem einfachen Zaire der Sinn von heutigem
se laire anhaftet,3 so dafs nicht zu entscheiden ist, ob modernes
! Daneben der Pleonasmus ZZs devoient se battre ensemble et deux d
deux, Les quatre fiıls d’Aymon, Liege 1787, 373.
® Von den mannigfachen Wegen, die die Sprache behufs Verdeutlichung
des reziproken Verhältnisses einzuschlagen beliebt, und zwar in besonders
reicher Entwicklung da, wo das Verbum finitum in Betracht kommt, wird noch
einmal ausführlicher gehandelt werden müssen; für jetzt begnüge ich mich
mit einem Hinweis auf Meyer-Lübke, Rom. Gr. II, 630; III, 406; Keuntje,
Der syntaktische Gebrauch des Verbums bei Amyot, Leipzig 1894, ı1 und
vornehmlich Ebeling, Auberee 116 ff.; s. femer Thurneysen, Zur Bezeichnung
der Reziprokität im gallischen Latein, Arch. f. lat. Lexicogr. VII, 523—7.
® Einige Beispicle sind vielleicht nicht ganz überflüssig: Zassıds, Ast il,
ma dame, plus n’en parles, Aiol 156; TZars, fole, Elie 95; taises, Cygne 260;
Je te commande que tu taises, Vie S. Francois 124 (15. Jahrh.); /ayras-tu?,
Anc. Th. II, 19; De cela vous avez beau laıre, eb. 111, 355 (16. Jahrh.); Oxe
que li autre facent, de parler ou de taire, Ge dirai mon plaisir, Jub. Myst.
ined. II, 478 (15. Jahrh.) und so noch heute in einem wallonischen Volksliede
Ta'ses, taisez, mo frere, E. Rolland, Rec. de chans. pop, Paris 1887, 34. Vor
dem substantivierten Infinitiv wird man das refl. Fürwort nicht vermissen: Afoult
vaut miex boins taisırs que folement parler, Fierabras 2121 und mit Wahrung
der Symmetrie: /e ne scay se mieulx en loist le taire que le dire, Jeh. de Wavrin,
Chron. 11, 227. An die Stelle des refl. Fürwortes setzt di Pariser Volks-
ZUR SYNTAX DES RELATIVPRONOMENS. 385
Jaire laire die schon dem Alttranzösischen geläufige Formel faire
faire fortsetzt oder nach Malsgabe des allgemein geltenden Gesetzes
das refl. Fürwort eingebüfst habe. Überdies werden gewisse über-
lieferte sprachliche Tatsachen erweisen, dafs eine syntaktische Gleich-
stellung des an faire gebundenen /a:re mit dem Wesen von relourner ?
nicht in Frage kommen kann, da faire se laire eine mit faire faire
‚in der Wortwahl zwar verwandte Fügung darstellt, in der Art ihrer
Verwendung aber da, wo sie sich zeigt, nur als eine aus bestimmten
Zusammenhängen zu erklärende begriffliche Variante eines und
desselben Wortes verstanden werden kann. Nun lehrt der genannte
schwedische Romanist, dafs ein zweiter nicht unmittelbar an /aire
geketteter refl. Infinitiv des reflexiven Fürwortes nicht entraten
könne; er beruft sich für diese vermeintliche Tatsache anf das
Gefüge Toute aufre le fait sourire et se moquer (La Bruyere). Dazu
ist zu bemerken, dals die ältere Zeit an der auch an solcher Stelle
eintretenden Unterdrückung des refl. Fürwortes keinen Anstols ge-
nommen zu haben scheint; man vergleiche etwa: Ze /rös grand
desir el vouloır que j’ay d m’en delivrer m’a fail par deux foıs venir
et allongıer (s’Eloigner) de mon pays, Monstrelet (1390—1453) bei
Godefroy I, 234 b (s. dazu Je vous laisse a regret Eloigner de ma vue,
Racine, Brit. V, 1); Solel d’amours quil a fait reluire et espandre
sur moy, Prosacliges 291, 8 (neben s’espandent, ebd. 297, 23), (also
wie unauffälliges Z/ ge li donai du havel Si durement que le cervel
li fis espandre par la voie, Mont. Fabl. I, 217); Zesquels Andre et
sprache das Organ, an dem das Sprechen wahrnehmbar wird: 7a:s ton bec
(halt die Schnauze), Mont&pin, Dame de pique I,147; 7ais la ta chiffe (Lumpen,
Zunge), A. Mirabaud, ZAdät. de la rue 18. Weiter wäre zu beachten Mais
le duc tout coy taisant, ne futl mie bien content d’euls, Jeh. de Wavrin, Chron.
1I, 352; zu altfız. Zaisi, cos taisı s. Tobler, Verm. Beitr. I®, 159. Dals faire
in dem Siane „verschweigen“ schon der alten Zeit geläufig war, zeigt Dame,
que dire? que taisir P, Cliges 4308; Or ai Dieu renoid, ne puet estre teu,
Rutebeuf II, 95; vielleicht auch Nous amons mies faire que affermer folement
aucunes choses frivoles, Leg. Gir. Rouss. Romania VII, 193, und sogar mit
refl. Fürwort Z£ ne se Deurent taire que ..., Hist. Gaston de Foix I, 63
(15. Jahrh.).
ı Vgl. Zscoute moi, fai ta gent tere, Meraugis 1283; Atant le faisoit on
taire, Chron. de Reims, ed. Louis Paris, Paris 1837 (= M£nestrel de Reims) 173;
Li amirals les fait taisır, Flor. Blanch. (ed. du ME£ril) 2433; ... chascuns en
Ast grant joie. Il les fist taire, Joinville 8 477.
8 Anders zu beurteilen ist der Fall, wenn schon der erste Infinitiv das
refl. Fürwort bei sich hat, das dann «n0 x01ıv08 auch Objekt zu dem zweiten
ist, also Car elle n’avoit pas mestier de soy farder et aflaictier, R. Rose
(ed. 1735), 1020; Un garson „.. vint aussi se presanter et meltre d cöld de
cete fame (a. 1580), Montaigne, Journ. de voy. 112 und schon ein Jahrhundert
früher Za Plus large place et la plus aisde pour soy rallier et retraire Jean
du Bueil (+ 1480), bei Godefroy VII, ı34b, ein Verfahren, das auch für das aus
einem Personalpronomen bestehende Objekt Geltung hat: Za fagon de les
orner et embellir, Montaigne, Essais, liv. I, ch. 5ı und, wie Darmesteter und
Hatzfeld, Le XVlIe s. en France I, 264 betont, auch beim Verbum finitum
se range, modere et fortife, Montaigne liv. II, ch. ı anzutreffen ist; vgl. auch
Diez III, 418 und die die Allgemeingültigkeit solches Brauches einschränkende
Bemerkung Ebelings, Auberee 115, 430.
Zeitschr, f. rom. Phil. XLVII, 25
386 ALFRED RISOP,
ceulx de sa compaignie, nosire dıt cousin le conte d’Armaignac receul
et fist recevoir et relraire en ses places et forteresses (a. 1445), Chron.
M. d’Escouchy III, 127; Z me laisse baigner et pourmener (a. 1622),
Caq. Acc. 63 trotz des kontroversen Verhaltens von (se) promener ; 1
aber Bedenken tragen mufs man, Fälle hier anreihen zu wollen wie
Quil ne voz face ardoır ou graillier Ou pendre as forches ou en eve
norer, Jourd. Blaiv. 3794; denn im Altfranz. wird zecare im Sinne.
von neufranz. se noyer, wie aus Godefroy V, 5ı4b; X, 197a hervor-
geht, transitiv, intransitiv und reflexiv gebraucht; noch am Ende
des 15. Jahrh. finde ich nebeneinander afınguils ne noyassent, Jean
de Paris (ed. Montaiglon) 62; 22 s’y noya plusieurs Anglois, ebd. 52;
beaucoup des Anglois se noydrent, 53; Dieu garda ... ses gens d’estre
noyez, 53; en grant peril de noyer, Vie S. Frang. (ed. Galitzin, Paris,
1865) 169; fous ceulx de la nef cuydoient perir el noyer; ebd. 170;
dafs übrigens nach envoyer, laisser und gewils auch nach /azre refl.
se noyer im Neufranz. sein refl. Fürwort einbülst, zeigt J’as enzoyf
noyer l’aulre, Revue hebdom. ıı mars 1893, 259; Zas de läches,
vous l’avez laisse noyer, Montegut, Fraude 190.2
Die Zahl der Fundstätten ist zu gering, um ein sicheres Urteil
zu gestatten; doch scheint mir als habe die Sprache, aus ihr selbst
oder von anderer Seite her stammenden Antrieben gehorchend,
sich auch hier zur Einführung des refl. Fürwortes entschlossen. Bei
Lücking! $ 378, Anm. 3 liest man übrigens die in der dritten Auf-
lage $ 2ıg nicht mehr zu findende Anweisung, dals man zu sagen
habe Ze 707 Auguste les envoya hiverner et se recruler en Saxe, die
sich vielleicht durch die Betrachtung rechtfertigen lälst, dafs da,
wo durch den sonstigen Bau des Satzes der innige Zusammenhang
1 Dazu hier einige Bemerkungen. Dafs an envoyer, laisser, aller, oser,
voir, aßercevolr, wie Plattner, Erg. II,2, 173 ausführt, aber auch nach venir,
mener, emmener schlichtes Zromener (ohne se) sich anschliefst, ist bekannt,
so dals wenige Belege genügen: Zu envoies dromener le Code, Edm. de Gon-
court, Renee Mauperin 36; Drulette s’en alla promener, G. Sand, Malıres
Sonneurs 248 (schon Heptameron 412); venir Promener und aller fr. scheint
Vaugelas I, 76 zu billigen, während Th. Corneille und die Akademie nicht
einverstanden sind; Zile m’emmena promener, A. France, Pierre Nozieres 37,
aber e la menais tous les jours se promener, Revue contemp. III, 19; 7e
lairray mon meurtrier se Promener, Montaigne, Essais I XXIII (so etwa
wegen der Trennung wie auch ın Nous irons sur l’eau nous y Promener,
Hemon, Maria Chapdelaine 130 neben m’en allant Promener, eb. 130?), vgl.
sehr seltenes (1!) /e maine asseoir (15. Jahrh.), Jean de Paris 100. Das einfache
promener findet sich übrigens aktivisch gebraucht: Un temps comme ıl faut
pour promener les jolies filles, Canivet, La ferme des Gohel 36 und so schon
im 14. Jahrhundert Our moines et promoines Joseph comme une berbis, Lothr.
Ps. 83,79. An die Stelle von se Dromener tritt heutzutage bisweilen intransitives
promener, also ohne refl. Fürwort: F’ai assez promend (Lannes) bei Plattner,
Erg. I1, 2, 173; Ze dense qu’il promene dans le parc, Audr& Gide, Isabelle 138,
also wie ital. Zromeneremo insieme, Alberto Nota, Comm. scelte, Parigi
1829, 390.
% Das Italienische kennt Gefüge wie Zascia divertire i raggaszzi, Deledda,
Elia Portolu 53; Madalena mia cosa faP Si diverte? Si lasciamola divertire,
eb. 162, also wie Z/s s’en allerent esbatre, Chron, I. Wavrin (15. Jahrh.) II, 238.
ZUR SYNTAX DES RELATIVPRONOMENS. 387
von /aire etc. + refl. Infinitiv mehr oder weniger fühlbar gelöst
war, für die Sprache keine rechte Nötigung mehr bestehen mochte,
dem von übergeordnetem /aire ausgehenden Machtgebot zu ge-
horchen. Als Fälle solches mangelnden Einflusses des faktitiven
Zeitwortes könnten angesehen werden Fügungen wie Zous leurs (so)
divrent souvent ententes, Qui leur font les oeuvres laisser Ei eulx
flechir et abaisser usw. R. Rose ed. Amsterdam 1735, 18713; Celui-ld,
rien quen parlant, aurait pu faire lever et sS’agenouiller des religieux
dans une chapello, M. Talmeyr, Rev. hebdom. 36, 631; Cette sensalion
mysi£riuse ... nous fil Iressaillir el nous retourner d’une secousse,
Maupassant, Colporteur 119; Une apparılıon subite la fit Iressaillir
ei se dresser d’un Elan, Montegut, Dans la paix 78; Une äpre odeur
de sueur, qui faisait fremir et se cabrer les chevaux, Merejkowski,
Mort des dieux 449, denn die hier reflexiven Infinitive treten sonst,
unmittelbar an /aire angeschlossen, ohne refl. se auf; vgl. auch
Rousseau, ed. Musset-Pathay III, 448.
Wie dem nun auch sei, Johansson hätte sich unter allen Um-
ständen auf die Anführung des aus La Bruyere entnommenen Satz-
gefüges beschränken und Bedenken tragen sollen, sich daneben auf
eine Stelle aus Guy de Maupassant zu berufen, die ganz gewils
nicht in diesen Zusammenhang gehört, vielmehr einer durchaus ab-
weichenden Deutung zu unterziehen ist. Die Stelle lautet bei
Johansson: Zis des font parler ou se taire; ich vermute, dafs diese
Worte die etwas zu knappe Wiedergabe eines Passus sind, den ich
mir aus Maupassant, Notre Coeur 7 notiert habe; es heilst daselbst
Les appartements sympalhiques ou anlipathiques ... Eveillent ou engour-
dissent le coeur, dchauffent ow glacent l’esprit, font parler ou se taire.
Keinesfalls ist hier das refl. Fürwort nur deshalb dem Infinitiv /arre
zugesellt worden, weil zwischen ihn und dem ihn beherrschenden
font sich parler eingedrängt hat, vielmehr hätte Maupassant auch
dann, wenn etwa der Infinitif Jarler überhaupt nicht vorhanden
oder erst an zweiter Stelle genannt worden wäre, das refl. Fürwort
vor Zaire sicherlich nicht unterdrückt, also geschrieben: zis font se
laire ou parler. Wir befinden uns hier angesichts einer syntaktischen
Bewegung, die, wie schon angedeutet, den Grammatikern bisher
entgangen zu sein scheint, und deren für das rechte Verständnis
dessen, was der Autor sagen will, äufserst bedeutsames Eintreten
in seinem eigentlichen Wesen auch von Johansson nicht erfalst
worden ist. Denn Maupassant will mit den angeführten Worten
nicht sagen, dafs die von ihm gemeinten Umstände derartig wirksam
seien, dals sie einen oder mehrere Redende zum Schweigen bringen,
wie es in Quelques accords de Massival ks (d.i. die redenden Zu-
hörer) firent taire, Notre Coeur 146 der Fall ist; faire se taire besagt
hier vielmehr, dafs der Mensch unter dem tiefen Eindruck des
Geschauten entweder zum Reden oder aber zur Beobachtung von viel-
leicht beredtem Schweigen bewogen wird. Der Fälle, in denen so der
Typus faire se faire durch seine Bedeutung von /aire faire geschieden
ist, begegnen innerhalb des Zeitraums ihres Auftretens, d.h. etwa
25%#
388 ALFRED RISOP,
der letzten 150 Jahre,! ziemlich selten, doch wird die nun folgende
kleine Sammlung genügen, um darzutun, dafs die einzelnen Belege
nur in dem von mir angedeuteten Sinne begriffen werden können.
Der Dichter hat die Nachtigall erdrosselt, so dafs sie nun ewig
beim Schweigen bleiben muls: Ausque j’ai fait se tatre ton chant,
je le donne mon art d grouper en d’incomparables rhythmes les sons
du verbe sacr£, Catulle Mendes, Messe rose 264, d.h. die Nachtigall
ist nicht in einem einzelnen Falle zum Verstummen gebracht worden,
sondern, für immer ihrer Stimme beraubt, mu[s sie nun ewig beim
Schweigen bleiben. „Zierte“, „dignile*, Oh les mots qui n’ont pas
aime: Ils font se laire, ıls ne peuvent plus, Jeanne Schultz, Ce qu’elles
peuvent ı89, diese Worte können nichts anderes bewirken, als dals
wir Schweigen beobachten müssen. Ces innocents (nämlich zwei-
jährige Zöglinge), que sont l’instabihitE et le brust perpöluels, on les
fait s'immobiliser et se taire pendant des quarts d’heure, Leon Frapie,
La maternelle 40, wo schon die Hinzufügung der Zeitdauer über
die Bedeutung von se faire (sich ruhig verhalten) keinen Zweifel
läfst. Z’ärange d’ölre habilles comme tout le monde, l’innaccoulum!
de se trouver toutes ensemble dehors ... les faisaient se laire, sc serrer
Zune contre Üaulre, Catulle Mendes, Maison de la Vieille 495, wo
wieder der Eindruck, den äufsere Umstände auf die Betreffenden
ausüben, ihr dauerndes Schweigen veranlalst, während mit /asre faire,
wie immer, gesagt worden wäre, dals sie vom Reden zum Schweigen
übergegangen wären. Z/ oubliant la gloriole bourgeoise, qui d’habilude
la faisaıt se laire ou m£me mentir, elle exposa leur gene, l’affreuse
plaie d’argent, Zola, Paris 175, d.h. gewöhnlich redete sie von ihrer
Armut nicht.
Man sieht, dafs an den beigebrachten Stellen das refl. Fürwort
se sich immer dann zwischen faire und /aire einstellt, wenn nicht
betont werden soll, dafs jemand in einem einzelnen gerade gegebenen
Falle in seiner Rede unterbrochen und veranlalst wird, zum Schweigen
überzugehen, sondern vielmehr dann, wenn als Folge eines auf die
seelische Verfassung des Objektes wirkenden fremden Eingreifens
und unter dem Druck neugeschaffener Stimmungen sich ein mehr
oder weniger dauerhafter Gemütszustand ergibt (durativer Wert),
der sich nicht anders als dadurch nach aufsen hin kundgeben kann,
als dafs die Träger solcher Zustände keine klingenden Worte für
ihre Empfindungen finden, während durch /aire laire nur die
sinnlich wahrnehmbare Bewegung vom Lauten zum Stillen angedeutet
wird (motorischer Wert).
Da nun, wie leicht ersichtlich ist, das Auftauchen von aıre
se laire nur innerhalb eines beschränkten Kreises von Autoren und
kaum über eine uns noch ziemlich nahe untere Zeitgrenze hinab-
reichen dürfte, so darf man mit gutem Fug fragen, ob denn nicht
1 Vgl. Tous les rois de la terre, ligues ensemble, n’ont pas le powvorr
de forcer un homme honnöte d trahir sa conscience, d la faire parler ou se
faire d leur gr, Les quatre fils d’Aymon, Liege 1787, 234.
ZUR SYNTAX DES RELATIVPRONOMENS. 389
heute und in der Vergangenheit der Typus faire faire, also ohne
Eintreten des refl. Fürwortes, auch in solchen doch gewils nicht
fehlenden Zusammenhängen verwendet werden kann, in denen wir
soeben /asre se laire angetroffen haben. Diese Frage zu verneinen,
liegt nach Lage der Dinge kein Anlafs vor, und die folgende Reihe
von Literaturstellen älterer und neuer Zeit wird die Möglichkeit
dieser Annahme hinterdrein vollauf bekräftigen. Ein Liebhaber
beschliefst, der Geliebten seine Gefühle vorläufig noch zu verbergen:
da paour quil avoit de perdre son amıtie, si elle entendoit tela propos,
le feit taire et se amuser ailleurs, Marg. d’Angouläme, Heptameron
ed. P.L. Jacob 212 (16. Jh). Der 1552 geborene Agrippa d’Aubigne
will den wider ihn erhobenen Anklagen gegenüber nicht länger
schweigen: Certes je n’ar pas deliber& de les faire taıre (die Tatsachen
sollen nicht länger stumm bleiben), M&moires (ed. Lalanne) 398.
Malherbe läfst einen unglücklich Liebenden sagen: Certes, o& !’on
peut m’Coouter J’ai des respects qui me font laire; Mais en un reduit
soltaire Quels regreis ne fais-je &clater (aus dem Gedächtnis zitiert).
Behufs Übernahme einer diskreten Beschäftigung wird ein junger
Mann gesucht, von dem vor allem Verschwiegenheit erwartet wird;
auf Intelligenz und weltmännisches Wesen komme es weniger an:
Sottise el peur conliendront ce pilaud, Au pis aller Üargent le fera taire
(d.h. wenn er Miene macht zu plaudern), Lafontaine, Contes ed.
Paris 1864, UI, 255; Zes dieux qui m’inspiroient et que j’ai mal suivis,
Mont fait taire trois fois par de secrets avis, Racine, Mithr. IV, 2; und
so noch in unserer Zeit: Zn ces professions le danger mortel des exercices
fait taire les jalousies ordinaires du monde des autres Iheätres, Edm.
de Goncourt, Freres Zemganno 198; Zn mere prevoyante, avisee,
sachani au besoin faire laire ses ölans de sensiblerie, Gustave Toudouze,
Miroir tragique 71: Faire taire Madame Monpalou? Avez-vous barre
sur elle?> La peur seule la ferait laire als Antwort auf die Worte
eines anderen: Je ne /ui demanderai quune chose: se laire (reinen
Mund halten), Jean Lorrain, Mad. Monpalou 152; Z/ soußgonne Tullia;
celle-ci Pa pressenti et pour le faire taıre d jamais, elle a et lu avouer
son crime au confessional, Brada, Amantes 258; sicherlich gehört
auch hierher: Z’engourdissement de la mer jfaisait de nouveau laire
fout le monde, Maupassant, Une vie 48 und nicht minder sicher:
J'avais des remords d’avoir fait taire en sa prösence la haine que
javais pour el, Eugene le Roy, Jacquou le Croquant 394. Bei
einigen der angezogenen Belegstellen liegt die Sache so, dafs zwar
ein innerer Trieb zum Reden wirksam ist, also eine gewisse
Gedankenbildung im Bewulstsein bereits stattfindet, die, so kräftig
sie nach akustisch wahrnehmbarem Ausdruck verlangt und oft auch
in dem äufseren Gebahren des Subjektes sichtbar werden mag, doch
infolge des Vorhandenseins mächtiger Einwirkungen unterdrückt
wird. Mit besonders plastischer Deutlichkeit tritt diese Abart in
der Verwendung des Typus /asre faire zutage in neufranzösischen
Fällen, in denen durch vorausgeschicktes voulor auf den Verlauf
des Geschehens vorbereitet wird: Gontrans Bosons ... se rail vers
390 | ALFRED RISOP,
le Roi tout belement, aussi comme sıl vousist dire aucunc chose Priueement.
Li Rois qui vers luy le vil venir, luy commanda que ıl se leust, Grans
Chron. 1,255; Quand elle voulait parler, Tellmarch la faisait taire,
V. Hugo, Quatre-vingt-treize 254; Z/ voulast questionner, sinformer,
anzieux de ce qwil devait craindre, de ce qudle pouvait connaltre.
Elle le fit taire, Ohnet, Roi de Paris 403; Zierre voulut poser cerlames
questions, pwis un senliment singulier, un malaise de discrdhion et de
peur le fit se taire, Zola, Paris 23 (wo die Einmischung von se nach
dem schon oben Gesagten durchaus nicht auffallen kann); von
älteren Fällen dieser letzteren Spezies von Verwendung der Formel
faire laire fällt mir bei: Marsillere lui voulut aider; mais le maistre
le fit taire, M&m. d’Agrippa d’Aubigne 238 (16./17. Jahrh.).
Dem Altfranzösischen scheint die soeben begründete Variation
der Bedeutung der Gruppe /aire faire noch nicht geläufig gewesen
zu sein; die wenigen Fälle, die mir in alter Zeit vorgekommen
sind, zeigen sämtlich den neufranzösischem Jaire laire für ge-
wöhnlich anhaftenden Sinn: einen Redenden zum Schweigen ver-
anlassen: Zscoufe moi, fai ta gent laire, Meraugis 1283; Atant le
faisoit on laire, Chron. de Rains (ed. Louis Paris, Paris 1837 — Reecits
d’un Menestrel de Rheims ed. Natalis de Wailly); Zz peuples en
/urent si lid que chaseuns en fist grant joie. Il les fist taire, Joinville
8 477; Li amiralz les fait taısir, Fl. Blanch. (du M£ril) 2433 und
aus dem 15. Jahrh. Pour faire taire les gens qui parloient Irop hault,
Jean Aubrion 419 (a. 1499). Auch hier gelingt es übrigens nicht,
festzustelien, ob in der Einheit /azre /aire schlichtes /aire oder um
sein reflexives Fürwort verkürztes so faire enthalten ist, da die
Formen des Verbum finitum der alten Sprache von beiden Typen
geläufig sind (s. oben S. 384, Anm. 3).
Im Gegensatz zum Altfranzösischen reicht die entsprechende
italienische Fügung in der Bedeutung „stumm bleiben“ in die
Frühzeit zurück. Gelegentlich der Begegnung mit dem Dichter Statius
hat Virgil dem durch die Worte des Römers tiefbewegten Dante ein
laci (sage nichts, bändige deine offenkundige Neigung zum Reden),!
während Dante andererseits zum Reden aufgefordert wird. Dieses
Dilemma wird von diesem mit den Worten gekennzeichnet: Or son
io d’una parte e d’altra preso: Luna mi fa tacer, laltra scongtiura
Ch’i’ dica, Purgatorio 21, 115.
Um nun auch bei der Erörterung dieser Materie nicht hinter
den heifsen Bemühungen und dem Idealismus des edlen Florentiner
giovane Rinieri zurückzustehen, von dem Boccaccio im Decamerone
giorn. VIII nov. VII zu berichten weils, dafs er lange in Paris studiert
hätte non Der vender poi la sua scienza a minulo, come molti fanno,?
ma per sapere la ragion delle cose, e la cagion d’esse, schien es mir
I Den gleichen Sinn wird man wohl dem von Virgil dem Plutos zu-
gerufenen facı zuerkennen müssen, Inferno 7, 8 (s. dazu meine Ausführungen
Arch. f. n. Spr. 144, 75—76).
ı Also wie das y&Evog uasnuatonwiıx0Yy bei Plato, Soph. 224 e.
ZUR SYNTAX DES RELATIVPRONOMENS, 391
geboten, die in Sachen des Typus /aire se faire sorgsam eingeheimsten
positiven Tatsachen auf ihr eigentliches Wesen hin zu prüfen und
zu versuchen, den Weg zurückzufinden, auf dem die Sprache zu
dieser eigenartigen Neuerung gelangt sein könnte, oder gar die
psychische Wurzel aufzudecken — falls eine solche vorhanden ist —,
aus der sie hervorgewachsen sein mag. |
Es ist zunächst nicht recht verständlich, wie sich die Vertreter
der Gruppe /aire se taire dazu herbeilassen konnten, mit dieser
bislang unerhörten Abspaltung von althergebrachtem /uire faire den
angedeuteten Sinn zu verbinden, denn cs mufste ihnen doch aus
der sonstigen Übung ihres heimischen Idioms geläufig sein, dafs se
faire, also mit dem refl. Fürwort, aufserhalb seiner Verknüpfung mit
faire, insonderheit als Verbum finitum, in den beiden festgestellten
Bedeutungen dem jeweiligen Zusammenhange entsprechend auftreten
kann, nämlich a) da, wo ein schon bestehendes Schweigen
auch nach einer möglichen, aber erfolglos bleibenden Störung des-
selben auch weiterhin beobachtet wird: Zile (Rome) se tail du
moins, miles son silence, Racine, Brit. II, 8; Wilodarski fronga les
sourcils, mais se tut (entschlols sich zum Schweigen), Rev. bleue
1905, 630; Gülette voulaıt röpondre, mais elle se tut, Leon de Tinseau,
Maitre Gratien 258; Le pere qui a parl& devant des inconnus ne peut
plus se laire avec moi, )J. de Glouvet, Le pere 149; Maitre Gohel
nignore rien de tout cela, mais ıl a la force de seen laire, Canivet,
Ferme des Gohel 143; J’ai raison, de me taire ei je me laırai,
Lermina, Hist. incroyables 122; /Z fallait se taire jusqu’d ce quıl
se füt Eloigne, E. Daudet, L’expiatrice 184; und aus älterer Zeit
Pluseurs ne le dirent point qui bien le savoient, mais pour leur honnceur
ılz s’en turent, C Nouv. Nouv. nov. XLVI, und zu demselben beredten
Schweigen entschlielst sich Nediu: (z) se feust et pensa comment
il le pourroit guerredonner (heimzahlen) a son maistre, Disc. clerc.
1, 129; @ner taire sei est moul granl sens De si que de parler seit
iens, ebd. II, 28.1 Tritt an die Stelle des Praeteritums das Im-
perfektum, so ist von einem Entschluls zum Schweigen weniger
nachdrücklich die Rede: in Ze marin se laisail, non guWil fül em-
barrasse de röpondre, mais ..., Leon de Tinseau, Maitre Gratien 13;
Pierre trls &mu ... se taisait prds delui, Zola, Paris 448 (safs schweigend
neben ihm); Z/ comme il se taısait et ne faisait Pas un mouvement, elle
l’appela d’une voix suppliante, Anatole France, L’ile des pingouins ı 12,
wo das dauernd Zuständliche in dem Gebahren der beiden Männer
die Wahl des Tempus bestimmt hat. — Wäre die Verwendung
von se Zaire, also mit dem refl. Fürwort, auf den sich in der Gesamt-
heit der beigebrachten Belege kundgebenden Ideenbereich beschränkt,
so bedürfte der Typus /aire se faire keiner besonderen Erklärung.
Nun können aber die Formen des zu /aire faire gehörigen Verbum
finitum einschliefslich des ohne /aire auftretenden Infinitivs in dem
hier allein in Frage kommenden Neufranzösischen ebensowenig
wie die zu /aire se faire gehörigen des refl. Fürwortes entraten;
es hat also ausnahmslos zu heilsen:
392 ALFRED RISOP,
b) Joakanann linvectiva pour sa royautd ... Antipas le langa
dans la fosse en lul commandant de se taire, Flaubert, Trois contes
(Paris, Nelson) 239; Rien ne peut decider Antonina (die um Hilfe
ruft) @ se Zaire, Leroux-Cesbron, L’etrangdre 319; altfranz. Quant
li sages eut ce dit, ıl se teut, Disc. cler. ], ı 59, wo, wie so oft im
Neufranz. nur gesagt werden soll, dafs eine Bewegung vom
Reden zum Schweigen stattgefunden habe.
Aus der Übereinstimmung der beiden Typen in der syntaktischen
Behandlung ihres Verbum finitum ergibt sich als zwingende Kon-
sequenz die theoretische Möglichkeit, dafs auch /aire Zaire (zum
Schweigen bringen) bei Festhaltung derselben Bedeutung ein */aire
se faire entwickeln konnte, so dals der Idee „veranlassen, dals ein
Subjekt beim Schweigen verharre“ die Befugnis abgesprochen werden
müfste, für sich allein die Erlaubnis in Anspruch zu nehmen, sich,
wie es ja hie und da wirklich geschehen ist, in die neugeschaffene
Hülle /aire se faire zu kleiden. Nun ist oben gezeigt worden, dafs
auch /aire /aire in älterer und neuer Zeit neben seiner motorischen
Verwendnng auch in der neuerdings von /aire se laire übernommenen
durativen Bedeutung akustischer Ruhelage auftritt, und es liefse
sich denken, dafs die angeführten Autoren neben begrifflich so
geartetem /aire faire ein neues faire se faire desselben geistigen
Inhaltes aufkommen liefsen mit der Rechtfertigung, dals mit solchem
traditionslosen Vorgehen nichts Seltsameres geschaffen wurde, als
was schon bei anderen an /aire gebundenen refl. Zeitwörtern zur
landläufigen Tatsache geworden war; die oben S. 387 ver-
merkten Belege von /aire se faire und gleichbedeutendem Jaire
faire würden sich also zueinander verhalten wie die parallelen
Fügungen De quelle oreille es-Iu sourd? ... dif-elle au moulard,
en le secouant pour le faire se lever, A. Daudet, Jack II, 345 neben
Le jeune homme ... la fit lever et Ü’emmena avec lu, M. Jogand,
L’enfant de la folle 3; :ı/ Ja hit se coucher, G. d’Hailly, Le prix d’un
sourire 65 neben Claire ... ke fit coucher, A. Daudet, Fromont 318;
Nous essayons ... de les faire sasseoir, Loti, Mon frere Yves 264
neben z/ me fist asseoir, Joinville 8 634; ı la fit asseoir, Leroux-
Cesbron, L’Etrangere 110; Un engagement tacile ... qui aurait pu
faire se cabrer mes instincts, G. de Peyrebrune, Sentimentale 138
neben Vous le ferez cabrer bei Mätzner, Gram. 195 (ohne Angabe
der Quelle).
Wenn, was sich freilich nicht beweisen läfst, die Erinnerung
an dieses wechselnde Nebeneinander der beiden Ausdrucksformen
wirklich bei der Neuschöpfung von faire se laire malsgebend
gewesen wäre, so darf doch nicht unbeachtet bleiben, dafs die von
den genannten Autoren gewils nicht vorgenommene logische Analyse
zu der Einsicht hätte führen müssen, dafs der mit solcher Mafs-
regel beabsichtigte Zweck nicht voll und ganz erreicht werden
kann, da doch auch j/aire faire mit der Bedeutung „einen
Redenden zum Schweigen veranlassen* nach den oben erörterten
Analogien sehr wohl neues faire se taıre ebenfalls mit motorischem
ZUR SYNTAX DES RELATIVPRONOMENS. 393
Sinne neben sich hätte zulassen können. Bei solchem Mangel an
Bewulstsein für die Doppelnatur des wirklich vorhandenen Typus
faire se taire würde dieser in die Kategorie echter, organisch
gewachsener linguistischer Evolutionen, die ohne Bedacht auf
logische oder ästhetische Bedenken ihres Weges gehen, einzureihen
sein. Wie dem auch sei, ich kann mich des Gefühles nicht er-
wehren, als hätte ein dynamisch nicht sicher zu bemessendes, in
jenen Autoren selbst lebendig gewordenes oder vielleicht von Lehr-
meinungen Anderer her herangewehtes doktrinäres Wollen bei der
Gestaltung der Neuerung mitgewirkt, um so zu dem von altersher
nun einmal mit der Bedeutung „einen Redenden zum Schweigen
veranlassen“ fest in der Sprache der Gesamtheit des Volkes ver-
ankerten Typus /aire faire ein möglichst sinnfälliges Zwittergebilde
(faire se taire) ins Leben zu rufen, das dem Verlangen nach voller
Klarheit und Sauberkeit der Gedankenformung entsprechen sollte,
Der Umstand, dafs den Gläubigen dabei die Brüchigkeit der erstrebten
Eindeutigkeit des Ausdrucks nicht zum Bewulstsein gekommen ist,
sichert ihnen vor dem Forum einer schärfer hinsehenden linguistischen
Kritik eine mildere Beurteilung. Auf dem Boden der schlecht und
recht veranlagten Psyche des gemeinen Mannes wird derartig Neues
kaum aufzukeimen vermögen, und wenn ich dennoch sogar in dem
auf Jersey erklingenden neunormannischen Dialekt finde / ma #8
impossible d’powve l’faire se taire bei A. Mourant, Rimes et Poe&sies
jersiaires, Jersey 1865, ı3, sc darf man nicht vergessen, dafs die
hier gesammelten Gedichte verschiedener Autoren in jedem Fall
aus gebildeter Feder geflossen sind.
ALFRED Riısoe.
Baskisohe Beliktwörter im Pyrenäengebiet.
Die Frage, wie weit baskische Wörter sich auf den Gebieten
erhalten haben, die heute von romanischen Sprachen beherrscht
sind, ist von prinzipieller Wichtigkeit für die endgültige Erschliefsung
der ehemalig baskischen Sprachdomäne. Entsprechend der Zähig-
keit, mit der die iberischen Stämme des westlichen Pyrenäengebietes
sich gegen die römische Infiltration gewehrt haben, ist der Rück-
zug des Baskischen stets ein schrittweiser gewesen. In einem aus-
blickreichen Aufsatz hat erst kürzlich Men&ndez Pidal den Nachweis
geführt, dafs im Altertum die römische Kolonisation im Pyrenäen-
Vorland westwärts nicht über Osca hinausgegriffen hat.1 Während
das Ebrotal mit seinen grofsen Durchgangsstralsen verhältnismälsig
rasch Roms Sprache übernommen hat, blieb im ganzen Alto-Aragon
von der Noguera Pallaresa bis zum Rio Aragon zunächst die bas-
kische Sprache erhalten. Erst viele Jahrhunderte später hat der
kulturelle, insbesondere geistliche Einflufs, der von Huesca und
Zaragoza ausströmte, das Gebiet baskischer Sprache bis etwa auf
die heutigen Grenzen (Valle del Roncal) zurückgedämmt. Erhalten
blieb der ursprünglich baskische Charakter dieses Landstriches nur
in der Toponomastik, die auch von der romanisierten Generation
nicht angetastet wurde. Daher die vielen Ortsnamen auf -wes
(< bask. -02) wie die Zusammensetzungen mit d&rrri ‘neu’ und
gorri ‘rot’, die der ganzen Landschaft noch heute ein völlig un-
romanisches Gepräge geben. Ähnliches läfst sich für das Gebiet
nördlich der Pyrenäen feststellen. Auch dort reichen die Ortsnamen
baskischer Bildung und Zusammensetzung weit über das heutige
Gebiet baskischer Zunge hinaus.?2 In einer grofszügig angelegten,
im einzelnen aber nicht immer kritischen Untersuchung hat H. Urtel?
an der Hand des vom französischen Sprachatlas gebotenen Materials
und auf Grund der heutigen Ortsnamen die ursprünglichen Grenzen
des lberertums zu erschliefsen versucht und dabei noch starke
iberische Trümmer im Cantal und in der Dordogne nachgewiesen.
Leider arbeitet dieser Versuch mit lautlichen Anklängen, die
1 Vgl. Revista de Filo]. espafola V (1918), 227—255 und jetzt auch
Origenes del espafol, Madrid 1926, 485 ff.
% Vgl. Rohlfs, Baskische Kultur im Spiegel des lateinischen Lebnwortes
(Festschrift für Voretzsch) p. 64f.
® Zum Iberischen in Südfrankreich, Sitzungsberichte der Preuss. Akad. d.
Wissenschaften 37 (1917), 530 ff.
BASKISCHE RELIKTWÖRTER IM PYRENÄENGEBIET. 395
sich bei näherer Prüfung als trügerisch erweisen, und so ist es
H. Schuchhardt und J. Jud nicht schwer gefallen, an der Urtelschen
Liste von Vergleichsfällen nicht unwesentliche Abstriche vor-
zunehmen.1 Anderes aber bleibt. Auffällig ist dabei die weite
Verbreitung, die sich für einige dieser iberischen Relikte ergibt
wie der Stamm esguer ‘links’ (Lot, Cantal), garrık ‘Eiche’ (Tarn,
Aude, Aveyron, Lot), ander ‘roter Mohn’ (Lot) etc.
Da eine endgültige Stellungnahme zu der wichtigen Frage im
Augenblick noch verfrüht ist, soll hier zunächst weiteres Konkordanz-
material zusammengestellt werden.?2 Landschaftlich berücksichtigt
werden hier in erster Linie Bearn und Nordaragön, d.h. die beiden
Gebiete, aus denen das Baskische am spätetesten zurückgewichen
ist. Was den Verkehrswert dieser baskischen Reliktwörter betrifft,
so mufls man unterscheiden zwischen solchen, die nur lokale Be-
deutung haben und auf isolierte Orte beschränkt sind, und anderen,
die zu festen Bestandteilen der Regionalsprache geworden sind.
Lehrreich in dieser Hinsicht ist das Verhalten der Orte an der
Sprachgrenze, die erst unlängst der Romanisierung anheim gefallen
sind. Hier bleiben, wie z.B. in Arette (bei Aramits)3 bei der
Abkehr vom Baskischen vereinzelte baskische Ausdrücke im Gebrauch,
bis in einer späteren Generation auch diese durch stärkere An-
gleichung an die Regionalsprache aufgegeben werden. Wirkliche
Aussicht auf längere Lebensdauer haben nur die Ausdrücke, die
schon bei der Übernahme der kulturkräftigeren Sprache, also in
der Periode der Doppelsprachigkeit ihren Platz behaupten und die
Aufnahme des Fremdwortes verhindern. Je weiter der Umkreis
ist, auf dem ein solches Reliktwort in Geltung bleibt, um so grölser
sind die Aussichten für seine endgültige Erhaltung.*
ı. Bearn. (Aramits, Agnos, Osse, Lescun) agpr ‘Herbst’,
(Gavarnie, Arrens, Bar&ge) abfr ‘Herbst’, nordostarag. (Bielsa, Plan,
Gistain, S. Juan, Benasque) agwerro ‘Herbst’. Zugrunde liegt, wie
schon Saroihandy erkannt hat (R. B. VII, 417), bask. agor ‘trocken’,
‘dürr’, (bizk., guip.) agor ‘September’, agorril ‘August’. Vgl. auch
Schuchhardt, ZRPh. 30, 212.
2. Bearn. (Campan) amiür, (Lannemezan) amürru ‘etourdi’,
‘distrait’, (Aramits) amürru ‘nigaud’, *simple’, (Agnos, Osse, Lescun,
i H.Schuchardt, Literaturblatt f. germ. u. rom. Phil. 39 (1918), 40; J. Jud,
Arch. Roman. II, 237 ff.
9 Bemerkenswert ist, dafs selbst da, wo heute das Material romanisch
ist, oft noch der baskische Gedanke durchschimmert. So wird in bearnesischen
Mundarten genau wie im Baskischen die Quelle als ‘Auge’ aufgefalst: Arrens
(Hautes-Pyr&n&es) wey de la hun (‘ojo de la fuente’), bask. urdeghi (‘ojo de
Y’agua’) ‘Quelle. In Arrens wird der Begriff ‘gousse d’ail’ wiedergegeben
mit Zfrna, was genau bask. zisterra (eigentlich ‘cuisse’) entspricht.
® Vgl. hier z.B. dni-huro ‘lA-haut’ aus bask. kan ‘dort’ und gora ‘hoch’.
* Die im folgenden ohne Quellenangabe mitgeteilten Formen stammen
aus eigenen Aufnahmen im Gelände (Frübjahr 1926 u. 1927).
396 GERHARD ROBLES,
Gedre, Gavarnie) amürro ‘(Schaf) mit Drehkrankheit’. Urtel (a. a. 0.
532) bespricht das am Atlaspunkt 692 (Bass. Pyr.) bezeugte bear.
ke suy amurro ‘j'ai !’onglee’ und verbindet es richtig mit bask. amdrru,
amürru ‘Wut’, ronk. amurri ‘“Drehkrankheit”. Mit verändertem
Tonvokal begegnet das Wort in Ari&ge (Foix) Aamprri [< kap
amgrri\, (Sorgeat) kammfrrye und in Nordostaragonien: (Bielsa,
Berbegal, Plan, Benasque) amfrra, (Graus) mfrra ‘(Schaf) mit Dreh-
krankheit’,
3. Nordwestarag. (Ans6) anddrra ‘Käseüberbleibsel im Milch-
kessel’, identisch mit bask, ondärra (— mit Artikel) ‘r&sidu’, ‘dernier’,
‘fond’ (Azkue II, ıı 1).
4. Limous. artigo, artijo ‘terre defrichee’, *“jardin’, arzigolo
‘petite novale’ (Mistral I, 146), neuprov. arlıgau, arlic, querc. artıgal
‘vallee’, ‘plaine entre deux cours d’eau’ (Mistral I, 146), bearn.
(Lescun) artiko ‘urbar gemachtes Stück Land in schwieriger Berg-
lage’, arag. (Ansö, Plan, Graus etc.) ar/iga, (Bielsa) artika ‘Stück
Land, das zum erstenmal gepflügt worden ist’, (Benasque) ar/iga
‘Stück Feld in den Bergen’, span. arfıga ‘gerodetes Feld’, artigar
‘quemar la maleza de un terreno’. Schuchardt hat (ZRPh. 23, 187)
den Versuch gemacht, diese Sippe mit dem sonst auf galloromanischem
Gebiet weitverbreiteten *exsartare (>> franz. essarier) ‘roden’ zu
verknüpfen, indem er eine Basis *exsarticare erschliefst, aus der
sowohl artica ‘gerodetes Land’ als auch span. arfo “Dornstrauch’
rückgebildet worden wären. So sehr diese Erklärung begrifflich
überzeugt, so ist sie doch von anderen Gesichtspunkten aus kaum
annehmbar. Mit Recht bezeichnet daher auch Meyer-Lübke (REW.
no. 3066) die Schuchhardtsche Deutung als ‘wenig wahrscheinlich’.
In der Tat würde man, falls *exsarticare wirklich die in Frage
kommende Grundlage bildet, erwarten dürfen, dafs das Verbum
im Provenzalischen noch irgendwo als *esartigar, im Spanischen
als *enjartigar fortlebt. Das ist weder hier noch dort der Fall!
Dafs aber auf beiden Gebieten das ursprüngliche Verbum unter-
gegangen und nur die Rückbildung fortleben soll, will nicht eben
überzeugen, wie es auch höchst unwahrscheinlich ist, dafs von der
gleichen (in der Luft schwebenden) Grundlage eine zwiefache
Rückbildung (I. arlıga, 2. arto) eingetreten sein soll.
Nach dem Verbreitungsgebiet zu urteilen, möchte man auf
ein Wort gallischer oder iberischer Herkunft schliefsen und zwar
dürfte, da das Wort anscheinend weder in Nordfrankreich noch
im Rhönegebiet Spuren hinterlassen hat, das Iberische wohl den
Vorzug verdienen.?2 Dagegen scheint eine Feststellung Schuchhardts
zu sprechen, der ZRPh. 23, 187 sagt: „Zunächst ist zu bemerken,
" Nachträglich finde ich in Arrens (Htes.Pyr.) esartigd ‘cultiver un
terrain’.
8 Iberischen Ursprung des Wortes vermutete bereits Bourciez, Bulletin
hispanique III, 326,
BASKISCHE RELIKTWÖRTER IM PYRENÄENGEBIET. 397
dafs das Wort weder in dieser noch in einer ähnlichen Gestalt als
baskisches belegt ist.“ Nun bietet aber Azkue (I, 8ı) für Nieder-
navarra artcaga ‘defrichement’, ‘defoncement de terres’, dessen
Suflix (-aga) wenigstens echt baskisch ist.! Mag es sich im übrigen
hier auch um ein Lehnwort aus dem romanischen Nachbargebiet
handeln, das baskischen Sprachverhältnissen angepalst worden ist,
so zeigt das Baskische doch eine Reihe anderer Ausdrücke, deren
einheimischer Charakter kaum anzuzweifeln ist. Einmal ist hier zu
nennen lab, arfeaga ‘bois de chä@nes verts’ (Lhande 63), arthegi
‘montagne boisee qui peut &tre mise en exploitation’? (Azkue I, 82),
arteko ‘petit ch@ne’ (ib.), soul. artegi ‘taillis’ (Lhande 63), anderer-
seits arleka ‘fente £troite’, ‘fissure’ (Navarra, Soule), ‘espace entre
deux choses en general’ (Hochnavarra), Azkue I, 82. Ersteres
gehört zu bask. (Hochnavarra, Bizcaya, Guipuzcoa) arte, arta ‘Stein-
eiche’, letzteres zu bask. (Niedernavarra, Soule) arie ‘Spalte’. Geht
man von ersterem aus, so würde ariıca ursprünglich bedeutet haben
„Land, das mit Steineichengebüsch bewachsen ist“, im anderen
Falle „Land zwischen zwei Felswänden, Wasserläufen etc.“. Denkt
man an die von Mistral gegebene Definition (‘plaine entre deux
cours d’eau’), so möchte man sich vielleicht für das letztere ent-
scheiden. Nun haben wir andererseits span. ar/o, das Tolhausen
mit ‘Wolfsdorn’ übersetzt, das mir aber in Aragonien als Name
des Schwarzdorns angegeben wurde, Letzteres wird man kaum
ernstlich von bask. arte, arla ‘Steineiche’ (‘encina’) trennen wollen.?
Die Schwierigkeiten der Bedeutungsdifferenzen fallen nicht allzu
schwer ins Gewicht, da beide Bedeutungen sehr wohl von einer
älteren Generalbezeichnung (‘niedriger, wilder, dorniger Busch’)
ausgestrahlt sein können,* andererseits aber auch später der Name
einer niedrigen, buschigen Eichenart sich auf gewisse Dornsträucher
übertragen haben kann.5 Hat man sich nun für dieses oder jenes
zu entscheiden, oder sollten in dem romanischen Wort die Be-
deutung beider iberischer Stämme zusammengeflossen sein ?
1 Das baskische Suffix -aga dient zur Bezeichnung einer Örtlichkeit:
harriaga 'endroit pierreux’, elisaga “emplacement de l’Eglise’, alzaga ‘lieu
plant€ d’aunes’, sarafsaga 'lieu abondant en saules’.
2 Baskisch -eg7 ist Ortssuifix, vgl. ofaegi ‘pente couverte de gentts’,
arregi ‘pente rocailleuse”.
8 Vgl. auch Meyer-Lübke, REW, Nr. 690.
4 In der Tat finden wir in grofser Verbreitung in Südfrankreich und auf
der iberischen Halbinsel eine kleine, sebr niedrige, buschig auftretende Eichenart
(im allgemeinen nur etwa S0— 80 cm hoch) mit immergrünen stachligen Blättern
und stachlichem Eichelteller (Quercus coccifera, franz. chöne kermds, untere
Rhöne agarüs und avaus, Clermont-d’HE£rault abd/se, Narbonne garuyo oder
garilo, Ariege awsino, portg. carrasqueiro etc.), deren Eichel an Mehlgehalt
und Nährwert die Früchte aller anderen Eichensorten übertreflen soll. Diese
Zwergeiche gehört zu dem charakteristischsten Bestand der öden Berghalden
und wuchert mit ungeheurer Leichtigkeit; von ihrer Ausrottung hängt in erster
Linie die Urbarmachung eines Terrains ab.
5 Dafs die beiden Begriffe auch sonst durcheinandergehen, sieht man aus
span. chaparro ‘Steineiche’ und chaparral ‘Dormmgebüsch’.
398 GERHARD ROBHLES,
5. Ariege (Foix, Vicdessos, Siguer) diskor ‘Lunge der Tiere’;
bearn. biscle ‘cöte d’un toit en biais’ (Lespy), bearn. (Bar&ge) dis-
kerro ‘poutre qui soutient le faite’; Ariege (Seix) de biskor, bearn.
(Aramits, Agnos) de Diskfr ‘de travers’, ‘von einer Ecke quer zur
andern’. Wohl zu bask. dzskar ‘Rücken’, ‘Gipfel’, ‘Dachfirst’, dzzkör
’
«hardi’, ‘agile’, ‘degourdi’, ‘vigoureux’.
6. Span. cachorro “junger Hund, Fuchs etc’, arag. (Ansö,
Hecho) Zadurro ‘junger Hund’. Schuchhardt (R.B. 1914, Separat-
abzug p. ıı) sieht in dem Wort lat. catulus > *cattulus, das im
Spanischen nach Meyer-Lübke (REW. 1771) als cacho ‘junger Hund’
erscheint und mit dem iberischen Suffiix -orro erweitert worden
wäre. Nun gibt es aber im Spanischen ein cacho ‘junger Hund’
in Wirklichkeit gar nicht,1 sondern nach Tolhausen nur cacho
‘Scherbe’, ‘Brocken’. ‘Schnitte’, dessen Zugehörigkeit zu cachar
‘zerbrechen’ (< *quassiculare)? aufser Frage steht. Ausgangs-
punkt ist vielmehr bask. /akur [mit Artikel /#akurra] ‘Hund’
(Azkue II, 307), $akur ‘kleiner Hund’ (ib. U, 242), kakur ‘grolser
Hund’ (ib. I, 462), aus dem das spanische Wort durch Konsonanten-
umstellung hervorgegangen ist.3
7. Arag. (Anso, Bielsa) chdndra ‘faule Person’; chandro ‘flojo’,
‘ desaseado’, ‘ocioso’, ‘vago’, chandra ‘ramera’ (Borao). Das Wort
ist wohl zusammenzustellen mit bask. (bisc.) gangwl, gangur, andur
‘nichtswürdig’, “erbärmlich’, andura ‘mou’, ‘sans energie’ (Lhande 43).
Auch span. gandul ‘vagabundo’ gehört hierher, vgl. Schuchhardt,
Beih. VO zur ZRPh. 17.
8. Span. cerdo ‘Schwein’, das sich schwerlich trennen läfst von
bask. (nav., guip., lab., soul.) cherri, (hochnav., guip., lab.) zerri
‘Schwein’ (Azkue). Über das Verhältnis von span. -rd- zu bask. -rr-
vgl. no. 15. Sainean (Les sources indig&nes de l’etymologie frangaise
II, 73) glaubt, dafs cerdo, cerda ‘Schwein’ aus cerda ‘Schweinsborste’
entstanden ist. Das ist wirklich nicht sehr wahrscheinlich.
9. Arag. (Anso) dinigrros, (Benasque) dindirgns, (Bielsa) dipns,
(Berbegal) dicones, span. chicharrones, alav. chinchurcas, bearn. (Aramits,
Lescun) Sinsüs, (Gavarnie) $isıs, im Lokalfranzösisch von Bayonne
chichons ‘Speckgrieben’ (‘graisserons’), Dazu stimmt lautlich und
begrifflich bask. /ingor (bizk.), Sinkor (ronc.), /Sintfär (bizk.), /Sın-
Sorta (ib.), $S$kor (soul.), fingor (basnav.) ‘graisseron’ (Azkue s. v.)®,
1 Schon Garcia de Diego (Rev.fil.esp. VI, 122) bezeichnet dieSchuchardtsche
Erklärung als ‘etimologla incierta’.
2 Vgl. masculus > macho,.
8 Bask. fsakur ‘Hund’ wird auch von Schuchardt (R.B. 7. 310) als ein-
heimisch betrachtet.
* Vgl. auch hochnav. (Burguete) dindigor, guip. (Villabona) dancıgor,
niedernav. (Itxassou) gancigor ‘ graisseron’.
BASKISCHE RELIKTWÖRTER IM PYRENÄENGEBIET. 399
Zint3or (guip.) “cascote de piedra’, ‘moellon’ (Azkue II, 324). Wie
weit das baskische Wort, das altbodenständig zu sein scheint, 1
innerhalb des romanischen Territoriums fortlebt, ist schwer zu sagen,
da bei der Bildung der Bezeichnung für den hier in Frage
kommenden Begriff in hohem Mafse schallnachahmende Momente
mitgespielt haben dürften (das pruzelnde Geräusch der ausbratenden
Grieben), die wohl auch für die Entstehung von ital. ezeciola, siccioli
‘Grieben’ verantwortlich zu machen sind.
ı0. Bearn. (Campan, Aramits, Agnos, Gavarnie, Lescun) gahüs
‘hibou’, (Tarn) kaus ‘hibou’ (Atl. ling. K. 694). Der zweite Teil
des Wortes ist wohl identisch mit bask. (soul.) häöntz, lab., niedernav.
hunts ‘hibou’ (Azkue Q, 363); im ersten Teil steckt bask. gau ‘Nacht’.
Die Zusammensetzung findet sich auch auf baskischem Gebiet: bizk.
gauonts ‘hibou’, gabonts ‘chat huant’ (Azkue Il, 312 und 335), gagon/z
‘Ohreule’ (R.B. 3. 161).
ıı. Bearn. (Aramits, Agnos) gaddrro ‘Stechginster’, gask. ga-
varro, gabarro, ‘“ajonc’, ‘*gen&t Epineux’, gavarrd ‘lieu plein d’ajoncs’,
Var gavdrri ‘variete d’olivier’ (Mistral II, 41), Landes gawarre,
gabarre, garawige “ajonc Epineux’ (Millardet, Petit Atlas 133), altprov.
gavarrier ‘Strauch’ (Levy IV, 90), santand. garava, garavıla, garavılo
‘“hiniesta, argoma y retama indistintamente’ (Garcia-Lomas 20 und
181), Ariege (Vicdessos, Auzat, Siguer) garrdbu f. ‘Hagebutte’,
garraby& ‘Heckenrose’; Val d’Aran gardabe, Ariege (Seix, Sentein)
garrab£ro ‘Heckenrose’; arag. (Graus) garrabira ‘Heckenıose’, west-
gask., roussill., langued. garabe, garabye ‘Eglantier’ (Atl. ling.), (Graus,
Benasque) garrabgn “Hagebutte’?2), bearn. (St. Lary) gauwardo ‘Hage-
butte’, (Arrens) gabardero ‘wilde Rose’, (G&dre, Gavarnie) galabardo
‘Hagebutte’, (Lescun) amagdrdo ‘Hagebutte’, arag. (Ans6) magarda
‘Hagebutte’, arag. (Ansö) magardera ‘Heckenrose’”. Während Ochs
(Die Bezeichnungen der wilden Rose im Galloromanischen, S. 17)
die südfranzösischen Namen der Heckenrose auf carabus ‘Krabbe’
(> ‘Haken’) zurückführt, haben hinsichtlich gadarro ‘Ginster’ sowohl
Bertoni (Arch. Rom. ll, 129) wie Luchaire (Les origines linguistiques
de l’Aquitaine, p. 51) auf iberischen Ursprung geschlossen. Letzterer
denkt an bask. zopar ‘Strauch’, das in sapar zu verbessern ist, vgl.
niedernav. sapar ‘Gebüsch’, lab., niedernav. saphar ‘Hecke’ (Azkue).
Sehr viel näher kommt den romanischen Formen niedernav. gapar
(mit Artikel: gafarra) ‘ronce’, ‘plante rampante’ (Azkue II, 326),
soul. khapar ‘ronce’, broussailles’ (Geze 294), in Tardets kaparra
(mit Artikel) ‘ronce’. Die vielen lautlichen Variationen auf roma-
nischem Gebiet sind wohl begründet in alten mundartlichen Diver-
1 Bask. fsıinkor ‘graisseron’ gehört wohl zu bask. Zsinkha ‘Funke’, vgl.
Gavel in R.B. 12. 413.
2 Vgl. auch arag. (Bielsa) karrgn ‘Hagebutte’, (Bielsa, Plan) karronfra
‘Heckenrose’. |
400 GERHARD ROHLFS,
genzen des Iberischen, die sich teilweise noch heute auf baskischem
Boden nachweisen lassen, vgl.
ronc. magarda ‘ronce’ (Azkue | bearn. amagdrdo, arag. magarda
D, 3) ‘Hagebutte’.
nav. Japharra ‘ronce’ (Fabre, | b£arn. galabardo ‘Hagebutte’.!
Dict. frang.-b. 317.
Grundbedeutung des iberischen Wortes dürfte ‘stachliger Strauch’
gewesen sein, was die dreifache Bedeutungsfiliation (1. Brombeer-
strauch, 2. stachliger Ginster, 3. Heckenrose) zur Genüge erklärt. ?
ı2. Bearn. (Lescun) gere# ‘Felsen’, Arrens garren ‘rocher ab-
rupte’, garrinfro ‘chaine de rochers’, wohl identisch mit bask.
gherinda ‘Felsen’ (Fabre 317), gerenda ‘Felsen’ (Azkue I, 340).
Vgl. auch bearn. garrot, garroc (Meillon, Essai d’un glossaire des
noms topographiques les plus usit&s dans la vall&e de Cauterets, 64),
Bareges karrot ‘steiler Felsen’, die wohl Einflufs von quadrum
und rocca zeigen.
ı3. Bearn. (Bazet, Campan, Lannemezan etc.) härrı ‘Kröte’
wird von Schuchardt (ZRPh. XI, 496) mit bask. Aarrı ‘Stein’ zu-
sammengebracht, ohne dafs eine nähere Erklärung für den auffälligen
Bedeutungswechsel gegeben wird. Man könnte zunächst annehmen,
dals eine still dasitzende, flach niedergekauerte Kröte den Vergleich
mit einem flachen Stein hätte hervorrufen können. Ich mufs aber
gestehen, dafs eine solche Erklärung aus der Formenähnlichkeit
mich nicht recht befriedigt. Eher möchte man annehmen, dafs
mythologische Vorstellungen hier bei der Namengebung mitgespielt
haben.
Ein weitverbreiteter Aberglauben schreibt nämlich dem Kröten-
stein, der angeblich im Kopf der Kröte gefunden wird, besondere
Heilkräfte zu. Grimm schreibt darüber: „Krötenstein, ein kost-
barer Stein, der angeblich im Kopfe der Kröte oder auf ihr wuchs.
Noch im jetzigen Aberglauben: im Kopfe der grofsen Kröte liegt
der Krötenstein (ein kleines rundes Knöchelchen), den man aber
nur erhält, wenn man die Kröte in einem Ameisenhaufen zerfressen
läfst. Streicht man eine Wunde damit, so heilt sie sofort, und
kommt Gift in seine Nähe, so schwitzt er“ (Wörterbuch V. 2423).
Albertus Magnus identiflziert den Krötenstein mit dem Borax, Jer
in der mittelalterlichen Alchemie eine grofse Rolle spielte: „borax
lapis est, qui ita dicitur a bufone, quod in capite ipsum portat“
1 Der Wechsel von -rr- und -rd- kehrt wieder in dem Ortsnamen
Gabarret (Landes) und dem Namen der entsprechenden Landschaft le Gabardan;
vgl. auch Digorre und de Bigordan.
? Über das Verhältnis der einzelnen baskischen Formen zueinander vgl.
Gavel, R.B. 12.395. — Aus bask. sapharra erschliefst Gavel (ib. 159) eine
ältere baskische Form *ssaparra, die wohl die Grundlage zu span. chaparro
‘Steineiche’ abgegeben hat.
BASKISCHE RELIKTWÖRTER IM PYRENÄENGEBIET. 401
(Grimm, a.a. O.).. Auch A. de Gubernatis (Tiere der indogerma-
nischen Mythologie, Leipzig 1874, p. 634) handelt ausführlich über
den Krötenstein: „Dieselbe alexipharmische Kraft wurde auch dem
sogenannten Krötenstein beigelegt, welcher der Sage nach seine
Farbe veränderte, wenn sein Träger vergiftet war. Man glaubte,
dafs der Krötenstein aus dem Krötenkopf genommen werde, doch
die Wissenschaft hat nachgewiesen, dafs das von den Quacksalbern
als Bufonita (Krötenstein) verkaufte Amulett aus dem Zahn eines
fossilen Fisches gemacht ist. Man glaubt ferner, dafs der Frosch
gleich der Schlange im Frühling einen kostbaren Stein ausspeit,
welcher der Schlangen- oder der Froschstein heifst. Nach einer
Mitteilung des Grafen Geza Kuun werden in dem Testament eines
Bürgers von Kaisa drei goldene Ringe erwähnt, deren einer einen
‚Froschstein‘ enthält“. Bei den Wenden vertreibt man ein Gewächs
dadurch, dafs man einen Krötenstein darauf drückt (Hovorka und
Kronfeld, Vergleichende Volksmedizin, 1908, I, 264). Krötensteine,
die das Gift anziehen und dabei schwitzen, kennt auch die Tiroler
Volksüberlieferung (ib. 263). In Schwaben vertreibt man die Mutter-
milch durch das Tragen eines Krottensteins auf dem blofsen
Rücken (Fischer, Schwäb. Wörterbuch IV. 787). Im Elsafs wird der
Krottenstein als Schmuck und Zaubermittel gebraucht (Schmidt,
Historisches Wörterbuch der elsässischen Mundarten 208). In
Frankreich trägt man den Krötenstein (crapaudine) als Amulett in
Ringen etc., vgl. Littre und Godefroy s. v. crapaudıne.
14. Arag. :bön Bezeichnung der nordaragonischen Gebirgsseen
(Larousse), be&arn. » (im Talgebiet des Gave de Pau), Cauterets oz,
eoü ‘ac’, ‘Etang’ (Meillon, a.a.O. 58), Luchon doum id. (Meillon 58),
Arrens üus ‘Gebirgssee’; Zac d’O6 bei Luchon. Das Wort ist im
Aussterben begriffen und ist schon heute nur noch wenigen alten
Personen bekannt. Der hier zugrunde liegende Stamm kehrt wieder
in bask. zdas ‘riviere’ (Azkue I, 390).
15. Bearn. (Campan) :24r, (St. Lary) zdart,1 (Aramits, Agnos,
Lescun) särri, Ariege :2drt, altprov. uzar, usarn (Levy), arag. (Ansö
Hecho) sdrryo, (Bielsa, Plan) di$ardo, (Graus) z$dr$o, (Benasque)
iSdrso, (Espufia) $isdrdo, katal. isart, isarda, sicart [Vogel] ‘Gemse”.
Schon Meyer-Lübke vermutet (REW 4548) als Grundlage für prov.
uzar, gask. ızart, katal. zsarf ein iberisches Wort, glaubt aber, von
den genannten Reflexen bearn. sarri, span. sarrio aus lautlichen
Gründen trennen zu müssen. Dagegen ist zu bemerken, dafs
gerade bei Wörtern iberischer Herkunft auch sonst ein Schwanken
2 Auch ‘partie d’une prairie qu’on ne peut pas arroser’. Ähnliche
Animalisierung zeigen neuprov. Zrueio und mauro (beide 'Sau’) "espace de
terre omis par la charrue d’un laboureur maladroit’, neuprov. vaco (*Kuh’)
‘morceau de bl& que les moissoneurs laissent debout par megard’, vgl. Rohlfs,
Arch. f. d. Stud. d. neueren Sprachen 146. 128.
Zeitschr. £, rom, Phil. XLVII, 26
402 GERHARD ROHLFS,
zwischen -rr- und -rd- zu beobachten ist,1 vgl. span. zzguierdo und
bask. ez£erra, span. barro ‘Lehm’ und arag. dbardo, span. cerdo
‘Schwein’ und bask. cherri, arag. mardano ‘Widder’ und bask. barro,
span. barra ‚Stange’ und portg. barda ‘Zaun’; vgl. jetzt auch Meyer-
Lübke, Das Katalanische, p. 66. Die heutigen baskischen Idiome
bieten kein Wort, mit denen man die romanischen Vertreter direkt
zusammenbringen kann. Und doch kann das Wort, da essich um ein
ausgesprochenes Pyrenäentier handelt, nur iberischer Herkunft sein.
16. Bearn. lakärre f. “pierre plate’, ‘croupe de rochers nus’,
lakarrd “etendue de rochers’ (Meillon, a. a.O. 74), Valle d’Ossau
lacdrre ‘croupe de roches denudees’ (Lespy s. v.) ist identisch mit
bask. (bisk.,, basnav., guip.) kgarra ‘gravier’, ‘caillou’, “pierraille’
(Azkue I, 536) und Jakarra ‘gravier’, “asperite du terrain’ (ib. 519).
Vgl. auch den Ortsnamen Zacarre auf baskischem Gebiet bei St. Jean-
Pied-de-Port.
ı7. Bearn. (Lescun) Zürt f. ‘Lawine’, arag. (Ansö, Hecho etc.)
lürte m. ‘Lawine’ und 'Erdsturz. Der Ausdruck ist, wie schon
Garcia de Diego (Contribuciön al dicc. hisp. etim., p. 68) gesehen hat,
identisch mit bask. /urfa ‘&boulement de terres’, “avalanche de neige’,
Jurte ‘&boulement de terres’, (Azkue). Letzteres gehört zu /ur “Erde”,
vgl. auch /urrutu ‘entrainer les terres’.?2 Ferner sind hier zu nennen
span. alud ‘Schneelawine’ und be£arn. (Vallee d’Ossau) aglout id.
(Mistral ], 48), die wohl mit dem bei Azkue (I, 560) belegten bask.
/uta ‘eEboulement de terres’ in nächster Verwandtschaft stehen. In
dem Gebiet östllich des Gave d’Oloron herrscht eine weitere Spiel-
form (Gavarnie, Gedre, Campan) i/ f., (St. Lary) Zits ‘Lawine’, Jik f.
‘passage trace par une avalanche’ (Mistral II, 224), die auch in den
anstofsenden Tälern Nordostaragoniens wiederkehrt: (Bielsa Plan)
Jit f., (Benasque) #farrada ‘Lawine’. In Arrens (H!“-Pyr.) bedeutet
Jitards ‘lieu oü passe une avalanche’; in der gleichen Gegend ist
Litor Name einer Lokalität, wo alljährlich starke Lawinen nieder-
gehen. Ausgangspunkt der letzten Formen ist wohl bask. /Jusa bzw.
*/ute [in der Soule /üfa gesprochen], das von der romanischen
Bevölkerung zunächst als /“ö# übernommen wurde und schlielslich
mit Entrundung des Tonvokals zu 4/ geworden wäre. Doch ist
immerhin zu bedenken, dafs auch das Baskische bereits #- Formen
‚kennt: Jia ‘eboulement de terres et de pierres dans la montagne’
(Azkue) und vielleicht auch 4% (ronc.) ‘sitio profundo’ ib. I, 549).?
1 Das gleiche gilt für das Verhältnis von -Z- zu -Zd-, vgl. Schuchardt,
ZRPh. 11. 497.
2 Meillon (o.c. 59 u. 77) verzeichnet für Lawine noch folgende bearne-
sische Ausdrücke: lür, eslur und eslurres. Aus Pontacq kenne ich noch
bearn. eslürrd ‘herabgleiten’ (Steine, Erde von einem Abhang).
8 Auf den gleichen bask. Stamm geht wohl auch gask. Jüdo ‘kleine Höhle’
zurück, das ich aus der oberen Vall&e d’Aure (St. Lary) notiert habe, und das
auch in der Bedeutung gut zu bask. Zu£Ao 'profundo’, "hondo’ (Azkue I, 560)
stimmt. — Wie verhält sich dazu aber bearn. (Arrens) klüta 'trou’, 'cavite',
(Bartges) kalüro ‘grotte’?
BASKISCHE RELIKTWÖRTER IM PYRENÄENGEBIET. 403
18. Bearn. (Aramits, Agnos, Osse, Gavarnie etc.) mano ‘weib-
liches Tier, das nicht zur Produktion fähig ist’, neuprov. mano,
rouerg. mono ‘vieille brebis’, ‘femme ou femelle sterile’, (in der
Vallee d’Ossau) ‘brebis qui n’a pas encore port&’, (Rouergue) ‘vieille
vache qu’on engraisse pour la bouchure’ (Mistral II, 270). Das Wort
gehört, wie schon Meyer-Lübke (REW 5309) vermutet hat, zu bask.
mando ‘unfruchtbar’, ‘Maultier’ (Azkue), mana (bizc.) ‘unfruchtbar’
(ib. II, 12), mandar ‘Maultier’, soul. (Tardets) mandia, mafua ‚ohne
Hörner’. Die Herleitung von gask. mano ‘unfruchtbar’ aus bask.
mando ‘*Maultier” wird bestätigt durch Ariege (Sentein) vako mülo
‘sterile Kuh’ und perig. (Les Eyzies) zweto mülo ‘steriles Schaf’, die
genau bask. behi mandua (‘vache mule’) ‘vache sterile” entsprechen.
Das baskische Wort ist wohl identisch mit (navarr., labourd.,
soul.) mando ‘hart’ (Azkue II, ı3) und darf daher Anspruch auf
Autochthonität machen. Span. macho “Maulcsel’ (< masculus)
könnte Lehnübersetzung aus dem Iberischen sein,! vgl. span. machorra,
bask. mal/sorra “unfruchtbare Frau’, “unfruchtbares Tier’. Auf bask.
mando ‘unfruchtbar’, ‘Maulesel’ weist auch neuprov. mandorro ‘femme
facile & tromper’, “imbecile’, ‘sotte’ (Mistral II, 263), b&arn. (Arrens)
mandürra ‘femme de mauvaise vie’ und bearn. (Campan, St. Lary,
Lannemezan) mandörro ‘Kartoffel’. Die Bedeutungsentwicklung geht
über die Stufen “unfruchtbar‘ > ‘unbrauchbar’ > ‘dumm’ > ‘runde,
plumpe Masse’.? — Über span. modorro ‘schlaftrunken’, ‘blödsinnig’,
‘mit Drehkrankheit behaftet’ (Tolhausen), bask. modorro “animal sans
cornes’, ‘stupide’, “balourd’ (Azkue) vgl. Schuchardt, Rev. basque
1914 (Separatdruck, p.7) und H. Urtel, a. a. O. 532.
19. Bearn. feiarre f. ‘colline’, ‘montee tres raide’ (Meillon,
"a.a.0. 86), pelarre ‘tertre pierreux’, felarrok ‘tertre pierreux’ (Lespy
s. v.) gehören zu bask. (nav., ronk., lab., soul.) fafar ‘cöte scabreuge’
(Azkue II, 159), (basnav.) fe/ar ‘cöte tres rapide’ (ib. 165).
20. Arag. (Bielsa, Ansd) segddo, (Benasque) saga?, katal. sagall
(Vogel), bearn. (Lescun) 3g4% ‘Ziege von ein bis zwei Jahren’, vgl.
auch santand. sagallıno ‘cuerda vegetal’, ‘especie de velorto’ (Garcia-
Lomas 313).? Die romanischen Vertreter sind nicht zu trennen
von bask. segaifa (niedernav., ronc.) ‘chevre d’un an’, soul. segerda
‘chevre ag&e d’un an’ (Azkue), das wohl ursprünglich eine ‘schmächtige
und magere Ziege’ bedeutete, vgl. bask. sekail, segail, seail, ‘svelte’,
sakaildu, sehaildu “decharner’, ‘maigrir’, “exterminer’ (Azkue, s. v.).
1 Meyer-Lübke (REW. 5742) und Menendez Pidal (Manual de Gramätica
hist. esp. $ 4,6) sehen in span. msacho eine Entlehnung aus dem Portugiesischen
(*mulacho > *muacho). Aber wo sind diese Zwischenformen belegt?
2 (Tehört hierher auch altprov. mandra, Ari&ge mandro ‘weiblicher Fuchs’;
bearn. (Arrens) mdndra ‘femme de mauvaise vie’, katal. mandra ‘faul’?
8 Zur Bedeutungsentwicklung vgl. lat. capreolus ‘Weinranke’ und
sard. fiva ‘ Weinranke’, das mit span. ckıda "junge Ziege’ verwandt ist, vgl.
J. Jud, Rom. 43. 452, span. chibata 'Schäferstab’, portg. chibata ‘Gerte’, zu
pan. chibata ' weibl. Zicklein’.
26*
404 GERHARD ROHLES,
2ı. Landes sigorre ‘racine’, ‘jonc’ (Luchaire, Les Origines
linguistiques de l’Aquitaine, Pau 1877, p.52) zu bask. zigor ‘ganle’,
‘perche’, ‘houssine’ (Azkue Il, 439).
22. Arag. (Ansö, Bielsa, Berbegal) sirrio “Schafmist’, span.
sirria und sirle ‘Schaf- und Ziegenmist’.! Das Baskische bietet
(ronc.) sirria ‘crotte de brebis, de chevre’ (Azkue II, 451), zwri
‘crotte des betes & laine’ (ib. 449), bisk. #irri ‘crotte de brebis’
(ib. 327), bisk., guip. #Sirra, /sirri ‘Wasserstrahl’. Letzteres erinnert
an span. chorro ‘Wasserstrahl’, arag. dfrro, (Benasque) dürro id,
bearn. (Aramits) Sörro ‘Wasserstrahl’, (Lescun) $irro ‘(der Brunnen)
läuft’, das sich ebenfalls im Baskischen wiederfindet. $urra ‘jet de
la lessive’ (Azkue II, 256), $urrupa ‘petite gorgee’ (ib. 256), /furru-
/Surru ‘onomat. de l’action de boire’ (ib. 339), #urrut ‘gorgee’ (ib.).
Ob dieser Stamm im Baskischen oder im Romanischen alteingesessen
ist, läfst sich schwer sagen, da es sich im Grunde um ein ‘halbes
Naturwort’ handelt, bei dem die Richtung der Ausbreitung schwer
zu bestimmen ist. ?
23. Bearn. (St. Lary, Agnos) $skle ‘Widder ohne Hoden’ (St.L.),
‘Eber, der fehlerhaft verschnitten ist und im Aufwuchs zurückbleibt'
(A.), (Aramits) $’s2/u “Widder ohne Hoden’, (Lescun) $isklu ‘Widder
mit Hoden innerhalb des Leibes’, (Gavarnie) $Sisklu ‘schlecht ver-
schnittener Hammel’, (G&dre) $s4/z “Widder mit einer Hode’, (Morlaas)
$iskla4 ‘Schwein mit einer Hode’, Ariege (Sorgeat, Sentein) szs2e ‘mit
einer Hode’; arag. (Ansö) Ying/on “Widder mit Hoden innerhalb des
Leibes’, (Graus) H:skdön, (Bielsa) $sk/ön, (Benasque) sisktpn ‘Widder mit
Hoden innerhalb des Leibes’. Grundbedeutung des Wortes scheint
‘fehlerhaft’, ‘unbrauchbar’ zu sein, Bedeutungen, die in verschiedenen
formellen Spielarten wiederkehren auf baskischem Gebiet: /sistor
(bizc., guip.) ‘hombre incapaz para la generaciön’, ‘toro o carnero
que tiene los testiculos ocultos en el vientre’ (Azkue II, 329), sıstor
(bizc.) ‘hombre inhäbil para la generaciön (ib. 222), $iX%lo (soul.)
‘homme, le plus souvent enfant, dont les testicules sont remontes
dans l’aine’ (ib. 252), Sing/i (guip.) ‘&ph&mere, de peu de consistance’
(ib. 250), zingle (guip.) ‘simple’, “peu solide’, ‘de poca consistencia’
(ib. 444), sengle (bizc.), ‘fragile’, ‘chose de peu de consistance’
(ib. 218), senge (bizc.) ‘sterile’ (ib. 218).
24. Unter den Eidechsennamen des Pyrenäengebietes finden
sich eine gröfsere Reihe von Formen, die sich völlig von dem Be-
stande der umliegenden Landschaften abheben. Schon Schuchardt
hat wiederholt auf die starken Übereinstimmungen einiger dieser
Formen mit baskischen Namen der Eidechse hingewiesen. Bei den
ı Vgl. anch santand. cirmia ‘halbflüssiger Schafkot’ (Garcia-Lomas 113)
und sirlön ‘Schafweideplatz’ (ib. 320).
2 Schuchardt, Literaturblatt f. germ. u. rom, Phil. 13, 428.
BASKISCHE RELIKTWÖRTER IM PYRENÄENGEBIET.
405
aulserordentlich starken lautlichen Umformungen, denen der Name
eines so volkstümlichen und die Volksphantasie so anregenden
Tieres immer wieder unterworfen ist, dürfte es ein unmögliches
Unterfangen sein, wenn man hier von Fall zu Fall genau die
historischen Zusammenhänge aufdecken wollte. Es kann sich daher
bier nur darum handeln, Ähnliches zu Ähnlichem zu stellen und
so gewisse Beziehungen zu erschlielsen.
a) bearn. (Aramits, Agnos etc.)
$iSänglo ‘ Mauereidechse’.
b) bearn. (Atl. ling. 766, Punkt
686) sangrab, (St. Lary) sor-
nöto, (Campan) serndto, Hautes-
Pyrenees, Haute-Garonne,
Tarn-et-Garonne, Lot-et-Ga-
ronne, Gers (nach Atl. ling.
K. 766) sarndto, serndto ‘ge-
wöhnliche Eidechse”.
c) bearn. (Gavarnie, Gedre) san-
falero ‘gewöhnliche Mauer-
eidechse’.
d) bearn. (Lescun)
‘Mauereidechse’.
segundino
e) arag. (Berbegal) dangarddna,
(Ans6) sarganddna, (Hecho)
sargantana, (Boltafia) sangar-
dädna, (Zaragoza) sagardana,
katal. sargantdna; Roussillon
singlantäana; arag. (Bielsa)
Yingalanitra, (Benasque) Yın-
gartdta; bearn. (Atl. ling. 766)
singrauleio ‘Eidechse’.
soul. (Tardets) Süskandea, nieder-
navarr. küskandel ‘Mauereidechse’,
vgl. Schuchardt, Beih. 6 zur ZRPh.
p. 16. Die Übereinstimmung
leuchtet noch mehr ein, wenn
‘man bedenkt, dafs im Baskischen
-nd- und -ng- häufig wechseln,
und dafs das romanische Aramits
und das baskische Tardets nur
etwa ı0 Kilometer auseinander-
liegen.
hochnav. surangida ‘lezard des
murailles’ (Azkue II, 237).
Am besten passen würde ein
baskisches *sangandera, das zu-
sammengezogen sein könnte aus
lab,, ronk. sugekandera ' Eidechse’
(Azkue U, 234).
Vgl. bask. (bizk.) sugandela ‘Ei-
dechse’ (ib. 233).
Der nächste baskische Verwandte
ist labourd. Sorgandıla ‘Eidechse’,
in dem sich, wie wohl Schuchardt
richtig vermutet, sugandela (< su-
gekandela) ‘Eidechse’ mit sorgin
‘Hexe’ verschmolzen hat; vgl.
Schuchardt, Literaturblatt für
germ. u. rom. Philologie 39, 43;
ib. 5, 283; Beiheft VI zur Zeitschr.
f. rom. Phil. p. ı6 und H. Utrtel,
Sitzungsberichte d. Preuss. Akad.
d. Wissensch. 37. 542.
406 GERHARD ROHLEFS,
f) Alava sanguandılla, sıgulinda | hochnav. sangongidu ‘Eidechse’
‘Eidechse’; Landes (Atl. ling. | (Azkue), bizk. solaguinda “Ei-
766) singatine, Lot-et-Garonne | dechse’.
(ib.) Sankalıne, Landes sangal£te,
singalete, sangarlete (Millardet,
Petit Atlas 255) “lezard gros’.
25. Bearn. (Bazet, Lescun, Osse) Zarpk, (Aramits) /arrpk,
(Campan) Zurg&, (Lannemezan, Gavarnie, St. Lary) /urrgk “Erd-
scholle’, arag. (Bielsa, Graus) #drrgko, (Benasque) /orrfk, (Plan und
in der Ribera) /orrw.ko "Erdscholle’ [vgl. auch portg. /orr4o ‘Erd-
scholle’, span. /errdn ‘Erdklols’, astur. /orrdn ‘Erdklumpen’, neuprov.
türro “Erdscholle’, bearn. fürro ‘Hauklotz’]. Das zu beiden Seiten
des Pyrenäenkammes überall festgewurzelte Wort ist identisch mit
bask. (Soule, Niedernavarra) /arroka ‘motte’ (Azkue II, 269). Aber
ist diese nur bei den französischen Basken belegte Form echt
baskisch ?
26. Bearn. (Agnos, Lescun, Campan, Lannemezan, Aramits)
ldsko “Erdscholle mit Gras’, “ausgehobenes Rasenstück’, arag. (Anso,
Bielsa) /asca ‘Scholle mit Gras’, b&earn. (Gedre, Gavarnie) /asko
‘Schafmist’, (Bar&ges) /4s2a ‘couche Epaisse de fumier de brebis dans
Petable. Das Wort kehrt wieder im Baskischen: soul. (Tardets)
loska ‘Erdscholle’, das Azkue in dieser Bedeutung nicht verzeichnet,
wohl aber ein /oska ‘kaolin’, ‘argile blanche qui entre dans la
fabrication de la porcelaine’, /osko ‘büchette’, “bout de bois’ (II, 285).
Das Wort findet sich in der Bedeutung ‘Erdscholle’ sonst weder
in Spanien noch auf der Iberischen Halbinsel, ist also beschränkt
auf das basko-romanische Grenzgebiet. Das würde an und für
sich iberischen Ursprung wahrscheinlich machen können. Zu be
denken gibt aber, dafs bearn. (z. B. in G£dre) /askd “feststampfen’
bedeutet, und dafs anderswo im Be&arnesischen /asca/ in der Be-
deutung ‘gazon’ (Felix Mascaraux, Capbat nouste, Pau 1924, p. 153)
belegt ist. Das erweist doch wohl eher Zusammenhang mit der
in Südfrankreich und im Ilberoromanischen verbreiteten Sippe /ask-
‘schlagen’, ‘klopfen’,! die Jud (Rom. 49, 41ı) mit einem aus galat.
taoxog erschlossenen gall. Zascos ‘Riegel’, ‘Keil’ verknüpfen möchte.
27. Bearn. (Lescun, Aramits) /ujo ‘sehr stachlige Ginsterart',
(Aramits, Agnos) /ujd ‘Ort, der mit stachligen Ginsterbüschen be-
wachsen ist’, (Campan) #ujago ‘“Ginster’, Narbonne /ü2ddo “ajonc
epineux’, bearn. (Gez) /ugajo, (Pontacg) fügdjo, Ariege (St. Girons,
Seix) /uZdko ‘Stachelginster’; b&arn. /owsjo, (Quercy) #ouicho ‘ajonc
ı Span., portg. fascar ‘den Hanf mit dem Schlagholz klopfen’, galic. tasca,
span. Zasco ‘harte Stengelteile, die sich beim Hanfschlagen ablösen’, pTOV.
tascoun “coin qui fixe le soc de la charruc’, fascou/ä "fixer avec un coin’,
katal. fascö ‘Keil’, fasc "Stück.
BASKISCHE RELIKTWÖRTER IM PYRENÄENGEBIET. 407
nain’, bord. dujago “ajonc’ (Mistral II, 1003), Landes dije, luye
‘bruyere’ (Millardet, Petit Atlas 162), span. 20j0 “blattloser Ginster’,
sanabr. /dyo ‘Ginster’ (Krüger, Gegenstandskultur Sanabrias, S.67),
POrtg. /0/0 ‘Stechginster’, Der Stamm dieses Wortes gilt allgemein als
iberisch, vgl. Bourciez, Bull. hispan. III (1901), 327 und Bertoni,
Arch. Rom. I, 129; doch ist es bisher nicht gelungen, im Baskischen
selbst eine entsprechende Unterlage zu finden. Bourciez setzt ein
iber. *oyu, *roja an, das aber vom Baskischen aus gesehen in der
Luft schwebt, Der Name bezeichnet im allgemeinen nicht den
uns vorkommenden Stechginster (G. 8ermanica), der nur spärlich
mit Stacheln besetzt ist, sondern eine ganz besonders dornige Art
(Ulex Gallii), deren Hauptverbreitung die westlichen Pyrenäen sind.
Diese Ginsterart heifst jm Baskischen (hochnav,, guip.) ofe, (nieder-
nav., soul., lab.) o/%e (Azkue II, 143). Gibt es einen Weg, das
baskische Wort mit dem romanischen 40 zu verbinden? Etwa
über eine metathesierte Form */oe [mit Artikel: *1oea]? Ich gestehe,
dafs mich selbst eine solche Verknüpfung nicht sehr überzeugt.
Etwas sicherer wird der Boden, wenn wir von einem baskischen
olhe-aga ‘mit Ginsterbüschen bewachsener Ort’ ausgehen, das zwar
28. Span. samarra ‘Schafpelz’, gamarro ‘Pelz von Lämmer-
fellen’, chamarra ‘grober Wollkittel’, arag. (Ansc) Jamärra, (Benasque)
Diez (Etym. Wörterb., 4. Aufl., 499) führt nach Larramendis Vor-
schlag das Wort zurück auf baskisch eckamarra ‘Zeichen des Hauses’
[ecke ‘Haus’ + marra ‘Zeichen’], eine Erklärung, die schon aus
begrifflichen Gründen niemand ernst nehmen wird. Wohl aber
ist das Wort baskischen Ursprungs. Zugrunde liegt nämlich (navarr.)
zamar ‘toison’, ‘“laine des betes & laine’, “toute la laine tondue’,
das auch schon auf baskischem Sprachgebiet das abgezogene, als
Kleidungsstück benutzte Fel] bezeichnet: (bizk., ronk.) zamar ‘tablier
de forgeron’, (nav., ronk., soul.) zamar ‘peau ou Pelisse que les
pätres portent en guise d’imperm&able Pour se preserver de Ja
Pluie’ (Azkue II, 407), (lab.) /famar ‘blouse’, (niedernav., ronk.)
/Samarra ‘tablier des faucheurs’, (bizk., guip.) ‘veste des hommes’
(ib. II, 309), $amar “blouse’ (ib. II, 242). Mögen vielleicht die
zuletzt genannten mit z- und $- anlautenden Formen selbst wieder
auf Rückentlehnung aus dem Spanischen beruhen, so dürfte zZamar
schon wegen seiner starken Bedeutungsfiliation (‘bonnet dont on
coiffe la poupee de lin’, ‘“nub&cule de oil’, ‘pluie fine’, ‘criniere’,
‘fronteau que Pon met sur le front des boeufs’ etc.) doch echt
baskisch sein. Azkue selbst scheint das Wort wenigstens in der
Bedeutung ‘Schafpelz’, ‘Jacke’ nicht für einheimisch zu halten und
408 G. ROHLFS, BASKISCHE RELIKTWÖRTER IM PYRENÄENGEBIET.
denkt an Abstammung aus dem Arabischen. Nun gibt es allerdings
ein arab. famra ‘vestimentum’; aber dieses Wort ist, wie schon
Dozy (p.785) hervorhebt, wahrscheinlich selbst erst aus span. zamarra
entlehnt.
29. Arag. (Bielsa, Berbegal etc.) H4fe, (Ans6) Hofön, anderswo
azolle (Garcia de Diego, a. a. O., S.163) ‘Schweinestall’. Das ara-
gonesische Wort wird von Garcia de Diego (a. a. O. und Rer. fil.
esp. 7,113) mit bask./$o/a ‘Schweinestall’ auf lat. suile zurückgeführt.
Eine solche Verknüpfung ist lautlich ganz unmöglich und wird
auch durch den Umstand widerlegt, dafs lat. sus oder Ableitungen
davon auf der Iberischen Halbinsel keine sichere Spur hinterlassen
haben.! Der Stamm dürfte vielmehr echt baskisch sein: 40/a (ronc.)
‘Schweinestall’ (Azkue II, 333), «$ola, ei$ola ‘loge & porcs’ (Fabre,
Dict. frangais-basque 200), 30/0 ‘fossette’, ‘creux’, $o/a “demeure',
*habitation’ (Azkue II, 253), e/So/a (lab.) “cabane de berger’ (Lhande 66),
ISolo ‘fossette, petit trou rond que les enfants font dans la terre
pour s’amuser’, /$ulo 'trou’, “petite fossette’ (Azkue).
30. Be£arn. arralh, arralh& ‘rochers qui se detachent des mon-
tagnes et s’ecroulent sur leurs flancs’, “traine& d’eboulis’ (Meillon 39),
in Arrens arralhe ‘roc’, ‘“quartier de roche’, arralhou ‘petite pierre
ronde’, arralh& ‘banc de roches’ (nach freundlicher Mitteilung von
Herrn Camelat), arralhere ‘&boulis’ (P. Badiolle, Bataleres II, p. 221)
sind nicht zu trennen von bask, arra:l ‘Eclat de bois long et gros’
(Azkue I, 71), arral/ ‘morceau de bois refendu pour le feu’ (Gize 265),
die zu bask. arrailiu ‘spalten’ gehören.
GERHARD ROHLFS.
1 Da die auf den Eichenwäldern der Pyrenäen beruhende Schweinezucht
zu allen Zeiten bei den Iberern in grofser Blüte stand (vgl. Strabo, Martial,
Varro), ist schon aus sachlichen Gründen die Aufnahme lateinischer Lehnwörter
in dieser Sphäre wenig wahrscheinlich,
Londoner Französisch im XIII. und XIV. Jahrhundert.
Das Französische kann im 13. Jahrhhundert in London nicht
als eine fremde Sprache angesehen werden. Es war den Bürgern
ebenso geläufig als das damalige Englisch und wahrscheinlich viel
verständlicher als das Angelsächsische, das im Laufe zweier Jahr-
hunderte fast zu einer toten Sprache geworden war. Diese Er-
scheinung erklärt sich daraus, dafs nach der Eroberung es sich
die normannischen Könige angelegen sein liefsen, die Beziehungen
zu Kaufleuten vom Kontinent, die schon zu Zeiten Ethelreds U. 1
bestanden hatten, zu pflegen, und sie richteten auch ihr Augen-
merk darauf, ihnen Privilegien zu erteilen, da die häufig leeren
königlichen Kassen aus den hohen Abgaben, die für Stapelrecht,
Gildenhäuser oder gar das Ansiedlungsrecht zu leisten waren, grofse
Vorteile zogen. Die meisten Kaufleute kamen aus der Normandie,
Picardie und dem ganzen Westen von Frankreich, wenn auch
schon früh die deutsche Hansa eine bevorzugte Stellung einnahm.
Der günstigen Lage wegen war London der Ort, den die Kauf-
leute hauptsächlich aufsuchten und wo sich besonders im ıı. und
Anfang des ı2. Jahrhunderts, als die Ansiedlungsmöglichkeiten noch
nicht erschwert waren, viele niederliefsen. Durch die Ansiedlung
der des Englischen unkundigen Kaufleute und durch den regen
Verkehr mit solchen, die sich nur zeitweilig im Lande aufhielten,
wurde für die Bürger Londons die Nützlichkeit, ja Notwendigkeit
der Kenntnis des Französischen ganz anders fühlbar als für die
Landleute und die Bewohner kleiner Orte.
Aufserdem hatte von Beginn der Normannenherrschaft an
London, das gleichsam zwischen den königlichen Residenzen Tower
und Westminster Hall eingeschlossen war, enge Beziehungen zum
französisch sprechenden Hofe, und die Stadtsprache muste sich
der Hofsprache anpassen. Der Bürger des ı2. und 13. Jahr-
hunderts verkehrte mit dem Hofe und den fremden Kaufleuten
in französischer oder besser gesagt anglonormannischer Sprache,
mit den Landbewohnern, die in grolser Zahl zur Stadt strömten,
um die Erzeugnisse der Bauernhöfe abzusetzen, und mit den
Fischern, die ihren Fang zu Markte brachten, in englischer. Im
3 Liber Custumarum, Munimenta Gildhalle Londoniensis, Rer. Brit.
Script. 12, II, Introduction XXXV.
410 MARGARETE RÖSLFR,
mündlichen Verkehr herrschte also sicher vom Ende des tı. Jahr-
hunderts an Doppelsprachigkeit.
Man kann nicht sagen, dafs Wilhelm I. und seine unmittel-
baren Nachfolger bewulst das Französische förderten oder gar die
Bürger zwangen, es zu gebrauchen. Wenn er und sein Hof sich
auch nicht bemühten, das Angelsächsische zu erlernen, so liels er
es doch als Schriftsprache gelten. In der Zeit vor Wilhelm war
im Gegensatz zu Frankreich in England die Landessprache Schrift-
sprache gewesen. Man gebrauchte sie nicht nur in der Dichtung,
sondern auch für Gesetze, Verordnungen, Homilien und zahlreiche
historische Schriften. Lateinische Werke waren vielfach ins Angel-
sächsische übertragen worden. Wilhelm versuchte, sich dieser
Gepflogenheit anzupassen. Er erliefs an die Bürger von London
eine Verordnung, die in angelsächsischer Sprache abgefalst ist.
Das Original ist noch in der Londoner Guildhall zu sehen.1 Da
es die Freiheiten der Stadt verbrieft, kam seine Erhaltung den
Bürgern besonders wichtig vor. Doch gar bald ging die Kenntnis
des Angelsächsischen in London so vollständig verloren, und die
Schriftzeichen wurden so unbekannt, dafs es nötig schien, in das
eine Gildenbuch, Liber Custumarum, 1314 nicht blos eine Ab-
schrift des Dokuments aufzunehmen, die mit lateinischen Buchstaben,
mit Hinzufügung von p, ö und P(w) angefertigt ist, sondern auch
eine Übertragung in das Englische des beginnenden 14. Jahr-
hunderts und eine lateinische Übersetzung beizufügen mit der
Bemerkung?: Zoc est transcriptum Chart@ Regis Willelmi, Con-
quastoris, facta civibus Londoniarum,y qu@, ad modum suprascriplum
in veler! Iingua Saxonica, i. Anglıca, mirabiliter quanltum ad modernam
scripluram, gu& tallter nunc scribitur.
An andern angelsächsischen Eintragungen findet sich in den
Gildenbüchern sehr wenig. Aufser Personen-, Orts- und Strafsen-
namen sind es hauptsächlich Rechtsausdrücke, die meist mit latei-
nischer, im Liber Memorandorum, wahrscheinlich zur Zeit
Eduards II., mit französischer Übersetzung versehen wurden. Ge-
schrieben sind die Worte mit den damals für die lateinische und
französische Sprache üblichen Zeichen.
Die Gesetze aus der Zeit vor der Normannenherschaft, von
Ine, Alfred, Aethelstan, Knut, Edward wurden ebenso wie zwei
angelsächsisch abgefafste Gesetze Wilhelms I. nur in lateinischer
Übertragung den Gildenbüchern einverleibt.3 Die von späteren
Normannenkönigen stammenden Schriftstücke, die die Stadtbücher
verzeichnen, waren von vornherein lateinisch geschrieben. Ein-
tragungen in der englischen Sprache der damaligen Zeit finden
sich überhaupt nicht. 4 Wir können also sagen, um das Jahr 1300
1 Abgedruckt L[iber] C[ustumarum] II, 504.
2 1.C. I, 246, 247.
s1.C. II, sosfl.
4 Das Londoner Englisch des XIT. und XIII. Jrhs. kann fast nur aus
Eigennamen erschlossen werden, vgl. Reaney, Engl. Studien 59, 321 ff. und 61,1.
LONDONER FRANZÖSISCH IM XII. UND XIV. JAHRHUNDERT. 411
war nicht nur die Kenntnis des Angelsächsischen, sondern auch
die Anteilnahme an der Sprache der Vorfahren in London voll-
kommen erloschen.
Einem aufblühenden Handelszentrum, das sich von praktischen
Gesichtspunkten leiten lassen mufste, kann daraus kaum ein Vor-
wurf gemacht werden, wenn wir sehen, dafs auch in den Klöstern,
in denen das Angelsächsische zu Beginn der Normannenzeit eine
Zufluchtstätte gefunden hatte, nach und nach die Kenntnis dieser
Sprache verloren ging. In Canterbury versah man einen Text der
Annalen (Sachsenchronik) im Anfang des ı2. Jahrhunderts mit
lateinischer Übersetzung, ! in den andern Klöstern verwilderte die
Flexion und Orthographie der Texte. Nur bruckstückweise wird
die Chronik bis 1154 fortgeführt. Andere historische Werke, die
auf der Sachsenchronik zum Teil fufsen, werden vollkommen
lateinisch abgefafst.
Wie kam es aber, dafs die Gildenbücher nicht von Anfang
an anglonormannisch abgefalst wurden, wenn diese Sprache allen
Bürgern geläufig war, während wohl nur die Gebildeteren Latein
verstanden ? Jedenfalls wohl, weil in Frankreich das Französische
auch noch nicht für Urkunden verwendet wurde, weil es noch
keine französische Prosasprache gab. Vielleicht wäre es überhaupt
zu keiner anglonormannischen Geschäftssprache gekommen und
das Englische hätte sich früher durchgesetzt, wenn nicht unter
Heinrich OD. von Anjou eine neue Hochflut des Französischen ein-
gesetzt hätte. Seine glänzende Hofhaltung zieht die besten Dichter
der Zeit an: Wace, Chrestien, Marie de France; kein Wunder,
wenn nicht nur der Adel, sondern auch die Londoner Bürger, die
sich jenem fast gleich dünkten und gern darones nennen |lielsen,
ihren Stolz darein setzten, französisch nicht nur zu sprechen, sondern
auch zu lesen und zu schreiben.
Die königlichen Verordnungen der ersten Anjous sind noch
lateinisch. Aber aus der Regierungszeit Richards I. (1189 — 1199)
oder Johanns (1199— 1216) besitzen wir den ersten jener Verträge,
die die Stadt London mit ausländischen Kaufleuten französisch
abfalste. Es ist derjenige, der mit den Lothringern abgeschlossen
wurde und der Bestimmungen über den Verkauf der Waren, Stapel-
und Aufenthaltsrecht enthält.2 Es folgen Verträge mit andern
Untertanen des deutschen Kaisers, 3 eine Zusatzbestimmung zu dem
lateinischen Vertrag mit den Kölnern®* über die Abgaben vom
Gildenhaus, Abmachungen mit den Dänen, Norwegern5 und eine
Konvention vom Jahre ı237 mit den Kaufleuten von Amyas
(Amiens), Corbie und Nesles. ®
i Plummer, Two Saxon Chronicles Parallel, Introduction XXXVI, XLII.
32 Liber Custumarum 6, I.
8 Ib. 63.
4 Liber Albus 229. — Die Kölner Kaufleute besalsen die Gildhall in
London seit 1194, vgl. Liber Custumarum XLI.
5 L.C. 63, 64.
° Ib. 63fl.
412 MARGARETE RÖSLER,
Die Verwendung des Französischen im Vertrag mit französischen
Städten ist ohne weiteres verständlich. Bei den Abmachungen mit
den Deutschen und Nordländern könnte es auffallen. Diese Ver-
träge wurden aber in zwei Exemplaren ausgefertigt, was uns z.B.
für einen Vertrag mit der deutschen Hansa bezeugt ist. Hier sind
beide Verträge gleichlautend lateinisch abgefafst, der eine ist im
Londoner Zider Albus,! der andere in Lübeck aufbewahrt.? Es ist
anzunehmen, dafs das Duplikat zu den französischen Abmachungen
mit Kaufleuten aus andern Ländern entweder lateinisch oder in
der Landessprache des andern Kontrahenten abgefalst war.
Gleichfalls aus der Regierungszeit Heinrichs III. (1216 — 1272)
haben wir eine Reihe von Bestimmungen über die Zölle, die bei
der Ein- und Ausfuhr aus dem Londoner Hafen entrichtet werden
mulsten.® Die Bürger hatten auf Befehl des Königs die Zoll-
vorschriften selbst beim königlichen Steueramt (Zscheker) ein-
gereicht. |
Die ersten königlichen Erlässe in französischer Sprache, die
von den Gildenbüchern verzeichnet werden, stammen aus dem
Anfang der Regierungszeit Eduards I. (1274—ı307). Es sind
ausführliche Bestimmungen über den Verkauf auf den Märkten und
am Ufer der Themse, über Brotbacken, Brauen und die Ausübung
verschiedener anderer Gewerbe, über die Ansiedlung von Fremden
und über Mafs und Gewicht. Aus dem Jahre 1298 stammen
Briefe des Königs mit der Bitte an die Bürger, seinem Sohn die
Südküste verteidigen zu helfen und erfahrene Leute aus der City
zur Errichtung einer neuen Stadt zu schicken. Merkwürdigerweise
sind nur zwei der königlichen Schreiben französisch abgefafst, die
übrigen und die Antwort der Bürger lateinisch. Auch unter den
Marktvorschreibungen und Innungsberichten etc. ist hin und wieder
ein Schriftstück lateinisch, sowohl in der Zeit Eduards L als in der
Eduards I. und II.
Eine eigenartige Doppelsprachigkeit findet sich in dem Pro-
cessus factus ad Coronalionem Domini Regis Anghe Ricardı Secundi
(1377). Der Akt ist lateinisch, die Bittschriften verschiedener
Adeligen an Johann von Lancaster, Seneschall von England, ein
Ehrenamt bei der Krönung ausüben zu dürfen, französisch. Die
Bescheide auf die Bittschriften sind Latein. Welch regen Anteil
die Bürgerschaft an dem Vorgang nahm, sehen wir daraus, dals
das umfangreiche Schriftstück in das Zider Custumarum aufgenommen
wurde.* Der ganze bunte Inhalt der Gildenbücher soll nicht in
1 1,485.
2 Ed. Lappenberg, Geschichte der Hansa, App. 14.
8 Liber Albus I, 229 ff. Ici sount notes custumes ge soleient estre prys@%
des choses venauntz en Londres ou hors alantz a vendre;; sicome par les citeyns
al maundement de nostre Seignur le Roy presente fuist as Barouns del Escheker,
taunt come la citee fuist es les mayns le Roy apres la perturbaunce du realme
ge fuist en le temps Sir Symonde de Mountforde, Counte de Leycestre.
4 11, 456—482.
LONDONER FRANZÖSISCH IM XIII. UND XIV. JAHRHUNDERT. 413
allen Einzelheiten aufgezählt werden. Auf den Festbericht des
Pu habe ich seinerzeit hingewiesen.! Die anglonormannischen
Eintragungen in die Gildenbücher beginnen, wie schon gesagt,
mit dem Ende des ı2. Jahrhunderts, die meisten stammen aus
der Zeit von Eduard I. bis Eduard II. (1327— 1377), die letzte
aus dem Anfange der Regierung Heinrichs VI. (1422— 1461).
Die Sprache ist nicht gleichmälsig. Im allgemeinen sind die
Eintragungen im Zider Cusiumarum, das mit dem Jahre 1324 ab-
schliefst, korrekter, weil die Übertragung der Verordnungen in
dieses Gildenbuch ungefähr gleichzeitig mit der Zeit ihrer Ab-
fassung erfolgte. Das Zsder Albus dagegen ist eine Mitte des 15.
Jahrhunderts von einer gröfseren Anzahl Schreiber besorgte Abschrift
von Material, das sich in den Stadtarchiven befand, in das nur
einige Blätter aus dem Anfange des 14. Jahrhunderts eingeheftet
wurden. Da jedoch gerade im Zider Albus wichtige anglonorman-
nische Texte enthalten sind, so wollte ich es in den folgenden
grammatischen Erörterungen nicht beiseite schieben, habe aber
Eintragungen, die sich auf das ı5. Jahrhundert beziehen, nicht
berücksichtigt.
Die lautlichen Erscheinungen sind zum Teil dieselben wie in
andern anglonormannischen Texten; doch finden sich auch Be-
sonderheiten, die vielleicht nicht nur auf Rechnung der verschiedenen
Schreiber zu setzen sind.
Vokalismus.
Freies a + oraler Kons. gelegentlich ze: mier < marem;
pier < patrem;
nief < navem.
Palat. + a > manchmal «: 22 I sanen
e: chen
at nas. ay: layn
y: Iyn | < lana
ey: leyne
ei: meinoverer
a +- palat. nas. ei: sent
ey: ceyns | <. sanctu(s)
au: saunles
ei crente
a+?! a: mas
ae: maes | < magis,
arreym < aramen
Jorfature
ı ZrPh. XLI, ııt.
414
a nas. + kons. aun, aum:
eaun:
a-+ + kons.
au:
at:
e:
a
a-+ 4 gelegentlich oz, oy:
a vortonig, gelegentlich z:
e, i in offener Stellung er (ey):
al:
MARGARETE RÖSLER,
maunche, faisaunt, chaumbre
sufficeaunt, coniresteaunt, estcaunt
malefeisour
matfaisour
maiffaisour
meffaisour
< malefactorem
. mavays
oyl < allium
chivalere
fein, feyn < fenum, le < legem
e: poer
a: poar | — afrz. poeir
ai: poair
e+!? al: counsail <. consilium
eu.g in gedeckter Stellung se: Welle chierg < clenicus,
fier < ferrum
ieu: hieule < tegula
2: Ile, Hille |
g in off. Stellung manchmal ::
: teuler — lieulier
ou:
gouter — jeler
malire < materia, ins, fimes < fumus
e + pal./ zeau: pieaux <. pelles
ge + Nasal ea: feames — femmes
ge + Nasal + 7 ie: lienge < linea
Vortoniges £ a: sarganl
; e: sergeaunl
; manchmal u: busselle —= bichel (mesure de graın)
ot: argoıle j
i: argıl SBle
p>oe oe: boef oef
ie: bief Rn, nief < novem
er Her N cor
ou: courl
o+: eo: neol > noctem
o+ Mi oyl: moyler (aber auch moiller) < *mol-
liare
e+tu u: du < locus
eu: covrefeu | zu focus
ew: coverfew kew doch
1ew: kiew
In ged. Stellung manchmal 00: coo/ < collum
Vortonig ew: fewaille, afrz. fouaille
o: forure
u: furure
0,4 + oral. Konsonant ou: duchter
o: bocher
eou: heoure < hora
08:
coevVerer — couvrir
LONDONER FRANZÖSISCH IM XIII. UND XIV. JAHRHUNDERT. 415
o+7i 1: connisire, connissance
0, 4y-+n + kons. ou: sounl, carboun
un: lung
ie: lienge + < longum
au: launge
oy: loyens < longe
u ow: bouche PER
u: busche, buche en
ew: rew | _ ze
uw: ruw
ul: plus < plus, Aus < usus
ur: oy: Froyk \ fructus
uy: fruyl
u: futif = alız. fuitif „Nüchtig“
Hiatusvokal + u u: juner — jeuner.
Weniger ist in bezug auf den Konsonantismus zu bemerken.
Es finden sich vereinzelte pikardische Formen: aca/z (= achatz),
carkere (= chargier), kark u.charge „Gewicht von 1500— 2100 Pfd.“,
karreü.carre „2100 Pfd.*, canel (= canal).
Verwendung andrer Konsonanten als im Franzischen:
e statt g: arcl (= argil), daneben aber argıl
& mn ce: enforger (= enforcer)
Rn €: carkere und Akark
d „n #: audre (= aulre), vereinzelt
d „ ss: vadlelz
Ih „m 2: dessoulhe, foithe, autrefoilhe neben foiz
Ih „ns: sulhmis . „Southevicouniz „Unterscheriff*
. 0 == sousmis, i ,
Zn ss! suzmis suzgis < subjectus.
Einfügungen von Buchstaben (falsche Etymologien): amcisner
(amener), anoesance (anoisance), asmercier, ascun (aucun), eslechoun
(election), jefuene (neben jeofne), haboundance.
Die Nominal-Flexion ist ein so völliges Rätsel für die
Schreiber, dafs sie die Regeln fortwährend verletzen und man auf
jeder Seite Beispiele für deren Nichtbeachtung finden kann. Etwas
besser steht es mit der Konjugation. Doch zeigt sich eine Vor-
liebe für die Infinitive der ersten Klasse und die Partizipien auf £.
Solche Infinitive, beziehungsweise Partizipien sind: abszeigner
(a[b]stenir), affaines (zu attaindre), amentiver (amentevoir), remever
(removoir), rescever (daneben receivre, resceivere, rescevire und recei-
voir), sceiver (savoir), seises (zu seisir), surver (daneben surveer und
sourver), surseer, vaueez (zu valoir),. Dagegen findet sich ournir
(statt tourner).
Bemerkenswerte andere Verbalflexionen sind praes. ind.: jeo
devienke, jeo hienke,i appiergent (aber appiert),; praes. konj.: demurge
ı L.C.I,2ı5. Modus faciendi homagium —: Ieo devienke vostre homme ...
e fei vous porterai del fraunke tenement que jeo tienke de vous en Engleterre. —
Möglicherweise sind diese Indikativ-Formen durch konjunktivische beeinflufst.
416 MARGARETE RÖSLER,
(demeure), devye (doive), doyne (donne). Latinisierende Formen:
sciel (sait), scierent.
Die Ordinalia bilden Analogieformen zu disme: sisme, selisme,
ulisme und oyfisme, noevisme und neofisme, disoilisme, dagegen unzime,
douzime, vyntyme. Für 8 kommt einmal eop/, für 80 ulave < octave vor.
An Neubildungen ist der Wortschatz ziemlich reich.
I. Mit Vorsilben.
ı. Ohne Bedeutungswandel: accomaunder, acguire (cuire),
desgluez, enraser.
2. Mit Bedeutungswandel: adrokour „Detailverkäufer“ (bro-
cour „Weinhändler *).
3. Mit Vertauschung der Vorsilbe: emprentiz (apprentiz).
U. Mit Ableitungssilben.
adıesement „Eindringen“ (zu adeser), agardable „zuzusprechen*
(zu agarder), amenuser „vermindern“ (zu amenuise),
amounlance (statt amontant), dblachet „weilse Decke“ (zu
blanche), dozef „Stier“, droilurilment „rechtmälsig*.
III. Verwendung eines Wortes in eingeschränkter oder ge-
änderter Bedeutung.
appellour „falscher Ankläger* (afrz. „Ankläger“), bladier, bia-
dour „Kornhändler* (afrz. „Aufseher über die Kom-
felder“), bordelere „Eigentümer eines Bordells“ (afrz.
bordeler v. „B. besuchen“), Aosfe! „Webstuhl“, menuet
„feiner Stoff* (afrz. „klein“), Zedoudrous „Reisender, der
nur kurzen Aufenthalt nimmt“ (afrz. pied poudreux
„reisender Händler“), ws/slemens „Webstuhl“ (afrz. „Werk-
zeuge*, usteille jedoch auch in der Bedeutung „Web-
stuhl“).
IV. Nomina agentis.
ı. Aus französischem Sprachstamm gebildet: amurer (frz.
armurier), avoufour (avoutrier, avoutre), drouderer (bro-
deur), duriller „Wollstoffweber“ (afrz. buril „Wollstoff*),
cheviseur „(unredlicher) Verkäufer“ (zu chevir), codeier
„Flickschuster* (zu cobler, coupler „aneinanderfügen‘),
lardiner „Vorsteher derSpeisekammer“, mesneng „Gefolgs-
mann“ (mesnier), oeverauntz, oeverour „Arbeiter“.
2. Aus germanischem und romanischem Stamm gebildet:
bowier „Bogenmacher“ (engl. bow + frz. Endung), forcer-
maker „luchmacher“ (im ersten Bestandteil vielleicht
force — vgl. cofire-fort —, der zweite engl. maker),
malemaker „Koffermacher“ (frz. malle + engl. maker).
V. Latinismen oder Rücklatinisierungen.
caas < casus, cribrer < cribrare, comfrarie zu frater, loguendes
zu loquenda, manamis < magnanimus, massuelle zu mas-
suellus „Keule“, dople < populus,.
LONDONER FRANZÖSISCH IM XIM. UND XIV. JAHRHUNDERT. 417
Die einzelnen Eintragungen in den Gildenbüchern sind meist
unübersichtlich geordnet und es folgen mauchmal wenig zueinander
passende Dinge aufeinander. Bei der eigentümlichen Schreibung
kann dies zu sonderbaren Mifsverständnissen führen. Um nur eines
anzuführen: Unter der Überschrift De Custumis Victualium werden
die Abgaben auf in die Stadt eingeführte Waren abgestuft je nach
dem Tore, bei dem sie hereingebracht wurden, aufgezählt. Da
heifst es nuni: Za charecte ge meisne pessoun ou poletrie en West-
chepe paiera II deniers. La characte lowys (— lou&e) ge vient en la
citee ove layns, ou quirs, ou aultre merchaundise, paiera II deniers. Ei
si elle entree par Holbourne, ou Flete ou par Allgate, dorra II deniers
obole. De chescune vidue mort en Loundres enterre III deniers
obole. De chescune charecte ge meisne escorce, obole elc. Der Heraus-
geber entsetzt sich über die Taxe auf tote Witwen und will in
tote Juden (Zudeu) ändern. Nun wird dadurch die Stelle aber
nicht verbessert. Eine Änderung liegt auf der Hand, es ist enfree
und nicht enserre zu lesen. Und zidue ist vielleicht ein Schreib-
fehler für owe „Schaf“; jedenfalls ist ein Tier gemeint, das geschlachtet
eingeführt wird.
Es gibt noch einige sonderbare Stellen in den Gildenbüchern
und viel sprachlich Interessantes, das in dieser kurzen Skizze nur
gestreift werden konnte. Auch die lateinischen Texte dürften dem-
jenigen, der in sie eindringen will, noch manches bieten, das der
Herausgeber, H. Th. Riley, der Rechtsgelehrter und nicht Philologe
war und dem seinerzeit die modernen Lexika nicht zur Verfügung
standen, 2 nicht herausholen konnte.
i Liber Albus 233.
%2 Druck von 1859 und 1860.
MARGARETE RÖSLER.
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII. 27
Über die arabischen Lehnwörter im Altprovenzalischen.
Carl Appel zählt in seinem Verzeichnis arabischer Wörter im
Provenzalischen (Prov. Zautlehre, ı5) ca. 65 Lehnwörter auf. Diese
Zahl läfst sich leicht bei genauer Betrachtung des Materials ver-
doppeln. Über die Wege, auf denen diese Wörter nach der Pro-
vence gekommen sind, bemerkt Appel, dafs sie „fast ausnahmslos
durch Spanien nach Südfrankreich gelangt sind“. Auch diese Fest-
stellung trifft nicht zu, weil Spanien in Wirklichkeit nur einen ver-
schwindend kleinen Teil von ihnen vermittelt hat. Eine etwas aus-
führlichere Behandlung des Stoffes ist, nachdem Singer und Burdach
den alten Satz von der Abhängigkeit der aprov. Lyrik von der
arabischen Literatur aufgenommen haben, auch für die Beurteilung
der Ursprungsfragen der Trobadorlyrik von Interesse. Betrachten
wir doch die arabischen Elemente in der provenzalischen Sprache,
dessen eingedenk, dafs mit literarischen Einflüssen immer auch
sprachliche Entlehnungen Hand in Hand gehen. Es ist doch
schwer sich vorzustellen, dafs eine Literatur, die in Nachahmung
einer anderen, fremdländischen entstanden ist, gar keine Begriffe
und Kunstausdrücke, die für diese bezeichnend sind, übernommen
haben sollte. Vielleicht finden sich nun in der altprovenzalischen
Dichtersprache irgendwelche literarische termini arabischen Ursprungs,
Hinweise auf irgendeine arabische Dichtung oder irgendeinen Ver-
treter der arabischen Literatur, irgendein konkreter Hinweis auf
arabische Quellen? Ohne Kenntnis der Quellen ist eine Nach-
ahmung unmöglich, aber diese Kenntnis muls doch irgendwie be-
merkbar werden, muls sich durch Wiederholung irgendeines Wortes,
eines besonderen Kunstausdruckes, eines Namens oder einer Über-
schnift verraten. Ich gebe hier ein Verzeichnis der bei Raynouard
und Levy angeführten arabischen und ins Provenzalische über-
gegangenen Wörter. Es ist sehr lehrreich, denn die Sprache ist
etwas sehr Empfindliches, und tiefer gehende Kultureinflüsse lassen
sie niemals unberührt.
Alambic — Retorte < arab. al-amdig ein in der arabischen
Chemie gebrauchter Apparat (E. Wiedemann, Deiräge zur Gesch.
der Wiss. in den Sifl2.-Ber. der Phys.-med. Socielät zu Erlangen, Bd.43,
S. 77). Alembicum id est vas distillatorium (Renzi, Col. Salern.
III, 273). Distillatio quaedam per elevationem ut illa quae sit per
alembicum (Alb. Magnus, Alchimia 8 35). Distillabis per alembicum
ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 410
(Berthelot, Za chimie au moyen-äge, 1893, p. ıı1). Cf. Amari,
Sitoria dei Musulmani ll, 887 (Prov., 15. Jh.).
Alaquana — orcanette < ar. al-hinna (Romania 32, S. 298;
Thomas, Nouveaux essais, 1904, S. ı52f.). Nach Edrisi wird es in
Sizilien angebaut (Amari, a.a. O. Ill, 78ı). Friedrich D. schreibt
1239 vor, den Juden Land in Sizilien anzuweisen: et debent in
eis seminare alchanam et indicum et alia diversa semina que cres-
cunt in Garbo nec sunt in partibus Sicilie adhuc visa crescere.
In den Assises de Jerusalem (R. %. oc. 1, 175) encanne. Col. Salern.
II, 402, IV, 25f. empfiehlt alcanna zu kosmetischen Zwecken. Eine
Beschreibung des Baumes a)-Qinna siehe bei Wiedemann, a. a. O.
Bd. 48, 2ı. Alcanna est herba in transmarinis partibus (Beauvais,
Spel.nat. IX, 31). Le hinna, vulgairement henne est un arbrisseau
originaire de l’Inde et de l’Arabie, tres re&pandu sur la cöte sep-
tentrionale d’Afrique ainsi que dans tout l’Orient. Die Blätter werden
getrocknet, zerrieben, in Wasser aufgelöst und zum Färben benutzt.
Die arabischen Frauen färben damit ihre Nägel an Händen und
Füfsen, auch die Haare und die Finger der Kinder. Der Saft
wurde auch zu medizinischen Zwecken gebraucht (Aboulfeda, D«-
scription des pays du Maghreb, 1839, Anm. v. Solivet, S.1ı69). Aufser
den Nägeln und den Haaren färbte man mit „Hinna“ sogar die
Augenlieder (Makkari, 7%e mohamea. dinast. I, 543, trad. Gayangos;
cf. P. della Valle, Viaggi 1843, I, 593, 646: una sorte di droghe
per tinger le mani).
Albaran — quittance < ar. dard’a. Im Syrisch-arabischen
bezeichnet es ein Privileg, einen Pafs, ein Diplom (Zncyclop. des
Islam I], 1913). La quittance constattant que les droits de douane
avaient &te acquittes par un marchand est souvent designee dans
les traites sous le nom d’albara. Muni de cette piece le marchand
pouvait transporter en franchise les marchandises sur lesquelles il
avait acquitte les droits dans toutes les autres villes du royaume
(Mas-Latrie, Traites de paix et de commerce, 1866, S. 201, 207).
In den Dokumenten finden wir: albara, arbara.
Alcafit — titre de magistrature maure < ar. hkafıf. Era titulo
que se daba a los sabios que conservaban en su memoria muchas
historias tradicionales, alcafit = doctrinero (Conde, Dominacion de
los arabes, 1, 286; II s. VI). (Prov., Philomena.)
Alcali — soude alcali < ar. al-gali. Alkal — id est alumen
vitreoli (in einem alchemischen Werke bei Berthelot, a.a. O. 217).
Chali — id est cinis clavellatus sive biscoctus (Col. Salern. III, 284).
Vgl. noch Amari, S/oria UI, 887; Alb. Magnus, Lid. de alchimia
88 ız und 20 u.a. (Prov., Albucassis.)
Alcavot, arcabot — libertin, debauche < ar. al-gauvach (Rom.
34, 197; Eguilaz 126). (Prov., 14. Jh.)
Alcoton — cotte de maille; coton — Baumwolle < ar. al-goton.
Baumwolle wuchs in Spanien, Süditalien und Griechenland, aber
die beste kam aus dem Orient, und sie bildete im Mittelalter einen
wichtigen Handelsartikel (Heyd, Zısi du commerce de lwvant 1],
27%
420 DIMITRI SCHELUDKO,
S. 6ııfl). Im Westen hiefs sie bis zum Anfange des 13. Jahr-
hunderts allgemein „bombacium“, und erst seitdem verbreitet sich
der neue Name „cottonum“. IL de. Vitry, Zıst. hieros.: sunt ibi
praeterea arbusta quaedam, ex quibus colligunt bombacem, quem
francigenae cotonem seu cotun appelant. Nach Edrisi wurde Baum-
wolle in Sizilien selbst gewonnen (Amari, a.a. O. III, 784). Bei-
spiele für den Gebrauch des Wortes „coton“ siehe bei Gay, Gloss.
archeol. 453. Die Einfuhr von Baumwolle aus Syrien nach Italien
fand schon in der ersten Hälfte des ı2. Jahrhunderts statt (Schaube,
Handels- Geschichte, S. 181; über kauguelon siehe Viollet le Duc,
Dichonnaire du mobilier VI, ı3ıfl., Michel, Recherches U, 38 ff., Fontes
rerum ausiriaearum XIU, 295. In der Mitte des 13. Jahrhunderts
war die Bezeichnung „coton“ schon so gebräuchlich geworden,
dafs sogar Weiterbildungen entstanden, z. B. dras cotonez (Fagniez,
Documents 1, 151). (Prov., ı2./13. Jh.)
Alferan — Schlachtrols < ar. al-faras. Die Franzosen hatten
in Palästina einen starken Bedarf an Pferden und zogen sie aus
allen benachbarten Ländern, sogar aus Persien und Kurdistan
(E. Rey, Zes colonies fraugaises de Syrie 1883, S. 34; Prütz, Äultur-
gesch. der Kreuzzüge, S.322, 355), mhd. Varis (S.-Marthe, Zur Wafen-
kunde, 1907, S. 204). Übrigens wurden Pierde auch aus Europa
in den Orient eingeführt, auch zum Verkauf an die Araber (Schaube,
a.2.0., S.ı85), aber die arabischen Pferde wurden von den Kreuz-
fahrern besonders hoch geschätzt (Dresbach, Der Orient ın der afrs.
Kreuzzugs-Literatur, 1901, S. 53). Weiteres siehe in meinem Auf-
satz „Über das Wilhelmslied“, Zs. f. frz. Spr. 1927. (Prov., ı2. Jh.)
Alcuba — Zelt < ar. al-gobbah, mhd. Zkub, Eykub, Ecobe
(S.-Marthe, a.a.0., S. 303; A. Schulz, Das höfische Leben, 1889,
II, 253). Das Wort begegnet uns schon im 9. Jahrhundert in einer
Beschreibung der Kirche des Heiligen Grabes (Tobler, Descriptiones
terrae sanclae S. 83: illa ecclesia de sepulchri Domini in gyro
dexteros CVIIJ, illa alcuba LII ...). In Sizilien gab es einen von
Wilhelm II. gebauten Palast, der seit dem 13. Jahrhundert „La cuba“
hiefs (Rivista Sicula IV, S. ı69f.). Das Wort ist in Europa dreimal
entlehnt worden und kommt daher in drei verschiedenen Fassungen
vor: I. aprov. alcuba — Zelt, 2. it. cudba — Kuppel und 3. frz. alcöve,
sp. alcoba, port. alcova — kleiner Nebenraum (Prov., 12./13. Jh.).
Alfi — Läufer im Schachspiel < ar. a/-il— Elefant (12. Jh.).
Algarada — Wurfmaschine < ar.arrädah, ra'ädah — € nome
di machina di guerra, diversa senza dubbio dal mangano e forse
piü piccola ma usata allo stesso effetto di scagliare sassi o materie
incendiarie (Amari, Biblioteca arabo-sicula U, 83; Eguilaz S. 176).
(Prov., 13. Jh.)
Algaravio — arabisch < al-arabia — arabisch (Gayangos, Te
Chronicle of James I, S. 704; Eguilaz 176) (prov., Guilhem de la Bara).
Algorisme — Art du calcul < ar, Alchwarızmi. Nachdem im
ı2. Jahrhundert das Rechenbuch von Alchwarizmi übersetzt worden
war, entstand die neue Schule der Algorithmiker, die im Uhter-
ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 421
schiede von der alten Schule der Abacisten nach dem vor kurzem
bekannt gewordenen arabischen Systeme rechnete, wobei der Wert
der Ziffern durch ihre Stellung angegeben und zuerst der Begriff
der Null eingeführt war (Cantor, Vorlesungen über die Geschichte der
Mathematik 13, 5. 902f.). Alchwarizmis Schrifien wurden in der Mitte
des ı2. Jahrhunderts aus dem Arabischen von Adelhart von Bath
übersetzt (A/goritmi de numero indorum). Johannes v. Sevilla schreibt
danach eine Nachahmung: Liber algorismi de practica arismetrice (sic)
(vgl. Martin, Zes Signes numeraux ei D’arıthmölique chez les peuples de
l’antiquitd et du moyen-äge ı864, S. 90). (Prov. P. de Corbiac.)
Aliscara — Strafe, Pein < ar. aluxor — decima, sp. alesor,
alexor. In spanisch-lateinischen Texten der ersten Hälfte des ı 2. Jahr-
hunderts: alesor. Es war eine Steuer, die von den Arabern in Spanien
eingeführt und nach der Eroberung Toledos von der spanischen Gesetz-
gebung beibehalten worden war. (Prov., B. de Vent.). (Eguilaz 87;
Diet. hisp.-americ. I, gıı. Übrigens ist die oben angeführte Form
aluxor, die ich bei Equilaz fand, keine echt arabische. Diese letztere
ist vielleicht as‘ar, plur. von sr — Preistaxe).
Alkimia — alchimie, chimie < ar. al-kimiya. Bei den Arabern
verstand man darunter eine Substanz, durch welche die Metall-
verwandlung bewirkt werden sollte. So ist es mit e-ixır gleich-
bedeutend. Später nannte man so die Wissenschaft selbst. Das
Wort kommt vom griechischen yrueia (Wiedemann, a.a.O. Bd. 36,
S. 351). Die älteste Übersetzung arabischer alchimistischer Schriften
gehört ins Ende des 12. Jahrhunderts. Dann wächst die Zahl der
Übersetzungen (Berthelot, a.a.O. S. 22gff.). Alchimia est ars ab Al-
chimo inventa et dicitur ab archymo graece quod est massa latine
(Alb. Magnus, Zibellus de Alchimia $ 2). Vgl. E. v. Lippmann, Znt-
stehung und Ausbreilung der Alchemie 1919, S. 482ffl. (Prov., 14. Jh.)
Almassor — almansor, chef des sarrasins < ar. al-mansur —
der Sieger, ein Titel, der wiederholt siegreichen Feldherren ver-
liehen und schliefslich auch als Eigenname gebraucht wurde (Wart-
burg, Ziym. Wb. 75, daselbst weitere Literatur). (Prov., ı2. Jh.)
Alquitran — goudron > ar. al-calran, pez sacada del pino
quemando su madera resinosa (Eguilaz 251). Das Wort wird in
de simplicibus medicaminibus, zugeschrieben Gariopontus erwähnt:
chitran lacticinium est quam plurimarum arborum (Meyer, Gesch.
der Botanik UI, 493). Alkitran = bitume in einem alchemistischen
Werke bei Berthelot, a.a.O. S.94. Im Mittelalter ist es ein Handels-
artikel im Verkehr mit dem Osten (Fagniez, Documents 1, 331 fl.;
vgl. noch Wiedemann, a.a.O. Bd.48, S. 23). (Prov., 12./13. Jh.)
Alsagaia, arsagaia — Wurfspeer der Mauren < ar. Zagäya —
c’est un mot berbere adopt& par les arabes qui s’en servent encore
dans le sens de baionette (Devic 227; Lammens 268; Prov., G. de
la Bara).
Alvistra — Geschenk für eine gute Nachricht < ar. albixara —
buena nueva, regalo que recibe el portador de una buena nueva
(Eguilaz 254). (Prov., 13. Jh.)
422 DIMITKI SCHELUDKO,
Ambra, lambre < ar. audar — ambre gris. Quam sit eroticus,
carabe, succinum seu ambra noscit amicus (aus der Literatur der
Salernit.-Schule, cf. Daremberg, a.a.O., S. 142). Erwärmt verbreitet
der Stoff einen Wohlgeruch. Am häufigsten wurde er am Utfer des
Meeres gefunden. Im Orient machte man aus ihm Halsketten,
sogar verschiedene Figuren, im Westen Kreuze, Knöpfe, Rosen-
kränze usw. (Heyd, Zist. du com. II, 371). Die beste Ambra kam
aus dem südöstlichen Arabien, die geringwertigste aus Nordafrika
und Spanien. Die arabische zeichnete sich aus durch leichtes
Gewicht, weilse Farbe und Öligkeit; Wiedemann, a. a.O. Bd. 4;,
S. 39; eine Beschreibung der Zubereitung der Ambra ib. Bd. 42,
S. 315, eine Aufzählung ihrer verschiedenen Arten ib. Bd. 48, S. 3of.).
J. de Vitry, Zist. hieros.: ambra vero non pertinet ad arbores sed
est sperma ceti et est aromaticum valde et confirmativum. Col.
Salern. OD, 499: septem cara quae sunt bona vel rara: balsamum,
ambra, thirus, caro, lignum, camphora, muscus; ib. 3, 275: ambra-
sperma ceti idem secundum quosdam, sed procul dubio gummi
arboris est in mari vel sub mari crescentis. Die Ambra mit ihrem
erotische Lustgefühle erzeugenden Geruche spielt bis zum heutigen
Tage im Parfümeriegewerbe eine wichtige Rolle (Prov., 13. u.
14. Jh.
en amirar — Emir < ar. amir. Über die Endung -a],
die sich in den meisten Sprachen, die das Wort übernommen haben,
festgesetzt hat, gibt es viele Vermutungen. (Eine Zusammenstellung
bei Gabriele Maria da Aleppo e G.M. Calvaruso, Ze fonti arabiche
nell dialetto sicihano 1910, S. 25.) Die älteste Erwähnung des Wortes
in Westeuropa findet sich bei Einhard, 7. G. I, 190: amiratus. Im
Anfange des ıı. Jahrhunderts: admıratus bei A. de Chabannes (ed.
Chavanon 1897, S. 69). In den Annales Barenses (M. G. L 57,
11. Jahrhundert) lautet das Wort: admira (eine Variante: ammıra,
amira). In Sizilien wurde das Wort von den Normannen gleich
nach der Eroberung der Insel übernommen (Amari, S/oria LI, 139 ff.)
und bezeichnete seit der zweiten Hälfte des ı2. Jahrhunderts unter
anderem den Leiter des Seewesens. Etwa seit derselben Zeit hiels so
auch der Schiffskapitän (siehe Amirarius bei Yal, Gloss. nautigue 117 fl.
Admirator galearum bei Lamii, Dediciae erud., 1739, 200 in einem
Dokument aus dem ı2. Jahrhundert). Amari (Storia UI, 351f.)
vermutet Einflufs der casus obliqui des griechischen aurjpas-ados.
Da aber die ersten Erwähnungen des Wortes in frühe Zeit fallen,
halte ich diese Vermutung für wenig wahrscheinlich. Die Endung
des Wortes ist einfach der arabische Artikel a/-, den die des
Arabischen unkundigen Europäer von dem folgenden Eigennamen
abtrennten und zu „amir“ zogen. Je nach dem Anlaute des folgenden
Wortes lautete dieses a/- im Arabischen a/- an-, ar-, al- usw.
erklären sich die romanischen Formen amirafus, amirarius, amıralius
amiran usw. In Handelsverträgen des ı2. und 13. Jahrhunderts
haben wir das Wort oft auch in der Form amira, elmira (Mas-Latrie,
Trailes de paix, documents, 5. 22, 43 u.a.). (Prov., ı2. Jh.)
ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖKTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 423
Angelot — Stoff, der zur Herstellung von Schminke diente
< ar. anzarot (Mönch v. Montaudon). In den Assises de Jerusalem
(R. h. oc. 11, 175) anserout — espece de gomme. Seit dem 17. Jahr-
hundert bedeutet angelof im Franz. eine Art Käse (Gay, Glossaire
archeologique, 1887, S. 32). Anzarot es una goma de un arbol que
crece en persia (Eguilaz 268). Vgl. auch Thomas, Nouv. essais
S. 159f.
Asasi, ausesi — assassin < ar. hasıfıin — Mitglied der Sekte
der Haschischtrinker. Im ı2. Jahrhundert kennt man noch das Wort
in seiner ursprünglichen Bedeutung. Im Zlnerarium regis Ricardı
(Stubbs 338 fl.) heilsen Aaussis? — Diener des muhamedanischen
Herrscherss Mussa, die Christen mordeten. Bibliographie über
Assassins: Prutz, Äulturgeschichte der Kreuszüge, ı883, S. 563;
Hammer-Purgstall, Gemäldesaal der Lebensbeschreibungen, VI, 238;
Cordier, Odoric de Pordenone, ı891, S. 478f.;, Dresbach, Orient in
der altfranzösischen Kreuzzugsliteratur, 1901, S. 13; uatremere,
M£moires sur U’ Egypte Il, 502; J. de Mandeville ed. Warton S. 216;
The Book of ser Marco Polo, ed. H. Yule, 1903, Anm. (Prov., 12. Jh.)
Auranja — orange < ar. närang. ). de Vitry, Zist. hieros. —
poma citrina quae poma orenges ab indigenis nuncupantur. Albertus
Magnus, De vegelabilibus VI, 63: arangus pomum habet breve et
rotundum ... Amari, S/oria III, 445 weist darauf hin, dafs in
einer Urkunde vom Jahre 1094 die Bezeichnung „via de arengeriis“
vorkommt, und will daraus schliefsen, dafs in Sizilien schon damals
Apfelsinen gezogen wurden. Vgl. auch Hehn, Aulturpflanzen, 1911,
S. 453.
Avenuz — Ebenholz < ar. abenus. Ebenus est arbor ut dicitur
incremabilis (Col. Salern. II, 288). Mit Ebenholz hat vorwiegend
Arabien gehandelt (Heyd I, 379). (Prov., 13. Jh.)
Azar — hasard < ar. az-zahr — d& & jouer (Devic). Ursprünglich
bedeutete das Wort auch im Abendlande Würfelspiel, vgl. /udus azardı
bei Du Cange in einem Dokument aus dem 13. Jahrhundert. (Prov.,
ı2./13. Jh.)
Azaurs — tartane < ar. ax-zaurag — eine Art Schiff. Gayangos.
(Chronicle of James 1, 709 erklärt das spanische zabra aus dem
ar. sabra. S. 377 führt er noch die Form agzaures an, die er mit
dem arabischen az-zabra identifiziert. Vgl. noch Eguilaz 315;
Rom. XLI, 5ı. (Prov., Vie de S. Honorat.)
Azur — azur < ar. Jazward — lazurähnlich.. Das Wort be-
kommt im Abendlande ziemlich frühe Verbreitung. Cf. Zhnerar.
yeg. Ricardi, ed. Stubbs S. CLIV: nubes magna omnem aeris im-
puritatem secum trahens, ut ad modum azoli purissimi citra hanc
videretur.... Col. Salern. II, 402 lapis lazuli; Amari, a.a.O. S. 887;
Alb. Magnus, Alchimia 8 3: videmus enim ex argento generari azurum,
quod dicitur transmarinum. Ib. $ 26 Albertus behandelt die Frage
quomodo et unde fit auzurium (sic). Lapis lazuli wurde in der
Provinz Balakschan gewonnen (Heyd II, 654). Marco Polo (ed.
B. Boni O, 72f.) berichtet, dafs in der Provinz Balaxiam si trovano
424 DIMITRI SCHELUDKO,
monti nelle quali vi € la vena delle pietre delle quali si fa l’azzurro.
(Prov., Gir. de Ross.)
Balach, balais — Rubin > ar. dbalaksch — Rubin. Das Wort
stammt vom Namen der Provinz Balakschan, die durch ihre Rubin-
funde berühmt war. Dieser Stein wurde Gegenstand des Handeis
zwischen dem Orient und dem Abendlande (Heyd II, 653 fl.). Be-
schreibungen des Steines siehe Wiedemann a.a.0O., XLIV, 2ı6f.
Albertus Magnus (Mineral. 1. II, cap. U): balagius est gemma coloris
rubei. Marco Polo (Boni II, 136): in questa provincia (Balaxiam)
si trovano queste pietre preziose che chiamano Balassi molto belle
e di gran valore. (Prov., 13. Jh.)
Barbacana — creneau, embrasure, derived from bab (a gatte)
and al-khana — a seconde, outermost and lower wall in a fortress
(Gayangos, A Chronicle of James 1, 704). Mhd. barbigan (S.-Marthe,
Zur Waffenkunde, S. 264). Murum exteriorum, qui a surianis bar-
bacana dicitur R. A. oc. IV, 97, vor dem Jahre 1137). Devic erklärt
das Wort aus dem arab. darlakkh — tuyau d’aqueduc. Derselben
Meinung ist auch Lammens (Mots fr. derives de !’arabe). Meyer-Lübke
will es aus dem arab. dälakhanah — oberes Zimmer erklären, was
am wenigsten wahrscheinlich ist. (Prov., Raimb. de Vaqu.)
Bardel — barde, bät; alabart — Reitkissen < al-bardaa —
bät rembourre pour un äne ou une mule (Devic), auch Sattel-
unterlage. Du Cange zitiert charta Ildefonsi comitis Tolosae ann. 1144,
wo das Wort darda erwähnt wird. (Prov., 13. Jh.)
Barracan — camelot < ar. darakan — Stoff aus Kamelhaar.
In abendländischen Dokumenten seit dem 12. Jahrhundert: bdougran,
bouracan, barracan, Gay, Glos. archlol., S. 122, 187, 192; Fagniez,
Dokuments 1,332; Michel, Recherches sur le commerce des dloffes 11, 34
macht darauf aufmerksam, dals dbarragan unter den Stoffen erwähnt
wird, die in Spanien schon im 9. Jahrhundert gebraucht wurden.
In Italien im 13. Jahrhundert darracame (Fontes rer. austres XIV, 409).
(Prov., Cartulaire de Montpellier.)
Besana — Schaffell < ar. di/hana, qui signifie proprement
„doublure“, la basane etant employ&e & doubler l’interieur des
chaussures (Devic). Das Wort ist seit Beginn des 13. Jahrhunderts
bezeugt (Du Cange I, 591, 612). (Prov., Cart. de Montp.)
Bocaran — sorte d’etoffe < Eigenname Bokhara. Der Stoff
wurde gerne zu Kleidern genommen und aus Syrien und Konstanti-
nopel nach Westeuropa ausgeführt (Heyd U, 703). Des bouquerans
et de tele dou couton (Assises de Jerusalem, R. A. oc. I, 173). Vgl.
Nichel, Recherches I, 29f.; M. Polo, ed. B. Boni U, 482 u.a. In
provenzalischen Texten findet sich das Wort schon im ı2. Jahr-
hundert. Sonst ist es für diese Zeit nur wenig bezeugt.
Bogia — bougie < afrikanische Stadt Zrdjäya. Im Mittelalter
trieben die Provenzalen, Katalonier und Venezianer mit dieser Stadt
einen sehr lebhaften Handel. Ausgeführt wurden Wolle, Öl, Felle
und besonders Wachs (Zncycl. des Islam. 1, 798, Devic 71). (Prov.,
15. Jh.)
ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTEK IM ALTPROVENZALISCHEN. 425
Bus — kleines Fahrzeug, Boot, span. dıya (Zurita, Anales I, 49).
Quatremere (Hisi. des Sult. maml. I, 2, S. 272 erklärt das Wort aus
dem arab. dbafasa und verweist auf duza bei Alb. d’Aix, Zist. hierosol.
S. 330. (Prov., ı2. Jh.)
Caf — ungerade, it. cafo, vielleicht aus dem ar. gafa — Rück-
seite (Meyer-Lübke 6896).
Cafera — Kampfer < ar. käfür. Camphora per nares castrat
odore mares (Col. Salern. V, 25). Der Kampfer wurde im Orient
gewonnen (Heyd II, 5gofl.) In den Assises de Jerusalem (a. a. O.
DO, 175) cafor, cafur. Weitere Bibliographie in der Zneycl. des Islam
II, 667. (Prov., ı2. Jh.)
Camelin, camelot — Wollstoff < ar. khäml, khamlah — Stoff
aus langhaariger Kamel- oder Ziegenwolle. Cf. Gay, Gloss. archeol.
S. 261. Im ı2. Jahrhundert wurde dieser Stoff bereits in Frankreich
(in Chalons) produziert (Fagniez, Documents I, ı51f.). Amari Ill, 892;
Camelotto non da camello ma da khamlah, che significa propria-
mente veloso. Der Stoff wurde aus dem Orient nach dem Abend-
lande ausgeführt (Michel, Aecherches D, aıf.). Im ı3. Jahrhundert
handeln de iamelotis die Genueser in Alexandrien (Notices et extrails
X, 36). (Prov., ı3. Jh.)
Calamalec — Der arabische Gruls < ar. saläm’aleik salut sur tot.
Übrigens kann das Wort auch aus dem Hebräischen stammen.
Erwähnt wird es schon bei Aynard v. St.-Evre im ı0. Jahrhundert
(salamalec est ave — Manitius, Gesch. d. lat. Lit. U, 662). (Prov.,
Giraut de Luc.)
Califa — Kalif < ar. Xhalifa. Das Wort verbreitete sich seit
dem ersten Kreuzzuge über ganz Westeuropa, aber bekannt war
es schon früher. Vgl. califus, M. G. ll, 208, Dokument aus dem
10. Jahrhundert (Prov., 13. Jh.).
Caneja — Die Bedeutung ist bei Levy nicht angegeben. Wenn
es ein Stoff ist, so geht das Wort wohl auf arab. kandjı zurück.
Kandji ist ein Stofl, der von Armen zur Kleidung gebraucht wurde
(Quatremere, Zst. des sullans mamlouks II, 73).
Caramida — boussole < ar. garamit (G. Jacob, Östliche Kulltur-
elemente, 1902, S.13). Über die Herkunft des Kompasses von den
Arabern s. E. Gerland, Verhandl. der Deutsch. Physik. Ges. X, 377
und XI, 262. Zum ersten Male wird der Kompafs in Europa am
Ende des ı2. Jahrhunderts erwähnt (Hugues de Berry und Alexander
Neckam). Die Literatur über die Frage siehe Steinschneider,
Hebräische Übersetzungen, S. 964; E. Wiedemann, Gesch. des Kompasses
in den Berichten der deulsch. Physik. Ges. V,764ff.; Gerland, ib. V1, 377;
Mitteilungen zur Gesch. der Medizin V11, gfl.; Yal, Gloss. nautique,
S. 388f. Im Italienischen calamıta bei P. delle Vigne (d’Ancona
e Comparetti, Antiche rime volg. 1, 108). (Prov., Vie de S. Honorat.)
Carcais — carquois < ar.farkaschh Le mot tarkasch est le
terme persan tarkesch qui designe un carquois ... Ce terme a
passe dans, les langues de l’Europe oü il a forme le mot rapxacıov
ou rapxacıov des Ecrivains de la Byzantine, le mot latin turcesia,
426 DIMITRI SCHELUDKO,
Vitalien turcasso (Quatremere in Makrizi, Hs. des sult. maml. ], ı3.
Im Provenzalischen haben wir carcass bei R. de Vaquieras, im
Frz. tarchais bei Wace, Rom. de Rou. Meyer-Lübke, Du Cange VII, z2ıı
folgend, vermutet griechische Vermittlung. Doch sehe ich dazu
keinen Grund. Das griechische rapxd@oıov ist eine parallele Ent-
lehnung aus dem Arabischen.
Carobla — fruit de caroubier < ar. kharüba. Die Frucht war
schon den Alten bekannt, aber ihr Anbau wurde von den Arabern
in Sizilien und Süditalien erneuert. Vgl. Hehn, Kulturpflanzen, ıg11,
S. 458. Vanundandum exponebatur genus fructus nascens in ar-
boribus, grana scilicet in folliculis ut legumen inclusa, volgo vocatum
caruble, gustu dulce et esu satis delectabile (ZAner. reg. Ric., Stubbs,
S. 173). In den Assises de Jerusalem: carouble, carrouble (Prov,
Tenzone Porciers und Folquets).
Carrat, cayrat — sorte de poid pour loor et l’argent < ar.
al-giral — ist das Gewicht von vier Gerstenkörnern 0,1647 gr.
gleich (Wiedemann, a.a.O., Bd. 42, S. 305). Kerat, kemith, id
est pondus quatuor granorum ordei (Col. Salern. Il, 296). Vgl.
noch Amari III, 891. (Prov., 14./15. Jh.)
Cordoan, cortves — Cordouan, Cordouanier — Kordouan-
händler, von dem Namen der Stadt Kordova. Cordouan est la
peau de chevre ou de bouc tann& (Gay, (Gloss. archeol. S. 427).
Vgl. Du Cange U, 562 f., Fagniez, Documents I, 331. Cordoan sowie
Maroquinleder wurde im Mittelalter besonders aus den nordafrika-
nischen Städten ausgeführt (Mas Latrie, Traites de paix, S. 216).
Im Ruodlieb (Grimm und Schmeller, Zragm. X1II, v. 96) corduanelli,
was die Herausgeber als calceoli ex pelle de Corduba erklären.
Übrigens ist Korduanleder im Abendlande seit dem 9. Jahrhundert
bekannt (siehe La Curne, Dict. unter dem Wort cordoan). (Prov.,
13. Jh.)
Cubeba — cubebe < ar. kedadba. Cubebe plus quinque nun-
quam sumantur in usu (Col. Salern. V, 27). Cubebe wird bereits
bei Constantinus Africanus erwähnt (Meyer, a.a.O. OL, 485). Es
ist ein wertvoller Artikel, der aus Indien über Bagdad bezogen
wurde (Sanuto, Secrela fid. lib. I, p. I, c.I). Ihn erwähnt auch
S. Hildegarius (Migne, Pair. lat., S. 197, col. 1142). (Prov., 14. Jh.)
Doana — douane < ar. divan. Das Wort kommt immer wieder
in Handelsurkunden des ı2. und 13. Jahrhunderts vor, sobald vom
Handel mit dem Orient die Rede ist (Amari, Z diplomi arabı, S. 243,
258, 293, 304 usw. — duana, Johana, dovana; Lamii, Deliciae erudıt.,
S. ıg6ff.; Notices et extraits de la bibl. du roi XI, 30ff. usw.). Über
die für die Duana im 12.—ı3. Jahrhundert beobachteyen Regeln
handelt ausführlich Mas-Latrie, Trazies de paix et de commerce, S. 106.
186 ff. Sehr oft finden wir das Wort in der Gesetzgebung der
Könige von Sizilien (Huillard-Br£holles, Zst. dipl. Fred. IZ, NW, ı,
S. 199; Amari, Sforia 11, 322, III, 887). In Bezug auf den Handel
bedeutete duana bei den Arabern casa donde se llevaba la cuenta
y razon de las rentas publicas y donde se depositaban (Conde,
ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 427
Dominacion I, 57). Von den verschiedenen sonstigen Bedeutungen
des Wortes diwan ist die Rede in den Annales de la Socidte d’archeo-
logie de Bruxelles, t. VIII, S. 452. (Prov., 13. Jh.)
Dorgoman, drogoman — Dolmetsch < ar. /argaman. Das
Wort war den Franken in Palästina und Syrien im ı2. Jahrhundert
sehr gut bekannt (Prutz, Äulturgeschichte der Kreuzzüge, S. 402).
Turcimani, lorsimani, tursumanı fanden sich bei jeder duana (Mas-
Latrie, a.a. O., S. 189). Auch im Abendlande war das Wort seit
dem ersten Kreuzzuge gebräuchlich. Für die Formen drogoman,
dor goman ist dabei griechische Vermittlung anzunehmen (vgl. Du Cange
DI, 192, griech. do@ayotuavos). Die Formen wie /orzimanı, turcimanı
sind demgegenüber von den Arabern auf dem direkten Wege ent-
lehnt worden (Prov., 12./13. Jh.).
Eisac, eiseo — gleichmäfsige Verteilung des Viehes; zssec-butin,
im Neuprov. bei Mistral eissac — partage de bätes & laine entre
le propietaire d’une metairie et le fermier. Indem ich von der
Bedeutung des Wortes im Neuprovenzalischen ausgehe, vermute
ich, dafs damit im Altprovenzalischen eine gewisse Menge Vieh
bezeichnet wurde, die zur Steuerabgabe ausgeschieden war. Diese
Bedeutung ist uns auch im spanischen „asequi* bezeugt — derecho
che se pagaba en Murcia de todo ganado menor en llegando
a cuarenta Cabezas, port. zaca, Sp. zague — eine Art Steuer. Aus
der Bedeutung „Abgabe“ — zum Besten der mohamedanischen
Gebieter — entwickelt sich, wie ich glaube, die Bedeutung „Raub“,
prov. eisec, it. sacco. Ich führe daher das provenzalische und italie-
nische Wort auf das arabische ga4@ zurück = aumöne, impöt
(Lammens 255). Zeca — primicia vectigal (Eguilaz 293). Zaque,
azaque es lo que se da por ley ä& dios o al rey. EI es diezmo
de todos los frutos, de siembra, plantio y cria de ganados, de
productos de comercio y de industria (Conde, Dominacıon 1, 270.
In Italien, wo das Wort während der arabischen Herrschaft über
Apulien und Kalabrien übernommen werden konnte, wurde es mit
sacco—Sack zusammengeworfen. So entstand durch falsche Ety-
mologisierung sacco— Raub. — Zakät bedeutete im Arabischen
ursprünglich eine milde Gabe, darauf eine Abgabe (Th. W. Juynboll,
Handbuch des Islamischen Gesetzes, 1910, S. 94f.). Der „zakät“ wurde
vom Vieh — Kamelen, Hornvieh und Schafen — erhoben, ebenso
vom Barvermögen, von Körner- und Baumfrüchten, Weizen, Gerste,
Datteln und Rosinen (A. Querry, Recuerl des lois concernant les musulmans
schyites, 1871, 5.133; Mednikov, Palästina, Anhang ll, S. 67).
Eissarop, issarop, issirop, sirop — remede < ar. scharab —
Trunk. Das Wort ist in der Medizin bekannt, seitdem man an-
gefangen hatte, arabische medizinische Schriften zu übersetzen.
Potio syrupus ut dicit arabs, syrupus violarum, syrupus rosarum
(Col. Salern. U, 471, 480) syrupus id est bibitio (ib. III, 314). Im
Codex Calixtinus (Migne 163, 1397) siropus —= Arznei. Vincentius
Bellov. spec. nat. X, 135, 161: syrupus roseus, syrupus violaceus.
Der aus dem Safte der Rosen hergestellte „Syrupus“ galt immer
428 DIMITKI SCHELUDKO,
als Heilmittel (Aegidii Carboliensis de virtutibus et laudibus com-
positorum medicaminum bei Leyser, Zis/. foet. S. 600). Am Hofe
FriedrichsIL in Sizilien lebte Thodorus Philosophus, dessen Obliegen-
heit es war, einen Trank zu bereiten, aus sciropis et zuccaro violaceo
tam ad opus nostrum quam ad opus camere nostre (Huillard, a.a. 0.
V, 2, 751). Die Zubereitung des Sirops war übrigens nicht ganz
einfach, sondern dazu gab es vereidigte Spezialisten, die in der
Herstellung von „electuaria et syrupi* erfahren waren (ib. IV, ı, 15).
(Prov., P. d’Alvergne.)
Eisalot, isalot — sirokko < ar. Scharg — Orient (Devic 208 f.);
xarqui viento del Oriente (Eguilaz 428); schoruk — Südostwind (Meyer-
Lübke, W5.). Über diese verschiedenen Etymologien siehe G.M. da
Aleppo e G.M. Calvaruso, Ze fonti arabiche, S.334 fl.; Yal, Gloss. naut,
1355. Devers midi en a il un autre (vent) qui engendre nues et
a non Ero, mais li marinier l’apelent Siloc, si ne soi je raison por
quoi il l’apelent ainsi (Br. Latini, Tresor, ed. Chabaille 1863, S. ı2ı).
Ad meridiem versum Syrocum, per Syrocum navigando (Saruto, secrela
fd. U, p. IV, cap. XXV). Cittä & lontana ... da quaranta miglia
verso Scirocco {M. Polo, ed. B. Boni 11,468, 471; auch I, 145 —
verso issirocco, per isciroc). Alle Schiffe, die Barcelona aufsuchten,
fanden sich unter dem Schutz Barchinonensis principis a capite de
Crucibus usque ad portum Salochi (Giraud, Zssass sur U’hist. du
droit fr. 11,475, ca. a. 1068). Ventus ad Siroccum, a Sirocco bei
Du Cange VIU, 496. Alle diese Beispiele zeigen, dafs unser Wort
ursprünglich und auch noch später — im 13. und 14. Jahrhundert —
eine Himmelsrichtung und nicht einen Wind bedeutete. Man muls
es also vom arab. scharg —= Osten ableiten. (Prov,, 13./14. Jh.)
Escac — Schachspiel < ar. Schah — König, Gay, Gloss. arch.ol.,
S.595ff. Die Heimat des Schachspieles ist Indien. Von dort kam
es zu den Arabern und wurde von diesen im 9. Jahrhundert nach
Spanien gebracht. Die erste Erwähnung findet sich im Roudlieb
(Grimm-Schmeller, Zragm. Il, v. ı87), danach bei Petrus Damiani
im Jahre 1061 und bei Petrus Alfonsi, Discipl. ler. am Anfang des
12. Jahrhunderts (Linde, Quellen zur Gesch. des Schachspiels, 1881,
S.57 fl.; Wiedemann, a.a.O., Bd. 14,S.43; Weinhold, Die Deutsch.
Frauen 1, 106f.; Linde, Gesch. des Schachspiels, S. 134 ff.). Bei den
Arabern hiefsen die Figuren in der zweiten Hälfte des g. Jahr-
hunderts „kalb*. Dies war die allgemeine Bezeichnung; der König
hiefs Schach, die Königin — Firz oder Firzän, der Elefant — Fil,
der Turm — Rokh, der Springer — Faras, der Bauer — Baidaq
(Wiedemann, a.a.O. XL, 43). Im ı2. und ı3. Jahrhundert war
das Spiel im genzen Abendlande sehr verbreitet. Wir haben sogar
ein besonderes Gedicht „De ludo scachorum“ (Pascal, Poesie lat. med.,
S. 137 f.; Strohmeyer im Toblerband S. 381 fl.).
Espinarc — Spinat < ar. isfanäkh. In einer Urkunde vom
Ende des ıı. oder vom Anfang des ı2. Jahrhunderts heifst es: „de
cholera laeso spinachia convenit ori (Co. Salern. U, 458). Der arabische
Ursprung des Wortes ist festgestellt von Devic ııo. (Prov., 15. Jh.)
ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 429
Farda — Kleidungsstücke, fardal— fardeau < ar. farda —
ballot, sac, charge de chameau; /ard — Tuch, Kleider. Yal, Glos.
naut., S. 683f.: fard — charge d’un navire. In einem Handels-
abkommen aus dem 13. Jahrhundert ist de pardo de robe die Rede
(Notices et extraits t. XI, S. 30. S. de Sacy erläutert in der Anmerkung:
pardum — une balle, une charge). Bei Du Cange I, 414 fardellus —
onus, sarcina — Beispiele seit dem 13. Jahrhundert. Im Proven-
zalischen haben wir eigentlich zwei verschiedene Entlehnungen:
Zu prov. farda — Kleidungsstücke vgl. port. /arda — vestido de
uniforme, zum prov. fardal vgl. sp., port., it. /ardo — paquete de
mercancias (Eguilaz 396). (Prov., ı2. Jh.)
Feda — Strafe, Bulse < ar. idjah — Lösegeld. Notices et
exlraits Xl, 39: feda — Rachät, rangon, mit dem Verweis, dals das
Wort arabischen Ursprungs ist. Du Cange II, 426 /eda — emenda,
mulcta in den Dokumenten aus dem Beginn des 12. Jahrhunderts.
Im Spanischen alfada — rescate (Eguilaz 153). Über jidjah siehe
J. Guidi, 27 Muhtasar o sommario del diritto Malechita, 1919, Bd.],
S. 283 ff.
Forssa — Dame im Schachspiel < ar. ferza — regina, sp. al-
Ferza (Eguilaz 166).
Festuc — Pistazie < ar. fostak, pers. fistah. V. de Beauvais,
Spec. nat. XIV, cap. 75 ist de fistico die Rede, mit dem Verweis
auf Avicena. Vgl. noch Eguilaz 169; M. da Aleppo e Calvaruso 175.
Folca, falop — eine Art Schiff < ar. folk — Schiff. Yal, G’os.
naut., 5.687. Falop geht vielleicht auf das arabische /alüka zurück.
Vgl. Devic 117, Lammens ı17, Eguilaz 394.
Fundeguier — Magazinaufseher, ein abgeleitetes Wort, das
auf ar. fonduk zurückgeht = £tablissement commercial exclusif et
permanent. Les foundouks &taient des etablissements destines &
’habitation des nations chretiennes, A la garde et & la vente de
leurs marchandises. In Handelsurkunden kehren Jonticus, fundigus,
Jondtgus, fonticum, alfundega, fondech, alfondech, fondigues, fondegues
sehr oft wieder. In allen mohamedanischen Ländern waren sie
durch eine Mauer von der übrigen Welt abgeschlossen (Mas-Latrie,
Traitts, S. 86, 89; Du Cange Ill, 626). Mit der Entwicklung des
orientalischen Handels, d. h. seit dem Beginne der Kreuzzüge, bürgert
sich das Wort auch im Westen ein. Vgl. Lammens ı18; Fagniez,
Documents 1, 176.
Fustani — Kleidungsstück aus Barchent </ ar. /osfan — giubba
(M. da Aleppo e Calvaruso 184); Jouchtan — etoffe de Coton
(Lammens 119). Zussaine, futaine — etoffe de fil et de coton
d’origine orientale, mais qui &tait deja adopt€ en France au X s.
(Gay, Gloss. archeol. S.750). Das war ein im ı2. und 13. Jahr-
hundert sehr verbreiteter Stoff. Fustanis blanc et de color de
Lombardia, fustanis vaırs de Lombardia e de Barsalona; fustanis
blancs e tentiz de Barsalona (Fagniez, Documents I, 331, 13. Jahr-
hundert). Die Italiener müssen es früh gelernt haben, den Stoff
selbst herzustellen, da sie schon im ı2. Jahrhundert „fustanei“ nach
430 DIMITRI SCHELUDKO,
Syrien ausführen (Schaube, a. a. O., S. 159); der Stoff wurde aller-
dings auch von dort nach Marseille eingeführt (ib. 207). In Italien
wird /usiagno im Jahre 1255 erwähnt (Fontes rer. austr. XIV, 402).
Vgl. noch Du Cange II, 640 ff.
Gabela — impöt < ar. gabala — Steuer. Die „Cabella® wird
in Handelsurkunden des ı2. und 13. Jahrhunderts sehr oft erwähnt
und bezeichnet den in der „Duana“ für eine Ware gezahlten Zoll
(Amari, Z diplomi 285, 306 u.a.; Notices et extraits XI, 31 fl.; Forte
rer. austr. Xl1l, 455; Prutz, Die geistlichen Ritterorden S. 275). Huillard-
Breholles, a.a. ©. t. IV, ı veröffentlicht Constitutiones summariae
et gabellarum regni Siciliae — eine Aufstellung aller Abgaben aus
der Zeit des Königs Robert. In der zweiten Hälfte des ı2. Jahr-
hunderts ist „gabella® in der Provence ein allgemein gebräuchlicher
Ausdruck. — Gabella vini, gabella salis usw. bei Giraud, Zssai sur
U’hist. du droit fr. 1], 229, 240 u.a.
Gafur — glouton < ar. kaäfir — ungläubig, undankbar (Zueydl.
des Islam 11, 662f.). Dies ist dasselbe wie frz. cafard, sp. port. cafre
(Devic 74). (Prov., 13. Jh.)
Galengal — Galgantwurzel < ar. khalandjan. Phlegmonem
stomachi sumptum galanga resolvit (Col. Salern. II, 465). Laut
Heyd 1,93; I, 616f. wird calangan im Abendlande bereits im
9. Jahrhunders erwähnt. Galanga cyperus babilonicus idem (Cal.
Salern. Ill, 292); J. deVitry, Zst. hieros.: sunt aliae arbores quarum
radices ... galanga appellantur. Gay, Gloss. archeol. 766: g. füt
employece en medecine comme stomachique et antiseptique. (Prov.,
14. Jh.)
Garbin — Südwestwind (Prov., 13. Jh.) < ar. gardb — West.
Aussi de vers midi a un vent ... et a non Aufriques et par ce
non l’apelent li marinier aucune foiz, mais il ’apelent par autres
deus nons, quar quant il est dous et soes il l’apelent garbin por
ce que cil pais que l’Escripture dit Aufrique on le di en vulgal
parleure le Garb; mais quant il vient de grant ravine et o
fortune li marinier l’apelent lebech (Bruneto Latini, a.a.O. ı2ı.).
Vom Gharb leitet das Wort auch Fal ab (Gloss. naut. 768). Versus
garbinum navigando, per garbinum navigando (Sanuto, a.a.O. Ip.
IVc. XXV). Quanto !’uomo si parte dell’Isola die Java e va tra
mezzodi e gharbi ... (M. Polo, a.a.O. I, 158). Das Wort be
zeichnete augenscheinlich zuerst nur die Himmelsrichtung und wurde
erst später auf den Wind übertragen. Wenn mit dem Worte Garb
auch die mohammedanischen Gebiete in Nordafrika bezeichnet
wurden, so ist zu beachten, dafs es in europäischen Handelsurkunden
des ı2. und 13. Jahrhunderts sehr häufig vorkommt, und dals es
sehr wohl möglich ist, dafs die Italiener dem Seeausdruck „garbino“
anfänglich auch seine mittelalterliche geographische Bedeutung bei-
legten. Das Wort Zudech halte ich dagegen für romanisch, vgl.
Isıdor., Ziymol. 1. XIV, c. V: Libia dicta quod inde libs flat, hoc
est Africus; Zonor. August. (Migne 172, 136): Africus qui et Iybs
tempestatem gerans.
ÜBER DIE ARABISCHEN LERNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 431
Janet, jainet — spanisches Pferd < ar. zenäfä — nation ber-
bere connue par la valeur de sa cavalerie (Devic 127). Das Wort
ist erst durch die Vermittlung des span. gzinefe nach der Provence
gekommen.
Jarra — Krug < ar. garrah — Wassergefäls. La voce arabica
giarra s’applica in Sicilia a’ grandi vasi di terra cotta usati ordi-
nariamente a serbare olio (Amari, ‚Sioria III, 865). Als Gefäls zur
Aufbewahrung von Öl erwähnt in einem Handelsvertrage aus dem
13. Jahrhundert in der Form jarra (Notices ei Extraits XI, 30); Du
Cange IV, 280: zara olei; zara una de oleo (C. A. Martin, Storia
t. VI, p. 332). (Prov., 14. Jh.)
Jazeran — Panzerhemd < ar. gazair — Algier. Le haubert
trestie ou jazeran est le haubert de maille (Viollet le Duc, Diet. du
Mob. VI, 84; A.Schulz, Das höf. Leben, 44). Übrigens wird diese
Ableitung durchaus nicht von allen Forschern gebilligt. Vgl.
Lammens 138, Eguilaz 427. (Prov., ı2. Jh.)
Julep, jolep — Kühltrank < ar. guleb — Rosenwasser. Auch
diese Bezeichnung wurde wie der Sirup früh in der westeuro-
päischen Medizin eingeführt. Juleb violatum, iuleb iuiubinum
(Mesuae opera 138, 148 u.a). Im Antidotarium Nicolai (ed. Dor-
veaux 1896, S. ı2) sirop iulevi, ebenda Matheus Silv.: iulep id est
sirupus simplex ex sola aqua et zuccaro, graece iulevi. (Prov.,
14. Jh.)
a — cotte, pourpoint < ar. gubbah — baumwollenes Unter-
kleid (Amari, Si/oria II, 891, 887). Sanuto spricht (a.a.0. U, p.IV,
c. VIII) von der Ausrüstung eines gegen die Sarazenen aufgebotenen
Heeres und sagt, dafs jeder Soldat haben müsse zuppam unam
aptam et dextram protinus ad ferendum, zupello communitus.
Früher, 13. Jahrhundert, mufsten die Seeleute neben ihrer sonstigen
Ausrüstung auch eine „zupa* haben (Zontes rer. austr. XIV, 412).
Das Wort bezeichnete offenbar wie alcofon ursprünglich die mili-
tärische Kleidung. (Prov., 13. Jh.)
Laca — laque < ar. a2 — gomme laque. Lacca (Gummilac)
wurde im 12. Jahrhundert in grofser Menge aus Ägypten in West-
europa eingeführt (Schaube, a.a.0O. 162; Devic ı50). (Prov.,
13. Jh.
DR — Fulssoldat < türk. wvJak — Läufer (übrigens zweifel-
haft, vgl. M.-Lübke, W2.).
Laut — luth < ar. al’ud — ein Saiteninstrument. Die Laute
kam zuerst nach Spanien und Süditalien. Im übrigen Europa
verbreitete sie sich erst im 14. Jahrhundert (Riemann, Musik-Zexikon
1919; A. Schulz, Das höf. Leben 1, 554), Nach der Ansicht von
Sachs (Handbuch der Musikinstrumente zı3ff.) geht die Laute auf
die Perser zurück und ist in Europa erst seit dem 14. Jahrhundert
bekannt. Al’tud und Rebab bezeichnen dieselbe Art von Saiten-
instrument und stammen beide von der sassanidisch-byzantinischen
Laute. Aus dem persisch-byzantinischen Instrumente entstand auch
die mittelalterliche I.yra (Zs. f. Musikwissenschaft 1, 89 ff., 107). Doch
432 DIMITRI SCHELUDKO,
ist zu bemerken, dafs die altfranzösische „viele“ nicht auf ein
arabisches Instrument von der Art des „Rebab“ zurückzuführen ist,
sondern ihre Vorgängerin ist die schon im ı 1. Jahrhundert bekannte
Lyra. In Spanien kreuzte sich diese mit dem arabischen „rebec“
(Moser, Gesch. des Violinspieles 1923, S. ı fl). In der Revista musical
1898, S. 698 (vgl. Riıvista mus. italiana 1925 u. 1926) sind die
ältesten Erwähnungen von „lut* in Westeuropa gesammelt (vgl.
noch Annales archeol. t. 16, 8. 98fl.). (Prov., 14. Jh.)
Limon — Limone < ar. Jimun — Zitrone. ]J. de Vitry, Hast.
hieros, de fruchibus: sunt praeterea aliae arbores die fructus acidos
quos appellant limones bringen. Col. Salern. IV, 34: aqua limonum.
In einer Beschreibung Palästinas aus dem 13. Jahrhundert werden
u. a. naranges et Lemones erwähnt (Laurent, Zeregrinationes med.
aevi 1864, S. 67). (Prov., P. de Corbiac.)
Maomaris, bafomaria — Moschee. Vom Namen des Pro-
pheten Mohammed.
Maimon — Affe < ar. pers. maimün. Das Wort ist spät ent-
lehnt und im Westen wenig verbreitet. Im Spanischen — maimon
— cierta suerte de gato (Equilaz 442); bei M. Polo — gat maimon
(ed. Jule II, 437). Um so verbreiteter ist es durch Vermittlung
des türkischen „maimun“ auf der ganzen Balkanhalbinsel: bulg.
maimuna, rum. maimun, ngriech. uaıuoö — Affe.
Marabeti, maraboti, maravedi, marabotin, maravites —
Münze < ar. moräbitin — Goldmünze der spanischen Almoraviden.
Es gab auch maravedi de plata und zwar von einem ganz geringen
Wert. Arabische Maravedis werden im ı2. und 13. Jahrhundert
von den christlichen Herrschern Spaniens nachgeahmt. Die Münze
bleibt bis ins ı5. Jahrhundert im Umlauf (E. Matinori, Za moneta
1915, S. 266f.; Gayangos, 7%e Chronicle 1, 47, 694). Der ganze
Handel mit Spanien im ı2. und im ı3. Jahrhundert wurde mit
Marabotini geführt (Schaube, a.a.0O. 307f.). Vgl. auch Du Cange
V, 256f.
Marroquena — sorte de monnaie — von Marokko. Gayangos
(a.a.0. 47) weist darauf hin, dafs im Mittelalter maroquies sehr
gangbar waren. Dies ist wohl dasselbe wie die Maroquitana —
moneta d’oro del Marocco, che valeva 24 marabotini, von der
Martinori, Za moneta 273, spricht. Das Wort bekam Verbreitung
dank der regen Handelsbeziehungen mit Afrika, die im 13. Jahr-
hundert Marseille, Arles, S.-Gilles und Montpellier unterhielten
(Schaube, (a.a.O. 284, 315). (Prov., Gavaudan der Alte.)
Mascarat — barbouille, deguise, faux visage < ar. maskara —
Possenreiser, auch boufionnerie (Devic 158). In der Mitte des
13. Jahrhunderts mufsten italienische Seeleute unter anderer Be-
waffnung auch noch helmos vel capellinas cum mascheris haben
(Fontes rer. austr. XIV, 413). Du Cange V, 294: maschara — galeae
species, mascha — larva, simulacrum. (Prov., 13. Jh.)
Masmudina — Münze der Almohaden < ar. Masmuda —
Name eines arabischen Stammes. Masmodin — kind of silver coin
ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALIPROVENZALISCHEN. 433
similar to marabeti; the africane tribe of the masmuda being one
of those called al-morabitin (Gayangos, The Chronicle I, 707). Mas-
mutini ebenso wie marabotini werden im ı3. Jahrhundert auch von
christlichen Fürsten gepiägt: dinar masmoudy, qui eut pendant le
XII et XIll s. un si grand credit commercial (Lavoix, Catal. des
monnaies musulmanes 1891, S. XXXVIL Vgl. Schaube, a.a. O. 282;
Du Cange V, 295; Martinori, Za moneta 274. (Prov., 13. Jh.)
Matalas, almatrac — Matratze < ar. malrah. Yal, Gless.
naul. 990 — mataraceus. In einem Dokument aus der Mitte des
13. Jahrhunderts: omnes naulizati habeant in nave unum mataracium
. si lectum habuerit et in nave posuerit mataracium de ipsa
solvat naulum patrono (Zöntes rer. ausir. XIV, 427). Über Matratzen-
gebrauch im Orient siehe Lammens 161. Vgl. Du Cange V, 302.
(Prov., 14. Jh.)
Museraba —- Flasche < ar. mixraba — vaso, laza, Sp. moxeraba
(Eguilaz 238). Der Orient war im Abendlande u. a. als Fabrika-
tionsstätte künstlerischer Gefälse sehr bekannt (Bulletin monumental
1909, S. 53). Syrien hatte seine Fabriken de poteries finnes et
des verreries (Heyd I, ı77; U,710fl.) Vgl. G. Migeon, Manuel d’art
musulman 1907, S. 347-
Mesquin — arm, jung; Knabe < ar. meskin — arm, elend.
Mischinus in der Bedeutung von Jüngling wird in Frankreich Ende
des ıı. und schon häufig am Anfang des ı2. Jahrhunderts gebraucht
(vgl. Du Cange V, 408). (Prov., ı2. Jh.)
Momia — Mumie, Arzneimittel < ar. mumia — ein minera-
lisches Harz, dem man Heilkraft zuschrieb. Man gewann es ent-
weder in Persien in gewissen Höhlen oder aus den balsamierten
Eingeweiden der Verstorbenen (Heyd U, 635). In der westeuro-
päischen Medizin wird es seit der Nitte des ı2. Jahrhunderts unter
den consolidantia erwähnt (Co/. Salern. UI, 499). Mummia est quiddam,
quod invenitur in sepulturis corporum balsamitorum (Col. Salern.
UI, 301). Vgl. noch Du Cange V, 543; ausführlich handelt über
die momie Abd-Allatif, Relation de !’ Egypte, irad. de Sacy S. 200f., 272.
(Prov., Las auzels cass.)
Moresquin, moriquet — eine Art Tuch, ist sicher dasselbe
wie pannus moresc bei Du Cange V, 519g = Tuch maurischer
Herkunft (bzw. Art).
Mortaiza — Einschnitt, Fuge < ar. murtazz — plante, fixe,
insere (Devic 168).
Mosola — grannenloser Weizen. Ich vermute, dals das Wort
vom Namen der Stadt Mosul abgeleitet ist.
Musc — Moschus < ar. misk. Col. Salern. (IV, 29) empfiehlt
ihn zu kosmetischen Zwecken, Diese Drogue wird vom Tiere
moschus moschiferus in Tibet gewonnen. Als Arzneimittel ist sie
bereits Constantinus Africanus bekannt, als Handelsartikel wird sie
jedoch wegen ihrer Rarität und Kostbarkeit nur selten erwähnt
(Heyd UI, 636). Über verschiedene Arten des Moschus handelt
Wiedemann, 2.4.0. 48, 26ff.; vgl. auch Carus, Gesch. der Zoologie,
Zeitschr. f, rom, Phil. XLVII. 28
434 DIMITRI SCHELUDKO,
S. 198; M. Polo, ed. Jule I, 279; Reinaud, Relations des Voyages
U, zı fl. (Prov., bei Albucassis.)
Nabat — Kandiszucker < pers. nabät (Vullers, Zex. ders.- lat.
II, 439). Assises de Jerus, R. A. oc. Il, 176: sucre nabeth. Durch
türkische Vermittlung (nebat) gelangte das Wort auch ins bulg. redet
Kandiszucker.
Nafll, anafll, lamfil — eine Art Trompete < ar. nafir —
tuba aenea. Das war ein Instrument für militärischen Gebrauch
(Sachs, a.2.0. 278; Devic 32; Du Cange I, 568; Eguilaz 268f.).
(Prov., 13. Jh.)
Naip — Spielkarte < ar. Zar: — Spiel (Zs. d. d. morgenl. Ges.
1829, S. 349f.; G. Jacob, Östliche Kulturelemente 1902, S. 6).
Necari — sorte de tambour, nacaire < ar. nagara — timbale.
Auf Schiffen gab es gewöhnlich nacharatos, joueurs de nacaire
(Yal, Glos. archeol. 1029). Das Instrument wurde im Orient für
Militärmusik verwendet (Viollet, Diet. du mob. Il, 243), besonders
weil es auch von Reitern gespielt werden konnte (Sachs, Zand-
buch 85). Sanuto (Secreta 1. Il, p.IV, cap.XX) hält es für notwendig,
dafs ein christliches Heer Soldaten besitzt, qui sciant nacharos
pulsare. ]J. Joinville, Zist. de S.-Zouis 1609, S.94f.: menestriers des
Sultans sonoient de leurs cors sarazinois, tambours et macaires (sic).
Cf. Du Cange V, 565f. (Prov., 14. Jh.)
Nuoa — nuque, moälle Epiniere < ar. nukha — moelle Epiniere
(Devic 177). Im Aprov. und Afız. hat das Wort noch seine ur-
sprüngliche Bedeutung: Rückenmark. Zum ersten Male im Abend-
lande wurde das Wort von Constantinus Africanus gebraucht: quae
quasi medullae lingua arabica vocantur nucha und nucha quae
dicitur medulla spinalis (Du Cange V,619). Im Mittelalter tritt es
nur in medizinischen und naturwissenschaftlichen Werken auf. Eirst
später wurde sein Gebrauch verallgemeinert. (Prov., 14. Jh.)
Oliban — ensens, arabischer Weihrauch < ar. a/-/ubän. Libanum,
olibanum — thus masculinum idem (Col. Salern. 111, 293 ; ib. IV, 27
wird olibanum zu kosmetischen Zwecken empfohlen). Devic 179:
Lammens ı85. Du Cange (IV, 42): olibanum in einem Dokument
aus dem Jahre 1033.
Patac — eine Münze < ar. bä/äga, abüläga — Name einer
afrikanischen Münze (Devic 184f.).. Das Wort bezieht sich in den
verschiedenen Ländern Westeuropas auf ganz verschiedene Münzen
(Martinori, Za moneta 367 ff., S. 369 bemerkt er: voce provenzale
patac di origine araba). (Prov., 15. Jh.)
Papagal — perroquet < ar. badbagha. Papageien waren schon
im Altertum bekannt (Schulz, a.a.O. 1,348; U,77). Im Mittelalter
werden sie zuerst nicht erwähnt, auch nicht in der Kreuzzugs
literatur (Dreesbach, Der Orient ın der afrs. Kreuzzugslit. 58). In
den ersten lateinischen Versionen der Geschichte von den sieben
Weisen ist die Elster an die Stelle des Papageis des Originak
getreten. doch ist er in den späteren wieder in seine Rechte ein-
ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 435
gesetzt. Im ı3. Jahrhundert kennt man ihn schon gut (M. Polo,
ed. Jule Il, 367, 431; Las novas del papegai; P. Cardenal, pus
ma boca usw.).. Eine genaue Beschreibung bei ]. de Mandeville,
ed. Warner 1885, S. 135 (cf. W. Hensel, Die Vögel 1908, S. 40;
Stimming, Motette S. 40).
Quintal — Zentner < ar. gintar. Al-gintar hat 120 oder
100 ratl, al-ratl = 1/) manna, al-manna — 24 unzen (Wiedemann,
2.2.0. 42,305). Das Wort kehrt in den Handelsdokumenten des
ı2. und des ı3. Jahrhunderts immer wieder, weil damals Handels-
waren nur nach Quintal gemessen wurden (Fagniez, Documents ;
Schaube, 4.2.0. 101, 163 usw.; Amari III, 890; / diplomi 256 usw.).
(Prov., 13. Jh.)
Bebeb rebec, ribec, rabey — ein Musikinstrument < ar.rabäb
— sorte de Violon. Riemann (Mus. Lex.) nimmt fälschlich an, dafs
das Wort auf das keltische Chroita zurückgehe und dafs die Araber
es von den Christen bekommen hätten. Ursprünglich hatte das
Instrument nur eine Saite, aber seit dem ı2. Jahrhundert zwei
(Viollet, Diet. du mob. DI, 306). C. Engel (Research in the early hist.
of Ihe vıol. family 5.78) glaubt, es sei schon im 8. Jahrhundert von
den Arabern nach Europa gebracht worden, und es sei im Westen
das älteste Saiteninstrument gewesen. Das ist aber sehr zweifelhaft,
da Westeuropa vor der Entlehnung des Rebec schon die Lyra als
Saiteninstrument kannte. Engel gibt übrigens auch die Möglichkeit
zu, dals der Westen nicht nur den Rebec, sondern auch die lute,
necari und quitare vor dem ersten Kreuzzuge von den Arabern
übernommen habe. Aber dies ist falsch. Das Wort quitare stammt
ja nicht aus dem Arabischen, sondern aus dem Griechischen
(Annales archeol., 1856, S. 105, Coussemaker). Zuzugeben ist, dafs
eine besondere Art dieses Insrumentes auch von den Arabern
herkommen konnte (Johannes de Grocheo in S. 2. M., Bd.I, S. 96:
psalterium, cithara, Iyra, quitarra sarracenica; cf. guiterne moresche
bei Joinville, Zst. de S. Zouis, Du Cange, ZLyr. V, 1668, S. ı61).
Jedoch hat auch diese Entlehnung im 13. Jahrhundert stattgefunden.
Der Rebeb ist älter. Es ist möglich, dafs er in Frankreich bereits
im ı2. Jahrhundert bekannt war. Hierher gehört auch arlabeca
— complainte (< sp. arrabeca). (Prov., 13./14. Jh.)
Resegue — risque < ar. rizg — soldo militare, soldo giornaliere
(Amari, Syoria 1I, 327). Et haec omnia faciant ad resegue et peri-
culum et expensis illorum (ein Handelsvertrag aus dem Jahre 1223).
Quod magis valent ista pignora quam debitum vestrum erit ad
Tesegum nostrum; religum ad resegum vestrum (Dokument aus dem
Jahre 1200 — Fagniez, a.a.O. I, ırı, 135). Devic, der die oben
angegebene Etymologie vorschlägt (S. 194), bemerkt noch, dafs
das Wort im Arabischen nicht nur la solde des soldats sondern
auch toute chose qui vous est donn&ee (par Dieu) et dont vous
tirez profit — also les bonnes chances bedeutete. Diese letzte
Bedeutung haben auch bulg. risek und ngriech. g1L&ıx6» bewahrt.
Mit dem griech. oißıxov — Klippe (Meyer-Lübke 7289) hat das
28*
436 DIMITRI SCHELUDKO,
Wort resegue gar nichts zu tun. Vgl. Du Cange VII, ıg4f. (Prov,
13. Jh.).
Ribaut — Trofsknecht, ribauda — Dirme < ar. rıdaf — Mili-
tärische Station. Wie Devic (Mem. soc. ling. de Paris V, 41) bemerkt,
hat das Wort schon im Arabischen die Bedeutung von „maison
de refuge, rempli de soudards, de bandits, de dıöles eflrontes,
jeunes et vieux qui feignent la devotion pour extorquer l’argent
des aumönes et insulter les femmes honnätes“ angenommen. Meyer-
Lübke 4206 zieht die germ. Etym. hrıd?a— Hure vor. Doch wie
konnte sich aus der Arıda— Hure die Bedeutung von „Soldat“,
die wir bereits in frühester Zeit haben, entwickeln? Was die Ribäte
anbetrifft, so konnte mit ihnen das Abendiand sehr früh Bekanntschaft
machen. Die Sarazenen gründeten Ribäte an der Rhöne zur Zeit
ihrer ersten Einfälle in Gallien (Codera, Zstudios, 1916, S. 319).
Von Ribäten ist die Rede auch in Sizilien. Al-Mukaddasi be-
schreibt die Ribäte in Palästina (Mednikov, Palästina, Anhang II,
S. 8ı3f.).. Es ist mehr als natürlich, dafs die Christen für die In-
sassen dieser feindlichen Vorposten keine warmen Gefühle hegen
konnten. (Prov., 13./14. Jh.)
Roc — Turm im Schachspiel < ar. rokk — Turm.
Rup — Gewicht von 25 Pfund < ar. r05’a — Gewicht von
12!/, kg. Dieses Wort treffen wir häufig in italienischen Doku-
menten, die sich auf den Verkehr mit dem Morgenlande beziehen.
Der Abt der Kirche von S.-Georg in Rodosto erhielt im Jahre 1145
ein Privileg ut ecclesia suas proprias rubos et metras atque modia
sua propria possessione habeat (Zontes rer. austr. XII, 103, rwubos
ebda. S. 107). Amari, S/oria 1I, 307: il rub e nome di una misura
di capacitä molto diversa secondo i tempi e i paesi, cf. ib. DI, 8gı.
Sabata — Schuh < tür. dabata — Überziehstiefel. In Spanien
zapalones bereits im ıı. Jahrhundert (Fernandez y Gonzalez, Zos
mudejares, ı866, S. 285). Im ı2. Jahrhundert ist das Wort auch
in der Provence allgemeingebräuchlich (Giraud, Zssais sur hist. du
droit. fr. 1I, 239; Du Cange VII, 247f.). Das russ. Codof stammt
direkt aus dem Tatarischen. Lammens (215) will das rom. Wort
aus dem ar. sabödt erklären. Jedoch ist das letztere selbst vielleicht
aus dem Romanischen entlehnt worden (Eguilaz 525).
Sacre — Würgefalke < ar. sagr — Jagdfalke. Christliche Ritter
trieben mit den Sarazenen Tauschhandel mit Hunden und Jagd-
vögeln (Lammens 211). Von grofser Bedeutung waren auch lite-
rarische Beziehungen. Adelard von Bath, der berühmte Übersetzer
aus dem Arabischen, verfalste eines der ältesten Traktate über die
Jagdvögel im Abendlande. In der Mitte des ı2. Jahrhunderts ver-
falste Wilhelm in Sizilien einen Falconarius, und Friedrich D. selbst
ein Traktat De arte venandi. Gleichzeitig verfertigte an seinem
Hofe Theodorus Philosophus einen Falconarius (1236—1240) nach
arabischen Quellen (Si/z. Ber. der Wiener Akad. 143, S.79). An
dem Hofe Friedrichs II. wurden weiter andere Jagdtraktate an-
ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 437
gefertigt, die auf arabische und persische Quellen zurückgingen
(Zts. f. rom. Ph. XU, XII, XXI; Rom. Rev. XII).
Safran — Safran < ar. Za’feran. Der Safran wurde in der
arabischen Medizin als Heilmittel angewandt. Im ı2. Jahrhundert
wurde er im Orient aus Italien eingeführt, obgleich der orientalische
Safran der Qualität nach besser war (Heyd II, 668. G. Maw,
A monogr. of the genus Crocus, ı886, behauptet, dals das Wort
„saffron“ in England seit d=m 10. Jahrhundert bekannt gewesen
sei. Ich bezweifle das und halte Maw’s Hinweis für falsch. Der
Crocus war in Westeuropa immer bekannt, und zwar wurde trotz
des Handels mit dem Orient im Laufe des ganzen 12. Jahrhunderts
nur der lateinische Name gebraucht (M. Kronfeld, Gesch. des Safrans,
1892, S. 7f.; Schaube, a.a.0.S. 157 ff.; Fagniez, a.a. 0.1, 331 u.a.),
ebenso ursprünglich in der Medizin (Col. Sılern. 11, 464, u.a. Crocus).
Das arabische Wort wird daneben erst im 13. Jahrhundert üblich.
Den Handel mit Safran betrieben besonders die Italiener, obgleich
auch Marseille im ı3. Jahrhundert Safran nach Afrika ausführte
(Schaube 93, 298, 312). Zaferane kennt M. Polo (Boni 1, ı6r),
Zafferanum bei Sanuto (I, V, ID); vgl. noch Nor. et extraits VII, 302.
(Prov., M. v. Montaudon.)
Sanca — Holzschuh (?), Kothurn < ar. sanc — tibia, crus
(Eguilaz 525). In anderen romanischen Sprachen hat das Wort
die Bedeutung Fufs, Bein, Schaft. Es ist schwer, aus einem einzigen
Beispiele die Bedeutung des provenzalischen Wortes genau zu be-
stimmen; in jedem Falle mufs es mit anderen romanischen Formen
zusammengehalten werden, und daher liegt kein Grund vor, es
vom pers. zanca = Schuh abzuleiten, wie Meyer-Lübke 9598 will.
(Prov., P. Vidal.)
Satin, satanis — Atlas < ar. Zeiani von dem Namen der
chinesischen Stadt Zaiton abgeleitet (Heyd 1I, 70:1). Über die Stadt
Zeitun und Stoffe, die dort fabriziert wurden, siehe Ibn-Batutah,
Voyages IV, 269. Die Stadt wird auch von M. Polo (Boni II, 352 ff.)
beschrieben.
Sene — sennes < ar. senä. Senne est folium arboris nascens
in transmarinis partibus (Col. Salern. III, 313). De sene bei Beauvais,
Spec. nat. IX, c.133. Die Heimat der Pflanze ist Syrien und Ägypten
(Lammens 219).
Simach — sumach < ar. summäg. Der „Sumac“ war schon
im Altertum bekannt. Die Araber zogen ihn darauf in Sizilien.
Jetzt wächst er in Italien und Spanien (Hehn, ÄAulturpflanzen S. 427 fl.).
In der Medizin ist er seit dem ı2. Jahrhundert unter den restrictiva
bekannt (Col. Salern. U, 499, IV, 27). Sumach est cuiusdam arboris
fructus, similis granis ex quibus tingitur pannus rubeus (Beauvais,
Spec. nat. XIV, cap. 78). Du Cange VID, 653.
Siphat — p£ritoine <ar.si/ak. Super hepar sunt duo panniculi
zirbus et sipbac qui sunt implicati velut rete.e Quod apparet ibi
pingue et grossum dicitur zirbus, quod autem subtile est — siphac
(Col. Salern. II, 389 — Ende des ıı. oder Anfang des 12. Jahr-
438 DIMITRI SCHELUDKO,
hunderts). Du Cange VII, 495 stellt fest, dafs das Wort bereits
bei Constantinus Afric. vorkommt und bemerkt: vox arabica medicis
mediae aetatis familiaris.. (Prov., 14. Jh.)
Sisclaton — sorte d’etoffe < ar. siklatun (Michel, Rech. I, 233;
Heydl], 311). Les siglatons, Les mahremas et les baudequins, &toffes
originaires de Bagdad (Rey, Zes colonies S. ı1, bıfl.). Beste Sorten
dieses Stoffes wurden in Spanien und Alexandrien angefertigt
(Michel I, 22off.). (Prov., 13. Jh.)
Soda — migraine < ar. soda“ (Lammens 223f.).. Im Proven-
zalischen nur bei Abalcassis (Revue des Jangues romanes 1, 305). Die
Bezeichnung wurde später von der französischen Medizin über-
nommen.
Soira — alter Hund — als Schimpfwort, nprov.souiro, soueiro —
femme de mauvaise vie < ar. sorriga — Concubina, span. sorra
(Eguilaz 495). (Prov., 14. Jh.)
Soldan — Sultan < ar. su/än. Im Abendlande wird das Wort,
glaube ich, erst seit dem ersten Kreuzzug verbreitet, im Griechischen
ist es jedenfalls älter (Du Cange VU, 653). Es ist übrigens zu be-
merken, dafs es Bernardus Monachus (9. Jh.) in seinem Z/inerarium
in der Form suldanus wiedergibt (Tobler, Deseriptiones S. 87).
(Prov., 12. Jh.)
Sucore — Zucker < ar. sukkar. Die Heimat des Zuckerrohres
ist Indien, aber die Araber haben das Verfahren zur Gewinnung
des Zuckers so vervollkommnet, dafs der Zucker in grofsen Mengen
hergestellt werden konnte und Handelsartikel wurde. In Europa
wird der Zucker zuerst bei P. Damiani erwähnt. In Sizilien ist er
seit dem ı0. Jahrhundert bekannt und wird nach Afrika, seit dem
11. Jahrhundert auch nach Italien ausgeführt, und im ı 2. Jahrhundert
wird in Sizilien sogar schon Zuckerraffinade hergestellt (Lippmann,
Gesch. des Zuckers, 1890, S. 175 fl.; Amari, S/oria). Friedrich D. liefs
sich zwei Männer kommen, qui bene sciant facere zuccarum. Sie
sollten sowohl selbst in Palermo Zucker herstellen, als auch anderen
das Verfahren lehren, quod non possit deperire ars talis in Panormo
de levi (a. 1239, Huillard, Zrsz. dipl. Fred. IIZ,V,ı, 573). In Palästina
fanden die Franken schon eine ganz entwickelte Zuckerindustrie
vor (Heyd II, 685). Übrigens wurde der Zucker im Westen lange
Zeit nur als Heilmittel gebraucht. Er war eben noch zu teuer.
Über die Zuckerkultur bei den Arabern vgl. Wiedemann, a. a. 0.
Bd. 47, S. 83 und Bd. 48/49, S. 1ı76f. S.-Hildegarius (Migne 197,
1197) gebraucht die Form „Zucker“. In der Medizin des Abend-
landes seit dem Beginn des 12. Jahrhunderts gebräuchlich. Zuccarum
rosarum, zuccarum violarum (Co. Salern. U, 482). Zuccara vel
zaccara, zuccarum vel zaccarum de canna mellis (ib. III, 322).
Zucchara bei J. de Vitry, Zst. hieros. Saluti mortalium necessaria
maxime zachara bei W. Tyrius, 1. XIH, c. 3. Über den Handel
mit Zucker im Mittelalter siehe Schaube, a. a. O. S. 161.
Sufra — Rückengurt, Riemen, nprov. sw/ro — dossiere, piece
du harnais d’un cheval ist wohl dasselbe wie das sp. azofra —
ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 439
correa ancha que sostiene sobre el sillin de la caballeria de varas
las del carro < ar. si/ar — capistrum camelli (Eguilaz 324).
Tabor — tanbor, Trommel < pers. fadir (siehe Sachs, Zandbuch
der Instrumentenkunde S. 100fl.).. Boissonade (Du nouveau, S. 256)
zeigt, dafs in der Ch. deR. nur die Sarazenen den „tabor* ge-
brauchen, und schlielst daraus, dafs das Instrument nicht vor dem
ersten Kreuzzuge in Europa bekannt wurde. Im ı2. Jahrhundert
tambour c’est un instrument de guerre et de plalsir (Viollet le Duc,
Dic. du mob. Il, 309). Bei Sannuto (I, IV, XX): tympana sive
tamburla.. Lammens 233f. schlägt als Etymologie das ar. /ab/ =
tambour (plur. #u6#/) vor. Cf. Devic 215. (Prov, ı2./13. Jh.).
Tafatan, tafotas — Taffet > pers. /aftah. Du Cange VII, ı2
laffata — pannus sericus.
Tafur — Lump, Schelm. Das Wort ist sicher arabisch, ob-
gleich die dafür vorgeschlagene Etymologie (ar. dahu! — Betrüger,
Meyer-Lübke 2459) bedenklich ist. Vgl. Zischr. f. rom. Phil. Bd. 42,
S. 481.
Tala — Beschädigung, Verwüstung < ar. /aldaf — Verderb,
Untergang, zugrunde gehen, verderben; /alak — Verderben, Ver-
wirrtung.e Du Cange VII, 44, /ala—-vastatio, /alare — vastare.
(Prov., 12./13. Jh.)
Tara — defalcation, tare < ar. /arha von „tarah“ —= abwerfen
und bezeichnet das, was beim Wägen abgerechnet werden muls,
um das reine Gewicht der Ware zu erhalten (Devic 218). Der
Ausdruck kommt erst später vor (Za Curne X, 14; Du Cange VIII, 30),
doch glaube ich, dafs man ihn zu einer Zeit entlehnt hat, als der
Handel mit den Arabern besonders lebhaft geworden war, also im
ı2. oder 13. Jahrhundert. (Prov., 15. Jh.)
Tarida — tartane < ar. farıdah — Schleppschiff. E. Rey, Zes
colonies fr., 1883, S. 160. Das waren lange Transportschiffe (Jal,
Gloss.naut. S.ı249f.). Jal glaubt, dals die Tariden im Abendlande
bereits seit dem g. Jahrhundert bekannt waren. Es ist ein Irrtum,
welcher durch falsche Datierung einiger späteren Urkunden hervor-
gerufen ist. Die Tarida kommt in Westeuropa erst im 12. Jahr-
hundert in Gebrauch. A. Schulz, Das höf. Leben, ı889, S. 323;
Quatreme£re, ist. des Sult. maml!. 1,144; Sils. Ber. der K, Ges. der Wiss.,
Göttingen 1880, S. 139f.; Du Cange VIII, 33f. (Prov., 13. Jh.)
Tarin — sorte de monnaie. Es ist eine in Sizilien und Süd-
itallen gebräuchliche Münze arabischer Herkunft. Eingeführt war
sie in Sizilien zu Beginn des ı0. Jahrhundert, und in einer Urkunde
aus dieser Zeit heilst sie „tariis“. Später gab es eine Menge
christlicher Nachahmungen und Serien (Martinori, Za moneta S. 511),
Die Ableitung des Wortes ist nicht klar. Man glaubt, dafs es
vom arabischen dirkem stamme. (Prov., Fierabras).
Tassa — Tasse < ar. Zassa. Das Wort ist verhältnismälsig
spät entlehnt. Eine der ersten Erwähnungen haben wir bei M. Polo,
Boni II, 161, /azze). (Prov., 14. Jh.)
440 DIMITRI SCHELUDKO,
Tauc, atauc, taut — Sarg < ar. Zabul. Im Provenzalischen
zuerst erwähnt beiSordel. Später ist es nicht nur im Provenzalischen,
sond:rn au:h im Französischen bekannt. Nach Frankreich ist es
vielleicht durch spanische Vermittlung gekommen.
Tripa — Eingeweide, Kaldaun < ar. fhzrb — Eingeweid= (so
Caix, Rassegna seltim ınale, 1879, IV, 103. Üorigens sehr bedenklich.
Das ar. fh:rb ergıb in den lateinischen Texten zirdus, cf. Du Cange
und Co’. Saleru. Ill, 322. Und es ist unverständlich, wie sich aus
d.mselben Worte /rida entwickeln konnte).
Turbit — Turpstwinde, ein Arzneimittel < ar. Zurded. Zum
ersten Male im Ahendland=» wird das Wort bei Constantinus Africanus
erwähnt (Meyer, G:sch. der Bo!anık, 1856, III, 433). V. de Bz:auvais,
Sp:c. na. 1.1X, c. 149 Zurbilh mit Verweis auf Platearius; ebl 1. XIL,
cap. ıtt. In der Medizin wurde der Artikel als Purgativmittel
gebraucht (Devic 222, Lımmens 2}o).
Zeduari — sorte de plante < ar. zedivär. Zedoar ante datum
morbum fugat inveteratam (C'. Sa’. I, 470, II, 406). Bei Hildezarius
(Migne 197, 1135) zifuar. Das ist Wurzel der curcuma zedoıria
und war sie seit alter Zeit in der arabischen Medizin gehräuchlich
(Heyd II, 676). J. de Vitry: zedvaria quae vulgariter citouart appellatur
(Hist. hieros.).. Hyd (l, 93) vermutet, dafs die Drogue im Abend-
lande schon im g9./ı0. Jahrhundert bekannt war. (Prov., 14. Jh.)
Zegi — vitriol rubifie < ar. zag — vitriol (Eguilaz 17, Devic ıo0).
Ruland, Zexicon alchemiae 1612: zegi, zet, zezi — id est vitriolum; ib. 84:
Arabes atramentum simpliciter zeg vocant. (Prov., bei Albucassis).
Zimar — vert de gris, it. zimar — verderame < ar. zingafr —
cinabaris. Das ist ein zur Alchemie gehöriges Wort. Devic ı2 führt
lateinische Varianten az’mzr, azemıla, azamar an. Ruland, Zex. alcı.
1612: zymar, aynfer, zingar, ziniar — Id est viride aeris. (Albucassis).
Zimee — sorte de pierre (14. Jh.). V. de Beauvais, Sp£c. nat. VII,
cap. 108: zimeni ellazuri est lapis cuius coelestus color est flavus.
Alb. Magnus, Mineral. 1. I, 2, cap. 20: zemech est lapi3 qui vocatur
laxuli. Burtol. Angl. Elucilar. 16, cap. 103: zimiech est idem buod
lapis lazurri. Ruland, a. a. O.: zemech — lapis lazuli. Es gelang
mir nicht, eine arabische Etyms>logie des Wortes ausfindig zu machen.
Trotzdem zweifle ich durchaus nicht am arabischen Ursprunge
desselben. — Aufs Arabische muls man vielleicht auch folgende
altprovenzalische Wörter zurückführen:
Borais (Levy). Wenn das Wort dasselbe wie Borax bedeutet,
so ist es gleich diesem vom arabischen dora% herzuleiten. Der
Borax ist in Westeuropa im ı2. Jahrhundert zugleich mit der
arabischen Medizin und Chemie übernommen worden.
Argaut — Kittel. Ich neige dazu, das Wort mit span. argayo —
Mantel zusammenzustellen, das Eguilaz auf arab. ax-x2ya — tunica
zurückführt.
Die von mir aufgezählten Wörter erschöpfen gewils noch nicht
die ganze Fülle von Arabismen, die in die altprovenzalische Sprache
ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. . 441
eingedrungen sind, sondern ein aufmerksamer Forscher wird gewils
noch manche finden, die bisher nicht bemerkt oder nicht identifiziert
worden sind. Doch würde der allgemeine Charakter und die Be-
deutung der Entlehnungen dadurch nicht verändert werden. Diese
Entlehnungen geben uns ein deutliches Bild der kulturell:n Be-
ziehungen zwischen d:n Provenzalen und Arabern. Die mzisten
arabischen Wörter im Provenzalischen betreffen den Handel. Es
sind B:zeichnungen von Handels;artikeln aus dem Tier-, Pflanzen-
und Mineralreiche, die aus dem Orient eingeführt wurden, Bezeich-
nungen von Kleiderstoffen oder Lederarten, die ınan vom Osten
oder von den afrikanischen oder spanischen Arabern bezog, von
von Gefälsen, Mafsen, Gewichten, Schiffen, Winden, Münzen, dann
Ausdrücke, die mit der Tätigkeit der christlichen Handelsfaktoreien
im Osten zusammenhängen. Andere Wörter stammen wieder aus
den Übersetzungen von Werken der arabischen Wissenschaft: es
sind zum Teil Namen von Heilkräutern, die gleichzeitig oder viel-
leicht schon früher durch den Handel bekannt wurden, dann
Fachausdrücke der medizinischen Praxis, auch der Anatomie und
Alchimie. Teils durch Handel, teiss durch Kriegszüge lernte man
dann auch Namen orientalischer Bekleidungsstücke kennen, ebenso
Musikinstrumente mit ihren Bezeichnungen. Die Hälfte dieser
letzteren ist militärischer Art, und auch sonstige rein militärische
Fachausdrücke wurden übernommen, sogar Bezeichnungen von
Pferden.
Alle hierher gehörigen Wörter und noch einige andere, die
nicht ohne weiteres zu klassifizieren sind, sind ohne jede Vermittlung
des Spanischen ins Provenzalische übergegangen, und zwar ist ein
Teil von ihnen ins Provenzalische auf dem direkten Wege über-
nommen, dagegen sind andere, besonders Ausdrücke des Handels,
offenbar von den Italienern eingeführt worden, die im ganzen
ı2. Jahrhundert ein tatsächliches Monopol auf den orientalischen
Handel hatten. Über Spanien sind nur sehr wenige Wörter, wie
z.B. sorra, jainele, sufra, gekommen. Es sind rein zufällige Ent-
lehnungen, die unvermeidlich sind, wenn zwei Völker in unmittelbarer
Nachbarschaft miteinander leben. Dagegen gibt es in der altproven-
zalischen Sprache nichts, woraus man auf einen wirklichen Einfluls
christlicher spanischer Kultur auf die Provence schliefsen könnte.
Die Chronologie der arabischen Entlehnungen entspricht durch-
aus unserer Kenntnis von den Beziehungen zwischen Frankreich
und dem arabischen Osten: die ganze Masse der Entlehnungeu
fällt ins ı2. und 13. Jahrhundert. Vor dem ersten Kreuzzuge ist
sehr wenig Arabisches eingedrungen, etwa das Schachspiel mit den
betreffenden Bezeichnungen, das offenbar aus Sizilien über Italien
nach Mitteleuropa gedrungen ist, ferner einige wenige Guwächse
und Erzeugnisse, wie z. B. zeduarti, sucre und vielleicht noch einige,
die entweder unmittelbar aus dem Osten oder ebenfalls durch
Vermittlung von Sizilien und Unteritalien eingeführt worden waren.
Durch politische Beziehungen lernte man vor dm ersten Kreuzzuge
442 D. SCRELUDKO, ÜBER DIE ARAB. LEHNWÖRTER IM ALTPROV.
wieder Wörter amiratus und su//an kennen. Es kann daher von
irgend einem tieferen arabischen Einflufs auf die Provence vor
Beginn des ı2. Jahrhunderts nicht die Rede sein.
Wichtig für die Ursprungsprobleme der aprov. Lyrik ist es
aber auch festzustellen, dafs sogar im ı2. und ı3. Jahrhundert,
als arabische Wörter anfangen in grölserer Zahl nach Europa zu
gelangen, als feste Veroindungen hergestellt werden, wir nicht ein
einziges Wort angeben können aus dem wir auf Bekanntschaft
mit der arabischen schönen Literatur schliefsen könnten: Wir
finden keinen einzigen arabischen literarischen Namen, keine Über-
schrift irgend einer Dichtung, keinen einzigen Hinweis auf eine
solche, keinen einzigen Ausdruck, der sich auf dichterisches Schaffen
bezöge. Das ist übrigens durchaus verständlich, da trotz aller
Anstrengungen und Argumente der Anhänger der arabischen Theorie
die Tatsache bestehen bleibt, dafs es Beziehungen rein literarischer
Art zwischen dem mittelalterlichen Frankreich und den Arabem
nicht gab, und zwar nicht nur im ıı. Jahrhundert, wo sie wegen
der räumlichen Entfernung beider Welten voneinander schlechter-
dings unmöglich waren, sondern auch im ı2. wo die Gelegenheit
zu friedlichem kulturellen Verhehr gegeben war. Nirgends können
wir einen Hinweis darauf finden, dafs irgend ein Minnesänger des
ı2. Jahrhunderts oder irgend jemand in der Provence im ı1ı. Jahr-
hundert imstande gewesen wäre, auch nur zwei arabische Sätze zu
verstehen. Wir haben auch nicht die leiseste Andeutung darüber,
dafs irgend ein arabisches Gedicht oder ein arabischer Roman
im ı1. oder ı2. Jahrhundert in eine europäische Sprache übersetzt
worden wäre, so dals die Provenzalen die arabische Literatur
wenigstens aus solchen Übersetzungen hätten kennen lernen können
(Baumstark, Abendländische Palästinapilger des ersten Jahrtausends
1906, S. 79, bemerkt u.a. dals wir keinerlei Spuren davon baben,
dafs die Pilger irgend etwas von den Arabern gelernt hätten).
Es führt eben keine Brücke von den Arabern zu den Troubadours.
Nachträgliche Berichtigung: dus ist nicht arabisch, vgl. bei
Du Cange dussa, nordgerm. dussa, altengl. duss, russ. aus dem germ.
busa — Schifl.
DımiTRı SCHELUDKO.
Bocoaccios Vater urkundlich in Paris nachweisbar,
Den Boccaccio-Forschern ist es m. W. entgangen, dafs in der
zweiten Pariser Steuerliste, derjenigen von 1313', unter den Steuer-
pflichtigen, welche ‚Du coing de la [rue] Tierre-au-let jusques a la
rue des Arsis a senestre‘ wohnten, S. 104 Docassın Lombart,
changeur, et son frere aufgeführt sind. Dals hier Zombart die
Herkunft anzeigen soll, wie das auch an anderen Stellen der Liste
der Fall ist,2 und nicht ‚Geldhändler‘, scheint mir wegen des
folgenden changeur kaum zweifelhaft zu sein, doch ist das ebenso-
wenig von Belang wie die Frage, ob etwa speziell ‚Florentiner‘
gemeint sei,? denn auch ohne jene Bezeichnung könnten wir sicher
sein, bei Bocassin Boccaccios Vater vor uns zu haben. Der Name
ist ja durchaus unfranzösisch und auf französischem Boden nirgends
belegt. Die Behandlung desselben durch die Steuerkommission
läfst darauf schliefsen, dafs sein Träger sich ihr gegenüber Boccacci
nannte, wozu denn stimmt, dafs der Sohn und Dichter in ver-
schiedenen Codices mit dieser Namensform bezeichnet wird. Für
ein Doccaccio% hätte man vermutlich BZocasse oder Bocas gesetzt, wie
man für Zapo S.83 Lappe (le Lombart) setzte, oder auch Zap.5
Mit dem Ausgange - wufsten die Pariser eben nichts Besseres
anzufangen, als ihn in die Diminutivendung -:3 zu verwandeln, und
so sind sie denn noch glimpflich verfahren, wenn man demgegenüber
sieht, wie in einer Hofverordnung Philipps von 131396 mit ver-
schiedenen italienischen Namen umgesprungen wird, und an das
famose Gille = Schiller denkt.
Wir wulfsten, dafs Boccaccios Vater im Jahre 1332 im Dienste
der Bank de’ Bardi in Paris tätig war, und wir wissen auch aus
‚De cas. ill. Vir.‘, dafs er dort schon im Jahre 1313 als negoliator
lebte, aber es ist nun erwünscht, seinen ersten Pariser Aufenthalt
auch urkundlich bestätigt zu sehen und zugleich zu erfahren, dals
I Hg. von Buchon im Anschlusse an seine Ausgabe der Chronique
metrique des Godefroi de Paris, 1827.
2 Man sehe z.B. die Eintragung Jacques le tainturier, Lombart (S. 105);
das schliefst freilich nicht aus, dafs Zomdart daneben auch ais Appellativ er-
scheint, z.B. Nicolas T’hedery, lombart et tavernier (S. 182).
8 Vgl. Marguerite Zweifel, Langobardus — Lombardus S. 92.
* V.Crescini, Contributo agli studi sul Boccaccio, 1887, S. 20, A. S.
5 Les Olim ed. Beugnot II, 607.
© Les Olim 2.2.0.
444 O. SCHULTZ-GORA,
er Geldwechsler war. Offenbar betrieb er zusammen mit seinem
Bruder das Geschäft, und man darf trotz des ‚chiamato‘ im Filocolo!
annehmen, dafs es ein selbständiges war. Beiläufig bemerkt, kann
es ihm nicht viel abgeworfen haben, denn es wurden von ihm nur
50 Sous Steuer erhoben, er gehörte also zu den verhältnismäfsig
wenigen schwach besteuerten Changeurs, wie z.B. Jehannol (S. 53),
Jehan de Gienville (S. 104), während die grofse Mehrzahl derselben
mit ganz anders hohen Steuersätzen bedacht ist und zweifellos
reich war, was denn auch Buchon S. VI nicht entgangen ist.
Vielleicht war das eine Folge seiner Redlichkeit und vielleicht sind
in Boccaccio’s Passus Aones’o cum lubsre rem curabat augere domesticam
die Anfangsworte zu unterstreichen. Was noch den in der Steuer-
liste erwähnten Bruder angeht, so ist er gewifs Vanni gewesen,
der, wenn ich nicht irre, bisber nicht eher nachzuweisen war, als
in einem Dokument vom 10. Oktober 1318,2 aus dem hervorgeht,
dafs Boccaccio und Vanni di Chellino seit mehr als vier Jahren
Florenz bewohnten.
Mehr ist aus unserer Eintragung kaum herauszuholen. Es ist
uns ja durch den Sohn und Dichter Boccaccio bekannt, dafs sein
Vater der Hinrichtung des Jakob von Molay, die am ıı. März 1313
stattfand, beigewohnt hat, also mindestens bis zu diesem Zeitpunkte
in Paris lebte. Oh er aber noch das ganze Jahr 1313 dort weilte,
wissen wir eigentlich nicht, und da hilft uns auch die Steuerliste
nicht. Diese ist von 1313 datiert, indessen an welchem Tage und
in welchem Monat wurde sie angefangen und wann abgeschlossen?,
oder mit anderen Worten, wann begannen die Steuereinziehungen
und wann waren sie zu Ende? Wir hätten einen gewissen Anhalıs-
punkt, wenn eine Verfügung von Philipp dem Schönen erlassen
und uns erhalten wäre, die jene ‚taille‘ für Paris und etwa das
Reich anordaete. In der grofsen Sammlung der Ordonnances des
roys de France de la troisieme race, Paris 1723 ff. ist jedoch eine
so:che Verordnung nicht zu entdecken, und wir finden daselbst
I, 534 nur eine an den Seneschall der Saintonge gerichtete, vom
1. Dezember 1313 datierte Ordonnance, auf welche schon Buchon
S. IV hingewiesen hat und welche die Erhebung der ‚aide‘ für die
Saintonge anbefiehlt. Aber dafs die Einziehung der aufserordent-
lichen Steuer in Paris schon erheblich früher begonnen hatte, geht
aus der ohen in anderem Zusammenhange angeführten Hofverordnung
Philipps hervor (Les Olim I, 607), die vom März ‚ante Ramo;
palmarum‘ datiert ist und eine Anzahl italienischer Kaufleute von
jener Steuer befreit. Es heilst darin: zn solucione subvencionum nobis
a civibus Parisiensibus debitarum lam pro herilagio regine Anglıe, nale
nosire, quam pro milicia regis Navarrıi primogeniti nostri.
Also Philipp brauchte Geld für die ‚chevaleric‘ seines ältesten Sohnes,
von der auch ausdrücklich in der Vorbemerkung der Steuerliste
ı Vg!. Crescini eb. S. 10.
8 Crescini S. 40,
BOCCACIOS VATER URKUNDLICH IN PARIS NACHWEISBAR. 445
und zwar als dem einzigen Grunde die Rede ist. Diese ‚chevalerie‘
erfolgte nach Godefroi de Paris am 3. Juni 1313. Mithin hat die
Steuererhebung schon im ersten Viertel von 1313 begonnen; dals
sie etwa schon im Mai beendet war, mag zweifelhaft erscheinen,
aber man kann, so weit ich sehe, auch nicht das Gegenteil be-
haupten. Was Boccaccios Vater betrifitt, so darf man nur so viel
als wahrscheinlich hinstellen, dafs er mindestens bis zum Juni in
Paris blieb, und dies deshalb, weil nicht glaublich ist, dafs er die
Hauptstadt vor den grofsartigen Festen verlassen haben wird, die
am 3. Juni aus oben erwähntem Anlafs in Paris stattfanden, und
von denen uns Godefroi de Paris V. 5095 fl. ausführlich berichtet,
Natürlich hindert gar nichts anzunehmen (vgl. Crescini S. 40), dafs
er in Paris noch das ganze Jahr 1313 zubrachte, in welchem ihm
daselbst der Dichter als natürlicher Sohn von einer Französin
geboren wurde.
O. SCHULTZ-GORA.
Ein Kulturbild aus den Mocedades de/ Cid von Guillen de Castro
mit Ausblicken auf Quellen und Technik des Dichters wie auf
den Cid des Corneille.
A. Einleitung.
Das Drama.
Las Moccdades del Cid, die Jugendtaten des Cid, werden Comedia
genannt, d.i. nach dem Vater des spanischen Dramas B. de Torres
Naharro +} 1531 ein kunstvoll erdachtes Gewebe ungewöhnlicher
Ereignisse mit glücklichem Ausgang; Personen treten in Rede und
Gegenrede auf. Die Mocedades sind mit anderem Namen eine
Tragikomödie und bestehen aus einem Doppeldrama von je drei
Akten (oder jornadas). Im Grunde verdient nur das erste den
Namen Afocedades; das zweite befalst sich mit Zazanas, Heldentaten
des Cid, mit dem Cerco y el Reto de Zamora. Immerhin verbindet
beide Teile ein gemeinsamer historischer Rahmen und vorbereitende
und rückschauende Hinweise. — Las Mocedades del Cid y las Bodas
de Jimena, — so lautet der vollständige Titel nach Vers 3003 —4,
spielen in den letzten Jahren der Regierung König Ferdinands lL,
des Grolsen. Dieser hält zu Anfang und Schlufs Staatsrat über
Erziehung und Erbe seiner Kinder. Das Kernstück nimmt die Be-
leidigung von Cids Vater durch Jimenas Vater ein und die Aus-
tragung der schuldigen Rache durch Rodrigo und Jimena, die sich
lieben, aber verfolgen müssen. — Das zweite Drama schildert den
Cerco de Zamora unter Ferdinands ältestem Sohn und Nachfolger
Sancho Il., der nach Besiegung seiner Brüder durch den Zamoraner
Bellido Dolfos vor Zamora meuchlings ermordet wird. Diego
Ordößfiez fordert die Zamoraner heraus, sich vom Verdacht des
Mordes zu reinigen, und drei Söhne des alten Recken Anas
Gonzalo bestehen den Heldenkampf. Alfonso folgt Sancho auf
dem Thron, nachdem er seinerseits in Cids Hand den Reinigungs-
eid geleistet hat.
Der Cid im Drama.
Die unter Ferdinand hergestellte Einigung des Reiches ist
durch Sancho und die Erbteilung gefährdet; das erkennt man im
ersten Teile. Sancho führt die Einigung im zweiten gewaltsam
durch und stirbt; Alfonso ist der Erbe; der Cid aber der wirkliche
Held und Sieger. Im ersten Drama begründet er seinen Ruhm
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 447
und sein Glück, im zweiten ist er Feldherr Sanchos und nimmt
am Schlusse Alfonso den Reinigungseid ab, nicht am Mord seines
Bruders mitgewirkt zu haben.
Der Cid als historische Persönlichkeit.
Der Cid ist eine historische Persönlichkeit. Ruy Diaz de Vivar
lebte 1026(f)—ı099. König Alfonso vermählte ihm seine Base
Jimena, Tochter des Grafen von Oviedo. Der Cid wurde aber
bald verbannt, ging zu den Mauren nach Zaragoza, siegte u. a.
gegen den Grafen von Barcelona, eroberte Valencia (1094) und
Murviedro und gewann die Gunst des Königs wieder. Er lebte
in der Zeit der heftigsten Feindseligkeiten und Bruderzwiste der
Fürsten von Kastilien und Leon und Aragonien, neuer heifser
Kämpfe gegen die Mauren, besonders gegen die aus Afrika. Ein
arabischer Schriftsteller und Zeitgenosse Ibn Bassam urteilt über
ihn: s? un Rodrigo (der letzte Gotenkönig) perdid esta Espana, olro
Rodrigo la reconguistard. Der Dichter der Eroberung von Almeria
singt 50 Jahre nach Cids Tod: de guo canlatur, quod ab hostibus
haud superalur, qui domui maures, comiles quoque domuit nostros.
Der Dichter des Zoema de Mio Cid klagt: j Dios que buen vassallo si
oviesse buen sedor (20)!, er jubelt 3723—24: senloras son sues fijas
de Navarra e de Aragon. Oy los rreyes d’Espaila sos parientes son.
Und später singt Luis de L&on von ihm: 7%, dende la hopuera —
al cielo lwanlaste al fuerte Alcides, — Hü en la mäs alta esfera —
con las estrellas mides — al Cid, clara vicloria de mil lides.
Der Cid hat seine andauernden Kämpfe rein aus Eigenem,
mit der Wucht seines starken Armes, durchgeführt und sich den
Ruf der Unüberwindlichkeit, des Herrn = Cid (arab. said), vgl.
campıidoctoris hoc carmen audıle! errungen. Er diente seinem König
trotz Verbannung in steter Treue und tat alles, um seine Gnade
wiederzugewinnen. Er besals Kenntnis des damals geltenden Rechtes
und handelte danach, wie es einem ehrbaren Ritter geziemte. Er
erstrebte die Wiedereroberung der arabischen Teilreiche (Taifas)
in Spanien auf der Basis voller gleichberechtigter Lebensgemeinschaft
und Toleranz im Glauben, in Sitten und Gebräuchen. Erst als die
spanischen Araber den Einbruch der nordafrikanischen fanatischen
Almoraviden herbeiführten, wurde der Cid fürchterlich (s. unten,
S. 484 Anm.)., Die Eroberung von Valencia durch den Cid be-
deutet einmal „die gerechte Urteilsvollstreckung* (nach M. Pidal),
die Sühne der Almoraviden für die Vertreibung und den Tod des
Maurenkönigs Alcadir, Cids Schützling; dann bedeutet diese un-
erhörte Grolstat dieses einzelnen Mannes (in der Verbannung!)
gegen eine so volkreiche Stadt mitten im Maurenland das stärkste
Abdämmen der muhamedanischen Flut für den Osten Spaniens
und die Rettung für den Nordosten, ja für Westeuropa. Alfonsos
Heere im Westen und Zentrum kämpften unglücklich bei Zalaca
1086, dann bei Consuegra, wo Cids einziger Sohn an Alfonsos
Seite fiel, bei Ucl&s ı108, wo Alfonsos einziger Sohn fiel,
448 WILLY SCHULZ,
Die legendare Überlieferung.
Der Cid ist sehr früh in Liedern und Prosa gefeiert worden.
Es entstanden nacheinander: ı. ein Jaf. Hymnus, 2. die Zistoria
latina dıl Cid, ı5 Jahre nach Cids Tode, 3. das Carmen de Almeria
1147—57, 4. der Zbema de Mio Cid vom Jahre 1140,1 das hohe
Lied der Taten (= Ahazaras) des Cid, 5. die Mecedadıs de Redr igo:
die älteste Fassurg wohl in der Crönica general-Fassung vom Jahre
1344 enthalten; die jüngere in der Cridnica rimada, nach einigen
1150— 1200, nach anderen gegen 1300, ja erst zu Anfang des
15. Jhs. verfalst, 6. die Crönica general in den beiden Fassungen
Alfonsos des Weisen und Sanchos IV., 7. die daraus hervor-
gegangencn und durch eigene Zutaten aus dem Volksgesang wert-
vollen Chroniken der Veinte Reyes, der Zercera crönica general von
1541, der Crönica particular del Cid (nicht vor 1512), 8. die Cid-
romanzen aus dem 14. und 15. Jh, die dann im ÜOsdromancero 1612
zusammengefalst worden sind (Ausg. Agustin Durän, Bibi. de auf.
esp. X), 9. endlich das Ciddrama der Mocedades del Cid, in zwei
Teilen, von Castro selbst 1621 herausgegeben, aber nachweislich
schon früher — und vor ı618 (ob 1614? nach Ticknor) von
anderer Seite; Drucke sind nicht erhalten, ı0. es entstehen eine
Reihe z. T. guter Stücke noch bis 1668, meist die Zasaflas del Cıd
betreffend, s. unten, ıı. die berühmteste Nachdichtung der Dichtung
Castros, Teil I, der französische Cid des Corneille 1636 (s. unten).
Romancero und Drama.
Castro hat die spanischen Volkslieder ausgiebigst verwandt.
Diese Romanzen geben ein vollständiges Bild vom Leben und
Fühlen und der gesamten reichbewegten Vergangenheit des Volkes
aus der Zeit der Glaubens- und Recor.quistakämpfe. Sie wurden
am Hof wie beim Bauerntanz gesungen und erklingen z. T. noch
heute in entlegeneren Orten in Spanien, in Amerika. Man fafste
sie noch vor Castro in grofsen Sammlungen: Romanceros (1550
erster Druck von Antwerpen) so vollständig zusammen, wie bei
keinem anderen Volk. Als mit der reuen Zeit des 16. Jhs. sich
der Blick Spaniens weitete und vom Süden wegwandte, ward der
Romancero gelehrt und künstiich umgestaltet. Es ist klar, dafs
das damals entstehende spanische Drama seine vorzüglichsten
Stoffe aus diesem reichen Born schöpfte.. Auch Castro tat das
und verteidigte energisch die spanische Volkskomödie gegen den
neu aufgekommenen Geschmack der Klassizitätspedanten, ebenso
wie Lope. Er ist einer der grölsten Dramatiker in der ersten
schöpferischen Periode der klassischen Zeit neben dem gewaltigsten
dramatischen Genie Lope, neben Alarcön, Tirso de Molina und
noch z. T. neben dem Grofsen der zweiten Pericde Calderön de
ı Nicola Zingarelli (Per la genesi dıl Poema del Cid, Rendiconti del Istit.
lombardo, Mailand 1925) setzt das Epos weit später an, etwa gegen 1300,
1140 ist die Angabe des Hgs. R. Menendez Pidal.
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 449
la Barca. — Der Üidromancero insbesondere (erste vollständige
Sammlung ı612) wurde zum ersten Male von Juan de la Cueva
1579 auf die Bühne gebracht in der comedia de la muerte del Rey
Don Sancho y Reto de Zamora, aber mit wahrer Meisterschaft dra-
matisierte ihn erst Castro. Castro übernahm, wo es nur anging,
die Romanzen wörtlich, auch in Rücksicht auf sein Publikum und
den lebendigen Volksgesang — ohne irgendwelche Anlehnung an
Cueva. Das zweite Drama ist geradezu eine gigantische epische
Nachschöpfung; das erste, die Mocedades, ein Meisterwerk ersten
Ranges mit der Prachtgestalt der Jimena und der Entwicklung und
Steigerung der Liebe zwischen zwei Menschen edelster Art und
von eiserner Kraft, die bis zur letzten denkbaren Grenze gegen-
einander ringen und füreinander leiden unter dem harten Zwang
unerbittlicher Ehrgesetze und Kindespflichtten — bis zur schliels-
lichen Vereinigung. Castro hat dieses gewaltige Drama por excelencia
von Ehre und Liebe durch eine bunte Fülle von Begebenheiten
und Örtlichkeiten glutvoll, aber in herber Schönheit, gezeichnet und
das Ganze musterhaft geordnet aufgebaut. Er beherrscht Sprache
und Technik der Versarten in gleicher Vorzüglichkeit.
Der Cid in Sage und Dichtung.
So ist der Cid aus dem alten Kriegshelden und Mauren-
bezwinger (Campeador und Cid!) des ıı. und ı2. Jhs., aus dem
unbotmäfsigen, trotzigen Vasallen der Crdnica rimada und der unter
französischen Epeneinflufs gekommenen spanischen Romanzen des
13. bis 15. Jhs. weiter zum Nasionalheros des beginnenden 17. Jhs.
herangewachsen; er wird unter Castros Hand galant, — crisiiano, bravo,
galdn, und die Mocedades atmen auch den Geist der neuen Zeit.
Weitere Geschichte des Cidstoffes.
Doch eine vollständige Metamorphose des Cidstoffes verträgt
weder dieser selbst noch der Geschmack des Publikums. Schon
Castros Stück hält sich nur kurze Zeit; Lope entnimmt dem Cid-
stoff für seine gegen 2000 Werke nur ein Drama: Zas almenas de
Toro 1618—ı9, das er seinem Freunde Castro zueignet, wie dieser
die Endausgabe des ersten Teiles seiner Werke 1621 an Lopes
Tochter Marcela. Es entstehen eine Reihe z. T. guter Stücke noch
bis 1668,1 meist die Zazanlas del Cıd betreffend, aber schon 1673
muls es sich der Cid gefallen lassen, ins Burleske gezogen zu
werden, von Cäncer y Velarco: Las Mocedades del Cid, und wenn
auch dies Stück zum Besten gehört, was das spanische Theater
dieser Art aufweisen kann, so ist damit doch der alte Cid, der Cid
der Romanzen und des Volksgesanges, tot. Der Geist der neuen
Zeit fordert mythologische, religiöse Stücke, autos sacramentales,
Intriguenstücke: Liebes- und Eifersuchtskomödien, comedias de cuerpo
15. A. Hämel, Der Cid im spanischen Drama des 16. und 17. Yhs.
Beiheft zur Zischr. f. rom. Phil. 1910.
Zeitrhr. t. ram. Phil XLVII, 29
450 WILLY SCHULZ,
und comedias de capa y espada — diese hat Castro selbst erst auf
der Bühne durchgesetzt, su. — dann die leichten und groben
entremeses bis herab zur Posse, Zigurdnkomödie, und zum Ausstattungs-
stück. Der schwere Ernst der alten Zeit ist einem leichteren Ge-
schmack gewichen. Spanien fällt in Politik und Geistesrichtung
dem stärkeren in sich gefestigten französischen Einflufs anheim —
bis weit ins ı9. Jh. — bis Lessing und die deutsche Romantik
kam und Gottfried Herder mit dem deutschen Volksbuch, dem
Cid, besungen nach spanischen Romanzen (aber übersetzt aus franz.
Prosabearbeitung!), J. Grimm, die Gebrüder Schlegel, Fr. Diez,
F. J. Wolf, Graf Schack u.a. bis diese alle ihre Blicke und Arbeit
begeistert nach Spanien hinwandten und den Cid neu entdeckten.
Benno Rödel, Der Cid oder der Schwur um eine Krone (Augsburg
1867), Feodor Wehl, Zsebe und Ehre, dramatisierten den Cidstoff
in Deutschland, P. A. Lebrun, Ze Cid de l’Andalousie (1825), in
Frankreich, und Massenet schrieb seine Oper /e Cid, die auch in
Deutschland gespielt wird. Der Cid war in die Weltliteratur ein-
getreten. Eine grolse Reihe von Literaten und Gelehrten beschäftigte
sich fortab mit dem Cidstoff, nicht blofs in Frankreich (Victor Hugo,
Heredia, Leconte le Lisle\, wo das Interesse wegen des Cid von
Corneille natürlich immer grofs ist (s. u.), sondern auch in Holland,
Deutschland, England (Lockhart, Gibson, Southey, Denis), Italien
(Cidromanzen des Montis), Dänemark (Karl Baggers); ja in Ozeanien
(volkstümliche Verserzählung der Tagalesen). Und in Spanien selbst
nennen wir die beiden grolsen Wissenschaftler Men&ndez y Pelayo,
den geistigen Erwecker des völkischen spanischen Gewissens, und
Menendez Pidal, den hervorragenden Cidforscher, dessen Studien
und grolse Ausgabe des Poema de Mio Cid die Gestalt des Cid
in dem alten Glanze von Geschichte und Epos haben wieder-
erstehen lassen. Er reinigte das Bild von den Schlacken, die der
Verfall Spaniens darauf gehäuft hatte, und von der unzulänglichen
Kritik der Benediktiner Sandoval 1615, Berganza 1719, von der
gehässigen Beurteilung durch den Barcelonenser Jesuiten Masdeu
1805 (von einem historischen Cid wissen wir nichts, nicht einmal,
ob er gelebt hat!) und den einseitigen, trübenden Forschungen
des grofsen holländischen Arabisten Dozy, der im Cid einen Con-
dottieri, einen Schurken, Bündnisbrecher, einen Räuber und Landes-
verräter ohne Treu und Glauben sah. — Wir nennen ferner im
20. Jh. Ruben Dario, Manuel Machado mit seinem berühmten Gesang
über den Cid in „Castilla“, E. Marquina, Zas hijas del Cid (Drama,
1908), F. Pi y Arsuaga; dieser hat eine novela histörica: Z/ (id
Campeador, Barcelona, Antonio Löpez, verfalst und will darin nur:
zurcir y coordinar las tradiciones sobre Rodrigo Diaz de Vıvar verlidas
en nuesiro romancero (S. 107 Anm.). — Der gröfste spanische Dichter
des ı9. Jhs. Perez Galdos trat gegen Ende seines Wirkens — er
starb 191g — energisch für die feierliche Überführung der Gebeine
des Cid in die Kathedrale von Burgos ein. Die Gebeine waren
zuerst im Kloster San Pedro de Cardefio (bei Burgos), daın
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADFS DEL CID. 451
im Rathaus zu Burgos aufbewahrt und wurden nun, 1921, feierlich
in der Kathedrale aufgebahrt; Menendez Pidal hielt die Festrede. —
Das Interesse am alten Volkssang und am Cid ist in Spanien neu
erwacht, aber die Meinungen sind doch noch geteilt, wie uns
Salaverria 1907 in seiner Vieja Espana, S. 29f. (s. meine Ausg,,
Velh. u. Kl.) berichtet: ... e/ zueblo espanol abandonaria sus antiguos
errores y se harta un Pueblo de labriegos y comerciantes ... Cid, heroico
hombre de la guerra ... tü enseilartas a tu pueblo que es necesario
guerrear, lo mismo con espadas que con teorlas ... Entrate por los
campos de tu tierra, despiertala, reavivala, llevala a guerrear |
Der Cid des Corneille.
An dem raschen Vergessen des gewaltigen Dramas der Mor.
in Spanien selbst trägt auch der französische Gid des Corneille
Schuld. Die Moc. Castros entstanden 1612—ı3, waren vor 1618
gedruckt, die älteste erhaltene Ausgabe ist von 1621; der franzö-
sische C:d wurde 1636 aufgeführt, und bereits 1658 veröffentlichte
Diamante sein Drama Z/ honrador de su Padre mit — Corneille
als Vorlage!
Wie Castro die Romanzen, so hatte Corneille seine Quelle,
die Moc., oft fast wörtlich übernommen, aber seinerseits als Meister
des Dramas und der Sprache ein neues, echt französisches! Werk
daraus geschaffen. Der Seelenkampf der beiden sich liebenden
Menschen Rodrigo und Jimena, Castros eigene dramatische Tat,
ist von Corneille scharf herausgemeilselt, umgeprägt und beherrschend
in den Vordergrund gestellt worden; alles Beiwerk ist gefallen oder
zur Nebensache herabgedrückt; auch zugunsten der Gesetze der
drei Einheiten sind beträchltliche Veränderungen vorgenommen, so
die ganz unhistorische Verlegung des Schauplatzes nach Andalusien
und Sevilla. Ze drame perdait en force ce qu’il gagnait en couleur,
urteilt Martinenche vom französischen Standpunkt aus über Castro
in Za comedia espagnole en France, S. 204. Corneilles Cid ist über
spanische Denk- und Gefühlsart, über Ort und Zeit, Landeskolorit,
Farbenpracht und Anschaulichkeit hinausgehoben, ins Abstrakte
hinein. Alle Unmittelbarkeit, alles Persönliche, Naiv-Kindliche und
Gefühlswarme ist vergeistigt, in Fesseln. Corneille gibt ein Seelen-
gemälde in fesselnder Steigerung, in gemeisterter, edler Sprache.
Der spanische Stoff ist in französischer Formung, von französischem
Geist durchtränkt, neu erstanden. Wir leben in einer ganz anderen
Welt, in der Zeit des absoluten Königtums (n’examiner rien quand
un roi l’a voulu (164, Bibl. Romanica) und des Nationalstaates (/or
prince et ton pays ont besoin de ton bras 1072); gloire und honneur
beherrschen und werten das Leben, die Liebe ist nur eine Leiden-
schaft (’amour n'est qu'un plaisir, Ühonneur est un devoir 1059).
Der Wille des denkenden, vernünftigen, stolzen Menschen (cogito,
ergo sum), nicht Ahnung im Herzen und Sterne von aulsen, be-
stimmen das menschliche Geschick. — Corneille hat dem spanischen
Ci die Nationalfarbe genommen, ihn herausgelöst aus spanischer
29*
452 WILLY SCHULZ,
Volkstradition, aus Volksempfinden und Volkssang, aus Tllusionismus
und Mystik, aus der fatalistischen, astrologischen und frommkatho-
lischen Weltanschauung, hat ihm das warmpulsierende Leben und
Herz genommen, die frische Natürlichkeit und Unmittelbarkeit 1;
hat ihn dafür aber eingeführt in die nüchterne, klare, verstandes-
mäfsige, stilisierte, willensbewufste Sphäre und Pracht des französischen
National- und Machtstaates, der nationalistischen Weltanschauung,
hat ihm zeitliche Werte gegeben — obwohl 2 n’est peul-Eire pas
dans toute U’histoire du th£ätre de plus tragigue sılualion (Martinenche,
a.a.O., 201); dest en effet le drame moderne qui palpitait dans la
comedie (ebenda 208). Wir denken heute anders über Drama und
Tragödie als das Frankreich Corneilles und des Sonnenkönigs nach
Überwindung des Rationalismus durch die Romantik, nach dem
Schaffen von Ibsen, Gerh. Hauptmann, nach Bergsons Vitalismus
und Weltkrieg. Und im Mafse wie das Magische (Religiöse) neben
ı Vgl. Lanson, Zist. de la lit. fr. 432 ... comme disait Descartes. De
la enfin resulte que ces heros sont des raisonneurs: car ils n’agissent pas par
avcugles impulsions, et des objets mäeme de leur passion sont transformes par
eux en fins de leur raison. Ils sont donc toujours conscients, et toujours
reflechis. 429: Il a peint des femmes toujours viriles, parce que toujours elies
apissent par volonte, par intelligence, plutöt que par instinct ou par sentiment...
Une idee de la raison, donc, va gouverner l’amour. (Ce que !’on ame, on
Z’aime pour la Perfection qu’on y voit: d’oü, quand ceite perfection est reelle,
la bont& de Il’amour, vertuw et non faiblesse. Dagegen vgl. heute E. Solana:
Aunque el hombre, en duro trance,
Prever sepa fiero mal,
No hay saber de mäs alcance
Que el instinto maternal.
Aber ein besonders Grofses hat Corneille als echt französischer Dichter und
Meister geleistet: Er hat den Cid stofflich und sprachlich dem Geschmack
und Empfinden der Gesellschaft nicht blofs nahegebracht, sondern das Gesamt-
volksempfinden gepackt, und der spanische Cid wurde zum französischen Cid.
Tout Paris pour Chim&ne a les yeux de Rodrigue (Boileau, Safire IX). Er
hat erreicht, was nur ein französischer Dichter zu erreichen erstreben kann:
für die anderen schaffen, die Seele der Gesellschaft, der Gesamtheit gewinnen,
packen und fortreifsen, gleichsam anonym schaffen. Das spanische Stück ist
in französische Form umgeprägt, im französischen Geist neu geschaffen worden.
Das französische Theater unterscheidet sich wesentlich vom spanischen. Der
französische Geist wendet sich durch die Renaissance bewulst vom Geiste des
Mittelalters und damit von der natürlichen Entwicklung ab hin zur Antike;
die klassischen Regeln der drei Einheiten geben Strenge und Enge. Das
spanische Theater der Edad de Oro wendet sich gerade dem Mittelalter und
dem echt Nationalen zu, der Pflege des Volkstümlichen und der Ausschöpfung
des unveırgleichlichen Romanzengutes. Dies Theater bleibt national und
natürlich: das Komische steht eng verbunden mit dem Tragischen, ist nicht
abgetrennt oder tritt fast ganz zurück, wie im klassischen antiken Theater.
Ganz ebenso entwickelt sich das Theater in England. Aber während hier die
psychologische Vertiefung des Charakters durch Shakespeare höchste Voll-
kommenheit erreicht (Hamlct), entwickelt Spanien die Intrique in unübertreff-
licher Weise (Don Juan). Castro steht in den Mocedades technisch auf der
Hohe; ja er schafft und benutzt die immer neuen „Intriquen“ Jimenas meister-
haft zur Ausmalung des Seelenleids, zur grolsartigen psychologischen Vertietung
der beiten Ilauptcharaktere..
EIN KULTUKBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID, 453
dem naturwissenschaftlichen Geist sich wieder Geltung verschafft,
nähern wir uns dem Verständnis des spanischen Dramas.
Der Cid ist das Meisterwerk Corneilles, ist Ausgangspunkt,
Muster und Typ des französischen klassischen Dramas. Castro und
Spanien geben ihrerseits Corneille das Muster ab, und Corneille,
der „professeur d’energie“, entnahm alle Motive von dort, sie da
und dort vertiefend und in Geist und Gewand der Franzosen
umprägend. Die Mor. sind die beste dramatische Darstellung des
spanischen Nationalheros und geben uns ein Bild des Helden, wie
es heute noch oder heute wieder in der spanischen Seele steht.
Castros Meisterwerk vereinigt den Geist der alten Reconquistakämpfe
mit dem der beginnenden klassischeu Zeit des ı7. Jhs. Als bestes
Werk über den Cid und als Vorlage des französischen Musterdramas
müssen wir es kennen lernen.
B.
I. Der Palaststreit.
Ferdinand I, der Grofse, 1037—1ı065. Sein Vater, der
mächtige Sancho el Mayor de Navarra, teilte das Reich unter
seine drei Söhne: Garcia erhielt Navarra, Ferdinand Kastilien und
Ramiro, der Bastard, Aragonien. Ferdinand heiratete die Erbin
und Schwester des unglücklichen Königs Bermudo von Leön:
Dofa Sancha, deren erster Gemahl Garcia, Urenkel von Fernän
Gonzäles von Kastilien, am Tage der Hochzeit von dem Ge-
schlechte der Kastilien feindlichen, finsteren Velas meuchlerisch
und vor seiner Braut ermordet worden war (vgl. das alte grause,
wildbewegte epische Lied nach der Cron. general). Ferdinand
nahm den Titel: König von Kastilien 1037 an, besiegte und
tötete gemeinsam mit Garcia den König Bermudo, der von
Asturien aus sein Königreich wiedererobern wollte, das ihm Sancho
einst entrissen hatte; — B. war mit einer Jimena von ÖOviedo
verheiratet. Ferdinand nannte sich nun König von Leön und
Kastilien. Er tötete seinen neidischen Bruder Garcia in der
Schlacht, fügte die Grenzlandschaft la Rioja am Ebro zu Kastilien
und hatte eine gewisse Oberhoheit auch über Navarra, Aragon.
Im Westen eroberte er Lamego, Viseo, Coimbra und machte den
Mondego zur südlichen Grenze. Die arabischen Könige von
Toledo, Zaragoza und Sevilla wurden seine Vasallen. Er legte
sich den Titel Kaiser von Spanien bei — in bewufstem Gegensatz
zum römischen Kaiser deutscher Nation als alleinigem Schutzherrn
der Christenheit (unten 2549). Er wurde der Grolfse genannt
1445, 1717. Er vertrat den Standpunkt des Feudalismus, der
I Die folgende Arbeit ist hervorgegangen ans meiner Textausgabe der
Mocedades I für den Schulgebrauch, mit Einleitung und Erläuterungen, Velh.
und Kl. 1928. — Auf diese Ausgabe beziehen sich einige wenigen Zitate wie
1829 Anm. (ohne Seitenangabe!).
454 WILLY SCHULZ,
Erbmonarchie in Spanien 2857 unten. Er beging aber den grolsen
Fehler, das ererbte und z. T. eroberte Reich unter seine fünf
Kinder, drei Söhne und zwei Töchter, zu teilen 2821 und Anm.
Der Kronprinz Sancho war scharf dagegen, hielt sich mit Mühe
im Zaume 2887 und Anm., noch bis zum Tod seiner Mutter
ı829 und Anm., dann aber zog er aus, sich alles Land an-
zueignen, auch Zamora, Urracas Erbe 1899f., und hier ereilte
ihn das Geschick durch den hinterlistigen Stols Bellido Dolfos.
Zamora bildet den Kern des 2. Dramas! Dessen Ereignisse sind in
den Moc, geschickt vorgemerkt. 1537 f. und Anm., 1623: 1004—035.
Der Cid oder Rodrigo Diaz de Vivar, el Campeador
1026?’—ı099 stammt vom Schlosse Vivar, 10 km nördlich Burgos,
wo er Mühlen besals, war zn/anzdn und gehörte nicht dem höchsten
Adel an (vgl. eseuderos, caballeros! = niederer Adel; infanzones;
ricos hombres), glänzte als Kriegsheld unter Sancho, nach dessen
Ermordung vor Zamora unter dessen Bruder Alfonso VL, dem er
den Reinigungseid abnahm, nicht am Morde seines Bruders be-
teiligt gewesen zu sein. Alfonso verheiratete ihn mit seiner Nichte
Jimena Diaz, Tochter des Grafen von Oviedo. Seine Töchter aus
dieser Ehe waren: Cristina (nicht Elvira) und Maria (nicht Sol);
sie heirateten Ramiro, den Infanten von Navarra, und Berenguer
Ramön IIL, Grafen von Barcelona — und stolz ruft deshalb der
Dichter des Poema aus: sefloras son sues fijjas de Navarra e de
Aragon. Oy los rreyes d’Espana sos parıenks son 3723 — 24. —
Bei Hofe hatte der Cid mächtige Neider:
ı. in dem Kastilier Garcia Ordöfiez, dem Vogt von Graüon
in der Grenzprovinz la Rioja. Denn er hatte diesen mächtigen
Mann in Cabra schwer gedemütigt, als er ihn dort als Partei-
gänger des Königs von Granada (der im Kampfe gegen den
König von Sevilla, d.h. gegen den Anhänger Alfonsos!, lag) ge-
fangen nahm. G. Ordöfitez (gloriae nostr! regni gerens, so in den
Diplomen!) war mit der Erziehung des Erbprinzen beauftragt und
hatte den Cid beleidigt, woraufhin dieser die Rioja 1092 verwüstete!
2. in den leonesischen und antikastilisch gesinnten Beni-
Gömez. Die Araber nannten sie so als Nachkommen des reichen
leonesischen Grafen Gömez Diaz von Carriön-Saldafa-Liebana,
Bannerträgers und Schwiegersohnes des ersten Grafen von Kastilien
Fernan Gonzälez. Zu dieser Familie gehören: Per Ansürez, Partei-
gänger Alfonsos von Leön, der diesem auf seiner Flucht vor dem
Cid und Sancho nach Toledo folgte, ebenso die feigen, stolzen
Infanten von Carriön des Poema de Mio Cid. Per Ansürez ist
offenbar der Peransules der Mocedades. Denn er tritt im
2. Drama als Berater Alfonsos in Toledo auf. Er ist aufserdem
Vertrauter und Blutsverwandter des Grafen D. Diego de Oviedo,
ı Die vasallos gehören z. Z. des historischen Cid nicht allgemein zur
Feudalbierarchie, doch stehen in solchem Verhältnis zum Cid: Martin Antolinez,
Mufioz Gustiöz und Albar Fäjez. — Infanzones sind eine höhere Schicht der
caball:ros; sie konn:tu selbst einige caballeros und escuderos im Hause haben.
x
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 455
den die Legenden D. Gomez zubenannt haben und die Geschichte
als Grafen Lozano kennt (Moe. 130, 158 Anm.); er ist Onkel
Jimenas 303, 1001, 2903.
Der Cid wurde vom König 1082 verbannt und zog über
Burgos ins Maurenland, Weib, Sohn und Töchter im Kloster
San Pedro de Cardefia bei Burgos zurücklassend. Er verrichtete
Heldentaten für die Mauren von Zaragoza gegen andere Mauren,
gegen deren christliche Führer und Freunde, den Grafen von
Barcelona, die Herren von Rosellön und Carcasona, Sancho
Ramirez de Aragön, gegen den maurischen König von Lerida,
nahm den Grafen von Barcelona zweimal gefangen, eroberte
Valencia (i. J. 1094) und Murviedro (i. J. 1099); er erlangte als
Herr von Valencia schliefslich die Gunst seines Königs und seine
Familie zurück. Früh besingt man ihn, und die Mauren be-
zeichnen ihn als ihren Herrn: den Cid; unten 1694, Vs. 1702f.
Der Poema de Mio Cid, der diese Taten besingt, ist um
ı140(!) in der Gegend von Medinaceli entstanden. Sein Dichter
hat die Heirat der Töchter des Cid (nicht die Heirat des Cid
selbst!) zum Zentralmotiv gemacht und den ganzen Cidstoff daraufhin
umgearbeitet. Aber es handelt sich um eine erste Verheiratung an
die ebenso stolzen wie feigen Infanten von Carriön, die Cids Töchter
wegen der reichen Mitgift des Eroberers von Valencia begehren,
sie aber nach der Heirat mit Schimpf im Walde von Corpes ver-
lassen, — als ihrer unebenbürtig wegen des niederen Adels (un-
historische Lokaltradition von S. Esteban de Gormaz bei Medinaceli).
In den jüngeren Liedern, in Chroniken und Romanzen, wird
die historische Basis weiter verschoben. Die Crönica rimada be-
richtet zuerst von Jugendtaten des Cid, von Mocedades, frz.: En-
fances. Sie ist gegen 1200 oder gar erst gegen 1300 entstanden.
Es handelt sich nunmehr nicht um Verheiratung von Cidtöchtern,
sondern um die Verheiratung des Cid mit Jimena selbst, und die
Handlung spielt, bzw. ist früher gelegt, unter König Ferdinand I.
Ebenso in den Romanzen und den Dramen Castros. Hier,
im zweiten Drama, reicht die Handlung über die Ereignisse um
Zamora hinaus nur bis zur Thronbesteigung Alfonsos und dessen
Reinigungseid. Dafür sind Motive aus dem späteren Leben des Cid
bereits in das erste Drama hereingenommen: Verbannung, Kampf
gegen Mauren, Wiederversöhnung mit dem König, schliefsliche Ver-
einigung von Rodrigo und Jimena nach längerer Zeit des „Verliegens“
R.s auf dessen Verlobung durch den König hin; s. unten VI, 9.
Jimenas Vater heilst jetzt nicht blofs Graf von Asturien,
sondern Gömez de Gormaz und Lozano, und ein Peransules ist
Vertrauter und Verwandter. Jimena selbst wird nicht Nichte des
Königs genannt, sondern R.’s Familie ist der königlichen verwandt
(4, s.u.), und Jimenas kriegserfahrener Vater fällt durch R., als
er dessen altersschwachen Vater befehdet und beschimpft hat.
Nun fordert Jimena R’s Tod, und da der König sich weigert,
R. zum Gatten als Ersatz und Schützer für ihren Vater. Der
130.
226.
456 WILLY SCHULZ,
König willigt ein; R. muls gehorchen, gelobt aber, vorerst gegen
die Mauren zu ziehen, unten I], 433, VI, 9.
Jimenas väterliches Schlols liegt nahe Vivar und heilst
Gormaz (später Orgaz!.. Der Name ist Geschlechts- und Schlofs-
name. Im Poema findet die schmähliche Behandlung und Verstofsung
der Cidtöchter nahe San Esteban und Gormaz, der altberühmten
Maurenfeste am oberen Duero, statt. — In der Urön. rım. vernichtet
der Cid dort die fünf Maurenkönige (drei tot, zwei gefangen),
verliert den Vater und vier Onkel — und zieht zum neuen Kampf
nach Bilforado — Grafiün — Montes de Oca — Briviesca usw.
(642f.). 280f. aber liegt Gormaz nördlich Burgos, nahe Vivar.
Es handelt sich hier um die Fehde der Väter Jimenas und Rodrigos.
El conde don Gomes de Gormas a Diego Laynes fiıso dano | fer!
los pastores, e roböle el ganado. Und Diego sammelt seine Brüder
und 100 Ritter fueron correr a Gormas | Quemaronle el arraval ...
100 Ritter des Grafen kommen heran; der Kampf wird nach neun
Tagen stattfinden. Rodrigo, noch nicht ı3 Jahre alt, tötete dabei
den Grafen, nahm zwei Söhne gefangen. Die beiden Schwestern
Aldonsa und Jimena gingen nach Vivar: salen de Gormas, e vanse
para Bivar 3106, Fihjas somos del conde don Gormas 320. Sie erreichten
die Freilassung der Brüder von Rodrigo. — In Romanze 737
nahm der Cid, ebenso wie bei Castro, die fünf Maurenkönige in
den Montes de Oca gefangen, und Gormaz liegt bei Vivar, nicht
am oberen Duero. Gleichwohl kennt später Rom. 748 auch einen
Kampf mit Mauren bei San Esteban und Gormaz. Es liegen also
zwei Lesarten vor. Die Fehde der Väter findet jedenfalls bei Gormaz
nahe Vivar statt, s. Rom. 726: Zijos, mirad por la honra | Que jo viro
deshonrado. | Porgue les quitd una liebre | A unos galgos que cazando |
Halie del Conde famoso, | Conde Lozano llamado: | Palabras suyas y
viles | Me ha dicho y me ha ultrajado | jA vosotros toca, hijos, | No
a mi que soy viejo y cano! — Gormaz nahe Vivar liegt unfern den
Montes de Oca und von Grafön, dem Sitze des historischen Grafen
Garcia Ordöfiez, Herrn von Grafion und la Rioja, Neider des Cid
bei Hofe. Der historische Cid hatte dessen Grenzprovinz verwüstet.
Vgl. dazu: Graf Lozano raubt Diegos Herden, und Rodrigo sengt
und brennt das Land nieder und tötet ihn. Oder die drei kommen
wegen eines Hasen in Streit. Vgl. weiter: Rodrigos Vater ist nach
der Crdn. rim.: natural de Montes de Oca 194. Der Herr von Graäön
war Erzieher des Erbprinzen unter Alfonso, Diego wird ayo unter
Ferdinand in den Moc. — Vgl. die feindliche Stellung des Kreises
um den Grafen: Peransules und die Zöglinge Alfonso, Garcia, s. Vlla, cc.
Es bestehen demnach eine ganze Reihe historischer Erinnerungen,
die Züge zur Ausbildung der Cidlegende haben beitragen können.
Ein weiterer Nährboden ist die französische Sage. Castro hat
Chronik und Romanzen für die Fehde der Väter wenig benutzt,
sondern dafür den Palaststreit und Staatsrat um die Erziehung der
Prinzen geschaffen: der altersschwache Diego wird ayo, nicht der
kriegsmächtige GrafL. Im Wortgefecht um die Würdigkeit für diesen
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 457
Posten schlägt der Graf den Diego, und Rodrigo übernimmt die Rache
und tötet den Grafen im Zweikampf. Vgl. das französische Krönungs-
lied Ludwigs: Es erzwingt Wilhelm vom altersmüden Kaiser vor
dem Hof, dals er Schützer des jungen Königs wird und tötet den
Mitbewerber Arneis von Orleans. Castro ersinnt den Palaststreit
auf dem historischen Grund der Gegnerschaft der beiden Ge-
schlechter, die sich um die Erziehung des Erbprinzen, damit um
dessen Beeinflussung zu ihren Gunsten, streiten.
Der Cid der Legende hat in Chronik und Romanzen zum
Vater Diego Lainez, natural de Montes de Oca, so sagt die Crön. rim.
194. Diese Chronik macht ihn zum Grofsneffen des Königs von Leön.
Moc. 4: Honro a mi sangre en Rodrigo sagt der König, ... una casa |
que did sangre a lantos Reyes sagt Diego 459—6o. Aber vor
Crön. rim. und Crdn. general ist der Cid schon Bastard genannt,
und Rom. 726 kennt ihn als Bastardsohn Diegos: F aguel que
bastardo era, | Era el buen Cid castellano.... Al Cid meliera el postrero, |
Qu’era el mas chico, y bastardo. — Castro ändert hier und macht den
Cid zum ältesten Sohne und nicht zum Bastard; er lälst ihn zuletzt
auf die Probe stellen durch den Bifs in den Finger, nicht durch
blofses heftiges Handdrücken, wie bei den beiden jüngeren Brüdern
und nach dem Text der jüngeren Rom. 725. Die ältere orientalisch-
europäische Überlieferung von Rom. 726 und die jüngere von
Rom. 725 sind also von Castro mit grolser psychologischer Kunst
verwandt und neu gestaltet worden. — Und was macht Corneille
daraus? 261—62 (64): Rodrigue, as-tu du coeur ? (Rod.) Tout autre
que mon pere | L’öprouverait sur l’'heure. (Dieg.) Agreable colöre! | Digne
ressentiment d ma douleur bien doux / | Je reconna:s mon sang d ce noble
courroux, ... Diese schalen Worte stehen an Stelle der Prüfung der
drei Söhne oder für Moc. 429—474 (82). — Zum Cid als Bastard
vgl. unten die Rächer der Ehre: Mudarra als Bastard, ebenso
Bernardo del Carpio! — In Chronik und Romanzen ist der Cid der
starke, gefürchtete Arm des Königs; s. unten Vl,g. Xom. 727 ist es
der Graf: Miraba el bando temido | Del poderoso contrario | Que lenta
en las montanas | Mil amigos asturianos: | Miraba cömo en las Cortes |
Del rey de Ledn, Fernando, | Era su volo el primero, | F en guerras
mejor sw bra2o;, vgl. dazu wörtlich bei Castro 546—353.
II. Der Ritterschlag.
Chroniken und Romanzen erzählen von Mocedades del Cid,
s. oben; sie erzählen von seinem Ritterschlag; — und Castro
beginnt sein Drama damit. — Rodrigo wird nach der Einnahme
von Coimbra durch König Ferdinand (s. oben) Ritter und zum
Schützer der königlichen Kinder, zum wmayor de su casa bestellt.
Rom. 768: Sancho schickt den Cid als Boten zu Urraca in Zamora
und erinnert: Zisoos mayor de su casa | y caballero en Coimbra.
Hierüber berichten auch Kom. 749, Cron. rım. und P. Crön. gen.,
aber Rom. 769, die mündliche Tradition von Zamora und die
433.
53, 325.
458 WILLY SCHULZ,
dirckte Vorlage Castros, Rom. 774, lassen R. in Santiago Ritter
werden. — Santiago ist der berühmte Wallfahrtsort in Galizien,
der seit 1100 und durch Bischof Gelmirez (schon im Poema de Mio
Cid 731, 1138, 1690) hochbedeutsam und der dritte Wallfahrtsort
der Pilger neben Jerusalem und Rom wurde — und bis gegen
1500 blieb. Nach Santiago macht der Cid in den Afoc. später
auch eine romeria. In Santiago schlug sich König Ferdinand
zum Ritter, Crön. rın. Unter König Ferdinand aber blühte tat-
sächlich Sahagün als berühmtes Kloster (des hl. Facundus). — Hier
folgt die berühmte Rom. 774, soweit sie Castro im zweiten Drama
1167—86 und unter Auslassung von V.7—8, 19—20 fast wörtlich
geireu wiedergibt:
— Afuera, afuera, Rodrigo, No lo quiso mi pecado,
El soberbio castellano, 15 Casästete con Jimena,
Acordärsete debria Fija del conde Lozano:
De aquel buen tiempo pasado Con ella hubiste dinero,
S Cuando fuiste Caballero Conmigo hubieras Estado (fueras
En el altar de Santiago, honrado, Castro!),
Cuando el Rey fu& tu padrino, Porque si la renta es buena,
Tü, Rodrigo, el afjjado: 20 Muy mejor es el Estado.
Mi padre te diö las armas, Bien casästete, Rodrigo.
10 Mi mädıre te diö el caballo, Muy mejor fueras casado;
Yo te calc& las espuelas Dejaste fija de rey
Porque fueras mas honrado: Por tomar la de un vasallo. —
Pens€ de casar contigo,
Rodrigo wurde also, wie es Brauch der Rittererziehung war (s. Me.
2750—51ı), am Hofe seines Herrn, hier des Königs, erzogen und
vermutlich, nach der Sitte der Zeit, dort mit 18—2ı Jahren zum
Ritter geschlagen (in Coimbra in Santiago); d.h. er bekam Rüstung,
Waffen und einen Schlag mit der Degenklinge — meist gemeinsam
mit 100 anderen Knappen (vgl. die Formel des Poema: el que en buena
hora ginxo espada 58, 507, 1560...). Der neue Ritter (Moc. 775) tut
in der Regel ein Gelübde 53f., 325f. Vgl. Vivien der frz. Wilhelms-
lieder und seinen Schwur: keinen Schritt vor dem Feind zu weichen.
Dieser Schwur ist in den Noc. von Rodrigo 576 und dann 2032
wiederholt! Vgl. Rolandslied 2860f. u. a. Helden der französischen
Epik. Sodann erhält der neue Ritter sein Pferd, zeigt sich im
Proberitt (es/ais) und -Kampf 597, 83f. und hält die Waffenwacht
in der Kirche 8. Diese Institution gab es noch nicht unter König
Ferdinand, wohl aber gegen 1100 bereits in Frankreich! (und im
Poema vgl. 3056, vor einem Duell ve/adban las armas 3544|. Za
Caballeria es manera de Sacramento (D. Juan Manuel, Zstados 336),
vgl. Castro, Moc. 60—61 und La /uerza de la coslumbre, jorn.!:
Dejeme el cielo pagarle | el nuevo ser que me has dado, dazu Mor. 53 f.:
der König selbst hat R. sein eigenes, sieggewohntes Schwert über-
reicht — vgl. Onkel und Neffe in den Epen —, und R. wird durch
diese höchste Ehrurg und Aufgabe innerlich so gepackt und
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 459
geweiht, dafs er sich wie neu geboren fühlt und das Gelübde tut,
vorerst durch fünf siegreiche Schlachten des königlichen Geschenkes
sich würdig zu erweisen (vgl. Poema 1333 cınco lides campales), ehe
er zu eigenem Ruhme mit dem Schwerte vorwärtsstürmt. — Über
Vorlage des Motivs in der Reimchronik und Verschiebung bei
Castro, 3. unten VI, 9.
Die epischen Helden liebten Pferd und Schwert über alles,
falsten sie als Freunde und Helfer im Streit und persönlich auf
und gaben ihnen Namen 355f., 562f. Die Schwerter des Cid im
Poema z.B., die er den Infanten von Carriön bei der Verheiratung
schenkte, hiefsen Tizön und Colgada, Cids Pferd Babieca, vgl. die
französische und germanische Sage! — In den älteren französischen
Epen bekam der junge Ritter auch Lehen und Frau für bewiesene
Tapferkeit (unten S. 472 Anm. 2). Bei Castro erhält der Cid Jimena
und ihr reiches Erbe nach dem siegreichen Ausgang des Zwei-
kampfes um Calahorra.. Auch auf die Erwerbung einer zweiten
Frau wird angespielt a) auf Urraca, die Tochter des Königs, in
Romanzen und bei Castro, b) beim Sieg des Cid in Savoyen, nach
der Reimchronik, s. unten 1353— 1428.
Von einem eigentlichen Ritterschlag durch Schwert oder Hand
spricht Castro nicht (esda/darazo oder Sezcosada — palmada — bofelön),
obwohl ein Zeitgenosse, der Kapellan Karls V. sagt: Z/ Rey, D. Fer-
nando I de este nombre, cuando armö Caballero al Cid Rui Diaz en la
Ciudad de Coimbra, en Portugal, por el gran respelo que le lenla, no
le did bofelön, sıno con la espada en hombro (Didi. de los pajes, ed.
Rod. Villa, Rev. Zsp., p. 52). Castro hält sich vielmehr streng an
die Romanzen, und da steht 749: ZI Rey le ciho la espada | pas
en boca le ha dado | no le diera pezcozada | como a otros habla dado.
Im Anfang des ı6. Jhs. hatte sich offenbar die Tradition zu Gunsten
des espaldarazo geändert. — Bei E. Ramirez Angel, Zos 0jos cerrados
(1924), S. 36 lese ich: ud lo que le di6 el espaldaraso de la virilidad, lo
que le imbuyd la concincia defnitiva y grave de su hombria. Und im
Sommer 1926 erhielten den Ritterschlag auf die Schulter die ver-
dienstvollen Soldaten in Ungarn, dazu bekamen sie Titel und Land.
Dieser neue Ritter Rodrigo tritt bei Castro als galdn auf.
Der Cid als galdn ist undenkbar in Romanzen und gar im Zoema,
s. unten VL Galanterie.
Castro hat grundlegende Änderungen gegenüber seinen Quellen
vorgenommen. Er hat, wie es Brauch in der französischen Epik
ist, das Gelübde mit dem Ritterschlag verbunden. In der Reim-
chronik erfolgt der Schwur bei seiner durch den König ihm be-
fohlenen Verlobung mit Jimena und dient als Grund für sein
„Verliegen“ bei den Mauren; dieses tritt bei Castro ganz quellen-
mäfsig nach dem Duell mit Graf Lozano ein. — Dann und vor
allem führt Castro die Liebe Rodrigos zu Jimena ein, und zwar
vor dem Tod des Grafen, ja vor dem Ritterschlag: die genialste
Leistung! Dadurch wird der Cid ein zweites Mal verbannt.
Zuerst also ganz natürlich durch den Tod des Grafen; er zieht
17, 27.
17, 27,
1377.
460 WILLY SCHULZ,
gegen die Mauren 1252, 1370—ı, 1684. Zweitens durch Jimena
selbst, die als Rächerin ihres Vaters ihren Geliebten verfolgt und
zugleich begehrt: Jersiguiendo lo que adoro 1100. Der König, durch
den Maurensieg des Cid versöhnt, folgt ihrer anklagenden Bitte
und schickt den Sieger in die Verbannung 1786. Der Cid geht
nach Santiago als Pilger 2009--ı0, s. unten VI, 9.
III. Das Gegnerschaftsmotiv
ist in den Mor. reich entwickelt. Es stehen sich gegenüber:
ı. Der alte theoretisierende Diego 214—ı5 und der lebens-
kräftige, praktische Graf Lozano; der Palaststreit um die Erziehung
des jungen Prinzen (und die Ohrfeige) gegen eine Feldfehde
(274—77 : 506—08 : 1254 : Crön. rim. oben I, V. 130).
2. Der mannhafte, mächtige Graf und der junge, noch un-
erprobte Ritter Rodrigo; hinter beiden ihre grolsen Gefolgschaften,
durch die der Friede Kastiliens gefährdet erscheint.
3. Der kriegserfahrene, berühmte, grolssprecherische D. Martin
und der Cid, der eben erste Kriegslorbeeren im Maurenkampfe
gepflückt und vom hl. Lazarus für weitere Heldentaten gesegnet
worden ist. Der Cid kämpft zugleich um Geltung, Ehre, Braut
und Besitz (s. oben: Ritterschlag, V. 1261, 1428, 2033, 2345,
2605).
4. Der königliche Vater weist den jugendlichen Sohn D. Sancho
zurecht, dafs er noch zu jung und zu schwach zum Ritter wäre
(92 f.).
A Zu diesen Motiven vgl. die Gestalt des historischen Cid
und des Cid des ZPoema, dann den Urtyp des jugendlichen Kämpfers
überhaupt: David, auf den Castro direkt hinweist 2418, 2395,
2563 u.a. Vgl. endlich die franz. Epik, die die spanische Dichtung,
insbesondere unsere Moc. mit ihren Wilhelmsliedern (indirekt) stark
bereichert hat; s. unten bes. 2033 + 576 + 2605: Rodrigo braucht
die Formel von Viviens Gelübde, nicht einen Fuls vor dem Feinde
zu weichen u.a. — Hier erinnern wir besonders an die Zurecht-
weisung des jugendlichen Helden durch Onkel, Vater usw. in den
Enfances-Liedern. Vgl. Gui des alten Wilhelmsliedes, Roland im
Aspremont, Guichart im Zolque de Candie. Sie fordern trotzig den
Ritterschlag oder erzwingen ihn durch Überlistung. Chanson d
Guillaume 1443: MN’out gue quinze anz, asez esteit peliz. | N’owt point
de barbe ne desur lui peil vif | fors cel del chief ... er ertrotzt sich
dann gefile broigne, petit helme, pehite espee, pelite large, pelite lance,
bone est la sele, mais curl sunt li estrieu „.. pie et demi out ke cors
sur la sel. — \Vgl. dazu Graf und Rodrigo vor dem Duell 774f.
bes. quien tiene la leche en los labios, dann König und Sancho 95/96:
parecerdte pesada, que tus aNos hiernos son, dann D. Martın-Cid (und
König) 2525f., bes. 2553—54, 2559—60 + 2579—82!; ja noch
Diego-Graf 210 + 399 + 420 : ı86f., 244—47.
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 461
Castro feiert Rodrigo als einen Roland, Hector 888—89, David
2418 und D. Martin als Rodamonte, Milön, Atlante, Herkules —
als Riesen (lies Goliath!) 2395—98 und Anm., 2415—ı8. Uns
weht die Luft der Ritterromantik, des Abenteuerromans entgegen
(s. 2016): französische Epik und Altertum haben daran gleichen
Teil. Anders sah es aber in der altspan. Zeit aus. Da wehrten
seit Anfang deg912. Jh’s der Mönch von Silos, Reinaldo, Bernardo
del Carpio entrüstet den französischen Einflufs ab. In Chroniken
und Romanzen ziehen Mauren und Spanier vereint unter Marsilies
gegen Roucevaux, und Roland fällt gegen den tapferen B. del Carpio.
König Ferdinand erklärte sich zum Kaiser von Spanien (gegen den
deutschen Kaiser), und der Cid ist siegreich in Savoyen gegen
Kaiser, Papst und Frankreich!
Das Gegnerschaftsmotiv ist ein, ja das Grundmotiv für Castros
Mocedades. Denn auch die Hauptgestalten und ihr Geschick stehen
ganz unter seinem Einfluls: Rodrigo-Jimena. Es schillert bei Castro
in den verschiedensten Farben: Palaststreit, Ritterschlagsgelübde
einerseits, Santiagofahrt und Weihe durch den hl. Lazarus im Namen
des Himmels andrerseits; Rodrigo der vortrefflichste Ritter, Rodrigo
der erste, edelste Christ! Alles ist echt spanisch-katholisch und
zeitgemäls (s. unten über astrologische Vorstellungen, psychologische
Vertiefungen der Handlung usw.) gefärbt, woher auch die Grund-
motive genommen sein mögen.
IV. Ehre.
a) Vom Zweikampf.
treffen wir eine Auffassung der Ehre an, die Castro allgemein in
den Mal casados de Valencia, jorn. II so bezeichnet: gue las secretas
ofensas | se vengan secretamente, vgl. Moc. 280—8ı, 286—gı. Die
scharfen Worte des Grafen grenzen an Hochverrat. Vgl. darüber
aufserdem Moc. 236: el perderte agui el respeto, 267—68: Mal
Darece un afrenlado | en presencia de su Rey, 990—g91: Casi a mis
ojos malar | al Conde, tocd en traicidn. Vgl. weiter die berühmte
Gesetzsammlung König Alfons’ X.: die Siefe Partilas Da, ı6° 2a
var.: dos antıguos de Espana ... lovieron que el que sacaba arma
delante del rey para ferir a olro, maguer (obwohl) non lo firiese, 0
si le dixiere falabra de denuesto de guisa que el otro hobiese a pelcar
con El... que merescie morir por ello. Auch Zweikampf ohne Bei-
sein des Königs, aber in dessen Palast, ja in der Stadt, wo der
König sich gerade aufhielt, bedeutete Beleidigung des Königs.
Trotzdem waren solche Dinge an Karls V. Hof sehr üblich. Und
cuando alguno de los yerros sobredichos es fecho contra el Rey o conira
su sehorio pro comunal de la tierra, es probiamenie llamada trayciön;
el cuando es fecho conlra oltros homes es llamada aleve, segunt fuero
de Espata (VII, 2°, ]).
230f.
338-41.
462 WILLY SCHULZ,
b) konor, honra.
ceQue ha sido? | — De honra son estos enojos. | Vertiendo sangrı
los 005 ... | con el bdculo parlido ... — honor ist die äulsere,
die Amtsehre, deren Symbol der ddeulo. Aonra ist meine innere
Ehre, die ich empfinde, andere mir schenken — und schulden.
Vgl. zwei Stellen aus L. Pfandl, Spanische Kulturcund Sitte des 16.
und 17. Jahrh’s 1924, S. 76—78: 1. Honra es aqguella que consiste
en olro. | Ningün hombre es honrado por si mismo, | Que del otro
recibe la honra un hombre. | Ser virtuoso un hombre y tener m£rilos |
No es ser honrado, pero dar las causas | Para que los que Iralar
les den honra (Lope de Vega, Los comendadores de Cordoba, Akademie-
ausgabe S. 296). 2. Las manchas del honor | Se curan, limpian, y
asean | con sangre, que es el remedio | de mds imporlancia y fuerza
(Durdn Il, Rom. 411). Diese Stellen lassen begreifen, wie honra
und fundonor —= punto de honor, d.i. estado en que consiste la honra
0 credıto de uno, in allem voranstehen; wie leicht jemand, der Adlige,
ja das ganze Volk an der Ehre gekränkt sein konnte, wie leicht
der Degen, der Dolch gezückt wurde, Mor. 676: Cualguier agrazıo
es gigante | en el honrado. Es war diese überspannte Ehrsucht eine
natürliche Folge der Bedingungen der Rasse, Religion, Landschaft,
der spanischen Geschichte der Reconquistazeit. Leben ohne Ehre
galt als unmöglich; 430: Los 0jos fengo sın lus, | la vida lengo sın
alma. Rache, der Tod mulste Sühne bringen, schnell und geheim:
las secrelas ofensas se vengan secrelamente, S. oben sangre sola quila
semejantes manchas 491, 582—85, 2543—46, 890 oben, — um den
guten Ruf nicht allzusehr zu gefährden 358f., bes. 420f., 534f,
630f., 662—65, 289f. Nur der König stand aulserhalb und über
dem Ganzen als der, der gebietet, versöhnt und nie beleidigen
kann.
c) Rache.
Eine Unehre und Rache traf alle Familienmitglieder 348—49.
In Z/J medico de su honra von Calderon, zuvor von Lope bearbeitet,
glaubt der Held, seine Ehre sei durch seine Frau beschimpft, und
er tötet diese, da der Schein gegen sie ist, kaltblütig und heimlich.
So will es Recht und Brauch. Über die Ehre des Weibes wachen
die nächsten Familienmitglieder. Ist die Schwester und Tochter
betrogen, so üben sie, erfolgt nicht sofort Heirat, blutige Rache
durch Zweikampf; ist es die Frau, so fällt der Zweikampf fort;
und gilt die Frau als mitschuldig, muls sie durch den Gatten
sterben. — Die Genugtuung fordert nicht blofs Blut, sondern man
wäscht sich mit dem Blute des Gegners zum Zeichen der erlangten
Sühne Augen, Wange: e/ /lugar | adonde la mancha estaba 946—47,
1239—41; ja man trinkt das Blut. Im zweiten Drama 156—57
sagt König Sancho: mis enemigos son todos, | bever& su sangre in-
grala, und 510 antwortet ihm Urraca: bdeve mi sangre, que lambitn
es uya! Der Bustos des Dramatikers Hurtado Velarde (} 1638)
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 463
wäscht sich die Augen mit dem Blute des perfiden Schwagers, um
das Augenlicht wiederzuerlangen (Ja gran tragedia de los siete In-
fantes de Lara); in dem alten Liede selbst beugt sich Dofia Sancha
über den getöteten Veläzquez, um dessen noch rinnendes Blut aus
der Wunde zu trinken.
Ein schauerlich-schönes Lied von Verrat und Rache sind diese
Infanten von Lara. Immer wieder wird darauf angespielt, auch in
den Moc. 382, 562f., 1ı973f. Des Rächers Mudarra Schwert ist
das Racheschwert Rodrigos. Mudarra ist Bastardsohn und Rächer
des unglücklichen Gonzalo Gustios, dessen sieben herrliche Söhne,
die Infanten von Lara, durch Rache und Verrat gefallen waren.
Bei den Kampfspielen zum Hochzeitsfest des Onkels Ruy Veläzquez
wird der prahlerische Neffe der jungen Frau Dofia Sancha von
einem der Infanten getötet. Der Onkel gelobt seiner Frau Rache
und bittet den Vater der Sieben, dem Almansor einen Brief zu
überbringen. Der Almansor handelt, wie der Brief fordert, tötet
die Sieben im Scheinüberfall, schont aber den Vater. Ergreifend
ist dessen Klage vor den auf einem Linnen liegenden Häuptern
der Sieben. Der Almansor lälst G. Gustios durch seine schöne
Schwester trösten, und G.G. hat von ihr den Bastardsohn Mudarra,
der, ı8 Jahre alt, Vater und Mutter aus dem Elend befreit und
an R. V. und dessen Weib Rache übt. Ein Cantar und Romanzen
besingen die Begebenheit aus altspanischer Zeit. Die Cidromanzen
haben Motive daraus entnommen, auch die Moc.; der Cid ist
Bastardsohn Diegos in Kom. 726 gleich Mudarra und gleich
Bernardo del Carpio!
In der alten Zeit ist die Ausführung der Rache gewalttätiger
und grausamer als in der verfeinerten Zeit Castros. Aber die gleiche
Glut herrscht im spanischen Menschen von einst und jetzt und
schaut aus seinen Werken, in denen die alten Stoffe gern und
immer wieder neu bearbeitet, die alten Motive z. T. modernisiert
verwandt werden. Noch immer gilt als Siegeszeichen der Kopf
(des Gegners); man steckt ihn auf die Lanze und überbringt ihn
als Siegeszeichen 2976 : 291g, 1665—8. Ein anderer Brauch, der
in den Abenteuerromanen, besonders vom König Arthur, viel zu
finden ist, kommt auch in den Moe. vor: Rodrigo schickt den ge-
fangenen Mauren-König als Siegeskünder zum König. Corneille
benutzt diiesen Zug am Schlufs des Dramas in der Sendung Sanchos.
d) Die Abstufung der Gesellschaftsschichten
wurde streng durchgeführt. Vgl. die adelsstolzen, aber geldgierigen
Infanten von Carriön des Poema. Sie gehörten zum Hochadel
(fjos del Conde) und wagten darum, die eine Stufe tiefer stehenden
Töchter des infanz6n Cid (ijas dalgo) niederträchtig zu beschimpfen.
Vgl. weiter das Liebesgespräch zwischen Urraca und Rodrigo 1381
—090 der Moc. Der Ruhm des siegreichen Cid kann die Ungleich-
heit wettmachen. — Corneille beschäftigt sich eingehender mit
diesem Seelenkampf Urracas in echt französischem Denken und
382,
562.
464 WILLY SCHULZ,
Ausdruck V,2, OD, 3, I, 2. — Vgl. Moc. 2247—58 und 2207, 2771
—82: Vor Gott sind alle Menschen gleich (s. unten). — Aber
der Grad der Würde, nicht der Reichtum bildeten die hierarchische
Stufung im Adel. Die ricos hombres — condes —= infanles (-zones) = hıd-
algos (< hijos de algo) waren vor allem rico de Zinaje. Die Abstammung
von den Goten spielte eine grolse Rolle, noch bei Castro — ja
noch heute! 2. Drama, 455—60: ;Za, valıentes Godos no vencidos, |
y vencedores siempre, nuevos Martes! (Moc. 1687: jLevanta, famoso
Godo! sagt der König zu R.). — In den spanischen Dörfern und
im Mittelstand flIndet man noch heute Wachstuchtischdecken mit
Bildern der gotischen Könige, die in Ovalen rings auf der Decke
abgebildet sind. — Vgl. die Crön. ge. Während die Mauren einfach
als Eindringlinge in Spanien angesehen werden, haben die Goten
die wirkliche Herrschaft, und ihre Könige von Asturien sind vor-
nehmste Vertreter. Die Könige von Kastilien, sagt Rodrigo de Toledo,
erbten ihre Eigenschaften a /eroci gothorum sanguine. Die Goten
galten als Gründer der spanischen Nation, besonders seit Isidors
von Sevilla Zistoria. Rodrigo hatte auch die römische und arabische
Geschichte geschrieben, und Alfonso und die Verfasser seiner Orön. g.
hatten diese mit aufgenommen, aber schon die Chronik von 13344
liefs die römische Geschichte weg. Erst um 1450, d.h. durch den
marques de Santillana, beginnt eine neue Epoche der Wiedergeburt
des Klassizismus in Spanien (s. Zst. Zif. von R. Menendez Pidal,
S. 196— 210). — Über die Goten und die älteste Liedform in
Spanien, s. unten S. 485. — Über die Mauren, oben S. 447, unten
V. 1452, 1693. — Der Hofadel hatte seit dem ı3. Jh. Vorrechte,
durfte z. B. den Hut vor dem Könige aufbehalten, war zur Ver-
waltung des Staates verpflichtet — im Senat bis heute! (219 Anm.).
Die einzigen anderen Beschäftigungen des Adligen von damals
waren Krieg und Jagd und corridas (schon z.Z. des Poema de Mio Cd).
Nur im Krieg gewann man Ehre, Ruf, Besitz. Damals galt stark
sein mehr, als weise und tugendhaft sein, 222 Anm. — Die Grandes
trugen im 17. Jh. den langen, verzierten Stab: daculo. — Bürger
und Soldaten (feones, soldados), Juden, Bauer, Hirt, Bettler, Aus-
sätziger galten nicht als zur Gesellschaft gehörig; anders der Kleriker,!
und der Bürger genols seit dem 13. Jh. eine Zeitlang grolse Be-
achtung, s. unten Staatsverfassung VIId—g. Im Glauben aber,
und insofern sie von den alten Goten abstammten, waren alle gleich.
e) Die Ehrentitel don, senor
wurden ursprünglich nur Mitgliedern der königlichen Familie,
Heiligen und ricos hombres gegeben. Columbus bekam ihn durch
besonderes Patent. Doch um 1600 war er so allgemein wie esquire
in England. Vgl. folgendes Verschen um 1750: Porgue dar seior
I Beachte: Seit dem XIII. Jh. übergab der Geistliche, nicht mehr der
Vater, die Tochter dem Mann zur Ehe: römisch-kanonisches Recht war für
das germanische eingetreten.
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 465
y Don | Es lo mismo que dar nada, | Pues se lo toman y lornan | Las
Fruteras a canaslas (korbweise). Der heutige allgemeine Gebrauch,
insbesondere der von Don vor Vornamen und auf Briefen ist be-
kannt. Vgl. bei Castro 2395, 2463 u.a, 137, 100 und 335 (Vater
und Kind); 248, 712 u.a. Grafen werden mit Conde angesprochen
806, 248, 223; Damas meint Hofdamen, ist aus dem Französischen
entlehnt 85, — Beachte, dafs die Äbtissin des Klosters Las Huelgas
bei Burgos königliche Rechte hatte, über reichen Besitz und 100
Damen, nicht soras, sondern seloras oder donas gebot. Die erste
Äbtissin von Las Huelgas wurde So/ genannt, vgl. Pidal, Ausgabe
des Poema, S. 574 f., auch dona Mi Oro oder blols Mi Oro, Dokument
vom Jahre 1247.
(Mid Orde) = 1701, 2463, so druckt Said Armesto. (id ist
Ebrentitel, den Rodrigo von den Mauren erhielt, und zwar nach
der ?. Crön. general infolge des Sieges bei Cabra in Andalusien und
gegen Granada (für Sevilla, dessen Herrscher Alfons VI. tributpflichtig
war, s. oben unter I), cap. 849, S. 522, Sp. Il: Z% dalli adelante
llamaron moros el cristianos (Wendung für alle!) a este Roy Dias de
Vivar el Cid Campeador. Cıid —= Herr, 1702—06. — Ü:d war aber
auch Eigenname, im 10.—ı2. Jh., besonders bei dem niederen Volk,
bei Sklaven. id, Cıida wurde ferner latinisiert in Ordellus, Citi, Cita.
Die Crön. g. von 1344 sagt, dals die maurischen Vasallen des Cid
ihn mio Cid in Gegenwart des Königs Ferdinand I. nannten und
der König befahl, ihn hinfort Ruy Diag mio CiJ zu rufen = 1709
der Moc. Im Poema sagt der Cid, gleichsam als Kriegsruf: Yo so
Ruy Diaz, myo Cid, el Cid Campeador 721 de Biuar! 1140. Vgl.
das lat. Gedicht von Almeria vom Jahre 1147: Zdse Rodericus
Mio Cıdi sacpe vocatus, | de quo canlalur quod ab hostibus haud superatur, |
qui domuit maures, comites domuit quoque nostros.... — Üampeador —
batallador, vencedor. — Das Possessiv mid bedeutet ehrfurchtsvolle
Zuneigung, kann das szdi des Arabischen wiedergeben, wo das
Possessiv nachgestellt ist — oder den kastilischen Sprachgebrauch,
der das Possessiv dem Titel do2a (dem arabischen synonym) voran-
stellt: Ital. madonna, frz. madame, mame, span. miofa, miela. \Vgl.
den Namen des Klosters Oäa (wo Sancho bestattet wurde!); bier
ist ni gestrichen! Gemeint ist Gräfin Dofa Sancha. Vgl. oben
mi Sol oder dona Mi Oro oder blols Mi Oro als Name der ersten
Äbtissin von Las Huelgas. — Die Betonung mio und mid schwankt
schon im Poema, s. Anm. 1694.
Die Mauren wurden als geringwertig angesehen (s. 1693),
obwohl sie den Christen tolerant entgegenkamen und fleilsige Acker-
bauer waren. jDespues de Mahoma, | ninguno mayor que yo! ı1451/2
prahlt der Maurenkönig, und Castro lälst ihm verächtlich von einem
Hirten antworten: Sr es mayor el que es mds alto, | yo lo soy entre
estos cerros. | äQud apostaremos — jah, perros! — Neben perros
kommen noch galgos 1498, hi-de-canes (can Hund), vgl. hidepula
1494 Anm,, für Mauren, Juden, ga/gos für Mauren allein als Schimpf-
worte vor. Vgl. fierra de los perros infieles. In den französischen
Zeitschr. f. rom. Phil, XLVII. 30
1694.
1452
u. unten
1693.
1477.
1470.
1670.
466 WILLY SCHULZ,
Epen treffen wir denselben Geist. iüm nus ent en Dev Ile tutpoant; |
Car il est mieldre que tuit li mescreant, Chanson de Guillaume 251— 2,
Paien unt tort et chrestien untl dreit, Roland 1015, 1212; d.h. de
paiens ont le tort, le droit es! ponr les chröiiens. \gl. das Grund-
dogma des Korans: Kein Gott aufßser Allah, und Muhammed Allahs
Prophet. Die französischen Worte haben den Wert eines Kriegs-
rufes, s. unten 1693, V. 2554, 2570f..
Der Hirt braucht noch andere Fluchworte ;Volo a San! 1477;
jvoto al sotol 1497, jpardiez, pardids! 1481, 1489, 1513, Anm. 1477.
— Segensworte in den Mor. sind: Falgame Dios 877, que el cıclo
guarde 61 u.a. s. 53 Anm. — coco 2606 ist ein Wort für Kinder-
schreck, Knecht Rupprecht. — Kriegsrufe: Santiago, cierra, Espana
1470 Anm. Der maurische Ruf: ;Mahoma, oh, gran Profela! 147 1/2.
Ebenso schon im Poema: Santi Yague 731, 1138, 1690 und AMa-
f6mat 731.
f) Fufs-, Hand-, Mundkufs
bilden einen wichtigen Ausdruck der Ehrbezeugung in alter und
neuer Zeit im spanischen Zeremoniell, — und je nach der sozialen
Stellung der betrefienden Person. Die Partida 1, 13°, 20 sagt
darüber, man küfst dem König e/ fie et la mano en conoscimiento de
sehorio ... segunt costumbre de la tierra. Und Pidal, Ausg. des Poema,
sagt: desar la mano, förmula de constiluir, reconocer el vasallaje, des-
pedirse el vasallo. Alrey se le besan lambien los pies, otras veces se besa
ademds la lierra (vgl. V. 1843—47, 1854). Der Cid selbst, um die
königliche Gnade zu erhalten, arranca con los dientes la yerba del
campo (2019—24); doch der König will ihn ehren und sagt 2018:
besad las manos, ca los fies no. Dann külst der Cid die Hand, noch
immer knieend, endlich aufgestanden, den Mund des Königs, was
höchste Ehrung bedeutet und sonst nur unter Verwandten erfolgt.
Vgl. den Mundkufs des Rodrigo in Kom. 749 und in den Moc. beim
Ritterschlag an Stelle von fezcozada oder espaldarazo, 3. unten. —
In Gegenwart des Königs gebührt diesem zuerst Grufls und Kufs,
Mor. 1679—82: Para llorar de alegria | te fido, Senior, licencia, |
y para abrazalle jay, Dios! | Antes que llegue a tus pies. 1695: A
nadie mano se ide | donde estd el Rey mi Senor. | A El le presta la
obediencia. Vgl. dazu Rom. 754: Quidrenle besar la mano; | Rodrigo
no consenlia | Hasta besar la del Rey, | F ellos luego lo cumplian. |
Despuis ... a Rodrigo se volvian; | Hincados estdn de hinojos, | Y las
manos le pedian ... Cid Rui Dias, tus vasallos | Como a sefor que
te estiman ... Porque tü, Cid, lo mereces | F eres el mejor que habia. —
D’esie dia en adelante, | — Cıid a Rodrigo le digan; | Pues moros se
lo llamaron. Die Szene ist in Zamora, wohin die Mauren ihrem
Cid Geschenke bringen. R. nahm die Geschenke an und bot dem
König e/ guinto an. Rom. 753: Der Cid nimmt die Geschenke nicht
zuerst: Porgue yo no soy seflor | Adonde estd el rey Fernando; | Todo
es suyo, nada es mio, | Yo soy su menor vasallo ... Siendo dende
alli adelante | El Cid Ruiz Diaz llamado, | Apellido, entre los moros, |
RIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 467
De home de valor y estado. — In Rom. 731 und Crön. rim hingegen
ist R. der trotzige Krieger der französischen Epik ( Wilhelmslieder),
daher der uns fremde Ton: Por besar mano del Rey | No me tengo
por honrado und: vos non bess la mano 420. — Der Handkuls für
eine erbetene Gnade führt zu Wendungen wie: Mas besso vuesiras
manos, e pidovos un don, Crön. rim. 832. Vgl. Moc. 985: Deme los
bies vuesira Altea [a besar]). 1685—86: esperando estoy | tu mano,
y tus pies, y lodo, und der König: jZevanta, famoso Godo! — Der
Cid des Poema umarmt seinen Neffen Minaya und külst ihn auf
Mund und Augen (931). In den französischen Epen wird der
Kufs meist auf Mund und Nase oder Wange gegeben. Die Mauren
küssen die Schulter (Poema 1519 u.a.), den Arm (wie Boabdil bei
der Übergabe Granadas) oder den Hals (Rolandslied 601).
Wir kennen die eigenartigen Verkehrsformen des Spaniers.
Er bietet dem Mitreisenden seine Wegzehrung an, stellt dem An-
gesprochenen sein Haus als das seinige zur Verfügung (= S/C am
Briefschlufs), setzt Dor vor Eigennamen auf Briefen und g(ue) d(esa)
s(#) m(ano) an den Briefschluls; er behält den Hut auf dem Kopfe
beim Grufs und im Gasthaus u. dgl. mehr. Manche Sitte erscheint
uns altfränkisch, ja komisch. Doch nur ein gebildetes, vornehmes
Kulturvolk schafft und behält sich solche Verkehrsformen.
Almangor. Moros 1706, 1261: Moros fronterizos. Die Mauren
waren unter ihrem Führer Tärik 7ıı in Spanien am Felsen des
Tärik eingerückt, hatten König Roderich bei der Laguna de la
Janda am Salado de Conil geschlagen und rasch das ganze Land
besetzt. Cördoba wurde Hauptstadt. Arabische Teilfürsten herrschten
in Sevilla, Granada, Toledo, Valencia, Zaragoza usw. Die Araber
kamen den Christen entgegen, duldeten deren Religion; Sprache,
Sitte, Kultur fanden leichter Eingang, Das führte zu Mozärabes-
und Moriscos-Christen, die unter Arabern und Araber, die unter
Christen weiterlebten; trotzdem 1492 Granada gefallen und die
letzte Araberherrschaft in Spanien vernichtet war. 1609 —11
wurden jedoch die Moriscos gewaltsam nach Afrika vertrieben —
aus Glaubens- und auch aus politischen Gründen (verräterische Ver-
bindung mit den Berbern).
Die Reconquista des Landes ging von den wenigen tapferen
Goten aus, die sich unter Pelayo bei Covadonga in den asturischen
Bergen 718 behauptet hatten. Oviedo wurde Hauptstadt des kleinen
Gebietes, und der Kleinkrieg begann. Französische und westeuro-
päische Ritter und kluniazensische Mönche vor allem beteiligten
sich und schürten und stützten den Glaubenskampf. Der Cid ist
die hervorragendste Figur auf spanischer Seite; s. S. 447, 453, 482 f.
Im ı1. und ı2. Jh. war der Kampf aulserordentlich heftig, als die
fanatisch religiösen Almoraviden (oben S. 447) und nach ihnen 1146
—ı2ı2 die Almohaden von Nordafrika her vorstiefsen. Spanien
zitterte vor den Almanzoren. Zwei Feldherrn haben den Namen
Almanzor im Abendland berühmt gemacht. ı. Mohammed ben Ab-
dalä ben Abi Ahener, zubenannt Al-mansur, der von Gott Unter-
30*
985.
1686.
1693
(s. oben
1452).
1666.
1261.
1664.
468 WILLY SCHULZ,
stützte, — wohl die grölste Figur im arabischen Spanien, der, ein
Schrecken der Christen, bis in die entlegensten Gegenden im Norden
Spaniens verwüstend vordrang und u. a. die Glocken von Santiago
auf christlichen Schultern nach Cördoba tragen liefs. 1002 aber
verlor er die Schlacht bei Cafatafazor und starb bald danach in
Medinaceli: Zn Carlatafagor perdiö ell atamor (s.S. 483f.). 2. Der
Almohadenkalif Yacub Almanzor, der 1195 Alfons VOL bei Alarcos
so vollständig schlug wie der erste Almoravidenkalif Yussuf (= der
Yucef des Poema vor Valencia, den der Cid besiegte) den Köuig
Alfons VI. 1086 bei Zalaca oder Badajoz, bei Consuegra und Ucles
(1108), wo die einzigen Söhne des Cid, bzw. Alfonsos, fielen (oben
S. 2), — Almansor heifst: der Siegreiche und geht auf den zweiten
Abbäsidenkalifen Abu Dscha’afr, den Erbauer Bagdads (im Jahre 703)
zurück. Der Name bezeichnet bald irgendwelchen maurischen König,
wie bei Castro 1693; vgl. die Romanzen, vgl. die französische Epik
Roland 909: Uns almacurs i ad de Moriane; Cov. Vivian 93 Derame
hat in Cördoba Amoraves (var. Amoraviz — Almoraviden), riches rois
coronds (var. de rois, de princes, d’aumacors corones oder Ei aumachors
el rois el amires).
Die Mauren werden gering geachtet 1452 oben, 2554 algun
Alorillo cobarde, 2570f. medio mujeres, alfanjes de oropel, adargas de
bapel, brazos de algodön. Sie gaben Rodrigo den Ehrennamen Cid,
1694 oben. Über Schimpfworte 1452 oben, Kriegsruf 147 ı, Schulter-
kufs 1686. 1666 lälst Castro sie fälschlicherweise die Divisa Olomana,
den türkischen Halbmond, führen; ihre Fahne war weils. — Maurische
Söldnertruppen, moros fronlerizos (arab. hisu), hielten ständig Grenz-
wacht und unternahmen Einfälle ins christliche Gebiet.
V. Astrologische Vorstellungen.
Eine gröfste Rolle in der Zeit Castros spielen die astrologischen
Vorstellungen, die er nun auch in seine Stücke verwebt hat. Sie
geben den Moc. ein besonders unheimliches Gepräge. Der spanische
Mensch steht noch tief unter der Macht der Gestirne. Der arabische
Volks- und Wissenschaftsgeist — die Araber sind die Gründer der
modernen Physik, nach Humboldt — wirkt im goldenen Zeitalter
nach: Cördoba, Toledo, Übersetzungsschulen, schwarze Kunst — und
versteigt sich in immer phantastischere Formen, je weiter man sich
auch davon durch Renaissance und klassische Studien entfernt.
Die selbe Erscheinung beobachten wir hinsichtlich des Geistes der
mittelalterlichen Ritter- und Abenteuerromane und der französischen
Epen mit ihren Visionen, Träumen, die zukünftige Ereignisse vorher-
sagen. Doch der Zweifel taucht allenthalben auf, bier früher, dort
später, da begünstigt, dort bekämpft. Nach der Astrologie sind
die Metalle von den Gestirnen abhängig, so Eisen vom Mars, Blei
vom Saturn, Gold von der Sonne: oro que engendra el Sol, Mecc. 1664;
vgl. Clavis sapıentiae, wohl 1604 verfalst: Das Gold hat die Kraft
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 469
zu trösten und zu glänzen (P. Mexia, Simwa de Varia Leciön, lib. I,
c. 40). Die Sonne geniefst in Spanien ganz besondere Werschätzung
58g: die Sonne nimmt an der Freude über R.s Fest der Ritter-
weihe teil und glänzt in besonderer Pracht. 1259 Die Sonnen-
pferde Apollos können nicht schneller jagen, als das erfolgte Duell
und gesunder Verstand R. ins Feld treiben. 1406—07: Con las
Dumas de la fama. — El mismo sol las (die victorias des Cid!) escriba.
Die erste Abtissin von Las Huelgas wurde m: So/ und dona Mi Oro
genannt (Poema, s. 1694 oben), ebenso die eine Tochter des Cid
Maria (oben unter I). Moc. ı819: ;Oh, amor, en tu Sol me hielo! |
jOh, amor, en celos me abraso! Gelb ist Helmvisier, Helmbusch
R.s 1334, 1486. Denn gelb ist die Farbe der Trauer, Verzweiflung,
Sorge um höchstes Glück 1357—62: guien con esperanzas vive, |
desesperado camina. Liebende kleideten sich auch sinngemäls auf
einem Fest in Barcelona: verde negro, leonado, pagizo (J. Cortes de
Tolosa, 22 lagarıllo de Manzanares, c.IX). Gelb war im Mittel-
alter, besonders in Kastilien, lange Zeit die eleganteste Farbe.
Dichter und Gelehrte der Zeit erörterten den Wert der Astro-
logie in ihren Werken. Moe. 56 esfera guinta, d.i. die fünfte der
Regionen, die nach der alten Cosmogenie um die Erde lagen, vgl.
Juan de Menas (1411—65) ZLaberinto: drei Schicksalsräder (Ver-
gangenheit, Gegenwart, Zukunft) im Mittelpunkt von fünf Kreisen.
Das Gegenwartsrad dreht sich allein, und die sieben Kreise der
sieben Planeten beeinflussen das Schicksal der Menschen (Einflufs
von Dante!). Mit dem grofsen deutschen Gelehrten Kopemikus
aus Thorn, + 1453, ändert sich nach und nach solche geozentrische
Weltauffassung.
„Me aborreces? fragt R. und Jimena antwortet: No es posibke, |
que predominas mi estrella. Du bestimmst mein Geschick. predom.
m. e. ist astrologischer Ausdruck der Zeit. 1555—60, Sancho zu
Diego: No tiene demostraciön | esta ciencia? Asi es verdad. | Mas
ninguno la aprendi6 | con certeza. Luego di: | clocura es creella? Si. |
eSerdlo el temella? No. | Es mi hermana? St, Senor. 1578:
una necia aslrologia | le causa melancolia. Vgl. dazu Castros Z/ amor
conslante, jorn. 11: Cel. (Zn agüeros y en locuras | crees, y con lanto
estremo | que te lienen de ese modo? | Vis. No las creo yo del todo, |
pero del todo las temo. \gl. weiter die abergläubische Urraca im
zweiten Drama, 191: en la suerle mia son rayos los efetos de mi
esirella;, 319—33: De Zaida las luces bellas | guieren verte, porgue
dice | que, movida a tus querellas, | lloran tu estrella infelice | sus ojos,
que son estrellas. Hier ist sowohl esirellas wie luces für ojos gesetzt,
ferner es/rella für destino. Vgl. Lope, Za Circe, c. Il: Amor es una
estrella ardiente y viva. — Calderön, La vida es suero I, 57: el ın-
flujo de su esirella amenaza mil desdichas y tragedias, aber... el
hombre redomina en las estrellas (63). 1,569 Por ver si el sabio
lenia en las estrellas dominio. 11: todo nace con su esirella, | lodo con
su inclinacidn. Im Jahre ı611 erscheint Desengano de la Fortuna,
hierin leugnet der Marques de Careaga jeglichen Einfluls der Astro-
56.
2670.
1537.
470 . WILLY SCHULZ,
logie auf die Menschen. Und Mariana sagt in Zst. de Esp. ı7,
c. 13: La voluntad y acciones de los hombres son mds poderosos que
las ınclinaciones de las estrellas. Castro glaubt dasselbe, aber in
älterer Zeit sagt die P. Crön. g. c. 598: ca ella lo auie ya visto cm
las esirellas que assi auie de ser! (Galliana, als Karl Mainet ihr die
Ehe versprochen hat). c. 655, 28: en fuerte punto et en fuerte ora.
Crön. rim.: en mal punto nado 166, 263. Poema: el que en bu:n
ora nasco 0 cinxo espada (der Cid); ebenso in der französischen
Epik: ss beur neis, de bone heure nez, a mal eür (Cov. Vivian); des
Pure que nez fui (Roland 2391); mal soit de l’eure, que tu fus en-
gendres (Aliscans 6640n). Vgl. dazu nun Moc. 4608—7ı: en mal
hora, en hora mala, 1022: jenhorabuena! en Iriste punto naci 2670.
— Das Wahrsagen aus dem Vogelflug (augurium > eür) blieb in
Spanien und Südfrankreich, weniger in Nordfrankreich, wo der
Ausdruck eür weniger „Vorbedeutung“, als „Geschick, Glücksfall“
bedeutete. eür, heur wurde früh mit heure < hora gekreuzt! —
Vgl. ferner Poema de Mio Cid 1ı—ı2: eine Krähe zu rechter Hand
am Weg bedeutet Glück, zur linken Unglück!! sinistra cornix bei
Vergil! — Zur Zeit Castros wirkt die Vorstellung einer günstigen
oder ungünstigen Sternstellung auf diese Wendungen (cf. punto
statt Aora) besonders stark ein. Auch heute ist die Vorstellung
de su buena estrella im spanischen Volke noch ganz gebräuchlich.
Sehr verhängnisvollen Einfluls hat der Sternglauben auf den
jugendlich stürmischen D. Sancho, s. oben 1555—60 und jetzt
1537 f. (s. Anm.): Otfro miedo el pensamiento | me aflige y me atemorisa :
con una arma arrojadıza | serala en mi nacimiento | que han de ma-
farme ... eine unheimliche Angst beschleicht ihn, denn die astro-
logischen Umstände seiner Geburt (1155 + 1583 —84 + 1555—60)
kündigen an, dafs er durch eine Wurfwaffe baldigst sterben wird.
1548 vermutet er die Mörder in seinen Geschwistern, 1609—11
in Urraca, die auf einen möglichen Tod von rücklings anspielt.
Die Ereignisse bestätigen das, und Sancho fällt vor Urracas Stadt
Zamora durch Bellido: De las espaldas al pecho | gueda pasado (der
Speer) 1093, vgl. Sigfrieds und des Achilles Tod! Vgl. die Lage
Kaiser Karls im Ao/and 720—23: Karl träumt von einer ihm vom
Verräter Ganelon zerbrochenen Lanze, Rolands Tod bezeichnend!
In der Chanson de Guillaume 264 zerbrechen der Feigling Tedbalt
und der Verräter Esturmi ihre Lanzen und fliehen beim Anblick
der Feinde; das bedeutet Viviens Tod!
Die Vermutung des Zusammenflielsens astrologischer und reli-
giöser Empfindungen liegt nahe. Vgl. 2586—90: R. zieht ins
Feld; er baut auf sein gutes Recht (ez la razdn) und pondrd yo la
volunlad, | y el cielo la permisidn. Vgl. Castros Z/ amor constante 1:
Imaginar es mejor | que es permisıdn de los cielos. Der Himmel hat
seinen Segen vorausgegeben durch die Sendung des hl. Lazarus
2305—08. Vgl. dazu den Erzengel Michael im Cor. Vir., Gabriel
im Roland, ebenda steht die Sonne (von Ajalon!) auf Karls Gebet
still und gibt ihm Zeit, die Heiden in den Ebro zu werfen.
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 471
In der französischen Literatur des 17. Jh.’s, in den Salons der
Preziösen, der geistreichen Damen (vgl. Zes femmes savantes von
Moliere), wird das Thema der Astronomie (!) und die Entdeckungen
der Naturwissenschaften in künstlerischen und formschönen Geist-
reicheleien erörtert. Der Bruch mit den alten Anschauungen ist
vollzogen; in Spanien nicht, da ringen weiter Herz und Verstand
um alte wie neue Ansichten in Sorge um des Menschen Geschick,
für das Seelenheil; es gibt keine Welt des cogilo, ergo sum, des
Diesseits, für sich. Wir stehen unter den Gesetzen der Ewigkeit,
s. u. VIII; das Magische bleibt wirksam.
VI. Galanterie und Liebe.
Castro hat dem Geschmack der Zeit nachgegeben und die
Galanterie in den Cidstoff eingeführt. Der Cid als galdn ist un-
denkbar in Romanzen und Poema, wo er la barba velida 930, de
la luenga barba 1226 u.a. heist. Volksempfinden und Erinnerung
lehnen diesen andern Cid auf die Dauer ab. Juan Grajales im
Bastardo de Ceuta 1: Ti me has de finlar, amigo, | en un lienzo un
capitdn | cristiano, bravo y galdn, | una imagen de Rodrigo, | un otro
Cid Campeador. Selbst in der verfeinerten Zeit der edad de oro
hielt der galante Cid sich nur kurze Zeit; Lope sah schärfer als
Castro und entnahm dem Cidstoff nur ein Thema seiner nahezu
2000 Werke! Der fremde französische Cid und die neue franzö-
sische Poetik zogen mit den Franzosen in Spanien ein (s. Einleitung
zur Ausgabe der Moe.).
Die wichtigsten Stellen der Galanterie zeigen R. und Urraca
im Gegenspiel. Denn die Handlungen von R. und Jimena sind
von zu schwerem Ernst getragen.
a) R. tritt als neuer Ritter auf, zeigt seinen Proberitt und er-
scheint den Damen in Haltung und Rede als galdn 17, 27, 591,
677, 595, s. 692f. und Anm.
b) R. zieht nach dem Duell mit dem Grafen ins Feld gegen
die Mauren und kommt an dem königlichen Landschlols casa de
campo vorbei 1353—1428. R. ist unten am Turm, Urraca oben;
sie führen ein Liebesgespräch im Stil der Zeit Castros voller Wort-
spiele und Wendungen der Galanterie. Urraca zeigt R. offen ihre
Liebe; R.s Siegesruhm wird die Standesunterschiede ausgleichen
1385—090. Zwischen Urraca und R. steht ständig der Schatten
Jimenas; sie lebt in R’s Gedanken und Haltung 1357—62, und
damit beherrscht die galante Form wohl äufserlich die Stimmung,
aber wir bangen um das Geschick der sich verfolgenden Liebenden.
Um den Cid kämpfen zwei edle Frauen, aber Jimena bleibt stärker,
und der Schicksalsknoten erscheint unentwirrbar. Nur noch schärfer
heben sich Jimena und R. und ihre tragische Gröfse unter dem
äulseren Zwang galanter Reden heraus (692 Anm., 675 + 684 +
670 : 614, 682 und 680 + 692 : 708, 1353— 1428). Darum ist
1353
-1428.
472 WILLY SCHULZ,
diese Liebesszene nicht unangebracht, wie manche meinen; sie gibt
ein Zeitbild von Ritterliebe und Stil der Darstellung; sie stellt die
Kraft und Gröfse der Liebenden durch die Entwicklung der Liebe
Urracas (mit deren nachfolgender Entsagung) erst ins rechte Licht;
sie entspricht der Tradition der Romanzen; ihr Fehlen würde vom
Volke als eine Lücke im Bilde des Cid empfunden werden, denn
die beiden sollten eine direkte Aussprache haben; das legen die
Romanzen nahe (vgl. oben Aom. 774). Endlich liefert auch die
epische Tradition einen Zug, dem mit der Liebe Urracas zu R.
Rechnung getragen wird: der Held erwirbt im Kampfe eine zweite
Frau und vergilst die erste für immer oder nur für kurze Zeit.
Chronik und Romanzen erzählen von dem Zug des Cid nach
Savoyen, wo der Cid siegt und eine zweite Frau erhält, die er
aber dem König Ferdinand übergibt (Crön. rim. 922, 934— 30).
damit er in ihr Frankreich entehre. Vgl. Brunhild und Kriemhild
in der deutschen Sage; ferner im französischen Krönungslied
Ludwigs die zweite Frau Wilhelms von Orange, die dieser durch
seinen Sieg vor Rom erwarb.
Heben wir hervor, dals es sich bei Romanzen und Volks-
empfinden um wirkliche Liebe Urracas und Jimenas handelt, nicht
etwa um Minnedienst für Urraca und Liebe zu Jimena auf seiten
R.s. Gleichwohl hat Castro in dieser Szene, meinen wir, den
Frauendienst berührt — und damit eine Seite literarischer Kon-
zeption, die in Spanien eben im Verklingen war;! erstes und
leuchtendes Beispiel ist der Don Quijote: Ritterehre gedeiht nur
im Frauendienst; ohne ihn kein Hochgefühl der Seele; Frauendienst
ist Gottesdienst, Hingabe an ein Unbedingtes. Das Leben wird
gelebt und gestaltet nach einer Idee vom Leben, historische Wirklich-
keit wird poetische Wirklichkeit, Realität wird Roman; ein Kunstideal
beherrscht das Leben, gibt ihm Stil und Wert. Don Quijote lebte
nach dem Ideal der vergangenen Zeit und fand sich nicht mehr
in der Wirklichkeit zurecht! Der edle Ritter schweift umher, kämpft,
sicgt, leidet freudig für seine Dame, als ein Artusritter, er ringt
nicht um Macht, sorgt nicht für Familie, Stand, Staat; er lebt der
Idee, der Verehrung der Frau. Seine Ehre ist seiner Dame Ruhm.
Die Dame selbst kann unerreichbar hoch stehen, wie Urraca für R.,
sie kann verheiratet sein. Andererseits kann der Ritter eine Frau
besitzen,! aber nicht ihr, sondern seiner Herzensdame Sieg, Ehre
schenken — denn die Frau wird im Mittelalter gar oft vergeben,?
mit Land und Lehen, im Vertrag der Eltern, schon in frühester
Jugend, also ehe auch an Liebe und Liebeswahl zu denken ist. —
i Um Frauendienst handelt es sich noch nicht im Poema, sondern um
die querida mupier e ondrada, an die der Ritter vor der Schlacht denkt,
dadurch Mut gewinnend 1657—55.
%2 Der Sinn für Familie und Sippe war früher stärker. Alle halfen sich
untereinander mit Rat und gegen aufsen hin. Und der König erzog und ver-
mählte Söhne und Töchter der Magnaten — wie ein Familienvater! — Vgl.
5.464 Anm. und VIIe, VIII
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 473
So wagt R., der znfanzdn, nicht, Urraca als Gattin zu besitzen, die,
eine Prinzessin, erhaben wie Gott über den übrigen Menschen steht,
1381: Zstimo con todo el alma — merced que fuera divinal; mas mi
humildad en tu alteza — mis esperanzas marchila. 1399: Mi volunlad
es divina. Gleichwohl spielen beide mit dem Gedanken, ja Urraca
nimmt ihn ernst, sie liebt R., verzichtet aber später schweren Herzens,
als sie R.s Liebe zu Jimena erkannt hat. Jimena scheint (!) für
Augenblicke vergessen, und R. sagt 1420f.: F yo me parto en tu
nombre, — por quien venzo mis desdichas, — a vencer lantas balallas —
como ti me pronoslicas. Urr.: De este cuidado te acuerda. R.: Lo
divino no se olvida.
c) Eine dritte Stelle zeigt uns sogar Don Martın als galän,
2701—06 (im Brief an Jimena).
d) Eine vierte Stelle gehört nur scheinbar und rein äulfserlich
hierher, als eine Art Gegenstück zu 1353 —1428. Jimena klagt,
der Mörder ihres Vaters häufe zur grausen Tat auch noch den
Schimpf, denn er komme täglich wie zur Jagd an ihr Landhaus
und verhöhne sie. Der Text ist mehr der jüngeren Rom. 734 als
der fast wortgetreuen 733 entnommen. Die Stelle, die von der
Verhöhnung spricht, ist bei Castro zur Unkenntlichkeit überarbeitet;
er entstammt der altberühmten Romanze 665 über die Infanten
von Lara. Nach 1976 fügt Castro Verse über die casa de plazer
Jimenas bis 1980 ein. Dafür steht in 733: Otras veces un halcon |
Que Irae para cazare (fehlt in 734). Es folgen weitere leichte
Änderungen, aber für 1991—92: (envidme a amenazar = 1990],
con que ha de dejar sin vida | cuerpo que sin alma estd steht in 733
(fehlt in 734): Que me cortard mis haldas | Por vergonzoso lugare. |
Me forsard mis doncellas | Casadas y por casare,; | Matdranme un
pajecico | So haldas di mi briale. Vgl. dazu den Grundtext in
Rom. 665: Yo me estaba en Barbadillo, | En esa mi heredad; | Mal
me quieren en Castilla | Los que me habian de guardar. | Los hijos
de dona Sancha | Mal amenazado me han | Que me cortarian las
haldas | Por vergonzoso lugar, | F cebartan sus halcones | Dentro de
mi palomar, | F me forzarian mis Damas | Casadas y por casar. |
Matäronme mi cocinero | So faldas de mi brial. Dieses Stück wurde
viel und ständig gesungen und weiter benutzt. Vor dem ı3. und
14. Jh. strafte man unsittliche Frauen in dieser Weise, und Dofia
Sancha will mit solch übler Nachrede ihren Gatten aufreizen. —
S. oben 382 unter IV. Vgl. Persiles y Segismunda von Cervantes
DI, 3: Destos hurlos amorosos se acortö mi vestido y crecid mi infamıa. —
falda, halda aus deutsch faldo Falte, Schürze. — Das Metrum ist
1973—75 in Unordnung. Castro gebraucht 1976f. die Romanze
mit Assonanz d, Rom. 733, 734 aber haben die Assonanz a—-e,
vgl. amanece, padre, caballo, gavilane, despecho, palomare ...
i Vgl. auch Estrella de Sevilla, Divinas y humanas leyes — dan potestad
a los reyes I, Szene 5, oder II, 5 ed Rey ... es cristianilsimo y santo; II, ı3
aunque injusto el Rey, — Debo obedecer sw ley, — A di despuds Dios le
castıgue; 1,9 el Rey es rey; — Callar, y tener paciencia, s. Vlle.
2701-06.
1973-95.
17138.
1899.
474 WILLY SCHULZ,
‚Castro braucht das Stück im selben Sinn wie Kom. 665:
Jimena will damit den König gegen R. aufreizen. Aber Castro
mildert den Text wie die Verwendung des Motivs im Ganzen
(unten 1899 ebenso!,. Denn Diego erkennt die üble Nachrede
sofort 2005—ı6 als Traum und Erfindung und widerlegt sie mit
der Bemerkung, R. sei ja auf Wallfahrt nach Santiago und nicht
täglich am Landhaus als galanter, aber frecher Ritter. Die Parallele:
R. zieht gegen die Mauren und hat mit Urraca am Landhaus das
Liebesgespräch 1353— 1428, ist deutlich! Castro läfst Jimena immer
neue Mittel finden, R. und damit sich selbst zu quälen. Sie muls
sich Hirn und Herz zermartern, im Kampfe gegen die Liebe und
für die Rache, und ihren Schmerz in ständig neuartiger Spiegelung
und Steigerung, gleichsam in mystischer Versenkung, zeigen! Jimena
ist ganz grausames Weib, die wütend hafst, weil sie heifs liebt 2910:
Diego: Cruel eres, Jimena: Soy mujer. Und 2913 —4: S yo la
venganza sigo, | corre el alma la tormenta. — Castro kennt die
Frauenseele wie kaum ein zweiter. — Er benutzt für seine Szene
wieder den typisch spanischen Ulusionismus; vgl. Don Quijote.
e) Demselben Zweck wie 1973f. dient die Szene ı7ı13{f. Der
König hat den verbannten R. wieder in Gnade aufgenommen und
feiert ihn als Cid. Das erfährt Jimena durch ihren Knappen und
sofort begibt sie sich in grofsem Traueraufzug zum König, ohne
um Eintrittserlaubnis in den Staatsempfang zu bitten, wie sie es
dann 1933 tut. Sie erreicht eine erneute Verbannung des Cid
1786, nicht ohne ihm verstohlen die Fortdauer ihrer Liebe zu ver-
raten 1808. Urraca bemerkt das, s. unten 2032f. — Die Quelle
Castros ist Rom. 736. Castro übernimmt sie fast wörtlich, stellt sie
aber in einen neuen Zusammenhang. Denn es handelt sich darin
um eine Gerichtssitzung, nicht um Empfang des Maurenkönigs, um
Aussöhnung mit dem Cid. Sentado 1716 hat also andern Sinn
= ser conforme a su gusio 0 diclamen, agradar a uno una cosa, d.h.
was tut es, dals er R. wieder wohlgesinnt ist. Lacroix erklärt:
Nous sommes absolumen! de son avis. Die Stelle ist umstritten. Vel.
estar uno bien senlado — eslar asegurado en el empleo 0 convenencia
que disfruta, por el valımıento de quien le conserva y patrocina. Und
Rom. 753: aungue no es rey, su selor (der Cid), | Con un rey estä
sentado | F que cuanto yo poseo | El Cid me lo ha conquistado | F que
yo estoy muy conlento | En tener tan buen vasallo. Zu 1716 gu£ ımporla
schlägt S. Armesto: me importa vor. Die Rom. 736 beginnt: Sentado
esta el senor Rey | En su sılla de respaldo (Castro 1713), | De u
gente mal regida | Desavenencias juzgando.
Über Castros Technik wie über Urracas und Jimenas Verhältnis
zu R. geben weiterhin die folgenden Stellen Aufschlufs:
f) Urraca klagt vor ihrem königlichen Vater, dafs sie fürchte,
bei der Erbteilung übergangen zu werden. Dudosa queda mi suerle
de su rigor ofendida (Sancho) 1899; vgl. 1678 venturosa suerle mia,
1ı835—36. Der König verspricht ein Erbe 1904, 1908. In den
Rom. 760, 761, 763 hat der König Urraca beim Testament ver-
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 475
gessen: Dejaisme desheredada. | Irme he yo por eslas lierras | Como
una mujer errada, | F este mi cuerpo daria | A quien bien se me
anlojara, | A los moros por d'nero | Y a los christianos de gracia: |
De lo que ganar pudiere | Har£ bien por vuestra alma, Romanze 763.
Und Rom. 760: Y lo que podr& facer | Sin vardn y sin facienda? |
Si hierras no me dejais | Irime for las ajenas, ... negard ser figa
vuesa. | Zn Iraje de peregrina | Podre ire, mas faced cuenta | Que las
romeras a veces | Suelen fincar en rameras. | Sangre noble me acompana, |
Mas cuido que mi noblesa | Como extrana olvidare. Sie erhält Zamora,
und Kom. 763: Teodos dicen amen, amen, | Sino Don Sancho, que calla;
s. Moc. 1839—52. — Zu romeras vgl. VId und beachte, dafs die
romeria der Trefipunkt der Liebenden war. Davon erzählen die
Cantigas del amıgo. Vgl. noch Pers. y S. von Cervantes Ill, ı9: Un
vestido haciendo romera a la ramera.
Diese leisen Anspielungen Castros an die etwas anstöfsigen,
aber lebens- und zeitwahren Romanzen (s. oben zu 1973) sind
alles. Der Geschmack der Zeit Castros war verfeinerter, und Castro
hat hier in den Romanzen nur die geistige, nicht die textliche
Vorlage gesehen. Anders schon verhält es sich im zweiten Drama,
obwohl er auch da wesentlich ändert: Me dexays desheredada. |
Siendo, padre, vuestra hija, siendo de Castilla Infanta, | !havre de ir
de lierra en tierra | como una muger errada? (vgl. Moc. 1845: 2 4st,
me deslierra la piedad que me crıdö?). Alli respondiera el Rey...
Todos dizen amen, amen,; | pero tu, Don Sancho, callas 104—09,
125—26. — Die arme Urraca leidet unsäglich: ihr Vater dicht
vor dem Tod, der Erbprinz ihr totfeind 1610—ı1ı, 1623, 2817—.20,
der zunächst verbissen schweigt 2886—87: gue mäs calla | quien
mds siente. Sancho: Callo ahora. Dazu noch hat sie eben beobachtet,
dafs auch R.s Liebe ihr nicht gehört 1808, 1820. Wo soll sie
bleiben ohne Erbe? Aufser Landes heiraten, oder Gott wird sorgen,
ist die Antwort ihres Erziehers Arias, 1840. — Zu callo ahora vgl.
die Sprichwörter: a/ duen callar llaman Sancho; portugiesisch: «ao
bom calar chaman Santo. Calderön, La vida es sueio ll: al callar
llaman Santo; dann: Z/ astrdloga fingido 1 : el secreto es Santo,
guardar la festa de San Secreto.
g) Pense casarme con &l, sagt Urraca, und Rom. 774: Pense de
casay conligo, s. oben 11. Ursprünglich war von einer Neigung
Urracas zu R. keine Rede, das bestätigen die Crdn. general von
1344 (Men. y Pelayo, Antologia Xl, 351) und Kom. 769. Die be-
rühmten Worte: a/uera, afuera, Rodrigo sprach Urraca ja auch
urspünglich nicht von den Mauern Zamoras herab, sondern damals,
als der Cid als Bote Sanchos bei Urraca in Zamora die Übergabe
der Stadt gegen Austausch fordern sollte (2821 Anm.). Nur eine
Romanze spricht noch von einer Neigung (bei Timoneda Nr. 37).
Castro benutzte sie auch. Die Neigung aber ward ungeheuer
populär; vgl. 2.Drama, 877—84: Si el favorecer al Cid | tu hermana
Urraca Fernando | los caducos lo entendieron | y los ninos lo cantaron, |
y el amor entre los dos | reciproco, aungue pasado, | tiene fuerga en sus
1862.
1873-76.
1951-52.
476 WILLY SCHULZ,
reliquias | mayor que en los muros altos | de Camora... Lope, Zas
almenas de Toro 1: 4 Deven de cantar en vano | desde el hidalgo al que
Irigo | siembra, aquello de Rodrigo, | el Soberbio castellano? | F el dejar
hija de Rey | por hıja de su vasallo | que adelante dice el vulgo.
h) Urraca hat in Kom. 774 geklagt, der Cid habe Jimena und
deren Geld der Königstochter, die ihm in Santiago die Sporen gab,
vorgezogeu. Hier entsagt sie edelmütig, als sie der Beiden Liebe
erkannt hat, 1873—76: y £] la ıdolatra odorado, | y estd en mi pecho
advertido, | no del todo aborrecids, | pero del todo olvidado.. — Und nun
zu Jimena-Rodrigo:
i) satisfaccidn | pide, Pidiendo justicia. Castro spielt hier offenbar
auf die Stellen der Romanzen und Chroniken an; denn Jimena
verlangt dort als Minderjährige den zum Gatten vom König, der
sie ihres männlichen Schutzes (vgl. 1838, 191 1—ı2) beraubte. Sie
will R, vor der Rache ihrer Brüder schützen: Crön. rim. 338 por
amor de carıdad, denn R. hatte sie auf ihre und ihrer Schwester
Bitten zuvor aus der Gefangenschaft bei ihm herausgegeben (oben
I, V.ı30). Sie begibt sich an den Hof nach Zamora mit drei
Damen und Schildknappen (vgl. Moc. 1721—23), um ihr Recht zu
fordern: a guerellar. Der König fürchtet Aufstände (Moc. 276—-77),
da sagt Jimena plötzlich: Mostrarvos | he assosegar a Castılln e a
los reynos olrolal. | Datme a Rodrigo por marido, aquel que mals a
mi padre 356. Ebenso die Romanzen 733 (734): S7 yo prendo o
mato al Cid, | Mis Cortes se volverane ... — Ten tu las tus Cortes,
Rey, | No te las revuelva nadıe, | Y al que a mi padre mat6 | Damelo
id por iguale, | Que quien tanto mal me hizo | SE que algiin bien me
harde. — 735: Al Cid no le (—lehe) de ofender, | Que es hombre
que mucho vale, | Y me defende mis reinos, | F quiero que me los
guarde; | Pero yo fare un fparlido | Con El ...| para gue con vos se
case. — Contenla quedö Jimena. Rom. 739: mat! hombre, y hombre
doy, | Agui estoy a tu mandado, | F en lugar del muerto padre | C»-
brasie marıdo honrado. — Der König schickt Boten zu R. Dessen
Vater rät ab, will selbst zum König gehen. Doch R. erscheint
herausfordernd und trotzig mit 300 der Seinen und willigt sauersüfs
in die befohlene Verlobung ein, doch Urdn. rim. 419: Senior, vos
me despossastes mas a mi fessar que de grado,; | mas prometelo a
Christus que vos non besse la mano, | nın me vea cou ella en yermo
nin en boblado, | Hasta que vensa cinco lides en buena lid en camp».
Der König: Non es este ombre, mas figura ha de peccado 424.
Was hat Castro aus diesen Motiven gemacht! Aus dem trotzig-
selbstbewulsten, mächtigen und gefürchteten Ritter der Reimchronik
und noch z. T. der Romanzen (oben 1,433) wird der galante, un-
erprobte neue Ritter, der nach dem Duell freiwillig zu den Mauren
zieht, siegt und Cid heilst; auf Betreiben der Geliebten verbannt
ihn der König (er geht nicht von selbst); das Gelübde ist einmal
zeitlich vor, d.h. auf den Ritterschlag, dann zeitlich später, auf die
Santiagofahrt verlegt. — Castro erfindet Jimenas Liebe zu R. von
Anfang an, er entwickelt als Gegenstück Urracas Liebe, — der
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADKS DEL CID. 477
Ruhm des Maurensiegers soll die Standesunterschiede zu einer Ver-
bindung ausgleichen. Aber dieselbe Scene, die Urracas Sehnen
erfüllen kann, läfst diese Jimenas und Rodrigos Liebe entdecken;
— und sie entsagt und fördert durch ihr Geständnis an Arias das
Eingreifen des Königs, die Vereinigung der Beiden. Corneille hat
den Seelenkampf Urracas in echt französischer Weise bearbeitet
(V, 2, 11, 3, I, 2), wie auch dann den Jimenas am Schlufs der Moc.,
unter 2605. Castro steigert Jimenas Leid durch den vom König
veranlafsten fingierten Tod R.’s vor Calahorra, stärkt andrerseits R.
zur neuen Waflentat durch Lazarus:
k) Ein Bote meldet, R. sei auf der Santiagofahrt überfallen
worden und schrecklich umgekommen: caforce heridas le han dado, |
que la menor fue mortal. Obgleich er 500 Mann und mehr Mauren
gegen sich auftauchen sah, sei er unter dem Gelübde, keinen Schritt
zu weichen: a no volver Paso astrds 2032 mit seinen 20 angestürmt,
dem sicheren Untergang entgegen. — Die Motive dieser Episode
stammen aus den französischen Wilhelmsliedern. Zur Zahl zo vgl.
die 20 des französischen Helden Vivien in der Ch. de Guillaume,
die 20000 und später 60 (Var. 20) des Rolandsliedes, ja die 20
Mann Wache am Gartentor im ältesten Nibelungentext u.a. Vivien
hat beim Ritterschlag in Termes, d. i. am Königshof, das Gelübde
getan: gue ne furrai pur crieme de morir 600, Ch. de G.; plain piel
de terre, Cov. V,4ı u.a. Vgl. Roland gelobt in Aachen: Ja ne
murreil ... ne trespassasi ses humes 2864—065. Vivien hat ı5 Wunden
erhalten: Parmi le cors out quinze plaies tels | de la menur fust morz
un amirelz, Ch. de Rainoart 2014 u.a. Quince lanzadas tenia | Cada
una era morlale | Que de la menor de todas | Ninguno podria escapare;
Valdovinos, Rom. 355. Castro bringt fast wörtlich den französischen
Text. Er hat nach dem Ritterschlag R. auch ein Gelübde, das der
cinco lides, leisten lassen; in den Quellen erfolgt es ebenso am Hof und
vor Auszug zum Kampf.! Ja 577 treffen wir das Gelübde sogar in
der französischen Form wieder: R. ergreift Mudarras Schwert vor dem
Duell und schwört: mas no fe fodräs correr | de verme echar paso atrds.
l) por la espalda violento | te pasa al pecho el calor; s. 2314—15
und Kom. 742: un soplo por las espaldas | el gafo dado lo habia, | tan
recio fue, que a los pechos |a Don Rodrigo salta ... R. empfindet
ein warmes Strömen 2329—30, 2344—406, von dem nicht die
Romanzen, aber die Crdn. rim. spricht, 573: resollo (Keuchen), que
en calentura seas tornado, und als der Cid erwacht und den ga/o
nicht mehr sieht, der sich ihm durchs Ohr und beim Schlat als
Bote Christi: Lazarus bekannt gegeben hat, reitet er nach Calahorra
(aus dem Tale Cascajar weg; in den Romanzen ist er dagegen
erst auf dem Hinweg). Die ganze Episode ist eine Art Ritter-
schlagsweihe durch den Himmel. Za cabdalleria es manera de sacra-
I Im Poema 1333 wird von fünf Kämpfen des Cid vor der Einnahme
Valencias gesprochen. M. Pidal nimmt Lesefehler an, aber es bleibt auffällig,
dafs diese Angabe in einem Bericht steht — wie in den alten französischen
Epen!
2027-35.
2345-40.
2605.
2994.
478 WILLY SCHULZ,
menlo! Lazarus haucht R. als Bote des Patrons von Spanien die
Siegeskraft ein, als sich R. als echter Christ und Ritter auf Erden
erwiesen hat; er wird noch im Tode Sieger sein 2341 (Anspielung
auf den Sang vom Cid, der als Toter auf seinem Pferd die Schlacht
gegen Bücar vor Valencia gewiunt).
m) Der Zweikampf D. Martin-R. findet statt um den Besitz
von Calahorra, das sich Aragonien und Kastilien streitig machen.
Aber die beiden Kämpfer sind zugleich Rivalen. Und wie beim
Maurensieg zwei Frauen um R., so ringen hier zwei Männer um
Jimenas Hand und Landbesitz. Das ist ein altes episches Motiv,
schon seit David und Goliath. Beim Kampf um Stadt und Land
bekommt der Held oder erobert er sich Land und Weib: Vivien-
Ermentrud (Ch. de Rainoart), Roland-Alde?, Wilhelm von Orange
auch vor Rom (Ärönungslied) und ebenso seine Brüder in den
Nerbonois, der Cid in Savoyen; Wilhelm wurde vor dem Kampfe
vor Rom überall am Körper mit dem Arme von Petrus berührt.
Und so nur gewinnt R. Jimena und ihr Erbe durch den Kampf
um Calahorra, für den ihn Lazarus stärkte. Bei seiner Verheiratung
erhält er dann vom Könige Land: Valduerna, Saldafia, Belforado,
San Pedro de Cardefia, Rom. 739. — R. hätte Jimena nach dem
Sieg über die Mauren heinführen müssen, — und so geschieht es
in den Romanzen 737, 738; dann erst erfolgt dort Santiagofahrt
und Calahorra usw. Die Crön. rim. ordnet wieder anders, rechnet
streng nach den fünf Schlachten des Gelübdes und nicht etwa nach
fünf Einzelkämpfen in dem einen Maurenfeldzug, wie Castro I5I1,
1654. Castro hat also diese Umstellungen selbständig ausgeführt,
auch verschiedene Kämpfe, so den Kriegszug nach Savoyen, aus-
gelassen, dem Stück der Moc. in sich damit aber die nötige Ge-
schlossenheit und Abrundung gegeben.
Corneille hat die Rivalität D. Martin-R. von Anfang des
Stückes an im Drama verwandt und Don Martin und Calahorra
durch das einfache Duell: Edelmann Don Sanche— Rodrigue (wegen
der Einheiten!) ersetzt. R. besucht vor diesem Duell Jimena ein
zweites Mal und sagt 1487: Mais defendant mon roi, son peuple ed
mon pays, | A me aefendre mal je les aurais trahis ... Maintenant
quil s’agit de mon seul interei, | Vous demandes ma mort, j'en accepte
Varröt ... On ne me verra point en repousser les couds. Und
Jimena 1550: Deöfends-toi maintenant pour m’öter d don Sanche, ...
Sors vainqueur d’un combal dont Chimene est le prix. | Adıew: ce mot
läche me fait rougir de honte.
n) Jimena willigt in die Ehe, als sie zum Geständnis ihrer
Liebe durch R.s List gedrängt ist, als ihre Verwandten selbst ihr
dazu geraten haben — unter der Wendung: Zar£ lo que el aclo
ordena. Warum noch jetzt dieses Verstecken? Vgl. Corneille:
Jimena gesteht R. ihre Liebe und fordert ihn auf, für sie zu kämpfen
(s. 2605). Und als don Sanche auf Befehl R.s seinen blutigen
Degen überbringt, hört sie S. gar nicht erst an 1709: Zelate, mon
amour, lu mas plus rien d craindre, ... en croyant me venger, in
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 479
m’as ÖtE la vie (zu S.).. Nun folgt auch hier die Szene des Ge-
ständnisses der Liebe vor dem König. R. tritt auf und Jimena
bekennt: Rodrigue a des verlus que je ne puis hair; | Et qguand un
roi commande on lui doit obeir (1803—04: Castro 2936). | Mais, @
quoi que dejäa vous m’ayez condamnee, | Pourrez-vous d vos yeux souffrir
cet hymentel Der König: ARodrigue l’a gagnee, et lu dois öre d lu
ı815. Aber R. wird, während du deine Tränen trocknest, ein
Jahr lang gegen die Mauren kämpfen. — Also erneute Verbannung!
Corneilles Schlufs ist geschickt, reicht aber nicht an die einfache!
Gröfse Castros heran; hier entscheidet der Himmel zwischen Pflicht
und Liebe, nicht Menschen: Jimena kann dem Cid den Kopf nicht
abschlagen, wie R. bittet. Alle bitten sie; ihr Herz sagt ja; die
oponiön-fama gleichfalls. Beide finden sich mit kurzem Freudeausruf;
vgl. dazu die höchste Erregung Urracas, — ebenso kurz: 1808 und
ı818—20 und 1865—80. Der französische Geschmack konnte die
sofortige Verbindung nicht gutheifsen. Corneille spricht sie aus,
läfst sie aber gleichsam in der Schwebe: mais parmi tes hauts faits
sois-Iui toujours fidle 1829. — Und was nun die Technik der
beiden Dichter im ganzen angeht, so bereitet Castro durch Bild
und Gleichnis die Lösungen, die Tat, vor, die dann gleichsam
plötzlich erfolgt. Corneille streicht diese Bilder und setzt razsonne-
ments, damit den Seelenkampf ausmalend, vertiefend und zur Lösung
führend. Castro braucht Farben, das pulsierende Leben und Land-
schaft, Corneille Rede, Überlegung, Form, Siilisierung. Castro bleibt
volkstümlich, Corneille gehorcht den Gesetzen der höfischen Bildung,
des Theaters mit den drei Einheiten von Raum, Zeit, Handlung
s. Einleitung zur Ausgabe.
VII. König und Staat.
a) Die königliche Familie
besteht aus König Ferdinand dem Grolsen 1445—46, der sich
auch Kaiser nennt, 2549 und s.u., aus der Königin Sancha von
Leön 2858—g, 1828—g Anm., dem Kronprinzen = Principe Sancho
1003—05, 2719f,, dem Prinzen Alonso (= Alfonso), Garcia 2743,
den Prinzessinnen Elvira, Urraca 2754. Sancho ist das „enfant
terrible“ der Familie: er will zu früh Ritter werden und Herr seiner
Geschwister sein 92, 1003—05; er lehnt sich gegen diese und den
Vater sogar auf 1009—ı3, 1620, 2721—22, 2881—090; denn er
will das ganze Reich erben 1623, 2817—26, 2851—54, 2871f.,
daher bekam er zum ayo nicht den kriegerischen Grafen Lozano,
sondern den alten, abgeklärten, theoretisierenden Diego, s. oben
unter Palaststreit über König Ferdinand und über Sancho unter II. —
Die Familie ist Rodrigo wohlgesinnt 28—29, 976—77 und mit ihm
verwandt 4.
1275.
480 WILLY SCHULZ,
b) Staatsbereich.
Das Erbe und Reich Ferdinands umfalst die Länder: ı. Kern-
land Altkastilien mit Extremadura (zwischen Duero und Tajo),
Navarra, cuwanto hay de Pisuerga a Ebro. Dies Gebiet soll der Erb-
prinz erhalten. 2. Leön und Asturien mit Trerra de Campos — früheren
Campos Göticos, d.h. das Land zwischen Esla, Pisuerga und Duero
bis südlich Sahagun; dies Erbe fiel an Alonso; Leön war Erbland
der Königin. 3. Galicia und Viscaya = Erbe Garcias. 4. Infantado,
am Duero gelegen und im Kern die Städte Toro und Zamora mit
Umgebung, fiel an die Prinzessinen Elvira und Urraca, 2821— 35
und Anm.
c) Staatsrat.
Er besteht aus dem König und seinen Räten: /o criado 219
= Graf Lozano, Diego Lainez, Arias Gonzalo, Peransules 130 f.,
2719f. Diese leiten die Geschäfte und die Erziehung bei Hof.
Es gibt da zwei Parteien: die des Grafen Lozano, dem Peransules
verwandt ist 303, — und Peransules erzieht die Söhne Alonso von
Leön und Garcia von Galizien 156—58, 2743f., 1000—oı, das
ist bezeichnend, vgl. die Geschichte und Palaststreit unter oben I.
Die zweite Partei bildet Diego Lainez, dem Arias Gonzalo verwandt
ist 302, — und Arias erzieht die Töchter Elvira, Urraca, ist
mayordomo mayor de la reina 154—55, 2753—56; Diego selbst ist
ayo des Kronprinzen Sancho. Der königliche Hof steht dieser
Partei wohlgesinnt gegenüber 28—29, 976—77, ist dem Cid ver-
wandt 4, und die Königin und Don Sancho sind padrinos des
jungen Ritters Rodrigo 13 —ı4. — Dieser gewisse Gegensatz in
der königlichen Familie, der sich in der Erziehung durch die
beiden Parteien ausspricht und in der Folge für ganz Kastiliens
Frieden gefahrvoll zu werden droht, kommt am deutlichsten zum
Ausdruck in den Szenen 976— 1029, 274—77, in dem begründeten
Argwohn Sanchos gegen seine Geschwister, vor allem gegen Urraca
ı1610—23. Der Gegensatz beruht auf historischen Grund und ist
bedingt durch die Erbteilung Ferdinands, gegen die der Kronprinz
Sancho sich wendet.
Der Staatsrat befalst sich im wesentlichen mit vier Dingen in
den Afoc.: Wer soll ayo des Erbprinzen sein? Bestrafung des
Grafen, der in Gegenwart des Königs diesen beleidigt, indem er
tätlich (die Ohrfeige) gegen Diego vorging, und Bestrafung Rodrigos,
der den Grafen vor dem Palast tötet, und Diegos, der sich für
den Sohn stellt, vgl. 970, bzw. Prüfung der Klagen Jimenas, die
Rache fordert. — Maureneinfall, Empfang des Maurenkönigs und
des Cid. — Streit um Calahorra, Empfang Don Martins. — Teilungs-
plan des Reiches.
d) e/ Rey, sus Grandes, la plebeya gente.
Die Grandes sind Personen des hohen Lehnsadels. Seit dem
13. Jh. mit vielen Vorrechten ausgestattet, stellten sie den ab-
hängigen Hofadel. Vor dem ı3. Jh. und bis heute sind sie zur
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 481
Verwaltung des Staates im Senat verpflichtet, und vor dem 13. Jh.
und schon im Poema galt als Gesetz, dals die besitzenden ricos
hombres, hijosdalgo, die nicht zu den cor/es des Königs erschienen,
ihr Land verloren und verbannt wurden.
Cort aber konnte nach altem politischen Recht nur sein, wenn
die Richter, alaldes 1018 Anm., und mindestens drei ricos hombres
aus dem Landesteil anwesend waren, in dem die corf stattfand.
Zur cort kamen: der König, der sie berief und leitete, omnes ponti-
fiıces, et abbates, el oplimates regni Hispaniae. Seit 1188 aber fanden
in Kastilien schon die allgemeinen cortes statt, — also früher als
in England 1226, in Frankreich 1303 !!;, — es kamen: odispos, ricos
Principes y barones, muchedumbre de las cibdades. — S. weiterhin Absatz g.
e) Der Monarch.
Er herrscht, aber die Grofsen des Reiches machen ihm Schwierig-
keiten. Sie suchen Einflufs auf den König und die Mitglieder des
königlichen Hauses zu gewinnen 242—47; 458—60 : 506—0g und
lassen es oft darum zu Kämpfen kommen 274—8ı und 546—58,
oben I, 433; zumeist ist die beleidigte Ehre des Einzelnen und der
Geschlechter die Veranlassung. Das Schwert sitzt lose in der Scheide,
daher sind scharfe Sicherungsmafsnahmen für die Autorität des
Monarchen getroffen, s. unter IVa und oben corf. Auf der andern
Seite offenbart sich eine grofse Anhänglichkeit und Treue gegen
den Monarchen, — wie gegen einen Familienvater, s. oben S. 472,
Anm. 2. 1278—80: que siempre ha sido | digna satisfaccidn de un
Caballero | servir al Rey a quien dej6 ofendido, 1295—96: Honra,
valor, fuersa y vida, | todo es tuyo, gran Fernando; vgl. das Zere-
moniell des Fufls-, Hand- und Mundkusses IVf. Des Königs Sache
ist aller Sache und umgekehrt; vgl. das Streitgespräch um Calahorra,
besonders 2548—49: Zn ti confio, | Rodrigo; el imperio mio | es
fuyo, sagt der König.
Könige besitzen die grölsere Erfahrung und geschärfteren Blick
durch ihr Amt, sind Verwalter der heiligsten Sache, der justicia im
Zweikampf, in dem und durch den Gott spricht, im heiligen Kampf
der Streiter Christi gegen die Mauren, s. u. VII. Insofern stehen
sie allen voran, ja in der Zstrella de Sevilla Ausg. Velh., Brauns
S. 92, findet sich der Satz: Z/ Rey se ha de tralar | como a santo
en el altar, 3. Oben 5.473 Anm.
2817, 2857—72. Der Monarch wurde in alter Zeit erwählt:
alsado y levantado (auf den Schild erhoben). Er beschwor Gesetze
und Freiheiten. Doch gab es Fälle, die Erbmonarchie her-
zustellen. So nimmt Ferdinand Leön als Erbland seiner Gemahlin,
erbte selbst Kastilien von seiner Mutter und vererbte den selbst
eroberten Besitz weiter 2819—20, 2857—70; d.h. der Feudalismus
hat gesiegt: der Monarch ist Eigentümer (?ropielario) alles Landes,
das er als feodum — Lehen weitergibt; er ist aber bald auch (durch
Weiterentwicklung und Mifsverstehen des germanischen Ausdruckes)
Eigentümer aller schaffenden Menschen — diese sind nur pose-
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII 31
482 WILLY SCHULZ,
edores — ünd Kräfte dieses Landes. Wer das Land eigenmächtig
verläfst, hat es verloren! Wer nicht erscheint, wenn der König ruft,
ebenfalls! Ad van leyes, do quieren reyes! Feudo gibt Recht auf
Grund und Boden, auf unbewegliche Sache; der mittelalterliche
Mensch strebte danach; der König ward sein erwählter Führer und
wurde mit dem Augenblick der Erbmonarchie sein Herr, d.i.
Herr und Besitzer von Land und Mensch, der einzige Freie unter
Unfreien, die ihren Besitz vom Könige zu Lehen nahmen. Daher
die unendlich gehobene Stellung des Königs Ferdinand. Aber
während Ferdinand noch zwischen ererbtem und erobertem Besitz
scheidet, diesen nach Gutdünken, jenen nach alten ererbten Ein-
heiten unter seine Söhne verteilt, will Sancho Alleinbesitzer und
unumschränkter Herr auch über seine Geschwister sein. Denn nur
mit Hilfe Kastiliens konnte sein Vater weiteres Land erwerben, also
gehört dieses zum Kernland dazu. In der Z. crön. general, S. 494,8,
sagt Sancho a su fadre que lo non Podie facer ca los godos anligua-
mientre fizieren su postura entresi que nunqgua Juesse partido el imperio
de Espanna, mas que siempre fuesse lodo de un sennor. Sanchos Tragik
liegt im Durchbiegen dieses Prinzips; s. Moc. 2817: ö Testamento
hacen los reyes? fragt Sancho erstaunt. Und im zweiten Drama
sagt Bellido, Sanchos Mörder: un Rey que fud tirano. Ihm erwidert
der älteste Sohn des Arias Gonzalo: Nunca es tirano el Sehor 1489,
dies ist der Grundsatz des monarchischen Bekenntnisses im 17. Jh.,
denn der König ist immer gerecht, Moe. 1, 1745f.: dien temido, y
bien amado und 1993—94: Rey que no hace justicia | no debria de
reinar, vgl. oben S. 473 Anm.
f) Einheitsbestrebungen.
2549: el imperio mio es luyo, s. 276. Die spanischen Herrscher
haben sich oft in entschiedenen Gegensatz zu Deutschland gestellt
und sich den Kaisertitel beigelegt. So bereits Ferdinand I.: sw
titulo de emperador, expresivo no sölo de su poder en la Pentnsula, sıno
de su inltenlo de no reconocer la Pretentida superioridad jerdrguica de
los emperadores de Alemania, los cuales, como herederos de Carlomagno,
se atrıbuian la jefalura, siquiera honorifica, de toda la cristiandad
(Salcedo, Zist. de Esp. 228— 30). In der Crdn. rim. zieht denn auch
Ferdinand gegen den König von Frankreich, den Kaiser von Denutsch-
land, den Grafen von Savoyen und den Papst mit den Völkern von
fünf spanischen Reichen — von Santiago bis zu den Pyrenäenpässen
von Aspa — bis Paris, da man ihm Tribut abfordert, denn 758:
el buen don Fernando par fue de emperador. Cid siegt, der Papst
trägt ihm die Kaiserkrone von Spanien an, die er ausschlägt 1068:
que por lo por ganar venimos, que non por lo ganado, ... Viene
(Ferdinand) for conguerir el imperyo de Alemania, que de derecho ha
de heredarlo 1070. Auch Alfons VI, der Eroberer von Toledo
(1085), nannte sich Kaiser zum Zeichen, dafs er die ganze Insel
erobern wollte, und Alfons VII. liefs sich feierlich zum Kaiser ganz
Spaniens in der Kathedrale von Leön 1135 ausrufen.
EIN KULTURBILD AUS DEN MÖCEDADES DEL CID. 483
Wir treffen früh schon auf die Bewegung zur Einigung des
Reiches unter kastilischem Szepter. Der politischen Bewegung
geht die literarische zur Seite: Der Chronist Lucas de Tüy be-
richtet bald nach ı200 von der eben genannten Kaiserkrönung
im Jahre 1135, dafs die Grofsen dem Kaiser Lobgesänge auf
ihrem Heimwege sangen. Und vom Jahre 1139 sagt er: die
Mauren ziehen gegen Toledo heran. Die Kaiserin sendet Boten
zum Feind mit der Meldung, der Kaiser belagere Oreja, sie sei
allein in der Stadt, ob sie etwa gegen Frauen kämpfen wollten;
und die Mauren sehen die Kaiserin auf den Mauern auf ihrem
Thron, um sie den Hofstaat, Lieder singend unter Musikbegleitung ;
sie ziehen beschämt ab. Der siegreiche Kaiser zieht in Toledo
ein y los principales de la ciudad, ora cristianos, ora musulmanes,
ora judios (porque aquellos cristianısmos y santos reyes, muy lejos
de la intolerancia de los despues Uamados catdlıcos, gustaban llamarse
reyes de Ires religiones) juntos con todo el vecindario salieron a
recibir a Alfonso por el camino de la puerta de Alcäntara, y tafiendo
toda clase de instrumentos müsicos, cada religion en su propia lengua
castellana, drabe y hebrea, canlaban alabanzos a Dios y al vencedor
(Zst. lit. von Menendez Pidal, S. 399— 300). — Derselbe Chronist
überliefert uns auch das älteste spanische Iyrische Liedchen vom
Sieg der Christen über den gefürchteten Almanzor im Jahre 1002:
En Cafiataflazor
perdiö Almanzor
ell atamor [= lozania].
Besonders interessant ist der Beibericht des Lucas de T., der Teufel
selbst habe als Gespenst eines Fischers am Ufer des Quadalquivir
bei Cördoba wehklagend bald arabisch, bald spanisch geschrieen.
Man vergleiche damit den grolsen nationalen Sieg bei las Navas
im Jahre ı2ı2, wo „das ganze spanische Volk kämpfte, wie das
israelitische unter Josua und David“! Diesem Sieg ging die ge-
waltige Niederlage der Christen unter demselben König Alfons VID.
bei Alarcos 1195 gegen den Almohaden-Almanzor Jacub voraus
(s. oben S. 468). Bei las Navas kämpften der Erzbischof Rodrigo
de Toledo und der König selbst mit; die Sage hat den Schlacht-
bericht ausgeschmückt, und der Volksglaube sah in dem geheimnis-
vollen kleinen Hirten, der das christliche Heer durch die rauhe
Sierra Morena führte, San Isidor labrador, den Schutzheiligen von
Madnid.
Die Chronisten Lucas de T. und dieser Rodrigo de Toledo
(aus Navarra) schreiben in nationalem Sinne und für die Vorherr-
schaft Kastiliens, dem Leon, Burgos, Toledo und bald Sevilla gehörte,
und das die grolsen nationalen Kämpfe gegen die Mauren
leitete (s. oben 1693; Cid und die Mauren S. 447). Rodrigo besonders
ist auch der Anwalt der spanischen Empfindungen gegen die Ein-
führung der Kirchenreform Gregors VIL, die die landfremden
französischen Cluniazenser seit Anfang des ıı. Jh.’s nach
zı*
484 WILLY SCHULZ,
Spanien brachten. Die Krone, d.h. Alfonso VI., Urraca, Alfons VII,
unterstützten diese invasiön galtcana. Aber Kleriker, Miliz und
Volk standen in dieser Frage geeint gegen den fremden Einfluls.
Ein Duell sollte entscheiden. Es entschied gegen die Fremden. Aber
der König setzte seinen Willen über dieses „göttliche“ (s. unter
VlIe und VIII) Urteil; daher das Wort: Alla van leyes do quieren
reyes.1 Mit der Einführung der Reform ward die Sonderentwicklung
einer spanisch-katholischen Kirche unterbunden und die Unter-
ordnung unter Rom bewerkstelligt.2 Aber der arabische Kultureinflufs
drang nach Paris, und der französische, und was uns hier besonders
angeht, der epische französische nach Spanien, im Anfang des
11. Jh’s. Man übernahm die Lieder über Karl den Grofsen, die
von Ogier, die Mort Aymerti, Amis et Amile, Wilhelmslieder, Fierabras
und den Gebrauch der Sänger (juglares), die epischen Lieder an
Höfen, in Schlössern und auf öffentlichen Plätzen zu singen. (Ob
auch den Geist der Intoleranz ?, vgl. Roland gegen Cid).! Mit dem
Erstarken der Reaktion gegen fremden Einflufs (s. schon den
Mönch von Silos um ı ı ı0, wie dann Rodrigo de T. nach 1200) wurden
die französischen Liederstoffe im spanischen Sinne dargeboten, und
Bernardo del Carpio besiegt Roldän, Rolands Feind ist Reinaldo im
alten canfar de Roncesvalles. Cyklische Dichtungen erschienen, wie
der um ı140 (nach Pidal) erstandene Heldensang vom Mio Cid;
die Infanten von Lara, Fernan Gonzälez, don Garcia sind aber vor
dem französischen Einfluls in Spanien entstandene Epen, d.h. vor
ca. 1100.
Zuvor gab es in Spanien eine archaische Dichtungsform,
wie wir ein Musterstück in dem Sang auf den Almanzor erhalten
finden. Pidal sieht in dem Verschen den Schlufsreim = esfribillo eines
Soldatenliedchens. Spanisch, arabisch, hebräisch erklangen die
Lieder in derselben metrischen Form des zillancico-estribillo glosado.
Wir finden sie später beim Erzpriester von Hita, Fray Luis de Leön,
unter den katholischen Königen und Karl V., im Theater bei Juan
del Encina, ja bis ins 17. Jh. bei Tirso und besonders bei Lope
de Vega. Doch haben die Kunstformen der seguidilla, copla, romance
diese älteste Liedform zurückgedrängt oder verändert, und heute
ist sie unbeachtet. Das Urliedchen erfalste in Spanien alle Ge-
schehnisse des Lebens, und zwar das Erlebnis, das Ereignis im
ganzen, ohne Analyse; es war synthetisch, gleichsam interjektional,
die Strophen glossierten es dann (jedermann kannte ja den Inhalt). —
Im 10. und ı1ı.Jh., d.h. vorliterarisch, wurde es durch zum Islam
übergetretene Christen auch in die andalusisch-arabische Poesie ein-
geführt — mit Resten romanischer Wörter — und erscheint dann
im 12. Jh. z. Z. Alfonsos VII. in den Gesängen des Aben Cuzman
von Cördoba. Die Liedform ist in alle romanischen Literaturen
1 Bestimmend mag auch die Haltung der spanischen Mauren zu denen
in Nordafrika gewesen sein, cf. Cids Stellung, oben S. 447.
2 S, oben 5.464 Anm.
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 485
übergegangen und hat schon den ältesten Troubadour Wilhelm
von Poitiers beeinflufst. — Das Liedchen war zur Erzählung, zum
chorischen Gesang hervorragend geeignet. Vgl. als Muster:
Esta si que es siega de vida,
€sta si que es siega de flor.
Hoy, segadores de Espafiia,
veni a ver a la Moraäüa,
trigo blanco y sin argafa,
que de verlo es bendiciön.
Esta si que es siega de vida...
Labradores de Castilla,
veni a ver a maravilla:
trigo blanco y sin neguilla,
que de verlo es bendiciön:
Esta si que es siega de vida...
Den Estribillo singt der Chor, die Strophe der Vorsänger, der
vierte Vers leitet zum es/rıdillo für den Chor über. — Die Strophe
des vsllancico ward späterhin einreimisch und fiel mit der Romanze
zusammen, die aus der epischen Welt kam und mehr und mehr
in den Bereich der lyrischen Gesänge übergrif. — Die Romanze
hat einen Vers von ı6 Silben, ist einreimisch, aber in zwei Hälften,
d. i. zweimal acht Silben, zerteilt.
Welche Grundform die ältesten Lieder gehabt haben, ob silben-
zählend oder akzentuierend, steht noch nicht fest. Das älteste uns
überlieferte Epos ist der Cantar de Mio Cid vom Jahre 1140(!).
Sein Vers zeigt ungleiche Silbenzahl: 10— 21, die letzte Tonsilbe
hat Assonanz, am meisten treten 14—ı6 Silbler auf. Letztlich
(Iberica V, Beiblatt für span. Philologie und Unterricht, S. 8 f.) tritt
R. Grofsmann für die akzentuierende Grundform auch in Kastilien
ein, nachdem diese von Karoline Michaelis de Vasconcellos für
Portugal, Galizien, Asturien, Kantabrien im ı2. und 13. Jh. nach-
gewiesen ist; d.h. für zweimal zwei Hebungen mit höchstens fünf
Senkungssilben zwischen erster und zweiter, dritter und vierter
Hebung und nur einer Senkungssilbe nach zweiter und vierter
Hebung. Denn der Vortrag war rezitativ. Der Übergang zur
Romanze beruhte auf musikalischen Veränderungen, da sich „aus
dem rezitativen Gesange bei fortschreitender Technik eine richtige
Melodieführung herausbildete, wie sie in uns erhaltenen Noten-
beispielen des ı6. Jhs. vorliegt, d. h. der isosyllabische Vers, bei
dem mit jeder Note eine Silbe kongruiert*. In älteren Romanzen
finden sich daher noch 7, 9, 10 Silbler. — Auch die obigen alten
villancicos lassen akzentuierende Form zu. Haben die Goten diese
akzentuierende germanische Weise nach Spanien verpflanzt? Oder
leitet sie sich einfach aus einem Arbeitsliederverhältnis her? Wie
erklärt sich der mehr erzählende (Kastilien) als Iyrische (Portugal-
Galizien) Charakter? Beweisende Belege fehlen z. Zt. noch. —
Fügen wir hinzu: Ein chilenischer Gelehrter charakterisiert die
14308.
2151f.
486 WILLY SCHULZ,
spanische Sprache: EI castellano naciö en manos de los godos,
estos le imprimieron los caracteres de su raza germana en la fonetica
y construcciön de las palabras: era el Jalin en labios germanos, con-
toda la precisiön, rudeza y dignidad propias de la raza. Este fue
el castellano de los cläsicos y el mismo que trajeron a Chile los
conquistadores vascos y godos ... Posteriormente, a fines del XVII,
los eruditos del renacimiento, espafoles-latinos, transformaron el
idioma castellano-götico en un castellano latinizado con cambios
foneticos esenciales (J. M. Pinedo in Heraldo de Hamburgo, 5. Juni
1924, Algo sobre el idioma chileno Il). S. oben IVd; auch Anm. ı!
Wir sehen in Spanien die Iyrische Poesie zugleich mit der
epischen erblühen. Und im selben Medinaceli, wo der Almanzor
1002 begraben wurde, entstand um ı1ı40(!) das Nationalepos vom
Cid (nach Pidal, s. oben S. 448 Anm.).
Den Grund für eine einheitliche spanische Schriftsprache legte
Alfonso el Sabio, jener politisch so unglückliche König, der auch
nach der deutschen Krone die Hand ausstreckte. Alfonso machte
das Spanische zur Amtssprache und gab den Auftrag für die Ab-
fassung der Ürönica general unter Benutzung aller Hauptquellen:
Lucas de Tuy und Rodrigo de Toledo und vor allem auch der
epischen Quellen. Er liefs also nicht, wie bisher üblich, nur die
Geschichte seines Hauses, seiner Länder schreiben. An der Nach-
erzählung des epischen Gutes ist ja das gesamte Volk, das National-
empfinden, nicht nur Regionalismus und Dynastie, interessiert.
Spaniens politische Einigung kam eıst, als die letzten Mauren
das Land hatten verlassen müssen: durch die katholischen Könige;
deren Enkel wurde Kaiser von Deutschland und römischer Kaiser
und Herr jenes unermelfslich grofsen Weltreiches, in dem die Sonne
nicht unterging. (Über den sehr frühen Beginn staatlicher Einigung
vgl. besonders VIld, cort).
Im Staate gibt es drei Klassen der Bevölkerung:
Adel, Geistlichkeit und: Bürger, Bauern, Hirten, fahrendes Volk, wie
Bettler, Aussätzige, Pilger. 1275: Rey, Grandes, plebeya gente, und
Geistlichkeit, Lazarus 2331, fraile 2177. Vgl. unter f.
Der dritte Stand wird bei Castro gering geachtet. Seine
Vertreter sind der Hirt, der Aussätzige als Bettler und in Gestalt
des Lazarus, Soldaten in Begleitung des Pilgers Cid. — Der Hirt
zeigt den Hals des Volkes gegen die Mauren im Land; von sicherm
Ort aus ist er tapfer mit der Rede 1453f., feige mit der Tat 1430;
eine Art Falstaff und Vorbild des „gracioso“ zugleich, als Sprach-
rohr des Volksurteils.. Er und die Soldaten sorgen sich, gleich
anderen Sancho Panzas, vorerst und sofort beim Erwachen nur um
einen kleinen Bissen und um Getränk: pierna de carnero, entero un
jamön, bota, und lassen im übrigen den lieben Gott einen frommen
Mann sein. Das Gebet kommt in zweiter, dritter Linie. Sie sind
seelenlose, törichte Schwätzer 2151—54. Sie ziehen die Sorge um
ihre Gesundheit 2267 der Rettung Aussätziger vor und meiden
den Umgang mit ihnen überhaupt 2282. Mildtätigkeit, christliche
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 487
Nächstenliebe liegen ihnen fern, aber dafür sind sie um so neidischer
aufeinander 2285—86. — Der Cid ist das genaue Gegenteil dieses
gemeinen Volkes. Er ist adlig nicht blols in Kleidung und Her-
kunft, er besitzt auch wahren Adel der Gesinnung, Demut des
echten Christen. Neben ihm stehen der fraile mit einer alma
Jimpia y sencilla 2175—78, der Bauer mit seiner Plumpheit aufsen
und innen. Jeder Stand und Beruf hat scinen dafür tauglichen
und gearteten Menschentyp, er hat auch Seine ihm eigene Auf-
fassung vom Himmel; und es gibt viele Wege, die zum Himmel
führen 2167f. Der Cid ist der christliche Ritter dor excelencia.
Lazarus segnet ihn, dafs er der tapferste christliche Held werde
durch den Kampf und für immer, noch als ein Toter soll er siegen.
Er verdient diesen Ruhm. Denn er teilte Rock, Essen, Lager mit
dem armen Aussätzigen, nachdem er ihn aus dem Sumpfe gerettet
hatte. Die Gleichheit aller Menschen verwirklicht er hier auf Erden
2247f. Der stärkste Ritter und Sieger, der andern durch die
Gewalt seiner Waffen seinen Willen aufzwingt, ist zugleich der
demütigste, mildtätigste Christ, der seine Gesundheit, sein Leben
hier ebenso aufs Spiel setzt, wie in der grimmigsten Schlacht. —
Hirten und Soldaten, andrerseits Rodrigo, der Cid, sind entgegen-
gestellte Typen des spanischen Volkes, andere Sancho Panzas
und Don Quijotes. Hirt und Soldat, vor allem der erstere, sind
Vorstufe und Urtyp eines Gracioso, eines Mitteldinges von Vertrautem
und Diener. Lope de Vega hat diesen Typ aus dem Lakaien ent-
wickelt. Und so ist er: actor dramätico que ejecuta siempre el papel
de caräcter festivo y chistoso (lustig und witzig); „es @ la veg criado,
amıgo y consejero del personaje principal; mucho mäs variado, rea-
lista, verosimil y humano que el confidente del leatro francds. Tiene
algo de la significaciön del coro de la tragedia cläsica, representando
el buen sentido, lo que hoy se llama opinion püblica, y contra-
stando con frecuencia las exageraciones del caräcter de su sefior.
Sus antecedentes se hallan en el pastor de las Eglogas de Encina, que
se transforma en el bobo de los pasos de Kueda, y &ste, desarro-
llado, se convierte en el gracioso, que recoge tambien algo del
caräcter del picaro“ (vgl. Figaro!). Zist. de la lit. esp. von Hurtado-
Palencia, S. 627; s. oben S. 485 und 452 Anm.
Zusatz. Der Cid ist also vollkommenster Typ des Zeitideals:
des Ritters und Christen. Die Gegensätze der Ideen von welt-
lichem Rittertum und mönchischer Entsagung, vom Leben und
Kämpfen um das Diesseits und Jenseits sind im Cid schön ver-
einig. Noch Don Juan Manuel hatte sie getrennt, indem er dem
kriegerischen, räuberischen König Richard von England den Ere-
miten gegenüberstellte, gleichwohl aber eine Aussöhnung erreicht;
denn Richard erwirbt sich durch den Kreuzzug mit einem Schlage
mehr Verdienst als der Eremit mit all seinen Bufsübungen.
Das Motiv dieser Gegensätze ist uralt, und jene indische
Erzählung vom überzeugt-stolzen Brahmanen und dem ganz der
Kindesliebe zu seinen alten Eltern und seinem verachteten Gewerbe
2772.
188 WILLY SCHULZ,
lebenden Jäger tritt in immer neuen Varianten in Persien, bei den
Juden, im Occident, besonders auch in Spanien in der arabischen
Erzählung von Moses und dem carnicero Jakob, dann bei Don
Juan Manuel auf; schliefslich stehen sich der Heilige, Geistliche, —
Mönch und der Räuber (ladr6n) gegenüber; dieser aber vollbringt
von ihm und der Welt nicht beachtete Grolstaten an Edelmut
(er rettet und hilft Frauen vor Gier) und wird von Gott den
Besten gleichgestellt, wie jener casador der indischen Erzählung.
Und so sagt der heilige Pafnutius (Erzählung schon gegen 372):
A nadie en este mundo se le debe despreciar, ora sea ladıön,
ora comediante, ora labre la tierra, o sea mercader, o viva ligado
en matrimonio; en todos los estados de la vida hay almas agra-
dables a Dios que tienen virtudes escondidas en que El se deleita
(R. Menendez Pidal in Zistudios literarios S. 41, bei Besprechung
von Z/ condenado por desconfiado von Tirso de Molina, vgl. dazu
S. 454: Paulo pierde el favor de Dios por sölo carecer de con-
fianza en El, mientras que Enrico, ladrön y asesino, consigue aquel
mismo favor por haber desplegado la fe mäs viva, la confianza
mäs ciega hasta el fin de su vida manchada con los crımenes mäs
espantosos.. Und dazu vgl, wie oben bereits inhaltlich angezeigt,
die Moe. 2ı65f.: Zl ser cristiano | no impide al ser caballero. | Para
general consuelo | de todos, la mano diesira | de Dios mil camınos
muesira, | y por fodos se va al cielo. | F asi, el que fuere guiado | Por
el mundo peregrino | ha de buscar el camıno | que diga con el estado ...
d. h. der Kleriker, Bauer, Soldat, Ritter Porgue al cielo caminando, |
ya llorando, ya riendo, | van los unos padeciendo | y los otros peleando.
Zum Motiv vgl. im Neuen Testament die Gleichnisse vom
verlorenen Sohn, von den Arbeitern im Weinberg, vom Pharisäer
und Zöllner.
VIII. La religiön cristiana.
Die Sorge für die Religion, für den katholischen Glauben,
geht der für die Familie, für den Staat (s. oben $. 472, Anm. 2),
voran. Religion = ley 1844, d. h. Glaube, Staats- und Landes-
sicherheit, sind eins. Der spanische Mensch ordnet sich in allem
ihr unter. Sie gleicht die Rangunterschiede aus und adelt den
Menschen 2781, 2247f. Las odras de carıdad | son escalones del
cielo 2213—14. Sie beugt den irdischen Trieb nach Ehre, Besitz,
Ungleichheit, macht den Menschen demütig vor Gott. Doch Sancho
bäumt sich gegen das Geschick auf 2719f., 2784, so sehr er wieder
sich vor ihm fürchtet V, 1537. Dic Kastilier betrachten sich als
die Soldeten Christi; ihr Kampf ist Gottes Kampf, ihr Sieg Gottes
Sieg; sie haben recht, die Mauren unrecht, ihr Gott, ihr Blut ıst
mehr wert 1451—52 + 2480 + 2570. Es ist nicht human, dafs
Christen untereinander kämpfen 2368 —74. Das Duell steht gleicher-
malsen unter Gottes Urteil, Gott ist mit Sieger; der Besiegte hat
unrecht 2375—76, 2476, 2590, 627, Ss. V, 1537. (Und doch
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 489
wagen schon frühzeitig dagegen sogar Könige ihre Machtprobe
bei Einführung und Stützung der znvasidn galicana : alld van leyes
do quieren reyes, 3. S. 484.) Gottes Urteil sprechen Blut und Herz
(2790, 1194, 8. unter IV, 6 und V), verraten die Sterne. Gott weils
allein das Gesetz, der Mensch sucht es zu erkennen 2315—16.
Der wahre Christ ist ebenso mutig und schlägt sein Leben in die
Schanze in der Demut und Aufopferung für seine Mitmenschen,
wie der Krieger in der Schlacht; Ungleichheit von Besitz und
Herkunft kennt er nicht.
In Spanien ist darum der Bettler nicht verachtet, hat ein Recht
zum Betteln; Armut ist weder Schande noch persönliche Schuld;
ungleicher Besitz schafft keinen Neid, sondern die Pflicht zur Hilfe,
zur carıdas: denn Jas odras de c. son escalones del cielo 2213 —14.
Alle sind Brüder vor Gott, vor der unbarmherzigen Natur des
Landes, alle arm, gleich. Unser Erdenleben ist ein Übergangs-
stadium zum wirklichen Leben, nur ein Durchgang für das Ewige,
und steht unter dessen Gesetz. Dorthin müssen wir kämpfend
streben. Der Tod ist für Fray Luis de Leön ein Anreiz zur Tat;
er will in Gott eindringen, ihn erkennen. „Uudndo sera que pueda |
libre de este prisiödn volar al cielo, |... conlemplar la verdad pura sın
velo?, ... en luz resplandeciente convertido, | ver£ distinto y junto | lo
que es, y lo que ha sido, | y su principio propio y escondido. Das ist
spanische Mystik, und so spricht Rodrigo 2326, 2165—74, 2191—94,
so handelt er als christlicher Ritter, und Jimenas Schmerz steigert
Castro bis zur mystischen Versenkung, s. VId, über den „heiligen“
Ritterschlag S. 458, vgl. weiter: 2793f.: Como el peso de los anos |
sobre la ligera carga | del ceiro y de la corona | mds presto a los
reyes cansa,; | para que se eche de ver | lo que va en edad cansada |
de los Irabajos del cuerpo | a los cuidados del alma; | — siendo la
veloz carrera | de la fragil vida humana | un hoy en lo poseido | y en
lo esperado un maflana — | Fo, hijo.... guiero... Das menschliche
Leben ist nur ein Heute im Besitzen, ein Morgen im Hoffen. Im
Alter empfindet und sieht man klarer das Unterscheidende vom
Jetzt körperlichen Mühens (örtlich) und von Not und Angst um
das Dann (zeitlich). Könige aber altern früher als andere Menschen;
körperliche Gebrechlichkeit und seelische Not heben sich vor ihren
Blicken bestimmter voneinander ab; und darum erkennen sie das
körperlich-zeitlich Begrenzte des diesseitigen Lebens gegenüber dem
Ewigen früher und schärfer (s. Ve).
IX. Von Physiognomik des spanischen Menschen
und seiner Schöpfungen.
Der spanische Mensch ist der Abstammung nach, soweit wir
historisch blicken können, ligurisch-iberisch (d. h. aus Afrika), römisch,
arabisch und wiederum keltisch-germanisch. Aber Land und Klima,
sein Lebensraum, zwingen rein äulserlich diesen spanischen Menscher.-
490 WILLY SCHULZ,
typ den gröfsten Teil des Tages über zum Anhalten der Kräfte,
zur Scheinruhe, zur Entbehrung und damit zur Selbstbeherrschung,
zur Form, zur scharfsichtigen Beobachtung — oder auch zu voll-
ständiger Trägheit. — Dann, wenn die kurze Tagesfrist der Aktion
anbricht, entläd sich die verhaltene Glut gleichsam eruptiv. Auf
der einen Seite ein Insichkehren, ein Brennen und Glühen, innere
Schau und Mystik; auf der anderen Seite geradezu plötzlich:s
Losbrechen aller Kräfte zur höchstumfassenden Aktivität. Die Auf-
lösung ist aber nie vollständig, da ja, je länger der Mensch an sich
hält, die Kräftemassen wohl oder übel desto fester sich ordnen,
sich aneinander-, ineinanderfügen müssen, d.h. eine gewisse Gesetz-
mälsigkeit in sich auch späterhin tragen. Spanisches Wesen hat
darum von vornherein den Charakter einer gewissen Form, einer
gewissen Rhythmik und inneren Gesetzmälsigkeit bei aller Unmittelbar-
keit; es umfalst und erfalst mit aller Kraft die Sinnenwelt und
' ersieht sie sich nah und körperhaft klar gestaltet; ihm kommt
auflserdem die lange Erziehung durch die alte römische Kultur zu-
gute. Und während die Bewohner des trüberen Nordens grübelnd
und lehrhaft hin zum Licht strebend sich mühen, lebt beschaulich
der spanische Mensch so sehr im Licht, dafs sein Auge mehr leistet
als der Erkenntnissinn; ja dafs von Licht und Hitze geblendet und
geplagt er das Dunkel und die Mulse (auch Untätigkeit) suchen
muls. Was uns im Norden als Gegensätzlichkeiten erscheinen, wir
in langem theoretischem Bedenken erarbeiten, sieht er körperhaft,
„greifbar“ scharf umgrenzt, erlebt er unmittelbar und als Ganzes
fest und eigenartig verbunden. Da stehen die gröfsten Kontraste,
die schärfsten Widersprüche: das Heilige neben dem Trivialen, das
ldeale neben dem Realen, tiefster Ernst neben ausgelassenster Freude,
Grausamkeit neben aufopfernder Liebe, Fanatismus in Egoismus und
Altruismus, in Glauben und Ehre, in Hafs und Liebe. Der spanische
Mensch ist ebenso hart gegen sich wie gegen andere, ebenso
demütig wie selbstbewulst; er handelt wie im Rausch, im Traum,
und doch in klarer Überlegung und Überzeugung. Da steht der
hidalgo in Lumpen, der ficaro. Das Verbum Sein heilst ser
= ewiges Sein), wie es/zar (= kürzerer oder längerer Ausschnitt
daraus); d.h. von Kindheit an kann der spanische Mensch unter-
scheiden, was bei den anderen Völkern erst der reife Mensch durch
philosophische Systeme begreift: die Einheit in der Vielheit. —
Und viele Szenen bilden im spanischen Drama einen Akt, viele
Akte ein Drama, zwei Dramen das Cidwerk Castros; das Ganze
des Lebens setzt sich aus einer Kette von Ereignissen zusammen;
das Leben selbst ist nur ein Ereignis in Hinsicht auf das zukünftige
Leben ... nichts ist vollendet und doch eine Einheit. — Alles
spanische Schaffen ist dynamisch, rhythmisch, naturhaft, ursprünglich,
unmittelbar und erden- und volksnah, — Realismus! von seltener
Gewalt und Tiefe, nicht lehrhaft, gekünstelt, konstruktiv (vgl. Frank-
reich, oben S. 451—452, Anm).
EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 491
C. Schlufsbetrachtung.
Das Drama Castros ist ein Kultur-, Sitten- und Seelengemälde
grölsten Stils. Das Gegensätzliche beherrscht Linienführung und
Charaktere: Rodrigo ist glänzender Siegerheld auf dem Schlachtfeld
und edelster Christ, Jimena Rächerin und Liebende. Castro weils
mit vollendeter Kenner- und Meisterschaft sowohl Frauen-, wie
Mannesempfinden zu zeichnen — auf historischem und legendarem
Grund. Aus dem überreichen Schatz der spanischen Chroniken
und Romanzen, aus Volksempfinden und -Lied entwickelt er im
Lichte des spanischen Zeitgeschmacks, Lebens und Denkens vom
Standpunkt der vornehmen Gesellschaft aus wahre übernatürliche
Heldentypen von tiefster Tragik. Immer neue Züge entnimmt er
seinen Quellen, besonders den weiblichen Charakter weils er wie
kaum ein zweiter bis in die letzten Regungen zu verstehen. Urraca
ist der Typ der edlen Liebe, die entsagen kann und erfolgreich
gegen den Stachel des Rachegefühls, der beleidigten Liebe, kämpft.
Jimena zerfleischt sich selbst, zertritt grausam die aufkeimende
Liebe, indem sie neue stärkere Mittel erfindet, R. zu verfolgen und
zu quälen; töten kann und will sie R. nicht, für sein Leben bangt
sie mehr als er selbst, mehr als um ihr eigenes. — Das Studium
der Mocedades del Cid vermittelt wahrhaft bildende Werte. Die
Sprache ist edel, sentenzenreich, volkstümlich einfach und doch
wieder tief und fein geschliffen, die Reimtechnik von vollendeter
Meisterschaft.
W. SCHULZ,
Sprachgeschichtlich-sprachgeographische Studien IL
TALPA, MUS, RATTUS — ! vor Kons.
im Romanischen.
In der Festschrift für L. Gauchat (Aarau 1926, S. 298ff.) hat
J. Jad unter dem Titel „Zum schriftitalienischen Wortschatz in
seinem Verhältnis zum Toskanischen und zur Wortgeographie der
Toskana“ u.a. auch das Problem angeschnitten, wie tosk. /alda —
(/opa) — topo sich zu den älteren toskanischen und aufsertoskanischen
Bezeichnungen des Maulwurfs, der Maus und der Ratte historisch
und wortgeographisch verhält. Es sei mir nun hier gestattet, die
an die Bezeichnungsgeschichte der drei genannten Begriffe sich
anschlie[senden Fragen auf das Gebiet der übrigen Romania hinaus
zu verfolgen. Das Material für Italien verdanke ich dabei der
Liebenswürdigkeit der Herren Prof. J. Jud und K. Jaberg, die es
mir aus den von ihnen im Verein mit Herrn Dr. P. Scheuermeier
und G. Rohlfs eingebrachten umfangreichen Sammlungen für den
italienischen Sprach- und Sachatlas bereitwilligst überlielsen, das für
Catalonien der Liebenswürdigkeit des Herrn A. Griera.. Allen
diesen Herren sei hier mein besonderer Dank ausgesprochen. Ich
gebe daher für die Bezeichnungen des Maulwurfs aufser der Karte
des ALF noch eine solche des AIS bei. In die italienische Karte
habe ich aufser den für den AIS aufgenommenen Punkten noch
solche meiner eigenen Aufnahmen in der Romagna! und aufserdem
besonders wichtige Formen aus den Sammlungen von A. Garbini?
eingetragen.
t und zwar ı1’Forli, 2’Faenza, 5’Coccolia, 8’ Ravenna (=459), 10°Fognano,
11° Cella (Modigliana), 12° Cesena, 13’ Imola, 15’ Osteriola (Gem. Sesto Imolese),
18° S. Sofia, 19° S. Arcangelo, 20° Rimini, 25’ Fiorentina (Gem. Medicina),
26‘ Palazzuolo, 28° Consandolo, 35° Bagno di Romagna. Vgl. über diese Orte
meine Romagnol. Dialektstudien IL (zit. RD), S. 10 und 245.
%2 Adriano Garbini, Antroponimie ed omonimie nel campo della soologia
popolare, Verona 19325, parte II. Folgende Punkte wurden berücksichtigt:
1“ Lavis (Trentino), 2‘ Berbenno (Sondrio), 3° Valle Lomellina di Mortara
(Pavia), 4” Carrara, 5“ Como, 6° Sarzana, 7° Mentone, 8° Oneglia, 9“ San
Remo, 10” Bordighera, ı1“ S. Pier d’Arena (Genua), 12’ Albissola Marina,
13° Savona, ı4“ Diano Marino, 15” Bargo S. Lorenzo, 16” Montecatini,
17° Macerata Feltria, 18° Terni, 19” Amelia di Terni, 20° Portoferrajo d’ Elba,
21° Omegna di Pallanza (Novera), 22° = 500, 23“ Tivoli, 24° Veroli di Frosinone,
25 Teramo, 26° Viterbo, 27‘ Avezzano, 28° Pietracamela, 29° Tollo (Chieti),
30“ Penne, 31° Tirauo, 32° Celano di Avezzano, 33” Telese (Benevento).
SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN II. 4093
„Lat. TALPA bedeutet in den ital. Mundarten wie frz. /aupe
den ‚Maulwurf‘, nur in der Toskana und in einer kleinen Gruppe
von am Ostabhang des nordtoskan. Apennin gelegenen romagnol.-
emilianischen Orten bezeichnet 2050 sowohl die ‚Maus‘ wie teilweise
auch die ‚Ratte‘. Auffallend, dafs dieses toskan. /050 ‚Maus‘-Gebiet
fast ringsherum von 7050 ‚Maulwurf‘ umschlossen ist: also dürfte
wohl auch die Toskana einst ein /0do ‚Maulwurf‘ gekannt haben.
Fragen mannigfacher Art stellen sich beim geographisch orientierten
Forscher ein: warum hat nur die Toskana das Wort /050 mit der
Bedeutung ‚Maus, Ratte‘ ausgestattet und auf sein älteres sorcıo,
sorco ‚Maus‘ verzichtet, das in Latium, Umbrien, Marche, zum Teil
in der Romagna, Emilia sich erhalten hatr* Als Jud (l.c. S. 309/10)
sich diese Frage vorlegte, war noch nicht das Material der Auf-
nahmen für ganz Italien eingebracht. Der Vergleich der Karten für
‚Maulwurf‘ und ‚Maus‘ (bzw. ‚Ratte‘), sowie der betreffenden Abschnitte
bei Garb. ergibt, dafs die Bezeichnungen der beiden Tiergattungen
auch aufserhalb der Toskana sehr häufig füreinander einspringen,
bzw. dafs sich ihr Geltungsbereich fortwährend verschiebt, wie im
einzelnen noch zu zeigen sein wird. Zu beachten ist jedoch gleich
von vornherein, dafs Homonymität der Bezeichnungen für Maulwurf
und Maus (bzw. Ratte) trotz der häufigen Übertragungen wohl
überall vermieden ist, und zwar in der Weise, dafs entweder ver-
schiedene Stämme (/05- = ‚Maulwurf‘, sorc- oder ralt- = ‚Maus‘)
oder das Geschlecht (/oßa ‚Maulwurf‘, /0ßo ‚Maus‘) unterscheidend
wirken oder ein Attribut wie cieco, orbo hinzutritt. Das männliche
fopo (auf der Karte I durch m bez.) = ‚Maulwurf‘ findet man daher
nur gelegentlich dort, wo ‚Maus‘ = sorcio oder ratto, oder es wird
von /oßo — ‚Maus‘ durch das Attribut czieco unterschieden; /oßo m.
(‚Maulwurf‘ und ‚Maus‘) statt des ursprünglicheren /oda < talpa f.
ist ja überhaupt durch sorcio m. veranlalst. Dafs das f. /oda —
‚Maulwurf‘ dann durch den Latinismus TALPA ersetzt wurde, beruht,
wie Jud (l.c. S. 310, Anm. 2) erwähnt, auf der Verwendung des
Wortes in der lingua erotica (= CuUnNnus).! Das erste Problem
34“ Vieste (Gargano), 35° Maddaloni (Caserta), 36° Salerno, 37° Benevento,
38° Montecorvino-Rovella, 39° Eboli, 40° Roccadaspide, 41° Contursi,
42° Teora di S. Angelo dei Lombardi, 43° Manfredonia, 44° Altamura,
45° Andria 46° Lecce, 46‘ Torre di Susanna, 47° Grottole, 48° Montalbano
Jonico, 49” Ajello (Cosenza), 50° Carlopoli (Cosenza), 51° Catanzaro, 52“ Visi-
nada (Istria), 53 Monfalcone. 54” Pasiano, 55“ Prata, 56” Noventa di S. Donä&
del Piave, 57° Morbegno (Sondrio), 58“ Bellano (Como), 59° Mortara (Pavia),
60° Cilavegna di Mortara, 61” Gozzano (Novara), 62” Bondeno (Ferrara},
63° Argenta, 64” Farlimpopoli, 65‘ Cıvitella (Romagna), 66 Antrodoco di
Cittaducale (Aquila), 67° Pogpio Mirteto, 68° Greccio, 69° Auletta (Salverno),
70° S. Mauro Cilento, 71° Romagnano, 72” Varese. Manche von Garbini
(zit. Garb.) verzeichneten interessanten Formen konnten aus technischen Gründen
auf der Karte keinen Platz mehr finden, werden aber im Text besprochen.
Ebenso mulste eine Wiedergabe der Karten betr. Maus und Ratte unterbleiben
(vgl. aber die „Carta dianemetica“ bei Garb. S. 857).
! Die bildliche Verwendung der „Maus“ in erotischem Sinne ist uralt.,
Darauf beruht wohl auch die Vorstellung von den Mäusen als besonders geilen
494 FRIEDRICH SCHÜRR,
aber, zu dessen Deutung uns /odßa—-topo in Italien, ja sämtliche
Abkömmlinge des Wortes /aldpa in der Romania drängen, wovon
ein Blick auf die Karten überzeugen mag, ist lautgeschichtlicher
Natur und betrifft
Die Entwicklung der Gruppe Z + Kons.
Der Stamm al/p- zeigt auf den beigegebenen Karten folgende
Behandlung des /Koss.: Bewahrung, Schwund, Wandel zu u, r (z.T.
mit Umstellung), ;, „Kon, Dabei liegen die Dinge in Frankreich
heute verhältnismälsig einfach, da fast das ganze Gebiet (soweit
alba in Frage kommt) den Wandel zu # voraussetzt, mit Ausnahme
eines breiteren Streifens im Süden, der sich bis an die Pyrenäen
hinzieht und / bewahrt, sowie eines r-Gebiets im Südosten (wo
farpa sich mit dem Typus dardo vermischt hat, s. u. S. 508) und
kleiner Inseln in 733, 719. In Catalonien finden wir / bewahrt
oder > u, in Spanien (bzw. Portugal) die bekannte Entwicklung
alKoos > au > 0 (ou) also /opo (bzw. port. /oupeira), vgl. Baist, Gradr.12,
S.886 (bzw. Comu, l.c. S. 936). Die Karte Italiens aber bietet
ein ganz buntes Bild, wobei namentlich das Verhältnis der o-Formen
zu den übrigen der Aufklärung bedarf. Meyer-Lübke (Grdr.1?, 649)
vermerkt dazu: „In /950 (oa brauchen die Toskaner nur für die
weibliche Scham), rigogolo < aurigalbulus, mola < maltha und spma,
gegenüber /a/dpa und salma (sagma, oayua), kann der Wandel von
-al- zu -au-, -o- im Florentinischen nicht einheimisch sein .. .“
Die genannten Beispiele stehen in der Tat vereinzelt da und zwar
nicht blols im Florentinischen: / > # vor Dental (und Palatal) findet
sich in der nordwestl. Toskana im Anschluls an piemontesisch-
ligurische Verhältnisse, / > » vor Labial ist dagegen zunächst weder
hier noch anderswo in Italien zu belegen.! Wir stehen also wieder
einmal vor der Tatsache sog. „Ausnahmen“ von den „Lautgesetzen“,
wofür sich weder das Hilfsmittel der begrifflichen Analogie noch
der Entlehnung als Erklärung biete. Eine Rekonstruktion der
ursprünglichen Entwicklung von /Keas in der Romania soll daher
hier versucht werden. 2
Tieren, nicht blofs auf ihrer grofsen Fruchtbarkeit, vgl. Cl Aelianus, Denat.an.
XII, 10: xal Erı uällov 10» IHAvv Eleyov & Ta aypodioıe eivaı Avrıntxor
von den weiblichen Mäusen. Ferner ist dort die Rede von einem Mädchen,
das bei den Göttinnen schwört, unberührt zu sein: #7 d’ &p’ 7» uvwmvia. Vgl.
auch udg Aevxög als Schimpfwort für ein geiles Frauenzimmer. (Mitteilung
des Koll. Mras).
1 JLabial, Velar >r ist piemont.-ligurisch, nordwesttoskanisch, süditalienisch
und sizilianisch, vgl. M.-L., ZG I, 8480, 481, ZG 8 233, Bertoni, /tal. dial.
S. g9ı, 129; ZLabial, Velar 7; war ursprünglich dem Nordabhang der Apenninen
eigen, s. u, S. 497, Anm. 1.
?2 Da ich für Italien mich z. Zt. noch nicht auf entsprechende weitere
Karten des A/S stützen kann, muls ich zu Monographien und grammatischen
Gesamtdarstellungen meine Zuflucht nehmen.
SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN II. 405
Wir haben bekanntlich genügend Nachrichten darüber, dafs
/Kons. bereits im Lateinischen velar war (vgl. Grandgent, Viglat.
8 288 und Ettmayer, Zr?h. XXX, 0648ff.).. Diese Aussprache führte
im Laufe der Zeit (sporadisch seit dem 4., immer häufiger seit dem
8./9. Jahrh.) zu #: vgl. KAYKOYAATOPI = calculatorı auf einem
Edikt Diokletians aus d.]J. 301 n.Chr., handschriftlich auch caucu/us
(l. c., Schuchardt, Vo£. II, 494 und Sommer, 72. $ 97). Nun
muls man sich vor Augen halten, dafs sich wohl niemals eine
beginnende lautliche Veränderung ohne Widerstand durchsetzt.
Und gerade in unserem Falle läfst es sich verfolgen, wie durch
die Jahrhunderte hindurch /Kons jmmer wieder durch die Schul-
aussprache, durch das Lateinlesen, durch die sorgfältigere Aus-
sprache oberer Schichten wiederhergestellt wurde. Eine solche
Reaktion konnte auch übertreiben und daher zu palatalem / >;
führen (vgl. Aibinus, CZZ II, 7148). Wie sich diese Entwicklungs-
ansätze im Lateinischen verteilten, ist nicht mehr zu ermitteln.
Fürs Romanische gilt, dafs /Kons > „u wohl am frühesten und kon-
sequentesten in Nordgallien durchgriff (M.-L., 7G $ 160). Im
weiteren Zusammenhange damit erweisen die übrigen Gebiete eine
Einschränkung der konsequenten Durchführung der Erscheinung:
im Südostfranzösischen />u vor Dental und Palatal, >r vor
Labial und Velar,?2 woran sich das Piemontesisch-Ligurische (vgl.
AGI ID, 29; XIV, 7; XV, 6; XVI, 338) schliefst; im Mittel- und
Westrätischen wird /> u vor Dental, sonst bleibt es bewahrt
(Ascoli, AGI I, 237, 261, Gartner, 72 S. 177), während der
gröfsere Teil des Lombardischen (soweit es sich nicht westlich an
das Piemontesische anschliefst) und das Venezianische überhaupt
/ bewahren. Für das Altprovenzalische weist Appel, Zaufl. S. 79
darauf hin, wie schwierig die ursprünglichen zeitlichen und ört-
lichen Bedingungen festzustellen sind und führt in der Hauptsache
drei Ergebnisse für /Kons» an: Bewahrung, « und Schwund; findet
sich dabei fast nur vor Dental (o/Kons > ou wird dann oft noch
zu o), ohne dafs sich diese Entwicklung örtlich abgrenzen lielse,
!>u vor Labial und Velar nur ganz vereinzelt in cop, polgar,
aucu, bauma, sauvador neben Formen mit bewahrtem /. Dann
weist Appel aber auch auf ganz vereinzeltes azfre, aitertal (Boethius 10)
und orme neben o/me hin. Im Neuprovenzalischen ist dann die
Verallgemeinerung von # für /Kons aus der Reichssprache ein-
gedrungen. Aber schon für das Altprovenzalische lassen die
obigen Angaben erkennen, dals ein Kampf stattgefunden hat.
Ebenso steht es auch mit dem Katalanischen und Spanischen.
Man lese darüber Meyer-Lübke, Das Katalanische, nach (S. 41/42):
„Das Spanische dissimiliert / nach # zu ; (als Beispiele sind alter
i ducissim. C/Z VI, 13170, sepucru VI, 17349 kann u/Kons. > zu Kons. I. 4
oder Schwund darstellen.
2 Beachte auf Karte 1641 des AZF toßa = mulot in der frz. Schweiz,
in Savoyen (944, 955) farpa.
496 FRIEDRICH SCHÜRR,
> olro und multum > muito > mucho gewählt), im übrigen ist die
Vokalisierung älter als der Wandel von au > o, daher o/ro wie cosa,
als der von «/> ch, daher mucho wie hecho. Aufserdem ist zu
bemerken, das frühzeitig beim Lateinlesen wieder / artikuliert wurde,
und dafs dann eine Reihe von Wörtern in der schulmälfsigen
Aussprache auch in der gewöhnlichen Umgangssprache artikuliert
wurden ...*“ So erklärt denn auch Cornu die geringe Anzahl
der Beispiele mit fürs Portugiesische durch „sehr frühe, bald
wieder aufgegebene Vokalisierung des / ...“ (l.c. S.936). Im
Katalanischen herrscht noch heute ein ziemliches Durcheinander
zwischen /- und #-Formen, wobei die Verteilung bei jedem Wort
verschieden ist (M.-L. l.c.). Charakteristisch sind da auch falsche
Rückbildungen in alter und neuer Zeit.
Namentlich wenn man einen Weg aus dem Labyrinth der
italienischen Formen finden will, mufs man davon ausgehen, dafs
die Entwicklung /Ker= > „ fast in der ganzen Romania (aus-
genommen von Anfang an nur das Balkanromanische und das
Venezianische) seit dem Beginn des Mittelalters, freilich in den
verschiedenen Gegenden in verschiedenem Tempo, eingesetzt hatte,
und zwar ursprünglich in gleicher Weise vor allen Konsonanten.
In verschiedener Weise, zu verschiedenen Zeiten und in verschie-
dener Stärke wirkte dagegen die Reaktion des Schullateins, der
gebildeten Kreise, der städtischen Aussprache. Beispiele mit &
(besonders au < alPental) sind aus den verschiedensten Gegenden
Italiens aus relativ früher Zeit belegt (vgl. ZG S. 134).1 Dabei
handelt es sich, soviel ich sehe, fast ausschliefslich um /Perual, ferner
wird sekundäres au nicht mehr zu 0. Die toskanisch -schriftitalie-
nischen Formen /opa—topo, rigogolo, soma, mola müssen also einer
sehr alten Schicht des Wandels /Kons > entstammen und im
weiteren Mittel- und nördl. Süditalien beheimatet gewesen sein.?
Eine starke Reaktion des Schullateins mus gerade dort, vielleicht
besonders in Florenz, dagegen angekämpft haben, und so blieben
aus jener Zeit nur jene Restformen und als hyperkorrekte Formen
salma < sauma,3 smeraldo, calma (IG S. 58). Die Reaktion erzeugte
andrerseits wieder z. T. eine übertrieben palatale Aussprache und
führte in einer gewissen Schicht, bzw. auf dem Lande zu z (heute
im Bereich von Florenz, Pistoja, nördlich im Apennin und nach
Osten hin bis zu den Marken, vgl. u.a. Bert., l.c. 143), in der
I Vgl. aus lat. Urkunden Liguriens aus dem Ende des 12. Jahrh. Parodi,
AGI XIV: Rubaudus, Arnaudus, Audo, mutum, aber Ansaido, Ansaida; ferner
altligur. (AGZ/ XV, S. ıfl.): alt ecc. si riduce nella tonica ad auf, äf...
nell’ atona si riduce ad 5 ... aufserdem o# >52 usw. Altapulische Beispiele
s. bei De Bartholomaeis, AG/ XVI, S. 42: autro (prokl. ate = alte), caudo,
ferner fache= falce. Für das Altlucchesische und Altpisanische, wo übrigens
sporadisch auch 5 vorkommt, vgl. Pieri, 4G/ XII, 107 ff. und ı41 ff.
%® Etwa an der Grenze der Gebiete, wo au>>p, bzw. bewahrt bleibt,
Se wir Zdup in Castelnuovvo-Monterotaro di S. Severo (Foggia), vgl. Garb.
. 937.
® Vlglat. sauma < sagma (vgl. App. Pr. pegma non peuma).
SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN Il. 497
Romagna vor Labial und Velar.! Obgleich nun städtische Zentren
7Kons immer wieder herstellten, so wirkte doch in grofsen Land-
strichen die Tendenz / > „u weiter — daher neue Reaktionen
und Wiederherstellungen von den Städten aus. Wenn nun die
Nachbarlandschaften eines konsequenten #-Gebietes, wie es Nord-
frankreich ist, # nur mehr vor Dental aufweisen, so beruht dies
darauf, dafs in dieser Stellung die velare Aussprache des / durch
Dissimilation der Artikulationsstelle besonders begünstigt war. Diese
Auffassung wird dadurch bestätigt, dals anschliefsend an die pie-
montesisch-ligurischen Gebiete mit „ < /Pental Jängs des Nord-
abhanges des toskanischen Apennin ursprünglich z nur noch für /
vor /, r, s, $ zu finden war, wie z. T. heute noch an den Formen
des best. Artikels zu erkennen ist — wo es sich also deutlich um
eine Dissimilationserscheinung handelt.1 Die Versuche der Wieder-
herstellung des / führten nun vielfach (abgesehen von dem erwähnten
Falle der Dissimilation) zum Lautersatz durch r vor allen nicht-
dentalen Konsonanten (also vor Labial und Velar): im Südost-
französischen, Piemontesischen, Ligurischen, Nordwesttoskanischen,
auf grolsen Strecken in Süditalien und Sizilien.2 Jedenfalls ist
vom geographischen Standpunkt aus beachtenswert, dafs r-Formen
fast überall sich in Berührung mit einem /-, bzw. einem u-Gebiet
finden.?3 Wenn nun z.B. in einer ligurischen Mundart wie der
von Ormea zwar /Pental > u, sonst aber / erscheint, so zeigt der
Umstand, dafs andrerseits r K°"» durch / wiedergegeben ist (Parodi,
ı Vgl. meine RD II, S. 232—235, Malagoli, AGZ XVII, 250 ff., Bert.,
Arch. Rom. 1l, 256. Die Verteilung Jes best. Artikels war dort also von
Hause aus u (<ew) vorZ,r,s, 5; al vor Dental; e (< ex) vor Labial und Velar.
Weiter im Nordwesten ist die Verteilung des best. Art. m. anders: in Quarna
(Novara) a« vor allen Dentalen, a? vor Labial und Velar (Bert. 91), in der
Valsesia entsprechend # und al (Spoerri, Rendc. RIZ Vol.LI, S. 685), in einer
ganz breiten Zone von Novi über Moudovi, Ormea bis Nizza entsprechend u
und e? (SERV S. 112), überall analog dem sonstigen Verhalten von ZKons.
Der Wandel ZKons.> 7 hat demnach von der Toskana über den Apennin
gegriffen und hier das noch unveränderte Jlabial, velar erfafst, wie noch heute
viele romagnol. Beispiele (z. B. «6a = alba, eidi<alveu, af =alpe, voipa,
ojum, soik, bjoig usw., RD Il, S. 230) zeigen. Aber auch hier drinzt die
schriftsprachliche Wiederherstellung des / langsam aber sicher durch. In der
Emiiia und Romagna hätte also Zalpa > teijfa werden müssen, vgl. noch Zajpa
P. 177 auf Karte l; /e/da in 456, 15’, 459—8‘ ist entlehntes schriftital. falpa
(vgl. noch in dem P. 15° benachbarten 25’ /apa).
2 Freilich ist r nicht überall auf die Stellung vor Labial oder Velar
beschränkt, sondern findet sich im Vulgärflorentin., Marchigian., Römischen
auch sonst (vgl. Bertoni, 1.c. 127/8, 143, Crocioni, SER V.gı für Velletri,
Lindström, SER V, S. 252 für Subiaco u.a.). In den Marken und Süditalien
ist mit dem Lautersatz gewöhnlich auch Erweichung eines folgenden stimmlosen
Kons. verbunden, also tarda < talpa in P. 710, 817, 818.
® Die westliche Toskana hat Zara, weil die Schriftsprache den Latinismus
talpa an Stelle des unbrauchbar gewordenen /oda gesetzt hat. Vgl. ferner
die Berührung von Z- und r-Formen im Schweizer Grenzgebiet, faldone mitten
im piemont. r-Gebiet (131, 135, 147), ferner Zarpa 555 neben falpa, bzw. fapa
in 565 (Perugia) und die südital. »-Formen in Campanien umgeben von
Z-Formen usw. Auch auf K. II finden wir farfa 733 in Berührung mit einem
!-Gebict, 719 als Insel.
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII, 32
498 FRIEDRICH SCHÜRR,
SIR V, 109/10, auch Altligurischh AG/ XV, 7), dals hier r als Laut-
ersatz für ZLabial, Velar Destanden hat, dafs aber die Wiecerherstellung
des / weiterging und nun fälschlich auch ursprüngliches r mit-
gerissen hat. Und etwas ganz Analoges hat sich ja auch in Pisa,
Livorno, Lucca und Umgebung zugetragen (vgl. Bert., l.c. S. 130).
— Jedenfalls dürfte aus dem bisher Ausgeführten klar geworden
sein, dals die ##-Formen in Norditalien nicht bodenständig, sondern
über den Apennin herüber eingedrungen sind.
In Nord- und Süditalien finden wir auch Ausfall des 7Kews
meist nachweislich über eine Zwischenstufe x, d. h. also fast immer
vor Dental. Solche Verhältnisse zeigen heute piemontesische Mund-
arten wie die von Castellinaldo (A@/ XVI, 534) und das Genuesische
(41GI XVI, 338). Ist hier ein Diphthong (au, os usw.) reduziert
worden (vortonig geschah das in der Regel überall schon früher)
oder ist der #-Bestandteil durch den Versuch, auch hier / wieder
einzuführen, zum Verstummen gebracht worden?! Für letztere
Vermutung würde sprechen, dafs wir auf Karte I /aß-Formen
(fapone usw.) an der Peripherie des foß-Gebietes finden (in der
Lombardei P. 261, 252, 72“, 59“, 60”, 61” u.a.), auf Karte I in
927, 938. Ahnlich liegen die Dinge dann auch in Süditalien.?
Dort finden wir die Formen vom Typus /afone in Berührung mit
dem nördlich angrenzenden /0-Gebiet und eingestreuten /- Formen
(726, 727, 44,45", 733, 47", 48°). Für mich unterliegt es daher
keinem Zweifel, dafs auch der Schwund eines ZKons durch den
Versuch der Wiederherstellung auf der Stufe z hervorgerufen
worden ist.
Besonders interessant aber ist eine Erscheinung, die die Ver-
suche der Wiedereinführung des /Kons. in Süditalien gezeitigt haben:
der Vokaleinschub. Die ungewohnte Verbindung /-++- Konsonant
wurde aufgelöst in /+ Vokal + Konsonant: z.B. /abpa (P. 715),
talap (726), falipinarıa (714). Aufserordentlich weitverbreitet ist
diese Erscheinung in Süditalien und findet sich meist neben den
anderen Entwicklungsergebnissen von /Kons., go in Castro dei Volsci
1 In Voghera z.B. ist /Dental jm allgeineinen wiederhergestellt, vor Labial
und Velar aber r geblieben (mit Ausnahme von aldra, maiva, kulpa u.a.) In
beiden Reihen finden sich aber auch Sehwundbeispiele (kad = caldo, kadrli
< caldarinu, vofa, sküße = skalpello, savja usw.). Nicoli spricht ausdrücklich
von der Wiederherstellung des /Kons. in der Stadt (Study fl. rom. VII,
S.197 ff., 8 51).
®2 In Castro dei Volsci (S£R VII, S. 141) findet man heute ZDanul I»
(awie, sawtg, fawca) und Schwund (a = altro, vo/a, ülemg, doce, pusg =,
polso u. a.); in Velletri (SR V, S.41— 2), Subiaco (SZR V, S. 252) vor
Dental, Labial und Velar ohne Unterschied sowohl Schwund als r (letzteres
bei Wörtern „di immissione recente“); in Campobasso (AGZ IV, S. 164)
schwindet ZDental auf der Stufe # (ausgenommen die Verbindung al > au, die
bleibt), ergibt r oder Vokaleinschub (s. u.) vor Labial und Velar; in Cerignola
(AGZ XV, S. 92) ist /Dental wiederhergestellt (ausgenommen auf = altıo,
ulemg); in Ma’rera (ZrPA XXXVII, S. 143) finden wir Schwund vor Dental,
Labial und Velar (z. B. tfadone,;, dagegen Z wiederhergestellt vor d: fakfı
dolcg usw.).
SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN Il. 409
regelmälsig vor Labial und Velar (also wo/eda, mawula < *mälgwa,
gulefg, kalekang usw., vor Dental dagegen w), in Campobasso unter
denselben Bedingungen (oder es ergibt sich auch r), ähnlich auch
in Subiaco, in Cerignola vor Dental (Zulezg = polso, dölece usw.,
Durch das Nebeneinander der beiden Entwicklungen, r oder Vokal-
einschub (namentlich vor Labial und Velar), an vielen Orten ergibt
sich nun auch noch folgendes: forda neben po/epa kann auch ein
*porepa, bzw. Abneigung gegen r*°"* erzeugen, und in der Tat
finden wir den Vokaleinschub zwischen r + Kons. (forema, corevu,
furemica, dreve — erba u. dgl., dann suradurzv2 = sorcio orbo
P. 745, Karte I u. a.) in demselben Umfang wie zwischen / + Kons.
(vgl. Bert. l.c. 154, 167 „Anaptissi“). Ferner kann das Neben-
einander von „-Formen und solchen mit /+ Vokal zur Auflösung
des sekundären Diphthongen führen: feude + *felede > fewede,
calcıo > kauco > kdweco usw. Besonders in Velletri (l.c. S. 48)
spricht das Nebeneinander von w- und /-Formen mit eingescho-
benem Vokal eine beredte Sprache. Natürlich haben sich die
Mundarten in diesem und dem vorher besprochenen Falle bei
dem einzelnen Worte für die eine oder die andere Form ent-
schieden, Doppelformen also meist beseitigt. Man sieht so, wie die
immerwährende Einwirkung der Bestrebungen auf Wiederherstellung
des Z/Kons in den Mundarten des Südens die Tendenz zur Auf-
lösung von Konsonantengruppen und zur Zerdehnung von sekun-
dären Diphthongen hervorrief, von der nun auch das primäre au
ergriffen wurde (vgl. Z@ S. 57).
Hier ist an einem besonders deutlichen Falle zu erkennen,
wie durch das beständige Hereinspielen irgend einer bestimmten
Tendenz in eine Sprachgruppe und den sich daran anschlie[senden
Kampf, wie also durch Sprachmischung im Sinne Schuchardts, neue
Lauttendenzen entstehen, die, wenn sie zur Norm werden (ich
vermeide den Ausdruck „Lautgesetz“ mit Absicht), der Sprachgruppe
einen ganz anderen Charakter geben können. Im Sprachleben gibt
es eben keine eigentliche Gesetzmäfsigkeit, sondern ein beständiges
Hin und Her, Auf und Ab, ein fortwährendes lebendiges Spiel von
Kräften, also Mischung und immerwährende (bewulste und un-
bewufse) Versuche der Normierung und Regelung durch die Sprecher
einer Gemeinschaft. Gerade die Ergebnisse der Entwicklung von
7Kons. jm Romanischen müssen, namentlich wenn man mehr auf die
überall und fortwährend widersprechenden Einzelheiten eingeht, als
ich dies hier tun konnte, davon überzeugen, dafs der Begriff des
Lautgesetzes, so wie er früher gefalst wurde, hinfällig ist: es gibt
nur Mischung. !
ı Von den im wirklichen Leben vorkommenden Mischformen, die durch
ein geographisches Nebeneinander oder durch ein soziales Übereinander von
Sprachschichten entstehen, möge die Musterkarte einen Begriff geben, die
Garb. S. 932 allein in Oneglia (8°) für falda pibt: tarpa—topa—törpa — tölpa,
töupa, topu. Oder vgl. in 27”, 28° die Kompromilsform Z0lda. In einem
Gebiet, wo falpa 343, falpina 332 usw., l/opina 331 usw., lopinära 352, 360 usw.
32*
500 FRIEDRICH SCHÜRR,
Einzelne Bemerkungen zur Geschichte des /Kens. müssen hier
noch nachgetragen werden.1 Dafs auch Assimilation des / an den
folgenden Konsonanten (im Toskanischen Iddio u. a., Grar. 12, 680,
in den Abruzzen neben g- und sogar Z-Formen, Merlo, RDR 1909,
S. 245— 248), oder umgekehrt (Bert. 143, /G S. 135) stattfindet,
sei nur kurz erwähnt. Dann aber findet sich sporadisch auch r
in den Marken (das weiter verbreitete anf/ro erklärt sich durch
Dissimilation in Verbindung mit dem best. Artikel), regelmäfsiger
im Innern von Sizilien. Inwiefern diese Erscheinung in den von
mir geschilderten Kampf um /Kon* hereingehört, lasse ich dahin-
gestellt. Die Formen von /alpa zeigen aber gelegentlich m für /
(z. B. fzampsy neben Hey in P. 138, fumpindra 362, 375, fompingra
365; im Süden /umbanära 708, tambanärz 707). Doch handelt es
sich wohl nirgends um eine lautliche Erscheinung, sondern um
Einmischung der Vorstellung „campagna“, wie Zamp"ndr® 709
deulich zeigt. Und auch bei den weitverbreiteten #rapß-Formen
handelt es sich nicht um eine lautliche Umstellung aus /arp-,
sondern um Einmischung der Vorstellung „trappola“. Ja in Caserta
heilst der Maulwurf sogar /rappola (Garb. S. 036).
Zur Bezeichnungsgeschichte.
Aus der geographischen Verbreitung, wie sie unsere zwei Karten
aufweisen, ergibt sich zunächst, dafs lat. TALPA (selbst unsicherer
Herkunft) als Bezeichnung für den Maulwurf ursprünglich der ganzen
Romania eigen war. Der Gebrauch als =., wie er lateinisch bei
Dichtern vorkommt, ist in der Romania (spanisch -katalanisch, in
zusammenstofsen, ergibt sich durch Mischung nicht nur 2old:nära 333, sondern
auch Zordinara ı".
ı Die sardischen Entwicklungsergebnisse für Z, rKons. habe ich beiseite
gelassen: darüber gibt es eine sehr verdienstvolle Untersuchung von G. Bottiglioni
(SER XV,1919). Auf jeden Fall lassen die überaus komplizierten sardischen
Verhältnisse ahnen, was hier für Kämpfe und Mischungen stattgefunden haben,
wobei es sich, wie mir scheinen will, ursprünglich um die oben S. 496 be-
sprochene Reaktionstendenz, 2 sehr palatal zu sprechen, gedreht haben muls.
Wieweit sich aber diese Reaktion gegen vorrömische Sprechgewohnheiten
wandte und mit ihnen auseinandersetzte, muls offen gelassen bleiben (vgl.
besonders S. gı des SA).
2 Der Maulwurfsfang hat zu allen Zeiten und in allen Gegenden eine
sehr grolse Rolle gespielt, teils weg:n der wirklichen oder vermeintlichen
Schädlichkeit oder Lästigkeit des Tieres, teils wegen seines Felles. Berufs-
mäfsige Maulwurfsfänger (Sreneurs de taupes bei Rabelais, vgl. täupier, Grande
Encycl.) sind von altersher umhergezogen oder von den Gemeinden angestellt
worden. Über den Maulwurfsfang und dabei zu verwendende Fallen hat
C. Jugelius (Leipzig 1616) ein ganzes Buch geschrieben (vgl. auch die Enycyl.
von Krünitz, Bd. 85, S. 677 ff., ferner die Abhandlungen von La Fäaille, Paris
1770 und Rochelle 1775 u.a.). Im Italienischen ist Zraßpola der allgemeine
Begriff für Falle, wird vielfach auch für Mausefalle verwendet — wie weit
auch für Maulwurfsfalle, konnte ich nicht ermitteln. — (Rieglers Erklärung aus
talpula, LgrPh. 1927, Sp. 378, beachtet nicht die oben erwähnte geographische
Verbreitung und Entstehung der Form Zarpa).
SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN II 501
Italien auf Karte I durch . hinter der Ziffer gekenuzeichnet) wohl
erst wieder sekundär durch sorex oder rallus hervorgerufen. An
Ableitungen kennt das Lateinische /a/danus ‚maulwurffarbig‘ (Plin.,
HAıst.n. XIV, 3/4 als Attribut zu zus; desgleichen Zalpona), talpınus
‚maulwurfartig‘ (Cassiodior, Var. 9/3; beide Belege bei Georges;
vgl. auch Merlo, S/{R IV, 164, Anm. ı). Das Simplex /a/da muls
einmal der ganzen Apenninenhalbinsel bis hinauf in die rätischen
Berge und Gallien (als m. auch der iberischen Halbinsel) angehört
haben (über die Entstehung der Form /oßa und ihre Verbreitung
in Italien s. 0. S. 496fl.); heute ist /alda noch bündnerromanisch.
Wo es in Italien sonst noch vorkommt, ist es überall als durch
die Schriftsprache eingeführter Latinismus zu betrachten (vgl. Jud,
l.c.). An das Bündnerische schlielst sich südlich (tessinisch) und
östlich (ladinisch) ein /alpina- Gebiet an und an dieses noch weiter
südlich ein lombardisch-venezianisches /opina- (lopıinar(i)a-) Gebiet.
Nach dem seinerzeit Ausgeführten ist es ohne weiteres klar, dafs
die /0d-Formen, vom Süden kommend, sich hier über ein älteres
zusammenhängendes /a/bina- Gebiet gelagert haben. Und zwar rührt
die Bezeichnung /alpina vielleicht von attributiver Verwendung (mus ist
im Bündnerischen, wo es noch als Bezeichnung der Maus verwendet
wird, /.!) her. Wieder ein interessanter Hinweis auf einen ur-
sprünglich engeren sprachlichen Zusammenhang zwischen der lom-
bardisch-venezianischen Ebene und den Alpenmundarten! Dieselbe
Ableitung (Typus /rappına 724 u.a.) kennt dann auch das Nea-
politanische. Da hier m- und /-Formen durcheinander gehen,
kann -na nur ursprüngliche Deminutivableitung sein. In Calabrien
(761, 762, 771) finden wir auch noch /uppinaru (gewm. *lopinarıu).
Ableitungen von /alanus (abgesehen vielleicht von Zup4 271)
kommen eigentlich nur in einer breiteren Zone im Süden vor in
Verbindung mit -arıa (gewm. */opanaria in den Abruzzen und
Molise). Ein breites /aldone- (lalpuy, tarpuy, trapuy) Gebiet stellt
Piemont und die nordwestliche Lombardei dar, wobei die
Formen offenbar wieder schriftsprachlichem Einflufs zu verdanken
sind. Dieselbe Ableitung (in der Form /apone, taponar(t)a) ist in
Apulien und der Basilicata heimisch. Dafs /aldone (oder urspr.
talponus?) zunächst attributivisch verwendet wurde, wird durch Zu-
sammensetzungen wie ral-fapuy 252, 72" als möglich hingestellt.
Die mehrfach erwähnte Ableitung auf -arıa hat ursprünglich
lokalen Sinn, und so bedeutet *aldinarıa (vgl. frz. /aupinidre), *lalpa-
narıa, *lalponaria zunächst den Maulwurfshügel. In den verschie-
densten, darin wohl voneinander unabhängigen Gebieten, im
Venezianisch-Ferraresischen, in verstreuten Punkten im nördlichen
Lombardischen und Piemontesischen, ferner in den schon ge-
nannten Strichen Mittel- und Süditaliens kommt die Bezeichnung
des Maulwurfshügels dazu, für den Maulwurf selbst einzuspringen,
was gar nicht weiter verwunderlich ist, da bei der Rede von dem
selbst sehr selten sichtbaren Tiere der Hinweis auf den auf-
geworfenen Hügel leicht milsverständlich als auf das Tier bezüglich
502 FRIEDRICH SCHÜRR,
aufgefalst werden kann. In dem einem ZApanara-Gebicte benach-
barten P. 645 heifst z. B. Maulwurfshügel /opanära. Wir werden
diese Übertragung noch öfter und zwar auch aulserhalb Italiens
antreffen.! In den verschiedensten Gegenden treffen wir auch cire
entsprechende männliche Form, sei es, dals zu dem ursprünglich
lokalen -arıa eine Form auf -arızs als nomen agentis gebildet oder
das Wort durch Anlehnung an sorex oder raftus männlich wurde.
So kommt im übertragenen Sinne das Wort /rapinde im Nord-
lombardischen zur Bedeutung ‚minatore‘ (Garb. S. 939). Verschie-
dene Umbildungen knüpfen an die männliche Form im Süden an
wie 2. B. /rappinäle 723 (weitere Belege bei Garb. 935—938) durch
Einwirkung des Suffixes -als. Andrerseits wurde */a/danarıa über
tupanär® (639, entspr. 656 usw.) als Zopa nera (= talpa nera) ver-
standen (/a fupandäyr> 658 u.a., vgl. Garb.). Im Gebiet zwischen
dem Monte Rosa und dem Lago Maggiore gibt es noch eine Zone,
wo eine Ableitung auf -arıa, die ursprünglich den Maulwurfshügel
bedeutete, auf das Tier selber übertragen wurde: es ist der Typus
frapüctra (P. 128 usw.; in 51 /alpüsfria; abgesprengt 93 ul tra-
püst als m., ferner als /apüsgra in 59“, 60“, 61“). Cherubini ver-
zeichnet für das Mailändische /rapuscra = topaja; androne
cunicolo, bucherattola che fa in terra la talpa (dazu /rapusce =
chiamano in qualche parte del contado il Rail faßpon; vgl. P. 93).
Das Tier heifst nach Garb. in Fresonara (Alessandria) /arpüsa: es
ist also auszugehen von einer Deminutivform Za/puceia. Bezüglich
der ;-Formen (/rapıeera 114, ı15) vgl. /G S. ı7. Die Form sird-
püsfra 109 hat ihr s- durch Einfluls des Verbums s/raßfare.
In der Toskana, wo #080 zur Bedeutung ‚Maus‘ gelangte, und
im weiteren Umkreis davon erscheint /020o, -a ‚Maulwurf‘ vielfach
mit dem unterscheidenden Attribut czeco, -a. Dient dieses Attribut
erst sekundär der Unterscheidung, nachdem schon /opo ‚Maus‘
gebildet worden war, oder hat es nicht vielleicht erst letzteres
veranlalst? Die Zoologie unterscheidet eine „talpa europaea Linne‘
mit sehr kleinen, im Pelz versteckten Augen und eine südeuro-
päische (ihr Bereich beginnt in Italien eben mit der Toskana)
„talpa caeca Savi*, deren Augen fast ganz verkümmert sind (vgl.
u.a. Garb. S. 882). Und in der Tat findet sich seit den ältesten
Zeiten überall beim Volk die Vorstellung, der Maulwurf (also nicht
blofs der südeuropäische) sei blind. So lesen wir bei Albertus Magnus,
„De animalibus“, der auf Aristoteles fulst, I, 140: ... non habet
oculos ...; mus caecus, quem talpam vocamus ... (VII, 123);
. quod Avicenna videtur vocare murem caecum, quem nos
talpam vocamus ... (VID, 13); ... Talpa est animal parvum de
genere muris quod et mus terrenus et caecus vocatur ... (XXI, 143,
105). Der Maulwurf wurde schon von den Alten der Gattung der
Mäuse zugerechnet und noch bei Conrad von Megenberg, der
i Riegler, 1. c., zitiert aus Puscariu, REWB 1098, mugsinois „Maulwurfs-
haufen“ > ıinaztdor. „Maulwurf*.
SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN II. 503
seinerseits wieder auf Albertus fufst, findet sich: „Talpa haiszt ein
Scher oder ain maulwerf. Daz ist ain klain tierl und ist plint
und swarz.“ In Süditalien (auf Karte I Calabrien) heifst der Maul-
wurf demnach auch ‚sorcio orbo‘ (in 748, 792 entspr. #flo Bondico,
s.u.).1 So möchte ich glauben, dafs durch das schon vorhandene
‚talpa caeca‘ ein Zoda ‚Maus‘, bzw., da /oßa vielfach ohne unter-
scheidendes Attribut in der Bedeutung ‚Maulwurf‘ gebraucht wurde,
das m. topo veranlalst wurde. — Nebenbei sei bemerkt, dafs ‚sorcio
orbo‘ ın Calabrien auch Umbildungen erfährt unter der Einwirkung
des Suffixes -uolo (vgl. ssuricıu-campagnuolo in Verbicaro di Paolo,
Gem. Cosenza, nach Garb.): suriua 752 (vgl. 745 surslür:v),
soralsglu 742. Besonders interessant aber ist ssäricı-6lpu in Catan-
zaro (Garb.), da es auf sorcio orbo + Zalda beruht und dies in der
unmittelbaren Nachbarschaft eines /arfa-Gebietes (wodurch also
wieder einmal erwiesen wird, dafs rKons. als Versuch der Wieder-
herstellung eines ZK°"s auftritt). — Auch P. 464 hat ein Attribut
zu /oß, nämlich räguy, das zu einem in Norditalien weitverbreiteten
Verbum rügd(r) < *erucare von eruca ‚grufolare, frugare, rimesco-
lare‘ (Merlo, SR IV, 161; vgl. Anm. 2: rügant = porco im Bergam.)
gehört,2 wonach z. B. im Pavesischen die Maulwurfsgrille rugaröla
(l. c.) heifst.
Damit verlassen wir die Sippe /alfa, um uns den Gegenden
zuzuwenden, wo Um- oder Neubenennungen stattgefunden haben.
Im Gebiet um den oberen Lago Maggiore finden wir die Bezcich-
nung motsöy 71 (myfsüy, pl. 70, 231 musum; abgesprengt tessin.
mölsdm 42), ferner etwas südwestlich 71", 126, 139 müsuy, 137 misdy
für den Maulwurf, wozu noch ra/ musäy — ‚Ratte‘ 149 kommt. ?
Man denkt dabei an einen Zusammenhang mit mo/la ‚Erdhaufen‘
(REW 5702; Bertoni, Z’ edemento germ. S. 159; vgl. namentlich
afr. mofe u. S. 509) und die ganze Sippe bedeutungsverwandter
Wörter, wie sie in ganz Norditalien, in den Alpenmundarten und
bis nach Frankreich hinein verbreitet sind (vgl. auch Jud, ZDR
DI, ı1). Wie verhält sich dieses angeblich germ. mo//a zu ahd. molta
‚Staub, Erde‘ (Maulwurf —= mhd. moltwerf ‚Erdwerfer‘)? Vielfach
spielt nach Norditalien das S. 494 erwähnte tosk. mofa <. malla
(vgl. emilian., paves., piacent. mo/a = fango, poltiglia) herein.
Langob. müfste man überdies *nozza erwarten, und auf ein solches
Wort scheinen die fraglichen Benennungen von Maulwurf hin-
zudeuten (oder soll man Zusammenhang mit RZW 5792 mutius,
ital. mozzo ‚abgestumpt‘ annehmen ? Etwa *mus oder */alpa mutia ?).
Die Annahme eines *mozza — ‚Maulwurf‘ wird gestützt durch 453
mylsa, 520 motsa (und /pda), 193 müsa, 29 mulslna = Cunnus
ı Weitere Zusammensetzungen mit orbo, cieco usw. bei Garb., S. 878 ff.
3 Vgl. 455: la töpa kla rugu la ffru.
® Zur Lautbezeichnung: /s —= z, im piemont. z. T. > s; / = stimmh. s, $
stimmlose Lenis. Weitere entsprechende Formen aus demselben Gebiet bei
Garb. 877. — P. 222 »noyön durch Einfluls von mo/@ = immollare, ammollare,
mojascia = poltiglia, melma, fangaccia (Cherubini, mail.; zu ZEW 5646).
504 FRIEDRICH SCHÜRR,
(weitere Belege fehlen mir, doch dürfte das Wort, wie schon diese
paar auseinanderliegenden Punkte zeigen, sehr weit verbreitet sein).
Die Form moisoy < *mozza erklärt sich ohne weiteres durch das
- benachbarte grolse Zalpone-Gebiet, die @#-Formen aber in der süd-
westl. Gruppe durch Vermischung mit dem Typus mu/one (von
REW 5784), der urspünglich eine weite Verbreitung gehabt haben
muls: P, 2539 hat i müfü —= ‚Maulwürfe‘, 258 = ‚Ratten‘, 109 raf
dal müfun (ratto dal musone) — ‚Ratte‘, 372 rdti mu/oni. Dazu
kommt noch in 446 müs ‚Maus‘, offenbar mu/o.
Noch auf einen anderen ursprünglich weiter verbreiteten Typus
hat mu/one abgefärbt: in P. 466 (Loiano) finden wir mü/ga < morsıca.
Nördlich liegt getrennt davon ein morsica-Gebiet, das von der
Gegend von Belluno ins Trentino hinüberreicht. In 354 mäyega,
334 mü/ck m., sowie 345 mufigfra zeigt sich im Vokal der Einflufs
von mu/one, in 345 auch der des umgebenden -arıa-Gebietes.
344 mo/egäro, bzw. mol/egäaro ist eine Umdcutung zu einem m.
nomen agentis des Verbums mo/egar (REW’ 5690), das / aber stammt
von benachbarten Formen wie Zo/pinara 333.1
In diese ganze Wortsippe spielt auch die Bezeichnung für cie
Spitzmaus mus araneus herein (bündnerisch mi/arpa vielfach auch
für die Ratte, lomb.; vgl. Garb. 883/4). P. ı60, 172 mä/.t! knüpft
vielleicht auch an zu/o an: fürs Veronesische führt Garb. geradezu
musin, musin longo, ralın dal muso longo an. Aber in dieser Gegend
kreuzen sich auch morsica und mus araneus: mo/egagno (Thiene),
mü/gagn (Val di Sole), näfgiyn 310. Neben müsgöt (Vermiglio),
musogöt (Pejo) im Trentino findet man dort auch das uns schon als
Bezeichnung des Maulwurfs bekannte mu/ıghera (Lazzaro-Treviso)
für die Spitzmaus. Man kann sich jetzt eine Vorstellung machen,
wie gewagt angesichts solcher beständiger Umprägungen und
Umdeutungen rein lautliche Rekonstruktionen wären, die das Geo-
graphische aufser acht liefsen. Ziehen wir noch 305 4 must, 313,
314 e/ musil —= Spitzmaus in Betracht, wo lautliche und geographische
Gründe auf Ableitung aus mhd. mus weisen (vgl. 312 Ja yp/sa,
315 rolsu — dtsch. Katze) so zeigt sich eine schier verwirrende
Fülle von Möglichkeiten der Kreuzung und Umprägung gerade
der Wortsippen auf m-, die uns zuletzt beschäftigten.
Auf geographisch getrennten Gebieten fanden wir bisher mehr-
fach die Übertragung der Bezeichnung für den Maulwurfshügel auf
das Tier (auch aulserhalb Italiens werden wir dieser Erscheinung
begegnen). Wir finden auch noch in weit auseinanderliegenden
Gegenden die Vorstellung des Grabens und Wühlens als Ausgangs-
punkt für die Bezeichnung. Da zeigt gleich das Friaulische die
Ableitung von einem Verbum rumare (Flecchia, AG/ U, 78; Ascoli,
I Entsprechende Formen finden sich auch im Südostfranzösischen, s. A/F
K. 1642 und Rolland, Zaune £oß. I, S. 18; zu beachten ist jedoch, dafs vielfach
u statt % steht, was sich verschieden erkiären kann (durch Einflufs von mo/son
oder morsica oder murru, REW 5702?).
SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN Il. 505
ib. VU, 580—ı, REW 7434): rümola 345, 56", (rdmoya 356), rumera
54", 55“ (wahrscheinlich unter Einflufs der -arıia-Ableitungen, vgl.
345, 365, wenn nicht Umbildungen der folgenden:) rumafera 52",
53", grumatira 369 (über gr- und 7- vgl. Muss, Beir. 164, 196;
369 hat auch scavafera). Rümola bezeichnet ferner in Friaul. auch
stellenweise die Maulwurfsgrille, wie ja auch sonst die Namen der
beiden Tiere füreinander einspringen, wobei der Vergleichspunkt
eben das unterirdische Wühlen und Gängegraben beider ist (vgl.
Merlo, SR IV, 160, 164; Garb. 944). So finden wir auch rifola
‚Maulwurf‘ in Massa Marittima (Garb. 940) und ‚Maulwurfsgrille‘ in
Volterra (Merlo 159) und von letzterer ist magnaradice (Casale in
Contrada: Chieti) auf den Maulwurf übertragen worden. Die
Romagna weist heute noch ein gröfseres zusammenhängendes /odica-
Gebiet auf und davon abgesprengt im Ferraresischen, die P. 62“, 63”:
hier hat sich offenbar in einer Zeit der relativen Abschlielsung eine
besondere Bezeichnung eingestellt, in der Zeit des Exarchats von
Ravenna. In Mittelitalien fällt zunächst P. 576 kadgpa auf: 23"
cava-fopu, sozusagen ‚Grabmaus‘, bietet die Erklärung. Es ist im-
perativische Bildung mit /ops (bzw. /opa) als Subjekt (/G $ 322).
Entsprechend ist auch gav»/apHla 732, ferner gdvarpspa ‚Grabkröte‘ 615
(oder ‚Grabfrosch‘? Garb. 6135; über die Kröte = Maulwurf vgl. u.
S. 509). Aus Imperativ + Objekt besteht dagegen /u davaterey 760
(Guardia Piemontese). — In den Provinzen Salerno, Neapel, Caserta
heifst der Maulwurf z. T. z0ccola (Garb. S. 880), in Caserta selbst
zöccola de campagna, in Neapel zoccol’ e terra, in Salerno 3. cecdia. In
der Bedeutung ‚Ratte‘ kommt das Wort in weiterem Umkreis in
Süditalien (u. a. P. 656, 666, 701, 712, 714, 719, 722, 742, 745,
zucculone 729) vor. D’Ovidio, Campobasso, AG/1V, 164 sieht darin
sörcola, was aber lautlich und begrifflich nicht angeht (g- statt s-,
rc > cc wäre vereinzelt; Bedeutung ‚topaccio‘). Daher möchte
ich von der Bedeutung ‚Maulwurf‘ ausgehen und das Wort von
langob. *zoAha, ahh. zuohha (Zoche), ableiten und als ‚Pflüglein‘
deuten, womit sich dtsch. ‚Schermaus‘ (zu Schar, Pflugschar) und
aratüru ‚Maulwurf‘ in Matino di Gallipolli (Lecce; Garb. 941;
‚Maulwurfsgrille‘ in Maglie, Merlo, l.c. 163) vergleichen liefse. Die
ursprüngliche Bedeutung ‚Maulwurf‘ findet sich auch gerade im
Bereich des ehemaligen langobardischen Herzogtums Benevent.
Dafs der Name der Maus (bzw. Ratte) vielfach auch für den
Maulwurf herhalten mufs, sahen wir schon oben S. 503 und zwar
war es dabei zunächst die Vorstellung von der angeblichen Blindheit
des Maulwurfs, die wieder das unterscheidende Merkmal liefert,
denn wirkliche Homonymität, tatsächliche Verwechslung finden wir,
wie schon hervorgehoben wurde, eigentlich nirgends. Neben sorcio
orbo oder cieco zeigt sich daher häufig sorcio di terra (im Gebiet
von Teramo; Salerno, Ausonia di Gaeta; Garb. 879 ff.), di campagna
(Sorento, Nardo di Gallipoli, prov. Lecce), ssärici hirragnu (Lentiscosa
di Vallo della Lucania), ssö/ce teragnolo (Vettico di Prajano-Salerno),
ssuriciu campagnudlo (Verbicario di Paolo-Cosenza), Und so dürfte
506 FRIEDRICH SCHÜRR,
ein ssöcira da sserpi (Pezza Croce-Messina) aus einem soricı da terra
umgedeutet worden sein, wie wohl überhaupt mancher Volks-
aberglaube erst durch eine Volksetymologie veranlalst sein mag.
In der Basilicata finden wir sorcio falpone (bzw. stellenweise farpone
(Garb. 881), P. 744 sorg* farpgn*. Da stellenweise forchione (Prov.
Salerno) für sorchtone auftritt, wird man Einfluls von /orca mit Hin-
sicht auf das Erdaufwühlen annehmen.
In den griechischen Kolonien Uhnteritaliens stölst man wieder auf
die Bezeichnung ‚blinde Maus’ =rvg@Aoc norrıxos (o diflo pöndiko 748
— Corigliano, o /rifo pöndiko 792) für „Maulwurf“. Ponticus ist von Haus
aus die Bezeichnung des ‚mus rattus Linne‘, der Haus- oder Dach-
ratte, die aus den Gegenden des Pontus Euxinus mit der griechischen
Besiedelung nach Unteritalien kam: Plinius (Zis/. Nat. Zib. VUI—
XXXVIN) kennt sie unter dem Namen ‚Mus pondicus‘. Seit den
Kreuzzügen verbreitete sie sich dann im übrigen Europa (Garb. 8601.).
Albertus magnus gibt die erste Kunde davon in Deutschland. Davon
zu unterscheiden ist die Wanderratte, ‚mus decumanus‘, die sich
nachweislich erst im ı8. Jahrhundert von jenseits der Wolga kommend
über Europa ausbreitete, grölser ist als die Hausratte, aber in der
Bezeichnungsgeschichte begreiflicherweise immer wieder mit ihr zu-
sarnmengeworfen wurde. In der Bedeutung ‚Maus‘ sind die Formen
von fonlicus in 748, 792 von denen des Maulwurfs differenziert,
nämlich o fondikg, to pondici. Im übrigen aber erleiden die Formen
von Pondiko die verschiedensten Umgestaltungen und Umdeutungen
wie föndiko in der campagna tarantina, proföndicu (< Hi-fro pondicu)
in der Gegend von Lecce, dann weiter sprufünducu in Gallipoli,
wo überall die Vorstellung des unter der Erde, im Boden Wühlens
die Volksetymologie gefördert hat, und ferner da/reföndıco, -fündaco
(„... dovuti forse alla credenza popolare che dalla talpa si generi
il ratto delle chiaviche“; Garb. 942), alles in der Gegend von Lecce.
In der Romagna finden wir ein kleines Gebiet (1“, 5"), das
ein fonga = Maulwurf kennt. Es ist dies ein Überrest eines auf
dem Rückzuge befindlichen Jontia ‚Ratte‘, bzw. ponticus ‚Maus‘.
Letzteres umfalst heute noch einen Landstrich, der etwa durch die
P. 4139, 25”, 456, 436, 427 bis zur Po-Mündung umgrenzt wird, ersteres
greift darüber noch hinaus nach 415, 444, 424, 413, 443, 432, im
Südosten aber drängt von den Marken her sorex nach (in der
Form *soricu, vgl. Jud, l.c.), altangestammtes Land wieder in Besitz
nehmend. Dabei ist allerdings zu beachten, dafs wir z. T. dort
ponticus = Ratte treffen, wo Maus = sorex (in 443, 444), bzw.
muso (446). Andrerseits haben Orte des sorex-Maus-Gebictes ein
eutsprechendes /. als Bezeichnung der Ratte (20° sor/p = ‚Maulwurf‘;
479, 458 Sprga u.a.). Das /. pontica = Ratte ist also offenbar durch
lalpa, topa, fodica hervorgerufen worden, wie denn der Maulwurf in
der äufseren Erscheinung, namentlich in der Gröfse, mehr Ähnlichkeit
mit der Ratte hat als mit der Maus. Jedenfalls zeigt Jorga ‚NMaul-
wurf‘, dals Songa ‚Ratte‘, bzw. Donticus ‚Maus‘ einst der ganzen
Romagna angehört haben muls. Es war dort ein Eindringling in
SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN Il. 507
einem alten sorex-Gebiet (s. u. S.510) und muls aus den griechischen
Kolonien Unteritaliens gekommen sein zu einer Zeit, als mit ihnen
ein engerer politischer und administrativer Zusammenhang im Gegen-
satz zur norditalienischen Umgehung bestand: zur Zeit der byzan-
tinischen Herrschaft im Exarchat von Ravenna, in der sich ja auch
ein Ersatzwort wie /odica einstellen und ausbreiten konnte.
Isoliert ist /o2 = Maulwurf im Tessinischen (73; nach Garb. 942
in der Lombardei auch für cunnus). Als Etymon möchte ich dafür
den keltischen Stamm /ucof- (vgl. A. Holder, Altkelt. Sprachsch. s. v.),
gall.*ücos (vgl. Pedersen 1, 376, U, 71, 101; ir. Zuch, cynmır. Z/yg usw.;
vgl. auch Nemnich !) ‚Maus‘ in Vorschlag bringen. — Eine Wort-
familie, die in Mittel- und Süditalien verbreitet ist, scheint mir
ebenfalls sich zunächst auf Maus oder Ratte bezogen zu haben.
Zunächst finden wir auf Karte I um Rieti ein Gebiet mit crocchia
— Maulwurf (594 Rieti gröca), dann in der Prov. Salerno erucchione
69“, cörchia (Montesano die Sala-Consilina und S. Marina), edskıa 70",
korlinära 740. Ich glaube, dafs hier von der Bedeutung ‚knistern‘
des Verbums crocchare (REW 2339) auszugehen ist, die sich
zunächst auf die Maus oder Ratte bezogen haben kann. Freilich
habe ich nur Adrda ‚Wasserratte‘ aus 731 belegt. Oder, da S/R
V, 279 für Subiaco Zro2kja = insetto che vive della radice del
granturco, reat. crucchjulone gegeben wird, es wäre von ‚Maulwurfs-
grille‘ auszugehen ? Noch wahrscheinlicher stellt sich aber das Wort
zu ital. crocchia ‚Haarknoten‘ (REW 2260; vgl. span. ra/a — Ratte
und Haarknoten) und es könnte dann die Metapher ebensogut
zuerst vom Maulwurf gebraucht worden sein. Die Umstellung corchia
erklärt sich durch weitverbreite Formen wie sorchia < sorcula, korlinara
ist natürlich durch benachbartes /rappinara 36" beeinflufst.
Nicht so naheliegend wie die bisherigen sind die Übertragungen
der Bezeichnungen von Wiesel, Marder u. dgl. auf den Maulwurf.
Das Wiesel verfolgt jedoch den Maulwurf bis in seine Gänge: so
finden wir zönnola (ladY°%k > r) in Trepuzzi (Lecce) — ital. donnola,
in Novoli, Leverano, Squinzano, Pisignano /onnula mit Einmischung
von Zo-fa oder dgl. Bei Messina heifst der Maulwurf marmulledda,
also Murmeltier (Garb. 943). — In Friaul gibt es eine Zone, wo
der Maulwurf so/va benannt ist, das Garb. wohl mit Recht zu s056/
— Maulwurf (Nemnich 1418) stellt und aus dem Istrorumänischen
gekommen sein muls (vgl. 397 gl cöbo, 378 la $üba). Im Rumä-
nischen (und zwar Muntenischen) wurde sodd/ ‚Maulwurf‘ aus russ.
sobolj ‚Zobel‘ entlehnt, wobei die Verwendung (z. T. brauner?) Maul-
wurfspelze eine Rolle gespielt haben kann. So erklärt sich uns nun
auch rum. sodoldn ‚Ratte‘ ohne weiteres als Ableitung von sodd/ mit
dem Anlaut von soarece. Das friaulische so/va hat im Osten Ein-
bufse erlitten durch ein neueindringendes far, das pflenbar aus
Kärnten herübergekommen ist (dtsch. /arken, ferkel, kärnt. heute
ı Ph. A. Nemnich, Catolicon, Allgemeines Polyglottenlexikon der Natur-
geschichte, Hanıhurg, 1793 —98.
508 FRIEDRICH SCHÜRR,
noch /2%2 — Schwein; vgl. Garb. S. 941). Sollte im Friaulischen
falpa ‚Maulwurf‘ deshalb zurückgedrängt worden sein, weil das Wort
dort auch ‚Fufs‘ bedeutet? (vgl. Tagliavini, ZrpA. XLVI, 51—33).
Zu der Bedeutung /alpa ‚Fuls, Handfläche‘ usw. ist zu bemerken,
dafs der Handballen in deutschen Gegenden vielfach ‚Maus‘ genannt
wird, so dafs es sich hier um eine sekundäre Bedeutungsentwicklung
von /alfa handeln kann. — Ganz merkwürdig ist, dals in 367 der
‚Maulwurf‘ /ödula heilst, von Scheuermeier allerdings mit Frage-
zeichen versehen. In der Lagunenstadt Grado dürften Maulwürfe
auch gar nicht vorkommen. Sonst müfste man daran denken, dals
das Nisten der Feldlerche in Ackerfurchen zu der Übertragung
Anlafs gegeben habe, wozu dann noch /erräneola (REW 8670) in
der Bedeutung ‚Feldlerche‘, venez. /aranola ‚Brachvogel‘ zu ver-
gleichen wäre.
Von den ganz isolierten Formen sei noch dur:#:i 751 genannt
(vgl. Meyer, Alban. WB S.458 s.v. urf; weitere Formen aus den
albanischen Dörfern bei Garb. S. 941; zu Aamorida in Rosciano,
Prov. Teramo, vgl. Alb. WB s.v. hamurik < ngr. yaumpuyag —
Erdgräber). |
In das piemontesische /arpone-Maulwurf-Gebiet schiebt sich ein
Wort fremder Herkunft ein, das wir im ganzen Bereich der West-
alpen von der Provence bis zur französischen Schweiz in einer
breiten Zone antreflen: darbün (darbone, REW 2173, als darpus bei
Polemius Silvius). Ducange verzeichnet dardbus: animalis genus
frugibus infestum; aus einem Comput. ann. 1480 ... contra mures,
Darbos, Talpas, et alia animalia fera dampnum inferencia in fruc-
tibus ... usw. Vielleicht handelt es sich hier um eine Bezeichnung
der Maulwurfsgrille.e Von kleinen lautlichen Abweichungen ist bei
den französischen Formen zu erwähnen der Anlaut z7- (= engl.
stimmh. /) in Savoyen, n- in der Provence, v- 973. Letzteres
(varbd) würde sich nach RZW 5652 aus dem zweiten Teil von
‚frk. molwurp erklären, ersteres durch eindringendes fJari, d;ari
Ratte‘ (su. S. 511).
Das darbone-Gebiet, das uns von Italien nach Frankreich hinüber-
führt, grenzt an das groflse französische Zaupe-Gebiet, das gut vier
Fünftel von Frankreich einnimmt. Nur an der Peripherie gibt es
Ahweichungen von der reichssprachlichen Bezeichnung. Die Um-
setzung franzischer au-Formen in pikardische ö-Formen (föß) habe
ich in dieser Ztschr. 1921, S. 133 ff. besprochen. Im nördlichen
Pikardischen finden wir /ouan usw., also das Part. praes. von fodere,
dann nach Osten anschlielsend im Wallonischen und Lothringischen
fouillant (vgl. auch Rolland, Faune pop. 1,9). P.ı58 weist eine
völlig isolierte Form, nämlich mü auf. Es handelt sich hier um den
german. Stamm, der in den Reichenauer Glossen auftritt: /aldas =
muli qui terram fodiunt, vgl. die deutsche Bezeichnung Mull für
Maulwurf (ahd. multwurf, mulwerf, muwerf usw. mnd. mul, mol,
ndl. >02), ferner Mull ‚lockere Erde, Stauberde, Schutt‘ (vgl. Grimm,
Weigand s.v.). Da auch Ducange ein mulus (und mollus) = acervus,
SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN II. 509
cumulus verzeichnet, ist nicht sowohl von einer Abkürzung von
mulwurf auszugehen, sondern von der uns schon bekannten Über-
tragung des Namens vom Maulwurfshaufen auf das Tier! (vielleicht
dann der acc. müö aus einem afr. nom. mulus > *müls > *müus >
müs). Dazu stellt sich dann natürlich auch noch mulof ‚Spitzmaus‘.
Von dem Namen des Maulwurfshügels leiten sich in zwei be-
nachbarten Gegenden Frankreichs die Bezeichnungen des Tieres
her. In dem an das Oberelsafs grenzenden P.65 finden wir mötrifi
(bzw. 75 mötreni). Das uns schon bekannte frz. molte (s.o. S. 503)
findet sich afrz. gelegentlich in der Bedeutung ‚Maulwurfshügel‘:
Des ycx du cuer ne veons gote
Ne que la taupe soz la mote.
(Ruteb., zit. Godf. X, 746)?
Dazu gehört dann als Verbum moffer —= cacher deri&re une motte
de terre (l.c. 179), dazu wieder moferet, molteret m. —= monticules ...
voisins d’une riviere, durch das zurückweichende Flu[swasser ent-
standen (l.c. V. 422). Nun gibt Rolland (I, ı1) gerade aus dem
benachbarten Dep. du Doubs moutire = Maulwurfshügel (mostiöre).
Ein daneben anzusetzendes *mo/fier —= Maulwurf wäre dann unter
dem Einfluls von zmofteret und des begrifflich naheliegenden möier
(= montagne in 65. 75) zu mölreii umgestaltet worden.
In einer benachbarten Zone des Dep. Doubs und der franz.
Schweiz heifst der Maulwurf bäöso (44, 54, 43) bäsro (55), büsrö
(71, 73), däströ (vgl. dazu Rolland I, 9: bdoussou, boussot, bowsserot,
bousseran aus Besancon; als Verbum dousser = pousser). Als Grund-
wort liegt frz. bosse (RZEW 1240, Gamillscheg, s. v.) vor, wovon
afrz. docer —= former une bosse abgeleitet ist:
Par ses prez nivelez, si la taulpe a boss&
(Gauch., PVais. des chamßs, S. 102, zit. Godf. I, 669).
Daneben steht docerE = bossu von einem weiteren Verbum dorerer.
Von den beiden Verben wurden dann die oben zitierten Formen
abgeleitet.
Die im ersten Augenblick auffallendste Bezeichnung für den
Maulwurf hat das Gaskognische gewählt, nämlich lat. du/o ‚Kröte‘.3
Wenn man jedoch beobachtet, dafs die Kröte sich gern in der
gelockerten Erde des Maulwurfshügels aufhält, fällt das Unwahr-
scheinliche der Übertragung weg.*+
I Auf mul, mulet = ‚eine Art Maus‘ in den Fabeln der Marie de France
(vgl. ed. Warnke, S. LIIL—LIV und Glossar) weist mich A. Zauner hin: L.i
mulez, ki semble suriz (F. LXXIII).
2 Vgl. mote auch in der Bdtg. mons Veneris (Gud=efroy X, 179).
® buhl usw.; in 662, 665, 672, dühe f. in Nachbarschaft von fäoße f.
% Freund Riegler macht mich darauf aufmerksam, dals die Kröte im
bıeton. Argot von La Roche ouser ferk = mangeur de terre (Ernaut, Notes
d’dtymologies bret., S. 268) heifst. Das slovenische Art, urslav. 4,33 = Maul-
wurf wird von Hirt, Braunes Beifr. XXIII, 334 von ahd. cArote abgeleitet,
und zwar, wie die romanischen Verhältnisse zeigen, mit Recht (anders
510 FRIEDRICH SCHÜRR,
Das Katalanische zeigt eine verhältnismälsig geringe Abwechslung
in den Bezeichnungen für den Maulwurf. Auf den Balearen ist das
Tier unbekannt (wie in Sardinien und vielfach auch in Sizilien !).
Den gröfsten Raum nimmt /alpa (fast überall m. e/ tal, mit Aus-
nahme eines nördl. Grenzstreifens) ein, wobei a- und au-Zonen
einander abwechseln (s. o. S. 496). Dazwischen schiebt sich (im
nördlichen Teil der Provinz Valencia) span. #0 bis an die Küste
vor. In diesem Streifen (P. 72 des ALC) findet sich ein mu/aran
eingesprengt, etwas weiter nördlich (56) ein rafa und im nördlichen
taup-Gebiet bufot (23, 24), beides sonst Bezeichnungen der Ratte.
An der westlichen Grenze der Provinz Katalonien, ungefähr westlich
von Balaguer, liegt dann eine kleine Zone (18&—2ı) mit mörzröl
(zu REW 5762): hier bedeutet nämlich 09, /aup ‚Ratte‘! Daran
schliefsen sich im Aragonesischen Formen wie /0döndra (17), /Apd-
nerö (1), täböndrö (2) und in dem nordwestlichen Zipfel Kataloniens
(3, 4) düera, alle ursprünglich den Maulwurfshügel bezeichnend,
erstere dem Typus /a/ponaria entsprechend (vgl. falponera Valencia),!
letzteres durch den benachbarten P. 790 des AZZ’ (Karte 1718 B)
buhero —= laupiniöre erklärt.
Nun noch einige zusammenfassende Bemerkungen zur Be-
zeichnungsgeschichte der Maus und Ratte, soweit diese nicht
anläfsiich der Benennungen des Maulwurfs schon erörtert worden
ist. Eigentlich ist eine wortgeschichtliche Scheidung zwischen den
beiden Begriffen gar nicht möglich, denn hier hat erst recht ein
beständiges Hin und Her stattgefunden, bzw. es ist die Bezeichnung
überwiegend vom selben Stamm erfolgt. Wenn in Italien die Ratte
von der Maus nicht durch ein verschiedenes Wort oder durch
ein Attribut (z. B. 149 rat ‚Maus‘, rat musiy ‚Ratte‘, 234 rat
und ra/ de kulmina oder etwa ein Suffix (156 raf und raluy) unter-
schieden wird, mufs dazu das grammatische Geschlecht dienen und
zwar in der Weise, dafs dann die Ratte als das entsprechende /
erscheint. Da in anderen Ländern eher die kleinere Hausmaus
als Weibchen der Ratte aufgefalst wird (vgl. Rolland, l.c. I, 29),
mufs dies in Italien seinen Grund in den besprochenen besonders
engen Beziehungen zwischen /alda und rattus haben. Wir fanden
schon in dem oben (S. 506) erwähnten emilianischen Gebiet dor/zcus
‚Maus‘ und pontica ‚Ratte‘ und dasselbe gilt auch für das grofse
mittel- und süditalienische sorex-Gebiet, soweit dort die Ratte nicht
zoccola heilst (s. o. S. 505). In dem toskanischen /050-Maus-Gebiet
dagegen bezeichnet man die Ratte gewöhnlich als /arpa (515, 523 A,
542, 543, 544, 545) oder farpone (522, 532, 541, 552; falpone 554).
Die Karte ‚Maus‘, wie sie mir vorliegt (vgl. auch Garbini,
S. 857), ergibt also folgendes Bild: Italien ist offenbar ursprünglich
Berneker, WB2.). Diese Parallele verdanke ich Koll. H. F. Schmid. Dals
der Maulwurf angeblich Kröten fresse, wie er selbst beobachtet haben will,
berichtet Albert Magnus (N XII, 143, 1. c.).
I Auch talpinera (gespr. Igupinere Vich), faupin® m. (Vall d’Aneu,
Castellbö), falpinades f. pl. (Besalü, Avinyd, Calaf) kommen vor,
SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGLOGRAPHISCHE STUDIEN II. 511
ein einheitliches sorex-Gebiet gewesen, da dieses Wort noch über
die ganze Halbinsel mit Ausnahme des toskanischen Z090-Gebietes
mit seinen Ausläufern, der erwähnten kleinen emilianischen Zone
und des Westens von ÖOberitalien verbreitet ist. Von den Sprach-
inseln (748, 792 s.o. S. 506; zu 751 mfw vgl. G. Meyer, Alb. Wb.
s.v.) ist dabei natürlich abzusehen. Das Bündnerische hat lat. mus
bewahrt. Der gröfsere Teil der Lombardei, ferner Piemont und
Ligurien (mit Ausläufern im Venezianischen 369, 371, 372, 581;
versprengt im Süden 715) weist raffus ‚Maus‘ auf und von hier
aus ergibt sich ein Zusammenhang mit frz. raf (vgl. ALF, Karte
souris 1260), das ziemlich genau in der Osthälfte von Frankreich
(freilich auch mit Ausläufern nach den verschiedensten Richtungen)
herrscht und sich von dort über die östlichen Pyrenäen nach
Katalonien und Spanien hinüberschiebt. Sonst finden wir souris,
bzw. einige isolierte Bezeichnungen. In Oberitalien deckt sich raf
(+ Attribut) ‚Ratte‘ im wesentlichen mit ra/ ‚Maus‘, in Südfrankreich
(der ALF hat leider nur die Halbkarte 1690 für raf) aber reicht
ersteres weit darüber hinaus und ist vorherrschend. Es ergibt sich
also ein zusammenhängendes iberoromanisch-, französisch-, nordwest-
italienisch-deutsches za//us-Gebiet. In Italien kann nach der gec-
graphischen Lage ra//o nur importiert sein. Damit fällt die von Brüch
(Einfl. germ. Spr. S.7) vorgeschlagene Herleitung von raffus aus ital.
ralto < rapidus weg. Auch oberdeutsches ‚Ratze‘ mit /# > /z scheint
dagegen zu sprechen. So bleibt, da sich auch über die Zeit der
Ausbreitung der Ratte in Europa (s. aber 0. S. 506) nichts Sicheres
sagen läfst, Spitzers Vorschlag, darin ein schallnachahmendes Wort
zu schen (Arch. Rom. 1927, S. 293/4), immer noch am wahrschein-
lichsten. Daher möchte ich als schallnachahmend auch die Sippe
£arı (= Maus in Piemont 152, 153, 160, 161, 163, 173, 172, 175,
ı8ı1, 182, darüber hinaus noch — Ratte 170, 150, 140, 142, 144),
die sich von Piemont über die Westalpen nach Savoyen-Provence
hinüberzieht (AZZ' 1260, 1690, vereinzelt 1642 musaraigne) auf-
fassen. Die provenz. Form gar! würde sich als sozusagen hyper-
korrekte Form für das ursprünglichere Zar: durch das Schwanken
zwischen ga- und fa-Gebieten erklären (anders Nigra, AG/ XIV, 278).
In der darbone-Region wird Sarı, Jari, dyaarı + darbone > Jaryo, zaryo
(972, 965 usw. vgl. K. 1690).
Im ganzen Bereich des Venezianischen, ja man kann geradezu
sagen im ganzen Bereich der ehemaligen Herrschaft der Republik
oder ihres politischen und kommerziellen Einflusses (als Grenzpunkte
im Westen habe ich 58, 216, 238, 401 vermerkt), also in ganz
Venetien, Friaul, Istrien, in Südtirol und in der östlichen Lombardei,
dann aber auch noch in einem weiteren Umkreis in den Marken
um Ancona heifst die Ratte Santigana (bzw. ponticana). Diese Be-
zeichnung hängt natürlich mit den S. 17 besprochenen unteritalienisch-
romagnolisch-emilianischen Formen Zonticus, -a zusammen, ja es
handelt sich wohl ursprünglich um eine Weiterbildung von romagnol.
pontica ‚Ratte‘ (Suff. -ara als adj. Attribut zu einem f. ‚Ratte‘, Typus
512 FRIEDRICH SCHÜRR,
fodica, talpa, sorca u. dgl.), das zur Zeit des Exarchats und der
byzantinischen Herrschaft in Venedig aus der Gegend von Ravenna
nach Venedig gekommen und von dort aus (mit der Verschleppung
des Tieres selbst auf dem Handelswege) weiter vorgedrungen sein
mufs. So finden wir in der genannten Zone der Marken (529, 538,
548, 558, 567, 569, 578) z. T. noch o-Formen (nämlich 558, 567),
während im Venezianischen selbst Assimilation des vortonigen o
an d eingetreten ist. Im Krainer Slovenischen aber erscheint Sodgzna
‚Ratte‘ (Nemnich) als venczianisches Lehnwort noch in der älteren
Form mit o (wobei freilich auch volksetymolog. Einwirkung von pod
mitspielt). Stellenweise liegen Kreuzungen von danfigana mit anderen
Wörtern vor: 218 : rampani (= ratto + pantıgana + rampar.),
330 Ja mantagäna (in der Nähe des Gebietes, wo morsica — Maul-
wurf). — Zu einer anderen Wortfamilie gehört im Venezianischen
362 morcdüy ‚Ratte‘ (als ‚Hausmaus‘ vgl. bei Garb. verones. more-
ciola usw. S. 883), nämlich zu RZW 5760 *mürtculus.
Sardinien ist in der Hauptsache ein sorex-Gebiet. Der Süden
hat /0ßo als Toskanismus, daneben merdäna, merdgna, mardfna
‚grolse Ratte‘ (zu RZW 5406?). Im Norden (916 des AZ/S u.a.)
kommt sporadisch ra/fs# vor, das dort wohl importiert ist.
Zu den frz. Verhältnissen ist noch nachzutragen, dafs die Karte
souris im Langue d’Oc und weitem Umkreis mit Ausläufern nach
Nordosten den Typus *märka (REW 5757), in der Gegend der
Dep. Herault und Gard /ure/ = souris (RE W 3590, 3603, Gamilscheg,
s. v.) aufweist. Gelegentlich kommen interessante Kreuzungen vor
wie hürdiio < bufo + mus aranea (668 — souris, 658, 009 —= musa-
raigne, letzteres 668 drät bühüs) oder 628 fürgolo (in der Nachbar-
schaft 637, 720 mürg&to ‚Maus‘) < _furo + murica.
Im Katalanischen kommen rafm. und rafa f. vor und zwar
bedeutet ra/ das grölsere Tier, die Ratte, za/a die Maus (nach
Vogel, WB), vgl. dazu: „A la fi la donzella prega lo ermita que
pregas Deus que tornas rata, en axi com era abans, e que li
donas per marit un bell rat* (Lull, Felix I, 186). Die gröfseren
Abarten werden auf verschiedene Weise unterschieden, so heilst
die Wasserrate (arvicola amphibius Linne) zunächst rala d’aigua
(im nordwestlichen und südlichsten Zipfel der Prov. Katalonien)
oder rat-buf (im weiten Umkreis um Barcelona), daran anschlielsend
nach Südwesten 52/0, im Roussillon (bis einschliefslich Andorra)
räl büfot und daran südwestlich angrenzend dufd4, westlich ra/ bufd
und rafa grila. Bei Balaguer schiebt sich von Aragon herüber
ein breiter Keil mit /aup = rat-buf herein. Es ist ohne weiteres
klar, dafs die mit 5/6 zusammengesetzten Formen mit dem gas-
kognischen dwfo-Maulwurf-Gebiet zusammenhängen, nur dafs sich
hier (wie schon jenseits der Pyrenäen in P. 782 duf6; dagegen
790 wie sonst gask. duh6) das Wort dufo (vgl. ital. duffone, REW 1373,
siz. kalabr. dufa ‚Kröte‘) eingemischt hat. Die Form 5#/öf beruht
auf ralöt —= rala grossa, rdla grila aber ist wohl durch Maulwurfs-
grille = Maulwurf veranlafst.
SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN II. 513
Lassen wir nun den bunten Wechsel von Formen, das beständige
Hin und Her und Übertragen, Umprägen, die Umdeutung eines
Wortes auf einen mehr oder minder, oft nur sehr äufserlich, nur
ganz entfernt oder nur scheinbar verwandten Begriff vor unserem
geistigen Auge vorüberziehen, was lehrt uns dann die Bezeichnungs-
geschichte von /alda, mus, raltus? Ungenauigkeit der Beobachtung
hinsichtlich der Verwendung einer Metapher bei der ländlichen
Bevölkerung, andererseits aber eine Freude an der Verwendung
von Bildern, gelegentlich sogar an grotesker Ausdrucksgestaltung ?
Ich glaube, dafs diese Momente nicht ausschlaggebend sind, wenn
sie sich auch wohl immer in einem gewissen Ma/se geltend machen.
Der Umstand, dafs Homonymität letzten Endes doch überall wieder
beseitigt ist, scheint mir ein anderes Erklärungsprinzip nahezulegen:
Gillierons „detresse onomasiologique*, Bezeichnungsnot, aber
(wenigstens nicht in unserem Falle) nicht infolge der Homonymität,
die durch die lautliche Entwicklung oder aus sonstigen Gründen
eingetreten wäre, sondern aus Armut des Wortschatzes bei den
betreffenden Schichten des Volkes. Es ist ja bekannt, dafs der
Landmann in seinem täglichen Umgang über eine erstaunlich geringe
Zahl von Wörtern verfügt, die er sofort zum Gebrauch bereit hat.
Für alles aber, was nicht täglich und immer wieder in seinen Ge-
sichtskreis tritt, muls er, um es zu bezeichnen, zu irgendeinem
gerade seinem Gedächtnis oder seiner Anschauung naheliegenden
Ersatzwort greifen, wodurch dann die mehr oder minder bildhaften
Übertragungen oder Neubildungen zustande kommen, die wir kennen
lernten.
Die vielen Vermischungen und Kreuzungen von Worttypen aber,
die uns aufstiefsen, mögen davor warnen, allzu unbedenklich Laut-
regeln und lautliche Entwicklungsreihen aufzustellen.
FRIEDRICH SCHÜRR.
Zeitschr. . rom. Phil. XLV11. 33
Die beiden Verben habere und tenere in der altspanischen
Danza de la Muerte.
Eine entschiedene Selektion hat die südliche Gruppe der
romanischen Sprachen getroffen hinsichtlich des Verbs, das den
Besitz bezeichnet. Der Süden der Romania verwendet für den
Begriff „haben“ Abkömmlinge des lateinischen Zenere und bekennt
sich damit zu einer konkreten „handgreiflichen“ Einstellung gegen-
über dem Besitz. Teil haben daran die Schriftsprachen der iberischen
Halbinsel: das Portugiesische, Spanische, Katalanische, die ibero-
romanischen Mundarten mit Ausnahme von ein paar Pyrenäendörfern
des Hocharagon, die noch an Aabere festhalten; der Roussillon mit
geringen Ausnahmen und mehr oder weniger ausschliefslich das
Sardische und die süd- und mittelitalienischen Mundarten. Das
heutige Sizilien scheint kein /enere „haben“ zu kennen laut Atlas
inguistique de U’ Italie et de la Suisse meridionake,! doch findet es sich
in älteren Texten. Dieser einschneidenden Neuerung gegenüber,
die im äulsersten Westen der Romania am stärksten zur Durch-
führung gelangt ist, sind das Galloromanische, das Norditalienische,
das Rätoromanische und das fernabliegende Rumänische beim alten
habere geblieben. Einzelheiten, sowie Berücksichtigung der Enklaven
sind einer späteren Arbeit vorbehalten. Die Studie beschränkt sich
auf das Altspanische, wie es die zu Beginn des 15. Jahrhunderts
entstandene Danza de la Muerte? bietet.
aya y ayas por lenga y lengas se dezia antıguamente y aun
lo dızen agora algunos, pero en muy pocas Partes quadra:? das ist die
philologische Feststellung des Grammatikers Juan de Valdes aus
Cuenca, der 1541 starb. Leider präzisiert er nicht näher.
Die Beziehung, in der die beiden Verben Aabere—tenere zu-
einander stehen, ist die einer allmählichen Ablösung des Erstgenannten.
Noch heute schreitet sie fort, aber sie wird nie ganz vollkommen
sein. Denn vermöge seiner Fähigkeit der Einfügung und An-
schmelzung hat sich Aadere eine Funktion vorbehalten können: die
Bildung des Futurs, die ihm auch da verblieben ist, wo die Ver-
1 Das Material wurde mir freundlicherweise von Herrn Prof. Jud in Zürich
kopiert und zur Verfügung gestellt, wofür ich ihm nochmals herzlich danke.
2 So setzt Pfandl, Spanische Literaturgeschichte 1, Berlin 1923, S. 29
das Datum an.
® Hrsg. von Moreno Villa, Madrid, Calleja 1919, S. 159.
HABERE UND TENERE IN DER ALTSPAN. DANZA DE LA MUERTE. 515
schmelzung nicht vollzogen ist: im Portugiesischen in Formen wie
vE-lo hemos, vE-lo hei, die neben veremos, verei bestehen. Interessant
ist in diesem Zusammenhang, dafs in den drei Pyrenäensprachen
neben das dem Futur nahestehende „Müssen“ port. Aei-de dizer,
span. he de decir, kat. he de dir folgende Konstruktion tritt: Zenho
de dizer, tengo que decir, tince de dir. Nicht ohne dafs die letzt-
genannte in Katalonien von den einheimischen Sprachfreunden
verwünscht wird. !
Völlig unangefochten in seiner Stellung scheint bis heute Aabere
als absolutes „es gibt“: port. ha, span. hay, kat. Ai ha.? Einige
Redewendungen, wo Aabere noch als selbständiges Verb auftritt,
verzeichnen die Wörterbücher.
Als Hilfsverb hat Aadere schon stark an Boden verloren im
Katalanischen und Spanischen, wie schon die Danza de la Muerte
zeigt; im Portugiesischen ist der Proze[s zugunsten von fer so gut
wie abgeschlossen.
An Querschnitten durch die Jahrhunderte lälst sich das jeweilige
Verhältnis der Verben Aabere—tenere feststellen. Hier diene als
Basis für den Beginn des 15. Jahrhunderts die Danza de la Muerte,3
die uns den Menschen in einem Augenblick zeigt, wo die Habgier
triumphiert und er mehr denn je an das denkt, was er hat oder
haben möchte.
So klagt der maurische Theologe, alfaquı:
yo tengo muger discrela, gragiosa, 587
de que he gasajado e assds plazer.
Todo quanto tengo quiero Perder, 589
dexa me con ella solamente estar.
Hier bedeutet /ener ‘haben’, ‘besitzen’.
Im Cid sind dergleichen Fälle durch Aader ausgedrückt: 4
ea las fjas que ha 384, I14II u.a.
nur einmal findet sich /ener und verdient in seiner Vereinzelung
besondere Beachtung:
mis fijas e mi mugier que las tengo acd, 1638
wo die Anwendung von /ener in Verbindung mit der Lokalbestimmung
sicher ein Willensmoment des Sprechenden, Cid, enthält, ein ver-
anlafstes Halten, Unterhalten.d iener konnte auch ‘befehligen’
bedeuten, was zur Unterstützung dieser Auffassung beiträgt.
1 Vgl. Pompeu Fabra, Converses hlolögiques ı astrie, Barcelona s.a., S.162.
3 Ferner in der Sonderentwicklung, die es in der Bedeutung „ergreifen“,
„festnehmen“ genommen hat: kat. keure; in port. haver por ben „billigen“.
® Nach der Ausgabe von Carl Appel, Die Dansa general in Beiträge
zur rom. u. engl. Philologie dem X. deutschen Neuphilologentage überreicht,
Breslau 1902.
% El Cantar de Mio Cid, R. Menendez Pidal, Madrid 1910.
5 fenir ‘unterhalten’ ist auch afrz. zu belegen: Zntra en jalousie pour
ce que on disoit que le duc de Brabant son mary tenoit une gentille femme,
Le Fevre de S. Remy, Chartres VI, ı52 aus Lacurne de Ste-Palaye.
33*
516 EVA SEIFERT,
Es klagt der Stiftsherr, canönigo:
D’esto que tengo soy bien papado. 351
Vaya quien quisiere a tu vocagion.
Der Betbruder, santero, lälst sich vernehmen:
e tengo en mi huerto assds de Repollos. 606
Vete, que non quiero tu gato con pollos.
Hier ist der Besitz von der Ortsangabe begleitet, so dafs man im
Zweifel sein kann, ob Z/ener hier einfach „haben“, „besitzen“ be-
deutet oder ähnlich wie im Cidbeispiel als „halten“, „unterhalten“
aufzufassen ist. Jedoch im folgenden Beispiel, das ebenfalls eine
Ortsbestimmung enthält, ist sicher die Bedeutung „besitzen“ zu
erkennen mit einem Nebensinn „aufbewahren“.
Der Kaufmann, mercadero, jammert:
Gane lo que tengo en cada lugar. 300
Agora la muerte vino me llamar.
Es mahnt der Tod den Pfarrer, cura:
Que muchas dnimas loujstes en gremjo, 390
segunt les Registes auredes el premjo.
Hier liegt kein eigentlicher Besitz vor, sondern ein „anvertraut
erhalten haben“. Das folgende Zegistes suggeriert einem sogar die
schon zum Cid angeführte Bedeutung /ener „befehligen*. Nebenbei
sei bemerkt, dafs /fener en + Substantiv schon früh auftaucht. So
lassen sich obigem /ener en gremio än die Seite stellen aus dem Cid:
que lo nuestro lendmoslo en salvo 25311 und die häufigen /ener en
poder, tener en guarda des Fuero Juzgo; und es ist leicht hier von
einem konkreten „halten“, d.h. „festhalten“ auszugehen.
Den bisher genannten konkreten Gegenständen des Besitzes
steht nahe: pro.
Dem Zahlmeister, contador, ruft der Tod zu:
cuento de alguarismo nn su diuision
non vos lerndn pro, e yredes comjgo. 502
Die Verbindung von /ezer mit dem aus spätlateinischem Prod
entwickelten fro ist im Altspanischen sehr häufig. Sie tritt auch
schon früh auf, allerdings im Cid nur einmal:
que les toviesse pro rogaron a Alvar Fänler
neben häufigerem Aaber:
no les ha ningun pro 2734
que vos avrd pro (el portero) 1380
ninguna (sgincha) nol ovo pro. 3639
ı Ähnlich 2469. Dagegen mit Aaber: lo otro han en salvo 2483;
ähnlich 2664.
HABERE UND TENERE IN DER ALTSPAN. DANZA DE LA MUERTE. 517
Die Konstruktion ist die wie auch in der Dansa, d. h. die Person
steht im Dativ.! Man muls ner mit „bringen“ übersetzen. Will
man eiue Nüance in der Bedeutung annehmen, so könnte man für
haber pro „Nutzen haben“ und Zener fro „Nutzen haben und be-
halten“ ansetzen. Aber da bei 570 meist eine Konstruktion mit
dem Dativ eingetreten ist und da verhältnismälsig früh /ener sich
einstellt, ist anzunehmen, dafs vielleicht schon bei dem Auftauchen
der Verbindung /ener pro ein besonderer Sinn des angewandten
fener nicht mehr empfunden worden ist, sondern dafs sich die
beiden Verben in ihrer Bedeutung schon derartig stark genähert
hatten, dafs fast mechanisch nun auch das „Terrain 570“ von iener
ergriffen wurde.
Etwas kommt noch hinzu. Im Spätlatein finden sich die Ver-
bindungen prode esse, prode facere, prode fieri mit dem Dativ der
Person.?2 Zcnere scheint nicht vorzukommen. Wahrscheinlich ist die
Anwendung noch anderer Verben uns nicht belegt. Aus dem
Altfranzösischen lälst sich avenir und faire beibringen. Dagegen
fehlt offenbar die Verbindung von /enir mit Pro, statt dessen lälst
sich aber anführen /enir domage im Sinne von farre domage.* Es
wird also /ener zu jener Reihe stets verfügbarer Verben gehören,
die neben ihrer Eigenart und ihrem Grundsinn eine Art Hilfsverb
abgeblafster Bedeutung darstellen, das sich dem mit ihm verbundenen
Substantiv unterordnet, so wie heutiges span. Zevar, port. far, engl.
get, dtsch. machen.
Nicht eigentlich als Besitz ist /ener tempo aufzufassen, es wird
sich als „Zeit behalten“ für eine Handlung leicht erklären,
Der Abt, abad, scheint sich zu trösten:
E sy tengo tienpo, prouoco e apelo; 255
mas non Puede ser, que ya desaltiendo,
Aber dem Küster, sacristan, mufs der Tod eröffnen:
Ya no tends tienpo de saltar Paredes 562
njn de andar de noche con los de la canna.
Es sei hier angereiht /ener als Mafsbegriff, „enthalten“, d.h. „in
sich haben“ (que ist von foyo abhängig).
Dem Steuereintreiber, recabdador, wird das Zukunftsbild:
Dar vos he vn poyo en que esteys asentado
e fagades las Rentas, que tenga dos pasos. 534
1 Daneben findet sich auch die Konstruktion cada gual avrd Pro 2130,
2481 im Cid, wo die Person Subjekt ist, sie ist auch afız. mol! grant prod
i avres (Roland), Godefroy.
2 Beispiele bei H. Rönsch, /tala und Vulrata, Marburg, Leipzig 1869,
S. 468, 469; H. Schuchardt, Vocalismus des Vulgärlateins Il, Leipzig 1867,
S. 504.
8 Mut en porra granz ruza !’plise avenir. Garnier, Vie de St. Thomas;
bon preu vos fasse, ma damoiselle. LouisXI, Cent.nowv.; auch bei La Fontaine
noch Beispiele (Godefroy).
* Bei Perard, Histoire de Bourgogne 475 (Lacurne de Ste-Palaye).
518 EVA SEIFERT,
Früh hat /ener Eingang gefunden in die Lehnssprache, nicht
nur Spaniens, sondern des Mittelalters überhaupt. Aus der Danza
sind die folgenden Fälle anzuführen:
Der heilige Vater, padre santo, erklärt:
benefigios e honrras e grand sennoria
toue enel mundo, pensando veusr. 93
Die Variante zu 351: de aquesta (calongia) que tengo assas soy pagado.
Der Dechant, dean, erzählt:
grand Renta tenja e buen deanaspo 283
e mucho trigo en la mj Danera,
wobei die zweite Zeile eigentlich unter die S. 516 angeführten
Beispiele einzureihen wäre. Die Verknüpfung des Eigenbesitzes
(/rigo) mit einem nur anvertrauten „Verwaltungsbesitz“ (deanazgo
und der zugehörigen ren/a) lälst erkennen, wie sehr auch in den
Wendungen iener beneficio, tener honra, lener deanazgo u.a. tener sich
zur Bedeutung „haben“ entwickelt. In altkastilischen Urkunden ist
häufig und deutlich Eigenbesitz und Lehensgut durch Anwendung
der Verben Aaber und /ener gekennzeichnet. /ener ist zum terminus
technicus geworden, und meist steht auch der Eigentümer und
Verleiher eines Gebietes genannt.
In der Urkunde gı, ı237 San Millän de la Cogolla heifst es:
que non ala poder de uender nın den fennar a omne de Madris de la
eredat que tienen de san Millan‘! und in Urkunde 213, ı222 Hontoria
de Valdearados: damos ... quanto que auemos en Frontoria ..' que
la tengades por en uuestros dias.?
Aus Neapel 1109: a foris est terra quam tenel Rofreda de
memoralo loco Saliana et de consorhibus suis.
Aus dem Altfranzösischen:
Tenez Nerbone et tote la costiere;
tot la cıt et la grant tor Pleniere
landroiz de moi de ci a Porte Aıpiere
" Aymeri de Narbonne (Godefroy).
So hat sich mir sogar im Neufranzösischen erhalten: ce Seigneur
dont nous tenons seul le fief, Claudel, Z’annonce faite 4 Marie S. 90.
In der deutschen Lehnssprache wird „haben“ angewandt. Den
klassischen Ausdruck hat es gefunden in Walther von der Vogelweides
Jubelruf: ck hän min lEhen, al dıu werlt, ich han min l£hen. Jedoch
die Urkunden geben /enere, so die Heinrichs Il. von 1023: za
videlicet ul avus eius Pandulfus tenuit ( Principatum).*
ı Documentos linpülsticos de EspaAa: Castilla, Madrid 1919, hrsg. von
Menendez Pidal, Zeile 46.
2 Zeile 5.
® Monumenta ad Napolitani Ducatus, Bartholomaei Capasso 11, ],
Neapoli 1885, 360, 594.
4 Mon. Germ. hist. Dipl. reg. III, Nr. 483, Zeile 29.
HABERE UND TENEKE IN DER ALTSt’AN. DANZA DE LA MUERTE. 519
Wie sich zeigt, ist das Geltungsbereich von /erer in dem 632
Verse zählenden Denkmal der Danza de la Muerte noch verhältnis-
mälsig klein: in der Bedeutung „haben“ bleibt es auf konkrete
Dinge beschränkt. Das ganze Gebiet nicht konkreter Güter ist
noch immer Aaber vorbehalten:
a ty a desora, que non he cuydado 22
que tu seas mangebo o viejo cansado.
en folgura viuo, non he turbagion. 348
Resgelo he grande de yr al lugar 333
por lo qual avredes Denas e dolores. 580
Razon es que ayades 449
dolor e quebranto,.
los que bien fizieron avrdn syempre gloria, 623
los que’l contrario, avran danpnagion.
por do, sy le plaze, avremos folgura. 630
sy aver queredes conplido perdon. 47
de lo que fesistes abredes soldada 100
sepunt las Registes (las dnimas) avredes el premjo. 391
en la gloria eternal avredes grand parte. 403
donde abr& alegria syn otra tristura 414
sy bien le serujstes, avredes honor. 483
de que (muger) he gasajado e assds plazer 588
creo que es la muerte que non ha dolor 107
duennas e donzellas, aved de mi duelo 265
aved buen conorte, que asy ha de ser. 279
muerte, yo te vruego que ayas piadad 553
de mj, que so mogo de pocos dias.
de matar a todos costumbre lo he 163
aqul avrdn fyn los vuestros deseos 183
sy no te detienes, mjedo he que luego 173
me prendas o me mates,
de ty non oujera lan fuerte temor. 190
sy mal las (dnimas) Registes, avredes afruenta 327
avn este otro dia ove Prouisyon 350
d’esta calongia que me diö el perlado.
Dafs im letzten Beispiel Aader steht, bildet keinen Gegensatz zu
dem zu Lehensausdrücken Gesagten S. 518, da ja hier provisiön
den Ausdruck modifiziert.
Als Redensart, die sich bis zum heutigen Tag erhalten hat,
sei hier angeschlossen: Aaber menester, doch ist es menester bei weitem
häufiger.
Non he menester de yr a trocar. 537
Gering ist die Zahl der Beispiele, in denen iener in einer
. anderen Bedeutung als „haben“ vorkommt. Es kann noch „be-
folgen“, „einhalten“, „führen“, „pflegen“ heifsen:
non vos valdrd faser gargarismos
conponer xaropes njn tener diecta. 374
520 EVA SEIFEKT,
non veo que tienes gesto de lecor. so5
non vy en Salamanca maestro njn doctor
que tal gesto tenga njn tal paresger 508
tengo buena vida, avn que ando a fedir. 603
Das nächste Beispiel, das auch hierher gehört, ist in der Lesung
nicht ganz sicher gestellt:
non tends manera de andar a dangar. 547
Dann ist noch /ener „halten für“, „glauben“ zu erwähnen:
sy d’ella (muerte) escapo, thener me he por sSaje. 208
syn dubda tened que soes escribto 419
en libro de bida, segunt que yo creo.
Daneben kommt auch Aaber pro vor, nicht eigentlich in dem Sinne
von „halten für“, sondern „annehmen als“; statt eines durativen,
liegt ein inchoatives Verb vor.
Zum Abt sagt der Tod:
aved me por vuestra, quilad de vos sanna 262
ca mucho me plaze „.. vuestra conpanna!
zum Pfarrer:
tal commo a vos quiero aver por vezıno, 389
wo auch das a des Akkusativs vor der Person nicht fehlt.
Interessant ist noch, dals /ener gleich einem Hilfsverb mit dem
Partizip Perfekt gebraucht wird:
que non vos valdrdn thesoros njn doblas
a la muerte que tliene sus lazos parados, 44
wo man gut mit einem „bereit halten“ interpretieren kann. Etwas
anders liegt schon der Fall, wenn der Erzbischof erklärt:
mas syenpre del mundo fuy amador ;
bien se que el Infierno tengo aparejado; 192
obwohl afarejar dem Sinne nach farar nahesteht. Hier fehlt die
Absicht und das Ziel der Handlung, es wird nur ihr unausbleibliches
Ergebnis angegeben. Dort ist der Sinn aktivisch, hier passivisch.
Die Bedeutung „halten“ kommt hier nicht mehr in Frage. Es ist
zweifellos schon eine analogische Konstruktion.
non vos enojedes, sennor padre santo,
de andar en mi danga, que tengo ordenada. 98
Ein gewisses duratives Moment wohnt hier dem /engo ordenado
inne „ich befehle und halte den Befehl aufrecht“, so wie in heutigem
fengo dicho „ich sage und bleibe bei meiner Aussage“. Ein gleiches
Beharren liegt in den Worten des Herzogs:
yo tenia pensado de fazer balalla. 171
HABERE UND TENERE IN DER ALTSPAN. DANZA DE LA MUERTE. 521
Und ebenfalls im letzten Beispiel, wo das Partizip attributiv
zum Substantiv steht:
que ya tengo d’ella (la muerte) todo el seso turbado 112
läfst sich der Kaiser vernehmen: „mir bleibt .. .“.
Analoge Beispiele finden sich heute in Mittel- und Süditalien
ziemlich zahlreich. In Serracapriola (Foggia) sagt man: //ygz {
män addurnit2 p u fredda.!
haber als Hilfsverb steht weniger als man meinen möchte. Über-
haupt ist das Perfekt selten in diesem Denkmal:
el enperador con toda sw gente
que son en el mundo, de morir han forgado 40
Dues que ya el frayre vos ha Pedricado 61
en esta tu danga, que non he acostundbrado 524
por vnos dineros que me han promelido 526
ca he esperado e el plazo es venjdo. 527
pagad los cohechos que aves leuado 530
por que satisfaga del mal que he fecho 558
a lodos los que aqul non he nonbrado. 617
Hier ist überall die verflossene Handlung als Tatsache hingestellt,
ohne dafg besonderer Wert auf deren Fortdauer gelegt wird.
Der Vollständigkeit halber seien noch ein paar Beispiele zum
Futur angefügt:
ı. Formen ohne Präposition:
dar vos he un consejo que vos serd sano 357
fares grand cordura ; llamar te ha el sennor 431
sy bien serujstes, avredes honor. 483
Weitere Beispiele sind S. 519 f. zitiert, es sind die Verheilsungen an
die Sterbenden. Es ist dies die mildeste Form, in der die Menschen
angeredet werden. Sogar das Sterben wird dem heiligen Vater in
dieser Weise verkündet:
aquj moriredes syn ser mas bolligios 103
2. haber a:
Einen andern Ton schlägt der Tod an, wenn er zur grolsen
Menge spricht:
que a morir avedes, non sabedes quando. 30
Das Unvermeidliche wird damit charakterisiert. Auch der Lohn
für gute Taten tritt zwangläufig ein. Sogar dem gottesfürchtigen
Einsiedlier mufs der Tod es klarmachen:
pero con todo esto avredes a yr
en esla mj danga con vuestra bauaya. 485
ı Vgl, S. 5ıq, Anm. ı.
522 E.SEIFERT, HABEKE U. TENERE I. D. ALTSP. DANZA DE LA MUERTE.
Und doch hat er ihm kurz zuvor als gebührenden Lohn ver-
kündet:
sy bien le seruistes, avredes honor
en su santo Reyno, do aves a venjr. 484
Genau in dem Sinne fügt sich der Mönch:
ay de mj, cuytado, que avrd a dexar 447
las honrras e grado, que quiera 0 que non.
Zum Schlufs bekennen alle:
Dues que asy es que a morir avemos 624
3 haber de:
Stärker als der Mönch empfindet der Herzog den Zwang:
avrd del dexar 174
todos mjs deleytes,
Der Tod mahnt den condestable:
fuyr non conujene al que ha de estar quedo. 209
den Knappen:
aved buen conorle, que asy ha de ser. 279
Auch der heilige Vater lehnt sich auf:
aver de pasar agora la muerte gı
ennon me valer lo que dar solia,s
der Ritter:
pero a la fyn syn dubda non sey
qual es la carrera que abrd de leuar. 240
Die Überschrift der letzten Strophe lautet:
dizen los que han de pasar por la muerte.
Der Stärkeunterschied zwischen Aader a und Ähaber de scheint
jedoch nicht bedeutend gewesen zu sein. Vielleicht entschieden
auch phonetische und metrische Erwägungen die Wahl des einen
oder andern. Von Dauer ist Aaber de gewesen, sicher aus den
eben erwähnten phonetischen Gründen, da die vielen vokalisch
ausgehenden Verbalformen die Präposition a aufsogen.
Über die beiden Verben in der Danza de la Muerte hat sich
feststellen lassen, dafs /ener „haben“ kaum mit Abstrakten angewandt
wurde, dafs es in beschränktem Mafse als Hilfsverb diente, weil
haber noch seine starke Stellung behauptete.
EvA SEIFERT.
m re m
! Die Variante hat a,
Le sens et l’origine de v. fr, plaissier, plaisseis.
I. Etymologies propos&es jusqu’ici pour le radical plarss-.
Pour le v. fr. Haisseis “haie” aucune Etymologie convaincante
n’a et proposee. M. Meyer-Lübke dans son Ziym. Wörterbuch part
d’une forme *plaxum “haie”, dont l’origine lui est inconnue. Dans
ses Notes d propos du Wörterbuch de Meyer-Lübke, ZRPh 40, 315,
M. J. Brüch reprend l’idee de Diez que plexus est & la base du
mot. Pour expliquer la voyelle az M. Brüch se voit force de supposer,
comme l’avait dejä fait Förster, ZRPh 5, 99, un croisement entre
plexus et paxus. M. Regula, Ziym. Studien an der Hand des Eiym.
Wörterb. von Meyer-Lübke, ZRPh 43, 130, montre que cette sup-
position se heurte contre le fait que plexus n’a pas surv&cu dans
les langues romanes. M. Regula, suivant son penchant pour les
entrecroisements, prefere recourir & la supposition paxum + plicare,
la fondant sur le sens “courber, ployer” que donne Godefroy, entre
autres, pour le vb. Plaissier. Avant de nous prononcer sur l’etymo-
logie de PLaissier, plaisseis, discutons leur sens et leur emploi.
2. Les ex. de plaissier dans Godefroy. Godefroy s’est
mepris sur le vrai sens du verbe.
Pour ce qui est du vb. Dlaissier, Godefroy le traduit au sens
propre “courber, ployer, plier, entrelacer”, refl. “se ployer, se courber,
se pencher”. Des ı6 ex. qu'il cite il n’y a que quatre ou cing
ou l’idee de “courber” prevaut. Les autres ex. se traduisent par
“abattre; s’abattre, s’abaisser”, comme par ex.:
Contre terre l’a jus Dlaissie
Et sor le chief li mist le pie, Wace.
Sor le col del destrier le Zlarsse, Ren. de Beaujeu.
Beissiez les reins, si vos Dleisszez.
A cest mot s’est cil abeissiez, Renart.
Plaissier les genoux *s’agenouiller” peut &tre compris tout aussi
bien “les rabattre” que *les plier”. — Le sens “abattre” est & la
base de tous ces ex.: Plaissier les anemis “les abattre”, de m&me
veintre et plaissier, plaissier et grever, plaissier el cravenler, destreindre
et plaissier, plessier et sozmelre ses anemis; le sommeil m’a pris et
Dlessie “abattu”, plaissier la loi Deu, les engins au deable, Vorguel
52} GUNNAR TILANDER,
de sa char, le feu!, sa joyeusete. Pour le sens fig. du verbe Godefroy
donne comme trad. “plier, courber, abattre, dompter, accabler, op-
primer, detruire” 23 ex. Les cing dernieres traductions sont les seules
qui vaillent; “plier” et “courber” n’y ont rien & faire. Godefroy
parait avoir voulu &tablir une transition entre le sens propre du
vb. qu’il croyait &tre “plier” et le sens fig. qui, ici il ne pouvait
se tromper, e£tait “abattre”. Godefroy doit la traduction “plier” A
Du Cange qui, sous pleisseicium, rend Laissier par “plectere”.
Godefroy donne encore un autre sens Plaissier une personne d
“plier qn & faire une chose, l’y pousser, !’y determiner” 5 ex. II
ressort clairement que Godefroy croit l’idee “plier” Etre & la base
de cet emploi du vb. Les ex. nous autorisent plutöt & expliquer
l’expression comme sortie du sens “battre” de Daissier; cf. l’ex-
pression analogue fousser gn d faire gch, & l’origine “le battre &”
(Zuisare). U est difficile de rendre raison des ex. Plaissier son cuer d
(3 ex. sur 5) sur la base “plier’’; “abattre, abaisser” vaut eEvidemment
mieux.
On lit ensuite dans Godefroy: refl. “se plier, s’humilier, ceder”
5 ex.; il faut traduire “s’abattre, s’abaisser” qui convient & tous les
ex.: Vers Damedeu moult se plaissa; Mais le noble Iyon ne se
plaissoit; I se plesse a ourer; Dieu prist char humaine a ventre
Marie Et quant pour nous tant se lessa, etc.
Le sens constat& ensuite “meurtrir”, I ex., provient evidemment
du sens *battre” de HLaissier. — Lex. suivant: De maintes pars
se sont sor lui PlarssıdE (Ogier) est rendu *se pr£&cipiter, se jeter”,
sens qui se fonde aussi sur celui de “s’abattre”.
S’ensuit un emploi neutre “ployer, tomber” ır ex. Le sens
“ployer” n’y a rien & faire. Si l’on regarde de pres les ex., on
s’accordera & leur attribuer plutöt le sens de “s’abattre, tomber”.
Aux cing ex. de Jaire plarssier cette expression €Equivaut & “faire
abattre”: Il les fa contre terre Aasssier; Sus ses espaulles vit ses
cavels Plassier; Font les chastiaus Plaisier; Adonc i veissies maint
Sarrasin lessier; Les uns chieent, les autres lessen?; Or vos taisies,
jo respondrai premier, Et vostre gent jaites tot cor plaissier (cl.
rabatlre le ion).
Plaissier au sens de “*quereller” 2 ex. se rapproche du sens
“battre”,
Godefroy donne aussi deux ex. du ptc. Plaissid traduisant tres
bien “dompte, abattu, accabl&” et trois ex. au sens “entoure de
clötures”.
Notons enfin le sens de “garnir d’arbres, entourer de haies”
4 ex. Cette traduction provient aussi de Du Cange: paissiare
“Plaissiis seu sepibus includere”. Dans !’ex. qu’en cite Du Cange
il faut attribuer au vb. le sens de “abattre”: Pars illa nemoris...
non permitletur crescere sed debent illud Slarssiare, de 1247. Dans
cet ex. de Godefroy: il s’estoit fortifi€ au gue de Houssu avec
! Ch. Vexpr. usuelle au moyen äge faire cheoir le feu.
LE SENS ET L’ORIGINE DE V. FR. PLAISSIER, PLAISSEIS. 525
force arbres abbattuz et ALessez, traduit “ploy&, courbe, entrelace”,
plesser est plutöt synonyme de adaffre, comme au douzieme ex. de
Godefroy: Aians abattw et plesse grande quantite d’arbres. Le sens
“entourer d’une haie vive ou morte” ressort clairement de plusieurs
ex. cites par Du Cange sous Zeisseicium et plessa; cf. au second
endroit pesseur “qui plessas facit”: une journee de Pesseurs, le
premier ex. de Godeftoy: Ses haies fait Aarssier et enforcir, Pex.:
plaissier les bois “entourer de haies” et Du Cange sous Plessa: Sed
plessare possunt et defendere quousque pessunia sit bannita.
3. Le sens originaire de plaissier etait “battre”.
D’autres ex. de ce sens.
Nous croyons avoir montr& par cette examination des ex. de
plaissier dans Godefroy que son sens primitif etait “battre, abattre”
et non “plier”, mais au cours des siecles AHarssier “abattre” a dü
evoluer au sens de “plier”. Les id&es “abattre” et “plier” sont
affınees; l’une n’est que l’efiet de l’autre. Le sued. kuva signifie A
l’origine *battre”, mais aujourd’hui son sens est “abattre, dompter,
faire plier, plier”; angl. cuf “battre” est le m&me vb, cf. v. fr.cufer
“battre” trait& par moi Romania 52, 465—7. Förster dans son pre-
cieux vocabulaire des Oeuvres de Chrölien de Troie traduit aussi
dlaissier par “niederwerfen, niederschlagen: abattre”, au neutre par
“zusammensinken: s’abattre”:
Deus, eingois que nos soiiens mort,
Conduisiez nostre nef a port,
Et cest tormant nos abeissiez
Et l’ire de cez vanz Dleissiez, Wilhelmsleben 2362.
Hai! con vaillant chevalier!
Con fet ses anemis 2leissier (Plaier G),
Con roidement il les requiert, Yvain 3200.
Quant cil l’ot, n’ot tant de vertu
Que tot nel covenist Zleissier, Karrenritter 1437 T.
Le sens “abattre” est encore atteste par les ex. suivants:
Li sis s’en quident arriere repairier
Par le guichet qu’il orent jus HLaissie,
Moniage Guillaume v. 2373,
traduit au gloss. “abattre, renverser”.
Mult se volsist de lui vengier,
Grant talent out de lui Saissier,
Ducs de Normandie DI, 10770 A;
d’autres mss. portent ici gregier.
Kar autresi comme la foldre
Abat tot avant sei et Zlesse,
Hist. Guillaume le Mare£chal, v. 3545.
E Sarrazin fussent Dlarssıe, ib. 9806,
526 GUNNAR TILANDER,
Que le destreinst en tel maniere
Que il ne pout avant n’arriere.
Tant le volt Zla:ssier e destraindre, ib. ISIST.
Tant dona coups destre e senestre
De l’espee qu’il tint a destre
Que cil ariere se Zlaissierent, ib. 11187.
Dans le gloss. de Gusllaume le Mar£chal Paul Meyer traduit Harssier
actif #accabler, Ecraser”, refl. *battre en retraite, flechir”.
Mais des or mais vient en corage
Au roi de veoir le barnage
Que dedens Escoche laissa
En duel qui pour lui les Alaissa, La Manekine 8186,
“il les laissa en deuil qui les abattait”; pour lui = ä cause de lui.
Derriere li se le laissast (: sa me&re),
Trop grans courous son cuer Dlaissast, ib. 8386,
“3’jl laissait sa mere derriere lui, un trop grand chagrin abattrait,
accablerait son coeur”.
Sa mere et son pere a laissies
Plourant et de courous Slaissides, TJehan et Blonde v. 104.
Les orgillous abatre et les felons Saisier, p.137, v.12.
Recouvrer les hardis et les felons Zlaisier, p. 161. v.19.
Les deux derniers ex. sont puises dans le Roman d’Alixzandre, ed.
Michelant, Bibliothek des lit. Vereins in Stuttgart 13.
Normant ne sunt proz sanz justice;
Foler e Zlaisier les covient:
Se lor sires soz piez les tient
E que bien les detolt e poigne,
D’els porra faire sa besoigne.
Orgueillos sunt Normant e fıer
E vanteor e boubancier;
Toz tens les devroit l’en Zlassier,
Mais mult sunt fort a justicier, Ducs Normandie g1485s.
Mes venuz est por nos li sire (: Jesus)
Qui l’oste et l’ostel Slaissera
Et o soi nos herbergera, Evanpile Nicodeme B 991;
“Poste et l’ostel” se rapportent ici au diable et ä& l’enfer.
Mes mout fut lor janglois Zassıe
Quant li evesque avant alerent, ib. B 340;
cf. rabattre le ton, et lex. cite p. 524.
Donc a l’enfer soz soi Dleissze
Et de son si& le trabecha, ib, B 1390.
LE SENS ET L’ORIGINE DE V. FR. PLAISSIER, PLAISSEIS. 527
Au gloss. de l’Evangile Nicodeme JLaissier est tres bien traduit
“dompter, rabattre”.
Que Rome plus ne se revele,
Et qu’ele est si fort abaissie
Et si vencue et si plaissie
Que Romain sont mis en prison,
Robert le Diable, v. 1434,
„.
traduit “dompter, maltraiter”; sens propre “abattre, abaisser”.
Entor lor vile ont la terre cerchiee,
Trovent la rote des nobiles eschieles
Et l’erbe fresche contre terre Slesiee,
Et les espices folees et marchiees, v. 2493.
Le dernier ex. qui est puise dans la Mort Aymeri de Narbonne, €d.
J. Couraye du Parc, Paris 1884, est traduit “&craser”; sens propre
“abattre”. — Aux ex. suivants de l’Zstoire de la guerre sainle par
Ambroise, G. Paris traduit Zarssıer par “dompter, accabler, ruiner”:
Por els destorber e Zlaisier, v. 2235.
Mais co l’aveit mort e Dleisid
Que tuit li suen l’orent laissie, v. 2031.
Sor noz conreiz tant s’espresserent
Que par un poi que nes Dlaiserent, v. 6294.
Le vb. signifie au neutre “s’abattre” aux ex. suivants:
Et maint postiau de sainte Yglise,
Dont li uns dLesse et l’autres brise,
Rutebuef, ed. Kressner, p. 73, v. 69,
traduit au gloss. *se rompt”.
Cil de Gadres se tienent qu’il ne voelent Zlaister,
Roman d’Alixandre p.ı58, v. 14,
traduit au gloss. “plier, courber, renverser”, seng secondaire.
Le sens “meurtrir” revient au fig. dans Robert le Diable. Robert
se confesse au pape:
Robers, qui mollie ot la fache
Des lermes qui del ceur li naissent,
Qui les ieus et le vis li DLaissent,
Li recrie merchi sovent
Des mals c’ot fait en son jovent, v. 624.
Dans ces deux ex. nous retrouvons le sens “pousser quelqu’un
a faire quelque chose’”:
A ce ne me porroit Zlaissier
Nus, que ce me sanlast droiture
Qu’uns hom peüst s’engenreüre
Espouser selonc nostre loy, La Manekine v. 550.
528 GUNNAR TILANDER,
Mes cuers niicıt ja a chou Daissids
Pour nului que prenge mon pere, ib. 570.
Aux ex. suivants de so Hlaıssier adhere le sens de “s’abattre, s’abaisser”:
Ahi! se m’i fusse Dlessie
Vers lui de parole ou de fez, Lai de l’ombre v. 594,
traduit librement “ceder”,
Que cascuns se devroit Slaissier
Et travillier et cors et cuer
A chou que il vigne en haut fuer, Fehan et Blonde 6134.
Cf. au neutre:
Et quant sens voit que li rois Dlaisse
Vers amours et lui entrelaisse (“quitte“),
Dolans du roi se departi, La Manekine 491.
4. Verbes compos£&s de Pplaissier.
Plaissier a forme quelques verbes composes:
Desor le pavement est chascuns aplarsıez, St. Alexis 751.
Ma grant espee Loberenge,
Qui tanz orguilz apla:sse e venge,
Ducs Normandie 11, 18508.
Godefroy traduit “ployer, courber, dompter”; le sens est “abattre,
abaisser”. — Le vb. emplessier se rencontre une seule fois dans
Sie Thais, les gens ne veulent pas laisser le monde et leur vie
joyeuse:
Ja por gou ne s’enplesseront
Ne mal a faire n’en lairont.
Godefroy traduit “se detourner, changer de vie”; le sens propre
est ici “s’abaisser, s’humilier, se dompter”; cf. l’ex. de Jehan e
Blonde, cite en haut, — ZAeplessier enfin se rencontre dans les
Contredictg de Songecreux, &d. 1330, fol. 120:
Fortune est trop a tel malhbeur maistresse,
Car comme el veult l’honneur tourne et redlesse.
Replessier est traduit par Godefroy “faire plier en divers sens”;
ici aussi on pourrait traduire “rabattre, rabaisser”. — Zispleiser de
Chaitivel dans Godefroy est une faute de lecture pour espliter;
voir Die Lais der Marie de France, ed. K. Warnke, Bibl. Norm. 3,
3. Auflage, p. 174, vers 62.
De plaissizr existe, A ce qu’il semble, un adj. verbal Alasse:
Ih ne seit qu’ilh puist faire, si at Je cuer tout ZDlasse.
"Li chasteals est detruis qui gisoit tuis en masse,
Geste de Lidge, Gloss. de Scheler, 23918.
Cf. P’expression frequente Plaissier le cuer. Plasseis pour plaisseis se
. ’
rencontre assez souvent. Scheler traduit dJasse “perplexe, embarrasse",
sens propre “abattu”.
LE SENS EI L’ORIGINE DE V. FR. PLAISSIER, PLAISSEIS. 529
5. Le sens et l’emploi de pJarsseis et des autres derives
du radical plarss-.
Godefroy donne plusieurs ex. de Plaisseis et’de Plarssıe quiil
traduit ainsi: “clöture, enclos, soit parc ou for&t, form& de haies
pliees, entrelac&es; portion de for&t ferm&e par une clöture de bois
vif dont les branches s’entrelagaient; jardin entour& de claies, fort
palissade; et aussi terres enferm&es dans l’enceinte d’une clöture;
maison de campagne, maison de plaisance, propriete ou ilya des
parcs.” Cette traduction a &te puisee dans Du Cange oü Lleisseicium
est ainsi defini: “Gall. Pleissis, Domus suburbana, Maison de plaisır,
a placendo dicta, inquit Camdenus in Britan. in Trinobantibus.
Alii Sylvulam, seu Zarcum undique clausum esse contendunt. Josephus
Scaliger, Plessis sepem esse ait seu p/rcationem ligni, ita ut Pleis-
sicıum sit locus, palis seu virgulis implexis conclusus, vel certe
domus rustica, aut praedium, in quo sunt parci: nam Plaissier,
nostris est plectere ........ constat vocem Pleissis apud nos
semper sumtam pro Zarcıs, seu silvis sepibus clausis” — On voit
combien Du Cange e£tait incertain sur le vrai sens de Plaisseis,
mais il a voulu, & tout prix, le ramener & plectere. Plaisseiz et
plaissi€ s’appliquent aussi bien & une haie vive qu’& une haie faite
de pieux, palissade. “Palissade” est Evidemment le sens des mots
toutes les fois qu’ils se rapportent & une fortification:
Pres de l’angarde, delez le Zleseis,
Voit tante ansaigne de vert paile o de bis,
Narbonnais v. 5894.
traduit par Suchier au gloss. “palissade”.
Vint au castel ou Renart ere:
Et vit molt fort le Plasseis,
Les murs, les tors, les rolleis, Renart I], 1623.
Molt le manachent tuit et jurent
Que nel puet garir Plasseis,
Mur ne fosse ne rolleiz, ib. I, 1577.
Dans Mayer-Lambert et Brandin, Gloss. hebreu-fr. du XIIIe siecle,
on trouve les formes suivantes de plaisseis au sens de "forteresse”:
pleseiz 92: 36, playsis 64: 55, 183: 91. De m&me:
De Malpertus son fort Dlaissıd
S’en est issu le col baisie, Aenart IX, 1067.
Dans les Gloses de Raschi, Revue des &tudes juives 54, p. 14,
15, 18, 21, on rencontre plaisseis sous plusieurs formes au sens de
“clairiere, endroit oüı les arbres sont enleves”.
Du sens “haie, clöture” plaisseis en est tout naturellement venu
A signifier “terre ou plantation d’arbres entouree d’une haie vive
ou morte, jardin, parc; bois”:
Se dex me doinst plent& de meures
En mon Zlaissid por more fere, Renart IX, 946.
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVIl. 34
530 GUNNAR TILANDER,
Ven&s o mei en cel defois
EI Zlaissid Guillaume Bacon, ib. XII, 131.
«e Parmi un 2Dlesseis de saus
S’en vet Renart tout eslessi@ ...
Dedenz cel plesseiz avoit
Un Zarc qui noviaus i estoit, ib. XVII, 20..
Par desus un pont torneiz
Descendent en un Zlaisseiz
De menuz arbres e de gros,
D’une grant ewe fu enclos, Yderroman v. 6158.
Ne me sont pas ocheson de chanter
Pr& ne vergier, Dleseis ne buisson,
Ä Gace Brul€ XIX, ı/2.
Par dedefors Virson avoit un Zaseis,
Qui estoit plantez d’antes et d’oliviers floris,
Orson de Beauvais 1145;
la traduction “fortification forme&e de palissades” que G. Paris donne
du dernier vers est mal & propos; il s’agit d’un jardin ou d’un parc.
Dans lex. suivant de /Zstorre de la guerre sainte par Ambroise, ed.
G. Paris, Sessciz au fig. a le sens de *bois”, quoique l’editeur,
copiant Godefroy, traduise “clöture de branches entrelac&es”. —
Les Chretiens sont attaqu&s par l’arm&e de Saladin. Les Turcs qui
marchaient sur eux £&taient en tres grand nombre:
La iert des Turs entasseiz
Plus espes que un Zlesseiz, v. 6364.
Ch. drwel *bois” employ& d’une maniere analogue dans cet ex.:
Mult par avoit li dux grant druel
De boine gent, fiere et hardie,
Guill. de Palerne, €d. Michelant, v. 1845.
Bien souvent le sens du mot est insaisissable, sourtout dans
les expressions tr&s fr&quentes au moyen äge sos meltre, ferir, entrer,
aller au plaisseis; icı le sens du mot doit &tre *bois, for&t”, moins
probablement *clairiere”:
A tout s’en va tout eslessie
Et se feri en un Zessid, Renart XVII, 1092.
Ja ot erre et foui tant
Qu’el Plessid se fu embatu, ib. XVII, 1107.
Si se ferent enz el AJazsss,
Loing del castel desos la vile, ib. XII, 160.
N’est pas remes li chaceiz
Qu’il sont tuit troi ou Zlaiseis. ib. V, 1147: 188.
Bruns oi bien qu’il est traiz.
Renart s’en fuit au Zlesaiz, ib. V, 1147: 80.
LE SENS ET L’ORIGINE DE V. FR. PLAISSIER, PLAISSEIS. 531
Et Brun saut sus par l’uis overt.
Maugr£ trestoz ses anemis
Se mist li ors ou Llaisois, ib, V, 1147: 174.
Des prez antrent an un Pleissid
Et truevent un chemin ferre&, Karrenrilter 606.
Ses chevaus met an un Pleissie,
Ses atache et lie mout fort, Yvain 2984.
Si la manroit vers un Dleissid
La ou ele l’avoit leissie, ib. 4975.
Adonc a sa regne tournee
Renart au travers d’un Zlessid, Renart XVI, 1167.
La fr&quence des expressions aller, soi ferir es plaisseis pourrait
faire croire A la formation d’un vb. Hazssoser:
Se nous jusc’a cel pont nous poiens Zlaisoier,
Nous ne les douterons valissant II deniers,
Fierabras 3606.
Godefroy traduit “aller par un chemin detourne@”; le sens serait plutöt
“aller par un plaisseis”, mais la meilleure trad. est ici “faire son
chemin en se battant”.
A un endroit de Robert le Diable, plaissid est traduit au gloss.
“haie”:
Car bien set qu’il furent laissie (: li chevalier)
Par l’enpereor el Dlaissiö, v. 3446.
D est cependant dit quelques vers plus haut que les chevaliers
furent laisses dans un dreulg (v. 341455.). Plaissi® est donc ici
“bois, foret”.
Remarquons enfin le nom propre Grimout del Plaisseiz, Ducs de
Normandie 3637, 3773, 4219.
A cöte de plaisseis, plaissiE on rencontre aussi la forme Zlaissier,
dont Godefroy offre 3 ex. sous le vb. Haissier. Un autre ex. se
trouve dans Aenart:
Vit les jelines el Dussier (“clos”),
Si conmenca a baellier, Renart \V,659H.
Dans Godefroy on trouve aussi Plasssee, 2 ex., et Plaisse “haie,
terrain entour& de haies, clos”, 5 ex. Kenart offre un autre ex.
de plaisse (“clos”):
Ainz ot escrit en espetesce:
Desoz cest arbre, en ceste Zesce
Gist Copee la sor Pintein, Renart I, 425 0.
Godefroy connait aussi un sb. Aars quil traduit “haie faite de
branches entrelace&es”. Pla:s indique collectivement les pieux dont
se compose une clöture. Cela ressort clairement du premier ex.:
34*
532 GUNNAR TILANDER.
Les supplians demanderent pourquoy ilz copoient et rompoient le
plaiz de leur clos. Cf. le passage suivant de Montaiglon, Zabliaux:
Et cil s’en vont isnelement
Tot droitement a un Zalız
Ou il avoit granz Zeus faitiz:
Chascuns a le sien esrachie, V, 235.
6. Le radical flarss- en provengal.
Plusieurs de ces mots se retrouvent en provengal: Hais “Hecke”
(Levy), “haie, haie vive, clöture, s@paration de deux proprietes rurales
faites avec des Epines ou autres arbustes” (Mistral). — Plaisa “lieu
entour& de haies” (Levy). — Plaisada = plaisee Godefroy “clos,
parc ferme de haies” (Levy). Zeissado nom de lieu en P£rigord
(Mistral). — Plaisat “Hecke” (Levy). — Plaisaditz “Hecke” (Levy). —
Playssadene *haie” Raynouard 4, 550. — Playssar vb. (Raynouard,
Levy); voir p. 536.
7. Formes latinisees des derives de plaiss- dans
Du Cange.
Les mots au radical Plarss-, pleiss- se retrouvent aussi sous
plusieurs formes latinisees dans Du Cange qui, croyant y voir le
latin plectere, plexus, s’acharne & traduire “locus palis vel virgulis
implexis conclusus”:
Plaisaitium, plaissictum *locus palis seu virgulis implexis con-
clusus, vel silva sepibus clausa”, Sleissericrum *gall. pleissis”, Sasseiatum,
plexicium, plaxılium “sepes ex virgulis implexis confecta, vel locus
ejusmodi sepe clausus”: Saisivit H/axziıum, quod olim nobis vendiderat.
Ex quibus scilicet arpennis unus est Plaxılium, in quo domus habetur
una. Apud curcellas una (masura) habetur cum Aaxitio et cumbris,
quae sunt in flumine Ledi. Dedit ecclesiam cum toto Plaxitio in
circuito ecclesiae sito. — Les mots cites ci-dessus semblent &tre
des formes latinisees de Plaisseis.
Plessatum signifie “locus sepibus conclusus” quoique Du Cange
hesite: Dederunt etiam ... plessalum forestarum, et molendina, et
stagnum; Plaxelum, Plasseitum: Si aliquod animal de parrochia
Mailliaci, a tauris fugatum vel a muscis coactum, forestam de
Fretoy, sive haiam, sive Plasseilum, quod est juxta pargum Mailliaci,
intraverit, 1229; Plasselum, Plsseium *sepes ex virgulis implexis”:
et dlesseiorum et fossatorum clausura; Plessetum “villa, sic dicta a
sepibus quibus clauditur”. Ces derniers mots repr&sentent, & ce
qu’il semble, HLazssi latinise.
Plessitia, traduit *virgula, virgultum”; le sens est “haie vive”:
Boscho autem praedicto utentur iidem Tironenses, praeter defensa
scilicet et haias de ZLessitia, ad calefaciendum (il faut interpreter
ainsi), ZPlassearium: concessi etiam dictis monachis B. Christofori
in omnibus nemoribus meis boscum mortuum, exceptis plassearits
LE SENS ET L’/ORIGINE DE V. FR, PLAISSIER, PLAISSEIS. 533
Castricanini, plenarium usuarium ad furnum suum, 1222. Plassearium
blessilia sont les formes latinisees de plaissier, plaissle)iz. Plessa
“parcus, seu locus palis vel virgulis implexis conclusus”: Sesses ad
animalia silvestria capienda, 1263; plaissia *sepes”. DPilesse et
plaissia representent plaisse latinise.
Plesseia “locus vel silva sepibus clausa”: ad Pesseiam mona-
chorum dictorum. Zlesseia parait Etre le m&me mot que Plaissee.
Plassagium *parcus, seu locus palis vel virgulis implexis con-
clusus”: Item tenet domum suam cum suis pertinentiis et Dassagiis
sitis in monte Alodio, 1353. Zlessiacum “*locus vel silva sepibus
clausa”: Nec porci Roberti in sepibus monachorum, nec porci
hominum monachorum in jLessiaco Roberti habebant pastionem,
Plessiacum doit &tre plutöt & lire pLessialum; plassagium semble
supposer une forme *plaissage; cf. plessure en bas.
Plassonus “ager ramalibus salicum, Plangons dictis, consitus,
vel salicetum”: Juxta Plassonum prati dicti (1472), signifie plutöt
“haie” et parait representer pazsson + plaiss-.
8. Le radical p/arss- dans les dialectes modernes.
Les mots discutes en haut se rencontrent encore dans plusieurs
dialectes: Zlessis s.m. “haie, clöture faite avec des haies” Favre,
Gloss. du Poitou. — Eveille, Gloss. saintongeais, fait remarquer que
Plassac, Plassay sont des noms de localites, et Plssis un nom
d’hommes et de localites. — Zlesse “branche & moitie coup&e et
que l’on garnit de terre pour faire Epaisser une haie, ou boucher
une breche”. AVesser “entrelacer des branches pour faire une
clöture”. Plessis s. m., Plesse s. f. “clöture faite de branches entre-
lacees, bois taillis, for&t”, Du Bois, Gloss. du palois normand. — “Le
plessis Etait une portion de for&t ferm&e par une clöture de bois
vif, dont les branches s’entrelassaient” Delisle, Condition de la classe
agricole en Normandie au moyen äge, p. 346.:— Plessure “clöture
en branchages autour d’une cour, d’un jardin”, Verrier et Onillon,
Gloss. de !’ Anjou, Suppl. — Zlesser “faire ou r&parer une plesse”, Mon-
tesson, Voc. du Haut-Maine. — Plesse s.f. *boistaillis, for&t”. Plesser v.a.
“plier, courber; du latin plectere. Dans l’arrondissement de Mortagne,
il signifie garnir une haie de branches couchees et coupees aux
trois quarts; c’est ainsi sans doute que l’on plantait autrefois les bois
taillis” Dumeril, Diet. du patois norm. — Plessis *vient de plexus
et signifie proprement branches entrelacees et servant de clöture.
Par metonymie on lui a donne& le sens de propriete close, et plus
particulierement celui de parc ou de bois entoure de haies. Plesser
“entrelacer, par suite faire ou reparer une haie”, Prevost, Diet. du
patois norm. — FPleissiei v. a. “entrelacer des branches d’arbres en
pesant dessus pour les faire entrer dans la terre, d’oü elles res-
sortiront pour former une haie vive. Radical plectere “plier, entre-
lacer”, Fleury, Zssai sur le palois norm. de la Hague. — En bas de
son art. Haissier Godefroy rappelle plusieurs formes dialectales du
334 GUNNARK TILANDER,
vb. C£. Zlessis m. “The plashing of trees; the plaiting, or foulding
of their tender branches, one within the other; also, a hedge, or
walke of plashed trees, etc.” Plesser “To plash; to bow, fould,
or plait young branches, one within another; also, to thicken a
hedge, or cover a walke, by plashing” Cotgrave.
9. Comment les haies mortes et les haies vives se
construisent-ellesP Le developpement de sens “abatire
> plier” se fonde sur une base concre£te.
Plaissier, plaisseis et les autres derives du radical Hazss- s’appli-
quent, nous l’avons vu, tout aussi bien aux haies vives qu’aux haies
mortes. Les haies mortes qu’on appelait aussi Aourdeis, rolleiz ou
paliz, consistent en pieux enfonces (Parssiis) en terre. Parfois
on se gamissait d’une double rangee de haies, dont l’une e£tait
une haie vive, l’autre une palisade, ce qui ressort de deux endroits
de Renart:
Et li sires Constans des Noes,
Un vilain qui moult ert garmis,
32 Manoit moult pres du Slesseis ...
45 Li courtilz estoit bien enclos
De ficx de chesne agus et gros.
47 Hourdes estoit d’aubes espines ...
Tout coiement le col bessie
52 S’en vint (Renart) tout droit vers le Dessie.
Renart veut sauter dessus,
Mais la force des espinars
54 Li destourne si son affaire...
Ou retour de la sosf choisist
72 Un pel froissid: dedenz se mist ...
Entre deus Zzex souz la raiere
83 S’estoit traiz en une poudriere, Renart 11.
Renart s’approche de la maison d’un paysan:
1078 De loing le vilein espia
Qui delez son Zlessid estoit:
Une viez soif i redregoit.
1081 Vers la Aaie Renart s’eslcsse ...
Sa harpe et sa coingnie prist (le paysau)
Dont aguisie avoit ses Zeus.
1090 Pres de la %Aaie ert li osteux
Qui de la kaie estoit aceins, Renart IX.
Au ms. I on trouve une miniature representant le paysan en train
d’enfoncer en terre les pieux de sa “soif”.
Les haies vives sont generalement, par des raisons pratiques,
faites de buissons d’epines (Renart II, 32ss.), de saules ou de
peupliers:
LE SENS ET L’/ORIGINE DE V. FR. PLAISSIER, PLAISSEIS. 535
Parmi un Blesseis de saus
S’en vet Renart tout eslessie, ...
Dedenz cel plesseis avoit
Un parc qui noviaus i estoit, KRenart XNII, 20.
Les buissons d’epines forment une defense plus efficace que les
autres gräce & leurs Epines, mais le saule et le peuplier ont l’avantage
de pousser tr&s vite et de devenir plus &pais, gräce au fait qu’ils
se laissent facilement entrelacer. Ce sont aussi les arbrisseaux qui
se laissent planter le plus facilement. Les buissons d’epines se
plantent en boutant ou enfoncant, nombre de petites plantes du
buisson en terre. Les saules, les peupliers, les ormeaux se plantent
d’une maniere beaucoup plus simple et beaucoup plus pratique.
On coupe des branches de la longueur d’une aune ou d’une demi-
aune environ et les boute, enfonce en terre apr&s les avoir aiguisees
pour mieux les faire entrer en terre. Ces boutures prennent racines
sous terre. En les plantant en lignes doubles et en les entre-
lacant on aura une haie &paisse et bien fournie. En Normandie
on appelle ces boutures Aaryon, plantard “branche de saule ou de
quelque autre arbre vivace que l’on met en terre et qui repousse”
Prevost, Diet. du patois normand. Voir sur l’'habitude de faire des
haies de saules, peupliers, ormeaux, etc., en les plantant de cette
maniere, M. Donald, Complete Dichonary of practical gardening, London
1807 ; C.P. Thunberg, Om häckars plantering till levande gärdesgärdar
(Sur la plantation des haies vives), Upsala 1820, p. 9; Lindgren,
Trädgärdsbok, Stockholm 1879, p. 78; C.]J. Ackermann, Praktisk
avhandlıng om vilda träds säning och plantering, Stockholm 1807,
p. 98ss.; The Standard Ciyclopedia of Horticulture, New York 1922,
3051; Noisette, Manuel complet du jardinage p. 176.
On peut planter le saule, le peuplier et d’autres arbres par des
marcottes qu’on fait prendre racine sans les detacher de la plante
mere. On rabaisse une branche et l’enfonce, Paisse, en terre oü
la marcotte prend racine. Quand les racines se sont bien develop-
pees, on detache la branche de la plante mere en la coupant.
Les boutures obtenues ainsi sont ensuite plantees en lignes et
entrelac&es pour former des haies. Voir sur la maniere de planter
par des marcottes les ouvrages cites en haut, surtout Lindgren,
Trädgärdsbok p.78 et encore Handbok i svensk Irädgärdsskötsel (Manuel
d’horticulture su&doise), Stockholm 1877, I, 53. C’est evidemment
cette maniere de planter par des marcottes qu’indiquent Fleury et
Dumeril disant: Pleissier v. a. “entrelacer des branches d’arbres en
pesant dessus pour les faire entrer dans la terre, d’oü elles res-
sortiront pour former une haie vive” Fleury; Psser “garnir une
haie de branches couch&es et coupees aux trois quarts; c’est ainsi
sans doute que !’on plantait autrefois les bois taillis” Dumeril. Cf.
les definitions suivantes chez Moisy, Gloss. comparatif anglo-normand:
Plesse “branche d’une haie, depassant de beaucoup le niveau voulu,
que l’on rabat obliquement vers la haie, a laquclle on l’assujetit
536 GUNNAK TILANDEK,
au moyen d’un lien, afın de rendre la clöture plus solide. Lorsque
la branche est trop solide pour ä@tre ainsi inclinee, on y fait une
legere section, qui permet d’en faire la flexion”. Plesser “entrelacer
les branches des plantes (gerieralement ce sont des &pines) disposees
en ligne, pour former une haie. Du lat. plectere”. — Dans l’anc.
dial. norm., ce vb. a deux acceptions, l’une propre, l’autre fig.: Au
propre il signifie “plier, pour les entrelacer, sur une ligne continue,
les branches d’un bois et les maintenir entrelacees au moyen de liens
de maniere & former un obstacle, soit enceinte, soit retranchement”;
au fig. Hlaisser se dit pour “abaisser, soumetire, dompter”. — On
voit que ces lexicographes ne se sont pas fait une idee bien nette
sur le sens de flaisser et de ses derives. Ils avaient une conception
incomplete et peu exacte de la plantation par des marcottes. Leurs
definitions ne s’appliquent guere qu’ä la r¶tion, pas ä la con-
struction d’une haie. Mais il est Evident que l’emploi de ces mots
pour indiquer la r&eparation d’une haie prevaut dans les regions oü
ils vivent encore.
10. Le verbe flaissar en provengal.
Ceest ä la plantation par des boutures ou des marcottes que se
rapporte le vb. prov. plaissar dans le seul ex. qu’en cite Raynouard:
Selh que per sos peccatz riga
Sos huelbs ploran, planta e Pluyssa,
Don melhor frug que d’avayssa
N’aura lay on fis gaugz canta.
Le vb. est employe ici dans un sens fig.; les vers font allusion au
repentir et ä la contrition, lesquels, plantes et Haisses dans l’äme
et arroses par les pleurs, produiront de beaux fruits dans l’autre
vie; la traduction de M. Anglade, citee par Levy, “plante et garnit
d’arbres un champ d’oü” est donc ici bien pres de la verite. —
Levy donne encore un ex. de prov. daissar, lequel il ne comprend
pas: Item plus fem manaobra ... per lo dara/ que pleysabam de
la tor de Peyragort entro la tor de Roquat. Pour comprendre le
passage rappelons-nous que Plaisseiz se rapporte parfois a un terrain
enclos d’eau: Plaissictum suum et motam et sedem molendini et
totam terram quae est intra fossatum quod cingit ipsum plaissicium,
et exit a capite Plaissicii et pergit in Coldreiam, Du Cange sous
plaisaitium.
Par desus un pont torneiz
Descendent en un Zlatsserz
De menuz arbres e de gros,
D’une grant ewe fu enclos, Yderroman v. 6158.
Or barat a en prov. entre autres le sens de “fosse, petite digue
faite avec la terre sortie d’un fosse” Mistral sous darat, valat. L’ex-
pression plaissar un barat “faire un fosse ou une digue” est formee
en second lieu, le vb. Aazssar se rapportant d’abord aux haies,
puis aussi aux fosses, ä l’aide desquels on fait enclore un terrain.
LE SENS ET L’ORIGINE DE V. FR. PLAISSIER, PLAISSEIS. 537
ı1. Les derives de p/aiss- s’appliquent maintenant surtout
ä la reparation des haies. PJaisser en anglais.
I ressort de la discussion prec&dente qu’il entre plusieurs actions
differentes dans la plantation d’une haie vive: l’enfoncement et
l’entrelacement pour les boutures; le repliement des branches, leur
enfoncement en terre, leur entrelacement pour les marcottes. Ces
trois diflerentes actions se refletent dans les definitions, bien souvent
vagues et peu precises, que donnent les lexicographes du vb. Slaissier
et de ses derives. Au cours des siecles ces mots ont de plus en
plus souvent et& rapportes aux haies vives par le simple fait que
les haies mortes &taient devenues de plus en plus rares en France.
En m&me temps que la terre cultivee augmentait et empietait sur
le terrain des vieilles for&ts, on s’est vu forc& de faire les clötures
de haies vives, de m&öme qu’on ne pouvait plus faire les maisons
de bois. Ce fait explique qu’au XVI* siecie dejä les mots Daisser,
plaisseis s’appliquaient seulement aux haies vives (Cotgrave) et sur-
tout & la r¶tion (l’entrelacement) des haies, moins souvent & la
construction de nouvelles haies. Sur le sens *entrelacer” de plaissier
se fonde aussi le derive Daissorr, plessoir “instrument pour entrelacer
les joncs dont on fait les paniers” de l’an ı600, Amiens, dans
Godefroy. C’est aussi surtout avec rapport aux haies vives que
plaissier survit en anglais sous la forme Juash defini ainsi par le
New English Dict.: “to bend down and interweave (stems half cut
through, branches and twigs) so as to form them into a hedge or
fence; to bend down, break down (trees, bushes, or plants) for
other purposes; to make, dress, or renew (a hedge) by cutting the
stems partly through, bending them down and interlacing stems,
branches, and twigs, so as to form a close low fence, which will
in time grow in height.” Le sens originaire “*battre” se reflete
cependant encore en angl. “break down: abattre” parlant d’arbres
et de buissons.
ı2. Resume du developpement du sens des derives
du radical f/arss-.
Resumons maintenant, pour ce qui conceme le developpement
de sens de plaissier, les resultats acquis. Plaissier qui signifiait &
l’origine “battre” generalement en est venu ä exprimer plutöt le
resultat de laction de battre “abaisser, dompter, abattre, plier,
courber”; cf. sued. kuva & l’origine “battre”, aujourd’hui “abaisser,
dompter, courber”. Le vb. Haissier a ete de bonne heure rapporte
a l’enfoncement des pieux qu’on boute en terre pour en faire une
clöture; cf. lat. palo, paxillus, v. fr. paissel, paisson “pieu” du radical
pag- de pangere, & l’origine donc “ce qu’on a enfonce en terre”.
Dans le langage de l’agriculture et du jardinage le vb. Aaissier a
subi le m&me developpement de sens “battre > rabaisser > replier”,
et c’est au dernier sens seulement qu’il survit dans les dialectes
francais oü il se trouve. Se rapportant aux pieux, le vb. a ete
538 GUNNAR TILANDER,
ermploy& pour indiquer l’enfoncement des plantes ou des boutures en
terre; Dlaissier a fini par signifier surtout “le rabaissement et l’entre-
lacement des boutures et des marcottes”, et dans les parlers, oü
plaisser et ses derives survivent, ils s’appliquent surtout ä la re-
paration, moins souvent, & ce qu’il semble, A la construction d’une
haie. Il parait bien probable que dans le sens “plier, entrelacer”
pleissier a subi linfluence du vb. Zleier > plicare, dont quelques
derives se rapportaient aux haies.. Dans Godefroy on trouve les
mots suivant: P/or “clöture forme&e de branches pliees et entrelacees”
1 ex.; ploie 2 ex., Plaie ı ex. au mä&me sens; loch “plessis, clöture
en branches entrelac&es” 2ex. A propos du dernier mot Godefroy
rappelle nivern. S/ayıs du m&me sens. FPloeis se rencontre aux v. 438,
2647, 11721, ploiöig au v.9545 des Merveilles Rigomer, ed. Förster,
au sens “claie, branches entrelac&es pour former une clöture”. C'est
le m&me mot que Pladj. S/ozeis dont Godefroy donne plusieur ex.,
et remonte & *plicaticius. Cet adj. se rencontre aussi dans le
Roman de la Rose avec rapport & une clöture: Et li portiers les
murs hordoient De fors cloies refuseices Tyssues de verges pleices,
Rose 16008 Meon. Cf. dans Du Cange flectare “plectere, virgultis
implexis locum claudere” ı ex. et Slecticium “locus palis vel virgulis
implexis conclusus” ı ex.i
Le developpement de sens de pLaisseis est parallele & celui
du vb. Dlarssier. Le sens originaire se reflete fid&lement dans plazsseis
“clairiere, endroit oü les arbres ont &t& enleves”, & l’origine donc
“P’endroit ot l’on a abattu les arbres”. Le sens “haie morte”
s’explique par le fait qu’une clöture consiste en des pieux qu’on
abat, enfonce, laisse en terre. Les haies vives sont plantees par
des boutures ou des marcottes qu’on abat, enfonce, plaisse en terre.
Les marcottes sont repliees et, apr&s leur plantation, entrelacees,
d’oü le sens “haie faite de branches pliees et entrelacees” du
sb. Haisseis.
ı3. L’etymologie du radical fla:iss-.
Maintenant que nous avons trace !’histoire du vb. Haissier et
de ses derives, essayons d’en e£tablir ’&tymologie. Comme il s’agit
de termes ruraux, on a le droit de supposer que nous avons affaire
a un radical bien ancien. Les mots paxiıllus, palus, v. fr. paissel,
paisson “pieu” derivent, nous l’avons vu, du radical pag- de pangere
“battre”. Le latin avait un autre vb. pour “battre”, A savoir Slangere.
Ce vb. s’est d’assez bonne heure, c’est vrai, developpe au sens de
I L’anglais a h&ite du v. fr. un autre vb., synonyme de flash, A savoir
pleach que le New English Dict. tire du v. fr. Dlechier, forme dialectal de
Plaissier. Sous Plaissier Godefroy donne ZDlechier pour la Bourgogne; cf.
Pplechier v.a, *plisser’”’ Metivier, Dick. de Guernesey et Plecher, pleger “ployer,
plier” Favre, Gloss. du Poitou. Vu la repartition de plöcher, Pleger j’ai de
la difficulte A y voir une forme dialectale de Dluissier. Plöcher peut remonter
ä *plecticare. Mais du moment que plectere n’a pas subsiste en Gaule,
il est preferable de supposer un *plicicare, fait sur plicare.
LE SENS ET L’URIGINE DE V. FR. PLAISSIER, PLAISSEiSs. 539
“se battre de deuil, se plaindre”, mais plusieurs ex. du sens primitif
“battre” sont donnes par Forcellini. Dans flangere Vinfixe n du
present s’est propag& aussi dans les autres themes du vb. Hanıı,
planctum. A l’origine on a eu cependant *daxr, *plactum, comme
dans fingo, finxi < *fixi, ficlum, Pingo, Pinxi < *pixi, pichum, stringo,
sirinxı < *strixı, sirıchum, plus tard *sfrinctum, jungo, junxi, junchum,
a l’origine *uaxz, *juctum; voir Sommer, ZZandbuch der lat. Laul-
und Formenlehre, 8 83: 6, et E. Wahlgren, Z/ude sur ks aclions ana-
logiques reciproques du parfait et du participe passd, Upsal 192C, p. 25.
M. Wahlgren fait remarquer ä la p.5ss. que dans le latin classique
des participes en -sus se trouvaient bien souvent & cöte des parti-
cipes en -tus: angere, anxi, anxus et anclus; farcire, farsi, farsus
et farctus; figere, fıxi, fixus et ficlus;, fluere, fluxı, fluxus er fluclus;
tergere, lersi, tersus et tertus, torquere, lorsi, lorsus et lortus, etc.
etc. M. Wahlgren continue a la p.6: “Plusieurs de ces ptc. nou-
veaux en -sus remontent aux temps les plus recules du latin Ecrit,
m&me & l’epoque pre£historique de la langue, tandis que d’autres
au contraire, comme anxus, farsus, fulsus, indulsus, tersus, lorsus, etc.,
sont beaucoup plus r&ecents et appartiennent sans doute & la langue
populaire. Il parait aussi que dans les verbes qui ont, au ptc.
passe, les deux formes, celle de -tus et celle de -sus, une certaine
hesitation a eu lieu entre les deux. Quelquefois, et assez souvent,
la premiere est de beaucoup la plus usitee, quelquefois la forme
en -sus prevaut. Quelques-uns des ptc. originaires en -tus ont
aussi &t& continues, & cöte des formes concurrentes, dans les langues
romanes, oü ils fonctionnent, soit comme participes, soit comme
substantifs ou adjectifs.”
Supposons donc & cötE de *plactus, forme primitive de
planctus, un participe *plaxus dans la vieille latinite. La faculte
du latin de faire de nouveaux verbes sur les participes est bien
connue. La formation *plaxare sur *plaxus est donc toute
naturellee Or ce vb. *plaxare “battre”, ayant vecu dans le latin
populaire, a &te transmis en Gaule par les colons avec le vb, du
m&me radical plagare. Plagare a, on le sait, donn& 2daier;
*nlaxare de sa part aboutit regulierement A Hlaissier.
Le subst. Slais remonte directement au participe *plaxum.
I ressort d’un des ex. dans Godefroy que ars signifiait *pieu”:
le as de leur cloture. Plaisse repr&sente le pluriel du neutre
*nlaxa et signifie comme Zlars “ce qu’on a enfonce en terre, pieu,
clöture de pieux mis en terre”. Zlais et plaisse peuvent cependant
aussi &tre des substantifs verbaux de /laissier. Plaissier *clö-
ture” remonte& *plaxarius, Dlarsseis A *plaxaticius, Plaissce A
*plaxata. FPlesseur Du Cange est le nomen agens du vb.
Je prevois qu’on va m’objecter: mais ce radical *plax-, pour-
quoi se serait-il r&pandu en Gaule seulement et non autre part?
Quiconque veut se donner la peine de parcourir Meyer-L.übke,
Wörterbuch verra qu’il arrive assez frequemment qu’un radical a
ete transfere dans une seule region de la Romania. — D’autres
540 G.TILANDER, LE SENS EI L’OKIGINE LE V. FR. PLAISSIEK, PLAISSEIS
diront: mais cette derivation exige qu’on remonte trop haut daıs
la latinite. J’admets que c’est un faible de mon etymo:ogie qre
le radical *plax- n’a jamais ete releve dans la litterature latine.
Mais tous les mots ne peuvent pas @tre releves dans la Lttieratere,
et quand il s’agit d’un mot populaire ou agricole qui n’a peut-£tre
eteE conserve que dans une scule petite region d’oü peuvent &tre
sortis grand nombre de colons qui se sont eEtablis en Gaule, cela
n’est pas de nature & surprendre 1.
GUNNAR TILANDER.
I Recemment M. Brüch, ZRPh. 46, 453. a expliqu& Aais par *plaxem
tire de complexum d’apres le modele de factum—confectum; cette
etymologie ne rend pas compte du sens orig. *battre” de Pdasssier.
Der historisch-genetische Gesichtspunkt bei Anordnung
der Bedeutungen in französischen Wörterbüchern.
Von dem Augenblick an, wo romanische Sprachgeschichte
und Semasiologie einigermalsen vorgeschritten waren, mufs man
an romanische bzw. französische Wörterbücher die Forderung stellen,
dals sie die Bedeutungen der Wörter so gut als möglich in
historisch- genetischer Ordnung aufführen. Auch derjenige, der
ein Wörterbuch für praktische Zwecke anwendet, hat in einer
methodischen Ordnung für Verständnis und Gedächtnis eine wert-
volle Stütze.
Als die Academie Francaise ihr Wörterbuch zum erstenmal
herausgab, lag eine solche Grundanschauung noch fern, und sie
entschied sich ganz natürlich nach damaligen Verhältnissen, die
Bedeutungen in der Ordnung aufzuführen, in der sie gewöhnlich
sind. Diese Ordnung hat sie immer beibehalten, und auch neuere,
im übrigen sehr verdienstvolle französische Wörterbücher haben
das Beispiel der Akademie befolgt, z. B. die beiden Larousse, und
auch das ausgezeichnete Wörterbuch Sachs-Villattes.
Mit dieser Methode, wenn es eine ist, brach Littre, der in
der Preface seines Wörterbuches sagt: „La filiation des sens est
une operation difficile, mais n&cessaire pour la connaissance du
mot, pour l’enchainement de son histoire, surtout pour la logique
generale qui, ennemie des incoherences, est deconcertee par les
brusques sauts des acceptions et par leurs caprices inexpliques.“
Trotz dem, was Littre auf diesem Gebiete geleistet, blieb jedoch
viel übrig zu tun, und gerade dies war es, was den Philosophen
Adolphe Hatzfeld vermochte, den Plan zu einem neuen franzö-
sischen Wörterbuch zu entwerfen. So entstand das Dictionnaire
General (D. G.).
Unter den Verdiensten dieses Wörterbuches findet man also
als dominierend die Darstellung der Bedeutungsentwicklung nach
historisch-genetischen Gesichtspunkten. Aber natürlich ist damit
das letzte Wort in diesem Kapitel noch nicht gesagt. Ein weites
Feld für neue Erwägungen und für Berichtigungen steht noch
offen, und darauf hinzuweisen ist eben der Zweck dieser Zeilen.
Es ist überflüssig zu erinnern, dafs Gaston Paris in ausgezeichneten
Artikeln die Verdienste und Schwächen des D. G. hervorgehoben
542 JOHAN VISING,
hat; jedermann hat diese Artikel gelesen (vgl. Gaston Paris, Me-
langes Linguistiques S. 353 fl.).
* *
%*
ı. Wenn es sich darum handelt, eine erste grundlegende
französische bzw. romanische Bedeutung festzustellen, greift man
ja natürlich zuerst auf das Lateinische zurück, und in den meisten
Fällen wiederholt sich im Französischen die lateinische Bedeutungs-
entwicklung, oder vielmehr diese wird nur fortgesetzt. So z.B. in
homo > homme, lat. wie frz. zuerst Mensch, dann Mann (Gegensatz
mulier femme), dann Fuisvolk usw. Aber oft ist eine sekundäre
lat. Bedeutung als auf französischem Boden ursprünglich anzusehen.
So hat dilurium im Lat. zuerst Wasserflut bedeutet, z. B. Diluvia
Rheni (Plinius bei Forcellini), dann die mythologische Grofs-
flut. Diese zweite Bedeutung hat sich ins Französische durch die
Bibel gerettet und ist im Mittelalter gewöhnlich. Daraus haben
sich später neue Bedeutungen entwickelt, z. B. un döluge de pluie.
So stellt auch D. G. die Sache dar, während Littr& die Bedeutung
tr&s-grande inondation obenan stellt und als Nr. 2° le deluge
universel. Ein ähnliches Verhältnis bieten die Bedeutungen von
dispenser, wie man aus der Introduktion des D.G. sehen kann.
Auch hier weicht Littre ab.
2. Oft ist es schwer auszumachen, welche lat. Bedeutung von
mehren auf romanischem oder französischem Boden als die erste
anzusetzen ist. Das lat. fortare hatte, offenbar seiner Etymologie
gemäls, als erste Bedeutung die von befördern, tragen, führen
usw. (Georges), dann die von sustinere (und diese besonders
figürlich). Es entspricht also d. /ragen, wovon H. Paul (D. Wb).
sagt: „Ursprünglich wurde es wohl nur von lebenden Wesen
gebraucht und so, dals die Vorstellung einer Bewegung ein-
geschlossen ist... Die Vorstellung der Bewegung kann schwinden:
eine Säule, die das Dach trägt.“
Diese letzte Bedeutung, die von sustinere, wird nun sowohl
von Littre als vom D. G. als die ursprüngliche angesetzt. Ich
bezweifle, dafs dies richtig ist. In den älteren romanischen Litera-
turen scheinen die beiden Bedeutungen etwa gleich häufig zu sein;
ich erinnere nur an Alexis: a Rome les portel li orez 39e, und
helme e brunie porter 83a und daran, dafs in Dantes Komödie
portar ebensooft sostenere als trasportare bedeutet. Vom frz.
porleur, das ja in alter wie neuer Zeit fast ausschlielslich trans-
porteur bedeutet, ist kaum etwas zu schliefsen, da die Bedeutung
von supporteur geringe Anwendung finden konnte und das Wort
übrigens ziemlich unvolkstümlich war. Aber was von Belang ist,
das ist die Natürlichkeit des Überganges /ransporter > swpporter,
während ein entgegengesetzter Übergang wenig natürlich erscheint.
Auch haben wir zuerst die Analogie vom deutschen /ragen (s. oben),
weiter die vom engl. carry, die von /ewvare im Rum, Sp. und Port.
DER HIST.-GENET. GESICHTSPUNKT IN FRANZ. WÖRTERRÜCHERN. 543
(vgl. Meyer-Lübke, REW. und das Wb. der spanischen Akademie:
llevar ı, trasportar ... 8, Traer fuesto el vestido) und schlielslich
auch die Analogie vom germ. deran, engl. bear, schwed. dära, lat.
ferre (mit Perf. zul, das zu follere gehört), gr. p&peıw. Für ferre
gibt Georges als erste Bedeutung an: „ı. im allgemeinen etwas
Tragbares tragen, tragend bringen“, mit Beispielen wie lecica ferri
per oppidum, und vom schwed. bära gibt Östergren (Nusv. Ordbok)
zuerst bära elt dbrev Hill posten (einen Brief an die Post tragen) und
Söderwall (Ordbok): 2. bära, föra, frambära (d. h. führen,
bringen) ..., 3. bära, halla uppe (d.h. tragen, stützen).
Dagegen haben ienere, sustinere, supporlare u.ä. keine Bedeutung,
die Bewegung enthielte, entwickelt.
In dem Malse nun, wie im Französischen apporter, emporter
die Bedeutung von tragen mit Bewegung übernahmen, wurde
die Bedeutung tragen ohne Bewegung in forter üblicher.
3. In einigen Fällen ist es sicher, dals D. G. bei Ansetzung
einer ursprünglich französischen Bedeutung, die nicht die lateinische
ist, fehlgegangen ist. Dies ist z. B. der Fall mit jowir, das D. G.
unter ı° definiert „Goüter un plaisir extreme dans la possession
de gaqch.“, woraus die absolute Bedeutung (genie/sen, zufrieden
sein) sich entwickelt hätte. Dies ist eine Invertierung der lat.
Verhältnisse. Gaudere bedeutete in erster Linie und in den meisten
Fällen froh sein, und diese Bedeutung ist in den älteren fran-
zösischen, provenzalischen und italienischen Literaturen ebenso
gewöhnlich als die Bedeutung genielsen von. Sie kommt ja
noch immer vor: Littr& gibt das Beispiel Z/ es/ riche, mais il ne
saıt pas jowir. Richtig gibt auch Petröcchi als erste Bedeutung an:
„Godere si contrappone a Sentir dolore e a Dolersi“, mit dem
Beispiel Anno stentalo lanto, ora gödono. Diese Bedeutung liegt
auch vor in der gewöhnlichen transitiven Anwendung im Afız.
und Prov. froh machen, willkommen heilsen, z.B. Troie 4827
Son füs Paris aime e joist, 11732 Quant asses ot joi Paris usw.;
für prov. Beispiele s. Levy. Sie ist auch von der Bedeutung der
adjektivisch gebrauchten Participia jo (Tobler, V.B. I?, 155; Levy,
B. de Ventadorn, ed. Appel 40, 9), joiant froh, gestützt, sowie vom
Subst. jose.
Noch in aller Kürze ein paar Beispiele von unrichtiger An-
setzung der ursprünglichen Bedeutung.
Für carreau gibt D.G. an „I. Figure carree ou rectangulaire.
Etoffe & carreaux“, II. Objet dont la surface est carr&e ou rect-
angulaire.“ Damit wird angedeutet, dals die beiden Bedeutungen
ebenso ursprünglich sind. Dem ist indes kaum so. In den älteren
romanischen Literaturen haben die Fortsetzer des vlat. guadrellus
entschieden die letztere Bedeutung, s. Godefroy, Levy und vgl.
Meyer-Lübke, REW. unter guadrus. Davon sind die übrigen Be-
deutungen des Wortes hergeleitet. Daher hat auch Littre richtig
als hergeleitete achte Bedeutung „Dessein en forme de carreau.
Etoffe & carreaux.
544 J. VISING, DER HIST.-GEN. GESICHTSPUNKT IN FRZ. WÖRTERBÜCH.
Für refrer gibt D.G. an „l. Tirer hors d’un lieu.“ „I. Tirer
en arriere.“ Das Wort ist verhältnismälsig jung, wenigstens hat
man es nicht vor dem 14. Jh. belegt. Es hat das schwindende
relraire ersetzt. Aber reiraire bedeutete in erster Linie tirer en
arriere, wie das Etymon refrahere. Littre gibt für refirer an „ı° Tirer
de nouveau (was selten und wenig populär ist). 2° Tirer & soi, tirer
en arriere. 3° Faire aller en arriere, faire reculer ... 5° Oter
une chose, une personne de l’endroit oü elle est“, usw. Dies ist
ohne Zweifel das Richtige und stimmt mit dem, was wir von den
re-Komposita wissen. Vgl. die Abhandlung von Max Meinicke,
Das Prafix Re- im Französischen (1904), wo die Bedeutung ab-
nehmen, wegnehmen in rehrer als eine aus der Bedeutung
zurücknehmen hergeleitete vorkommt (S. 84).
4. Die Gruppierung der hergeleiteten Bedeutungen in D. G.
veranlafst auch bisweilen Bemerkungen. So z. B. unter partır, wo
die Bedeutung, die in fartır d’un principe vorliegt, aus der Bedcu-
tung &maner hergeleitet wird. Das kann nicht richtig sein und
findet sich nicht in Littre.
Zum Schlufs eine scherzhafte Kleinigkeit. Littre und D.G.
glauben, dafs jole d croguer bedeutet „so niedlich dafs man (sie)
malen (krokieren) möchte“. Sicher unrichtig. Man sagt ja nicht
z. B. fleur jolie d croguer u. dgl. m. Das Richtige findet sich in der
Übersetzung Sachs-Villattes „zum Anbeifsen schön“. So übersetzte
schon 1841 der schwedische Lexikograph A.F. Dalin. Übrigens
sagt man im Schwedischen „niedlich, so dafs man (sie) speisen
möchte*.
Ein grofses Arbeitsfeld liegt hier für die Romanisten offen.
Auch auf germanistischem Gebiete wäre die Semasiologie der
Wörterbücher manchmal zu berichtigen. Indes haben Wörter-
bücher wie diejenigen von Grimm, von Murray und H. Paul, sowie
die noch nicht abgeschlossenen grolsen holländischen, dänischen
und schwedischen (der Akademie) Ausgezeichnetes getan.
JoHnan Viısınc.
Proben
aus den
Obros et Rimos provvenssalos
des
Loys de la Bellaudiero,
Der provenzalische Renaissancedichter Louys Bellaud de la
Bellaudiero gehört zu den Männern, welche allerorten mit den
höchsten Lobsprüchen bedacht werden und deren Werke am
wenigsten bekannt sind. Man nennt ihn den Erneuerer der pro-
venzalischen Dichtung, den provenzalischen Malherbe, man kennt
auch den Titel seiner Gedichtsammlung, aber diese selbst ist schwer
zu erreichen, da sie seit den ersten Drucken (1595— 1597) nicht
wieder neu aufgelegt worden ist und die Exemplare der alten
Drucke auf den Bibliotheken nicht allzuhäufig sind — selbst die
Nationalbibliothek in Paris besitzt nur ein unvollständiges Exemplar
— und sich zum Teil noch in Privatbesitz befinden. Die wenigen,
in verschiedenen Veröffentlichungen — von Mary-Lafon, Noulet,
Augustin Fabre, Marieton, Paul Romans u. a. — gelegentlich mit-
geteilten Gedichte genügen dem Leser nicht, um sich aus eigener
Kenntnis eine ungefähre Vorstellung von der dichterischen Eigenart
des „provenzalischen Malherbe“ zu machen.
Der Vergleich mit Francois de Malherbe ist sehr äufserlich.
Dieser hat Dichtersprache und Versbau einer längst vorhandenen
und reich gepflegten Dichtung zu reinigen und zu verfeinern gesucht.
Bellaund de la Bellaudiero hat die Mundart seiner Heimat als
Dichtersprache zu Ehren gebracht, hat dadurch die Sprache des
im Mittelalter literarisch bedeutenden Südens aus ihrer Vergessenheit
wieder in die Literatur eingeführt und ihre Eignung für dichte-
rischen Ausdruck glänzend erwiesen. Er hat schöpferisch gewirkt
und bleibt für lange Zeit das leuchtende Vorbild seiner dichtenden
Landsleute. Er hat auch das wenige, was vor ihm in dieser Zeit
des Wiederaufblühens provenzalischer Sprache und Dichtung geleistet
worden war, überstrahlt: die von den Basochiens von Aix gedich-
‚teten Chansons nouvelles en lengaige provensal (Cansons dau
carrateyron, zwischen 1518 und 1531, wahrscheinlich zu Lyon,
gedruckt), die Maygra enirepriza catolıqui imperaloris des 1544 in
Saint-Remy verstorbenen Richters Antonius Arena, die gas-
cognischen Dichtungen des Pey de Garros (Psalmes de David
virat en rimes gascounes, Tholosa 1565 — Poesies gascounes,
Zeitschr. 1. rom, Pbil. XLVIL. 35
546 KARL VORETZSCH,
Tholosa 1567). Der grolse Toulousaner Goudouli gehört mit
seinen Dichtungen schon in das folgende Jahrhundert; er war erst
9 Jahre alt, als Bellaud starb. Augie Gaillard, der ‚roudie de
Rabastens en Albigez‘, der seit 1583 seine Dichtungen (Odros 1583,
häufig neuaufgelegt, Amours 1592, Kecommandations al Rey 1592)
veröffentlicht hat, Robert de Ruffi (Coumplainto historico su la
pesto de 1580), B. Zerbin und andere! sind jüngere Zeitgenossen
unseres Dichters.
Persönliche Bekanntschaft, ja Freundschaft hat Bellaud mit
Malherbe unterhalten, da beide in Diensten des 1586 ermordeten
Heinrich von Angoul&me, Gouverneurs der Provence, standen.
Mehrere Sonette in seinen ‚Passa-tens‘ legen Zeugnis von seinem
freundschaftlichen Verhältnis zu Malherbe ab. An eine Beein-
flussung des älteren, provenzalischen Dichters, der seine meisten
Dichtungen im Gefängnis 1572/73 verfalst hatte, durch den jüngeren,
noch unfertigen und mit sich ringenden Normannen ist nicht zu
denken. Bellaud, der im November 1588, „le cinquante sixiesme
de son aage“, starb, ist 1532, spätestens 1533 geboren, Malherbe
erst 1555.2
In Bellauds Leben ist vieles dunkel. In Grasse, also in der
östlichen Provence, geboren, kam er mit seinem Vater frühzeitig
nach Aix, studierte hier Jus, begann seine juristische Laufbahn als
Anwaltsschreiber, gab sie aber aus unbekannten Gründen auf.
Später finden wir ihn im Heeresdienst. Zweck und Ziel der Reise
über See, welche er nach Sonett I im Jahre 1572, um die Zeit
der Bartholomäusnacht, mit einigen Gefährten unternehmen wollte,
kennen wir nicht. Die Ursache seiner IQmonatigen Untersuchungs-
haft gesteht er uns nicht, er beteuert nur seine Unschuld.
Die im ‚premier Livre de la frison de Bellau‘ vereinigten
Dichtungen (163 Sonette und einige grölsere Gedichte) hat er im
Gefängnis verfalst (das letzte, nach der Befreiung gedichtete Sonett
— unten Il ı5 — ist in die Zahl 163 nicht mit eingerechnet).
Aber nicht erst die Gefangenschaft hat ihn zum Dichter gemacht.
Seine Zeitgenossen bezeugen es (vgl. ‚Eloge‘ unten I 2), dafs er
schon früh und viel gedichtet hat, und ebenso er selbst (unten II 4):
My siou vist autrofes non passar la journado,
Sensso faire Sounetz ou ben quauque cansson.
1 Über den von Guillaume Salluste du Bartas zu Ehren der Marguerite
de Valois 1579 gedichteten Trialog in drei Sprachen — Lateinisch, Französisch,
Gascognisch — siche J.-B. Noulet, Essai sur l’histoire litieraire des patois
du midi de la France aux XVlIe et XVIlIe siecles, Paris 1859, S. 3fl. (Text
S.6—8). Die das Latein und das Französisch vertretenden beiden Nymphen'
lassen der gascognisch redenden Nymphe den Vortritt. — Ebenda, S. ı3fl.
über das zeitgeschichtliche Gedicht des Kanonikus Blouin von Gaillac.
2 Über die zeitgenössische franz. Literatur in der Provence vgl. Edouard
Aude, La poesie en Provence au temps de Malherbe in Cahiers d’Aix-en-Prov.,
Cah. d’hiver 1923/24, auch als Extrait (behandelt Cesar de Notredame, Jean
de la Cep&de, Jehan Nicolas Garnier).
PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 547
Verloren wie diese älteren sind auch seine letzten Gedichte, die
er in seinem Geburtsort Grasse verfalst hat, wo er vorübergehend
weilte und im November 1588 starb. Aber sein ‚Premier livre‘,
sein „Don-don infernal‘ (das als ‚second livre de sa prison‘ gelten
kann) und die in den ‚Passa-tens‘ vereinten Gedichte hatte er
seinem Oheim Pierre Paul in Marseille, Kriegsmann und Dichter,
druckfertig hinterlassen (vom ‚Don-don‘ war schon zu seinen Leb-
zeiten, zwischen 1584 und 1586, eine — heute verschollene —
Ausgabe erschienen, eine zweite erschien in seinem Todesjahr. 1
Pierre Paul hat in der Ausgabe von 1595 alle noch vor-
handenen Gedichte Bellauds vereinigt und seine eigenen Gedichte
unter dem bescheidenen Titel ‚Barbouillado e phantazies‘ angefügt.
Der Band enthält somit (nach Titel, Bellauds Bild und den
Widmungsversen):
L 46 Seiten Gedichte und Prosastücke von verschiedenen
Verfassern in lateinischer, provenzalischer, französischer,
italienischer und spanischer Sprache (S. 3—48, darunter
am ausführlichsten, auf ıg Seiten, mit breiten Ausführungen
über die Dichtung überhaupt, Cesar de Nostredame).
I. Das ‚Premier Livre de la prison de Bellaud‘, S. 49 —152.
UI. Das ‚Don-don infernal‘, S. 153—18o.
IV. ‚Zous Passatens‘ (nebst Inhaltsverzeichnis des Ganzen,
Wiederholung des Porträts und einigen kleinen Beigaben),
S. 1— 130.
V. Die ‚Barbouillado et phantasıes journalidros‘ von Pierre Paul,
S. 1-68.
Vorbereitung und Schicksale der Ausgabe, die eng mit den poli-
tischen Wirren der Zeit verknüpft sind, hat J. T. Bory in seinem
Buch ‚Les origines de l’imprimerie & Marseille‘ eingehend ge-
schildert. Bellauds ‚Obros e Rimos‘ sind das älteste Buch, das in
Marseille gedruckt wurde. Der von der katholischen Liga ein-
gesetzte erste Konsul Charles de Casaux machte sich besonders
um das Zustandekommen der Ausgabe verdient. Auf seine Ver-
anlassung richtete der Buchhändler Pierre Mascaron in Marseille
eine Druckerei ein. Etwa im März 1595 begann der Druck,
20. Oktober desselben Jahres war er vollendet. Das Titelblatt der
Obros Et Rimos trug das Wappen von Marseille und die Widmung
an die verdienten Gönner: ‚Dedicados as vertvovzes, et gene-
rovzes seignours, Lovys d’Aix, & Charles de Casavlx, viguier,
& premier Conssou, capitanis de duos Galeros, & Gouuernadours
de l’antiquo Cioutat de Marseillo.‘* Bald darauf wurde die
Herrschaft der Liga durch die Partei der ‚Bigarrats‘ gestürzt.
Mascaron selbst mufste fliehen. Daher fehlen auf den Titeln der
späteren Auflagen (z. T. nur Titelauflagen) die Widmungen. Eine
! Ein neuer Einzeldruck wurde 1602 von Jan Tholozan in Aix ver-
anstaltet; ein letzter, 1694 von E. David in Aix, ist nicht erhalten.
3 Vgl. das beigefügte Faksimile.
35*
548 KARL VORETZSCH,
OBROS EI
RIMOS PRO V-
VENSSALOS, DE LOYS
DE La BELLAVOIERO,
Gentilhomme Prow
uenilav.
REVIOVDADOS PER PIERRE
Pavı, Escvvan DE MARSEILLO.
DpeEDICAPOS,
45 VERTVOVZES, ET GENEROYZES
Sugsurn LOVIS D’AIX» @ CHARLES
DECASAYLX,Viyıer, © premier Lonfo,
Capivanıs de duos Galeros, 9 Gonnernadours del anıi-
quo fisusaı de Marfallo.
A MARSEILLE,
Pın Pıraas Mascanom
Au permujfon defdizs Seigneu!s-
1595
PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS, 549
zweite Ausgabe von 13595 zeigt an Stelle des Wappens von Marseille
ein Wappen mit der Figur der Justitia, die Ausgabe von 1596 das
königliche Lilienwappen und französischen Titel, die von 1597
einen Kopf mit Helmzier (rechts und links davon ein Engel).
Benutzt habe ich das Exemplar der ältesten Ausgabe, das der
Bibliothek des Mus&e Calvet in Avignon gehört, und ein auf
der Bibliotheque Me&janes in Aix befindiiches Exemplar der
zweiten Ausgabe von 1595, daneben ein dem Conservateur dieser
Bibliothek, Herrn Edouard Aude, gehöriges Exemplar, dessen
Zugehörigkeit nicht erkennbar ist, da die ersten Blätter nebst Titel-
blatt fehlen. Den beteiligten Bibliotheksleitungen, sowie Herrn
Aude persönlich spreche ich für ihr Entgegenkommen meinen ver-
bindlichsten Dank aus.
Ich habe gelegentlich eines neuerlichen Aufenthalts in der Pro-
vence soviel aus dem ersten Teil der ‚Obros et rimos‘ von Bellaud
de la Bellaudiero kopiert, als mir nötig schien, um eine ungefähre
Vorstellung von seiner Dichtung nach Gedankeninhalt und |lite-
rarischer Kunst zu geben. Als Ergänzung dazu biete ich einige
Proben aus den vorausgeschickten Huldigungen, aus denen wir
einen Eindruck von der damaligen literarischen Wirkung Bellauds
erhalten. Einige kritische Bemerkungen zu den Texten aus Bellauds
Dichtungen sollen den Beschlufs bilden.
Vgl. über Bellaud: Mary-Lafon, Tableau hist. et litt. de la langue parlee
dans le midi de la France, Paris 1842, S. 137f. (1 Sonnet), 254f. (Biblio-
graphie). — J. T. Bory, Les origines de l’imprimerie ä Marseille. Recherches
historiques et bibliographiques, Marseille 1858, S. gfl. — J.-B. Noulet, Essai
sur l’histoire litt. des patois du midi de la France aux XVlI et XVIIe siecles,
Paris 1859, S. ı8—26 (mit Proben). — Augustin Fabre, Louis Bellaud de la
Bellaudidre, po&te provencal du XVIe si&cle. Etude historique et litteraire.
Marseille 1861. — Paul Marieton, Eloge de B.d.1.B., Revue Felibr&eenne
7 (1891) 296 ff. La bibliographie de la Bellauditre, Rev. Fel. 9 (1893) 236 fl. —
Robert Reboul, Notice sur le po@te B.d.1. B., Rev. FEl. 9, 30fl. — Fred,
Perrole, La famille de B. d.1.B., Rev. F&l. 9, 38ff. — Pau Roman, Lou Gai-
Sabe. Antoulogio Prouvengalo, ı° annado, Avignoun 1905, S. 55 ff. (S. 60—67
und ebenso 2° annado, 1906, S. 68—69 Texte, in normalisierter Umschrift).
I.
Bellauds Zeitgenossen über seine Dichtung.
Aus der grolsen Zahl der den Werken des Dichters voraus-
geschickten Urteile und Lobgedichte gebe ich zunächst das zum
Kopfbild des Dichters gehörige neunzeilige Gedicht (das sogenannte
»Sonett“) von Pierre Paul. Das in Prosa geschriebene ‚Eloge‘
eines Unbekannten (Mascaron?) ist als Quelle wichtig: es bietet
Nachrichten über das Leben des Dichters und sein Äufseres, sowie
Urteile über seine Persönlichkeit. Die ‚Ode‘ von Marseille d’Alto-
witis ist bemerkenswert, weil sie die enge Zusammengehörigkeit von
550 KARL VORETZSCH,
Bellaud und Pierre Paul dichterisch verherrlicht. Die Verfasserin,
eine Verwandte des ersten Konsuls Ch. de Casaux, war damals
ı8 Jahre alt. Das ‚Sirventesg‘ des Ungenannten zeigt, dafs neben
den neumodischen Gattungen und Namen — Sonett, Ode — auch
solche der mittelalterlichen Literatur, wenn auch in starker Um-
bildung (wohl durch die Jeux Floraux von Toulouse vermittelt)
noch vorhanden waren. Das Gedicht gleicht der Gattung nach
mehr einem mittelalterlichen ‚Planch‘, seinem Stil nach ist es
Renaissancedichtung. Es feiert Bellaud vor allem als ‚chantre de
Cupidon‘ und Pierre Paul als Erhalter seines Ruhmes.
I.
Auf der Rückseite des Titelblatts befindet sich das Kopfbild
des Dichters in ovaler Umfassung mit der Umschrift:
VERTV ME GUIDE HONNEVR ME SVIT,
darunter die von Pierre Paul unterzeichneten Verse:
VEISSY la vrayo pourtreturo
DE LOVYS BELLAV, Pouäto jadis,
Qu’en son viuent, toujours aui& Curo
De seruir Diou, & sous amis:
Si cent mil’ ans lou mounde duro,
Sous carmes non saran pouiris:
Car dauan que la Parquo duro,
De son corps ayo prez mouturo,
Lous a passas per lou tamis.
2.
ELOGE DE LOVYS
DE BELAVD.
OVYS de Belaud, fut natif de la ville de Grace ne de
pere & mere nobles: d’vn esprit naturellement dispose
& addonne ä& la poäsie, si onques en fust. La po&sie
ettant de son essence mesmes (comme se peut recueillir
par ses @uvres.) Et ce qui est vne chose admirable & presque
incroyable, commenga de faire des vers en l’age de sept ans,
& des Sonnets & dix. Qui toutesfois auec vne infinite
ı0 d’autres ceuures se treuuent perdues: tellement que si le
tout fust venu & profit, ce volume se seroit monte& & plus de
vingt-cing mile vers. Au reste, bien qu’il n’eust faict estat
des lettres, n’ayänt iamais veu liure Latin, ne regarde que
de l’ceil seulement les Francois. 11 estoit si prompt & la la())
1. 2 Louys: einsilbig gemessen. — Bellav: Bellau und Belau sind die
hier üblichen Namenformen, daneben Beäl)aud. — Poueto: zweisilbig ge
messen. — 3 toujours: metrisch würde marseillisch sempre besser passen. —
8—9 Bild vom Mahlen. Das Mahlgeld (mousuro) ist der Tod.
15
20
25
30
35
40
45
50
95
PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 551
versification, que le plus graue & difficile Sonnet, ne l’a
iamais occup& & la composition, que tant de temps qu’il luy
en falloit pour P’escrire, ou le racompter. Son exercice apres
celuy-lä estoit les armes, lesquelles il a suiuy, comme membre
de quelque compagnie de pied ou de cheval durant tous les
troubles, employant le temps qui couloit durant la surceanse des
guerres: & estre en Court, ou en autres endroicts parmy ses
amis, qui estoit la cresme & la quinte essence de tous ses
plaisirs, Aussi estoit il si aduenant [S. 4] & agreable en
compaignie, qu’vn chascun & l’enuy desiroit de l’atirer &
soy, iamais aucun ne s’estant peu saouler de sa conuersation.
Ayant ceste grace en luy, qu’aussi tost il recognoissoit & se
conformoit & !’humeur d’vne personne, mesnageant si bien
ses amitiez, que iamais ne donnoie subject d’importunite, &
si supportoit modestement, & auec vne sage dissimulation
les imperfections d’vn autre, ne scachant que vouloit dire
courroux & inimitie. Il estoit de mediocre, mais fort pro-
portionnee taille, patient ou trauail, & sur, (!) lequel les ennuis
& fascheries, la peur & autres passions de l’ame, re&serue
’amour, n’eurent iamais credit ne acces: perpetuellement
constant & l’vne & l’autre fortune. Parloit de grand grace,
& en bons termes: mettoit bien par escrit ayant la lettre
passable: il estoit tres-adroict aux armes, dancoit, mignarde-
ment, & ioüoit quelque peu des instrumens: Tout cela luy
estant naturel sans aucun acquis ne artifice. Et si en ces
mcoeurs particulieres il se fist autant aim& comme il faisoit,
au(!) exercices de son esprit, sa memoire eust este de plus
grande remarque, & plus prisee pendant sa vie: & il eust
plus vescu pour le pais & pour ses amis qu'il n’a faict.
Mais mesprisant philosophiquement les honneurs: biens mon-
dains, & sa sante. Ne fu conneu et recherche des grands,
que mal-gre luy: & se fia tant & sa disposition corporelle,
que les exces faicts par compaignie auec ses amis, luy auan-
cerent ses iours. Il fut neantmoins quelque temps de la
maison de feu Monseigneur le grand Prieur de France, frere
Henry, & bastard d’Angou[S. 5]lesme: ou la grand enuie
d’aucuns trauerserent tousiours l’amitie que ledit feu Seigneur
luy portoit: apres la mort duquel, delibera venir fondre, & se
retirer auec le Sieur Capitaine Paul, & qui nous sommes
tenus, de la veu& qu’avons de ses oeuures en ceste cite de
Marseille, pour l’auoir trouuee de meilleur sejour qu’autre,
ou il eust encores mis le pied: & iceluy Paul le plus digne
amy qu’il eust iamais rencontre. Toutesfois quelques affaires
d’aucuns siens parens l’ayant euoque en ladite ville de Grace,
luy laissa ce quil auoit de ses escrits riere luy, qui estoit
tout ce qu’il auoit de plus cher, & plus recommande en ce
monde. Aduenant sa mort qui fut en l’an quatre vingst &
huict, & du mois de Nouembre, le cinquante sixiesme de
552 KARL VORETZSCH,
son aage, ayant presage po&tiquement. Mais ses derniers vers
faicts 1A dessus au grant interest de tous, ne furent recueillis par
65 ceux qui Vassistoient. Les maux & malheurs qui ont depuis
trauaille & rauage& ceste miserable France: Sur tout ceste pauure
prouince: & en icelle, la dicte ville de Grace. (Seite 3—;5.)
2.
MARSEILLE DE
ALTOVVITIS, AUX
CEVVRES DE LOVYS
de la Belaudiere.
ODE.
N’ n’aura dans le ciel partage,
S’il n’a chante par !’vniuers,
Le fare Fenix de nostre aage:
Paul & Bellau vnis en vers.
5 Mercuriens diserts Poätes,
Enfans des neuf Muses cheris,
je sacre aux Lauriers de voz testes
Deux festons de Mirte fleuris.
Atropos & voulu dissoudre,
10 Un couple d’amis ni tres beau,
Ayant mis Louis Belau en poudre:
Sous le froict marbre d’vn tombeau.
Mais dequoy luy sert son enuie,
L’amour a dompte son effort,
Car Paul luy redonne la vie,
16 Maugre& le destin & le sort.
Marseille de Altouuitis.
(S. 33.)
4.
Sus Las Obros
de Lovys de BeLavD
messos en sa luzour, par Pierre Pau.
Sirventesq.
I Louras Nimphetos plouras
Et vous ö troupo sagrado,
Regretas & souspiras,
La mouort que mouort a donado
Au sagi fiou d’Apollon,
Lou chantre de Cupidon.
7 Siluains faunes barbut,
Qu’abitas dins lou bouscagy,
8. 3 Le fare Fenix: lies Ze far e Feniz. — ı1 Louis: vgl. oben 12.
4. 7 Eıgänze et nach Sulvaıns.
PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 553
O vous Pam & Dious cornuts:
Plouras la perdo & daumagy,
Qu’a lou poble Prouuenssau,
Aros qu’a perdut Belau.
13 Un tems Bellau & cantat,
laquelino sa mestresso,
Tant qu’a rendut sa beoutat
Eygallo A Venus deesso,
Et puy lassat de languir,
Au Ceou la vouguet seguyr.
19 Vautres filhos das mondans
Compagnos de laquellino,
D’vn haut batement de mans,
Enfonssas vostro peitrino,
Et gitas des millo plours,
Sus Belau & sas amours.
25 (Lous Dious an vougut au Ceou,
Ly donnar luego immortalo
Coumo vn bel astre noueou)
Et sa rimo Prouuenssalo,
Eyssi veiren flourissent,
Maugrat l’enueiouso dent:
31 Car Apollon irritat,
Contro L’achezis murtriero
Pierre Pau & suscitat,
Qu’embe sa liro gourriero,
Fa voullar per l’vniuers,
La Belaudiero et sous vers.
37 O ben heurous Pierre Pau
Quan la troupo Aganipido,
Per far reuioure Bellau:
La tiou museto an chausido,
Sie per lou tems auenir,
42 Tan renom censo finir.
I. Poetiers.
(S. 39.)
I.
Gedichte von Bellaud.
Die folgende Auswahl soll aus dem ersten Teil der ‚Obros et
rimos‘ möglichst charakteristische Proben geben, daher nicht nur
Sonette (im ganzen ıı1), sondern auch eine Ode, eine Chanson,
die Chancon follastre, und eine Complainte. Auch die Sonette
sind nach Inhalt und Stimmung sehr verschieden. Die ersten
sechs, welche den Nummern I—VI der Sammlung entsprechen,
geben zunächst (I—IU) die äufsere Geschichte von Bellauds Ge-
954 KARL VORETZSCH,
fangennahme, dann zwei Klagelieder des Gefangenen (IV und V]),
die durch eine Rückerinnerung an die festlichen Tage bei Herrn
von Moullans voneinander getrennt werden (V). So wechseln
auch weiterhin Klagen über die Gefangenschaft (wie Nr. 10) mit
Liebesgedichten, in denen zuweilen nur der Eingang an die Ge-
fangenschaft erinnert (wie Nr. 11) oder mit Gedichten, die eben-
sogut in der Freiheit gedichtet sein könnten (wie Nr.9 und 12).
Das letzte Sonett (Nr. 15) ist der Jubelschrei des Dichters über
seine Freilassung. Von den übrigen Gedichten läfst sich die Ode
über das Elend eines Gefangenen (Nr. 8) als ein ‚Don-don infernal‘
im Kleinen bezeichnen, die Chancon über die Grausamkeit seiner
Herrin (Nr. 7) und die Complainte (Nr. 14) sind Klagen über un-
glückliche Liebe, während die Chancon follastre, zunächst auf den-
selben Ton gestimmt, mit der Hoffnung auf Sieg mit Hilfe des
Gottes Amor endet.
Mein Bestreben war, den literarhistorisch und typographisch
so bedeutenden alten Druck möglichst genau wiederzugeben: also
unter Beibehaltung der Orthographie, der Fehler in Worttrennung
und Wörterverbindung, der überflüssigen oder fehlerhaften Apo-
strophe (d’au — dau, s’ariou = sariou usw.), auch der willkürlichen
Interpunktion, der irreführenden Kommata, die häufig (namentlich
am Versende) eng zusammengehörige Satzteile, wie z. B. Verbum
und Objekt, voneinander trennen. Wo es nötig schien, habe ich
durch Erläuterung in den Anmerkungen nachgeholfen. Im übrigen
ist das im III. Abschnitt gesagte zu vergleichen.
Nicht nachgeahmt habe ich den Typenwechsel des alten
Drucks. Im Anfang sind die Gedichte in Antiqua, dann in Kursiv
gedruckt und weiterhin bald so, bald so, ohne erkennbare Regel.
Hier waren augenscheinlich nur technische Gründe — Mangel an
der nötigen Zahl von gleichartigen Typen — malsgebend.
I.
PRES auer roudat sept mez per lou terraire
De Bordeaux & Pouictiers, en fin, mourian de fan:
Esperant toutosfes d’au jour a l’endeman:
De nous tous embarquar per nostre viagi fayre.
5 Mays tanleou qu’a Paris fon acabat l’affaire,
Dau jour sant Bourtoumiou venguet vn Pa ta tan
Per fayre prouloungar lou viagi & vn’ autr’ an:
Et cascun interin aneß’ ä& son repaire.
1. 5-6 Komma nach affaire streichen, nach Bourtoumiou setzen. Ähnlich
öfter, vgl. oben. — 6 Pa ta tan: bei Bellaud immer so, in drei Wörtern ge-
druckt (vgl. unten 62). S. die verschiedenen Formen des Wortes in Mistrals
Tresor unter datafa. Das Wort ist wohl, wie das entsprechende Verbum Jafa,
durch Schallnachahmung entstanden, vgl. franz. Patatras. — 8 interin: = en-
terin. — aneß’: anet? Noulet (S.19) interpretiert aness’, Mistral (Tresor
unter enterin) anesse.
PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS, 555
9 So que fort gentioument feran tous en bon ourdre,
Et commo gens de ben viuian sensso desourdre,
Miracles ey soudars per non y estre jnclins.
ı2 Mays lou diantre fet ben que passant per Chantello,
Foury fach presonnier dessus mon haridello:
Et puys de caut en caut menat drech & Moulins.
(Sounet I, S. 49.)
RIBAT en preson trouberan taullo messo,
Et pron de bono arquins que sy voulien soupar
Lousqua’lz tous d’vno voux m’aneron saludar,
Et coumo tout nouueou my feron la caresso.
5 You qu’aiou ja grauat dins mon couort la tristesso,
Non pouguery jamays & inbe’llous m’allegrar,
Mays foury pensatiou tout lou long d’an briffar,
Plus qu’vn paure amouroux leissat de sa mestresso.
9 Nou, ou dez jours apres, d’Esbierrous vn deluge,
Vengueron en preson per my menar au luge:
Diou sap, sy lou pendut & mas bestis parlet.
ı2 Tout so que respondiou, vn leiron graffignauo,
Souto vent de mon mau, lou bougre s’allegrauo,
Sentent qu’el implevie d’argent lou bassaquet.
(Sounet II, S. 49—-50.)
3.
Tous mous bons amis you vouoly fair’ entendre,
D’au jourt, d’au mez, & l’an, qu’estent trop malheiroux
Fouran coumo d’agneoux pres de la man das Loups,
Sensso que n’agueran pouder de nos defendre.
5 _Instament nous tenian lou vintiesme Nouuembre,
Et d’au millesme, mil cing cens septante dous,
Qu’ariberan eicy, non pas coumo d’espoux,
Mais coumo vous dirias gens que lous menon pendre.
9 So que: =gogue ‚das was‘, ‚was‘, auf V.8 bezogen. -— feran:
marseillisch, älter avignonesisch ferian, 1. pl. praet., vgl. Abschnitt III. Sinn:
„Was wir alle durchaus geziemend in guter Ordnung ausführten®. — ıı „Ein
Wunder ist ein Soldat dadurch, dafs er nicht dazu (zu desourdre) geneigt ist“. —
13 foury: Präteritum „ich war“, vgl. unten 83 fouran, dazu Abschnitt III. —
14 de caut en caut: = ‚auf der Stelle, sofort‘, vgl. ital. caldo caldo =
‚soeben entstanden — auf frischer Tat‘,
2. 5 aiou: lies auzou. — & inbe’llons: Bedeutung? emb2 lous (loup
= homme rapace)? Vgl. 833 u.938 — 7an: für un? — 12 leiron: auch
89, 4ıı u.ö., sonst Äron -oun, lire „Rellmaus, Siebenschläfer‘ (Sprichwort:
gras coume un lire), — ‚Faulpelz'. — 13 souto vent: ‚unter dem Wind‘
— ‚heimlich‘?
556
9
12
12
KARL VORETZSCH,
Ben cent leirons d’Arciers, cing queran nous griperon,
Puis dauant vn Rousseou de luge nous meneron,
Louqu’al noumavon tous lou Vice senescau.
Qu’enclaure nous faguet dins vni tourr’ oscuro,
Et de n’autres gleinet, l’espasv, la centuro,
Argent, & fournimens, arquebusto & pougnau.
(Sounet III, S. 50.)
4.
Y siou vist autrofes non passar la journado,
Sensso faire Sounetz, ou ben qu’auque cansson,
Tant auiou A mon dam, lou Bourniachou garsson,
Grauat au fons d’au couor per amar Vourounado,
Mays aro s’es passat quatre mez de l’annado,
Fugent lou rimassar cent fes, mays que pouison
Per my veire transsir paurament en preson,
Vivent sensso soulas coum’ vn armo daunado.
Semblo que mon serueou siege plen de sonnaillos
Per auzir lou gros brut de claux contre sarraillos,
Et menar pauro gent dauant vng fier leiron,
Luöctenent de Minos que cent tourmens fa faire,
Et ly virant lous bras desiro lous soustraire
Per lous mandar passar la barquo de Caron.
(Sounet IV, S. 50—51.)
5
E Diou, quand my veiray soult’ aquello ramado,
Que Moussur de Moullans fet faire ’autre Estiou,
Per & sa compagnie espeillar lou couniou,
Ou lanco de Cabrit, ou la perdrix lardado.
Puis venent lou goustar vno fresco sallado,
Au vinaigre rousat, d’au millour d’au barriou.
My semblo que sarie vn passatens de Diou,
Non pas patir eicy a la desesperado.
9 Car (Moussur de Moulans) & mays ma Dameisello,
M’amon, coumo dirias, vn de lour parentello,
Testimony lou ben que m’an fach & long tens,
8. 9Ycing .... griperon: gueran nous cing griperon. — 10 luge:
lies juge.
4. 3 Bourniachou: dourniacho, bourgnas, borny (unten 712 u0)
franz. dorgne. — 13 soustraire: hier ‚ablenken auf den falschen Weg bringen.
5. 3 espeillar: ‚die Haut abziehen‘ (*exgelliare) scheint bier die Be-
deutung ‘herrichten, vorsetzen‘ zu haben. — 4 lanco: Z’anco ‚Keule‘. —
6 barriou:; neuprov. barrieu, zu barıl. — 10 M’amon coumo, dirias, IR «''
PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 557
ı2 Dont pregay ben & Diou, lour donnar longo vido,
En creissent son houstau, son ben, & sa bastido,
A tous-tens & jamais de mill’ & millo bens.
(Sounet V, S. 51.)
6.
Ausiray jou iamays qu’auquo bono nouuello
Non veiray jou iamays venir vn Pa ta tan,
Espressament vers jou fouorsso letros en man,
Per resiouyr vn pau ma troublado ceruello.
5 Cent fes amariou mays estre dins la Rouchello
Ou ben gardar d’auquetz aupres de Monthauban,
Ou menar vn gros hours per tout pais vn an,
Qu’auzir incessament deicy la campanello.
9 Quand vous aurias d’argent la pleno gibassiero,
Impoussible s’arie de faire bono chiero,
Vesent tant de tourmens que fa fayre Minos.
ı2 Loug’ual & tout prepaux r’assemblo sa troupeto,
Et dirias qu’an troubat vn ferre d’aguilleto,
Quand fan d’vn prisonnier lou douze d’as Tarotz.
(Sounet VI, S. 51— 52.)
7-
CHANCON, DE LA CRVAVTE
DE MA MAISTESSO.
I.
ı [ AS tous les jours d’vno ingrato m’y plagny, Bis
Vesen son hueil estre trop rigouroux,
Contro de my pauret son amouroux.
4 Souspirs & plours &s la Mar vont’ my bagny,
Et lou lanssou que deourrie m’eissugar,
Es vno mouort que my fa consumar.
7 Loutout my ven per ta facio poulido,
Auer trop vist, dont m’&es grand interest:
La mouort en fin, m’y s’ara per arrest.
ı0 Autro que tu non fa finir ma vido,
Mays tu t’en rises, & sembles t’allegrar,
Dauant ta porto my faire tranpellar.
12 pregay: lies Zreguy. — donnar: wohl für dounar.
6 5-6 La Rouchello... Monthauban: bekannte ‚places de süret&‘
der Hugenotten, deren Gegner Bellaud war. — 14 lou douze d’as Tarotz:
ohne Kenntnis des Tarokspiels des 16. Jhs. nicht verständlich. Nach Fr. Huber,
Tarok u. and. Kartenspiele (1909, S. 30), gibt es einen ‚Zwölfer-Tarok‘, dessen
Beschreibung (Spiel zu 3 Personen mit 42 Karten) aber nichts zur Erklärung bietet,
0. 5 lanssou: = dangou, dengou, lingow (linteolum),
558 KARL VORETZSCH,
ı3 Tu sabes ben coum aquel enfant Borny
Cradellament de sa man m’a blessat,
Et dins mon couort sa flecho d’or leissat.
ı6 _Voudriou saber jugar de la Fanphony
Car es auist & mous hueilz que lou jour,
Sie vno nuech, tant son bendas d’amour.
ı9 Puis anariou fanfouniar & la pouorto, Bis
Et ty fariou entendre lou tourment,
Au soun pietous de mon born’ instrument.
22 Mais s’y vesiou mon esperensso mouorto, Bis
Per non pouder rendre ta cruautat,
Dousso vers my, coumo m’es ta beutat.
25 Pregariou Diou ty faire per estreno,
Sentir lou fuoc & lou tarrible mau,
D’vn seruitour quand d’amour es mallau.
28 Et tu subit que sentries tallo peno,
Plus lou tiou hueil non sarie rigouroux,
Contro de my, ton dousset amouroux.
31 De cent baisars tu m’y fariez la festo,
Et si voudriez m’embrassar nuech & jour,
Per amourssar l’enraby de l’aniour.
34 Et you adon vesent la tracho hubetto,
Non chau pas dire tout so que you fasiou,
Si vn tant ben my voulie dounar Diou.
37 Ty pregui don despachar leou l’affaire,
Ou ben my dire, lou fach ou lou faillit,
Sensso tous-tens mi tenir enconbit.
40 May vesy ben, tu non en vouos ren faire
Tu non my fas que troublar mon serueou,
Tant tu my sentes per t'amar badereou.
43 Perque ty iury la fe de paure diable,
Que si ben prest tu n’as pietat de you,
Dauan la man vau prendre ton adiou.
46 A Diou la fille que m’a fach miserable,
Mais qu’vn paure Aze au fonds de son estable:
13 Borny, dazu 21 born’: die marseillische Form für borgme. —
ı6 Fanphony, dazu ı9 fanfouniar: s. Mistral, Tresor, unter Jounfoni.
Bedeutungen: Mandoline, Leier, Dudelsack. — 21 born’: im Tresor zahlreiche
Beispiele für bildliche Verwendung des Wortes, hier etwa ‚klanglos'. —
23-24 Sinn: „da ich deine Grausamkeit nicht vergelten kann, die mir ebenso
süfs ist wie deine Schönheit“. — 25 ty faire: das Fehlen von de nach pregar
ist hier auffälliger als b ı2, wo dä Diou Dativ ist, oder unten v. 37, wo
Dativ sein kann. Konstruktion mit de begegnet 18 36. — 29 subit que:
‚so bald als‘ (nicht im Tresor). — 33 amourssar: auch amoussa(r) ‚löschen‘
(zu ital. ammorzare, lat. *admortiare, nicht zu franz. amorcer, dem im NeuproV.
gleichfalls amoursa— amoussa entspricht. — l’aniour: wohl Z’amour zu
lesen. — 35 fasiou: man erwartet fariow (wohl Setzfehler), — 38 lou fach
ou lou faillit: vgl. franz. Z’afaire sera faite ou faillite; dire 1. f. ow uf:
‚ja oder nein sagen‘. — 39 enconbit: = neuprov. encoumbi. — 46 1a fille:
Anrede. — 47 Aze: ebenso 14.29, daneben Ay 816. Vgl. unten Abschn: Ill
PROBEN AUS DEN OBKOS ET KIMOS PROVVENSSALOS. 559
Car plus el fa, tant plus el es batut,
49 Encin m’amour tu as reconeissut.
(S. 56—57.
ODE
SUR LA MISERE ET PAVVRETE
QU’ON ENDVRE ESTANT VN HOMME
detenu prisonnier.
Vand d’vn aubre es töbat Car au beou sou de Diou
De qu’auque fort haut Faut que face son niou.
mourre, 3ı La frech, la fan, la set,
Lon vez de tout costat, Per la gorjo l’arrapon,
Poble prestament courre, Puis vn escadrounet
Ou anar av grant trot De gros picards l’atrapon,
Per cargar lour bardot. Lous quali iournallament
7 _Ou quand (Ceres) permes Ly dounon grand tourment.
Que Iy tondon la testo, 37 Si ven qu’es accusat
Fremos, enfantelets De qu’auque gros affaire,
Courron, coumo tempesto Subit es enfarriat
Cuillent & pleno man Coumo lon vez vn pouaire,
De glanos per tout I!’an. Et non faut auer Pou
13 _Encin quand sen reson Que face so quwel vou.
Vn paure miserable 43 Puis quand la bijarrie
Es fourrat en preson Pren & Minos lou iuge,
Coum’ vn Ay ä l’estable: Mand’ en Consergerie
Tout malhur & tous maux De diablons vn deluge,
Ly courron & grand saux. Per lou faire venir
19 Car tant leou qu’es boutat Dauan s’y per l’auzir.
Dins la proufondo fuosso, 49 Et quand es arribat
La grando humilitat, Au dedins sa cambretto,
Subitament lou trousso, Subit &s assetat
Et deuen si vous plas’ Sus vno escabaletto:
Plus transsit qu’vn pedas. Ly demando son nom,
25 Lou Chin de son houstau, Son pais, & renom.
Plus qu’el fa bono chiero, 55 Pres d’el vn gros tripet,
Encaro n’a qu’vn pau Sus lou papier graffigno
De paillo per lichiero: Tout so que lou pauret
49 Encin: die marseillische Form für ansın.
8. ı d’vn: lies un. — 9 Fremos: über fremo und femo vgl. Ab-
schnitt III. — 16 Ay: vgl. oben 747. — 30 niou: s. die verschiedenen
Formen von nidus in Mistral, Tresor, unter nis. Der Form n:0# entspricht
die moderne Form nidu (Dep. Var. — 35 Lous quali: lies lousguals. —
39 enfarriat: = enferriat in Eisen gesetzt, mit (eisernem) Gitter versehen,
enfarria = ‚treillisser une fen&tre‘ (Tresor). Hierdurch erklärt sich auch
der Vergleich mit dem Jouaire (Putator) ‚vigneron qui taille les vignes‘, —
43-44 Die Reimform (männlich) verlangt dyyarric—.consergerie,
560 KARL VORETZSCH,
(A dich) & puis va signo, Ly ven vn Capellan,
Apres es ramenat, Metre la croux en man.
A son premier estat. 97 A !’houro lou pauret.
61 Estat que qu’auquo fes, D’vno facio transsido,
Mays de l’entiero annado, Es menat au gibet,
Non 8’y mou dont el es: Per y finir sa vido,
Coum’ vn armo daunado, Leissant tous sei parents
Ly pourgen per vn trau, De sa fin mau contens.
De pan & d’aigo vn pau. 103 May sa fin non vaudırie,
67 _Toutosfes tan patir, Lou peou d’vn escoubeto
Non ly son qu’amourettos: Si lou patient n’auie,
Car quand Iy faut venir Dauant sy la trompeto,
An juoc das estirettos, Per fayre soullament,
Bramo coum’ vn vedeou, Auzir son testament.
Qu’es menat au Maseou. 109 Subit lou viel Caron
73 Et n’a bras ny tendon, Grand Pillot de la barquo,
Muscle, cambo, ny veno, Permens que d’on ceiron,
Que Minos lou leiron Son esperit embarquo,
Non fasse dounar peno, En leissant as ausseous,
Et pauuo non aura, Son couorps & sei budeous.
Tant que ren non dira. 115 Vela de nostre Enfert
79 Dont Minos oustinat La tarriblo misery,
Nouueon mau Iy fa faire Si d’Estiou ou d’Yuert,
Entro qu’a confessat Non manquo tau tempery:
Son malheiroux affaire, Et pouot mordre son det,
Subitament escrich, Qui passo t’au guichet.
Es tout so qu’el a dich. ı21 Ben Es vray qu’en preson,
85 Adonc lou fa tournar, N’y a mays d’vno centeno,
Tout romput sus la paillo: Que per deoutes y son:
E Minos d’assemblar D’autres exemps de peno,
Toutto sa ley rounaillo, Lous qu’als quasi s’en van,
Qu’a drech ou ben a tort D’au iourt au lendeman.
Ly debanon sa mouort. 127 _Mays vn tau lendeman,
91 Apres auer conclut, De my non ven encaro:
Cascun & la siou modo: Car sept mezes de l’an
Ou que siege pendut, Passon iustament aro,
Ou mes dessus la rodo, Que you suc presonnier,
58 va: wohl für da. — 63 dont’: d’ont’ = d’ounte ‚von dort, wo‘. —
70 juoc des estirettos: juoc bleibt im Bild, das durch amouwrettos
‚Liebeleien, Liebkosungen‘ aufgenommen ist. Unter estirettos sind, wie die
folgende Strophe lehrt, Daumenschrauben und ähnliche Folterwerkzeuge zu
verstehen. Vgl. neuprov. esfirar ‚etirer, mettre ä la torture, & la question‘
(Tresor). — 77 pauuo: Zauvn, marseillisch für Sauso ‚Ruhe‘. — 88 ley
rounaillo: Z.yrounaillo, Ableitung von Jeiron (oben 2 12). — 104 Lou peu:
peu (frz. Poil) ‚die Borsten (eines Besers)'., — III permens que: per mens
que = ‚für weniger als‘. — ceiron: ciron, ciroun, cirow, vgl. franz. cıror
milbe; hier eine alte prov. Kleinmünze, vgl. me sidu pas espargna'n cirou®
(Tresor), hier ‚obolos‘, — 117 Si: lies sie (*siaf), — 134 exemps: s. Tresor
unter disent.
PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 561
Dins aque&st pigeonnier. 151 Aquo &s trop segur
133 Et comben que Piuton, Dont vn pau my confouorto,
Et Dono Proserpino Et non pouot lou malheur
An fach A Belaudon Durar & vno pouorto:
Tousiours bono couzino Mays per sourtir d’eici,
Toutosfes m’es auist, Faut de Diou la merci.
Que prez suc dins lou visc. 157 Aquel es ben-huroux
139 Car quand mon courasson Qui pouot passar sa vido,
Sy souuent de la chiero Luench de tallos doulour,
Qu’ay fach dins Auignon: Viuent a sa bastido
Et delä la ri:iero, En toutto libertat,
Lou jourt s’y passo pau, Quand n’auri@ que de I'art.
Que non siege malau. 163 Amariou mays cent fes
145 Mais faut que dedins you Y vioure de sallados,
Enclauy patiensso, De sebos, ou d’aillets,
Esperant que mon Diou Que de perdrix lardados,
My donne delliourensso, Estent dins la preson,
Apres l’oscuritat, 168 Luench de mon Auignon.
Ven puis la claritat. (S. 59—b2.)
Q.
EN vous iury ma fe, qu’en mens d’vno semano,
Cascun veira plus leou Catz, Catos, & Catons,
Amar & vouller ben & Rats, Rattos, Ratons,
Que you perdy l’amour de Margot, & de Juano.
5 _Cascun veira plus leou las montagnos en plano,
Et estre bons amis Lebriers & Loubatons,
Et las Cabros n’auer plus la barbo as mentons,
Que you perdy l’amour D’anillon, & Bertrano.
133-34 Pluton—Dono Proserpino: augenscheinlich scherzhafte Be-
zeichnung des Gefängniswärters und seiner Frau im Zrfert. Zu den klassıschen
Namen pafst sehr gut die vom Dichter hier für sich selbst gewählte Namensform
Belaudon, die als Koseform auch an anderen Stellen (14 88, 15 ı 1) begegnet. —
153-4 Die Verse haben sprichwörtlichen Charakter. Der Nachdruck liegt auf
vno. Vgl. das Sprichwort: Zöuti di vont baton Pas la memo Porto. —
159 doulour: lies doulours. — 162 de l’art: de Jard, vielleicht wieder eine
Anspielung auf die Hug-notten (s. oben 65) und ihre Nichtbeachtung der
Fastenregeln. Vgl. manja low lard ‚gegen die Regeln handeln‘. Der Sinn
wäre dann: „und wenn ich auch nur Speck hätte und am Fasttag essen mülste,
wie die Ketzer“. Man kann aber auch daran denken, dals der Speck von
manchen gering geschätzt und den Hunden verfüttert wird: douna lou lard as
cas —= verschwenden, Nesci es lou paisan — Que douno lou lard i can. —
168 perdrix lardados: offenbar Teile der boro couzino von Pluton und
Proserpina.. — An den Gedanken der letzten Strophe erinnert der Kehrreim
von Mistrals ‚Renegat‘: Mai sus la montagno — Manja de castagno — Vau
mai que l’amour senso liberta.
9. 2-3 Catz—Catons, Rats—Ratons: vgl. Clement Marot (A son
amy Lyon, CEuvres compl., &d. Jannet I, 155) Mais despita chatz, chates et
chalons, Et prisa fort ralts, rates et ralons.
Zeitschr. L, rom. Phil. ALVII. 36
562 KARL VORKTZSCH,
9 Mais si qu’auque durbec veni& dire d’audasso,
Qu’estregne mau si pouot lou faix qui trop l’embrasso:
Et qu’vno soullament non pas tantos nen chau.
ı2 Adon Ily respondriou, vous sias vn Ay, compaire,
Car vn home inginous deou cent mestressos faire:
Et ben sot &s lou Rat que si fiso d’vn trau.
(Sounet XXIX, S. 69.)
Io.
VN home qu’en plezers & jour & nuech si bagno,
El non pensso sinon que de rire, & danssar.
Et quand lou Cel voudrie lou mounde renuersar,
Toutosfes non s’en chaut de tout vno cCastagno.
5 Mais quand vno doulour vn pauret accompagno,
Mourtineou, pensatiou, non fa que souspirar,
Et d’aquy (mon Rapheou) es naissut lou parlar,
Que l’home qu’&s fachat, fa casteous en Espagno.
9 You l’esprouy per mi, car quand au pais ery,
Non pensaui sinon que d’afanar larlery,
Et autant m’en chali& das ratz que das tondus.
ı2 Mais aro qu’vno clau ten sarrat per estreno,
Ma fiero libertat, mous casteous sus l’areno.
Son bastis, & subit, en souflant defondus.
(Sounet LXXXVIJ, S. 99.)
II.
Estresso, fa long tems que s’ariou cuech dins terro,
Et dex mille lombris m’aurien tout desgrunat,
Si lou mastin Clauier, non m’'aguesse dounat,
: L’vsage d’au papier per passar ma coullero:
5 Car quand la vision de ton hueil mi fa guerro,
Vau sentent dins mon couor vn ferouge combat:
Mais tu fiero, per trop de ta bello beoutat,
Rises de la doulour que jourt e nuech m’aterro.
9 Toutosfes, lou papier qu’es fach de besty mouorto,
M’ausent clussir per tu, senti que my Confouorto,
Mi disent (mon dousset) non pouot estre qu’vn jour,
10 Sonst Ouau trop embrasso, pau estren (Tresor); Que tröu embrass,
pau [o mau] estregne; Que tröu embrasso, Ren n’amasso u. ähnl. (Pau Romas,
Lei Mount-Joio, Voucabuläri dei prouv£&rbi etc. I, Avignoun 1908, S. 492, 574). —
II vno—tantos: Objekte zu chaw „dals es ihrer nur eine, nicht so viele braucht“.
10. 5-8 Damit ist die Redensart faire castdus en Espagno (älteste franz.
Belege bei Tobler-Lommatzsch II, 304) natürlich nicht erklärt. Zur Entstehung
der Redensart vgl. Morel-Fatio, Etudes sur l’Espagne IV, ııyffl. (= Melangts
Emile Picot I, 335 ff.); A. Längfors, Neuphil. Mittlgn. 16 (1914) 107f. —
13-14: Punkt zu streichen.
11. ı cuech: cosire im Sinne von ‚verbrennen— verzehren‘. Sinn:
„schon längst läge ich tot in der Erde“,
PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 503
ız2 Non siegy dins las mans de ta dousso rebello,
Laquw’allo quand veira lou mau que ty martello,
Estregne ben voudra ton fuoc greges d’amour.
(Sounet XCII, S. 102.)
12,
A LA MIGNARDE VILLE
D’AVIGNON.
ILLO de promifsion, & d’au CEl ben heurado,
Villo de tout soulas, & gloutons passatens,
Villo que coum’ un huou, s’y&s pleno de tous bens,
(Et que l’Alme Jupin) de sa man t’a pausado.
5 A bon drech d’vn &smail (Flora) t’a bigarado,
Et iou Diou Cabro-pedz farcido d’instrumens:
Puis l’enfant Cherubin, prodigue de l’encens,
A tous filancs, embugat per l’'humano bregado.
9 Ton plus d’aurat butin, &s vn eyssan de Fillos,
Que pouorton sus lou frond millo flamos gentillos,
Per virar soutto-sus l’esmaillado meyson.
ı2 Perqu& vueille lou CEl gardar que sus sa testo,
Lou Gamby cautelous, non forge la tempesto:
Afın de non troublar ta gourriero seson.
(Sounet CVIJ, S. 110.)
13.
Chancon follastre.
Ont’ &s lou tens que fasiou la bestieto, Bis
Contre l’Enfant, son arc, & sa flecheto.
Et tant de tringouly, fringouly, mingouly,
Tant de tringouly, mingouly que mi fas, mi fas;
mi fas, mourrir d’enraby.
12. 3 Plen coume l’idw ist noch jetzt der Glückwunsch der Gevatterin
für das Neugeborene beim Überreichen des Eis, — 4 Jupin: Juppiter. —
9 „Les filles d’Avignon de Bellaud ressemblent peu & celles de notre Aubanel*
(Marieton, Revue Felebreenne VII, 1891, 208). — 13 Lou Gamby cautelous:
‚der heimtückische Hinkende‘ (Hephaestus— Vulcanus).
18. ı fasiou la bestieto: vgl. Tresor unter bosti (faire la besti
= affecter la b£tise).. — 3 tant de tringouly, fringouly, mingouly: ist
hier in der ersten Strophe wohl der zweite Teil des Objekts (Za bestieto et
tant de tr.), und ebenso noch in einigen anderen Strophen (II, V, VI usw.),
sonst aber, wie der älteste Kehrreim in der Regel, ohne syntaktische Be-
ziehung zur Strophe. Fringouly gehört begrifflich wohl zu fringa (= fölatrer,
faire l’amour), mingouly zu mingo— mingoulet (mie— fluet, grele), Zringouly
vielleicht zu #rinca (= trinquer): also ‚Trinkereien, Liebeleien, Narreteien
(Nichtigkeiten)‘. — 4 fas: wem gilt die Anrede? Augenscheinlich dem Gott
Amor, der in den drei Schlufsstrophen auch unmittelbar angeredet wird.
36*
564
‚junges Mädchen‘. — 21 Juoc ly pouder: man vermilst de. — 223 & cha-
pau: ‚nach und nach‘, s. Tresor unter cha. — 24 guigne 1a testo: ‚mit
dem Kopf schütteln‘, als Zeichen des Verneinens. — 36 Pregant...
KARL VORETZSCH,
6 _Vont’ &s lou tens que non sabiou & dire,
So qu’es de plours, de tourment, ny martyre.
Et tant de tringouli, &c.
9 Vont’ &s lou tens que tout guay de courage,
Coum’ vn Cabrit sautauy dins l’herbage.
Et tant de tringouli, &c.
ı2 Et mantenent faut qu’ esclaux you deuenguy
D’vn garcon nud, & que d’el my souuenguy.
Et tant de tringouli, &c.
15 Louqu’al desja & mes dins ma tripaillo,
Vn gros farot, ou vn brandon de paillo.
Et tant de tringouli, &c.
ı8 Que m’a vsclat, & lou couor, & l’armeto,
Per trop amar vno Mendigouneto.
Et tant de tringouli, &c.
21 Vonte n’ay luoc, Iy pouder faire entendre,
Que per s’amour & cha-pau tomby en cendre.
Et tant de tringouli, &c.
24 Toant ay de pou que non guigne la testo,
Disent de non & ma glouto requesto.
Et tant de tringouli, &c.
27 Aquello pou fa mon Armo geallado,
Comben que sie de son hueil affarado.
Et tant de tringouli, &c.
30 Et si pertant vouoly que la poulido,
A tous-tens sie mestresso de ma vido.
Et tant de tringouli, &c.
33 En ly dounant iou gouuert & regimi,
De tout sus my: car autro non estimi
Et tant de tringouly, &c.
36 Pregant Amour d’houblidar tout rampony,
Per accourdar emb’ ello ma Famphony.
Et tant de tringouli, &c.
39 Mais que prest, prest, aquo el veuille faire.
Sen/so vers mi estre tant charlataire.
Et tant de tringouli.
42 Car s’ vno fes ell’ a sentit sa flammo.
Senty desja qu’apres mi ello bramo.
Et tant de tringouli, &c.
bis
bis
bis
bis
bis
bis
bıs
19 Mendigouneto: Deminutiv von mendigo — mendi ‚junge Schäferin‘,
d’houblidar: vgl. die Anm. zu 725. — 37 Famphony: vgl. oben 716
Fanphony,
PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 365
45 Et que s’enfs’ plus ello s’y ven semondre, bis
Et de mon hueil non s’y vou plus escoundre,
Et tant de tringouli, &c.
48 Fay don aquo (amour) ä la pareillo, bis
Et tu veiras que faray maraueillo,
Et tant de tringouli, &c.
5ı Car grauaray de tu & la memory bis
La dousso ley, la flecho, & l’arc d’iuory.
Et tant de tringouli, &c.
54 Puis tout brauoux dessouto la bandiero, bis
S’y piafara Louis de la Belaudiero.
Et tant de tringouli, fringouli, mingouli,
Tant de tringouli, mingouli, que mi fas, mi fas,
58 mi fas mourir d’enraby.
FIN.
(S. 132 — 133.)
14.
COMPLAINTE.
ı Escoutas la tempesto Das Po&tos d’au passat,
De mi paur amouroux, An fench per sa rimaillo,
Que la flecho moulesto, Vn tourment assedat,
D’vn trabail rigouroux, Vn Vaultour, vno Peiro,
Nuech & jourt my tourmenty, Vno rodo moulleiro:
Plagny, ploury, Pamenty, Ha! lous pendus,
Et n’ay repaux, Pres so que my trabaillo,
Semblo que dins ma testo, T’au tourment n’es qu’ abus,
Y age un manon de clauxu. 28 Vn Buou ä son araire,
10 Despuis qu’ay vist la facy Vn Aze de Moulin,
Que m’y ten enconbit A la vigno vn Poudaire,
Per feraujo desgracy, Et vn Muou de camin:
Despuis ben n’ay sentit, N’enduron tant de peno,
Comben qu’ ä tous sie bello, Coumo you per extreno,
Amy €s tant rebello, Ay de l’amar,
Que si sabias Et mengz que d’vn taillaire
Lou grand mau que tiracy, Lou tout ven estimar.
A fe my plagnirias. 37 Au mengz so que naturo
ı9 Tout so que la canaillo A creat coumo vesen,
48 amour: hier Eigenname.,
14. 11 enconbit: s. oben 739. — 15 Amy: A my. — 22ff. Lauter
aus der Antike (das Poetos daw Passat) bekannte Qualen: Tantalus, Pro-
metbeus, Sisyphus, Ixion. — 25 lous pendus: Anrede an die canasllo das
po8tos, wohl im allgemeinen Sinne eines ‚terme injurieux‘ (den das Wort nach
dem Tresor noch heute z.B. in Bearn hat. — 33 per extr&no: beliebte
Redensart unseres Dichters, vgl. oben 10 12, unten 154. — 36 ven: wohl
für ven: (das - kann verschliffen oder elidiert werden, vgl. fombdy”en 18 22).
566 KARL VORETZSCH,
Quand ven la nuech obscuro, Plus frejo & touto houro,
En pax son repaux pren, Mi siez qu’vn cercopoux:
Et de my &s & l’houro, As tu ben lou courage
Que sembl’ aquel que plouro Mi veser plen de rage
Son Payre mouort, Per ta beoutat,
Au jourt ma peno duro, Vno Turquo, vno Mouro,
S’y redoublo plus fouort. Aurien de mi pietat.
46 Car tant per sa carriero 73 _ Puis que vouos qu’en misery
You rody, tourny, vau, Mon couor vague viuent,
Que d’escuebry ma fiero, Aro d’vn sementery
Sourtent de son houstau Vau estre lou present:
Parlant & sa vesino, Afın que la barquetto
Va risent de ma mino: De la blanquo barbetto,
Puis d’vn hueil chat, Mi passe leou,
Dis que la Belaudiero, Per leuar lou temperi,
Es per si ben fachat. Que bouino mon cerueou.
55 Hal qu’allo fachadisso, 82 Per fin pensas Bregado
Gafouillo mon barriau, Si mon cCouor si transsis,
D’ausir la jappadisso, Vesent mon obstinado
S’y faire d’auant you: Que de mon tourment nis:
D’ell’ A cha-pau m’approchy, Que cascun prengu’ exemple
Per ly faire reprochy, Et la doulour contemple,
De sa rigour: De Belaudon,
Mais mengz qu’vno clauuisso, Per fugir la fiechado,
Escouto ma doulour. go D’au borny Cupidon.
64 Ah! (sourdo traditouro) (S. 135— 36.)
Que d’vn couor mastinoux,
15.
De la Bellaudiere, parlant de son Liuret.
R sus, sus, mon Libret, compagnö de ma peno,
Hermary plus segret de mon aduersitat:
Aro que lou born Diou m’a mes en libertat,
Anen rir’ au pais & plen fonds per estreno.
5 La grand Mar Occean non gietto tant d’areno,
Ny la blondo Ceres au Mez de Jung de blat,
Coum’ auian de desirs dins noste couor doublat,
De nous vezer d’Enfert, deslias de la cadeno.
9 Sus Libret, vay premier dins la man Barouniquo,
Ly disent (Monseignour) la plus caro relicquo,
Que vostre Bellaudon age sauput chausir.
48 d’escuebry:descuebry (zu neuprov.descubri—descurbi, vgl. Tresor). —
64 traditouro: fradıtour für das übliche frahıdow bezeugt Mistral im Tresor
für Zerbin und Brueys (beide aus Aix). — 68f. lou courage— Mi vezer:
auch hier vermifst man de (vgl. oben 18 2ı).
15. 2 Hermary: = ermari, armari. — 9ff.: aus der Widmung gebt
hervor, dafs Bellaud selbst diese Sammlung für den Druck zusammengestellt
PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 567
ı2 (Per vous tenir jouyous) €s mi, & si vous mando,
Qu’a vostre Segnourie cent fes s’y recoumando.
Et que prest lou veyr&es eicy (per vous senuir.)
Fin du premier Liure de la prison de Bellau.
(S. 152.)
hatte. Auf dies Zremier livre de la prison de Bellau folgt in der Ausgabe
das Don-Don infernal, das wohl als zweites Buch gedacht ist.
IIL
Bemerkungen.
Die Ausgabe von Bellauds Gedichten von 1595 stellt das
älteste in Marseille gedruckte Buch vor. An gedruckten Texten
provenzalischer Sprache hatte es wenige Vorgänger (s. oben S. 545 f.).
Eine feststehende Überlieferung für die Wiedergabe der dem
Provenzalischen jener Zeit eigenen Laute bestand sonach nicht.
Mit der heutigen Lautgebung können wir die damaligen Schrift-
zeichen nicht ohne weiteres erklären. Auch bestehen wesentliche
Ausspracheverschiedenheiten zwischen der Sprache Mistrals und der
von Aix-Marseille und der sich östlich anschliefsenden Gebiete.
Dazu kommt, dafs gerade in jener Zeit die französische Sprache
Einflufs auf die provenzalische Sprache gewinnt und damit auch
die Einwirkung der französischen Orthographie auf die provenzalische
sichtbar wird. !
Im allgemeinen wird man annehmen dürfen, dafs Dichter und
Drucker durch ihre Schreibweisen ungefähr die Laute aus-
drücken wollten, die damals in Wirklichkeit gesprochen wurden.
Nur kann man es einem ch, einem 7, einem g%°, nicht ohne weiteres
ansehn, welchen Laut es damals bezeichnen sollte, ob cA ein #8,
$, £s, #4 oder ähnliches, j (g*') ein d2, 2, ds, dy, usw. bedeutet.
Hingegen zeigt Wechsel zwischen c (vor e, :) und s, zwischen -3
und -s deutlich an, dafs c“! und -s zu s geworden sind: cerwelo—
serueou, lanssou — lingou (linteolum), faries, voudries—sentribs, dirias,
im substantiv neben soupirs, Plours usw. auch Aueilz, tarolz, auquelz
(oben 66). Auf französischem (z. T. ursprünglich etymologischem)
Einflufs beruht x für s: croux, rıgouroux, amouroux, prepaux, repaux.
I Die Geschichte der neuprovenzalischen Sprache ist noch wenig unter-
sucht. Einen wichtigen Grundstein bildet das Werk von P. Pansier, Histoire
de la langue provengale & Avignon du XlIle au XIXe siecle, I Avignon 1924,
II 1925. Trotz der mundartlichen Verschiedenheiten zwischen Avignon und
Aix-Marseille bietet die Untersuchung vieles für die Sprache Bellauds Ver-
wendbare (bes. I S. 92 ff., rıoff.). — Die allgemeinere Bedeutung des Franzö-
sischen für das ganze Gebiet Südfrankreichs untersucht A. Brun, Recherches
historiques sur l’introduction du francais dans les provinces du Midi, Paris
1923 (S. 327 ff. Provence). — Hoffentlich wird die von J. Ronjat hinterlassene
vollständige Grammatik des Neuprovenzalischen und seiner Mundarten bald
gedruckt,
568 KARL VORETZSCH,
Die zahlreichen Doppelschreibungen von Konsonanten — bello,
ceruello, crudellament, accusat, affarado, approchy — weisen auf etymo-
logische Einflüsse. Auffällig sind die Doppel -s nach Konsonant
(/uorsso, paliensso, lanssou, pensso, sensso).
Da anlautendes 3 auch in Wörtern germanischen Ursprungs
in Südfrankreich von Anfang an verstummt war, hat A im Druck
nur orthographische Bedeutung: Aoustau, haridello; daher auch auf
Wörter übertragen, die nie ein A hatten: Auer! (oculum), huou (ovum),
hermary (*armarıium), houblidar (*oblitare).
Der Monophthong # wird nach französischen Vorbild durch ou
dargestellt (jours, soun «-sonum, coumo, rigouroux, escoulas, lourment,
pouder, sourlir),; auch in Diphthongen, daher kou (—npr. Jöu), beou,
serueou, peou, badereou, Rousseou, deouri€ — couor (= cuor), mouort,
fouorsso, bei :u und ou aber auch durch u, So guaugue, paure,
claux, prepaux— vou (*volet). Der Triphthong zes wird gewöhnlich
zou (für zeou) geschrieben: Diou, adıou, you (—ieu), siou, fasıou,
voudriou, pregariou, niou, barriou, fiu (— filum) miou, couniou
(vgl. Pansier S. ı 1).
Der aus altprov. a entstandene dumpfe Laut der Endsilbe
wird schon damals durch o dargestellt, nur ausnahmsweise durch
das in anderen Drucken begegnende ou: journado, fremo, dousso,
toutto, aquello, quauguo, demando, graffigno (Bourniachow 4 3). Auch
das französische e (Alle 7 406) ist vereinzelt.
Eine besondere Eigentümlichkeit der Orthographie bildet hier
der häufig verwendete Apostroph, der nicht nur zur Andeutung
der Elision oder der Wortzusammensetzung, sondern auch mitten
in einfachen Wörtern, z. T. augenscheinlich aus Milsverständnis oder
aus Gedankenlosigkeit gesetzt wird: au — dau (de ıllo), d’avrat 12 9,
r’assemblo 6 ı2; l’art 8 ı62 — lard, guaugue, guauguo, lougsal,
laquallo, sy 863; = y-si, my= my-mi, SarıE 6 10 = sarıd, m’y
Sara 19 —=my (mi) sara; fau— tau, vn’autr’an 17 für un auir’an,
sen/s —=sen/s (senso) usw. — Das Trema wird gelegentlich falsch über-
tragen: mais 7 47 ‚10 5 nach zweisilbigem Jais (8 54). — Klammern
werden allem Anschein nach zur Hervorhebung bei Namen,
Anreden u. dgl, aber auch ohne erkennbaren Grund verwendet:
Car (Moussur de Moulans) et mays ma Dameisecilo 59, Ou guand
(Ceres) permes 87, A bon drech d’vn esmail (Fiora) t’a bigarado 12 5,
(Zt que l’alme Jupin) de sa man t’a pausado 12% 41, Fay don ayuo
(amour) 1348; Zi d’aguy (mon Rapheou) £s naissul lou parlar 107,
Mi disent (mon dousset) non pouot estre quun jour Il ıı, Ah! (sourdo
traditouro) ... 1403, Ly disent (Monseignour) ... 15 10; Tout so
que lou pauret (A dich) el puis va signo 8 58, (Per vous tenir jowyous)
es mi 15 ı2, Zi que prest lou veyres eicy (Per vous seruir) 15 14.
Sprache und Mundart des Dichters wird sich erst auf Grund
der Reime und der Silbenmessung durch genaue Untersuchung
der gesamten Dichtungen Bellauds feststellen lassen. Wir wissen
nicht, was sein literarischer Testamenisvollstrecker Pierre Paul, was
der Marseiller Drucker an des Dichters Sprachformen etwa geändert
PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 569
hat. Der Dichter selbst, im östlich gelegenen Grasse geboren,
früh nach Aix gekommen und dort aufgewachsen, später in Avignon,
Arles, Tarascon, Salon, Carpentras, Marseille, hat vermutlich über-
haupt keine reine Mundart geschrieben. Wenn wir die Sprach-
eigentümlichkeiten des Drucks feststellen, ergiebt sich als Grund-
lage etwa die Sprache von Mars.ille und Aix. Mit den Sprach-
formen der Aixer Dichter — Cansons dau carrateyron (16. Jh.), Claude
Brueys (17. Jh.) — ergeben sich weitgehende Übereinstimmungen.
Bei den Tonvokalen ist das bezeichnendste die Diphthongierung
des 9 in gedeckter Stellung. Die altprovenzalische durch # oder
Palatal bedingte Diphthongierung von 9 und g bleibt hier aufser
Betracht (vgl. bei Bellaud Aueil, nuech, cuech, buou, huou— you =
eu, Diou = Dieu usw.). Altprov. fort, forga, mort, porla, conforta
erscheinen als /ouort, foworsso, mouort, poworto (neben porto), confouorto.
Die Erscheinung ist heute — als go, ga, %e — in den proven-
zalischen Mundarten weit verbreitet, wie die Karten des Atlas
linguistique de la France, die mundartlichen Dichtungen und die
Mundartenuntersuchungen von Sütterlin (Nizza: Rom. Forschgn. 9),
Aymeric (Rouergue: ZrP 3) u.a. zeigen. Nach dem ALF Karte 597
reichen die diphthongierten Formen von ort (wor, fwar) von
den Alpen her westlich bis La Ciotat, Gardanne, Eyguitres,
St. Etienne-les-Orgues, Nyons, Pierrelatte und schliefsen vermutlich
Marseille und Aix mit ein, da die Östgrenze von for? durch
Martigues, Fourque, Aramon bestimmt wird, Die Westgrenze für
fworso (fworso, fwarso: ALF 593) verläuft deutlich westlich von
Aix und Marseille: sie wird gebildet durch Martigues, Eyguieres,
Vaucluse.
Diese Diphthongierung erstreckt sich auch auf Wörter wie cor
(cowor —couort 7 25), pot («-*potel), das als powot erscheint, auf
vols («— *voles), hier vouos (7 40), also auf Wörter mit vulgär-lateinisch
freiem, provenzalisch gedecktem p, aber auch auf zouo/y, das nicht
altprovenzalischem »#0:/, sondern vol, voli! entspricht, also freies p
zeig. Diesen Formen stehen undiphthongierte wie rodo, modo
gegenüber. Der Vokal £ bietet überhaupt keine Formen, die
einem fouort oder vouoly entsprechen würden.
Die Wesigrenze für couor (kwor, kwar : ALF 306) ist Martigues,
Gardanne, Villelaure, Vaucluse (mit einer westlichen Enklave:
Pierrelatte), die Ostgrenze für cor (cur) Agde, Nissan, Lodere, Uzes,
Barjac, Vogüe&; zwischen diese beiden Gebiete schiebt sich das aus
dem Norden längst der Rhone eingedrungene französische czur
ein. Dafs cowor ursprüglich weiter nach Westen reichte, lehrt die
Enklave Pierrelatte, lehren auch die Formen cotXor, fotor (= fort),
poüode (= fode) bei dem Avignoner Dichter des 17. Jahrhunderts
C. Brunel (Pansier S. 121 fl.).
I Vgl. über das Verhältnis der aprov. Formen zueinander Voretzsch,
Die Diphthongierung im Altprovenzalischen S. 28 (Suchierband S. 602). —
Formen mit aprov. Diphihongierung sind in den Konjunktivformen wueille
12 12, veuslie 13 39 erhalten.
570 KARL VORETZSCH,
Bei den Vokalen der unbetonten Endsilbe ist wichtig, dafs
-a schon damals — wie schon im Carrafeyron (zwischen 1518 und
1531) — verdumpft war (s. oben Schreibweisen). Nach dem ALF
hat sich -2 heute nur in einzelen Teilen der Departements Hautes-
Alpes, Basses-Alpes, Drome, Vaucluse einerseits, Gard und Herault
andrerseits erhalten. Sonst erscheinen in der unbetonten Endsilbe
-e und -7:vespre, mourre, impoussible, voste, quaugue, affasre, courre,
esire, rises — lestimony, viagi, (1. P. Praes. Ind.) iury, pregui, bagny,
eslimi, esprouy, enclavy, pensavi, approchy, vouoly, vesy, perdy, plagny,
senty, (1. P. Pr. Kj) s«gy IL ı2, deumguy, souuenguy 13 ı2 £,
(1. Perf. Ind.) Zouguery, foury, (1. Impf. Ind. von estre) ery. Die
analogische Endung der ı. Person (ältestes Beispiel azorı beim Grafen
von Poitiers) erscheint in der unterrhonischen Mundart (Mistral) als
-e, in der Mundart von Marseille und weiter östlich als -z. 1
Die Vortonsilben zeigen manche Eigentümlichkeiten: ma/-
heiroux 32, 883 neben benhuroux 8157, tarrible 726, Bııa
= terrible, lanssou — lingou (vgl. oben zu 7 5), Fanphony (vgl zu 7 ı0),
baderevu 7 42 — budareou, intern 19 = enterin u. a. m. Die heutige
Form maleirous schreibt Mistral der Auvergne und der Dauphine
zu, doch kann man auch in languedokischem malarrous — malirous und
selbst in rhonischem malerous das alte malerrous wiedererkennen, das
offenbar weitverbreitet war. Zangou ist nach Mistral rhonisch, farrzdle
marseillisch, /anphony und fanfonio rhonisch, fanfounid marseillisch.
Von den Endkonsonanten scheint - noch laut gewesen zu
sein, da es überall, auch in den Infinitiven, noch geschrieben wird:
jour, couor, fier —amar, soupar, embrassar, pouder, ausir.? Auch -ch
scheint noch fest zu sein: fach, drech, frech, nuech (gegen rhonisches
fa, dre, fre, niue heute). Ein -/ wird zwar regelmäfsig geschrieben
(franssit, subil, bontal, arribat — cant, vist, mouort, vent, lourment), aber
umgekehrte Schreibungen (couort 2 5 = cwour, jourt 32, Enfert—
Fvert 8 115, ı17) deuten auf stummes -/ (ebenso im Carrateyron).
Auch die Formen zeigen manches eigenartige. Die Genitiv-
formen des Artikels daw (de ıllo) und das (de :llos -as) sind die
üblichen auch im Carrateyron und bei Claude Brueys, dau nach
Mistral heute noch in der Auvergne, Dauphin€ und Nizza, das und
“ dais in Languedoc, da: in Nizza, daus in Limousin und Dauphine.
Marseillisch sind die Pronominalformen mi # si für me te se.
Im Verbum zeigt sich das Fortschreiten der schwachen Perfekt-
bildung gegenüber der starken: fon (1 5) besteht noch (jetzt sigws,
fugu2); ferner fet Lı2, 52, feron 3 4, daneben schon /aguet 3 ı2,
während zu venir nur schwache Perfektformen — venguet 16, ven-
gueron 9 20 — begegnen, zu Powder nur pouguery 3 6. Die aprov.
Form agruem ist durch die analogische agueran 34 ersetzt.
ı Vgl. Savinian, Grammaire provengale, Avignon 1882, S. 100. X. de
Fourvieres, Grammaire et guide de la conversation provengale, Avignon (o. J.),
S.69. L. Sütterlin, Die Mundart von Nizza, S. 426.
% In der Mundart von Avignon ist das auslautende -r im 18. Jahrhundert
aus der Schrift verschwunden (Pansier 5.156).
PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 571
Am merkwürdigsten sind die Präteritalformen /oury 113, 37,
fouran 3 3, feran 19, die lautlich lat. /ueram, fueramus, feceramus
zu entsprechen scheinen. Wie im Französischen /üerunt und /uerant,
Jecerunt und fecerant lautlich zusammenfielen und dadurch das Auf-
gehen des Plusquamperfekts im Perfekt herbeiführten, mufsten auch
im Altprovenzalischen die beiden Tempusformen in foron und feiron
(/eron) zusammenfallen und den Bedeutungsübergang fora — fui,
Joran = fom, feran —= festem ermöglichen. Dem steht freilich ent-
gegen, dals fora und feira wie die übrigen lat. Plusquamperfekta
schon im Altprovenzalischen die Bedeutung des Conditionalis haben.
Aber aus dem südöstlichen Gebiet des Provenzalischen haben wir
überhaupt keine mundartlichen Denkmäler aus alter Zeit. Immerhin
liefsen sich die Formen auch als analogische Neubildungen erklären:
wie zur 3. P. Pl. Perf. zrouberon eine ı. P. Pl. trouderan (1 2) gebildet
werden konnte, war zu /ouron auch eine Neubildung /ouran, zu
fearon —feron ein feran möglich. — Mistral führt im Tresor unter
faire eine ı. Pl. Perf. ferian auf, die er als marseillisch bezeichnet.
Pansier (S. 158) verzeichnet jedoch für das Avignonesische des
18. Jahrhunderts als Perfektformen von faire: fe, fes, fet, ferian,
ferias, feron. Ferian hatte damals also eine weitere Verbreitung.
Sonst sind aus den Verbalformen noch hervorzuheben: die
ursprüngliche Konjunktivform 3.P. sie 7 ı8, 13 28, 3ı (8 117) neben
der neuen analogischen Form siege 49; die Form suc 8 131, 138
für die ı. P. Sg. Praes. neben siow 4 ı; die 3.P. ey Lıı neben
dem sonst üblichen es.
Auch syntaktisch begegnen verschiedene Eigentümlichkeiten,
die aber zur mundartlichen Bestimmung nicht viel helfen: you (= ieu)
schon hier als Akkusativ gebraucht (de you 7 44); ne noch als volle
Negation verwendet (7 44 si den prest tu n’as pielal de you); Nicht-
rektion des auf das Objekt folgenden Partizips bei aver (8 140—41
de la chiero Qu’ay fach dıns Avignon); devenir zur Bildung des Passivs
(deven transsit 8 23f.); einfacher Infinitiv (ohne de) nach pregar
(7 25 Pregariou Diou ly faire per estreno, vgl. die Anm.) und nach
Substantiv (13 2ı Vonte n’ay luoc ly pouder faire entendre, 14 68—6g
As tu ben lou courage Mi veser plen de rage);, comben que (von Mistral
nur für die Gascogne bezeugt) bald mit Konjunktiv (13 28 Comden
que sı6E de son hueil affarado), bald mit Indikativ (8 133 — 35 Z
comben que Pluton Et Dono Prosarpino An fach a Brlaudon ...).
Mehr Charakteristisches bieten einzelne Wörter mit ihren
Wortformen. So zeigt voux 2 3 «-vocem noch die regelrechte lautliche
Entwicklung wie crous«— crucem, während neupr. voues (vouei, vouas, voua)
aus französisch v»:.x (— zuegs) übernommen ist! und in der rhonischen
Mundart, Dep. Var, Nizza, Auvergne gesprochen wird. Zrein 749
für ansın ist bereits oben als marseillisch bezeichnet worden. —
Fyemo 89 für femo ist nach Mistrals Tresor die Form des Alpen-
! Vgl. über die Entlehnungen aus dem Französischen Carl Grapengeter,
Die nordfranzösischen Elemente in Mistrals Werken. Diss. Kiel 1916.
572 KARL VORETZSCH,
gebiets und Nizzas, reicht aber nach Blatt 5488 des ALF bis
Martigues, Eyguieres, Vaucluse, also über Marseille hinaus (für das
Mistral die Form /rumo angibt). Unterrhonisch ist /emo, fumo.i —
Für lat. asinus hat Bellaud die Formen as: 7 49, 14 29, und ay 8 ı6.
Nach Mistral wird ase und az in Marseille, ase (age) und ae in Nizza
gesprochen. Nach dem ALF (Blatt 4ı) stellt sich das Verhältnis
etwas anders dar. Das eine Gebiet wird gebildet durch die Aus-
sprache aze (Grenzorte Menton, Fontan, St. Sauveur, Mezel, St. Etienne-
les-Orgues, Villelaure, Eyguieres, Stes. Maries), das andere durch
die Formen ohne -8, aye, ai, ae (Grenzorte Plan du Var, Puget,
Theniers, Castellane, Greoux, Gardanne, Martigues). Die Form ai
wird im südwestlichen Teil des Dep. Alpes maritimes, im Dep. Var
und im Osten des Dep. Bouches du Rhone gesprochen. Bellaud
hat also (wie auch die Silbenmessung lehrt) Formen aus zwei ver-
schiedenen Mundarten verwendet. — Die schwierige Wörtergruppe
locum, focum, jocum erscheint hier als /uoc (vgl. auch Zuöctenent 4 ı2),
/uoc, jwoc. Formen mit erhaltenem Endkonsonanten erscheinen heute
(vgl. ALF 563 eu, 719 jew, Mistrals Tresor unter fd, jo, 40,
Sütterlin S. 264) östlich der Rhone nur noch in den Dep. Alpes
Maritimes, Basses- Alpes (Nordosten) und Hautes- Alpes als j/ück
(fürg), dZück, lück, aulserdem im gröfsten Teil der Mundarten
westlich der Rhone als /oc, fwoc, fouec usw. Die Grenze für die
vokalische Entwicklung liegt östlich der Rhone: vom Westen her
reicht die Form fd bis Stes. Maries, Eyguieres, Vaucluse, Courthezon,
Pierrelatte, Nyons, die Form dz2o—d2o bis Stes. Maries, Fourques,
Aramon, Courthezon. Die aus dem ALF feststellbaren westlichen
Grenzorte für fü@ (fye, fwe) sind Martigues, Gardanne, Villelaure,
Sault, Orpierre (/urk); für djüe (djyve. d2yo u.ä.) Martigues, Eyguieres,
Villelaure, Sault, Orpierre (d2üek). Für Jocum bezeichnet Mistral
lid als rhonisch, Zue als marseillisch?, Zeue, /iuec als Formen des
Dep. Var. Alle diese Formen scheinen aus wor, juoc, Zsoc entstanden
zu sein, die zur Zeit Bellauds jedenfalls noch in der Gegend von
Aix und Marseille gesprochen wurden und damals vermutlich noch
weiter reichten.
Die Prüfung ergibt sonach eine Reihe von Erscheinungen,
welche die Mundart von Aix und Marseille bezeichnen: den Über-
gang des unbetonten a zu o, die Endung -: der ı. Person verschiedener
Tempora und Modi, die Artikelformen dau und das, die Pronomina
mi & si, die Wortformen vous, fremo, traditouro (vgl. 14 64), pawoo
(877), borny (7 13), encın, tarrıble ({ 49). Diese Eigentümlichkeiten
stellen vermutlich nicht nur die Sprache der Marseiller Drucke,
sondern im wesentlichen auch die Sprache des Dichters dar, der
in Aix seine Jugend verlebt und seine Ausbildung erfahren hat.
Die literarhistorische Stellung des Dichters wird sich
nur auf Grund eingehender Untersuchung feststellen lassen. Der
1 Jedoch hat ein Lied von 1662 aus Avignon (Pansier S. 133, Str. 12)
fremos (Jean Bertet aus Avignon, 1666 — Pansier S. 140 — wiederum femo)
2 Lue, fue, jue auch bei Victor Gelu.
PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 573
Verfasser des oben (S. 550ff.) abgedruckten ‚Eloge‘ rühmt Bellauds
dichterische Fähigkeit „bien qu’il n’eust faict estat des lettres,
n’ayant iamais veu liure Latin, ne regard& que de leil seulement
les Francois“. So völlig selbstwachsen wird sich Bellaud bei
näherer Betrachtung nicht erweisen. Er ist zunächst ein Dichter
der Renaissancezeit, der in der Ausschmückung seiner Erlebnisse
und Empfindungen in Namen und Persönlichkeiten der antiken
Mythologie, in Bildern und Vergleichen dieser Art schwelgt.
Voran steht bei seiner erotischen Veranlagung der Liebesgott, der
selten mit dem Namen Amour (1848) oder Cupidon (14 88) be-
zeichnet, meist umschrieben wird: Jow Bourniachou garsson 4% 3,
aquel enfant Borny 7 ı3, vn gargon nud 13 ı3 oder kurzweg !’Enfant
(son arc et sa flecheto) 132. Der Liebesgott trifft ihn mit dem
Pfeil, läfst diesen in seinem Herzen stecken, versengt dem Dichter
Herz und Seele, macht ihn zu seinem Sklaven, und so erwartet
der Dichter vom Liebesgott auch Hilfe in seiner Liebespein. Für
sein zweites Hauptthema, seine Gefangenschaft, erscheinen ihm
Pluton und Pyoserpina passend, um den Gefängniswärter und seine
Frau darzustellen (Nr.%: Ode). Das tertium comparationis ist das
Enfert, die Hölle, die Unterwelt. Sie bietet ihm auch die Mög-
lichkeit, den Richter als Minos (Nr. 6, bes. Nr. 7), seinen Stell-
vertreter als Juöctenent de Minos (Nr. 11) zu bezeichnen. Die über
die Gefangenen gefällten Todesurteile und die Gedanken an ein
ähnliches Schicksal zaubern ihm das Bild des zse/ Caron mit der
blanco barbetto und seiner Barke vor Augen, selbst der erforderliche
Obolos (ceron) wird nicht vergessen (4 und bes. 8). Merkwürdig
genug nimmt sich in dieser antiken Szenerie der Kaplan aus, der
dem von Minos gepeinigten Gefangenen ein Kreuz in die Hände
legt (8 gı fl.) oder neben dem Alme Jupin, der Avignon geschaffen,
neben Zora, neben Pan, dem Diow Cabro-peds, und neben Vulkan
low Gamby cantelous als Unwetiermacher das enfant Cherubin prodigue
de l’encens (Nr. 12). In anderem Zusammenhang wird /a dlondo Ceres
als Göttin der Feldfrüchte (Nr. 8, Nr. 15) genannt. Die in der
Complainte (14 ıgfl.) aufgeführten Qualen der antiken Unterwelt
vervollständigen das Bild, das den Dichter völlig von Vorstellungen
des klassischen Altertums umgeben zeigt.
Die Bevorzugung der Sonetiform ist gleichfalls neuzeitlich,
ebenso wie die Verwendung der Terzine (in der besonderen Form
abb—acc in Nr.7) und die Bezeichnung Ode (Nr.8). Die
Gattung der Complainte hingegen ist älter. Volkstümliche Form
zeigt die ‚Chancon follastre‘ (Nr. 13), die ebenso wie die ‚Chanson
de la cruaut€ de ma Maistresso‘ zum Singen bestimmt war, wie
das dem ersten Vers der Strophe beigefügte Bis lehrt.
In seiner Wesensart und Lebensauffassung zeigt Bellaud viel
Verwandtschaft mit Clement Marot. Nur fehlt ihm völlig der reli-
giöse Zug, und seine Gegnerschaft gegen die Hugenotten scheidet
ihn auch hinsichtlich des Bekenntnisses von dem französisch dich-
tenden Sprachverwandten aus Cahors. Ins Gefängnis kamen die
574 KARL VOKETZSCH,
beiden aus sehr verschiedenen Ursachen, aber die Schrecken dieses
‚Enfer‘ haben sie beide erlebt und anschaulich geschildert, und es
bleibt noch zu untersuchen, ob Bellaud hierbei nicht von Marot
Anregung erhalten hat. Vermutlich wird sich bei einer planmäfsigen
Vergleichung noch manche Beziehung herausstellen, der sicherlich
aus Marot entlehnte dreifache Reim Cai/z, Catos et Catons: 4 Rass,
Rattos, Ratons (9 2-3) gibt dafür einen Fingerzeig. Auch die an
sich für einen humanistisch gebildeten Dichter nicht fernliegende
Bezeichnung des Richters als Minos findet sich schon bei Marot.
Die literarische Eigenart Bellauds läfst sich in ihren Grund-
zügen auch schon aus den hier mitgeteilten 500 Versen erkennen.
Das persönliche Erleben und Empfinden bestimmt den Inhalt
seiner Dichtung: Klagen über das Los des Gefangenen, Klagen
über nicht erhörte Liebe einerseits — andrerseits fröhliche Rück-
erinnerung an Freundschaft und Geselligkeit, Liebe und Liebes-
freuden, ungebändigte Lebenslust, die ihren Ausdruck im Bekenntnis
zu einer möglichst vielseitigen Liebe und sogar in der Aufzählung
von Lieblingsspeisen findet. Das düstere Leben im Gefängnis wird
ihm augenscheinlich durch besondere Kost und sogar durch An-
knüpfung neuer Liebschaften erleichtert. Dazu kommt ein glück-
licher Humor, der selbst über die realistische Schilderung von
Gefangenenleben und Gerichtsverfahren mit allen ihren Qualen ein
verklärendes Licht wirft, zumal das für die ‚Ode über Elend und
Armseligkeit des Gefangenen‘ gewählte Metrum eine tragische
Stimmung nicht aufkommen lälst.
Die Anschaulichkeit der Schilderung lälst nichts zu wünschen
übrig. Gefangennahme, Schlaf auf dem nackten Boden, Nahrung-
reichen durch ein Loch, Verhör, Foltern, Verurteilung: alles wird
getreu beschrieben, selbst das Testament nicht vergessen, ohne das
die Hinrichtung des Verurteilten ohne Wert ist. Der Vergleich
seiner vielen Liebschaften mit der Maus, die mehr als ein Schlupf-
loch hat, wirkt sogar zynisch. Derb ist auch seine Anrede an die
antiken Dichter, die canazllo das poelos dau passat, an die Pendus,
grob seine hypothetische Anrede an den durdec, der seiner Neigung
zur Allerweltsliebelei mit Sprichwörterweisheit entgegentreten könnte:
vous sıas un ay, compaire. Bemerkenswert ist auch seine Fähigkeit
zur Kürze des Ausdrucks: in der Complainte V. 28ff. bringt jede
Kurzzeile ein neues Bild, und in V. 22ff. stopft er vier antike
Jenseitsqualen in drei Kurzzeilen !
Ein wesentliches Stück von Bellauds Kunst liegt in seiner Vor-
liebe für Bilder und Vergleiche, in der Auswahl und Ausführung
der Bilder. Einzelheiten des Gefangenenlebens und namentlich
der Folterqualen werden mit dem Tarokspiel verglichen oder als
juwocs bezeichnet, denen gegenüber leichtere Qualen noch als
amouretios erscheinen (8). Das Gefängnis ist bald ein Znjert,
bald ein Prgeonnier. Die Stadt Avignon ist wie ein Ei voll von
guten Dingen (12). Er selbst sprang ehedem wie ein Zicklein
herum (13 ı0). Die Gefangenen sind wie Lämmer in der Macht
PROBEN AUS DEN OBKOS KT KIMOS PROVVENSSALOS. 575
des Wolfes (3). Die Bilder strömen ihm nur so zu: ein Ochse
vorm Pflug, ein Mühlesel, ein Weingärtner, ein Zugmaultier kann
nicht soviel Qual erleiden wie der Dichter durch das Lieben (14 25).
Der Gefangene wird in das Gefängnis gesteckt wie der Esel in
den Stall (8 ı8).
Sehr gern bedient er sich zum Vergleich der Steigerung: der
Haushund macht ein fröhlicheres Gesicht als der Gefangene (8 25).
Zeitweise hat der Dichter das Dichten mehr gemieden als Gift (4).
Nach seiner Gefangennahme ist er tiefsinniger als ein von seiner
Herrin aufgegebener Verliebter (2). Das Mädchen, das seine Liebe
nicht erhört, hat ihn elender gemacht als ein armseliger Esel
hinten im Stall ist (7 46f.). Lieber möchte er bei Montauban und
La Rochelle Gänse hüten als immer die Glocke des Gefängnisses
hören (8), lieber von Salat, Zwiebeln und Knoblauch leben als von
gespickten Rebhühnern im Gefängnis (8 63).
Von solchen Steigerungen aus ist nur ein Schritt zur Hyperbel:
eher werden Katzen und Mäuse, Hasen und Wölfe gut Freund
miteinander sein, eher Berge zu Ebenen werden oder Ziegenböcke
keinen Bart mehr haben, als Margot, Juano, Anillo und Bertrano
aufhören würden ihn zu lieben (9). Der Grofse Ozean bringt
nicht so viel Sand und die blonde Ceres nicht so viel Getreide
im Juni hervor, als der Dichter und seine Gefährten Wünsche
hatten, aus dem Gefängnis befreit zu werden (15).
Auch mit dem negativen Vergleich (non pas coume d’espoux
Mais coume ... gens que lous menon pendre 8 7-8) und durch Ver-
gleich der Gegensätze — wie in Nr. 10: der Lebemann und der
Mann im Schmerz —, durch die Antithese, weils der Dichter zu
wirken. Zwei schön ausgeführte Gleichnisse — von der Menge,
welche einen gestürzten Baum plündert, von den Ährenlesern auf
abgeerntetem Feld — leiten seine Klageode (8) ein: die grofse Zahl
der Übel, die auf den Gefangenen einstürmen, bildet den Ver-
gleichspunkt.
Nimmt man dazu die Flüssigkeit des Ausdrucks und den
glatten Vers- und Strophenbau des Dichters, so entsteht ein har-
monisches Gesamtbild, das den Dichter nicht nur als den würdigen
Erneuerer der provenzalischen Dichtung, sondern auch als eine
hervorragende Erscheinung der gesamten Literatur des damaligen
Frankreich zeigt. Er ist das wichtigste Bindeglied zwischen der
provenzalischen Dichtung des Mittelalters und der Neuzeit.
KAarL VORETZSCH.
Discus,
Seit dem grundlegenden Aufsatz über Probleme der altroma-
nischen Wortgeographie, mit dem Jud den Bd. 38 dieser Zeitschrift
eingeleitet hat, ist das Interesse für die Fragen der Verteilung des
lateinischen Wortschatzes auf die verschiedenen Gebiete der Romania
stets lebendig geblieben. Zwar die von Meyer-Lübke in der
Vorrede zu seinem REW in Aussicht gestellte zusammenfassende
Geschichte des romanischen Wortschatzes in älterer Zeit haben wir
leider bis heute noch nicht erhalten: ein schwerer Verlust für unsere
Wissenschaft. Aber manche andere Arbeiten haben den noch wenig
durchpflügten Boden gelockert. Ich denke an Aufsätze, wie Grieras
Afro-romdnic 0 ibero-romädnic (Butlleti de dialectologia catalana
10, 34 —53; vgl. dazu Arch. Rom. 8, 487; Rom. 5ı, 29ı) und
Meyer-Lübkes Ausführungen über den katalanischen Wortschatz
in seinem Buch über diese Sprache. An einer einzelnen Wort-
gruppe, den Benennungen des Schafes, habe ich die Verteilung
der Worttypen in jener Übergangszeit vom Lat. zu den rom. Sprachen
darzustellen versucht (Abhandlungen der K. Preufs. Akademie der
Wiss. Berlin 1918, Nr. ı0). Ein tiefschürfender Aufsatz von Jud,
Rev. de linguist. rom. ı, 181—236, untersucht die Gründe des Aus-
einandergehens der Ausdrücke für „löschen“ in den verschiedenen
rom. Sprachen.
Diese Arbeiten geben fast durchwegs das Bild provinzieller
Differenzierung des Wortschatzes. Das Rumänische setzt sich zu
Italien in Gegensatz, das Iberorom. zum Gallorom. usw. Sie gehen
auch meist vom Begriff aus, um den sich dann die verschiedenen
Ausdrücke gruppieren. Demgegenüber mag einmal das Wort zum
Ausgangspunkt genommen und seine Bedeutungsentwicklung in
den verschiedenen Teilen der Romania verfolgt werden.
Lat. Dıscus ist dem gr. dioxog „Wurfscheibe“ (zu dıxeTv „werfen“)
entlehnt, dessen Bedeutung es genau wiedergibt. Die Form der
Scheibe hat den Anlafs dazu gegeben, dals ihr Name auf flache
Speiseschüsseln übertragen wurde. Diese Bedeutung ist, soviel ich
sehe, im Griech. seit dem ı. Jahrhundert nach Christus zu belegen,
und zwar besonders als Ausdruck der Sakralsprache: dloxog (eos
„sacer discus, in quo Graeci inter missae solemnia sanctum panem
reponunt“.1 In der lateinischen Literatur tritt die Bedeutung „flache
ı Wohl aus der griechkath. Kirchensprache rum. disc „Hostienteller;
Teller zum Geldsammeln in der Kirche“, bulg. diskos „Teller“ usw.
DISCUS. 577
Speiseschüssel* seit dem 2. Jahrh. auf, und zwar zuerst bei Apuleius.
Ihr gegenüber mulfste die ältere Bed. „Wurfscheibe* zurücktreten,
schon wegen des Verschwindens der antiken Spiele! Wir haben
also für das Romanische auszugehen von der Bed. „flache Speise-
schüssel“.
Durchforschen wir die rom. Hauptsprachen nach Spuren von
DIscus in dieser lat. Bedeutung, so sind wir überrascht, feststellen
zu müssen, dafs sie durchaus fehlt.2 Sie lebt einzig weiter in dem
früh von der Romania abgesprengten Sardinien: logud. arsk«
„runde Schüssel, die bei der Käsebereitung Verwendung findet“,
diskw, Sassari, kors. a!Yy% „Schüssel“, campid. dis2 weddu (+ SKU-
TELLA) ZRPh 23, 471, 519; 25, 740; AGI 14, 387; Wagner, Das
ländliche Leben 120.
In Italien, im Rät. und im Gallorom. lebt pDIiscus weiter in
einer neueren Bed., die im Lat. nicht zu belegen ist, nämlich „Tisch“.
Die älteste Stelle, an der sie sich m. W. findet, haben wir im
Capitulare de Villis cap. 24: guidguid ad discum dare debeat, wo discus
den Speisetisch, die Tafel des Königs bezeichnet. Diese Bed. ent-
wickelt sich auf sehr einfache Weise aus „Scheibe“. Die von den
Römern verwendeten Tischplatten waren rund; oft wurden sie auch
nur auf den gemauerten Fuls aufgelegt und nach Bedarf wieder
weggenommen (Blümner, Privataltertümer ı24). Eine solche runde
Tischplatte nannten die Römer orBıs. Als dieses Wort in Abgang
kam, war DISCUS der gegebene Ersatz. Zweifellos spielte bei dieser
Bedeutungsentwicklung die Umgestaltung der Kulturverhältnisse eine
grolse Rolle. Als die Germanen ins Römische Reich eindrangen,
brachten sie ihre primitiven Gewohnheiten mit. Diese bestanden
darin, dafs bei einem Gastmahl das Essen vor jeden einzelnen der
auf dem Boden sitzenden Gäste auf einen kleinen Tisch hingestellt
wurde; vgl. Schrader, Reallexikon 2, 536.3 Daher vereinigte dieser
die Funktionen eines Tisches und einer Schüssel. Das kommt
sprachlich oft zum Ausdruck; vgl. got. mes „Tisch; hölzerne Schüssel“,
ksl. misa „Schüssel“ neben slov. miza „Tisch“. Diese Art zu speisen
war natürlich den höheren Klassen vorbehalten. In den unteren
Schichten der Bevölkerung afs die ganze Familie gemeinsam aus
ı Übrigens hat das Diskuswerfen in Rom nie auch nur annähernd die
gleiche Rolle gespielt wie in Griechenland, s. Blümner, Privataltertümer 329.
2 Einzig das Apr. scheint ein desc „Schüssel zu kennen. Doch bleibt
zu beachten, dafs an den beiden Stellen, an denen dieses belept ist, es sich
um die Erzählung von der Enthauptung Johannes des Täufers handelt. Nun
lautet die betreffende Stelle in der Vulgata, Marcus 6, 28: Z£2 decollavit eum
in carcere, et attulit caput eius in disco. Da sonst desc im Apr. nie „Schüssel“,
sondern immer „Korb“ bedeutet, liegt es nahe, in der vorerwähnten Bed. von
desc Einflufs der Vulgata zu selıen. Übrigens ist es sehr wohl möglich, dafs
die Südfranzosen dem Worte desce auch an den genannten Stellen die ihnen
geläufige Bed. beilegten, da schliefslich ein abgeschlagenes Haupt auch auf
einem flachen Korb getragen werden konnte. Auf jeden Fall liefse sich also
ein Weiterleben von DISCUS „Schüssel“ nicht durch einen Hinweis auf das
Apr. stützen.
3 So sagt Tacitus: sedaralae singulis sedes et sua cuique mensa.
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII. 37
578 WALTHER VON WARTBURG,
dem einen Kochkessel direkt, darum herum kauernd und hockend,
wie das heute noch in Sennhütten der Schweizer Alpen oder bei
den Hirten in den Appenninen der Fall ist. Dafs der discus in
diesem Sinne nur dem Haushalt der herrschenden Klasse angehörte,
geht klar hervor aus der oben zitierten Stelle im Capitulare de Villis.
Dementsprechend bedeuten denn auch afr. mfr. ders, apr. desc „grolser,
runder Elstisch der Vornehmen“.1 Diese Bed. ist auch in Italien
weit verbreitet: atosk. desco „Efstisch“ Studi Mediev. ı, 248, alomb.
id. ZRPh ı5, 458, gen.id., it. „Elstisch; Fleischerbank“, Treviso
lesco „langer Speisetisch in der Vorhalle der Bauernhäuser“, Südtirol
desk „Tisch* Gartner, Handbuch 269; ferner mit sekundärer Ent-
wicklung der Bedeutung Südtirol d’sk „Dreschbank“ Bündnerisches
Monatsblatt 1922, 49, Poschiavo desk „asse su cui collocano i
pani impastati perche fermentino“, Molise di!k> „Formbrett für
Makkaroni“ usw. Arch. Rom. 9, 157.
Südfrankreich hat DIscus ebenfalls eine spezielle Bedeutungs-
entwicklung durchmachen lassen. Apr. desc(a)? bezeichnet einen
breiten, flachen Korb mit ganz niedrigem Rand, und diese Bed.
lebt heute noch in fast allen Dialekten. Sie hat sogar in die Grenz-
gebiete des Katalanischen übergegriffen.? Diese Bed. ist leicht zu
verstehen als Fortsetzerin von „Efstisch“, kaum aber von „Schüssel“
aus, da die Dimensionsunterschiede zu grols wären.
Nun lebt aber pıscus auch aulserhalb der Romania weiter.
Es wurde in beiden in Frage kommenden Bed. auch von anderen
Sprachen aufgenommen:
DISCUS „Schüssel“ > berber. duscu „grolse Holzschüssel“
Schuchardt, Rom. Lehnwörter im Berber. 56, air. /esc „Schüssel“,
akymr. disc/, nkymr. dysgl, abret. discou, nbret. disk (Pedersen 1, 224;
Rev. Celt. 30, 338; Bezz. Beitr. 18, 76), ags. dise. engl. dish, ahd. ic,
noch heute z. B. Schleswig das? „Teller, Schüssel“ Z. deutsche Phil
38, 495, anord. dıskr, dän. disk.
Discus „*Tisch“ > d. Zisch, ahd. disc, westfäl. disk, dıss, ndl. disch.
Halten wir die romanischen und auflserromanischen Vertreter
von DISCUS zusammen, so ergibt sich folgendes Gesamtbild:
DISCUS bedeutet in der Kaiserzeit ı. Scheibe, 2. Schüssel
Innerhalb der Romania ist es spurlos untergegangen in der Hispania
und im Balkanromanischen.
I. DISCUS „Scheibe* ist ganz verschwunden, und zwar, nach
den Belegen im Thes. Linguae Lat. zu schliefsen, schon seit dem
4. Jahrh.
1 Die Entwicklung der Bedeutung „Baldachin“ ist ein sekundärer Vor-
gang, beruhend darauf, dafs diese Speisetische oft mit einem grofsen Zeltdach
überspannt waren. — Die alte Bed. ist vereinzelt in den Mundarten geblieben,
vgl. z. B. Cancale das „table de boulanger“.
2 Zur Bildung des Femininums s. meine Ausführungen in Butll. Cat.
1921, S. SI.
5 S, Mitteil. Hamb. Seminar 4, 32 n. 1; Butll. Cat. 1920, 9; ALCas 478;
Dicc. Aguil6,
DISCUS. 579
2. DISCUS „Schüssel“ lebt weiter in den im Jahre 458 von
Rom abgesprengten Inseln Sardinien und Korsika, sowie in weitem
Umkreis um die Romania als Lehnwort in den Nachbarsprachen.
3. Zur Zeit, da die Verbindungen mit entlegeneren Gebieten
bereits abgerissen ist, also etwa im 5. Jahrh. nimmt piıscus die
Bed. „Tisch“ an. Der Grund dazu ist zu suchen im Untergang
von ORBIS, besonders aber in der Art, wie die eingebrochenen
germanischen Völker bei ihren Gastmählern zu tafeln pflegten.
pDıscus „Tisch* hat sich aber in dieser Zeit des zurückgehenden
wirtschaftlichen und sprachlichen Verkehrs nur noch in Italien und
in der Galloromania Geltung verschaffen können. Aus dieser wurde
es dann auch in das eng mit beiden verbundene Deutschland ver-
schleppt. Um in weiter entlegene nichtromanische Sprachen zu
wandern, dazu hatte es schon nicht mehr die nötige Expansionskraft.
So bietet die Geschichte von DISCUS ein getreues Spiegelbild
des allmählichen Zurückgehens der sprachlichen Vormachtstellung
der zentralen Romania (Italiens), deren semantische Neuerungen
gegen Ende der Kaiserzeit nicht mehr bis in die Peripherie des
Reiches zu dringen vermögen.
W. v. WARTBURG.
37*
Fünf Barzelletten nach alten Drucken.
In der Sammlung italienischer volkstümlicher Drucke auf der Rat-
schulbibliothek in Zwickau, welche ich in der Zrph., Bd. XXXI (1907),
S. 310 ff, beschrieben habe, und die eine Auswahl der um 1500
beim Volke beliebten Literatur bietet, ist auch die Liebes- und die
weiberfeindliche Dichtung stark vertreten. Aus letzterer drucke ich
hier vier Barzelletten ab, alle in der typischen Ballatenform. N.I,
eine Schmähuny der alten Weiber, hat hier insofern eine besondere
Wendung bekommen, als sie einer jungen Frau gegen die Schwieger-
mutter in den Mund gelegt ist.1 N. ist eine Warnung vor der
Liebe überhaupt mit Schilderung der Folgen.? In N. III wendet
sich eine Frau gegen einen Mann, der sie mit giftiger Zunge ver-
folgt.3 N.IV scheint sich nach der Überschrift auf säumige und
böswillige Zahler zu beziehen.* Unser Druck bezeichnet das Gedicht
als „Canzon facta contra di color che promette [atilfar de zorno
in zorno*, und ein Druck aus dem ı6. Jhd. auf der Marciana®
bezeichnet es sogar auf dem ersten Titelblatt ausdrücklich als
„vna bella Canzona contro a quelli, che promettono di fodisfare
di giorno, in giorno, o al piu lungo al Sabato, el qual fabato non
vien mai, tal che non vengono & conclufione alcuna di pagare chi
ha d’ hauere“. Auch das zweite für die Barzelletta besondere
Titelblatt deutet neben der mit unserem Druck fast gleichlautenden
Überschrift in seinem Bilde darauf hin. Trotzdem ist das Gedicht
aber eine Anklage gegen einen harten Geliebten, reichlich mit
Sprichwörtern durchsetzt wie schon IU. Wahrscheinlich haben beide
Gedichte denselben Verfasser. Die fünfte Barzelletta, die ich noch
folgen lasse, ist eine grobe Ausführung des Ritornells Lorenzo
de’ Medicis: „Chi vuol esser lieto, sia: di doman non c’ € cerrlezza“,
ebenfalls mit vielen eingestreuten Sprichwörtern. Sie findet sich
I Die Beschreibung des Druckes a.a. O., S. 338 unter XXIV. Einen
Druck „Balata contra le vechie invidiose“, der nur dieses Gedicht enthält, ver-
zeichnet Segarizzi, Bibliografla d:lle stampe popolari italiane della R. Biblioteca
Nazionale di S. Marco di Venezia, Vol.I (Bergamo 1913), S. 178—179, N. 183.
Misc. 2053. 6 [Sec XVI]. In meinen „Neunzehn Lieder Lionardo Giustinianis
nach den alten Drucken“ (Ludwigslust 1885), S. 11—ı2 findet sich eine Frottola
gegen die Alten, in der ein von einer Alten verratener Jüngling spricht. Die
Frottola ist übrigens schwerlich von Giustiniani.
2 Nach dem Druck XVI a.2.0. S. 325.
8 Nach dem Druck XX 2.2.0. S. 331.
® Nach demselben Druck a.a.O. S. 332.
5 Misc. 1016. 15 [Sec. XVI], Segarizzi a.a. O. S.61 und 66—70 mit
Faksimiles der beiden Titelblätter. Auf dem zweiten steht unsere Barzelletta
bis auf die letzten sechs Verse,
FÜNF BARZELLETTEN NACH ALTEN DRUCKEN. 581
zweimal in der Sammlung und wird in dem einen Druck dem
Faustino aus Rimini zugeschrieben.1
Beim Abdruck der Texte setze ich s statt /, c statt ck vor a,
0, #, lasse die überflüssigen A weg, löse die »-Striche auf und führe
Akzente, Apostrophe und Satzzeichen ein. Die Wiederholung der
Ritornelle gebe ich wie in den Drucken. Die Sprache lasse ich
unangetastet. Über jede Abweichung vom Drucke in textlicher und
metrischer Beziehung geben die Anmerkungen Auskunft, wo ich
auch die genaue Schreibung der Drucke bewahre. Sprachvarianten
gebe ich nicht an, wo mehrere Drucke vorhanden sind.
I.
Canzone delle Vechie Invidiose.
ı Queste vechie grinc’ e nere Se le vegon una copia
son de schiata de cigale, 25 che si portin grande amore,
sempremai cometton male la lor pena si radoppia,
e pezo vorian vedere. par ch’ egli esci lor el cuore.
5 Queste vechie grince. Elle crepon di dolore,
Le son tutte d’ una buza ch& la rabia han dentro l’ossa,
a dir mal delle polcelle! 30 e con tutta la lor possa
Hanno el viso de bertuza, a nesun posson piacere.
grinza e bisa hanno la pelle, Queste vechie,
10 sempre studiano in novelle Elle hanno tal pene e doglie
biasimando queste e quella. che se son cariche d’ anni
Cascar possa le cervella 35 et non han tracte le voglie;
a quante se ne pö vedere, questo dä lor grandi affanni.
Queste vechie. Le se vegon in quei panni
15 Queste vechie dispectose con sogoli e sugatoi,
guastariano el paradiso, vegon che pentirse poi
elle son tutte invidiose! 40 8 gran doglia e dispiacere.
Quando vegono un bel viso, Queste vechie. °
elle guardano ben fiso Le non posson ristorare
20 et poi fanno lor pensiero: el tempo che han perduto
il mio & zä& si grinzo e nero, e vegonsi refutare
che ’l diavol voria vedere. 45 da chi ha lor ben voluto,
Queste vechie. et con lor pensier arguto
I. 13 a ist durch den vorhergehenden Vers gebunden. — 29—30 Man
erwartet eigentlich 29 e und 30 che. — 38 con gran Jogli. Die Verbesserung
verdanke ich dem Wörterbuch von Tommas:o-Bellini, das unter sciwgatoio als
Beispiel die Verse: „Le si veggono in que’ panni Con soggoli e sciugatoi“
als von Lorenzo de’ Medici anführt. Dies ist ein Irrtum, denn die Verse finden
sich weder in der Edizione granducale von 1825 noch in der neusten kritischen
Ausgabe von Attilio Simoni (Bari, Laterza 1913— 1914, 2 Bde). Ich vermute,
dafs unser Gedicht in den Ausgaben Sermantellis von 1562 und 1568 (Nachdrucke
der Ausgabe 1553 s.1., vgl. Simiani II, 346), die in dem Wörterbuch benutzt sind,
als von Lorenzo de’ Medici abgedruckt ist. Es festzustellen fehlt mir leider die
Möglichkeit. — 39 che der Pentirfe. — 43 che han ist zweisilbig, sonst Aanno.
! Druck V (A) und XVIIL(B) a.a. O. S. 313— 314 und 326— 327.
582
so
55
10
15
BERTHOLD WIESE,
voglion far la lor vendetta. 65
Guai a quella giovinetta
che fa lor un dispiacere!
Queste vechie.
I’ n’ho sopra al capo dua
ch’ i’ non posso favellare, 70
ch@ ognuna dice la sua,
e mi quieta convien stare.
Io non posso a festa andare
ne in casa di vicina,
ne da sira e da matina 75
posso aver alcun piacere,
Queste vechie.
Fanciullette, aprite gli ochi,
quando vui prendi marito,
et guardate non vi tocchi 80
aver socera a niun partito!
Voi avete pur udito
on.
che per la suocera mia
non scio mai che ben si sia
ne i’ spiero de sapere.
Queste vechie,
Or vanne, ballata mia,
da mia parte alla versiera,
se la vuol far cortesia,
di’ che venga con sua schiera,
et non passi primaviera
quante vechie son nel mondo
che le meni nel profondo,
e lä giü se dien piacere.
Queste vechie grinz’e nere
son de schiata de cigale,
sempremai commetton male
e pezo vorian vedere.
FINIS.
Guarda ben stu sei un coion.
Guarda beu stu sei un coion 20
a voler seguir amore:
Non hai se non un sol core,
e lo voi por in prigion.
Guarda ben stu sei un coion.
Che arai fatto poi meschino 25
sendo for de libertä?
Piangerai sera e matino
per trovar qualche pietä!
Tu non credi a veritä,
cieco ben senza ragion. 30
Guarda ben stu sei un coion
a voler seguir amore.
Seria meglio cento volte
del diavolo esser sugietto
che de donne scioche e stolte, 35
che non han altro diletto
se non torne !’ intelletto
e sto poco de ragion.
Guarda ben stu sei un coion
a voler seguir amore,
Perö pensa quel che fai:
Tutto el di per li cantoni
come stolto n’anderai
per veder se 1’ & ai balconi.
Ti trar& sempre botoni,
se stai saldo al parangon.
Guarda ben stu sei un coion
a voler seguir amore.
E tu, scioco appassionato,
ogni cigno, ogni parola
ti par mele inzucherato
che ti scorra per la gola.
Sempre stringe e se tramola,
sempre crescie affection,
Guarda ben stu sei un coion
a voler seguir amore.
Primamente perdi il cuore,
57 ne da malina. Zue vgl. 1I, 59. — 63 Das a von aver ist gebunden. —
75 chel le.
IH. 2 wolere, und so immer. — 3 fu non—cor. — 7, 9, 10 wird die
Endung -4 den anderen Strophen entsprechend besser in -ade abgeändert. —
25 a di. — 34 se tramola „schleift sich“, „schärft sich“, von moda Mühlstein,
Schleifrad.
FÜNF BARZELLETTEN NACH ALTEN DRUCKEN. 583
l’ inteletto e la memoria, . 50o N& bisogna mo sperare,
40 la vergogna con 1’ onore, altramente sei un poltron.
la substantia di tua gloria. Guarda ben stu sei un coion
Or che resta per memoria a voler seguir amore.
la catena e la pregion. Perd pensate la fine,
Guarda ben stu sei un coion 55 cid che vuol seguir amore,
45 a voler seguir amore. perch& tutte tornan spine
L’ altra poi, se tu hai soldi, queste rose e queste fiore.
ti so dir che arai da fare Mai non escie di dolore
sempremai „Pietro non oldi?* ne d’ afanno e di passion.
a tal cosa da comprare. FINIS .°.
IL
Canzon contra le male lingue.
ı La tua lingua venenosa Anci che machiarsi un pede
el ben far mio poco cura, !’ armelin morir destina,
L’or che fino al foco dura ma chi fa danno in cocina
luce el ver supra ogni cosa, sempre d’ altri el simel crede.
25 Chi non ha non pud dar fede,
5 Alla rocca ben fondata E el magio dove & la rosa,
poco noce I’ onda el vento. La tua lingua venenosa
Porta in pace ogni tormento el ben far mio poco cura.
Ch’ ha de s& I’ anima armata. Stu te guardi dentro el pecto,
Stu me tene assediata, 30 tu gli hai scrito ogni peccato:
ı0 Chi caccia altro non riposa. Maldıcente, iniquo, ingrato,
La tua lingua venenosa mentitor, falso, scoretto.
el ben far mio poco cura, E poi voi sopra el diffetto
Tu sei come la badessa de ciascun far qualche giosa!
ch’ avea seco in letto el frate: 35 La tua lingua venenosa
ı5 Piena sei de iniquitate el ben far mio poco cura,
e poi stai divota a messa. Tra’ de calci, se sai trare,
Quando el lupo se confessa, che la somma portarai.
Alor tien la capra ascosa, Fammi el peggio che tu sai,
La tua lingua venenosa 40 che ’l mio ben non voi lassare,
20 el ben far mio poco cura. perch@ un can senza baiare
46 L’altra po: heilst „zweitens“, entsprechend dem Primamente 38. —
47ff. verstehe ich: Hast du Geld, so mulfst du immer den „Peter hörst du
nicht?“ beim Einkaufen spielen. „Peter hörst du nicht“ sind die Worte, mit
denen die Geliebte unersättlich ihren Peter zum Kaufen aller möglichen Dinge
auffordert. — 54 el fine. — 55 uuole. — 58 escie ist 2. pers, sg. — 59 di fehlt.
II. 2 del statt den. — 4 ner. — 5 Jondata. — 8 Che= Chi. —
13 fat. — 14 inelletto. — 13—14 vgl. Boccaccio, Dec. IX,2; Pulci, Morgante
XVI, 59; Prudenzani, Sollazzo S. 44 (Giornale storico della letteratura italiana
Suppl. 15). — 18 Alhora. — 21 uno. — 26 Non e el. — 31 Maledicente. —
34 giofa = glosa. — 38 Jomma = suma.
584
BERTHOLD WIESE,
non serö manco animosa.
La tua lingua venenosa
el ben far mio poco cura.
Chi tradisse al fin mal more:
Contra un falso traditore
non fu mai lege piatosa.
45 Honor me & che un hom da poco La tua lingua venenosa
de me dica mal e peggio. 60 el ben far mio poco cura.
Questo hai tu per privilegio Ogni hom segua el suo volere,
sempre accender qualche foco. lassa dir quel che vol dire!
Tanto susa el latro al gioco, Una volta s’ ha morire,
50 che la forca e ’l lacio sposa. e perö se vol godere:
La tua lingua venenosa 65 Pur onesto sia el piacere
el ben far mio poco cura. della sua fiama amorosa,
Quando avrai ben facto orrore La tua lingua venenosa
con la lingua acerba e cruda, el ben far mio poco cura.
55 morirai come fe Juda.
IV.
Canzon facta contra di coloro che
promette satisfar de zorno in zorno.
ı Ogni giorno passa un giorno, della cassa ove ha el tesoro
questa gratia non vien mai! 15 chi non vol darti del’oro.
Con el dir che ben farai A che spiace entrare in nave
tu m’ agiri el capo atorno, fugge el vento e ’l mar suave
e mai piü non fa ritorno,
5 Sempre im prompto hai qualche Ogni giorno passa un giorno,
scusa 20 questa gratia non vien mai!
per dar fede alle parole, Assai teme chi poco ama,
Non puö mai che mai non vole, ben conforta a chi non noce.
chi non ama finger susa. El gran fuoco presto coce,
El voler 1’ eflecto accusa: Tesse mal c’ ha poca trama.
ı0 Questo eflecto & danno e scorno. 25 In mal poncto el corier chiama,
Ogni giorno passa un giorno, se sorda & la guarda, el corno.
questa gratia non vien mai! Ogni giorno passa un giomo,
Non atrova mai la chiave questa gratia non vien mai!
49 Susa = suza — suggia „betrügt“. — 53 hauerati.
IV. Ich bezeichne den Zwickauer Druck mit A, den Venezianer mit B.
In der Überschrift Canzone contro d quelli che prometton B. — Nach 4 1—2
wiederholt in B 7 che=chi wie 16 und 24; B hat alle drei Male cAt.
Der Vers ist wohl aus Inf. V,23 gewonnen. 8 ama dä B. Das /u/a ist
entweder Verbalsubstantiv zu dem Zeitworte susar III, 49 in der Bedeutung
„Betrug“, oder es ist Druckfehler für scusa. Dafs dies schon im fünften Verse
vorkommt, spricht nicht dagegen. „Nie kann, wer nie will, wer nicht gerne
betrüpt“. — 13 ritroua—le Be — 17 Fuggi A. — 22 a chi non noce ist
Subjekt zu conforta, in B fehlt a. Zur Erklärung von 25—26 vgl. in
Varchi’s Canto de’ corrieri (abgedruckt in Guerrinis „Canti carnascialeschi,
Trionfi, Carri e Mascherate secondo |’ edizione del Bracci“, Milano, Sonzogno
1883, S. 257: „Siam corrier tutti e come udiamo il como
A forza ne convien da voi partire."
FÜNF BARZELLETTEN NACH ALTEN DRUCKEN. 585
Ove & quella ferma fede che brugiato ba fino al’ osso.
30 che mi desti, ove & ]’ amore? Io dirö un proverbio grosso:
Tu m’ hai dato e tolto el core 40 NL’ odor poco al morto vale.
e’l mio bene altrui possiede. A chi vol fortuna male,
Pazzo & quel che in donna crede gli tempesta el pan nel forno.
per un riso e acto adorno. Ogni giorno passa un giorno,
35 Ogni giorno passa un giorno, questa gratia non vien mai!
questa gratia non vien mai! Finis.
Non piü gratia! EI foco & tale,
V.
Barzelleta del preclarissimo poeta M. Faustino da Rimene.
ı Vaten via, malenconia, Perö tutto el mio sperare
che ’] mondo & di chi se’l gode! & fundato in sul presente,
Altro qua non se riscode, 30 ch& ’l futuro & solamente
tntto el resto & una pacia, per chi sa astrologia.
5 Vaten via, malenconia! Vaten via, malenconia!
Quel pochin che sto al mondo Intervenga quel che vole,
vo’ goderlo tutto quanto, ch’io non stimo ilmondo un grosso;
viver lieto e star giocondo, 35 s’el cadesse el cielo el sole,
sempre in festa, riso e canto. pur che a mi non caggia adosso.
ı0o Io metrd i pensier da canto Ognun ch’ ha da roder 1’ osso
stando sempre in sul piacere; Roda pur che pro gli faza,
abia el mal chi ’l vol avere, Io per me stard in bonaza
ch’ io no ’l voglio a casa mia. 40 senza troppo fantasia.
Vaten via, malenconia! Vaten via, malenconia!
15 Goder voglio infla ch’ io posso, Ognun spenda finch’ el n 'ha.
ch& ’l stentar non manca mai. Chi spar:gna in cose vane,
Chi se tira el male adosso, Dio sa poi quel che sarä,
ne ritrova pur assai. 45 se saren vivi domane,
Staga pur chi vole in guai; Serri l’ usso che rimane,
20 s’io potrö, stentar non voglio, ch’ io vo andar dal fico al pero;
degli affanni e del cordoglio che a pigliar troppo pensero
se ne trova tuttavia. la mi par una pacia.
Vaten via, malenconia! so Vaten via, malenconia!
Spesse volte ho udito dire Goda ognuno e stia iocondo,
25 quanto noce |’ indusiare, che altro qua non se guadagna.
che le cose ch’ a venire Sento dir che al’ altro mondo
mal si possan iudicare. non si beve n@ si magna.
239 Doue Be — 38 fina A, infino B.
V. Ich lege den Druck A zugrunde, Die Überschrift nur inB. ı iene A
pur hier, sonst immer, wie anch B, ten. — 2chielA. — 3quB —
5 fehlt in A. — 6 /0 al zweisilbig. — 9 in rifoein B. — ıı fehlt inB. —
12 fehlt e! A. — 24 fehlt ho A. — 27 Poffon Be — 29 fehlt inB. —
31 /a de B; /a a- kann aber sehr wohl zweisilbig sein. — 34 che statt
Chio BB — 46 che=chi wie B hat. — 47 „geniefsen was ich kann“;
andare A. — 48 figliare A. — 54 e non statt ne B.
586 BERTHOLD WIESE,
55 E perö tiran la ragna, chi pö aver si se ne pigli,
quando el vien qualche ventura, che la par milli scompigli
perch® el ben si poco dura, ogni ben che se desia.
ch’ el se n’ ha gran carestia. 95 Vaten via, malenconia!
Vaten via, malenconia! Tor se ne vol quel che vien,
60 Non guardare al mal mercato, dar nel mato a tutta briglia,
Pur tu godi e magni e strussi. perch& el val assai un tien
Nui diren poi quel ditato: piü che cento piglia, piglia.
„Providebit dominus“, 100 Perd mal si se consiglia
o che andren battendo agli ussi chi non gode infin che pd,
65 col sachetto e col baston, Che di quel chi vien dapo’
biscantando el tedeum Non si trova in speciaria.
o qualche altra Ave Maria, Vaten via, malenconia!
Vaten via, malenconia! 105 Resfondiam pur ben le poste,
Godi largo, e quel che serba pria crepar che roba avanza!
70 stenta e vivi a denti sichi! Qualcun po’ pagherä I’ oste,
Tutti alfın andiam al’ erba quando aren piena la panza.
N® con nui portian due crichi. Lassa pur zanzar chi zanza,
Alle forche che }’ impichi ı10o Tirnte al ditto de Aristotile:
Che si tien I’ argento in tasca! Cum tu poi aver ben, totile,
75 Dio li dia la mala pasqua e chi vol mal, Dio glien dia,
a chi vol far massaria. Vaten via, malenconia!
Vaten via, malenconia! Se dinar ho nel carnero,
Ciascuu omo che sparagna 115 ripossar giamai non posso;
mostra aver poco intelleto: stago assai cum mal pensiero
80 qualcun altro poi se ’] magna quanto piü son smilcio e sco3s0.
ala barba al suo dispetto, Chi non ha un quatrin adosso
che per lor non faria un petto va per tutto alla sicura,
per mandarli in paradiso. 120 non ha ’ver giamai paura
Non abiam questo per riso, d’ esser preso per la via.
85 ch 1’& vera prophetia. Vaten via, malenconia!
Vaten via, malenconia! Ogni cosa si vol vendere
Ogni tempo viene e va per pagar pci manco datio.
in un puntto, in un momento, 125 Non ci pd mancar da spendere,
chi se ’mpiglia si se n’ ha se viven piü longo spacio,
90 del piacer e del tormento. perch® vien dapoi fra Facio
Non si vol donqua esser lento, che ristora el ben e’l male;
56 fehlt e2 B. — 61 hat B ftru/, 64 uf und 66 dedeon. — 70 Stenta
und ziuz sind Konjunktive. — 73 we impichi Be — 74 che = chi wie B hat
(vgl. 46). — 80, altri uien poi che [el magna B. — 82 fPello == pelo. —
88 donto e inB. — 92 chin B, fon A. — 96 wol come la uen B —
100 fehlt SF A. — 101 chel po B. — 102 chi = che wie B hat. — 105 poste
sind die aufgetragenen Speisen. — 106 Prima AB, crepi A. — 108 ben
dien A. — 109 Jay B.e — 110 e tentiB. — 111 del den B. — 117 fehlt
pi A. — 118 fehlt un B. — 124 men cotal statt Pos manco B. — 126
statt Zu BB — 127 el uien B. Diese Redensart ist noch heute üblich.
Vgl. z.B. Petrocchi unter Zuzio. In dem Serventese „Hystoria Da Fugire
Le Putane“* in dem Drucke, dem hier N. I entnommen ist, heifst es in
Strophe 45: „Poi il manda a Fra Facio
che li refaci i danni.“ — 128 riftora ben o male B.
a EEE ra: Be EBEEPeweie en Ei En 1
130
135
140
FÜNF BARZELLETTEN NACH ALTEN DRUCKEN.
non ci manca lo spedale
o la santta furfaria.
Vaten via, malenconia!
„Chi non gode finch’ el vive
dopo morte se ne dole“
nel quaderno mio se scrive.
Facia pur roba chi vole:
Non sai tu che dir si sole:
„Nido fatto, gaza morta“,
o che ’I diavol si lo porta
o qualche altra malatia ?
Vaten via, malenconia!
Volsi star pieno e satollo
130 furfantaria BB —
145
150
138 la B.
— 144 fehlt e;
587
fuor di aflanno e di fatica,
tener sempre il becco a mollo
e ala roba far le fica
e un messal de ver che dica
che sia festa ogni matina
e cantar la tangherlina
e spassar la fantasia.
Vaten via, malenconia,
ch@’] mondo & di chi se ’l godel
Altro qua non se riscode,
tutto el resto & una pacia.
FINIS.
la cha Be —
146 chel B. — 150—52 fehlen in B. — 150 di che ıl A, vgl. Vers 2.
BERTHOLD WIESE.
Von der Kunst des Alexiusdichters.
(Aus Vorentwürfen zu einem Buche über die literarische Kunst des
mittelalterlichen Frankreich.)
... Mit dem Alexiusliede erreicht die französische Dichtung
wie spielend eine erste Höhe. Die Auseinandersetzung zwischen
Philosophie und Kunst, die die Anfänge der italienischen
Literatur bis zur Versöhnung des Gegensatzes in Dante kenn-
zeichnet, blieb dem mittelalterlichen Frankreich erspart. Die
französische Literatur ging zwangloser und freier den Weg der
Kunst. Aus der Unmittelbarkeit religiösen und nationalen Fühlens,
nicht aus seelischer Not und gedanklichem Ringen sind ihr ihre
frühesten künstlerischen Regungen geworden.
Das Alexiuslied ist arm an philosophischen und sittlichen
Werten. Die Gesinnung, die Tiefe das Gedichtes hat man mitunter
merkwürdig überschätzt. Des Alexiusliedes Frömmigkeit ist nicht
mystisch glühend noch hinreifsend, auch nicht kindlich-gläubig wie die
der späteren Marienlegenden. Eber äufserlich wie kirchliche Umzüge.
Selbst die Askese erscheint kultisch-liturgisch, kaum innerlich; ohne
Verdienst, wenn kraftvolle Betätigung des Willens, schmerzvolle
Überwindung der irdischen Anfechtungen das Himmelreich eröffnet.
Ohne innere Anstrengung steht Alexius schon auf Erden im Jenseits.
Er kennt keinen Kampf, keine Läuterung. Das Diesseits, alles
Menschliche, hat für ihn nicht lockenden Wert noch zu achtende
Rechte. Mit dem Diesseits gibt es für ihn nicht Berührung, gegen
das Diesseits nicht Vergehen noch Schuld. Dafs Alexius um der
himmlischen Seligkeit willen eigenes Glück aufgibt, mag christliches
Verdienst, dafs er ohne Zögern auch fremdes vernichtet, um sein
Jenseitsziel nicht zu verlieren, unvermeidlich sein. Kaum verspürtem
Konflikte zwischen Gehorsam gegen den Vater und asketischer
Neigung schwächlich auszuweichen, aber wird Alexius auch
kirchlich sündig. Leichtfertig, mit halbem Herzen, fast mit innerem
Vorbehalt schliefst er den Bund. den die Kirche doch geheiligt bält:
Quant vint al faire (die Hochzeit), donc le font gentement:
Damz Alexis l’esposat belement;
Mais cost tels plaiz dont ne volsist neient:
De tot en tot a Deu at son talent. (Vers 47 fl.)
Kaum dafs Alexius im Brautgemach sich Zeit nimmt, die Braut
christlich zu ermahnen und auch ihr ein wenig Teil zu geben an
seiner Erleuchtung. Welch eine selbstsüchtige Askese!
VON DER KUNST DES ALEXIUSDICHTERS. 589
La mortel vide li prist molt a blasmer,
De la celeste li mostrat veritet;
Mais lui ert tart qued il s’en fust tornez. (Vers 63 ff.)
Und welch eine lehrhaft-seelenlose Askesel Als Alexius vor dem
Rufe seiner Heiligkeit aus Edessa geflohen ist und der Heimat
sich nähert, bleibt er im Herzen ungerührt. Nicht erkannt zu
werden, damit sein Wille nicht wanke, ist sein einziges Trachten:
Quant veit son regne, molt fortment se redotet
De ses parenz, qued il nel reconoissent
E de l’onour del siecle ne l’encombrent. (Vers 198 ff.)
Teilnahmslos sieht Alexius den Schmerz der Angehörigen ... Vom
ersten Augenblicke an ist Alexius unserer mitfühlend-menschlichen
Teilnahme entrückt wie glasbehütete und weihrauchumwogte Reliquien
christlicher Gnadenstätten. Erst im Tode und in der Verklärung,
im Weggang aus dem Diesseits erfüllt sich der Sinn seines Lebens:
der christlichen Kirche ein Heiliger zu sein. Wie menschlich fremd
und prunkhaft hieratisch, wie kennzeichnend für den Geist dieser
Askese ist doch der Zug, dals des toten Alexius Rechte die „Charte“
dem eigenen Vater verwehrt, sie nur dem Papste freigibt! Das
Gedicht vom „Leben des heiligen Alexius“ ist das Gedicht von
seinem Tode und seiner Heiligkeit. Wenn es das alte französische
Alexiuslied war, das Petrus Valdus so sehr ergrifl, dann war Petrus
nicht zu spät auf jenen Kirchplatz gekommen, wo der Spielmann
schon von des Alexius Hinscheiden sang; „Is (Petrus Valdus)
quadam die dominica cum declinasset ad turbam quam ante jocu-
latorem viderat congregatam, ex verbis ipsius compunctus fuit ...
Fuit enim locus narrationis eius qualiter beatus Alexis in domo
patris sui beato fine quievit* (Chron. Laud., s. Förster-Koschwitz,
Altfranz. Übungsbuch, 3. Aufl., S. 99).
Von den ı25 Strophen des Gedichtes sind nicht 50 dem
lebenden Alexius gewidmet. Das irdische Dasein seines Helden
vermag den Dichter nicht zu erwärmen noch hinzureilsen. Nur dann
und wann erklingt ein Wort — etwa Vers ı16: Si out li enfes sa
tendre charn mudede; vielleicht ist aber auch dieses Wort blofs
materiell zu verstehen — von seelischem Mitfühlen. Ohne Spannung,
in vielfach eintönigen Versen mit regelhaftem Einschnitt, oft nach
Chronistenart Hauptsatz an Hauptsatz reihend, oft teilnahmslos-kühl-
perfektisch erzählt der Dichter vom Leben des Alexius. Z.B. so:
Dreit a Lalice, co fut citet molt bele,
Iluec arivet sainement la nacele.
Dont en eissit damz Alexis a terre;
Mais co ne sai com longes i converset:
O qued il seit, de Deu servir ne cesset.
Puis s’en alat en Alsis la citet
Por une imagene dont il odit parler
590 EMIL WINKLER,
Tot son aveir qu’o sei en at portet,
Tot le depart, que giens ne luin remest;
Larges almosnes par Alsis la citet
Donat as povres o qu’il les pout trover:
Por nul aveir ne volst estre encombrez,
Quant son aveir lour at tot departit,
Entre les povres s’assist damz Alexis,
Receut l’almosne quant Deus la li tramist:
Tant en retient dont son cors puet guarir;
Se luin remaint, sil rent as poverins,
Dis e set anz, n’en fut neient a dire,
Penat son cors el Damnedeu servisie.
Und nochmals ı7, seelisch gleich leere Jahre:
Iluec converset ensi dis e set anz.
Trente quatre anz at si son cors penet. (Strophe 17 ff., 33, 55/56.)
An solchen Stellen kommt der französische Dichter künstlerisch
kaum über seine lateinische Quelle hinaus: deo prosperante pervenit
(Alexius) Laodiceam et inde iter arripiens abiit Edessam Syriae
civitatem ubi sine humano opere imago ... habebatur quo per-
veniens omnia quae secum tulerat pauperibus erogavit et ... coepit
sedere cum ceteris pauperibus ... et de elemosynis quae ei dabantur
quantum sibi sufficeret reservabat, cetera vero pauperibus erogabat...
llle homo dei... permansit in sancta Conversatione et vitae austeritate
per decem et septem annos ... Fecit in domo patris sui incognitus
alios decem et septem annos ... (E. Stengel, Ausgaben und Ab-
handlungen ], 1882, S. 61). Künstlerische Durchleutung und Ver-
innerlichung, ethische Durchdringung der Askese ist des französischen
Dichters Stärke nicht in höherem Grade als sie die Stärke seiner
lateinischen Vorlage ist. Undiskutiert und undiskutierbar, sich selbst
genügend, wie ein Heiligenbild im Gottesdome, steht die Askese da.
Das Ethos des altfranzösischen Alexiusliedes ist nicht das Ethos
der Weltverachtung. Es ist das Ethos der christlichen Heiligen-
kultes Im Angesicht der Heiligkeit kreist der Reigen
des Menschentums.
Hier liegt die Kunst des Dichters, hier seine Meisterschaft.
Nur untermalenden Stimmungston gibt — gleich am Anfange — die
Sehnsucht nach der Zeit, da die Heiligkeit alltäglich war. Doch
schon verrät lebendiger Rhythmus, verraten bestimmte Wortwerte das
ganz andere seelische Teilnehmen des Dichters. Nur kurze Augen-
blicke hält es ihn in perfektischer Distanz. Innere Bewegung drängt
ihn in raschem Wechsel ins Imperfektum, in die Gegenwart, in die
Zukunft. Dann steigt — am Beginn der zweiten Strophe — steil
VON DER KUNST DES ALEXIUSDICHTERS. 591
eine beherrschende Welle empor, verharrt einen Augenblick, fällt jäh
ab und verebbt (worauf die Erzählung von der Geburt des Alexius
einsetzt): die zwei energiestärksten Worte der Sinneseinheit stolsen
an syntaktisch und metrisch hochwertiger Stelle, die noch betont
wird durch die Wiederaufnahme des Anfangsatzes, hart aneinander
(fant am Versende von 7 und Bons am Versanfang von 8):
Bons fut li siecles al tems ancienour,
Quer feit i eret e justisie ed amour,
S’i ert credance, dont or n’i at nul prout;
Toz est mudez, perdude at sa colour:
Ja mais n’iert tels com fut as anceisours.
Al tems Noe ed al tems Abraam
Ed al David, cui Deus par amat tänt,
Böns fut li siecles: ja mais n’iert si vaillanz;
Vielz est e fraieles, toz s’en vait declinant,
Sist empeiriez toz biens vait remanant.
Auf diesem Stimmungsuntergrund zeichnet sich das Verhalten
der Verwandten, des Papstes, der beiden Kaiser, des Volkes zu
Alexius ab. Aus dem Reigen löst sich eine, eine zweite, eine dritte
Figur, verschwindet wieder, erscheint nochmals, bis die lärmende
Menge die Einzelstimmen übertönt. Es zeigt und bewährt sich
des Dichters Charakterisierungsgabe. Eine einzige Strophe beleuchtet
scharf und knapp die Art von Vater, Mutter, Gattin des Alexius:
den Vater, dem der Sohn Besitz, Stolz, Zukunft war; die schmerz-
zerrissene, von Unrast gejagte Mutter; die Gattin, still ergeben, halb
dem Himmel gewonnen (Strophe 22). Streng sind die gleichen
Motive in den folgenden längeren Szenen des Jammers festgehalten:
wenn die Mutter das Wohngemach des Alexius zertrüämmert; wenn
sie bei der Nachricht von seinem Tode in wilde Verzweiflung
ausbricht. Es ist eine bemerkliche Kunst des Dichters, durch die
ungleichen, harten, zerrenden und drängenden Worte und Rhythmen
den zerrissenen Seelenzustand der Unglücklichen im Hörer lebendig
zu machen. Sei es in Strophe 85. In den ersten zwei Versen
sind die seelischen und stimmlichen Druckstellen noch durch längere
Intervalle in Spannung zueinander gesetzt. Die Wirkung erscheint
getragen. Dann aber prallen die Druckstellen hart aufeinander,
die Rede überstürzt sich. Auch in der Reimtechnik sind Vers ı: 2
einerseits, Vers 3:4:5 andererseits untereinander gebunden, die
beiden Gruppen aber gegeneinander abgegrenzt:
De la dolöur que demenät li pedre,
Gränt fut la nöise, si P’entendit la medre:;
Lä vint coränt com feme försenede;
Batänt ses pälmes, cridänt, €schevelede;
Veit mört son fil, a terre chiet pasmede.
Man könnte in ähnlicher Weise die ganze Klage der Mutter auf
ihre Rhythmen hin prüfen, — Ganz verschieden, ausgeglichener,
592 EMIL WINKLER,
getragener in der Bewegung, verhaltener und ebenmälsiger in den
Wortwerten die Klage des Vaters. Das Motiv von der verlorenen
Zukunft ist kraftvoll und einheitlich in Begriff und Rhythmus heraus-
gearbeitet. — Als dritte die jungfräuliche Gattin (denn der Dichter
hat Sinn für Hierarchie: stets nur in der Reihenfolge Vater, Mutter,
Gattin treten die drei Verwandten des Alexius im Gedichte auf):
ihre Klage ist eine sanft verschwebende Elegie. Die verlassene
Gattin allein ist von asketischer Stimmung mitberührt; aber nur
berührt. Und nur die Gattin. Man bedenke: wie farblos, wie
unwahr müfste daneben eine Lösung wirken, die Vater, Mutter,
Gattin allgesamt etwa zu anbetender Frömmigkeit in Klostermauern
versammeln würde. Zärtlich schmiegt das Mädchen sich an die
Mutter des Verschollenen (Strophe 30). Kein lauter Aufschrei bei
der Todesbotschaft. Kaum wird man sich bewufst, dafs seit der
Hochzeit 34 Jahre verflossen sind, dals auch das Mädchen den
Jahren seinen Tribut gezollt haben muls: so mädchenhaft weich
kommen die Worte von seinen Lippen. Leise nur klingt der Vor-
wurf, leise die Sehnsucht, leise der Schmerz ob der erstorbenen
Jugend des Geliebten und des nie genossenen Liebesglückes.
Wörtlich derselbe Vers von vergossenen Tränen kehrt in der Klage
des Vaters und in der Klage der Braut wieder (Vers 399, 472;
an der letzteren Stelle hat die wichtigste Hs. L allerdings eine
Lücke; s. zur ganzen Strophe die grolse Ausgabe von G. Paris,
S. 192, und W. Foerster, Sankt Alexius, Sonderabdruck, Göttingen 1915,
S. 6). Aber wie erscheinen durch den veränderten Zusammenhang
die wunden und brennenden Tränen der Mutter (in den Worten
Euphemians) verschieden von den sehnsüchtigen der Gattin!
Sind Vater, Mutter, Gattin des Alexius auf je eine Note ab-
gestimmt, so erscheinen andere Figuren facettiert. Es ist trefflich
gesehen, wie die Häupter der Christenheit, der Papst und die beiden
Kaiser, mit dem Volke erst voll Schwung (Str. 62/63, s. weiter unten),
dann (Strophe 65, s. ebenfalls weiter unten), nach scheinbarem Mils-
erfolg, niedergeschlagen und geängstigt die Erleuchtung erflehen,
wie sie im Angesichte des Heiligen menschlich fühlen: dankerfüllt,
jubelnd, zerknirscht (Str. 72/73, s. unten); wie aber der Papst, da
er Klage um den Toten wahrnimmt, rasch wieder ganz Papst,
ganz kirchliche Gewalt, kirchliche Autorität ist. Die Verse werden
hart, die Zäsuren scharf einschneidend, der Gedanke verletzend
antithetisch:
„Seignour, que faites?“, co dist li apostolies.
„Que valt cist criz, cist duels ne ceste noise?
Cui que seit duels, a nostre ues est il joie ... (Strophe 101.)
Mit „Seignour“ redet der Papst wohl alle Anwesenden an, meint
aber — „A bon entendeur salut!# — zweifellos die weinende Familie
des Alexius. Die Strophe mit Foerster a. a. O., S. 20, als „ohne jeden
Zusammenhang“, als „unverständlich“, also als „Einschiebsel* zu ent-
fernen, liegt nicht genügend Anlals vor.
VON DER KUNST DES ALEXIUSDICHTERS. 593
Sals dem Alexiusdichter auch der Schal im Nacken oder war es
nur seine wache Einfühlungsfreude, die ihn bis zum episodischen
Kleriker hinunter mit Liebe und Lebendigkeit gestalten liefs? In
Strophe 76/77 hört man aus jedem dort gesetzten Worte, aus den
gehäuften ed — fünf, davon vier am Versanfang, innerhalb der
zwei Strophen, während z.B. in den fünf vorhergehenden Strophen
nur zwei ef zu zählen sind —; hört man aus den drei aufeinander-
folgenden com(e), aus dem eintönigen Satzbau, den gleichmälsigen
(gleichwertigen) Zäsuren den Kleriker, Notar, Gerichtsschreiber
heraus, der seine Urkunde fast verdriefslich, mit verrosteter Stimme
abliest. Auf dem Resonanzboden der Bedeutungen und des Satz-
baues wirkt die häufige Wiederkehr der schnarrenden -ere- (-rer-)
Laute: eret, escolterent, pedre, medre, erent, encombrer:
Li chanceliers, cui li mestiers en eret,
Cil list la chartre; li altre l’escolterent.
D’icele geme qued iluec ont trovede
Le nom lour dist, del pedre e de la medre,
E co lour dist(!) de quels parenz il eret;
E co lour dist (!) com s’en foit par mer,
Come en alat en Alsis le citet,
E com l’imagene Deus fist por lui parler,
E por l’onour dont ne volst encombrer
S’en refoit en Rome la citet. (Strophe 76/77.)
Vielleicht von seiner vollendetsten Seite aber zeigt sich der Dichter
da, wo er wogende Bewegung meistert. Seine kompositorische
Kunst ist freilich keine banal-leichtflüssige. Sie vermeidet nicht
Risse noch kleine Dunkelheiten, reiht Szene an Szene, ohne sie
zu verbinden, strafft aber die Teilbilder immer wieder zur Einheit.
So irrational, blofs plastisch, ist die Kunst dieser Stellen, dafs über-
feinerte philologische Kritik gerade hier — nicht in den leeren
Erzählungsstrophen von des Alexius leerem irdischen Dasein, denen
dieselbe Kıitik mit hohem Rechte „Klarheit und Verständigkeit“
zuspricht — scharfsinnig, aber sicher mit Unrecht, Lücken, Ein-
schübe, Wiederholungen zu erkennen glaubte (W. Förster, a. a. O.),
während eher wirkungsvoller Impressionismus und lebendige Steigerung
vorliegt. So in der Strophenfolge 5g9ff. Alexius hat sein irdisches
Dasein vollendet. Sein Ende naht. Dreimal kommt eine Stimme vom
Himmel. Gott hat seine Getreuen zusammenberufen. Geheimnisvoll
und dunkel noch ist, was die Stimme verkündet. Nur spannungsvoll-
heiligen Schauer weckt der Dichter in den Seelen seiner Zuhörer:
Alexius wird eingehen in die Herrlichkeit Gottes:
Prest est la glorie qued il (Gott) li (dem Alexius) vuelt doner.
ö (Vers 295.)
Eine neue himmlische Stimme lüftet nur halb den Schleier des
Geheimnisses: In Rom ist ein Heiliger. Es gilt seine Fürbitte zu
Zeitschr, f. rom. Phil. XLVI1. 38
594 EMIL WINKLER,
erlangen. Unruhe ergreift das Volk. Noch kommt die Rede aus
dem Dunkel: der Dichter wählt die indirekte Darstellung:
A Valtre voiz lour fait altre somonse,
Que l’ome Deu quiergent qui gist en Rome,
Si li deprient que la citet ne fondet
Ne ne perissent la gent qui enz fregondent:
Qui l’ont odit, remainent en grant dote. (Strophe 60.)
Die Szene wechselt. Sankt Innozenz ist Papst. Zu ihm eilt das
Volk in seiner Ratlosigkeit. Und wieder ein neues Bild: Papst,
Kaiser, Volk flehen zum Himmel um Erleuchtung. Ein einziger
Satz füllt die ganze Strophe; Vers für Vers steigt die Spannung,
bis sie im letzten Worte der letzten Zeile ihren letzten Grad
erreicht hat:
Li apostolies e li emperedour,
Li uns Arcadie, li altre Onorie out nom,
E toz li pueples par comune oreison
Deprient Deu que conseil lour en doinst,
D’icel saint ome par cui il guariront. (Strophe 62.)
Die unmittelbar folgende Strophe bringt zum Schlufs die Entspannung,
die aber vom ersten Vers an rhythmisch angekündigt ist: stofs-
artig folgt ein kurzer Satz auf den anderen, Falltendenz ist deutlich.
Die Wortstellung ist gänzlich verändert: dort (Str. 62) Subjekt-
Verbum-Objekt, hier (Str. 63) vorwiegend Objekt-Verbum, Verbum-
Subjekt, adverbiale Bestimmung-Verbum. Endlich, und nun in
direkter Rede, die erlösende Botschaft des Himmels:
Co li deprient, la soue pietet,
Que lour enseint ol puissent recovrer.
Vint une voiz qui lor at endidet:
„En la maison Eufemiien querez.
Quer iluec est, iluec le troverez.“ (Strophe 63.)
Vorwürfe an Euphemian: warum hat er den Heiligen in seinem
Hause verheimlicht? Man geht hin ihn zu suchen. Vergeblich.
Neue Enttäuschung. Tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigt sich
aller:
Li apostolies e li emperedour
Siedent es bans e pensif e plorous,
Si les esguardent tuit cil altre seignour:
Deprient Deu que conseil lour en doinst
D’icel saint ome par cui il guariront. (Strophe 66.)
(Unter seignour sind wohl einfach die anderen Anwesenden zu
verstehen. Die Schwierigkeit, Foerster S. 19, kann ich nicht finden.
Cil ist energetischer, auf Anregung der Vorstellungskraft gestellter
Artikel.)
Neuer Szenenwechsel. Alexius, der Bettler im Hause des Euphemian,
hat seine Seele dem Herrn zurückgegeben. Der Heilige ist ge-
funden; der Jubel bricht an:
VON DER KUNST DES ALEXIUSDICHTERS. 595
Li apostolies e li emperedour
Vienent devant, getent s’en oreisons,
Metent lour cors en granz afflictions:
„Mercit, mercit, mercit, saintismes om!
Net conoümes n’encor net conoissoms.“
„Ci devant tei estont dui pechedour,
Par la Deu gracie vochiet emperedour;
Cost sa mercit qu’il nos consent l’onour.
De tot cest mont somes nos jugedour:
Del ton conseil somes tuit besoignois.“ (Strophe 72/73.)
Der Schreiber des Papstes verliest die Chartre ... die Klagen der
Angehörigen beginnen. Doch der Tote, der Heilige, ist Gemein-
besitz geworden. Das Gedicht ist auf dem Höhepunkt. Die grofsen
Massenszenen des herbeieilenden, drängenden, singenden, betenden,
weinenden, jubilierenden Volkes setzen ein. Wenn der Vergleich
nicht allzu kühn erschiene — man möchte glauben, einen Shakespeare
des ı1. Jahrhunderrs vor sich zu haben. So dramatisch, so lebendig
gegliedert, dabei malerisch ist die Szenenfolge. Ohne die geringste
Gefahr der Eintönigkeit beherrscht sie die ı8 Strophen 102— 120.
Immer neue Einzelbilder lösen sich aus dem Gesamtgemälde: die
Leiche wird gehoben; singend und betend drängt das Volk sich
um den Heiligen; die Leichenträger vermögen die Menge nicht
zu durchbrechen; die beiden Kaiser streuen — vergeblich — Geld
unter das Volk, um der Leiche einen Weg zu bahnen. Dann
wieder das jubilierende Volk:
Oncques en Rome nen out si grant leticie
Come out le jorn as povres ed as riches
Por cel saint cors qu’il ont en lour baillie:
Co lour est vis que tiengent Deu medisme;
Trestoz li pueples lodet Deu e graciet. (Strophe 108.)
Die Strophe soll unecht, späteres Einschiebsel sein: „... die Freude...
(ist) in einer Weise begründet, die das grölste Bedenken hervor-
rufen mufs! ‚es scheint ihnen, Gott selbst im Besitze zu haben‘ —
also eine derart plumpe Übertreibung, dafs sie im Grunde genonımen
eine Gotteslästerung ist, und es ist kaum denkbar, dafs dem so
verständigen und klaren Dichter, auch wenn es kein Kanonikus
sein sollte, eine solche Geschmacklosigkeit hätte einfallen können ...“
(Förster, a.a.O., S. 22). Aber gerade in ihrer „Geschmacklosigkeit“
will man die Strophe nicht missen. Die Jahrmarktsfrömmigkeit
(gemischt aus Neugier und Fanatismus), die das Gedicht schon
von Str. 103 an bewegt, hat alle Schranken durchbrochen. —
Aber die Jahrmarktsfrömmigkeit braucht Nahrung: Alexius war
guten Willens; darum ist ihm heute, am Tage seines Todes, Ehre
geworden; des Heiligen Leichnam liegt in Rom, seine Seele ist
im Paradiese. Mahnung, Gebet, fromme Aufpeitschung, diesmal
in des Dichters eigener Stimme. Der „erratische Block“ der beiden
35*
596 EMIL WINKLER,
Strophen 109 und ı10, „mitten in der Erzählung, die durch sie
schroff unterbrochen wird“, rationell „ganz unmöglich“ (Foerster,
a.a. O., S. 22/23), ist dichterisch von höchster Wirkung. — Sankt
Alexius wirkt Wunder. Zur Kirche Sankt Bonifaz wird sein Leich-
nam getragen. Aber das Volk widersetzt sich der Bestattung des
Heiligen. Sieben Tage bleibt die Leiche unbegraben. Dann die
feierliche Zeremonie: weihkesselschwingende Kleriker, goldene Kan-
delaber, der edelsteingeschmückte Sarg, singendes, weinendes Volk.
Auch hier jede Szene, jedes Einzelbild mit charakteristischen Wort-
werten, charakteristischen Rhythmen. Und wieder ein neues Bild:
die weinenden Angehörigen beim Begräbnis, ihr letzter Abschied
von Alexius.
Nach W. Foerster wäre die Strophe 117 interpoliert:
Ad encensiers, ad ories chandelabres
Clerc revestut en albes ed en chapes
Metent le cors enz el sarcueu de marbre.
Alquant i chantent, li pluisour getent lairmes:
Ja le lour vuel de lui ne dessevrassent.
„Die Strophe 117 erweist sich in ihrem grammatischen Aufbau als schwer-
fällig und kaum verständlich. Die Konstruktion ist bart, wie im ganzen
Gedichte nichts ähnliches zu finden ist. Der Satz beginnt nicht mit
dem Subjekt Clerc, sondern mit einer näheren Bestimmung der Art
und Weise: ‚Mit Weihrauchfässern, mit güldenen Leuchtern‘ ... legen
die Geistlichen den Leib in einen Sarg — ein sonderbarer Ausdruck.
Man geht wie auf Stelzen“ (Foerster, a.a.O. S. 31), Demgegenüber
ist aber der wirkungsvolle Impressionismus der Stelle nicht zu über-
sehen. Die zahlreichen pomphaften Substantiva: encensiers, ories chande-
labres, clerc en albes, chapes, sarcueu de marbre (Ad, wohl = bei
goldenen Leuchtern, bei Weihrauchkesseln), gegenüber dem durch Wort-
wert und syntaktische Stellung zurücktretenden Verbum, verraten in
ihrem kultisch-prunkenden, fast steifen Stimmungsgehalt ein sicheres
Künstlertum. Auch der anscheinende Widerspruch zwischen Strophe I17,
in der Alexius zunächst, vor seiner Erdbestattung, in den Marmorsarg
gelegt wird, und Strophe 116, wo es bereits hiels:
En sus se traient (das Volk), si alaschet la presse:
Vueillent o non, sil laissent metre en terre
ist kaum einer. Der zweite zitierte Vers heilst sicher nur: ob sie (das
Volk) es wollen oder nicht, sie lasgen es doch zu, dafs man ihn bestatte
(= darangehe ihn zu bestatten). Worauf die Bestattungsszene eben
erst beginnt.
Das Urteil Foersters ist auch über Strophe 119/20 vernichtend:
Or n’estuet dire del pedre e de la medre
E de la spouse come il le regreterent;
Quer tuit en ont lour voiz si atempredes!
Que tuit le plainstrent e tuit le doloserent:;
Cel jorn i out cent mil lairmes ploredes,
VON DER KUNST DES ALEXIUSDICHTERS. 597
Dessoure terre nel pourent mais tenir:
Vueillent o non, sil laissent enfodir ;
Prenent congiet al cors saint Alexis,
E si li prient que d’els aiet mercit,
Al son seignour il lour seit bons plaidis.
„Wie weit entfernt sind wir von der einfachen, klaren, knappen, natür-
lichen und schlichten Ausdrucksweise, Erzählungsart und Satzverbindung
des gröfsten Teiles der bisherigen Erzählung und in welch ungeschickter,
überladener, undeutlicher und schlecht verbundener Partie befinden wir
uns hier!“ (W. Foerster, S. 34). Die beiden Strophen aber werden
durchaus sinnvoll und erhalten auch eine eigenartige, resigniert-wehmütige
Stimmung, wenn man sie einigermafsen anders deutet als Foerster (und
etwas anders interpungiert als G. Paris); etwa so: Nicht sei davon ge-
redet, wie Vater, Mutter, Gattin um ihn bangten; denn so sehr haben
alle drei ihre Stimmen in Tränen genetzt (at«mpredes)! Denn (Que)
allgesamt klagten und allgesamt weinten sie um ihn. An jenem Tage
flossen hunderttausend Zähren usw. — Das Subjekt zu pourent usw.
ist natürlich noch immer „die Angehörigen“.
Aber der Lendit kann nicht immer währen. Der frommneugierige
Taumel weicht dem Alltag. Vait s’en li peuples ... In verstummender
Trauer nehmen die Verwandten des Alexius ihr Leben wieder auf,
leise beschienen vom Abglanz der Heiligkeit, die ihrem Hause ge-
worden. Der Heilige ist entrückt. Zu seiner Seligkeıt (Str. 122/123;
sie sind künstlerisch so tief begründet, dafs man auch an ihre
Unechtheit nicht glauben kann; s. Foerster, a. a. O., S. 36) blickt
sehnsuchtsvoll wieder irdische Qual empor. Das Diesseits verharrt
in seiner Not. Schnill klingt die Anfangsnote des Gedichtes noch
einmal auf. Aber ein neues Hoffenslicht ist aufgegangen, ein neuer
Fürbitter in die Gemeinschaft der Heiligen eingezogen. Die
Frömmigkeit kirchlicher Litaneien betet den Schlufs des Gedichtes.
Tetbald von Vernon — wenn er der Verfasser des Alexius-
liedes war — hat in seiner Dichtung kein hohes Glaubenswerk
geschaffen wie Dante; sein Gedicht glüht nicht in schwelendem
oder flammendem Feuer wie die Schöpfungen der spanischen Ek-
statiker. Seine Art ist geringer: im Heiligenkult seines Zeitalters
hat er die Einzel- und die Volksseele empfunden und ihnen seine
naiv-ausdrucksvollen Rhythmen geliehen ...
EniL WINKLER.
Unveröffentlichte Briefe und andere Schriftstücke
von Prosper de Barante, J.-Ch.-L. de Sismondj,
A.-J.-V. Leroux de Lincy, J.-D. Guigniaut, Jules
Sandeau und Karl Bartsch.
L
Prosper de Barante an Charles Nodier.!
Prosper de Barante (geb. zu Riom 1782, gest. auf seinem
Schlosse Baraıte bei Thiers 1866), seit ı815 Staatsrat, General-
sekretär im Ministerium des Innern und Mitglied der Deputierten-
kammer, seit ı819 Pair von Frankreich, bı'gann im Jahre 1824
mit der Veröffentlichung seiner berühmten „Zistoire des Ducs de
Bourgogne de la maison de Valois (1364— 1477)“, die 1826 mit dem
13. Band abgeschlossen wurde. Sie gehört zu den hervorragendsten
Erscheinungen der „romantischen* Geschichtsschreibung und recht-
fertigt es, dals der Verfasser mit Thierry in eine Linie gestellt
wurde, Wie dieser, so sieht auch Barante die Aufgabe des Historikers
darin, den Leser auf Grund des genauen Studiums der Zeitgeschichte
in die zu schildernde Epoche zu versetzen. Er will die Gestalten
„evoguer et ramener vivanis sous nos yeux“ und der Wissenschaft
jenen Reiz wiedergeben, welchen der historische Roman (der Richtung
Walter Scotts) von ihr entlehnt hatte. „Seribilur ad narrandum,
non ad probandum“ lautet das aus Quintilian entnommene Motto
des Werkes. In Anbetracht dieses Standpunktes, den Barante in
der umfassenden Vorrede des näheren begründet, nimmt es nicht
wunder, dals er sich beeilte, durch seinen Verleger Ladvocat
dem Gönner der jungen romantischen Dichtergruppe, Charles
Nodier ein Exemplar überreichen zu lassen. Barante stand ja
auch durch seine Schillerübersetzung und ähnliche Arbeiten der
romantischen Bewegung nahe. Der kurze, aber charakteristische,
nach Barantes Gepflogenheit vollständig mit kleinen Buchstaben
geschriebene Brief, mit welchem er Nodier die Sendung anzeigt,
und der im Jahre 1905 von uns erworben wurde, kommt hier zum
! Die Originale der sämtlichen nachfolgenden, unseres Wissens hier zum
ersten Male publizierten Autogramme befinden sich seit geraumer Zeit in der
Sammlung des Hcerausg:bers, in welche sie auf verschiedenen, bei den einzelnen
Stücken angegebenen Wegen gelangt sind.
UNVERÖFFENTILICHTE BRIEFE UND ANDERE SCHRIFTSTÜCKE. 599
Abdruck. Er ist vom 6. Juli datiert; als Jahreszahl ist 1824 zu
ergänzen, da in diesem Jahre der erste Band der „Zistoire des
Dws de Bourgogne“ erschien. Nodier bekleidete seit dem April
1824 die Stellung eines Bibliothekars an der Arsenalbibliothek.
Ladvocat („Zidbraire de S. A. S. Monseigneur le Duc de Chartres,
au Palais Royal“) konnte noch ı824 mit der Publikation einer
zweiten Auflage beginnen, der bis 1858 sechs weitere folgten.
Barante wurde 1828 in Anerkennung seines Werkes zum Nlitglied
der Academie francaise gewählt. In den nicht nur für die politische
Geschichte Frankreichs, sondern auch literarisch interessanten Er-
innerungen Barantes (herausgegeben von seinem Enkel Claude de
Barante, 8 Bände, Paris 1890—ıgıı) kommt der Name Nodiers
nicht vor, der Verleger Ladvocat, der im übrigen auch Werke von
Victor Hugo, A. de Vigny und anderen Romantikern publizierte,
wird an drei Stellen (II, 528, 529; Il, ı2) genannt.
d monsieur
monsteur nodıer, bibliothecaire de Varsenal.
je charge m. ladvocal, monsieur, de vous remellre un exemplaire
de U hisloire des ducs de bourgogne. vous saves, jespere, qul y a
bien peu de suffrages que j'ambitionne autant que le völre. j’ai
souvent eu d m’applaudır de l’avoir obtenu. celte foıs ıl sagıt d’un
ouvrage plus important, ei d’une maniere asses nouvelle d’&rire
"histoire; mais vous n’Eles pas de ceux que la nouveauld el que la
verileE &pouvantent.
je suis avec des senlimens dislinguis,
monsieur
v.t.h. el 1. ob
6. juillet. Barante
ll.
J.-Ch.-L. de Sismondi an Mile Pauline de Bender.
Der vorliegende Brief gehört den letzten Lebensjahren des
berühmten Geschichtsschreibers der italienischen Republiken und
der südeuropäischen Literaturen, Jean-Charles-L&eonard Si-
monde de Sismondi (geb. zu Genf 1773. gest. zu Chöne bei
Genf 1842) an und ist an Mademoiselle (im Brief „Baronne“)
Pauline de Bender in Mailand gerichtet. Es ist uns leider,
trotz eifriger Nachforschungen in genealogischen Handbüchern,
sowie im österreichischen Adels- und Kriegsarchiv nicht gelungen,
die Adressatin, die einer der österreichischen Freiherrenfamilien
des Namens Bender (Bendter) angehört haben muls, festzustellen.
Sie wird auch in Saint-Rene& Taillandiers wertvoller Einleitung zu
seiner Ausgabe der Briefe Sismondis an die Gräfin d’Albany
(Paris 1863) nicht erwähnt. Es ist anzunehmen, dafs sie die
600 WOLFGANG WURZBACH,
Tochter eines österreichischen Zivilbeamten oder Offiziers in Mai-
land war. Der ausführliche, in herzlichkem Ton gehaltene Brief
unterrichtet über den Gesundheitszustand des 62jährigen, damals
mit seiner „Zdistoire des Frangais“ (31 Bände, 1821—44), mit seiner
„Histoire de la chute de l’Empire romain“ (2 Bände, 1835), seinen
„Zludes sur les sciences sociales“ (3 Bände, 1836—38) und anderen
Arbeiten beschäftigten Gelehrten, spricht von der Cholera, die in
den Jahren 1831—38 in verschiedenen Gegenden Europas, speziell
in Oberitalien mit grosser Heftigkeit auftrat, von Familienangelegen-
heiten — Sismondi hatte ı819 Miss Jessie Allen, die Schwägerin
des englischen Politikers und Historikers Sir James Mackintosh
geheiratet — und gibt an einer Stelle auch seiner Sympathie für
die italienischen Liberalen Ausdruck. Er ist in Chäne (Chesnes)
bei Genf, in demselben Orte geschrieben, in welchem Sismondi
sieben Jahre später starb, und stammt aus dem Besitze des Grafen
Viktor Wimpffen (} 1897).
a Mademoiselle
Mademoiselle Pauline de Bender
Oorsia della Porta Orientale 727
Milan.
Chere el toule belle Baronne, je suis reellement confondu de
reconnoissance de ce que malgr& mon long silence vous ne vous de-
couragez poinl. Je ne vois devan! moi, pas moins de lrois de vos
billets auxquels je dois röponse, el en ouvranl celui d’aujourd’hui je
craignois d’y trouver des reproches severes. Vous ne m’en faites
point, el pourlant dest par mon apologie que jai beson de commencer.
Ja EtE appelE 4 Iravailler beaucoup celle annde, en möme tems que
des chugrins vifs m’ont alleint. Je crois que les deux causes se
sont combindes pour produire une extröme falıgue de töte. Apres
deux ou trois heures d’applıcalion, je sens un commencement de verlige
ei des maux de coeur, qui m’averlissent que le moment est venu de
poser la plume, de reposer mes yeux el mon cerveau. C'est dans
celte disposition maladıve que la force me mangue souvent pour
remplir un udevoir, que je laisse tomber lune apres l’aulre mes
correspondances, el que j'aı peur, m£me de ces margues d’amitil qui
m’eloient si chöres, mais qui demandent de ma part une actvild que
je m’ai plus. Votre letire du 4. m’est arrıvde aujourd’hui singulidre-
ment d propos. Le bruit s’ctoit röpandu hier ıcı, que le cholera avoıt
eclatE tout d coup Ad Milan, et que dans un jour ıl avost emportl
vingt personnes. OQutre le chagrın pour cette grande ville, l’inguik-
/ude pour ceux qui m’y sont chers, celle nouvelle apportera du trouble
pour nous mämes, car nous avions recommencd d former le projel de
parlır avant la fin de l’annde pour la Toscane, les ınslances de mon
beaufröre, le trisie edtat de ma niece, el le besoin que je sens moi
m£me de repos, s’unissoient pour nous le faire desirer. Votre lettre
qui m’assure que la sanle publique est loujours Irs bonne m’a dom
UNVERÖFFENTLICHTE BRIEFE UND ANDERE SCHRIFISTÜCKE 6001
fail un grand plaisir. Vous l’auriez rendu plus grand encore,
chere baronne, si vous m’avieg dıl quels sont les changemens en faveur
des libiraux Jahens auxquels vous falles allusion. Je n’en ai
rien su, les journaux que je vos n’en disent rıen. Croyes moi, ıl
vaul toujours mieux s’exposer d dire deux fors la meme chose, que
de dire vous savez sans duuk, ce qu’en effel on ne sat point. Je
vous felicite de tout men coeur de Üölat meilleur ou vous voyez
Mons” volre fröre. Sans doute puisque le traitement du medecin
de Milan rlussit, ıl vaut bien mieux ne pas S’eloigner de lu. II
vauf bien mieux demeurer, dans un logement qui vous est agrlable,
jouissant du speclacle, des beaux arts, dw chmal, de quelqgues amıis,
que de changer encore. Heureux celui qui vous fixeroit toul d fait,
gui vous feroit oublier et le goül des voyages, el le goüt de tout
changement. Quant vous laurez lrouvd, ce sera une bonne nouvelle,
pour lu d’abord sans doute, mais pour vous aussi, pour lous vos
amıs que je vous prie de ne point difförer d me donner. Je trouverai
encore la force d’&rire pour vous dire que je m’en rljouis. Recevez
D’expression de mon tendre allachement
Chesnes, 7. octodre 1835. J. C. L. de Sismond:.
11.
A.-J.-V. Leroux de Lincy über Marie de Romieu.
Die drei folgenden Schriftstücke (von Leroux de Lincy, Guigniaut
und Sandeau) wurden von den Verfassern eigenhändig in das Album
des letzten Kaisers von Brasilien, Dom Pedro IL (geb. 1825, reg.
seit 1831, entthront 1889, gest. ı8gı) eingetragen. Das wertvolle
Album ging nach dem Tode des Kaisers an dessen Enkel Don Pedro
von Coburg, den Sohn der Prinzessin Leopoldina von Brasilien, Gattin
des Herzogs August von Sachsen, Coburg und Gotha, Admirals in der
k. brasilianischen Armee über. Don Pedro (geb. zu Rio de Janeiro
1866), dessen Bibliotheksstempel die Stücke tragen, verfiel im Alter
von ca. 30 Jahren in Wahnsinn und lebt in geistiger Umnachtung
derzeit in Tulln in Nieder-Österreich. Als das Album im Jahre
1901 in den Handel kam, wurden u. a. auch diese drei Blätter
von uns erworben. — Die erste Eintragung rührt von Adrien-
Jean-Victor Leroux de Lincy (geb. zu Paris ı806, gest. ebd.
1869 als Dir-kior der Arsenalbibliothek) her, der als Herausgeber
des „KRecueil des chants histofiques frangais du XlI. au XVIIT. siecle“
(1841) und des „Zrzre des proverbes frangais“ (1842; 2. Aufl. 1859)
allgemein bekannt ist. Sie ist bemerkenswert als frühester Hinweis
auf Marie de Romieu, eine Dichterin des 16. Jahrhunderts, der
die Nachwelt nicht jenes lebhafte Interesse entgegenbrachte, wie
ihrer älteren Zeitgenossin Louise Labe. Leroux’ Eintragung ist
vom 23. Oktober ı851 datiert, 1875 erschien eine nicht viel mehr
enthaltende, die letzten sechs der hier zitierten Verse wiedergebende
602 WOLFGANG WURZBACH,
Notiz über sie in Larousses „Grand dichonnaire universel du XIX.
siecle® (XII, 1358), und erst 1878 gab Prosper Blanchemain ihre
Gedichte mit Einleitung und Anmerkungen (in „Ze Cabdinet du
Bibliophile“, Bd. 23) heraus. In H. Morfs „Geschichte der franzö-
sischen Literatur im Zeitalter der Renaissance“ (2. Aufl. ıyı13)
sucht man ihren Namen vergeblich. Auch Blanchemain weifs über
ihre Lebensumstände nichts Näheres zu sagen, spricht ihr aber die
Autorschaft der „Zrstruction“ (1573), einer Nachahmung nach dem
Italienischen, die nur mit den Anfangsbuchstaben M. D. R. signiert
ist, ab. Die „Aymne d la rose (d Madame Frangoise de la Rose)“,
die von Anakreon inspiriert ist und deutliche Erinnerungen an
eine Ode Ronsards aufweist, findet sich in Blanchemains Ausgabe
S.35f
Nous consacrerons ici quelques hienes 4 une femme poete du
seizitme siecle qui meriterait d’ötre plus connue quelle ne l’est.
Marie de Romieu, damotselle du Vivarais, vivait dans la seconde
moitiE du seizidme. Les evönements de sa vie son! ignorts. Ou lu
altrıbue un ouvrage charmant, devenu Irds rare, qui a pour hire:
L’Instruchon pour les jeunes Dames, Lyon, 1573, in ı8%. Ona
d’elle un recueil de Poesies, intituwl£: Premieres CEuvres Pobliques etc.
1581, in 12°. Ou y trowve plusieurs pilces charmanltes; on en
jugera par la cılation suivante:
Quand le jour adviendra de mon dernier vouloır,
Je veux par lestament expressemen! avoir
Mille vosiers plantez, prös de ma schullure,
A fin qua l’advenir, grands, soien! ma couverlure.
Puis Von mettra les vers engraves du pinceau,
En grosses lettres d’or par dessus mon lombeau:
Celle qui gist icy sous ceste froide cendre
Toute sa vie aima la Rose fresche el tendre,
Et Taima tellement quWapres que le trespas
Leeul poussee d son gr& aux ondes de la bas
Voulut que son cercueil fut enlour& de roses
Comme ce qu'ell’aimoit par dessus toutes choses.
23. ochobre 1851.
Le Roux de Lincy.
IV.
J-- D. Guigniaut über den Prometheus - Mythus.
Joseph-Daniel Guigniaut (geb. zu Parey-le-Monial 1794,
gest. zu Paris 1870), s#it 1830 Direktor der Ecole normale (pre-
paratoire), seit 1835 Professor der Geographie an der Faculte des
Lettres, seit 1837 Mitglied, seit 1860 ständiger Sekretär der Aca-
demie des Inscriptions et Belles-Lettres, verdankt seinen Ruf als
Heilenist und Archäologe neben zahlreichen anderen Publikationen
UNVERÖFFENTLICHTE BRIEFE UND ANDERE SCHRIFTSTÜCKE. 603
vor allem dem zehnbändigen Werk „Zes religions de Tantiquitt
considerdes principalement dans leurs formes symboliques et mythologiques“
(1825—51), welches eine Bearbeitung von Friedrich Creuzers „Sym-
bolik und Mythologie der alten Völker“ ist. Die vorliegende aus
den Jahren 1ı850—52 stammende Eintragung in dem Coburgschen
Album illustriert trefflich die Denk- und Darstellungsweise Guigniauts,
der dem Prometheus-Mythus stets besondere Aufmerksamkeit
widmete und auch eine Ausgabe des Prometheus des Aischylos
(1829, bzw. 1874) publizierte.
Le nom de Prom£thle montre, dans le fils du Titan Japet, le
Symbole de Vesprit humain dlev& au plus haut degre de son dnergie
et de sa puissance. Sa lögende qui nous le fait voir comme en lutte
riglie avec Jupiter, auteur et conservateur de l’ordre diernel du monde,
nest autre chose au fond que Ühistoire des conqubtes de l’esprit sur
la nature, el de ce combal sans cesse renaissant on ıl triomphe et
succombe tour-d-lour ... A la fin de cette lulte, le patient Hitanıque
renire en gräce avec le maitre des dieux et des hommes, ce qui veut
dire que la libert£ longlemps refractaire de l’esprit reconnait les loıs
necessaires de la nature et se soumel d Ü’Ordre dternel du monde ...
Promtihte se reconcilie avec Jupiter, la Providence humaine, d’abord
egarce par lorgueil, flöchit devant la Prowidence divine, par l’inter-
venhon d’Hercule, le fils que Jupiter voulaıt glorifier, le midiateur
heroique, qui met un terme aux souffrances, dest d dire aux remords
de Promethee, et couronne son expialıon.
Jos. Guigniaut
de UInstitut de France (Aradimie
des Inscriptions et Belles-letlrrs).
V.
Jules Sandeau über den „Don Quixote“,
Jules Sandeau (geb. zu Aubusson ı8ıı, gest. zu Paris 1883),
der liebenswürdige Verfasser vielgelesener Romane und oft gespielter
Bühnenstücke, war in seinem Berufe Bibliothekar, seit 1853 an der
Bibliotheque Mazarine, seit 1859 in Saint-Cloud. Seit 1858 gehörte
er der Academie francaise an. Obwohl er ein feines Urteil in
literarischen und künstlerischen Fragen besals, hat er sich nur
selten als Kritiker betätigt. Um so gröfseres Interesse darf daher
die vorliegende, gleichfalls dem Coburgschen Album entstammende
Eintragung für sich in Anspruch nehmen. Auch sie ist zwischen 1850
und 1852, also in der Zeit der grofsen Erfolge der „Mademoiselle
de la Seigliere* (als Roman 1848, als Drama ı851ı) verfalst und
knüpft an ein Urteil Saint-Evremonds an, der seiner Bewunderung
tür den Don Quixote wiederholt Ausdruck gegeben hat. Die Stelle,
auf welche Sandeau Bezug nimmt, findet sich in dem Aufsatze
60} WOLFGANG WURZBACH,
nDe quelques livres espagnols, italiens et framgais“ (in den (Kuvres
meldes de Mr. de Saint- Evremond, Amsterdam, Pierre Mortier, 1706,
Il, 57) und lautet: „ZZ y a peul-Etre aulant d’esprit dans ls aulres
ouvrages des aulkurs de celle nation [espagnole]) que dans les nötres;
mails c'est un espril qui ne me salısfait pas, d la röserve de celui de
Cervantes en Don Quichote, que je puis lire loule ma vie sans en ölre
degould un seul moment. De tous les livres que j'ai jamais lus, Don
Quichote est celui que j’atmerois mieux avoır fait; ıl n’y en a point,
d mon avıs, qui fuisse conlribuer duvantage d nous former un bon
goül sur toutes choses etc.“ In der „Disserlation sur la tragedie de
Racine Alexandre le Grand“ (ebd. Il, 309) nennt er Cervantes „ie
plus bel esprit de toute ’Espagne“ (vgl. auch II, 147 und V, ıSo).
Je viens de relire Don Quichotte. Je suis de l’avıs de Sarnt-
Evremond, c'est de tous les livres celui que j’aimerais le mieux avoır
eerit. Les bourgeois ont, en göneral, une predilechion decidee pour
celle auvre, parce qu'ils y voient une salyre ingenieuse des sentiments
portiques et chevaleresques. En ceci comme en bien des choses, les
bourgeois se trompent grossierement. C'est au contraire la salyre la
plus sanglanle qu'on ait pu faire de la socidld läche et stupide dont
ls sont les represenlants. Don Quicholte est le plus noble, le plus
gindreux, le plus charmant, le plus adorable des heros. Extravagant?
Tant pis pour la sagesse. Fou? Sa folie humilie la raison. Repose
en paix, dernier des preux! Pour servir une dame digne de ton
amsur, tu fus oblig! de la lirer de Ion propre caur. Pour te
mesurer avec des champions dignes de la vaillance, tu te vis reduit
ad comballre les fantömes sortis de ton cerveau. Ton malheur fut
de vivre dans un temps oü dijdä comme dans le nölre, ıl n'’y avaıt
plus de Dulcinee, de chevaliers ni des geants.
Jules Sandrau.
v1.
Ein Gedicht von Karl Bartsch.
Den Abschlufs möge ein Gedicht von Karl Bartsch
(geb. zu Sprottau 1832, gest. zu Heidelberg 1888) bilden. Der
unermüdliche Forscher, der seit 1858 in Rostock, seit 1871 in
Heidelberg wirkte, fand neben seinen verdienstvollen Arbeiten
auf dem Gebiete der Romanischen und Germanischen Philologie,
neben Übersetzungen Dantes, des Nibelungenliedes, Burns’ und
Altfranzösischer Volkslieder auch Zeit und Mulfse, um selbst die
Poesie zu pflegen. Er gab im Jahre 1874 unter dem Titel
„Wanderung und Heimkehr * eine Sammlung seiner Gedichte
heraus, in welcher die nachfolgenden Verse jedoch nicht vor-
kommen. Vielleicht sind sie erst später verfalst. Das Autogramm
wurde von uns im Jahre 1906 erworben.
UNVERÖFFENTLICHTE BRIEFE UND ANDERE SCHRIFISTÜCKE. 605
Ich sah dich in des Frühlings Tagen.
Ich sah dich in des Frühlings Tagen
Wo neu erathmet das Gemüth,
Wenn froh die ersien Lerchen schlagen
Und wenn das erste Veilchen blüht.
Mit jenen sonnenhellen Stunden,
Mit linden Lüften. sanft und mild,
Bleibt unzertrennlich mir verbunden
Auf ewig dein geliebtes Bild.
Und immer, wenn ich dein gedenke,
In dieses Winters Stürmen auch,
Ist mir als ob sich niedersenke
Zin sanfter, linder Frühlingshauch.
WOLFGANG WURZBACH.
Freie und gedeokte Vokale im Französischen.
ı. Ob eine Silbe offen oder geschlossen, also ihr Vokal frei
oder gedeckt ist, können wir nur aus der Entwicklung des Vokals
schlielsen. Hätten wir es nur mit Sprachen zu tun, in denen die
Behandlung des Vokals nicht von der Stellung in der Silbe abhängt,
wie das Portugiesische, das die betonten Vokale überhaupt nicht,
oder das Spanische, das sie (wenigstens £ und 9) immer diphthongiert,
so wäre man wahrscheinlich nie darauf verfallen, jene Scheidung
zwischen freien und gedeckten Vokalen einzuführen; sie ist also
nur für das Französische und das Italienische von Wert, die eben
in bezug auf die Schicksale der betonten Vokale eine Mittelstellung
zwischen den beiden äufsersten Möglichkeiten einnehmen.!
Nun hat J. ]J. Salverda de Grave in einer im Zomenaje a
Menendez Pidal (Madrid 1924, T. ı, S. 641fl.) veröflentlichten
Abhandlung die Frage neuerdings aufgegriffen und ist dabei zu
Schlüssen gelangt, die dem Französischen — denn sein Aufsatz
beschäftigt sich trotz des Titels „Sydabes ouvertes el fermtes en
roman“ fast nur mit dieser Sprache — in der Behandlung der
betonten Vokale eine ganz andere Stellung zuweisen würden.
Nach den Ergebnissen seiner Untersuchung, die gleichfalls die
Entwicklung der Vokale zu Diphthongen zu Grunde legt, wären
die betonten Vokale im Französischen nämlich „frei“ nicht blofs,
wie ja allgemein angenommen wird, vor einem Vokal, vor einem
einzigen Konsonanten und vor Muta + Liquida, sondern auch vor
Palatal + Kons., vor Kons. + y, vor Doppel-/, vor s und r vor
Kons. und vor $£ + Kons. Damit wäre praktisch die Scheidung
von freien und gedeckten Vokalen für das Französische überhaupt
aufgehoben und diese Sprache wäre dem oben durch das Spanische
dargestellten Typus zuzuweisen.
2. Prüft man nun die Beispiele, die S. d.G. zur Begründung
seiner Ansicht anführt, so wird man zu anderen Ergebnissen
kommen. Freilich macht es einem der niederländische Gelehrte
nicht leicht oder vielmehr geradezu unmöglich, seine Aufstellungen
zu widerlegen, weil er sehr häufig „doppelte Entwicklung“ an-
nimmt.?2 Nun fällt es mir natürlich nicht ein zu leugnen, dals
! Ich brauche nicht zu sagen, dafs ich mit den oben genannten Sprachen
nur die Schriftsprachen meine und diese nur beispielsweise als Typen anführe.
2 Die Ausführungen S.d.G.s im Nevphtlologus 5, ı fl., in denen dieselbe
Meinung vertreten wird, mufs ich gänzlich ablehnen,
FREIE UND GEDECKTE VOKALE IM FRANZÖSISCHEN. 607
Laute und Lautgruppen sich in doppelter und mehrfacher Weise
entwickeln können; ich meine aber, und glaube damit der allgemein
herrschenden Meinung Ausdruck zu geben, dafs wir uns in solchen
Fällen mit der einfachen Feststellung nicht begnügen dürfen, dals
wir vielmehr die Gründe für solche mehrfache Entwicklung suchen
müssen, wenn uns das selbstverständlich auch nicht immer gelingen
wird.
Diese Gründe sind in jedem einzelnen Fall aufzusuchen; sie
lassen sich aber wohl im Ganzen auf zwei Typen zurückführen.
Entweder liegen psychologische Verhältnisse vor: hierher gehört
der Fall der Wortvermengung und der der sog. Analogie, die nur
ein besonderer Fall der Wortvermengung ist. Oder die Doppelheit
erklärt sich aus sozialen Verhältnissen, indem, ganz allgemein
gesagt, jede der beiden Formen von einem anderen Ausstrahlungs-
punkt ausgegangen ist, sei es in örtlichem Sinn (Entlehnung aus der
Mundart des Nachbargebietes), sei es in gesellschaftlichem (Ent-
lehnung aus einer anderen Gesellschaftschichte). Aber mögen nun
psychologische Verhältnisse im engeren Sinn oder (denn auch diese
gehen schliefslich auf psychologische Ursachen zurück) soziale
Gründe die Entwicklung der Laute beeinflufst hahen, auf jeden
Fall ist daran festzuhalten, dafs nicht die Veränderung der Laute
— denn diese führen ja kein selbständiges Dasein — das Ur-
sprüngliche ist, sondern dafs in der Regel zunächst Wörter
verändert und entlehnt werden.
Ich sage „in der Regel“, weil in einzelnen Fällen die Ver-
änderung vielleicht wirklich unmittelbar den Laut, unabhängig vom
Wort, betroffen haben mag (wie im Falle der Lautsubstitution,
wenn etwa nach der „keltischen Hypothese“ das lat. » im Gallo-
romanischen durch ä ersetzt wäre). Doch dürfte dieser Fall sehr
selten sein. Meist, wie gesagt, wird die Veränderung die Wörter
erfassen. Ein solcher Lautwandel mag z.B. stattgefunden haben,
wenn ein bestimmtes Individuum, vielleicht infolge eines sprach-
lichen Gebrechens, im Frz. s an Stelle von /s sprach. Es ist mir
nicht zweifelhaft, das sich auch in diesem Falle die Nachahmung
dieser Aussprache zunächst auf bestimmte Wörter beschränkte.
Vgl. auch F. Schürr, Sprachwissenschaft und Zeitgeist. Beih. zu
Bd. 30 der „Neueren Sprachen“, 1922, S. 43. Wer für seine
eigene Aussprache /sie? aus dem Munde eines ihm malsgebend
erscheinenden Individuums sze/ hört, wird diesen Lautwandel
zunächst nur in diesem Wort nachahmen, wird aber weiterhin
seine eigenen Aussprache etwa von /sire beibehalten, weil er zu-
fällig dieses Wort nicht von seinem Vorbild gehört hat. Es
standen nun in der betrefienden Mundart sze/ und /sire reben-
einander, so dafs man Doppelheit der Entwicklung des lat. c fest-
stellen kann. (Man vergl. die Wörter mit cka- im pikardischen
ca-Gebiet). Es ist dann Aufgabe des Sprachforschers zu prüfen,
welche von diesen verschiedenen Entwicklungsstufen in der betr.
Mundart bodenständig ist; das wird in der Regel auf Grund
608 ADOLF ZAUNER,
chronologischer Zeugnisse geschehen, läfst sich aber meist auch aus
der Beschaffenheit der betr. Wörter erkennen. Ich halte es daher
nicht für richtig, wenn S.d. G. Formen wie espice Grice neben
espece Grece einfach als „double developpement“ gelten lälst
(S. 647, auch Anın. ı auf derselben Seite), ohne den Gründen
dieser Doppelheit nachzugehn, ohne zu fragen, ob nicht die Begriffe,
die diese Wörter bezeichnen, ihrer ganzen Natur nach so beschaffen
sind, dafs sie Entlehnung aus anderen Sprachen oder anderen
Gesellschaftschichten wahrscheinlich machen.
3. So wie S. d. G. die sozialen Ursachen, die die Ent-
wicklung der Wörter beeinflulst haben, nicht berücksichtigt,! so
behandelt er auch die chronologischen Unterschiede, wie mir scheint,
mit zu grolser Gleichgültigkeit. Auch hier ist gewils nicht zu
leugnen, dafs Entwicklungsstufen verschiedener Entstehungszeiten
nebeneinander vorhanden sein können. So sind in der heutigen
franz. Schriftsprache (ob auch in der Sprache des Einzelnen, lasse
ich dahingestellt) z/ sassıed und 2 s’assosf üblich und doch ist der
Entstehung nach jenes älter als dieses, was in diesem Fall durch
die schriftliche Überlieferung bezeugt wird; oder: im Pikardischen
steht heute ca- neben cAa-; dals das zweite dort jünger ist, wird
teils wieder durch die schriftlichen Denkmäler erwiesen, teils ergibt
es sich aus der Bedeutung der Wörter, in denen es vorkommt.
Was soll man aber sagen, wenn S. d.G. zwei nach Laut und
Bedeutungskomplex so verschiedene Wörter wie ssecde und uesl auf
eine Stufe stellt (648) und daraus Schlüsse zieht? Oder wenn er
doppelte Entwicklung des freien a zulälst und dadurch sowohl mal
als mel erklären zu können glaubt (654), ohne aber zu rechtfertigen,
wie das vorausgesetzte Nebeneinander zweier Akzentuierungen des
Diphthongs zu denken sei?
Ich kann ihm auf diesem Wege nicht folgen. Ich halte viel-
mehr daran fest, dals an einem bestimmten Ort und zu einer
bestimmten Zeit nur eine lautliche Entwicklung als normal angesehen
werden kann, dafs jede Abweichung davon eine Deutung durch
psychologische oder soziale Ursachen erfordert. Was als normale
Entwicklung anzusehen sei, ist in jedem einzelnen Fall durch
chronologische und andere Erwägungen festzustellen. Dabei möchte
ich bemerken, dafs hierbei die statistische Methode (die S. d.G.
S. 645, Ende des zweiten Absatzes, zuzulassen scheint) zwar in den
meisten Fällen, sicher aber nicht immer zum Ziele führt, denn es
kann vorkommen, dafs sich gerade eine wenige Beispiele umfassende
Entwicklung als bodenständig herausstellt.
Mit alledem sage ich nichts Neues; es schien mir aber not-
wendig, es doch wieder zu betonen, um gegenüber den auf
schwankender Grundlage aufgebauten Behauptungen S. d. G.s einen
festeren Standpunkt zu gewinnen.
ı Obwohl ihm deren Vorhandensein selbstverständlich sehr gut bekannt
ist, s. besonders Neophilologus 3, 166.
FREIE UND GEDECKTE VOKALE IM FRANZÖSISCHEN. 609
4. Ich will nun versuchen, S. d. Gs. Aufstellungen folgend,
meine Einwände dagegen darzulegen. In vorausgeschickten Odser-
vahlons gentraless stellt er zunächst den Satz auf: Diphlongaison
suppose allongement, und zwar bezieht er dies nur auf die „diphton-
gues spontan&es“, das sind offenbar diejenigen, die durch Spaltung
eines Vokals entstanden sind. Nun ist es zwar auch mir wahr-
scheinlich, dafs die Entwicklung in den allgemein als „offen“ an-
erkannten Silben (z. B. fedem > pied) tatsächlich eine Längung des
Vokals vorausseizt,! ich glaube aber, dafs der Satz in dieser All-
gemeinbeit doch nicht ganz richtig ist. Den Fall „de la rencontre
de deux voyelles* scheint S. d. G. selbst ausdrücklich auszunehmen
(Meint er damit Fälle wie franz. ou‘ aus oil?). Gewils ist aber
auch der Fall der Vokalisierung eines Kons. auszunehmen, und
zwar nicht nur Fälle wie ital. frega < plica, wogegen wohl auch S.d.G.
nichts einzuwenden haben wird, sondern auch solche wie port. feilo
und altport. und urspan. owfro. Ich hebe das ausdrücklich hervor,
weil S. d. G. bezüglich des franz. /aif anderer Ansicht ist (s. u. $ 9)
und weil er auch für franz. deaus aus dem Vorhandensein des
Diphthongs auf vorhergegangene Längung schliefsen will, was ich
für unerweisbar halte (s. u. $ ıı).
S. d.G.s zweitem Satz „Non-diphlongaison actuelle ne suppose
pas necessairemet non-allongemeni“ stimme ich in dieser Fassung ohne
weiters zu, nicht aber den Folgerungen, die er daraus zieht. Schon
die Bezeichnung „Diphthong* für den durch Spaltung eines
gelängten lat. 2 entstandenen zweigipfligen Vokals (ohne wesentliche
Differenzierung der Zungenhebung der beiden Bestandteile) mag
strittig sein. Unerweisbar scheint mir der Schlufs: „c’est ce qui
a dA se passer (nämlich Spaltung in einen zweigipfligen Vokal
und darauf Rückkehr zum Monophthong) pour toutes les voyelles
libres latines qui, en roman (von mir gesperrt), se pr&sentent sous
forme de monophtongue“*. Meint also S.d.G. auch, dafs z.B. franz.,
ital, span. usw. 7 und u aus lat. freiem ; « einmal zweigipflig
gesprochen worden seien? Die Möglichkeit ist natürlich zuzugeben,
aber die gerade bei diesen Vokalen so seltenen Diphthongierungen
rechtfertigen keineswegs eine so weitgehende Verallgemeinerung.
Auch S. d. G.s Deutung der Entwicklung von ma/ craie amour, die
er hier wieder anführt, scheint mir unmöglich; das Nebeneinander-
bestehen einer steigenden und einer fallenden Druckverteilung in
den betr. Diphthongen, in dem er die Erklärung finden will, hat
er m. E. auch Neophilologus 3, 161 in keiner Weise wahrscheinlich
gemacht.
5. S. d. G. sucht hierauf zunächst nachzuweisen, dafs vor
Kons. + y die Vokale „frei“ gewesen seien. Ich habe selbst diese
1 Anders A. Juret, Zssai d’explication de la transformation des voyelles
accentudes lalines e,0,a en roman ie, uo,e im Bull. de la Soc. de linguistique
de Paris 233, 1922, 138 ff. Und dagegen R.Ronjat, Accent, quantits et diphton-
gaison en roman et ailleurs, ebd. 24, 1924, 356 ft.
Zeitschr, f. rom Phil. XLVII. 39
610 ADOLF ZAUNER,
Ansicht (wenigstens soweit /y, ny, #y, dy, sy in Betracht kommen)
in meinen Vorlesungen schon im Wintersemester 1903/4 und
seither wiederholt vorgetragen, bin aber immer wieder zweifelhaft
geworden und möchte mich heute in ablennendem Sinne aussprechen.
Die Sache scheint mir viel verwickelter zu sein, als sie nach S.d. G.s
Darstellung aussieht; sie steht insbesondere, was dem niederländischen
Gelehrten entgangen ist, allem Anschein nach mit einer ganz anderen
in Verbindung. Ich will meine Ansicht hier darlegen; vielleicht
findet sich der eine oder der andere meiner Fachgenossen ver-
anlafst, gleichfalls dazu Stellung zu nehmen und so zur Klärung
der ganzen Frage beizutragen.
Betrachtet man die Fälle, in denen dem Vokal folgte,
vom neufranz. Standpunkt, so zeigt sich dem Anscheine nach das
Eigentümliche, dafs e und 9 wie in offener Silbe behandelt werden,
wogegen sich a € unfl 9 so verhalten wie sonst in gedeckter
Stellung. Dasselbe Bild bieten die alıfranz. (franzischen) Formen,
sofern man dem vor / geschriebenen z keinen eigenen Lautwert
beimilst, sondern es als Zeichen der Palatalisierung ansieht; so
also mielz fuerlle gegen paille conseil coille (neufranz. cowille wie
altfranz. /orne zu neufranz. fourne). Diese Sonderstellung der
Vokale £ und g ist nun höchst auffällig. Mit der in dfrittletzter
Silbe zu beobachtenden ähnlichen Sonderentwicklung kann sie
kaum verglichen werden, weil diese augenscheinlich mit dem Zeit-
punkt des Eintrittes des Vokalausfalls in Zusammenhang steht. Es
ist auch nicht einzusehen, weshalb /y nur bei a e og die Silbe ge-
schlossen haben sollte, nicht aber bei ge und 9. Es bleibt also
nichts anderes übrig, als anzunehmen, dals Zy entweder nach allen
Vokalen Silbenschlufs gebildet habe oder nach keinem. Auf Grund
der Geschichte der Entwicklung von /y müssen beide Möglichkeiten
als denkbar bezeichnet werden. Es kann auf der Stufe /y (aus
einem älteren / mit silbischem 7) das y soschr konsonantisch
gefühlt worden sein, dafs es imstande war, die folgende Silbe zu
beginnen, dann hätte / Silbenschlufs gebildet; in Zal-ya wäre der
Vokal in derselben Stellung gewesen wie in al-/u, also gedeckt.
Oder: die Verschmelzung von Iy zu einem einzigen Laute, dem
pal. /, ist so früh erfolgt, dals dieselben Verhältnisse vorlagen wie
etwa in Pa-la, dann war auch die erste Silbe von Ja-/a offen.
Die Behandlung der Vokale, die allein für die eine oder die
andere Auffassung entscheiden könnte, läfst sich bei beiden Annahmen
erklären. Es mufs dabei in Betracht gezogen werden, dafs die
schriftmäfsige Darstellung das pal. / den mittelalterlichen Schreibern
Schwierigkeit bereiten mulste, dals daher die hierzu verwendete
Schreibung -z/ -i4- verschiedener Deutung fähig ist; weiter mufs die
phonetische Tatsache berücksichtigt werden, dafs ein pal. / ebenso
leicht ein ihm vorausgehendes ; (als zweiten Bestandteil eines
Diphthongs) aufsaugen, als umgekehrt seinerseits ein z vor sich
entwickeln kann. Dafs die Entwicklung der in Rede stehenden
Fälle im Nenfranz. eher für Vokaldeckung spricht (abgeschen von £
= —ıi „a 0m
FREIE UND GEDECKTE VOKALE IM FRANZÖSISCHEN. 611
und 9 worüber unten $ 9), habe ich oben angedeutet. Aber auch
die Ansicht, dafs sich die Vokale hier wie in freier Silbe verhalten
haben, läfst sich verteidigen. Man braucht nur anzunehmen (was
mir auch aus andern Gründen wahrscheinlich ist), dafs dem e aus
a ein Diphthong, etwa ein ae vorausgegangen sei, dann ist das az
von Zaille als eine durch den Einflufs des pal. / verursachte
Erhöhung leicht zu verstehen; consei/ würde die gewöhnliche (älteste)
Stufe der Behandlung des freien e zeigen; in diesen beiden Fällen
hätte also das die doppelte Aufgabe, den zweiten Bestandteil
des Diphthong darzustellen und zugleich die Palatalisierung des /
anzuzeigen. In cosl/e wäre die älteste, monophthongische Stufe der
Entwicklung von 9 zu erkennen, was leicht anzunehmen ist, weil
ja gerade dieser Vokal, wie bekannt, am spätesten zur Diphthon-
gierung geschritten ist. AMiecs und J/ueille würden klärlich die
übliche Behandlung des freien g g zeigen.
Dem Einwand, dafs sich aus Zaz-/e weiterhin ey, aus consei-!
consoil (und dann Zöswey usw.) hätte entwickeln müssen, ist leicht
zu begegnen; die Nachfolger dieser geforderten Formen sind in
neufranz. Maa. wirklich zu belegen (Meyer-Lübke, RG ı, $ 232),
consel wit Diphthong ist für das Rolandslied durch Assonanz
gesichert, consorl in späteren Texten zu finden u.a. ja auch die
Form bei Chretien. Die der Reichssprache zugrundeliegenden
Formen lassen sich ohne Schwierigkeit damit erklären, dafs eben
ein pal. / leicht ein vorausgehendes ; aufsaugen konnte: Jas-/e wurde
zu Pa-le, consei-! zu conse-!' (geschrieben conseil).
So ungefähr stellt sich S.d.G. die Entwicklung vor! und
nimmt daher an, dafs die Vokale vor /y frei gewesen seien, und
so hatte wie gesagt auch ich einmal geglaubt, mir die merkwürdige
Verschiedenheit der fünf Vokale in dieser Stellung zurechtlegen zu
können.
1 S.d.G.s Frage (S. 645 Mitte), warum az in Zaille < palea nicht zu e, ez
in conseil nicht zu oz geworden sei, glaube ich oben beantwortet zu haben.
Dals freies a vor r» nicht wie gewöhnlich e, sondern ar ergab, ist genügend
dadurch erklärt, dafs die Nasalierung schon zu einer Zeit eintrat, als @ noch
nicht die Stufe e erreicht hatte, sondern erst bei ae angekommen war: der
nasale Diphthong entwickelt sich nun anders als der orale. Ganz ebenso hat
ja die Nasalierung verhindert, dafs ei zu 07, o zu o# und eu fortschritten
(veine, done). Die weitere Frage, warum er einmal als £, dann wieder als oz: (wa),
o einmal als ez, in anderen Wörtern wieder als oz erscheine (cruie amour
gegen vor fleur) kann in dieser Form wohl nur jemand aufwerfen, der wie
S.d.G. den Lauten sozusagen selbständiges Dasein und selbständige Weiter-
entwicklung zuschreibt und sich nicht um die Natur der Wörter kümmert,
in denen sie enthalten sind. Wenn S.d.G. meint, dafs das offene e in der
heutigen Aussprache von conse:il nicht zu verstehen sei, wenn man nicht die
Zwischenstufen gz, ed annehme (S. 645 u.), so ist zu erwidern, dafs die Qualität
der Vokale im Nfrz. keineswegs immer der afrz. entspricht, sondern vielfach
durch andere Bedingungen (Stellung im Wort, Beschaffenheit der umgebenden
Laute) bestimmt wird; vgl. sec, mettre, vert usw.; bei -ez/ dürfte Dissimilation
gegen das folgende z gewirkt haben (vgl. E.Herzog, Zist. Sprachl. des Nfrz.
8 172 ff.).
39*
612 ADOLF ZAUNER,
6. Indes sprechen doch gewichtige Gründe gegen diese Auf-
iassung. Zunächst die Entwicklung von colea. Es ist leider, soviel
ich sehe, das einzige Wort, das p vor ursprünglichem /y zeigt,
freilich entwickelt sich » vor c/ ganz ebenso und ich glaube, dafs
der Wandel von c/ zu /y so alt sei, dafs man unbedenklich beide
Gruppen miteinander behandeln könnte. Indes will ich, um jedem
möglichen Einwand auszuweichen, die Trennung aufrechterhalten.
Nimmt man Behandlung wie in freier Silbe an, so würde sich die
Entwicklung co-/e cou-le keule (das dann vermutlich gueuille geschrieben
würde) ergeben (Das wird S. d. G., der doppelte Entwicklung zuläfst
und das Suffix in amour und in eur auf eine Stufe stellt, freilich
nicht zugeben!) und, wenn etwa / auch in diesem Falle ein z vor
sich erzeugt hätte, co,-/e cwe-le cwa-le. Keine dieser Formen ist m. W.
belegt; dagegen fügt sich cowille sehr gut bei Annahme einer
Behandlung wie in gedeckter Silbe.
Ein anderer Einwand ergibt sich aus dem Verhalten der
Vokale, wenn Z/ vor Kons. tritt und daher zu «x wird. Wäre in
-aıl aus -aliu ai-! gesprochen worden, so wäre dieses zu £y, bei
Vokalisierung des / aber zu -gws geworden (/raveus). Davon finde
ich keine Spur: überall liegt das Ergebnis von -aus vor.
Gegen S.d. G.s Annahme spricht weiter auch das Verhalten
des Italienischen. Da auch diese Sprache freie und gedeckte
Vokale scheidet, so würde man hier dieselbe Entwicklung erwarten
wie im Französischen. Dennoch zeigen megl/io foglia die Behandlung
der Vokale in gedeckter Stellung. Indes will ich darauf nicht
viel Gewicht legen, weil man mir einwenden könnte, dafs das Ital.
die Kons. vor y längt (Meyer-Lübke, Ital. Gr. $ 247).
Dann aber etwas anderes. Ich habe früher gesagt, dafs mir
diese Frage noch mit einer andern verwickelt zu sein scheint: ich
meine mit der des Zwischentonvokals.. Die Vokale nach dem
Nebenakzent verhalten sich bekanntlich so wie die nach dem
Hauptakzent. So wie in manent vendunt der Vokal nach dem
Hauptakzent (als e) geblieben ist, weil er durch die folgende
Konsonantengruppe gedeckt war. so hat sich z. B. auch das e nach
dem Nebenakzent in abellana gehalten, weil es durch die folgende
Kons.-Gruppe (hier Z) gedeckt war (Schwan-Behrens, Gr. des
Altfranz. 880 2b). Es zeigt sich nun, dafs vor Kons. +y der
Zwischentonvokal (als e) bleibt, ein, wie mir scheint unwiderleg-
licher Beweis, dafs eben diese Gruppen Silbenschlufs bilden:
paveillon, correcier, roegnier, manecier (E. Herzog, Sireitfragen der
rom. Phil. S. 110 und besonders auch die zahlreichen Ortsnamen
bei L. J. Juroszek, ZfrPh 27 1903, 704fl.). Man darf also für die
Entwicklung des Haupttonvokals dasselbe annehmen.
7. Genau dasselbe, was für /y gilt, läfst sich von ry sagen.
Auch hier liefse sich in montaigne das ai als Überbleibsel einer
alten Diphthongierung des a, also mit Behandlung in freier Stellung
deuten: in montagne wäre dann 7 von ny aufgesogen worden.
FREIE UND GEDECKTE VOKALE IM FRANZÖSISCHEN. 613
Ebensogut kann man aber annehmen, dals a gedeckt gewesen sei:
dann hat sich das ; von montaigne aus ny entwickelt. Im Ital.
gibt es hier keine Form, di» für S. d. G.s Auflassung spräche, was
sich aber wieder aus Dehnung des Kons. erklären hefse. (In franz.
f«smoigne hätte der Eintritt der Nasalierung wieder die Entwicklung
von p zu o« und ew aufgehalten). Dagegen spricht die Behandlung
des Zwischentonvols vor zy deutlich für die deckende Kraft dieser
Gruppe (vgl. chaeignon und die Ortsnamen bei Juroszek a.a. O.)
8. Die Behandlung der Vokale vor den übrigen y-Verbindungen
kann ich kurz behandeln, zumal sie auch S. d. G. nur flüchtig
streift. Es scheint mir in diesem Falle notwendig, zwei Fälle zu
unterscheiden: diejenigen, in denen der Kons. ein z vor sich ent-
wickelt (ry sy dy ty, wenn es -is- ergibt, und diejenigen, in denen
dies nicht der Fall ist £ <cy und %, &<vy und dy, ch < Py).
Im ersten Fall lassen die Ergebnisse keinen Schlufs darauf zu, ob
die betonten Vokale frei oder gedeckt gewesen seien, indem nur g
und 9 zweifellos diphthongieren, doch beseitigt auch hier die
Erhaltung des Zwischentonvokals mindestens für sy jeden Zweifel:
der pal. Kons. bildet auch hier Deckung (vgl. den Ortsnamen
Carisiacu > Charizey und zahlreiche andere bei Juroszek, Z/r Ph 27,
684 und 698). — Im andern Fall, wenn die Verhältnisse nicht
durch das Hinzutreten eines aus der pal. Kons.-Gruppe entsprossenen 7
verwickelt sind, mülste man die von S.d.G. vorausgesetzte Di-
phthongierung deutlich erkennen; er weils jedoch nur espice und
Grice anzuführen, von denen wohl das erste als ein Wort einer
feineren Kulturschicht, das zweite als Eigenname keine Beweis-
kraft haben. Wenn er weiter sehr entschieden erklärt: „la forme
-ece remonte & -ezce“, so mülste wohl die örtliche Verbreitung dieser
seltenen Form des Suffixes festgestellt werden; bekanntlich ist die
Hinzufügung eines 3 nach dem Tonvokal eine namentlich im Osten
auftretende, aber noch nicht genügend erklärte Erscheinung. Diese
paar Fälle genügen S. d.G. als „preuves de diphtongaison“(!); um
die Formen face, glace, vece, Suff. -ece, die keine Spur einer Behandlung
des Vokals wie in freier Silbe aufweisen, kümmert er sich nicht
weiter, er braucht es allerdings nicht zu tun, denn nach seiner
Theorie des ‚dedoublement‘ liegen die Fortsetzer einer fallenden
Form des gespaltenen Vokals vor: */dece sei durch Reduktion zu
face geworden. Auch hier sprechen aber die bei Juroszek S. 693
angeführten Ortsnamen wie Ülamecy u. a. mit aller Deutlichkeit
dafür, dafs cy Silbenschlufs gebildet hat. — Für dy und ry glaubt
S. d.G. freie Stellung des Vok. zu erweisen durch adriege, liege
und das seltene repruece (für seche, das nach ihm aus seiche ent-
standen ist, gilt das oben über -ece Gesagte, auch die bei Godefroy
einmal belegte Form sosche bedürfte wohl noch genauerer Be-
stimmung); von ache, hache, sache, creche, proche, rage, roge spricht
er nicht und doch stellen diese offenbar im Zusammenhalt mit dem
bisher Ausgeführten die regelmäfsige Entwicklung dar; adriege liege
sind durch die Grundwörter drief, lief beeinflulst, repruece entweder
614 ADOLF ZAUNER,
durch fruef oder wahrscheinlicher durch das gleichbedeutende
reprueve.!
Ich glaube im Vorstehenden nachgewiesen zu haben, dals S.d.G.s
Annahme, vor Kons. + y seien die Vokale frei gewesen, nicht be-
gründet ist. Was er dafür anführt, ist hinfällig oder anderer
Deutung fähig, die Behandlung des Zwischentonvokals spricht
entschieden dagegen. Ich füge noch hinzu, dafs die bei lat.
Dichtern vorkommenden Messungen wie /fa-4a (Seelmann, D. Aus-
sprache des Lat. S. 232) auch für Schliefsung der Silbe zu sprechen
scheinen.
9. Nun bleibt aber doch die Tatsache bestehen, dafs g und p
vor Kons. + » diphthongieren, allerdings nur, wenn die pal.
Gruppe vor sich ein 7 erzeugt hat. Es ist bekannt, dafs sich in
diesem Falle die Diphthongierung auch im Provenzalischen findet,
ja dafs sie in dieser Sprache nahezu gerade auf diese Bedingung
beschränkt ist. Es liegt nahe, aus diesem geographischen Zusammen-
hang auf Einheitlichkeit der Diphthongierung in diesem Falle zu
schliefsen. Freilich wären dann die frz. Diphthonge in zvei/ mi ueil
hul (prov. vielh miei uolh uo!) ganz anderen Ursprungs als etwa die
in Jievre ues (gegen prov. ledre ops).. Wie die Entstehung dieser
beiden Sprachen gemeinsamen Diphthong« zu erklären ist, ist eine
Sache für sich; mir scheint die von S.d.G zurückgewiesene Erklärung
Rokseths (Romania 47, 545) annehmbar (vgl. auch G. Millardet,
Linguistique et dialeclologie romane 120fl.).. Aber selbst wenn diese
Deutung unrichtig sein sollte, bleibt die Tatsache bestehen, dals
hier das Prov., das sonst nicht diphthongiert, mit dem Franz,
das die freien Vokale spaltet, Hand in Hand geht. Dieses Zu-
sammentreffen kann nun kaum zufällig sein.?2 S.d.G.s Einwand,
die Stellung von g und p „en syllabe fermee, donc non-allongee*
(S. 643) lasse deren Diphthongierung unverständlich erscheinen,
scheint mir nicht stichhaltig. Erstens kann man sich wohl vor-
stellen, dafs durch das Folgen eines unsilbischen 7 (und für 7 aus
Pal. vor Kons. mufs ja ohnehin ein hohes Alter in Anspruch ge-
nommen werden) die Silbe tatsächlich nicht geschlossen, sondern
offen, oder besser gesagt geöffnet gewesen sei, und zweitens mufs
der Vokal einer geschlossenen Silbe nicht notwendigerweise, wie
S. d. G. anzunehmen scheint, der Längung unfähig sein.? Die
1 Reproche erklärt SdG. S. 647, „comme une reduction de reproeche
plutöt que comme forme analogique d’apr&s reprochier“, Eine Stufe oe des
aus g entstandenen Diphthongs ist aber in dem angezogenen Artikel, Nevphl.
3,163 gar nicht angenommen. Für mich ist reörgche regelrecht aus repropriat
entstanden, weil für mich #y Silbenschlufs bildet; redroche mit geschlossenem o
kann allerdings kaum anders als durch Angleichung an die endungsbetonten
Formen erklärt werden.
2 Anders Voretzsch, Zur Geschichte der Diphthongierung ım Altprov.
in Forschungen 3. rom. Phil., Festgabe für H. Suchier, 1900, S. 631 fl. Vgl.
auch Appel, Prov. Lautlehre, S. 37 und Bartoli, /ntroduzrione alla neo-
linguistica, S. 82.
® Ich sehe ab von den Verhältnissen im Wallonischen, Spanischen und
KRumänischen, für die SdG. vermutlich andere Silbenteilung heranziehen wird
FREIE UND GEDECKTE VOKALE IM FRANZÖSISCHEN. 615
Diphthongierung von gg vor c4,cs (l£ cuisse) gibt natürlich auch
S.d.G. zu; von anderen Vokalen, bei denen ja nach seiner Theorie
ebenfalls Diphthongierung zu erwarten wäre, schweigt er. \Wenn
er weiterhin (S.648) Fälle wie szecle, riegle, ueil, aveugle, enlier, ive,
eawe ohne weiteres einander gleichstellt, und dabei ausdrücklich
gelehrten Ursprung einiger dieser Formen ablehnt, vielmehr ‚une
double &volution €galement „populaire“‘ annimmt, so erübrigt es
sich für mich nach dem in der Einleitung Gesagten, darauf ein-
zugehen.
10. Ebenso ist es mir unmöglich, mich S. d. G.s Ansicht an-
zuschlielsen, vor s + Kons., r + Kons. und vor // seien die Vokale
in freier Stellung gewesen. Es handelt sich um die bekannten
Fälle nice, bisse (bestia, das aber doch zweifelhaft ist!), duzs (Postea,
siy ist aber sonst im Rom. wie ssy behandelt worden, also gehört
das Beispiel eigentlich in den vorhergehenden Paragraphen), /ierz,
fierge, cierge (altfranz. aber cırge, hat aufserdem ?), riece. Auf diese
wenigen Beispiele baut S. d.G. seine Regel auf. Nun ist es ja
richtig, dafs eine völlig befriedigende Deutung dieser Wörter noch
nicht gefunden worden ist; doch kann auch S. d. G.s Erklärung
nicht als solche bezeichnet werden. Er entfernt alle widersprechenden
Fälle mit der Behauptung, dals etwa in se/ (< septem) feste das e
aus einem älteren ee, in noces das o aus einem ursprünglichen 00
zusammengezogen sei. Hier sucht er seine Aufstellungen auch
durch Hinweise auf andere Sprachen zu stützen. So soll für ein
älteres nooces die Form zuossas in Nizza sprechen; aber dort wird
ja überhaupt gedecktes 9 zu wo. Das se etwa in /ierz schreibt er
dem Einflufs des folgenden y zu (das tut ja auch die übliche
Erklärung); dafs in /orce kein Diphthong zu sehen ist, sei durch
den gröfseren Widerstand zu erklären, den das velare o dem Ein-
flufs des Palatals entgegengesetzt habe; warum ist aber in nuıilf
nichts von diesem Widerstand zu merken ?
Für die Diphthongierung vor s/ verweist S.d.G. auf die räto-
rom. Formen, die gar nichts beweisen, weil der geographische Zu-
sammenhang mit Frankreich fehlt und weil dort überhaupt gedeckter
Vokal ebenso diphthongiert wie freier. Die franz. Lehnwörter im
Niederländischen und im Englischen beweisen ebenso nichts für
das Franz. oder doch nichts für das Franzische. Zum Teil hängt
die Längung der Vokale in diesen Sprachen von anderen Be-
dingungen ab (vgl. engl. /ower mount doubt, die auf langes # zurück-
gehen, mit den entsprechenden franz. Wörtern) und dann hat ja
(s. bier & 12), möchte aber auf die hiesige steirische Mundart verweisen, in
der alle betonten Vokale, selbst # und « diphthongisch gesprochen werden,
selbst in so unzweifelhaft geschlossenen Silben wie off, Luft, Mist die hier
etwa guft, Iguft, mjist lauten. Wenn SdG. meint (Romunia 30, 73): *Il va
de soi que devant un groupe de consonnes (sauf Muta cum liquida), ıl ne peut
y avoir de „Dehnung“,’ so wird diese Ansicht durch sprachliche Tatsachen
widerlegt; vgl. auiser den eben genannten die mit „Dehnung“ bezeugten lat.
quinque iunctus dignus und neuengl. aunt Jost und die später angeführten
round mount usw.
616 ADOLF ZAUNER,
S.d. G. selbst nachgewiesen (Romania 30, 112), dals die franzö-
sischen Wörter des Niederländischen aus dem Hennegau stammen,
d.h. also wieder aus einer Gegend, in der die Vokale auch in
geschlossener Silbe diphthongieren. Daraus läfst sich also für die
anderen franz. Maa. und für die Reichssprache kein Schlufs ziehen.
So wird auch neuengl. aßpeal, mittelengl. appele auf eine franz. Dialekt-
form apiele zurückgehen, daraus afele, wie achseve im Mittelengl.
acheven geworden ist. Also auch hier scheint mir der Nachweis
für gemeinfranz. Längung oder gar Diphthongierung nicht erbracht
zu scin.i
ıı. Längung und Diphthongierung des betonten Vokals glaubt
S. d.G. endlich auch vor / annehmen zu sollen (S. 651); das
scheint ihm sogar „indiscutable*, denn, sagt er, wenn g nicht lang
gewesen wäre, wäre es nicht diphthongiert worden, und apodiktisch
fügt er hinzu: „Il est certain que cette voyelle (nämlich a in deaus)
ne peut &tre que l’extension d’un des &lements de 2.* Es ist
ihm natürlich bekannt, dafs man dieses a als Übergangslaut erklärt
hat; wenn er aber meint „c’est une question de mots“, so muls
ich ihm entschieden widersprechen. Das ist keine Wortklauberei,
sondern deutet auf eine von Grund auf verschiedene Auffassung.
Ich habe ($ 4) gesagt, Diphthongierung setze nicht notwendiger-
weise Längung voraus. Gerade der Fall deals scheint mir dafür
zu sprechen.?2 Die Tatsache, dals hier das / später zu u geworden
ist, beweist unwidcrleglich, dafs es velar war; dafs beim Übergang
von dem mit der Vorderzunge gebildeten g zu dem im hinteren
Mundraum artikulierten velaren / die Zunge eine zwischen beiden
liegende Stellung durchlaufen haben muls, dafs sich daraus ein
halbhoher Mittelzungenvokal ergab, dafs sich dieser durch Dissi-
milation gegen das £ zu a senkte, das alles ist phonetisch so ein-
leuchtend und selbstverständlich wie wenige Lautentwicklungen.
Die Schreibung Zee/s in den vier Bü.Kö,., die S.d.G. als „Beweis“
für die Spaltung des ursprünglichen g anführt, kann natürlich
ebensogut als Versuch angesehen werden, jenen Übergangslaut
schriftlich darzustellen. Für meine Auffassung, die ja die alte und
bisher wohl einzige ist, spricht, dafs bei allen Vorderzungenvokalen
dasselbe zu beobachten ist: bei 7 (filz fieus fyö in neufranz. Maa.),
e (eols < illos führt S. d. G. selbst an) und e ausa (freu, Suchier,
Altfranz. Gramm., Die betonten Vokale $ 61). Dagegen müfsten sich,
wenn S.d. G.s Ansicht richtig wäre, Fälle der Diphthongierung von
gedecktem 9 vor ZU finden, denn gemäls seiner Auffassung von
! Ich frage mich, ob nicht auch das ze im dtsch. Zriester nicht eher
durch Entlehnung aus einer frz. mundartlichen Form als durch die gleiche
Entwicklung wie im germ. her > hier zu erklären sei. Nd. Jröster wäre eine
unvollkommene Nachahmung des fremden Diphthongs.
% Übrigens auch die Entwicklung von ed, al im Angelsächsischen zu eo/,
eal. Ich weıfs nicht, worauf Roudet, Zlöments de phonettique generale 295,
auf den sich SdG. beruft, die Behauptung stützt: „Dans ce cas encore,
Pallongeinenut prec&de la diphtongaison.* Diese Dip!ithonge sind bekanntlich
iin Altenglischen ku:z,
FREIE UND GEDECKTE VOKALE IM FRANZÖSISCHEN. 617
ierz gegenüber force (s. oben $ 10) wäre gerade für mo/s ein
*muols zu erwarlen, weil ja hier das velare o dem velaren / näher
stand; eine diphthongische Form von mols findet sich aber m. W. nicht.
ı2. Am Schlusse seiner Ausführungen findet S. d.G. die Er-
klärung für das verschiedene Verhalten der Vokale im Wechsel
zwischen festem und losem Anschlufs, oder, was auf dasselbe hinaus-
kommt, in der verschiedenen Silbenteilung, die im Franz. zu be-
obachten sei und das trotzdem er am Eingange seiner Abhandlung,
anscheinend zustimmend, die Ansicht Jespersens (Zehrb. d. Phon.
S. 203) angeführt hat, dem zufolge es unmöglich sei, die Silben-
teilung einer lebenden, geschweige denn einer toten Sprache fest-
zustellen. Ich kann S.d. G. auch bier nicht beistimmen. Die Silben-
teilung einer vergangenen Sprachperiode läfst sich, wenn überhaupt,
natürlich nur aus der Behandlung der Laute erschliefsen.1
Diese ist aber mannigfacher Deutung fähig und man wird
sich hüten müssen, daraus für ein so heikles Gebiet wie die Silben-
teilung zu weit gehende Schlüsse zu ziehen. Lat. mundus erscheint
im Altfranz. bekanntlich in zweierlei Gestalt: als mor/ und als monde.
Die allgemein übliche Erklärung dieser Doppelheit ist wohl die,
dals die erste Form die ununterbrochene Fortentwicklung darstelle,
die zweite aber ein alter Latinismus sei. Das leuchtet dem Begriff
nach durchaus ein: es handelt sich um einen Ausdruck, der in
der Kirchensprache eine grolse Rolle spielt; der des Latein kundige
Prediger suchte das lat. Wort, so gut es ging, seinen und seiner
Zuhörer franz. Sprachgewohnheiten anzupasssen; die Endung, die
ıhm als solche natürlich klar war, konnte er nicht in ihrer lat.
Form beibehalten, weil sie sonst den Akzent hätte bekommen
müssen, denn das Franz. hatte kein nachtoniges # mehr. Es blieb
also nichts anderes übrig, als das # der Endung durch den einzigen
im Franz. möglichen nachtonigen Vokal zu ersetzen; so entstand
durch Lautsubstitution monde. Das ist meine, und soviel mir bekannt
ist, die allgemeine Erklärung des -e. S.d.G. lälst sie nur nebenbei
und zögernd zu: „I s’agit peut-&tre d’un rapprochement de moni
du mot latin* (S.655, Anm. 2). Seine Erklärung lautet anders:
Die Form mort entstand nach ihm aus einer Silbenteilung mit festem
Anschlufs: mun-dum „le d... &tant isole, ne peut que s’appuyer
contre la consonne qui precede“. Dagegen sei monde ein zweites
1 Zur Stütze seiner Behauptung beruft sich SdG. auf ‘un me&moire, non
encore imprime&’ seines Kollegen de Groot, in dem nachgewiesen werde, dals
„d’apr&s le temoignage des graphies des inscriptions, c# et ff ont pu ouvrir
la syllabe“. Da diese Abhandlung noch nicht gedruckt ist (?), kann ich sie
nicht nachprüfen; sollte aber etwa die im Bull. de la Soc. de ling. 27 (1926),
S. ıff. veröffentlichte Untersuchung Za sydlube: Essar de synthöse damit ge-
meint sein, so kann ich nur feststellen, d«fs der genannte Gelehrte in allen
wesentlichen Punkten genau die entgegengesetzte Ansicht vertritt (besonders
S. 16, Nr.4 Ende; S.26 unten; S. 32). Die Ausführungen Seelmanns,
D. Ausspr. des Lat. S. 137 ff., auf die sich SdG. gleichfalls beruft, beweisen
im Gegenteil .das starke Schwanken der Beurteilung der Silbengrenze; die bei
Seelmann 3. 142 wiedergegebenen Inschriften sprechen geradezu gegen SdG.
618 A. ZAUNER, FREIE UND GEDECKTE VOKALE IM FRANZÖSISCHEN.
Mal entlehnt worden und zwar zu einer Zeit, als die fianz. Sprache
losen Anschlufs hatte: bei einer Silbenteilung mu-ndum habe
das Wort nicht mit 7 enden können, „puisque la syllabe qui com-
mence par rd ne peut exister que si elle poss@de une voyelle“ und
so sei das -e von monde geblieben. — Ich mufs gestehen, dals
mir eine Silbenteilung mu-ndum für das Franz. unmöglich erscheint,
noch ungeheuerlicher aber die Teilungen me-dceum, -a-tcum,
die S. d.G. zur Stütze anführen zu können glaubt. Der von ihm
gefordete Übergang von -atcum zu -atgum und das von ihm
aufgestellte Gesetz „que, dans un groupe explosif, les sons doivent
se suivre dans cet ordre: que le son qui suit a plus d’aperture
que celui qui prec&de;“ widerspricht der in allen rom. Sprachen
zu beobachtenden Erscheinung, dals der zweite Kons. einer Gruppe
fest bleibt, stimmt übrigens auch mit anderen sprachlichen Tatsachen
nicht überein (%# wird nirgends 2d, span. -azgo). Ich halte auch
hier an der alten Erklärung fest, dafs das c in -aticum schon
zum Reibelaut geworden war, als der Vokalausfall eintrat; nur so
läfst sich m. E. die Weiterentwicklung im Franz. verstehen.
Ich glaube, dafs der ganze Artikel S. d. G.s verfehlt ist. Ich
bemerke nur zum Schluls noch, dafs ich die Frage, ob und wie sich
die mannigfachen Diphihongierungsverhältnisse der rom. Sprachen
auf einen einheitlichen Typus zurückführen lassen, absichtlich nicht
berührt habe, weil sie sich, wie wohl manches im Vorstehenden
Berührte, nicht vom Franz. allein aus erklären lassen.
ÄDOLF ZAUNER.
1. Formales und Technisches in der höfischen Dichtung
des Reimbaut von Vaqueiras.'
Man hat oft genug betont, dafs die provenzalische Lyrik eine
wesentlich formale ist, d. h. dafs ihre Hauptbedeutung in der Form
beruht. Wenn wir aber an ihre Rolle in der Entwicklung des
europäischen Geisteslebens denken, müssen wir den in ihr aus-
gesprochenen Gedanken die grölsere Bedeutung zuerkennen. Sie
waren ein erstes Flügelregen des erwachenden, in sich schauenden
Menschengeistes und wirkten nach, als ihre Form eingesargt in
Papiersärgen ruhte. Für die Zeit, in der sie entstanden ist, war
allerdings die Form — zu der auch ihre Metrik und nicht zuletzt
ihre Musik gehörte — wesentlicher. Sie konnte gelernt werden.
„E apprenda far cansos e sirventes“ heifst es melhır als einmal in
der Biographie cines Trobadors.
Sehen wir im einzelnen, welche Stilmittel Raimbaut anwendet,
um seinen Zuhörern sein Lied angenehm zu machen.
Bei einem Überblick über seine Dichtung fallen zuerst auf
die zahlreichen Anspielungen auf epische Stoffe? Auch
bei anderen Trobadors haben wir deren, aber bei keinem so
reichlich wie bei ihm. Auf die Quelle dieser Kenntnisse wurde in
seiner Lebensbeschreibung hingewiesen: Als Jongleur mufste er mit
all diesen Sagenstoffen vertraut sein. Der Roman „Flamenca“
liefert v. 620—705 die vollständigste Aufzählung, die wir in dieser
Art besitzen. So reich ist die Skala nicht, die man aus Raimbauts
Gedichten zusammenstellen kann, aber er zeigt sich doch mit der
„matiere de France, de Bretaigne et de Roma la grant“ sehr
vertraut.
a) Anspielungen auf Stoffe des klassischen Altertums.
Pyramus und Thisbe erwähnt er in Ara’m requier, „e Pam
per son cosselh Mais que Tibes non amet Piramus.“ Im selben
Lied wird Tantalus genannt „E fa'm murir si cum mor Tantalus“.
2 Auszug aus einer gröfseren Arbeit über den Trobador „Reimbaut von
Vaqueiras und seine Dichtung“, deren übrige Teile auch in dieser Zeitschrift
erscheinen werden.
2 Vgl. aum Folgenden Birch-Hirschfeld „Über die den Troubadours
des ı2. und 13. Jahrhunderts bekannten epischen Stoffe“, Halle 1873.
620 KLARA M. FASSBINDER,
Beide Anspielungen gehen auf Ovids Metamorphosen zurück, die.
erste auf IV, 55fl., die zweite auf Orpheus und Eurydike v. 41
Vielleicht kannte Raimbaut die Übersetzungen des Chrestien von
Troyes, da das Lied ja vermutlich erst in den neunziger Jahren
des ı2. Jahrhundert entstanden ist, wie im Lebensbild gezeigt wurde.
Im selben Gedicht steht eine Anspielung auf den „confanoniers“
Alexanders, dessen Kühnheit beim Sturm auf Tyrus im Alexander-
roman besonders hervorgehoben wird:
Bona dona, aitan arditz e plus
fui, quam vos quis la joia del cabelh
e que'm dessetz de vostr’amor cosselh
No fan del saut de Tyr Emenidus.
Alexander selbst ist ihm, wie den Troubadours überhaupt, das
Vorbild der Freigiebigkeit. „Alexandres vos laisset son donar“
rühmt er seinen Herrn (Brief auf ar, v. 98). Im Kreuzzugslied
„No m’agrad“ ist Alexander dagegen der Held, der grofse Er-
oberungen macht: Anc Alexandres no fetz cors ... tan honrat.
Der Name „Troia“, den die Festung der lombardischen Damen
im „Carros“ erhält, weist darauf hin, wie beliebt der roman de Troie
auch im provenzalischen Kulturgebiet war.
Die Kanzone „Leu pot hom“ erwähnt das Liebespaar Floris
und Blancheflor:
Et anc Floris de Blancaflor
No pres comzat tant doloros
Com eu, dompna, si'm part de vos.
Eine Anspielung auf diese beiden Liebenden finden wir schon bei
der Gräfin von Dia einige Jahrzehnte vor den uns erhaltenen
französischen Bearbeitungen. Sie setzt also entweder eine proven-
zalische frühere Bearbeitung des Stoffes voraus oder eine fran-
zösische, die später von einer vollkommeneren abgelöst wurde.
b) Aus der Matiere de Bretaigne.
In „Engles, un novel descort* verspricht er der Herrin, im
Falle sie ihm ihre Gunst gewährt, so heimlich zu ihr zu kommen
„Si cum Tristan que’s fes guaita tro qu’Ilseus fo vas si traita.“
In der „Estampida“ erklärt er ihr „D’amor per gensor vos ai
chauzida gensor qu’Erex Enida“.
Im Lied „Ja no cugei vezer“ erwähnt er Gavan, indem er
behauptet „Vencut agra sobrier D’aventuras Galvanh“, wenn sie
ihm ihre Gunst gewährt.
In „Ara'm requier“ spricht er von Parzival: „Anc Parsavals
quant a la cort Artus Tolc las armas del cavalier vermelh Non ac
tal gaug com ieu del sieu cosselh.“ Bartsch hat in seinem Grundrils
(S. 19) hervorgehoben, dafs dies die älteste Anspielung auf das
Parzival-Epos ist, Faurieli weist darauf hin, dafs diese und alle
ı A.a.0. S.431, BJ. III,
FORMALES UND TECHNISCHES BEI REIMBAUT VON VAQUEIRAS. 621
provenzalischen Anspielungen sich auf Situationen aus Wolfram von
Eschenbachs Bearbeitung beziehen. Es wäre dies ohne Zweifel
eine starke Stütze für Wolframs Erzählung von dem Provenzalen
Kyot-Guiot, der ihm den Stoff zu seinem Epos geliefert habe. 1
Aus der Matiere de France
stammen die meisten Anspielungen Raimbauts. Mehrmals spricht
er von Roland. „Mas trahitz sui si cum fo Ferragutz Qu’a Rotlan
dis tan son maior espaut Per on l’aucis.* Fauriel? bezieht die Stelle _
auf Turpins Chronik, in der von diesem Verrat berichtet wird. Da
aber Raimbaut sonst nirgends lateinische Kenntnisse verrate, könne
man eher vermuten, sie beruhe auf einer der Vorlagen von Turpins
Chronik. — Man kann auch an eine poetische Fassung eines
Teils der Chronik denken, die uns nicht erhalten ist.
Die Antwort auf den Vorwurf mangelnder Tapferkeit von Seiten
Alberts von Malaspina: „E s’ieu no val per armas Olivier Vos no
valetz Rotlan a ma semblansa“ erwähnten wir schon. Die oben
angeführte Stelle aus seinem Brief, in der er Bonifaz von Monferrat
wegen seiner Freigiebigkeit mit Alexander vergleicht, geht weiter:
„Et ardimen Rotlan elh dotze par el pros Berartz domney e gent
parlar*. Die „dotze par“ sind der Karlsreise entnommen, wo
sie allerdings nicht gerade im Frauendienst ihren höchsten Ruhm
suchten wie B&erart de Mondidier, der als Typ des galanten
Helden betrachtet wurde. P. Meyer schlielst aus den zahlreichen
Arspielungen auf ihn (er wird z.B. auch bei Marcabru, P. Vidal,
Giraut de Cabreira genannt) „qu’il a &te anciennement le heros
d’un po&me aujourd’hui perdu, qui le repr@sentait comme aussi
heureux en amour qu’en guerre*.3 Eine letzte Anspielung auf
den Stoff der Karlssage bringt „No m’agrad’iverns ni pascors“.
Nach dem schon angeführten Vers „anc Alexandres no fetz cors*
fährt das Lied fort „Ni Karls ni’) reys Lodoyx tan honrat ni'| coms
n’Aimerics Ni Rotlan ab sos ponhedors No saubron fan gen conquer“.
Die Anspielung auf Aimeric, den Vater des Wilhelm von
Orange, aus der Geste Narbonne beziehen sich nach P. Meyer auf
das Epos „Faucon de Candie*, „qui a joui au 12° siecle du plus
grand succ&s“.4 Der reys Lodoyx stammt aus dem gleichen Kreis.
Sein Gegner Thibaut, der Verlobte der Oroble, bekannt aus den
Enfances Guillaumes, Couronnement Lodoys und der Prise d’Orange,
ist mit Ludwig zusammen in „Guerra ni plaig* genannt: „anc
Tibautz ab Lodoys Non fetz plaig ab tans plazers Com eu quan
sos torts m’esders“.
I Dieser Frage ist man anscheinend von germanistischer Seite noch nicht
nachgegangen, die neueste Annahıne ist die eines französischen Troveors Guiot.
Vgl. bereits Wechssler, Gralsage S. 75 und 164 fl.
2 A.a.0O., R.III, 74.
s P. Meyer in einer Besprechung des Buches von Birch -Hirschteld,
Rom VII
“A.2a.0.
622 KLAKA M. FASSBINDER,
An die Chanson Aye d’Avignon schlielst sich eine Fortsetzung
an, deren Held Gui de Nanteuil, Sohn Garniers und der Aye,
ist. Er wird zweimal bei Raimbaut genannt. Einmal als Bild der
Tapferkeit in „Leu sonet“: „Le vaslet de Nanteuil feri mielz de
son bran“, hält der Trobador dem Dragonet, einem feigen Partei-
gänger der Baus entgegen. Der Beiname „vaslet“ ist stehend für
Gui,i ohne dafs man eigentlich weils warum. In „No posc saber“
wird er als Zeichen treuer Liebe aufgeführt: „Leys, qu’ieu am mais
que non ametz Guis de Nantuelh la pieusel Ayglentina“. Diesen
‘ Namen trägt seine Geliebte auch in der französischen chanson
de geste.
Das Urbild eines treuen Liebhabers ist aber für die Trobadors
ein anderer Held: Andrieus de Fransa. Raimbaut erwähnt
seiner im gleichen Lied Nr. 25 „Amada'us ai mais c’Andrieus la
reyna“2 und in „Engles, un novel descort“: „Ses doptansa, Andreus
de Fransa No saup tan gen rendre“. Der Stoff ist den französischen
Epen nicht bekannt. Aus den Anspielungen der Trobadors geht
rur hervor, dals er die Königin von Frankreich leidenschaftlich
liebte, und in dieser Liebe — oder vielleicht richtiger an dieser
Liebe — starb. G. Paris$ machte darauf aufmerksam, dals im
„Chastoiement d’un pere & son fils“ ausführlicher von ihm die
Rede ist. Aus der von ihm angezogenen Stelle ist ersichtlich, dafs
Andreas in Paris starb und zwar, weil er der Königin seine Liebe
nicht zu gestehen wagte. Es ist verwunderlich, dafs sich die
Trobadors diesen Zug haben entgehen lassen, der so gut in manche
ihrer Streitfragen gepalst hätte!
Man mulfs fragen, in welcher Sprache der Roman über Andrieu
existierte, und wie es sich wohl erklärt, dafs kein Manuskript etwas
von ihm enthält, da er sich doch anscheinend grolser Beliebtheit
erfreute. Vielleicht war es überhaupt nicht ein geformter Stoff und
die Erwähnung im Chastoiement ist erst eine spätere Erweiterung,
die sich aus den Bemerkungen der Trobadors leicht ergab.*
Wir haben noch einmal eine Anspielung in Raimbauts Ge-
dichten, zu der bisher keine Beziehung ausfindig gemacht worden
ist und die Birch-Hirschfeld wohl deshalb übersehen hat. In „Ja
no cugei vezer“ ist von einem Gui de Essiduelh die Rede, mit
dem Raimbaut seinen Liebeskummer vergleicht. Die Stelle ist nicht
ganz klar. G. Paris® gibt sie in folgender Fassung: „Com en Gui
d’Essiduelh A cui fo sourizenz La reine entre'ls denz, D’on la fad'el
vergier Perdet“. Es handle sich also um eine Geschichte analog
der von Graälent oder Lanval in den Lais der Marie de France.
Die katalanischen Handschriften geben statt „Lä rein’entre’ls denz“ —
ı Z.B. Flamenca v. 700 „L’us diz del vailet de Nantoil .. .“
%2 Das Zitat bei Birch-Hirschfeld ist ungenau.
® Rom. I, 105 ft.
* Auch Trojel, Rom. 18,473 bringt nichts Neues, nur eine lateinische
Stelle, in der A. de Fransa erwähnt wird.
5 Rom. V, 469.
FORMALES UND TECHNISCHES BEI REIMBAUT VON VAQUEIRAS. 623
„La reina Eldenz“, was, wenn man nicht die Ersetzung von sovinenz
durch sowrizena mit G. Paris vornehmen will, jedenfalls einen besseren
Sinn ergibt als das in der Luft schwebende enfre’ls denz. Die Stelle
könnte dann lauten: „A qui fo sovinenz La reina Eldenz Quan
la fada'l verger Perdet“. (Das guwan ebenfalls aus der katalanischen
Handschrift genommen.)
Der Ausdruck „Lo conort del Bertau“ inNr. 25, v. ı9 weist
auch auf eine den Trobadors bekannte Figur hin, von der aber
nichts Näheres überliefert ist.
Die Anspielungen aus den drei grolsen Sagenkreisen sind
natürlich in Raimbauts Dichtungen nicht getrennt. Sie bilden für ihn
ein zusammenhängendes Ganze. Ungezwungen kommen sie ihm im
Laufe der Darstellungen, oft eine die andere hervorrufend, wie im
Briefe an Bonifaz, in „No m’agrad“, in „Era’'m quier“. Man merkt,
dals er die Stoffe vollkommen in ihren Grundzügen und in Einzel-
situationen beherrscht und sie ihm jederzeit zu Gebote stehen. —
Ob man daraus, wie aus den Zitaten der anderen Trobadors,
einen Rückschluls auf eine reiche provenzalische Romanliteratur
ziehen mufs? Aus Raimbauts fünfsprachigem Descort geht hervor,
dafs er französisch verstand, und vielleicht war es bei anderen
Trobadors ebenso.
Viel weniger zahlreich sind bei ihm wie überhaupt bei den
Trobadors die Anspielungen auf Erzählungen der Bibel und
der Heiligenlegende. Es zeigt sich auch hierin, dafs die höfische
Kultur vorwiegend weltlich orientiert war. Das umstrittene Lied
„Ar vei escur e trebol cel“ vergleicht einen Verräter mit Kain,
der den Abel erschlug. Im Kreuzzugslied „Ara pot hom“ bittet
er Gott, die Kreuzfahrer so sicher zu geleiten, wie er die Weisen
aus dem Morgenlande nach Betlehem geführt habe. Er nennt
dabei Kaspar und Melchior mit Namen. Schutzpatron der Flotte
sei St. Nikolaus de Bar. Birch-Hirschfeld sieht darin eine Gestalt
der Sage. Das stimmt sicher nicht. Es kann nur von einem
Heiligen die Rede sein. Der hl. Nikolaus wird allgemein als Patron
der Schiffer angesehen. Ob Lewent mit seiner Deutung St. N.
de Bari recht hat, ist nicht sicher. Man könnte eher an Bar in
Östfrankreich denken, da dieser Heilige der besondere Schutzpatron
von Bar und Lothringen ist.
Aufser ihm erwähnt Raimbaut noch im fünfsprachigen Descort
San Kyteyra, eine Schutzheilige von Katalonien und im Planch
„Ar pren comgat“ ist vom hl. Johannes die Rede, zu dem die
Seele der Abgeschiedenen von Gott geführt werden soll. Dieser
Zug ist mir nicht recht erklärlich. Vielleicht ist der Name einfach
durch den Reim veranlafst.
Diese epischen Anspielungen sind eines der Mittel, um den Ge-
danken des Dichters zu veranschaulichen. Häufig dienen sie dazu, um
seine Liebesbeteuerungen zu verstärken.! Denselben Zweck haben die
1 Auffallend ist dabei, dafs nur der Sänger selbst mit Helden der Sage
verglichen wird, nie die Herrin mit einer Heldin,
624 KLARA M. FASSBINDER,
Bilder und Vergleiche aus dem Leben der Natur.
Da sind zunächst Lieder mit einem Naturbild als Einleitung.
Man hat schon oft gezeigt, wie wenig lebendig und auf Beobachtung
beruhend die Bilder sind, die uns die höfische Dichtung bietet.
Die der Provenzalen noch weniger als die der Deutschen. Sie
beruhen nach Wechsler auf lateinischer Schulüberlieferung, die das
Schema: Naturbild am Anfang eines Liebesgedichtes bot. G. Fauriel
bringt diese Frühlingseinleitungen mit dem Leben der Trobadors
in Verbindung, denen der Winter langweilig gewesen sei. Doch
ist der Unterschied der Jahreszeiten in der Heimat der Trobadors
nicht allzugrols, und dann hätten die Worte in diesem Falle
vielleicht doch eine etwas individuellere Färbung angenommen.
Es kam beides zusammen, die Überlieferung fand durch die eigene
Stimmung des Sängers einen fruchtbaren Boden; nach Art des
mittelalterlichen Menschen genügte es ihm, die fertige, bequem zu
handhabende Form zu benutzen. G. Paris weist in der tief-
schürfenden Kritik von Jeanroys Buch „Les orgines de la Poesie
lyrique en France“! auf eine andere Quelle der Natureingänge
zumal in den Liebensliedern hin. Die Maifeiern, die jedes Jahr,
alter Sitte folgend, mit Gesang und Spiel begangen wurden. Er
geht so weit, zu behaupten, dafs alle Liebeslieder ursprünglich
„reveıdies“ waren, was mir übertrieben scheint. Man müsste dann
ja von vorneherein eine Schematisierung annehmen, und ursprünglich
sind die Liebeslieder. gerade die volkstümlichen, doch einem
wirklichen Gefühl entsprungen, das wohl auch in Südfrankreich in
seiner Entstehung kaum an die Jahreszeit gebunden ist!
Auch bei Raimbaut haben wir, wie schon erwähnt, Minnelieder
mit Natureingang. „Kalenda maya“ ist eine Iyrische reverdie im
Sinne von Gaston Paris. Hier dienen Blatt und Blüte und Vogelsang
dazu, um den Wert der Liebe, der so ungleich gröfser ist, unmittelbar
hervorzuheben. Das Gleiche ist der Fall in „No m’agrad iverns
ni pascors“. Das Gewöhnlichere ist, dafs am Anfang des Liedes
kurz die Jahreszeit an sich, meist der Frühling geschildert wird,
und von diesem lichten Hintergrund Liebesfreude als noch helleres
Licht oder Liebesleid als einziger Schatten sich abheben. Diesen
letzten Fall haben wir bei Raimbaut in „Ara can vey verdeyar.?
Eine originellere Färbung als diese Frühlingseingänge bietet „Ar
vei escur e trebol cel“. Es schildert ein stürmisches Winterwetter,
das mit der — offenbar fingierten — grimmigen Stimmung recht
eigentlich übereinstimmen soll. Ein ausschlielsliches Naturlied, wie
wir sie bei Walther von der Vogelweide finden (der entzückende
Wettstreit zwischen Blumen und Klee!), haben wir bei Raimbaut nicht.
Von Einzelheiten des Frühlings hebt Raimbaut hervor das
schöne Wetter, das frische Grün und den Vogelsang. Von einzelnen
1 G.P. in Melanges de litterature du moyen äge.
? „Quan lo dous tems comensa“, das wir als zweifelhaft bezeichneten,
fiele mit diesem Anfang nicht aus dem Schema Raimbauts heraus,
FORMALES UND TECHNISCHES BEI REIMBAUT VON VAQUEIRAS, 625
Pflanzen erwähnt er fuelhs de faya (in „Kalenda maya*) und fuelhs
de garricx (in „No m’agrad“) — beides durch den Reim bedingt.
Von Blumen dienen Rose, besonders die Rose im Mai, und die
Schwertlilie als Mittel, um die frische Farbe der Geliebten hervor-
zuheben. Die Rose hat dieses Vorrecht ja bis heute behalten.
Der Vergleich mit der Schwertlilie, der sich in der ganzen proven-
zalischen und französischen höfischen Dichtung findet, berührt uns
zunächst befremdend, denn weder die blaue, noch die blalsgelbe
noch eine andere Schattierung dieser Blüte ergäbe eine schöne
Gesichtsfarbe.e Man mufs also wohl den Begriff „Frisch“ ganz
alllein denken, der das Bindeglied bildet.
Manchesmal wird auch die Liebe selbst erläutert durch Ver-
gleiche aus der Pflanzenwelt: „Ans d’amor m’es falhida el flors El
dous frug el gras e L’espicx* (No m’agrad’.. Oder: „nach der
Blüte und dem Blatt entsteht die Frucht des Baumes, die man
pflückt, und die Gunst entsteht bald nach Tapferkeit und Verständig-
keit. (Qu’apres la flor el folh nais d’arbre fruit c’om coilh, E
merces nais breumenz apres valor e sens. „Ja no cugei“). Ganz
allgemeine Vergleiche aus der Natur sind in Nr. 26 „Sa beutat
venz aissi trastot autra beutat com lo soleil venz tot autra clartat“,
oder in Nr. 24: reine Liebe würde, wenn er sich nicht schämte,
so schnell erlöschen „Anc flamma tan tost non s’esteys“.
Bei Raimbauts Vergleichen aus der Tierwelt fällt zunächst
auf, dafs er bei denen aus der Vogelwelt,! die zahlreicher sind als
die aus der übrigen Tierwelt, niemals die Vögel erwähnt, die
eigentlich zu den stehenden Requisiten der Liebesiyrik aller Völker
bis auf den heutigen Tag gehören, die Nachtigall, die Lerche usw.
Er entnimmt seine Vergleiche mit Vorliebe der Welt der Raub-
und Jagdvögel. Das ist bezeichnend für seinen Charakter etwa
gegenüber einem Bernhard von Ventadorn! Sein kriegerisches
Temperament zeigt sich hier. Der Senher Coine möge ihn von
Sperbern und Habichten unterhalten, rät er ihm, in Sachen der
Liebe wisse er selbst Bescheid. In „Del rei d’Aragon“ hat einer,
unter dem vielleicht das Haupt der Baus zu verstehen ist, den
Beinamen Mon Austoret.?
Aus einem wilden Gierfalken mache man einen gezähmten,
den man auf der Hand tragen könne (fai manier d’un espervier
grifaing), aber er könne bei ihr keine Barmherzigkeit finden. Der
Vergleich ist nicht sehr klar, es soll wohl heifsen, dafs der Herrin
Herz schwerer zu bezwingen ist als der wilde Falke. Am weitesten
ausgeführt ist der Vergleich mit dem Pfau, in dem Hensel wohl
mit Recht eine alte Physiologusfabelei sieht (S. 653). In seiner
Liebe gleicht der Sänger dem Pfau, der sich voll Stolz aufbläht,
wenn er das Rot und das Blau und das Grün auf seinen Flügeln
1 Vgl. Hensel, Die Vögel in der provenzalischen Lyrik. (R. F.)
® Hensel spricht von der Nennung dieses Namens in einem Geleit, ich
habe dies nicht gefunden.
Zeitschr. f. rom. Phil, XLVII. go
626 _ KLARA M. FASSBINDER,
betrachtet, aber beschämt den Kopf senkt, wenn er auf seine häfs-
lichen Fülse sieht. Und er ahmt ihm nach: Ihre Liebe gibt ihm den
Stolz des Pfauen, „tro cab no m’atayna“.1 Ganz durchgeführt ist
der Vergleich nicht, man sollte erwarten, dafs er seine Unwürdig-
keit ihrem Wert gegenüberstellte. — In „Ar vei escur e trebol cel“
werden die Falschen, d.h. die „lausengiers, mal parliers* „stechender
als Rauhreif* genannt, und von einem Verräter heilst es, er habe
weniger Verstand als ein Ochse.?2 Der Sinn der Verse „Et on
caia porc ni vacca ell n’auran pro, el vis er pars“ (wenn man
Schwein und Kuh tötet, werden sie keinen Nutzen haben und das
Gesicht wird klar sein) — ist mir dunkel geblieben. — Dem
Grafen W. von Baus ruft Raimbaut in der Cobla „Tuit me pregon,
Engles“, spöttisch zu, die Fischer hätten ihn wie einen Hecht
gefangen genommen, was in diesem Falle ja sehr trefiend war, wie
in der Lebensgeschichte gezeigt wurde. — Ähnlich ist der Gedanke,
wenn er von sich selbst kläglich sagt: „Jeu remanh pres si cum
perditz in tona“ (10). Hensel gibt an (S. 256), dafs tona auch
eine Art Netz bedeuten könne, was jedenfalls einfacher wäre als:
Ich bleibe gefangen wie ein Rebhuhn in der Tonne. Das nahe-
liegende Bild, dals der Liebende in den Netzen der Liebe gefangen
ist, findet sich bei den Trobadors häufiger. (Hensel O. 580).?
Während die meisten Vergleiche aus der Tierwelt bei Raimbaut
pejorativen Sinn haben — dahin mufs man wohl auch rechnen,
wenn er von dem Pferd des dons Merlho in seinem „Garlambei“
sagt, es sei „fetter als eine Wachtel“ —, nennen zwei die Tiere
im günstigen Sinne als Wertmesser. So wenn er sagt, die Liebe
könne ihn fröhlicher erhalten als einen Fisch das Wasser (24) und
in „Er vei escur e trebol cel“* er würde nicht für zwei Damhirsche
noch ein Gedicht machen „in diesem vertrakten Reim“ (en aquesta
rima bracca).
Aus dem Mineralreiche hat Raimbaut kaum etwas zum
Vergleiche herangezogen. Die Dame von Tortona wolle seine
Liebe umsonst haben, klagt er, weil sie in ihrem Spiegel „Rubin
und Kristall® sehe. Demselben Ausdruck begegnen wir noch
einmal im Liede „Nuills hom“: De robin an cristaill Me par que
Dieus la fe. Schon Dietz hat die beiden Stellen zusammen
gebracht. Stössel® führt nur sie an. Aber da er Raimbaut bei-
I Die Stelle „Serra las paretz“ ist mir unklar geblieben. Soll es heilsen,
er habe sich stolz abseits der andern an die Mauer gedrückt?
% Vgl. B. v. Born, der von einem Joglar sagt „et etz plus nescis que
moutos“,
8 Nach frdl. Mitteilung von Carl Appel ist dies die einzige Stelle, die
Tona enthält. Da das fränkische done-Netz, auf das mich Herr Geh.-Rat
Meyer-Lübke aufmerksam machte, nur dora hätte ergeben können, so ist die
Übersetzung Hensels nicht haltbar. Der Vergleich wird jedenfalls origineller
dadurch.
* A.a.O. S.ı7. Im allgemeinen konnte diese Arbeit wegen ihrer selt-
samen Art nur nach Abschluls dieses Kapitels zum Vergleich herangezogen
werden.
FORMALES UND TECHNISCHES BEI REIMBAUT VON VAQUEIRAS. 627
nahe nie nennt, auch wo er hätte genannt werden müssen, so
scheint mir seine Zuverlässigkeit auch in bezug auf die andern
Trobadors nicht sicher zu stehen.
Bei den Vergleichen aus der Tierwelt ist Raimbaut unstreitig
origineller als bei den ganz abgegriffenen, blutleeren aus dem
Pflanzenreich.! Manchen können keine aus anderen Trobadors
zur Seite gestellt werden. (So dem mit dem Pfau, der Wachtel,
dem Hecht usw... Auch sonst liebt er etwas gesuchte Bilder. So
erklärt er im Rügelied Nr. ı2, er schätze eine Dame, die sich heute
dem und morgen jenem an den Hals würfe nicht mehr als „das
Aufblasen einer Backe*, (un botocays) und gäbe keine „wilde
Pflaume“ um ihre Gunst. Caym, der Mörder Abels habe einem
gewissen „treulosen Verräter“ gegenüber „nicht ein Ei* von Verrat
gewulst (5, 38). Die treulose Dame in diesem Lied nennt er eine
Pest (una racca) und den Guiraudetz, einen schlappen Parteigänger
der Baus, der sich von allen Taten zu drücken weils, „geschwätziger
als einen Grammatiker* (Leu sonet),. Dank seiner und seines-
gleichen Taktlosigkeit mufs es von der Herrschaft des Angegriffenen
immer noch heilsen „sie ist nicht um eine Knoblauchzehe gewachsen“
(non es d’un aill cregutz). Die Welt scheint ihm sol uns ertz (24),
nachdem ihn die Liebe verlassen hat, von der er sagt „ab un
dous ris me nafra’l cor d’un pes“ (Engles, un novel descort).
Auf die gerade bei Raimbaut zahlreichen Vergleiche zwischen
Liebe und Rittertum, dem gegenüber die gebräuchlicheren aus
dem Wortgebrauch des Lehnswesens zurückstehen, wurde schon
im Kapitel über sein Minnelied genügend eingegangen. Diese
Wendungen bilden bekanntlich einen wesentlichen Teil des Gedanken-
inhalts der gesamten Minnepoesie. Sie sind aber zugleich auch
ein stilistisches Mittel, die Aufmerksamkeit der höfischen Zuschauer
zu fesseln. Am glücklichsten durchgeführt sind bei Raimbaut die
Vergleiche der Herrin mit dem Lehnsherrn, der seinen Vasallen,
den treuen Sänger, bekriegt, bis sich dieser ergibt und um Gnade
bittet, wie sie die Kanzonen „Eissamen ai guerreiat“ und „Guerra
ni plaich“ bieten.
Eine letzte Art von Vergleichen sind Beteuerungen der Art:
Anc plus valen de lieys nejus Que s’era reys d’Engleterra o
Fransa (Nr. 3). Deutschland (Nr. 3) England und Frankreich (Nr. 15),
bei andern Trobadors auch noch Spanien, erscheinen als Inbegriff
der Macht und des Reichtums, die aber natürlich gegenüber dem
Reich der Liebe nichts sind. Um die schöne Genueserin seinen
Wünschen gefügig zu machen, beteuert ihr Raimbaut, in dem Fall,
dals sie ihm sich schenke, würde er mehr bezahlt sein, als
wenn er die ganze Stadt Genua mit ihrer ganzen Habe besäfse.
—- Hierin gehört auch, wenn er der Herrin versichert, kein Kaiser
oder König habe anderes als Ehre von ihrer Liebe. (Eissamen
ai guerreiat).
ı Weitere Vergleiche in seinen Briefen werden später besprochen.
40*
628 KLARA M. FASSBINDER,
Beteuerungen
spielen überhaupt eine grofse Rolle in der höfischen Dichtung. Der
Sänger war ja mit seinem Lied in ständigem Konkurrenzkampf. Er
mulste stets gewärtig sein, dals ein anderer ihn bei der Herrin aus-
stach und ebenfalls in der Gunst der höfischen Gesellschaft. — Beides
stand, wie die aus der EStampida abgeleitete „razo“ zeigt, in engem
Zusammenhang: sobald die mafsgebenden Kreise ihn nicht mehr be-
achteten, war es für die Dame keine Ehre mehr, von ihm besungen
zu werden. Darum bei allen die stets wiederkehrenden Versiche-
rungen ihrer unvergleichlichen Liebe, die die aller andern Trobadors
weit hinter sich lasse und alle Liebeshelden der Geschichte und
Legende zu armen Waisenkindern mache. Darum die beständigen
Bitten, nicht auf „gelos“ und „lausengiers“, d.h. Neider und Ver-
leumder zu hören. Darum mulfste er aber auch danach trachten,
die Schönheit, den Ruhm der Herrin wirkungsvoller als die andern
zu preisen, war es ja im Grunde geschmeichelte Eitelkeit und nicht
Liebe, die sie an den Sänger band.
Die Vergleiche ihrer Schönheit mit den Biumen, die Ver-
sicherung, nur Gottes Hände hätten solches Wunder bilden können,
und keiner sei imstande, sie gebührend zu loben, wenn auch alle
Welt sich in diesem Lobe zusammenfinde usw., sind alles Mittel
zu diesem Zweck.
Rein stilistisch ist es, wenn Raimbaut alle seine Sinne zum
Zeugen ihrer Schönheit anruft. Mit keiner ist sie zu vergleichen.
Durch Gehör und Gesicht weils er es (28, 40). Sie sei mehr wert
als alle, „com mostr’auzir e vezer* (18, 46). Niemand kann sie
hören oder sehen, ohne von Liebe entflammt zu sein (26, 12).
Ähnlich: Qu’ieu non l’auzi ni la vey ni l’au (25, 3). Wenn er
von ihr betrogen würde, glaube er niemals mehr an etwas, das er
höre oder sehe.
Ähnlich sind
Wortspiele,
in denen entweder ihre Schönheit oder seine Treue zu aller Zeit
durch Flexion des gleichen Verbs ausgedrückt wird: Per qu'ieus
am eus amarai (4), soi s’eri vostres e serai ses tot cuy (25,3)
E non es ni er ni fo gensser de neguna leig (18, 47). Ebenso
in Nr. 31: S’il reis no‘us det ni’us dona.
Ein verwandtes Wortspiel, das häufiger angetroffen wird als
die beiden andern, weil es mehr Spielraum läfst und wirkungsvoller
ist, besteht im Nebeneinandergebrauchen von zwei Formen des-
selben Stammes. Qu’ennuian s’en li malvat ennuios (28, 20).
Als amadors fai d’amor voluntat E fai amar celz que non an
amat (26, 26/27). Mas als clamans l’aug clamar l’amor fina
(25, 5)... Von den Wirkungen der Liebe heifst es zweimal, sie
mache Es meilliors meillurar, (20, 130, 23, 13). Gegen die
Guten ist die Herrin freundlich, aber „encontra lor orguelh fa
orguolhos conselh (20, 5/6).
FORMALES UND TECHNISCHES REI REIMBAUT VON VAQUEIRAS. 629
Gern würde er aus aufrichtigem, fröhlichem Herzen ein Liebes-
lied singen: aber es wird ein Streitgedicht, denn seine Herrin
streitet, „Mas er tenso, car ma dona tensona“ (10, 21). Anderer-
seits muls er bekennen: „Jeu lauzi ab sas lauzors mos chans“
(2, 44). Hierher gehört auch der Refrainreim, bei dem das gleiche
Reimwort an derselben Stelle in allen Strophen wiederkehrt. Raim-
baut wendet ihn nur einmal an (wenn man von der zweifelhaften
„Albe“ absieht) im berühmten Era’'m requier, bei dem jede dritte
Zeile auf das Wort „cosselh“ ausgeht, woraus dann, wie schon
gezeigt, die eine razo in E.R.P. hervorging.
Nur einmal hat Raimbaut den grammatischen Reim (Formen
derselben Wortfamilie im Reim). In Nr. 2 „ans“ und „ansa*. —
Im Kreuzzugslied: „Ara pot hom“ ist die ganze 2. Strophe um den
Begriff „honar“ aufgebaut.
Faut a d’onor, e vol onratz estar
Qu’e/ onra den e pretz e messio
.... de totz sap onar
Qu’el onra es sens onra gent estranha.
Perqu’es desus quan autre son desotz
Qu’a tal onrar a levada la crotz
Que no'm pens mais que onars l’en sofranha
Qu’ar onor vol est segl’e l’autr’ aver.!
Wortkoppelungen.
Häufiger noch als die Verbindung von zwei formal verwandten
Wörtern ist die von zwei inhaltsgleichen oder doch nah verwandten,
so dals sie gewissermalsen nur eine Einheit bilden. Es wird durch
diese Verbindung der Begriff entweder erweitert oder verstärkt, in
letzterem Falle wird man das Wortpaar meistens durch ein Sub-
stantiv mit einem ergänzenden Adjektiv wiedergeben oder durch
ein Adjektiv oder Verb mit einem Adverb. ı. Erweiternd durch
Verbindung von zwei nebeneinander stehenden Substantiven. iois
e iovens (7 u. 28), esmenda m’es e dos (28). Diese Verbindung
ist bei Raimbaut besonders beliebt. In Nr. ı8: Car per esmend’e
per do, auch im Brief an Bonifaz „esper de vos esmend’e do“
v. 28. Nur einmal, Nr. 32, kommt esmend’ allein vor. — In den
Ausdrücken, mit denen er von sich spricht: Et ieu en pert lo cor
e la persona (10, 8), mon cor e lesperansa 2, — ailieys mos
cors e mon talans. Vos su hom e servire, sui vostre ben-
volenz e vostrramics (Donna, tant vos ai pregada). Noch ölter,
wenn er von der Herrin spricht: Ges sitot ma don’e amors
(17,1). Pus mos Bels Cavaliers Grazitz E joys m’es lunhatz e
faiditz (24, 82, 83). Ed s’ieu en perd ma donna ed amor
1 Dieses Stilmittel kommt auch in anderen Poesien vor, in der altnordischen
z.B. ist es einc stehende Redefigur. Auf uns wirkt es wegen seiner Gekünsteltheit
nicht mehr.
630 KLAKA M. FASSBINDER,
(23, 7). Et agra’m fait piegz de mort Ma don’e fiansa (10, ı0o).
Qu’elh es don’e senher de mi (16, 00). Qu’amors e vos
m’avetz tal res promes. Abgesehen von dem vorletzten Ausdruck,
der mit der eigentümlichen Anrede der Herrin als „Lehnsherr*
zusammenhängt, hat die Koppelung in all den angeführten Aus-
drücken eine feine Bedeutungsänderung im Gefolge: Er verliert
usw. in seiner Herrin nicht nur sie selbst, sondern die Liebe, die
Freude überhaupt, sie wird mit dieser identifiziert — jedenfalls
eine wirksame Huldigung! — FEnuegz ni vilanatge kehren
zweimal in Nr. ı5 und 6 als Begriffspaar wieder; enger noch
gehören zusammen sagramen ni fiansa (Nr. ı) en estraing cos-
sire ed en esmai (7). Oft zeigt schon die Verknüpfung durch
„ni“ die nahe Zusammengehörigkeit der beiden Wörter.
Bei Adjektiven haben wir diese Bindung verhältnismäfsig
selten: sos pretz es tan cars ni bos (15), vos es tan ric coratge
e haut (31), fresqu’e novel zweimal von der Gesichtsfarbe der
Dame (in Nr. 32 u. 4) und im „Garlambei“ von einem Pferd.
Am häufigsten ist diese Verbindung bei Verben: conoisser
e proar (3). Quex lauz’e crida Vostre valer (9). Mas largurza
no ylh valh ni no l’enansa (15). Lo conort que'm destrenh
em enui (25). Quant hom gast e detrui (22). tant fort me
destraing em venz (7), On mielhs m’acuelh em sona (10).
Non cobre ni non iensa (14). Ja mos Engles ne me blasme
ni m’acus (2). Bonifaz ist bereit a lansar et a traire (32).
Gerade bei Verben ist wie hier die Verbindung von zwei Synonyma
häufig: Ara’lh prec e l’incaut (10). D’una donam tolh em
lais (12). No straing qu’ie'm tenson ni'm baralh (23, 56). Et
en fugens m’encaus’ em camina (25, 8). Manchmal sind auch
zwei Substantive so gekoppelt: so costum e son us (2, ı). Es
caps e messios de pro&za (15). Faran metrels enaps es bacis
(11). Zweimal Adverbien De manes ni de lanz (22) und serir
de grat e volontier (1).
Einige der eben genannten Beispiele führt Cnyrim! als
sprichwörtliche Redensarten an: Un botocays, l’orguelh del
pau, Non daria una pruna d’avays. Leider hat er kaum oder gar
keine Belege dazu aus andern Trobadors gegeben, was doch zur
Erhärtung ihres sprichwörtlichen Charakters notwendig wäre. Einer
Reihe anderer Ausdrücke schreibt er ihn mit grölserem Recht zu.
Lo conort del Bertau (10), faire paniers (1,00), Per que no'm
cal far d’un dan dos (23) u. a. Die Verse der Cobla esparsa
Nr. 31 z.B. Amor fa] meillior meillurar als Sprichwort zu bezeichnen,
scheint mir nicht berechtigt. Die Cobla esparsa wie die Sirventese
enthalten meistens und auch bei Raimbaut allgemein bekannte
Gedankengänge, die in bestimmten Formen ausgesprochen sind,
ohne dafs man sie deshalb in einzelne Sprichwörter und Sentenzen
auflösen kann.
! Cnyrim, Sprichwörter, sprichwörtl. Redensarten und Sentenzen bei den
provenzalischen Lyrikern. Marb. 1888.
FORMALES UND TECHNISCHES BEI KEIMBAUT VON VAQUEIRAS. 631
Ein paarmal fangen auch Raimbauts Kanzonen mit solch all-
gemeinen Gedanken, richtigen Gemeinplätzen, an. So geht das
Lied 26 von dem Gedanken aus: Niemand fällt da so sicher, als
wo er sich am sichersten glaubt, um daran das besondere Beispiel
seiner Liebesenttäuschung zu knüpfen. Ganz ähnlich geht er im
Lied Nr. 23 vor. Seinen Ausführungen über sein Liebesleid schickt
er den Gedanken voraus: Leu pot hom gaug e pretz aver Ses
amor, que ben vol pognar Abque’s gart de tot malestar, E fassa
de ben tot son poder.“ Zu diesem Lied führt Cnyrim als Sprich-
wort an „Amor tol mais que non vol dar.“ Im Lied „Ja no cugei“
heifst es ausdrücklich „ditz el reprovier. Qu’onratz ben mal
refraing“ (v. 75). Ebenso ı3, 13 e'm promet tan que.l'’reprovier
cre Que ditz: Qui ben guerreia, ben plaideia. Andere sicherlich
sprichwörtliche Redensarten sind: Cel frabrega fer freich Qui vol
ses dan far son pro (18). Joves deu far guerra e cavaleria E
quant er veillz taing ben qu’en patz estia (ıı). Im Zwiegespräch
mit dem Senher Coine sind mehrmals die Ansichten der beiden
Partner in Sprichwortform niedergelegt: Sobre tot amador lai paors.
— Cel qui tem sap d’amar son usatge. — Cel qui quer no se
fida en lauzors* (aus R. Antworten). Demgegenüber betont Coine:
„Maint peschador fai desesper morir“ und „Folz es qui cel al
mege son malatge.“ Ganz wie ein Sprichwort lautet auch der
Anfang seines Kreuzzugsliedes: Ara pot hom conaisser e proar
Que de bos faitz ren Deus bon gazardo! Raimbaut bleibt in all
den Aussprüchen, auch da, wo sie mehr sentenziösen als sprich-
wörtlichen Charakter haben, durchaus innerhalb der Gedankenwelt
seiner Berufsgenossen. Doch nur wenige haben dies Stilmittel
häufiger angewandt. Cnyrim nennt nur acht. Aber bei dem aufser-
ordentlich weitgefalsten Begriff, den er dem Wort gibt, ist seine
Zählung nicht zuverlässig.
Es bleibt noch ein Stilmittel zu betrachten, dals bei allen Tro-
badors, den Liederdichtern wie den Moralisten, z. B. Peire Cardinal,
sehr beliebt ist:
Die Gegenüberstellung von entgegengesetzten Be-
griffen. Bei Peire Cardinali sind es besonders Tugenden und
Laster, die dadurch wirksamer ins Licht gestellt werden, als wenn
sie, wie bei B. v. Ventadorn, nur einfach aufgezählt werden. Bei
Raimbaut ist die Liebe der Ausgangspunkt für diese Gegensätze,
die bei ihm die widerstreitensdsten Empfindungen auslöst. Der
Dichter steht ja selbst im gröfsten Gegensatz zu seiner Herrin.
Wenn ich denke, was Ihr seid und was ich bin! (18, 59). Daraus
entwickelt sich der Gegensatz der Gefühle, mit denen er ihrer und
seiner gedenkt. „Ich liebe sie und hasse mich“ (26, 30). „Anz
sui tan fins e leials Ves vos que ves mi sui fals, E'us am tan que
mi’n azire* (18, 18). — Die Herrin stellt sich auch selbst in Gegen-
satz zu ihm: „Perqu’ieu empleig Lo mien oc el vostre no“ (18, 50)
3 Volsler, a.u. 0. S. ı5, 16, 17.
632 KLARA M. FASSBINDER,
Die gleiche Gegenüberstelluüng von „Ja“ und „Nein“ bringt das
Lied „No pose saber“ in den Worten: „Pel oc remanh e per lo
no m’esmay“.! — Manchmal ist die Herrin auch voller Wider-
sprüche in ihrem Benehmen ihm gegenüber, abwechselnd anziehend
und abstoflsend, dadurch wechselvolle Erregungen in der Brust des
Sängers erweckend: „E'm fay amar lays que'm ten pres em fuy,
Et en fugens m’encaus’e'm camina (23, 9—ı9) Partir no'm puosc
ni no say restar quetz, Qu’ira'm fay dir gaban mon talan bran“
(25, 1ı—ı2). In der Cobla esparsa „Si ia amors“ ist das Wesen
der Liebe dahin erklärt, dafs sie zwischen Gegensätzen klar erkennen
läfst. „Und ich erkenne besser den Tüchtigen unter den Schlechten
und verstehe besser, was kühn und was Wahrheit ist, und rufe
lauter, was Langweile und Vergnügen ist.“ Auch praktisch hat
sie die Wirkung, das Schlechte in sein Gegenteil umzuwandeln
na... | plus malvatz pot far valer. E sap far de volpil vassailh
E’ls desavinenz de bon tailh E don a mains paubre riccor“
(23, 14—17).
Ganz auf dem Gegensatz der durch die Liebe im Herzen des
Dichters hervorgehobenen Empfindungen aufgebaut ist das Lied:
„savis e folhs“, in dem eine bis ins einzelnste gehende, geradezu
raffiniert zu nennende Analyse der Liebesempfindungen gegeben
wird, die noch heute ihre Wirkung nicht verfehlt. Freilich besteht
diese mehr in einer Freude des Verstandes über diese psychologische
Eindringlichkeit und einem ästhetischen Genuls an der Kunst, diese
Feinheiten entsprechend zum Ausdruck zu bringen als in einem
Mitschwingen von Gefühlsseiten. Dafür ist die Analyse eben zu
restlos durchgeführt: nicht das seinen Widerstreit erschauernd
fühlende Herz spricht, sondern der Kunstverstand, der dieses Herz
neugierig belauscht — um damit ein schon etwas blasiertes Publikum
anzureizen.?
Aulser in „Savis e folhs“ ist das Spiel der Gegensätze am wirkungs-
vollsten durchgeführt in der „Elegie“. Der Dichter klagt darüber,
wie mit dem Verlust der Liebe alles seinen Wert für ihn verloren
hat. „Quar mos enans mi par destricx E totz mas magers gaugz
dolors E son ... dezesperat mei esper, Tot autra vida'm sembla
mortz E tot autre joy desconortz ... Si be'm sui iratz’et enicx
Qu’ieu don gaug e mas enemicx ... Qu’ades on plus mas poders
creys N’ay maior irab me mezeis.*
1 Oc und No Thema einer Tenzone zwischen Aimeric und Peire del Puei
(=P. Cardinal), Auch bei G. del Olivier d’Arle nach Nickel, a.u.O. ı5 der
gleiche Gegensatz. B. de Born nennt Richard Löwenberz Oc-et-No,
2 Man vergleiche mit diesem Gedicht folgende Proben aus dem 18. Jahr-
hundert: La nourelle Heloise: „Que d’inexplicables contradictions dans le
sentiment que vous m’inspirez! Je suis A la fois soumis et t&me£raire, impetueux
et retenu. Je ne saurais lever les yeux sur vous sans €prouver des combats
en moi“. Rousseau kannte aber die Troubadours ebensowenig wie Lessing,
der seine Minna von Barnhelm sapen läfst: „Franziska, wenn alle Mädchen
so sind, wie ich mich jetzt fühle, so sind wir sonderbare Ding:r — zärtlich
und stolz, tugendhaft und eitel, wollüstig und fromm“ (2. Akt, 7. Auftritt).
FORMALES UND TECHNISCHES BEI REIMBAUT VON VAQUEIRAS. 633
Während Raimbaut all diese Stilmittel mit seinen Kunstgenossen
teilt, ist ihm eins eigentümlich: er bedient sich nicht nur seines
eigenen Idioms, er zieht
fremde Idiome
heran, die er auf seinen Wanderfahrten mehr oder weniger gut
kennengelernt hat. Im Lied „A vos bona dona“ redet er zum
Schlufs einen Spielmann an „Vencut, en nostre lengage m’es plus
dous Qu’autre parlars De na Biatritz lauzars“. Statt nos/re kann
es auch vos/re heilsen. In jedem Fall deutet es darauf hin, dals
er nicht nur in seinem Provenzalisch dichtet. Erhalten sind uns
zwei mehrsprachige Gedichte: das fünfsprachige Descort „Engles,
un novel descort* und die Tenzone mit der Genueserin „Dona,
tant vos ai pregada“, die eine grolse Vertrautheit mit dem genuc-
sischen Dialekt zeigt. Sie ist eines der ältesten Denkmäler eines
italischen Dialektes, älter als der Sonnengesang des hl. Franz von
Assisi und als solches sprachlich von grofsem Interesse. Künstlerisch
wird die Wirkung durch den Gegensatz des geschmeidigen, an-
deutenden und verhüllenden Provenzalisch, das Raimbaut nie mehr
in solcher Vollendung brauchte, und den ungefügen, grob zugreifenden
Genuesisch, die sich beide mit dem Inhalt des darin Gesagten in
restloser Harmonie verbinden, sehr verstärkt. Bei dem fünfsprachigen
Descort wird dagegen nur die kaum künstlerisch zu nennende Neu-
gierde erregt: Wie findet sich der Trobador mit den fremden Dialekten
bzw. Sprachen zurecht? Teilweise, besonders in der kastilianischen
Strophe, schlecht. Das in der ersten Strophe angekündigte Ziel,
durch die verschiedenen Sprachen seine innere Zerrissenheit aus-
zudrücken, wird infolge der Dürftigkeit des Inhalts der einzelnen
Strophen, von denen jede ungefähr das Gleiche sagt, nicht erreicht.
Man merkt, dafs er noch mit der äulseren Form kämpft und
darüber den Gedanken- und Gefühlsinhalt nicht meistern kann.
Das letztgenannte Gedicht gehört der erst Anfang der achtziger
Jahre des ı2. Jahrhunderts entstandenen Gattung der Descorts an.
Wir sehen, dass Raimbaut sich bald mit dieser neuen Dichtungsart,
die freilich nur eine Spielart der Kanzone war, beschäftigte. Seine
Dichtung zeichnet sich überhaupt durch die ungewöhnliche
Mannigfaltigkeit der Formen
aus. Er hat sich fast in allen herkömmlichen Dichtungsarten ver-
sucht, wie aus der Übersicht am Ende des ı. Kapitels dieser Arbeit
hervorgeht. Nur wenige fehlen: das Enueg zum Beispiel — das
palst nicht zu seinem Charakter! Für einige Dichtungsarten wird
er als alleiniger Vertreter angeführt: Carros, Estampida, Garlambei
oder Tournei. Von diesen hat das letztere seinen Namen von dem
Inhalt, es wird ein Turnier darin beschrieben. Ein solcher Inhalt
steht einzig da in der Trobadordichtung. Vorläufer und Nachfolger
sind m. W. nicht bekannt. Estampida, das Tanzlied, trägt seinen
Namen in sich selbst: Der Dichter nennt das Lied am Ende selbst
63} KLARA M. FASSBINDER,
Estampida. Ob diese Art Tanzlied französischen oder provenzalischen
Ursprungs ist, bildet bisher noch immer eine Streitfrage. Römer tritt
für letzteres, Suchier für ersteres ein. Er stützt sich auf die Erzählung
von P, dafs Raimbaut das Lied auf die Melodie der beiden franzö-
sischen Spielleute gedichtet habe, Römer auf die Tatsache, dafs die
erhaltenen französischen Estampiden erst aus dem Ende des 13. Jahr-
hunderts stammen. Die Frage bleibt noch offen, doch ist bei einer
Entlehnung aus Nordfrankreich, die gerade bei Raimbaut leicht
erklärlich ist, wie sein Lebensbild zeigt, eher verständlich, dafs sein
Gedicht die einzige Estampida geblieben ist. — Auch für den
„Carros* hat man bisher vergeblich nach einem Vorbild gesucht.
Die Bezeichnung ist vom Fahnenwagen der Lombarden her-
genommen. Einen ebensolchen „Wagen“ führen die angreifenden
Damen in diesem Gedicht gegen Biatritz von Monferrat ins Feld.
Jeanroyt ist allen Angaben über Gedichte ähnlichen Inhalts nach-
gegangen, aber er hat kein früheres entdecken können. Da nun
irgend jemand den Ruhm des Erfindens haben mufs, warum nicht
Raimbaut? Er kannte den lombardischen Brauch aus den Kämpfen
mit den Städten; Rittertum und Minnegesang bildeten bei ihm
engste Einheit. Er suchte nach neuen Formen. Es liegt also nichts
Unwahrscheinliches darin, ihn als den ersten Dichter eines Carros
anzusprechen.
Während die vorhergehenden Ausführungen zeigen sollten, wie
Raimbaut seiner Dichtung Schmuck und Glanz geben möchte, sei
noch auf einen Notbehelf hingewiesen, den wir auch bei seiner
glatten Formgebung mehr als einmal finden: Füllworte wie „per
ma fe! (28, ı2) Segon qu’ieu cre (12) sia vos plai (7) Segon la
mia esmansa (15) a ma semblansa (1) so sapchatz (26) Peitz de
martire (18) (— bei der Brust der Märtyrer). Als Ausruf, ähnlich
wie Potztausend! gebraucht. Einige dagegen sind gegeben als
Überleitung zu folgenden Gedanken oder auch als Beteuerung, was
aber an ihrem Charakter als Füllsel nichts ändert.
Vergleichen wir Raimbauts Lyrik hinsichtlich ihrer
Stilistik mit der der übrigen Trobadors, so müssen wir wie
bei dem Gedanken- bzw. Gefühlsinhalt sagen, er bedient sich der
gleichen Mittel, die auch ihr Rüstzeug bilden. Doch scheint er
hier eigenartiger zu sein, indem er sie alle in reichem Malse, einige,
wie die Vergleiche aus den epischen Dichtungen, aus der Tierwelt,
in viel stärkerem Mafse heranzieht. Seine Dichtung wird dadurch
lebendiger. Wie weit er im einzelnen selbständig ist, kann ich, da
derartige Untersuchungen über bestimmte andere Trobadors noch
nicht vorliegen, nicht feststellen.
Wenn man all die stilistischen Mittel betrachtet, die wir in
Raimbauts Dichtung finden, so könnte man denken, sie sei wirklich
[farbig und lebendig. Und doch ist sie in Wirklichkeit auf weite
Strecken eintönig. Beim Lesen des einzelnen Gedichtes kann man
ıi Rom. 27.
FORMALES UND TECHNISCHES BEI KEIMBAUT VON VAQUEIRAS. 635
seine besondere Note erfassen, wenn man in einiger Entfernung
davon ist, verschwimmen eine Reihe davon zu einer Masse, aus
der man vergeblich in seinem Gedächtnis lösen will, was zum einen
und was zum anderen gehört. Woher kommt dieser Mangel, den
Raimbaut ja mit seinen übrigen Kunstgenossen teilt? Er liegt am
Inhalt und an der Form.
Wechsler hebt besonders hervor,! dafs die Minnepoesie als
eine Poesie der Selbstanalyse, der bewulsten Reflexion — er geht
sogar so weit zu sagen: des psychologischen Experiments — auch
einen Stil der psychologischen Analyse und interspektiven Methode
verlangt habe. „Dieser Stil der inneren Welt, wie ich ihn nenen
möchte, verlangt eine bewulste Abwendung von den Erlebnissen
und Erscheinungen der Sinnenwelt.“ Appel? gibt für die gleiche
Beobachtung eine andere Erklärung: „Musik hielt die Trobadors
in der Welt der Gefühle, daher so wenig Tatsachen darin“.
Zunächst des Gemeinsame der beiden Erklärungen: wir haben
fast keine Tatsachen in der Dichtung, besonders der Liebesdichtung
der Provenzalen wie in der ihrer Nachfolger in den verschiedenen
Ländern. Es sind nur Gefühle oder richtiger Betrachtungen über
Gefühle. Dabei sind diese zwar, wie wir sahen, aus dem schönen
Schein geboren, der die Liebe umgibt, aber sie erhalten ffüh —
durch die Verbindung mrt den Formen des Lehnswesens — eine
so bestimmte Form, dals man sie ebenso mechanisch, so nach-
ahmend gebrauchen konnte wie die als Allgemeingut in der Luft
schwirrenden Stoffe. Der Begriff des geistigen Eigentums war dem
Mittelalter ebenso wie der des Plagiats unbekannt.
Es fragt sich nur, ob diese Abkehr von allem Greifbaren, Be-
obachteten, Erlebten wirklich bewulst aus künstlerischen Gründen
vollzogen wurde, wie Wechsler meint. Es scheint mir in dieser
Annahme eine Überschätzung der künstlerischen und noch mehr
der geistigen Fähigkeiten der Begründer des Minnegesangs zu
liegen: Ein solch bewulstes in Übereinklangbringen von Inhalt
und Form setzt Künstler von solch bewufstem Kunstverstand
voraus, wie man sie wohl am Ende, nicht aber am Anfang einer
Epoche findet. Ich erkläre mir diese Abstraktheit aus der Zeit
und den Umständen der Entstehung des Minnegesangs selbst. Die
ihn schufen, waren Menschen des Mittelalters, denen, wenn nicht
die Fähigkeit zu beobachten — davon wissen wir nichts — so
wenigstens die Fähigkeit, das Beobachtete getreu wiederzugeben,
fehlte. Zeugnis dessen sind alle Chroniken, selbst Augenrzeugen
geben meist nur den groben Ralhımen des Geschehenen und den
auch noch wie ungenau! Dazu kam vielleicht auch, dafs im Anfang
die vornehme Frau sicher nicht ohne weiteres das Recht hatte,
mit dem Sänger aus niederem Stande ein Verhältnis einzugehen,
wie es später wenigstens nach der von allen ernst genommenen
IW. 22.0, ı11fl.
2 Appel, P. Rogier S. ı5.
636 KLARA M. FASSBINDER,
Fiktion geschah. Es mochte also ratsam sein, nicht allzu deutlich
zu werden. (Wenn diese Vermutung richtig ist, dann könnte
„Senhal* ursprünglich doch ein Versteckname gewesen sein, später
war er es sicher nicht mehr.) Endlich war diese Lyrik ja nicht
nur eine Reaktion gegen die damals üblichen Konventionsehen
der herrschenden Kreise — aus einer solchen Strömung kann wohl
eine polemische Literatur entstehen, aber keine solche Dichtung! —
sie war auch eine notwendige Reaktion der Gesamtseele, den
Ausdruck mit aller Vorsicht gebraucht, gegenüber der Rohheit und
Gefühlsarmut des vorhergehenden Zeitalters. Notwendig ergab sich
daraus aber ein Überschwang nach der anderen Seite. Wir haben
eine ganz ähnliche Erscheinung zu Beginn unserer zweiten Blüte-
zeit in Deutschland: auf Opitz, Gottsched usw. folgte Klopstock
mit seinem Messias. Wie wir aber in diesem das fortdauernde
Schwelgen in Gefühlen fast ohne konkrete Handlung nicht ertragen,
so bei den Trobadors auch nicht. Dafs ihre Zeitgenossen es nicht
nur aushielten, sondern dauernd bewunderten, lag wohl zum Teil
daran, dals sie einfacherere Menschen als wir waren, und diese
Dinge noch nicht gerade so oft gehört hatten wie wir. Aber auch
unzweifelhaft an der Musik, die unzertrennlich mit der Dichtung
verbunden war. Wir könnten ein Lustspiel vom Wert des Textes
zur Zauberflöte nicht einmal, geschweige denn öfter hören. In
das Gewand Mozartscher Musik gehüllt, können wir uns am Ganzen
stets aufs neue entzücken.
Ein zweiter Grund der Eintönigkeit liegt darin, dafs die
Trobadors ständig in Superlativen reden, was ebenfalls nur bis zu
einem gewissen Grade erträglich ist und jedenfalls nur dann, wenn
ein echtes Gefühl die hohen Worte ausfüllt, dafs sie nicht nur
„klingendes Erz nnd eine tönende Schelle“ bleiben. Gerade hierin
liegt der eine wunde Punkt der höfischen Lyrik, der provenzalischen
zumal, hier auch der von Raimbaut im besondern: man spürt kaum
den Atem eines echten Gefünls, wie bei Walter von der Vogel-
weide, auch wohl bei B. v. Ventadorn, noch viel weniger den Hauch
einer grofsen Leidenschaft, wie ihn die Wirklichkeit jener Tage in
der Geschichte der Gräfin von Hammerstein und Konrads von
Franken wehen läfst, wie ihn die Kunst in des Deutschen Gottfried
von Stralsburg „Tristan und Isolde* unvergänglich gemacht hat.
Es ist ganz sicher kein Zufall, dafs ein Deutscher aus diesem einen
Liebespaar unter sehr vielen andern das eine Paar gemacht hat,
in dem die Liebe eine Schicksalsmacht ist, gegen die es kein
Stemmen, vor der es kein Entrinnen gibt. — Das Verhältnis
zwischen Trobadors und Minnesängern ist ungefähr das Gleiche
wie zwischen dem Tristan des Chrestien von Troyes und dem
Gottfrieds.
Gerade bei Raimbaut spürt man, wie schon erwähnt wurde,
kaum ein tieferes Emfinden durch, wenn man nicht den Groll auf
die Dame von Tortona ausnimmt. Wir haben bei ihm auch ein
Beispiel von niederer Minne, die Unterredung mit der Genueserin
FORMALES UND TECHNISCHES BEI REIMRAUT VON VAQUEIRAS. 637
— keck, übermütig, voll spielerischer Laune im strengen Rahmen
der höfischen Lyrik. Keins seiner Gedichte scheint mir ästhetisch
so vollendet, glänzend in Stil und Sprache. Sie geben den so oft
durch allerlei Hände gegangenen Perlen nochmals neuen Glanz,
der sich auf dem stumpfen Untergrund der genuesischen Antworten
doppelt leuchtend abhebt. Aber von Gefühlswärme ist nicht die
Spur darin: er moquiert sich, zum mindesten über die Genueserin,
vielleicht auch über sich, Blagueur!, vielleicht sogar — doch
diese letzte Möglichkeit sei dem letzten Kapitel dieser Arbeit auf-
gehoben! — Das schöne Frauenlied Walthers „Unter der Linden‘,
das ja auch niederer Minne seine Entstehung verdankt, bildet
einen merkwürdigen Kontrast dazu, wie auch zu den Pasturellen
und allen andern hierhin gehörigen Dichtungen.
Es kommt als weiterer Grund der geringen Wirkungen und
vielleicht als der ausschlaggebende hinzu, dafs die meisten Tro-
badors höchst mittelmäfsige Talente sind, was bei der ungeheuren
Anzahl der Dichter auf die verhältnismäfsig kurze Zeit des Minne-
gesangs verteilt, kein Wunder ist. So übernahmen sie einfach,
ohne auch nur eine Veränderung grols zu versuchen. Auch bei
Raimbaut kann man nicht von einer eigentlichen lyrischen Begabung
reden. Seine besten und reichsten Ernten sollten ihm auf einem
andern Felde reifen, wovon noch zu reden sein wird. — Wir
haben in jeder Dichterperiode einen Trofs von blofsen Nachahmern.
Dals dieser im Mittelalter, dessen eines Charakteristikum auf
geistigem Gebiet das möglichst getreue Nachbeten war, besonders
grols war, ist verständlich. Die Trobadors haben dabei den für
ihre ästhetische Einschätzung nicht geringen Nachteil, dafs von so
vielen dieser Leute Proben erhalten sind, die das Ganze drücken.
Vielleicht kommt für uns Deutsche noch hinzu, dafs wir von
Lyrik überhaupt eine andere Auffassung haben als die Franzosen
und darum den Eingang in diese südfranzösische Lyrik noch
schwerer finden als die Franzosen der Gegenwart, deren Urteil nach
Jeanroys Ausführungen in der Revue des deux mondes (1902—04)
jedoch im wesentlichen mit der oben skizzierten ästhetischen Ein-
schätzung übereinstimmt.
Es bleibt dabei trotz aller Einwände das Urteil von P. Meyer!
bestehen: C’est la poesie provencale qui, la permiere depuis
Pantiquite, a realise, pour ainsi dire de prime abord, cet accord
parfait de l’idee et de l’expression.
Die Form bleibt bewunderungswürdig auch in vielen Fällen,
wo uns der Inhalt gar nichts sagt — wie wir etwa japanische
Elfenbeinschnitzereien bewundern, denen gegenüber wir doch ein
leises Gefühl der Fremdheit nicht los werden.
* *
ı A.a.0. 262.
638 KLARA M. FASSBINDER,
2. Die Persönlichkeit des Raimbaut von Vaqueiras.
Wenn man Raimbauts Leben und Dichten in seiner Gesamt-
heit überschaut, fallen einem Cäsars Worte aus seinem gallischen
Kriege ein: „Galli sunt mobiles et novis rebus studentes“. Raimbaut
ist Südfranzose, er ist ein Trobador des ausgehenden 12. Jahr-
hunderts und des beginnenden 13. Jahrhunders. Mit diesen Worten
ist der Kreis seines Seins umschrieben.
Er ist „beweglich“. Nirgends hält es ihn lange, selbst wenn es
ihm, wie anscheinend am Hofe der Baus, gut geht. Ez zieht hinauf
nach Nordfrankreich und wieder zurück, er durchstreift die Provence
und ÖOberitalien, zu Fuls, zu Pferd, wie es sich gerade trifft. Er
zieht über die Pyrenäen, und hält dort an ihrem Fufse Umschau,
und wieder übersteigt er die Alpen, um sein Heil nochmals in der
Lombardei zu suchen. Auch als er an Bonifazens Hof dauernd
seine Stätte gefunden, bleibt er nicht ruhig. Wie einst auf Aben-
teuer, begleitet er nun seinen Herrn auf seinen Kriegszügen und
als er seine Abneigung gegen den neuen Kreuzzug überwunden,
ist er auch dort unermüdlich bei allen Unternehmungen gegen-
wärlig.
Fröhlich und guter Dinge ist er, die Armut hat den Spiel-
mann anscheinend nicht sonderlich gedrückt. Nirgends haben
wir in seinen Liedern bis auf die „Briefe“, eine Bitte um greifbaren
Lohn, so sehr er auch Gönner im Liede preist. Die Anzapfungen
Alberts von Malaspina und Wilhelms von Baus verfangen nicht bei
ihm. Aber deshalb nimmt er doch, was sich ihm bietet: Essen und
getragene Kleidung, solange er noch armer Fahrender ist, neue
höfische Gewänder, als er des Markgrafen von Montferrat Waflen-
bruder und Freund wird.
Er hat seine Augen und Ohren offen gehalten auf seinen
Reisen und auch die enge Berührung mit dem einfachen Volke
nicht gescheut. Beweis dessen die Kenntnisse, die er sich von
Dialekten, die nicht hoffähig waren, erworben hat, und der ungemein
lebendig getroffene Ton der Genueserin. Durch das fremde Idiom
hört man ihr Schimpfen bis zu uns dringen.
Mit der gleichen Beweglichkeit weils er sich aber auch dem
Hofton anzupassen und sich allenthalben zum „geschätzten Kavalier“
zu machen. Die Ehre der Ritterschaft wird er eher persönlichen
Eigenschaften als seinen Künstlertum verdankt haben, denn keinem
der andern Trobadors, die kürzere oder längere Zeit am Hofe
von NMonferrat weilen, ist sie zuteil geworden. Sein persönliches
\Vesen gewann ihm die Gunst des Herrn. Seine Freude am ritter-
lichen Waffenhandwerk, an Karnpf und Schlacht, seine Tapferkeit
und Treue befestigten sie dauernd. Ob es ihm nicht gelungen
ist, den Ton des neuen Standes ganz zu treffen? Oder ob aus
den Spöttereien der andern Neid und Mifsgunst blicken? Er
nimmt sein neues Amt jedenfalls furchtbar ernst — mit dem ganzen
Ernst des Neophyten. Hier fand er etwas seinem Wesen Ent-
DIE PERSÖNLICHKEIT DES REIMBAUT VON VAQUEIRAS. 639
sprechendes. Von ihm gilt, was Wilhelm Herz zu verallgemeinernd
von allen Trobadors im Gegensatz zu den deutschen Minnesängern
sagt: dals ihre aufs Praktische gerichteten Naturen nicht von der
Liebe allein ausgefüllt würden. Nicht nur in den Briefen, die sich
gegenüber seiner höfischen Poesie gewissermalsen wie die Wirklich-
keit zur Dichtung verhalten, zeigt sich dies Aufgehen im Leben
eines streitbaren Helden; auch in seinen Liedern bricht es immer
wieder durch. Dies eine ist Eigenes, das andere Konvention.
Die Mode verlangte nun einmal von dem, der in den Kreis
der Sänger eintritt, dals er sich in Minneliedern erging, und da
seine Begabung zu grols war, um sich mit der rein reproduzierenden
Tätigkeit eines Spielmannes auf die Dauer zu begnügen, schlug er
natürlich die gebahnten Wege seiner Vorgänger ein, ihren Spuren
treulich folgend, sie kaum weiter austretend, nur hier und da ein
wenig länger oder kürzer verweilend oder einen winzigen Seiten-
pfad einschlagend.
Im allgemeinen war’s ein ganz angenehmer Weg für ihn: Von
grolsen Liebesfreuden künden seine Lieder nicht, auch nicht von
zehrendem Schmerz. Es bleibt alles innerhalb einer gefälligen Mittel-
linie. Nur einmal geht ein Groll verletzter Eitelkeit — oder war
vielleicht doch ein tieferes Gefühl im Spiel? — darüber hinaus,
wie er denn überhaupt im Zürnen origineller als im Lieben ist.
Kaum ein Wort kommt hänfiger als „ira“ bei ihm vor. Aber viel-
leicht kann man hier Lessings bekanntes Wort umgekehrt anwenden:
dafs man auch von der Untugend, die man nicht hat, am meisten
spricht. Tragisch vermögen wir jedenfalls diesen Zug nicht zu
nehmen!
Ob der andere Zug in seinem Liebeswerben, die starke Sinnlich-
keit, echt ist? Es spricht mehr dafür als dagegen, der Schlufs der
Unterredung mit der Genueserin, die Art, wie er das Gegenteil bei
Bonifaz rühmt, die Zeitanschauung etc. Dafs sie sich der Herrin
gegenüber doch in Schranken halten konnte, wird damit nicht ver-
neint. Sie war ja nicht die einzige Frau, mit der er zusammenkam.
Wie wenig wir auch seinen Versicherungen treuer Liebe glauben,
er war sicher ein treuer Freund und Diener. Seines „Engles* ge-
denkt er noch im letzten Liede, nachdem er wohl ein halbes
Menschenalter von seinem Hof entfernt war. Für seinen Herrn
scheut er weder Gefangenschaft noch Todesgefahr. Vielleicht
darf man allerdings bei mancher Heldentat, die er von sich er-
zählt, an Cyrano de Bergerac’s Wort erinnern „Mais quel geste!“
Auch seine religiösen und moralischen Gefühle und Anschauungen
gehen nicht tief. Kein Versuch wie bei Peire Cardinal, ein sittliches
Problem wirklich aufzurollen, kein Aufflammen bei der Predigt des
Kreuzzuges. Es wurde auf die eine Stelle aus seinen Briefen (v. 9
auf ar) hingewiesen, die auf einen Wandel der religiösen An-
schauungen der Zeit deutet. Aber daneben steht im Kreuzzugslied
„Ara pot hom“ ganz unumwunden der Gedanke, dafs der seine
Seele retten wird, der sich im Jordanflusse bade, also an der Er-
640 KLARA M. FASSBINDER,
oberung des hl. Landes teilnehme. Ob der Gedanke aus dem Brief
nur ein Anflug religiöser Skepsis war, neben dem das Alte, äufserlich
zum gröfsten Teil noch unversehrt, eben deshalb fortbestand, weil
es nie auf seine innere Festigkeit untersucht wurde, oder ob er in
dem Zweifel seine eigene Meinung ausdrückte und die landläufig
Ansicht als gewissermalsen zum Requisit eines Kreuzzugsliedes
gehörig ohne Überzeugung wiedergibt? — Beides spricht nicht zu
seinen Gunsten. Er nahm auch darin das Leben leicht. Von einem
Suchen, einem Forschen nach neuen Wegen ist er weit entfernt.
Auch als Minnesänger geht Raimbaut in dem, was er sagt,
nicht über ein liebenswürdiges Mittelmals hinaus. Er erreicht weder
die Anmut und Zärtlichkeit von Bernhard von Ventadorns Liebes-
spiel, noch die leidenschaftliche Glut des Hasses, mit der Bertran
de Born seine Gegner verfolgt, noch den zürnenden Ernst, mit dem
Peire Cardinal die Schwächen seiner Zeit geilselt. Aber gerade
darum ist er vielseitiger. Er ersetzt durch die Ausdehnung seiner
Begabung und seiner Tätigkeit; was ihm an Tiefe abgeht. Man
kann ihn darum, wie die Hist. litt. es tut, mit Recht als einen der
typischsten Vertreter des ganzen höfischen Kulturkreises bezeichnen.
Solche Vertreter findet man stets in einer gewissen Mittelschicht, von
den einsamen Gipfeln und den allzubreiten Tälern gleich weit entfernt.
Doch würde man ihm unrecht tun, wenn man ihn mit dem
einfachen Wort der Hist. litt. „II &tait homme des dames et des
guerriers* abtun wollte. Es machen sich
Ansätze zu einem Neuen
bei ihm geltend, und gerade sie sind, die seine Gestalt für uns so
anziehend machen, die sie aus der rein historischen und ästhetischen
Betrachtung in den Kreis menschlichen Interesses rücken.
Wechsler hat ganz richtig gesagt, dals vom ersten Kreuzzug
ab, der den Abendländern eine neue Welt erschlols, der Indivi-
dualismus sich langsam zu regen begann, und dafs ohne ihn die
höfische Dichtung gar nicht zu begreifen wäre. Aber diese ersten
Regungen wurden gewissermalsen aufs neue in die mittelalterliche
Weit hineingezogen. Die Dichtung wurde in das Prokustesbett der
feudalistischen Formen eingezwängt, der Dichter wurde aus einer
eigenen Persönlichkeit, wie man sich Wilhelm von Poitiers und etwa
Jaufre Rudel denkt, Mitglied eines neuen Standes, gewissermalsen
einer Zunft, die genau so streng nach bestimmten Normen abgegrenzt
war wie irgend eine andere.
Um die Wende des 13. Jahrhunderts seizt dann ein neuer,
stärkerer individualistischer Zug ein. Zunächst auf religiösem Gebiet.
Man braucht nur an Namen wie Petrus Waldus, Franz von Assisi,
die deutschen Mystiker zu erinnern. Auf weltlichem Gebiet Roger ll.
von Sizilien und Friedrich II., sein gröfserer Enkel, dessen Bild uns
aus den verworrenen, verhüllenden, ihn so gar nicht verstehenden
Schilderungen seiner Zeitgenossen rätselhaft und doch seltsam be-
kannt und verwandt anschaut. In diesen Kreis gehört Raimbaut
DIE PERSÖNLICHKEIT DES REIMBAUT VON VAQUEIRAS. 641
nicht, aber er berührt ihn und strebt, wenn auch unbewulst, nach
dem neuen Ziel, das, auch dem Geiste der Führer noch verschleiert,
nur ihrer Sehnsucht offen war. Raimbaut hatte auf seinen Wander-
fahrten, die ihn mit den verschiedensten Ständen und Völkern in
Berührung brachte, seinen Gesichtskreis erweitert. Das stereotype
Minnelied genügt ihm nicht mehr. Vielleicht kann man in der
Tenzone mit der Genueserin, die all seine Künste auf ein so un-
würdiges Objekt häuft, eine versteckte Verhöhnung dieser Dichtung,
ein sie Ad-absurdum-Führen sehen. Aber seine Begabung und
sein inneres Empfinden sind nicht stark genug, um in die alten
Schläuche neuen Wein zu gielsen. Nur der einzige Walther von
der Vogelweide, vermochte es, die alten Formen mit glühendem
eigenem Leben, mit reichstem deutschen Leben zu erfüllen. Raimbaut
sucht als Franzose zunächst das Neue in formalen Elementen:
in der stärkeren Heranziehung stilistischer Mittel, im Gebrauch
fremder Sprachen, in der Schaffung neuer Dichtungsgattungen. Er
bleibt damit auf dem Boden der höfischen Kunst stehen. Es sind
die gleichen Blumensorten, die er in seinem Garten zieht, um sie
seiner Dame als Strauls zur Huldigung zu überreichen. Nur ein
paar neue Spielarten in anderen Farben und etwas abweichend
geformten Blüten hat er gezüchtet.
Auch als ihm ein stärkeres und anders geartetes Gefühl die
Brust erfüllt, vermag er sich nicht aus dem Bann des Hergebrachten
zu befreien, wie Wechssler allgemein feststellen kann: „Neue poetische
Erlebnisse auszusprechen, auch wenn man sie deutlich fühlte und
klar erkannte, das wagte man nicht ohne weiteres“. — Es handelt
sich um das Lied „No m’agrad’iverns ni pascors*, das noch heute
uns zu bewegen vermag. Soll man nun annehmen, der über Fünfzig-
jährige habe auf einmal die Liebesgefühle, die bis dahin anscheinend
nie an die Tiefen seines Seins gerührt, mit solch ungewöhnlicher
Gewalt empfunden? Viel wahrscheinlicher deucht es mir, dafs diese
ungewohnte Wärme aus einer anderen Quelle stammte. Rainıbaut
war fern seiner Heimat, der seiner Geburt und der seiner Wahl,
inmitten sich immer unerquicklicher gestaltender Verhältnisse, in
denen auch das neue Lehen nur sehr zweifelhaften Wert hatte,
Das eigentliche Ziel ihrer Fahrt rückte immer weiter hinaus. Wäre
es ein Wunder, wenn er von Sehnsucht nach der Heimat, nach
dem früheren Leben ergrifien worden wäre, diesem neuen Gefühl
aber keinen Ausdruck zu geben wulste? Da wird ihm die von
allen besungene Liebe zum Symbol der Heimat. In eine Klage
um verlorene Liebe ergielst er, was sein Herz bedrückt. So würden
sich auch die kriegerischen Strophen, die ihn aus diesem dumpfen,
erschlaffenden Gefühl aufraffen sollen, erklären, ohne die Einheit
des Gedichtes und seine gerade in den ersten Strophen beruhenden
Schönheit aufzuheben. In diesem Zusammenhang könnte ich mir
1 Jeanroys Ansicht, a.a.O. S. 475, nur die von Kämpfen sprechenden
Strophen bildeten eigentlich das Lied, „le motif de la nostalgie amoureuse n’est
Zeitschr, f. rom. Phil. XLVII. gi
642 KLARA M. FASSBINDER.
auch die Entstehung der Frauenstrophen „L’altas undas“ erklären,
die ja auch ein Sehnsuchtsgruls über das weite Meer sind und
durch ihre Einkleidung auf jeden Fall fiktiven Charakter haben.
Aber diese Zeit und die neue Umgebung, die zwar noch die
gleichen Menschen in gleichen Gewändern leben und sich gewegen
liefs, sie aber jeden Tag vor neue Aufgaben und auf eine neue
Bühne stellten, die darum aus jedem herausholte, was in ihm war,
sie liefs Raimbaut endlich den Weg finden, der seine eigene Straflse
war. Mit den Mitteln, die er lange gehandhabt als Spielmann und
als Trobador, gelingt es ihm zu sagen, was er allein sagen konnte.
Das Garlambai war ein stammelnder Versuch gewesen, ein eigenes
Erlebnis wiederzugeben, in den „Briefen“ ist ihm der grofse Wurf
gelungen, wie ihre Analyse hoffentlich gezeigt hat. Nur eins sei
noch hervorgehoben: Man vergleiche das Bild des Bonifaz, das
uns aus den Briefen, zumal aus dem auf -er, so lebendig individuell
entgegentritt mit dem blutleeren der altlateinischen Chronisten, das
Brader in seinem Buch wiedergibt und sogar dem, das ein so fein-
sinniger, kluger Mann wie Villehardouin am Ende seiner Chronik,
gleichsam als deren Krönung zeichnet: „Helas! Con doloros domage
ci ot a l’emperor Henri et a tos les Latins de la terre de Romania,
de tel home perdre per tel mesaventure, un des meillors barons et
des plus larges et des meillors chevaliers qui fust el remanant dou
monde.“ Früher hat er schon einmal von ihm gesagt: „Li marchis
Boniface de Monferrat est mult prodom et uns des plus prisiez
que hui cest ja vive.“ Ganz mit denselben Ausdrücken lobt er
andere auch, nur dafs er ihnen nicht soviel Adjektive beilegt.
Ob Raimbaut sich dessen bewufst war, was er Neues gegeben
in seinen Briefen? Ob er auf dieser Bahn vorangeschritten wäre?
Das einzige nach den Briefen sicher zu datierende Lied ist ja
die „Elegie“, die wieder die alte Form, den alten stofflichen
Inhalt, wenn auch mit einem anderen Geist erfüllt, zeigt. Jedenfalls
liegt in diesem Hinausstreben über die ihm gesteckten Grenzen,
ici qu’un sacrifice fait & la convention poetique“, teile ich nicht. Sie hebt
m. E. das höchst anerkennende Urteil auf, das er vorher über den ästhetischen
Wert des Liedes fällt: „Energique et fier coup de clairon succedant & un
melodieux soupir de flute. Rarement, m&me dans la litterature provengale si
riche en contrastes, des accents plus mäles se sont associes & une melancolie
aussi penetrante*. Für diese weils er keine Erklärung zu geben. Ein Seiten-
stück zu dem oben Ausgeführten, wie das Gefühl aus Mangel an eigener
Gestaltungskraft zu fremden Formen greift, bietet E. Rod in seinem Roman
„Le sens de la vie“ S. 225. In einem Dorf der Alpen hört er von einem neu-
geborenen Dichter und freut sich auf dessen naturwüchsige Bichtung: „Helas!
au Cours de ses voyages mon po@te avait trouv& quelques volumes de Lamartine
et sa po&sie & lui n’etait qu’un lamentable pastiche en phrases bossues, avec
des embryons des rimes au bout, toutes herisses de mots qu’il ne comprenait
pas. — Avec sa douce figure, son oeil intelligent quand m&me, l’affınement
relatif de ses traits, il devait sentir — mais autre chose que cela, ces choses
qui se mouvaient confusement dans son esprit, pour lesquelles il n’aurait trouve
ni mots, ni rimes, qu’il n’avait peut-@tre jamais cherch® & exprimer, et qui
sesteront & jamais inexprimees“.
DIE PERSÖNLICHKEIT DES RAIMBAUT VON VAQUEIRAS. 643
in diesem unbewulsten Schleierlüften über seinem individuellen Ich
und der ihn umgebenden sichtbaren Welt — der Trobador analysiert
ja nur ein Kollektiv-Ich — ein Hauptreiz von seinem Schaffen.!
Raimbauts höfische Dichtungen im hergebrachten Stil könnten ver-
loren sein, ohne dafs die provenzalische Lyrik dadurch um einen
Ton ärmer geworden wäre. Aber wenn die „Briefe“ (und etwa der
„Kontrast“) nicht erhalten geblieben wären, so bedeutete dies einen
Verlust. Sie zeigen, wie die um die Wende des 13. Jahrhunderts
vollerblühte provenzalische Poesie noch frische Keime und Triebe
zeitigte, die vielleicht eine neue Blüte hervorbrachten, wenn nicht
der jähe Sturm des Albigenserkrieges die volle Blume und die
Knospe jäh vernichtet hätten.
Krara M. FASSBINDER.
i Den gleichen Unterschied zwischen der schablonenmäfsigen Nachahmung
und eigener Schöpfung finden wir bei Hans Sachs in seinen Meisterliedern und
seinen Schwänken. Auch im „Petit Jehan de Saintre“ zwischen dem ersten
und zweiten Teil.
41*
Zur Bedeutungsentwicklung romanischer Partikeln.
Die Partikeln sind meine Lieblinge. Sie schillern oft in den
verschiedensten Farben, scheinen Bedeutungen zu haben, die
schwer miteinander zu vereinigen sind. Und doch müssen sie
irgendwie aus der Grundbedeutung geflossen sein. Der metho-
dische Weg ist gegeben. Es gilt, die Grundbedeutung festzustellen,
die in den meisten Fällen klar zutage liegt, und dann den Weg
nachzudenken und nachzugehen, der von der ursprünglichen Be-
deutung zu der speziellen geführt hat. Manchmal macht die Her-
leitung der speziellen Bedeutung keine Schwierigkeit; dann heifst
es: guarda e fassa. In andern Fällen wieder hält es schwer, den
Weg zu finden, den die Sprache gegangen ist. Aber je grölser
die Schwierigkeiten sind, um so mehr reizt es, sie zu überwinden.
Löst man den Knoten nicht beim ersten Mal, dann kehrt man
nach einiger Zeit, an anderer Arbeit erstarkt, dazu zurück und
versucht sein Glück aufs neue. Vorausgegangen ist auch hier
Tobler mit seinem Aufsatz über done, VB II, 166, und mit dem
über „Flickwörter* II, ızıfl. Hier bleibt noch sehr viel zu tun
übrig.
a) It. /Zanto ‚kurz und gut‘; eingeschobenes ‚ja... doch‘;
‚so wie so‘; ‚doch‘.
Zanto trift man nicht selten an der Spitze von positiven
wie negativen Aussagesätzen an, wo man, je nach dem Zusammen-
hang, verschieden übersetzen kann: /anto non voglio ‚kurz und gut,
ich will nicht‘; Jascia che dicano quel che vogliono, lanto ıl prossimo
non & mai contenio Deledda, Edera 43 ‚der liebe Nächste ist ja
doch nie zufrieden‘; (Katharina weint, weil sich der junge Gatte,
mit dem sie fortfährt, in einen schwarzen Teufel verwandelt hat.
Er sagt zu ihr:) Caterina, sta zılla. Tanto il tuo babbo & lontano,
e non senlirebbe una cannonala Imbriani, Novell. fiorent. 292 ‚der
Vater ist ja doch fern‘; cogliamo du’ saragie (— caliegie) dalle rame
basse di questo, saragio (— cıliegio) che ce U’ ha belle. — Si — ripıglid
la Sandra, — tanto no’scmo sul nostro Franceschi, In Citta 534
‚wir sind ja auf unserm Grund und Boden‘; Mi duole di non arer
meco una gran filza di proverbi che raccolgo da cınque 0 sei annı fer
le strade e per le botieghe. Saranno buoni er un’ altra volla, tanlo
non paliscono Giusti, Lettere U, 88 ‚Sie leiden ja darunter nicht‘;
ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 64 5
‚Sie haben ja keinen Nachteil davon‘. (Auf einem ländlichen Ball
werden die Tänze von einem Barbier französisch kommandiert.
Die Bauern verstehen es nicht und sagen:) /acciamole un fo’ a modo
nostro, lanto questi signori lo sanno che sıamo gente ignoranle ebd.
1, 245; O che stia for! o che stia dientro, lanto ıl pericolo & ıl me-
desimo Nerucci, Sessanta nov. montal. ı12 ‚ja... doch‘; (ich komme,
um einen sprechenden Vogel, einen singenden Baum zu finden)
Camminerd quanto ci vole! Tanto ıo U’ ho da Irovar quesia roba
Imbriani, Novell. fiorent. 89 ‚Ich werde sie schon finden‘; mit e
an das Vorhergehende geknüpft, was selten ist: da no gli (die
Zündhölzer) 'hanno proibiti e tanlo si campa Giusti, Lettere I, 232
‚und man kommt auch so durch‘.
Während in diesen und vielen anderen Beispielen der Satz
mit /anto sich an einen Hauptsatz anschliefst, erscheint er als
Nachsatz zu einem Bedingungssatze in: Se : sassı della via
fossan coltelli, E tutti sı svolgessen per ferimmi, Tanto’un vi lascerei,
miei occhielli beili! Canti pop. lucch. 7, 34 ‚so werde ich euch doch
nicht lassen‘.
Die Erscheinung fehlt in den Grammatiken, bei Vockeradt
$ 433 und bei Fornaciari S. goff., dagegen findet sie sich in den
Wörterbüchern, bei Rigutini-Bulle (come disse colul che cadde da
cavallo!: tanto volevo scendere ‚Ich wollte so wie so absteigen‘);
bei Hecker, Petrocchi (fanfo un giorno bisogna morire, wozu er
lediglich bemerkt: anche rassegnativo[!]); bei Tommaseo-Bellini
fanto 13, die auch einen Beleg für die oben aus Giusti belegte
Anknüpfung mit e Zanto haben (Non saral piü forte che Sansone,
piü santo che David ... e tanto questi per lroppo assicurarsı caderono
aus Cavalca ‚und dennoch‘); und eins im Nachsatz zu einem
Bedingungssatze (Se g/i alberi potesser favellare ... E _fusse inchiosiro
U’ acqua dello mare, La terra fusse carla e l!erba penne, Tanto ci
mancherebbe qualche foglio a scerivere ... 'l ben che vi voglio aus
Canti pop. tosc. ohne Stellenangabe), aber für die Erklärung bieten
sie nichts.
So steht hier und oft Zanio an der Spitze eines Hauptsatzes.
Es sieht so aus, als ob es ein Teil des Satzes wäre. Und doch
ist das bei der Grundbedeutung von /anlo ‚soviel‘ ganz unmöglich.
Hinter /anlo ist von Hause aus eine Pause, und der Hauptsatz
beginnt erst danach. Und diese Pause ist auch noch immer
möglich, wie hier und da das Komma in der Schrift zeigt: OA
s’ ingegnasse un po’ anche leı. Tanto, non era piü la padrona
Memini, Vita mond. 257 ‚sie war ja nicht mehr die Iierrin‘, da
sie ihre Besitzung verkauft hatte; (die Wirtschalterin hat den Kaffe
schlecht gekocht) Ma Fulvia non s’ ınquild e non disse nulla.
Tanto, era l’ ullima volla ebd. 2005 Ti scerivo sul primo pezzelto di
carla che irovo qui per la casa, ltanlo, Ira noi non ıstiamo sulle
eleganze Giusti, Lettere U, 90; No, 2 meglio che lu vada a Milano.
Tanto, la carrosza bisognerd pagarla fino a Savona Barrili, Val
d’Olivi 49; deliberö di stare a vedere. Tanto, due anni erano passatı
646 GEORG EBELING,
a quel modo, e di peggio non poteva accadere ebd. 94. In andern
Fällen nicht erkennbar, weil zunächst ein Nebensatz folgt: zeu.r
un branco di uccelli; disse: — Gl vo’ lirare, tanto, nulla per nulla,
se ne chiappo dieci o quindic', qualche cosa fanno Pitre, Nov. pop.
tosc. 122; voglio farvi ridere con una storiella. Tanto, poiche vi
fermate a Noli, & giusto che ne sappiate Il’ origine Barrili, Val d’Olivi 68;
O non sarebbe meglio abolire la costumanzaP Tanto, chi si ama si
cerca allo slesso modo, e le buone strelle dimano ... guadagnerebbero
dieci volle di pregio ebd. 106.
Dem Ursprünglichen kommt man noch näher, wenn man nach
lanto ein Kolon setzt, Z/anto: non voglio. Tanto vertritt einen
ganzen Satz, dessen Verbum 2 nicht ausgesprochen ist, weil es
nicht ausgesprochen zu werden braucht: ‚so viel ist (der Fall): Ich
will nicht‘; /anto: ıl prossimo non & mai contento ‚so viel ist, besteht:
Der Nächste ist niemals zufrieden‘. Und die volle Form /ani(o) 2
besteht noch immer daneben: Comprendeva Diana e non l’accusava
.ma tant’d ... era un ßo’ forte tutto ci! Memini, Vita mond. 19;
«Jo devo mandar via le bambine? Dove voitu, che io porti le mie bam-
bine?» «Ah tan!’ 2! Jo voglio cosi» Imbriani, Novell. fiorent. 273;
(die Mora sagt zu der Frau des Fürsten: ’gdi 2 ora di pettinarsi. Die
erwidert, es sei nicht nötig:) «Zant’d», — die la Mora. — «IL
Principe m’ ha ordinato ch’ ı’ la tienga a modo e perö bisogna bene ch’ ı’ la
pettini»e Nerucci, Sessanta nov. montal. 117. Und dieses /ant’d er-
scheint auch da, wo man nach dem Zusammenhang /ant’ era erwartet:
(was konnte ich dafür, wenn mich plötzlich das Fieber packte, sagt
der Schafhirt) Ma fant’ & doveite far fagotto su due piedi ...e lascıar la
mandra Verga, Novelle rustic. 182, wo, wenn ich richtig abgeschrieben
— der Text ist mir nicht mehr zur Hand — hinter /arf 2 kein Komma
steht, also ohne Pause gesprochen wird. — Ausälterer Zeit: Zanf 2,
fate quel che io v’ ho delto fängt der Figlio prodigo von Cecchi an;
Tant 2: dungue fa’ come ti piace ebd. Ill, 2, S. 29, wo hinter der
Wendung eine gröfsere Interpunktion steht als sonst, und so auch
in: Zanf 2, padrone, qui bisogna vedere di remediare a quello che
si! pud ebd. IV, 2, S. 40, wo das Semikolon nicht darüber täuschen
darf, dafs die Wendung zum folgenden gehört. Und dasselbe
gilt von: non 2 possibile! Se l’ ho visto io a Milano, l’altro giorno,
in casa mia, e non mi ha delto nienie! — Tanf db; adesso 2 gu
Fogazzaro, Malombra 396 (vgl. auch: Tanto, vedi, lo so: io sono
nala per seguire una via di svenlura Deledda, Edera 37). Vier
Beispiele für /anf 2 auch bei Vockeradt $ 433,6, dessen erster
Beleg «Non & un bel nome» «Tanf &» falsch zitiert ist, sofern man
meinen mülste, dals sich fan? 2 auf das Vorhergehende beziehe.
Es geht vielmehr auch hier auf das Folgende. Die Stelle lautet:
«Ci chiaman baggıanı» «Non & un bel nomer «Tanf?2: chi & nal
nel milanese, e vuol vivere nel bergamasco, bisogna renderselo in sanla
pace* Manzoni, Prom. sposi Kap. 17 gegen Ende, in der Ausgabe
von Carcano S. 212; Belege für /anf 2 natürlich auch bei Tom.-
Bell. 32, der auch doppeltes Zan? £, anf 2 belegt. Das Verbum 2
ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 647
auszusprechen, ist aber nicht unbedingt nötig, Zan/o genügt. Und
da /anto in fan’ d Subjekt ist ‚soviel ist, besteht‘, so ist es das
auch in dem allein gebrauchten /arto. Und dieses Subjekt Zanto
rückt nun an den folgenden Satz heran; die Pause, die ursprünglich
durch ein Kolon angedeutet wurde, wird geringer — in der Schrift
erscheint daher das Komma — und schliefslich fällt die Pause
ganz fort, und Zanfo wird mit dem folgenden Satz in einem Atemzug
ausgesprochen. Zanto non voglio ist für das Sprachbewulstsein eine
Einheit geworden, wird nicht mehr als zwei Sätze aufgefalst, wobei
zu dem ersten das Verbum, weil es sich von selbst ergibt, nicht
ausgesprochen ist, sondern als ein einziger, d. h. das ursprüngliche
Subjekt /anto ist zur Partikel geworden, zu einem modalen Adverb,
das wir je nach dem Zusammenhang verschieden übersetzen können.
Das ursprüngliche Verhältnis ist in allen diesen Fällen sofort wieder-
herzustellen /anfo : non voglıo.
Aber die Entwicklurg ist schon weitergegangen, sofern der
mit /anto beginnende Satz nun auch nach Konjunktionen der
Unterordnung erscheint: S’intende che questo degli studi era un
pretesto per la famiglia, egli ben sapeva che tanlo non avrebbe durato
al travaglio della passione Barrili, Val d’Olivi 190 ‚dafs er gegen
die Qual der Leidenschaft ja doch nicht standhalten würde‘. Hier
kann man hinter /anfo keine Pause mehr machen. Die Ausdrucks-
weise bringt den Beweis, dafs sich für das Sprachbewulstsein die
Verhältnisse tatsächlich in der angegebenen Weise verschoben
haben. Unabhängig würde es heilen: fanto non avrebbe durato al
travaglio della passione, wo es statt fanto auch /anf 2 heifsen könnte.
Tanto ist mit dem folgenden Satz zusammengewachsen, wird mit
ihm als Einheit empfunden. Und dabei bleibt es auch, wenn der
Satz abhängig wird von egli ben sapeva che. So auch im Relativ-
satz: Chelati un po’, lascia la sua parte a fuo zio, che fanto dovrd
lasciarli un giorno la sua ebd. 197 ‚der dir ja doch eines Tages
seinen Anteil überlassen mufs.‘ So nach Zerch2: (Der Herr fühlt
sich nicht wohl, will sich niederlegen; der Diener erwidert:) Z
farete anco bene, perche tanlo si prepara una seralaccia birbona, e con
una nebbia da tagliassı col filo Franceschi, In Cittä 531 ‚ohnehin‘;
Zo U’ ho lasciato sempre dire, perche tanlo lo so che & fatlto a quella
maniera Fucini, Veglie 47 ‚denn ich weils ja doch, dafs ...‘; «Non
faccia furia, non faccia furia, perche tanto, alle mani di Burrasca
(ein Spürhund), s2 va sul sicuro» ebd. 74; eins auch bei Tom.-Bell.
lanto 13.
Statt /anlo vor einem Hauptsatz trifft man übrigens, was Gram-
matiken und WB. nicht haben, auch /an/o e tanto in demselben
Sinne an: Z mi porta via la lettera quello svenlato! Non monla,
tanto e tanlo la so a memoria Bersezio, Bolla di sapone I], 9
(Brockhaus) ‚Es tut nichts, ich weils ihn ja doch auswendig‘.
Wiederholt bei Barrili: 4Amo che la sıgnora duchessa non si scomodi
per mes lanto e tanlo ci avrö mollo da leggere, e polrd aspeltarla
franguillamente Val d’Olivi 225 ‚ja doch‘; (wilst ihr nicht) Che la
648 GEORG EBELING,
Siıgnora potrebbe, e con ragione, mandarmı a quel paese? (zum Teufel
schicken) — Zanto e lanto non ci andrele,; voi siele un uomo del
Signore ebd. 258; so spricht jemand zu einem Priester, der einen
unangenehmen Auftrag bei einer Frau ausrichten soll. Vor einer
direkten Frage, was selten ist: (sie allein zu lassen mit den
andern) S?, cd doveva pur un giorno accadere. Tanto e tanto, che
vita era la sua? come foteva durare? ebd. 189. Wenn so Zanto
wiederholt wird und kopulativ verbunden ist, so liegt auch hier die
Absicht zugrunde, den Leser durch zweimaliges Setzen zu zwingen,
zweimal so lange bei der Vorstellung zu verweilen, also, was
man Verstärkung nennt. Gerade so wie in: Pensieri e Densier:
le salivano dal cuore Fogazzaro, Daniele Cortis 56; Zo passalo mesi
e mesi della pıü orrida vita Barrili, Val d’Olivi 238; a/ de Cesare
dirai mille e mille cose Giusti, Lettere Il, 272; da annı e anni
ıl Leopardi non poteva pin ne leggere nd scrivere Giusti, Lettere II, 174;
molti e molti anni or sono Deledda, Edera 77; 2% occhti vivacıssimi
che gli dicevano tante e tante affettuosissime cose Capuana, Bragia 54;
aulserordentlich häufig, doch gehe ich darauf hier nicht ein.
Tom.-Bell. haben unter Zanto 15 asyndet. /anto tanlo, beide
Male im Nachsatz: Se gli desse una buona dote, lanto tanlo la
sposerebbe und Se fosse bella, tanlo tanto sı polrebbe compalire
‚immerhin‘. Rigut-Bulle übersetzen es mit ‚in diesem Falle, unter-
dessen, indessen, einstweilen‘, geben aber keine Belege.
Überall aber steht dieses /anfo an der Spitze des Satzes,
nirgends ist es in ihn eingeschoben. Darum fällt die von Tom.-
Bell. (/anto 13) aus Segneri angeführte Stelle sehr auf und mulfs
erst nachgeprüft werden: @Quando ancora tu stil desto ad altendere
ı tuo Signore puö sembrare a te ch’ egli tanto verrä nell’ ullima ora
a trovarti in guisa di ladro. Sicher ist jedenfalls, dafs die Boccaccio-
stelle: (die Ärzte untersuchen den Kranken und erkennen sein
Leiden nicht) avendo un segno et altro guardato di lui, e non polendo
la sua infermild tanto conoscere, tutti comunemente si disperavano della
sua salute Dec. D,8, bei Fanfani I, ı7ı, wo der Italiener /an/o als
nondimeno falste, von ihm milsverstanden ist. Er äufsert übrigens
selber nachher Bedenken wegen der Stellung von /arfo. Richtig
hat Vockeradt $ 433,3 das non ... fanto als mit Gebärde ge-
sprochen aufgefalst: ‚nicht einmal soviel‘, deiktisch; und so fafst
es wohl auch Fornaciari in seiner Schulausgabe ausgewählter Novellen
des Bocc. S. 135, 11.
Die andern romanischen Sprachen kennen diese Verwen-
dung von /anto, tan & m. W. nicht. Die lateinische Umgangs-
sprache, wie sie sich in den Komödien spiegelt, hatte /anfum est,
das aber auf das Vorhergehende sich bezieht ‚soviel ist‘, d.h.
‚das ist alles‘, ‚melır sage ich dir nicht‘, voz/4 fout: Am Ende des
Prologes zum Trinummus sagt der Verfasser, dafs Plautus das
Stück aus dem Griechischen übersetzt und ihm den Namen Trni-
nummus gegeben hat, und fügt dann hinzu: Tan/umst. Valee:
adeste cum sılentio, wo also Sfantum est deutlich auf das Vorher-
ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 649
gehende hinweist. In der Anm. gibt Brix weitere Belege für
diese Verwendung.
Der Rumäne sagt wohl: a/d/a e numal cä mi-e leamä sä nu
me pricecapä, de ar sli ei cä joc cm cärfile mäsluite, val de pielea mea!
Crasescu, Schife I, 210; wörtlich: ‚soviel ist nur der Fall, dafs
ich fürchte, er oder sie verstehen mich nicht recht; wenn sie
wülsten, dafs ich mit gefälschten Karten spiele, dann geht es mir
schlecht!‘ Aber er verwendet a4 nicht in der Weise des it. /anto
(c? vo), würde nicht sagen: afdt nu gti im Sinne von: ‚kurz und
gut, ich weils nicht‘. Im Französischen gab es und gibt es
volkstümlich noch heute: /anf y a gue ‚soviel gibt es, dafs‘, siehe
Littre unter /anf 22, der auch eine Stelle hat, an der statt des
que-Satzes ein Hauptsatz erscheint: Je suis faible, et ne me fique
point de ne l’öire pas: lant ya, je n’en puis plus aus M”® de Sevigne,
s. auch Toblers WB. u. avorr. Aber ein *anf je ne veux pas, ent-
sprechend dem ital. /anto non voglio hat das Französische nicht
geschaffen.
b) rum. aya, aytT, ag ‚ach was‘.
Eine gewisse Ähnlichkeit aber zeigt das im abweisenden
Sinne gebrauchte rum. aya, ayt, ag im Sinne von ‚i bewahre‘, ‚ach
was‘ ‚denk nicht dran‘: cds/igä cdle 8 pänä la 10 franci pe di, dar
gändesti poate cä aü bani? Aya! Sed la cafenele pänä ce cheltuesc
of pänä la o para, staü mal pänd la resäritul soarelut si apot nedormift
se apucä iaräst de lucru Crasescu, Schife Il 205, ‚Sie verdienen je
8—ı0 Franken täglich; aber meinst du etwa, dals sie Geld haben?
I bewahre! Sie sitzen in den Kaffeehäusern, bis sie alles auf den
Pfennig ausgeben, verweilen noch bis zum Sonnenaufgang und dann
gehen sie, ohne geschlafen zu haben, wieder an die Arbeit‘; Za
asia sä me uileü, cä in fie-care clipealä fac cui-va reul CA fie-care
dihanie despärfindu-se de viafd mai sbiard incd? Asa! da sbiere!
Ce me priveste pe mine! eb. 1186. ‚Darauf soll ich achten, dafs ich
in jedem Augenblick einem Böses zufüge? dafs jedes Tier, wenn
es aus dem Leben scheidet, schreit? Ach, was! Mag es schreien!
Was geht mich das an!‘ „Mai Tigane, tu ai sä fpicl jos!“ Der
Angeredete erwidert: „Aya! Ce scaı tu?“ Sbiera, Povesti 286, ‚Hör
mal, Zigeuner, du wirst runterfallen!‘ (vom Baum), Antwort: ‚Ach,
was weilst du!‘; nicht selten. Ein Beispiel dafür bei Tiktin aya 14,
der es als moldauisch bezeichnet. Es begegnet aber auch, wie
eben belegt, bei Sbiera in seiner Sammlung.
So auch ag, ag: (Hast du niemand gefunden?) Antwort: Am
cäulal peste tot locul, rin toate cafenelele. As! parc’ aü zburat Cra-
sescu, Schife I, 201 ‚Ich habe überall, in allen Kaffeehäusern gesucht.
I wo! als ob sie ausgeflogen wären!‘; ala insä cea micd nu voia
sä se märite cu nıcl und chipü (bald sollte sie den Solın dieses, bald
den eines andern Kaisers heiraten) ag7/ cea dicea cA nu-T place nic!
unulü Ispirescu, Basme 168, ‚Die jüngste Tochter aber wollte unter
keinen Umständen heiraten ... I bewahre! Sie sagte, es gefiele
650 GEORG EBELING,
ihr keiner‘; (Als der Kaiser, der schon zwölf Söhne hat, eine
Tochter bekommt, ist sein Glück voll) De unde se ayteta acum
imperalulü ca sä fe pe deplinü fericitü, agt! unde? &a se adeveri gi
la dinsulü ... povestea cänteculut (folgen Verse) eb. 393, ‚Worauf
sollte er, der Kaiser, noch warten, um vollkommen glücklich zu
sein? Ach, was! worauf? Auch bei ihm bewahrheitete sich der
Inhalt des Liedes .. .‘; Mnea ta stil acasd, ea seama de foc. — As!
cum se m& duc? Crasescu Schite 1145, ‚Bleib zu Haus, gib auf
das Feuer Acht!‘ Dar andere: Ach, was! Wie soll ich denn weg-
gehen?‘; A fpat fata, s’a rugat de el s’o lase sä ’si implineascä
datina ...as!...elpar'cänicinu auzca. Stäncescu, Alte basme 127,
‚Das Mädchen hat geschrieen, hat ihn gebeten, sie den Brauch
erfüllen zu lassen ... I bewahre! Er schien nicht einmal zu hören.‘
So erscheint ag auch in der Antwort allein, ohne dafs noch etwas
folgt. A: De vinzare ’fi-e fapu ästa®? B: De vinzare, dar nu e faß,
e vita. A: Asla via? B: Par! A: As/ eb. 192, A: ‚Zu ver-
kaufen ist der Ziegenbock da?‘ DB: ‚Zu verkaufen, aber es ist
nicht ein Ziegenbock, es ist ein Kalb.‘ A: ‚Das ein Kalb?‘ B:
‚Natürlich!‘ A: ‚Ach, was!‘ In solchen Fällen ist zu ag aus dem
Vorhergehenden die Ergänzung vorzunehmen. Aus Asta zifea?
ergänzt sich von selbst: As/ nu e vifea! ‚Ach was! Das ist kein
Kalb!‘
Oft steht dar ‚aber‘ davor: Aleodorü vor sä se codescä öre-cum,
ba cä trebile imperäfiet nu-lü £rtä sä facd o cäldtorie aya de lungä...
ba cd una, ba cä alta, darä ay!! unde vrea sä scie pocitulü de töte
asiea Ispirescu, Basme 42, ‚A. wollte irgendwie sich aus der Klemme
ziehen; bald (sagte er), dafs die kaiserlichen Geschäfte ihm nicht
gestatteten, eine so lange Reise zu machen ... bald dies, bald
jenes; aber, kein Gedanke, wie sollte der Mifsgestaltete auf all das
Rücksicht nehmen?‘ Man könnte es hier und an andern Stellen
gradezu mit ‚umsonst‘ übersetzen; Cercelarä in dreöpla si in stänga,
ca sä afle niscal-va licurt care sä le desfacä fäcululü sterpiciunel lorü,
darä, agt! par'cä inlälne tolü surdt sı muft eb. 160, ‚Sie erkundigten
sich nach rechts und nach links, um Heilmittel zu finden, die
ihnen die Behexung ihrer Unfruchtbarkeit beseitigen könnten, aber
umsonst, als ob sie lauter Taube und Stumme anträfen‘; & sd
bielulü ciobanü, sä le (= die Schafe) oprescä, darä, agi! pe draculü
sä-lü opresci? cänd ıinträ spaima in ol, de giaba t6öld munca eb. 397,
‚Der arme Schäfer bemühte sich, die Schafe zurückzuhalten, aber
es war kein Gedanke daran. Kann man den Teufel zurückhalten ?
Wenn der Schrecken in die Schafe fährt, dann ist alle Arbeit
umsonst.‘ Weitere Belege für das as? eb. 47; 72; 135; 195.
Die Fälle, in denen aga steht, sind durchsichtig, weil hier die
Grundbedeutung ‚so‘ offen zu Tage liegt. Asa bedeutet ‚so‘ ‚so
ist es‘ und weist in diesen Fällen immer auf das Folgende hin.
Man kann sich danach ein Kolon denken. Das Moment des
Abweisenden liegt von Hause aus nicht darin. (Das erste oben
angeführte Beispiel) ‚Denkst du etwa, dafs die Geld haben? So
ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 651
ist es: Die sitzen in den Kaffeehäusern und verzehren alles.“ Auf
die Frage wird mit einer Tatsache geantwortet, und diese Tatsache
wird durch ‚so ist es‘ vorbereitet. Dadurch aber, dafs diese Tat-
sache, die an sich denkbare bejahende Beantwortung der Frage
bei Scite schiebt, kommt das Moment des Abweisenden hinein.
Und die Tatsache selber kann mit abweisendem Ton und ent-
sprechender Gebärde ausgesprochen werden und wird so aus-
gesprochen. Und dieser abweisenle Ton wird dann auf das
vorbereitende aya übertragen. So kommt dieses zu der Bedeutung
‚ach, was!‘ ‚denk nicht dran‘ ‚kein Gedanke‘. Dafs eine Weiter-
entwicklung vor sich gegangen ist, ergibt sich daraus, dafs nach
dem aya kein Kolon mehr steht, sondern ein Ausrufungszeichen.
Es wird nicht mehr als ‚so‘, ‚so ist es‘ empfunden. Eine gewisse
Weiterentwicklung zeigt sich wohl auch darin, dafs statt des
Aussagesatzes eine Einräumung folgen kann, wie in dem zweiten
Beispiel: Aya/ da sbiere! ‚Ach, was! Sie mögen schreien!‘ oder
eine direkte Frage, wie in der Stelle aus Sbiera 286 Asa’ Ce
scit tu? ‚Ach, was weilst du?‘
ast, ag — Drei gute Beispiele bei Tiktin, der es als walachisch
bezeichnet; aber auch sonst in den WB. angegeben, bei Dame,
der es mit ‚das moyen‘ wiedergibt und ein Beispiel hat, das wohl
identisch ist mit dem oben aus Ispirescu B. 42 angeführten; bei
Sainean ‚Gott behüte!' ‚Warum nicht gar!‘ und bei Pop in
seinem kleinen WB. — as hatte Rudow Zs. XXII, 222 gewils
unrichtig als identisch mit dem Konditionalis ag ‚ich möchte‘
gefalst, wobei er sich auf das auch begegnende /e-ag berief, in dem
er fe-ag veded ‚Ich möchte dich sehen‘ = ‚Sieh nichts‘ (!) ‚keine
Spur‘ zu erkennen glaubte. Auch seine andere Vermutung =
ungar. ag! ‚das‘, nämlich ‚wäre‘ ist abzulehnen. Viel ansprechender
ist die Ansicht von Tiktin (WB. u. ag), dals ag eine ‚augenschein-
liche Kürzung‘ von aga ist; und in /e-ag — das auch mir begegnet
ist, z. B. Ispirescu B. 2035: Se spelise, bielulü omü muncindü, gi sä
salte gi elü ceva, lte-asi! cätusi de cälü, ferita (l. ferit-a) säntulä !
‚Er hatte sich in der Aıbeit abgeplagt, der arme Mann, und dals
auch er es etwas weiter brächte, kein Gedanke! Nicht im Geringsten,
Gott bewahre‘ — in diesem Ze-ay vermutet Tiktin du-/e, ag; also
eigentlich ‚geh weg, scher’ dich; ach, was!‘, so dafs /.-as von
Hause aus miteinander nichts zu tun haben. Im Affekt wäre
dann nur /e-ag ausgesprochen worden, die nun wie eine Einheit
aussehen. Schön wäre es aber, wenn du-fe as einmal nachgewiesen
würde. Darf man, so möchte ich fragen, ag auffassen als ayd-I >
dsä-ı > as! > ag? Zurückziehung des Akzentes muls ja auch
Tiktin annehmen.
Die Ähnlichkeit mit /anio liegt darin, dafs beide von Hause
aus einen Satz für sich vertreten, indem die Kopula, weil nicht
unbedingt nötig, unausgesprochen ist; sowie darin, dafs beide sich
auf das Folgende beziehen. Ob das eine Mal ‚soviel‘ (ist der
Fall), das andere ‚so‘ (ist es) gesagt wird, macht keinen wesent-
652 GEORG EBELING,
lichen Unterschied. Aber darauf beschränkt sich die Ähnlichkeit;
denn /anto ist mit dem folgenden Satze zusammengewachsen,
während hinter aya, ag noch immer eine Pause ist. Ist /an/o zum
Modaladverb geworden, so aya, as zur Interjektion.
c) span. ello; portg. zsso ‚in der Tat‘.
Fine gewisse Ähnlichkeit bietet das ältere Spanisch mit
seinem e//o, das, namentlich in der Sprache der Komödie, zu
Anfang von Aussagesätzen, gelegentlich auch vor direkten
Fragen steht im Sinne von ‚in der Tat‘, ‚wirklich‘, wofür
Bello 8 972 mehrere Belege gibt. So: ZJlo, no tiene duda que for
ese liempo se represenlaban unos dramas tan toscos, que merccian cl
nombre de farsas con que se apellidaban (aus M. de la Rosa) ‚in der
Tat, es unterliegt keinem Zweifel, dals ...‘; Zllo, ti al cabo lo has
de saber. Ein paar andere Beispiele auch bei Gessner in seiner
Arbeit über das spanische Pronomen Zs. XVJ, ı2. Wenn sich
aber Bello damit begnügt zu sagen, dals in solchen Fällen das
Neutrum e/lo wie die Neutra a/go, foco, mucho u.a. adverbial ver-
wende: würde im Sinne von en verdad, en efecto, so ist mir einmal
sehr fraglich, ob man in diesem Falle überhaupt von adverbialer
Verwendung von e//o reden darf, und sodann ist der Weg der
besonderen Verwendung nicht klargelegt. e//o repräsentiert einen
Satz für sich, indem die Kopula es nicht gesetzt ist, weil sie nicht
unbedingt nötig ist. Statt des Kommas danach könnte man sich
zur Deutlichkeit ein Kolon denken: ‚Das (ist der Fall): Es unter-
liegt keinem Zweifel etc.‘; ‚Das (ist der Fall): Schliefslich wirst du
es erfahren.‘ Indem aber mit edles) eine Tatsache konstatiert
wird, die gleich darauf inhaltlich angeführt wird, gewinnt e//o (es)
mittelbar die Bedeutung einer Bekräftigung, Versicherung.
Bello hätte dieses e/o in Beziehung setzen sollen zu: Z’lo es que
hay anımales muy cienlificos, wovon er 8 069 spricht, das er auch
wieder etwas merkwürdig umschreibt, oder aus moderner Zeit: ZJlo
es, que saben cosas que nadie les ensela Caballero, Cuadros de C. 77
‚Tatsache ist, dals ...‘; Zllo es que la fiesta en la huerla fut
apacıblemente divertida Valera, Pepita 47; Zllo fu! que, aungue habia
romeria en los prados de Miranda, y el sol calentaba bien, a las dos
de la tarde ya estaba d pie firme la primera hilada de curiosos sobre
la misma arısta del Muelle Pereda Sotileza 407. Gessner a.a. 0.
sagt kurz, e//o werde ‚absolut‘ gebraucht im Sinne von ‚freilich,
in Wirklichkeit, allerdings‘. Ich sage, es bestehe eine gewisse
Ähnlichkeit der Verwendung. Aber die Verwendung von elh
ist doch nicht so weit vorgeschritten, wie die des ital. /anto, sofern
alle Beispiele bei Bello ein Komma danach zeigen, also eine
Pause in der Rede. Nur das erste Beispiel bei Gessner zeigt
dieses Komma nicht: Vamos, bien estais. Ello me habeis hecho
perder la paciencia treinta veces aus Amante de Teruel IV, ı,
‚Wirklich, Ihr habt mich dreifsigmal die Geduld verlieren lassen‘.
ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 653
Es wird sich aber fragen, ob in der zu Grunde gelegten Ausgabe
nicht doch ein Komma steht.
Und damit berührt sich das portg. zsso, das ‚dies da‘ bedeutet
und volkstümlich im Sinne von ‚ja gewils‘ gebraucht wird, wie
Michaelis im WB. übersetzt, während Ey die Bedeutung nicht hat:
A: Levdmos, sim! E todos sabem que o Charroco & homem. B: Ld
ısso/ ... Gomes de Amorim, Amor da patria 28, wobei die vollere
Form wiederum zsso £ ist oder mit dem, auf den Sachverhalt hin-
weisenden Ortsadverb /4:Jd isso £, eigentlich: ‚Da, das ist der
Fall‘, was leicht die Bedeutung einer Bekräftigung annehmen kann:
Ai o sıtio Ebom, ld isso E Diniz, Pupillas 178, ‚Der Platz ist hübsch;
gewils‘; a uva E excellente fructo, Id ısso E Gomes, Fiandeiras 57;
muilo meu amıgo, isso & Pinto, Margarida 344. Span. e/lo geht
der Aussage voraus, portg. :sso folgt ihr. Jenes weist vorwärts,
dieses rückwärts.
d) ital. /o stesso ‚trotzdem‘.
Erscheint, wie wir gesehen haben, /anio stets an der Spitze
des Satzes, seiner eigentlichen Bedeutung entsprechend, so be-
gegnet umgekehrt /o szesso in der Bedeutung ‚trotzdem‘ immer nur
am Ende des Aussagesatzes: $7 /rattengono otlo giorni, non si
pud visitare ıl bastimento, ma li (die Künstler) vedrete lo stesso
Memini, Vita mondana 2ı2 ‚aber Ihr werdet sie trotzdem schen‘;
(Die Mutter wünscht für den Tag keinen Unterricht, weil der Onkel
gekommen ist) e vedendo ıl maestro seccato, s’affreitö a dirgli con
gentilezza: — Oh, non si dia pensiero; conteremo la lezione lo stesso
De Amicis, Maestro 284; U Vie si vendicd poi, alla distribugzione
dei premi, ordinando all’ organısta di sonar la marcia reale sul
cembalo prima ch'io terminassi la lettura del mio discorso; ma 10
m’ostinai a leggere lo stesso eb. 312; (Battista fragt Fulvia, die ihm
keinen Unterricht mehr geben will) Vorresti cessar di venire? Sie
erwidert: (3 si vedrebbe lo slesso ... almeno la domenica che sıiamo
quasi sempre qui a pranzo ... Castelnuovo, Bottega del C. 40 ‚Wir
würden uns trotzdem sehen‘; (Es wären zuviel Menschen da; man
wirft ein, es seien schon zwei weniger geworden) Siamo in froppi
lo stesso — ripetd Merli eb. 246; Non per colpa tua ... Il male
sarebbe venuto lo stesso eb. 300; (Der Schwiegersohn hat keine
Lust mehr hinzugehen). Die Schwiegermutter erwidert: Vacci /o
slesso. Ho piacere che tu ci vada Fogazzaro, Piccolo m. 80; Pensa,
bambina mia, che forse si polrebbe reslare insieme lo stesso Ders,
Malombra 2735; La gente ora & povera, Simone mio; vive lo stesso,
anche senza feste Deledda, Edera 10; Quando non avrd piü niente
sard peggio ancora: sard considerato come un cane vecchio ... Der
Andere: Va dene! Vi uccaderanno lo stesso eb. 77; Ma del resto &
meglio cost : quello che & accaduto sarebbe accaduto lo stesso eb. 265.
Und so oft. Nur einmal habe ich /o stesso innerhalb des Satz-
gefüges angetroffen: Zra un magro giovedi grasso. Piovigginava,
654 GEORG EBELING,
Tuttavia le sirade formicolavano lo stesso della solita gente che ha
sempre qualche cosa da vedere De Marchi, Pianellig. Und die Ab-
weichung wird begreiflich. Hier könnte /o s/esso gar nicht am
Ende stehen, weil zu /a sohta genle noch wieder ein Relativsatz
gehört.
Die nicht selten begegnende Erscheinung ist bisher kaum
beachtet. Sie fehlt bei Vockeradt 8 398, wo er über die ver-
schiedenen Verwendungen von s/esso handelt, und bei Fornaciari
in seiner Sintassi S. 87; 88, fehit bei Rigutini-Bulle, fehlt merk-
würdigerweise auch in dem reichhaltigen Petrocchi und in dem
uoch reichhaltigeren Tom.-Bell. Dagegen hat Hecker in seinem WB,
venivo lo stesso ‚Ich wäre so wie so gekommen‘ und in seiner
Umgangssprache? S. 120, 14 Sareı venuto lo stesso ‚Ich wäre so wie
so gekommen‘.
So erscheint hier überall lo s/esso am Ende des Satzgefüges als
Teil des Satzes, erscheint in der Funktion einer Partikel: 4 vedrete
lo stesso ‚Ihr werdet sie trotzdem schen‘. Und wiederum zeigt die
Analyse, dals do siesso, das doch ‚dasselbe‘ bedeutet, von Hause
aus zu dem vorhergehenden Satze gar nicht gehört haben kann;
denn was soll es heilsen: ‚Ihr werdet sie dasselbe sehen‘; ‚Ich
wäre dasselbe gekommen‘? Vor Jo stesso muls eine Pause gewesen
sein, wenn sie auch in der gesprochenen Rede heute nicht mehr
eintritt und infolgedessen auch in der Schrift durch ein Komma
oder ein Semikolon nicht angedeutet wird, während bei /anto die
Pause immer noch möglich ist. Jo s/esso mufs ursprünglich einen
Satz für sich vertreten haben, dessen Verb, weil selbstverständlich,
nicht erst ausgesprochen wird: 2 /o siesso ‚es ist dasselbe‘ oder
fa lo stesso ‚es macht, es bringt dasselbe zustande‘. Und zwar
möchte ich lieber annehmen, dafs die erste, als dafs die zweite
Satzform vorliegt. Dann ist also (2) o sfesso von Hause aus Prädikats-
nomen. Irgend etwas ist dasselbe, nämlich wie etwas anderes;
ein Sachverhalt ist dasselbe, wie ein anderer Sachverhalt. Oder
zwei Dinge, zwei Sachverhalte sind dasselbe So: Vırta e Äibertd
dovrebbero esser lo stesso (bei Petrocchi) oder guando il cammıno
fuma & lo stesso che quando il molino gira Rosini, Monaca XIV, 250;
Ch’egli mi prenda o mi lascı, per me ormai & la stessa cosa Deledda,
Edera 76; A: 77 ammazzerai. B: St. A: Partı, sparisci; & lo stesso!
Capuana, Bragia 174 ‚Reise ab, verschwinde, es ist dasselbe‘ nämlich
wie der Selbstmord. Nach der Meinung des Sprechenden ist unter
den obwaltenden Umständen Selbstmord und Verschwinden dasselbe.
Die heimliche Abreise bringt dieselbe Wirkung hervor, wie der
Selbstmord. Volkstümlich tritt vor ein solches 2 do stesso wiederholt
noch das /anto, das uns vorhin beschäftigt hat: Zanto 2 lo stesso;
z.B. O ch'io moja di caldo o che mi faccia morir Sua Maesid, Lanıo
& l’istesso! Imbriani, Novell. fiorent. 92 ‚Möge ich vor Hitze sterben
oder möge E. M. mich sterben lassen, soviel ist der Fall: Es ist
dasselbe‘; ‚es ist ja doch dasselbe‘; O che stia fori 0 che stia dientro,
fanlo ıl periolo & il medesimo Nerucci, Sessanta nov. montal. 112,
ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 6 55
vgl. auch Veniva (la sua povera mamma) dall’orto con un cavolo sollo
il braccio e Demelrio le disse. — Non faticale troppo, tanto & lo stesso.
Vi farete canzonare e maledire De Marchi, Pianelli 289. Auch diese
Verwendung fehlt bei Vockeradt a. a. OÖ. und sonst, aber Petrocchi
hat: ditelo, tanto & lo stesso.
Von hier aus gelangt man zum inneren Verständnis der be-
sonderen Verwendung, die oben belegt ist. Die klarste Form wäre:
non si puö visitare il bastımento, ma li (die Künstler) vedrete: 2 lo stesso
‚Man kann das Schiff nicht besichtigen, aber Ihr werdet die Künstler
zu Gesicht bekommen. Es ist dasselbe‘. Subjekt zu 2 lo siesso
ist der voraufgehende Sachverhalt / vedrete. Der Sachverhalt ‚Ihr
werdet die Künstler sehen‘ ist dasselbe, nämlich wie der erste Sach-
verhalt ‚Man kann das Schiff nicht besichtigen‘. Beides ist dasselbe,
zwar nicht an sich, aber unter den obwaltenden Umständen, für
die angeredete Person, vgl. das von Petrocchi angeführte Beispiel:
dl padrone non c’t, ma parlı pure a me: fa lo stesso. 2 braucht in
der Tat nicht ausgesprochen zu werden und wird zu Jo stesso
zunächst noch hinzugedacht, d.h. vor lo stesso ist noch eine kleine
Pause. Aber diese syntaktische Scheidewand fällt, und Jo siesso
rückt an das Vorhergehende heran, wird vom Sprechenden unbewulst
aufgefalst als gehörig zu dem Satz Js vedrete, d.h. das ursprüngliche
Prädikatsnomen Jo sitesso ist zur adverbialen Satzbestimmung
geworden, wie das ursprüngliche Subjekt /anfo. Nur dadurch, dafs
die Kopula als nicht nötig, nicht ausgesprochen wird, ist die Weiter-
entwicklung, die Zusammenrückung möglich geworden. Und da
die beiden Sachverhalte, logisch betrachtet, im Gegensatz zu-
einander stehen, kommt die gegensätzliche Bedeutung hinein, ‚trotz-
dem‘, und die wird, wie oft, der Partikel aufgepackt: ‚Ihr werdet
sie trotzdem sehen‘. Dals ein Wort, das ‚derselbe‘, ‚dasselbe‘
oder ‚gleich‘ bedeutet, die gegensätzliche Bedeutung aus dem-
selben Grunde annimmt, ist schon aus den alten Sprachen bekannt:
griech. OU@S ‚in gleicher Weise‘ und dann ‚trotzdem‘, s. Kühner-
Gerth, Griech. Gr. II, 280, 4; lat. /amen, das etymologisch zu /am
gehört und auch zunächst ‚in gleicher Weise‘ bedeutet; lat. zdem;
Senectus, quam ut adıpiscantur omnes oßtant, eandem accusant adeptam
Cat. mai. 2,4, s. Kühner, Lat. Gr. I, 458.
e) Span. /o mismo ‚trotzdem‘.
Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als ob span. Jo mismo
in Fällen wie: Diez anlos que no le habia visto, pero lo mismo (trotz-
dem) le hubiese reconocido entre mil personas lbafez, Muertos 36
genau an die Seite von ital. /o s/esso zu stellen wäre. Aber sehr
bald erkennt man, dals im Spanischen die Dinge doch anders
liegen; denn während ital. /o siesso, wie hervorgehoben ist, immer
am Ende des Satzgefüges erscheint, steht hier Jo mismo zu Anfang,
nach der Konjunktion. Da wäre it. /o s/esso unmöglich; es mülste
heilsen: /’avrebde riconosciuto lo stesso. Und sodann wird /o mismo
656 GEORG EBELING,
(gue) nicht selten adverbial verwendet im Sinne von ‚ebenso‘ (wie),
was für das ital. /o si/esso nicht gilt. Zo mismo sollte seiner Natur
nach nur als Nominativ oder als Akkusativ verwendet werden;
so z.B. Saber algo es lo mismo que no saber nada en cosas lan im-
portantes Pereda, Sotileza 422 (Nominativ) oder Aare lo mismo que yo
(Akkusativ). Aber es hat die Fesseln seiner Verwendung gesprengt,
erscheint auch da, wo die Analyse nicht mehr restlos aufgeht, wird
adverbial gebraucht. So z. B. Cuando, gracias d su casamiento,
adquiriese una fortuna y fudiera rescalar el hermoso predio de Son
Febrer, pasarta en El una parte del ano, lo mismo que sus ascendientes
Ibafiez, Muertos 42; dajo los tinglados de la playa quedaban colgando
de escarpias peces enormes, con la cola arrastrando por el suelo, que
sangraban lo mismo que bueyes eb. 48; Jugaba con sus hijos lo
mismo que una nifla eb. 53; ... si (ob) los lascos debian comulgar
con vino lo mismo que los sacerdotes/ eb. 87; A: ;5Me lo dards
manana? B: Lo mismo que hoy. Caballero, Cuadros de cost. 89.
Die Weiterentwicklung wird dadurch begreiflich, dafs in allen diesen
und den gleichartigen Fällen ein Verbum der Tätigkeit vorliegt,
dals in ihnen ein hacer steckt (und sangrar stelle ich dazu). So
gut man sagt: Aaria lo mismo que sus ascendientes, sagt man, weiter
bildend: pasaria una parle del ao, lo mismo que s.a. Oder: wie
hacta lo mismo que una nilla, so nun auch: Jugaba lo mismo que u.n.
Grenzfälle sind: (es) valiente y arrojado lo mismo al empunar la
espada, que al pronunciar un discurso Caballero, Cuadros de cost. IIC;
Era un legitimo Febrer, lo mismo que su abuelo Ibaßez, Muertos 72;
(sie würde werden) una hembra esquelelo, retorcida y nudosa, lo
mismo que un Ironco de olivo eb. 243, weil man lo mismo que zur
Not noch mit dem vorhergehenden Verbum des Seins (es, era etc.)
verbinden könnte: ‚er ist dasselbe mit dem Schwerte, wie im Reden‘.
‚Er war dasselbe, wie sein Ahnherr‘. Aber für das Sprachbewulstsein
ist /o mismo schon adverbial. Und da die adverbiale Verwendung
in der heutigen Sprache ganz gewöhnlich ist, so wird die zu Anfang
des Absatzes aus Ibafez M. 36 angeführte Stelle in diese Ent-
wicklung gehören. Sie hat nichts mit der von ital. Zo stesso zu tun,
nur dals /o mismo in dem Zusammenhang ganz von selbst aus der
Bedeutung ‚in gleicher Weise’ übergeht in die Bedeutung ‚trotz-
dem‘ Vgl. zur Stellung von lo mismo vor dem Verbum, und
zwar in der eigentlichen Bedeutung ‚in gleicher Weise’: Zos hombres
perfeccionaban los jugueles ütiles para su egolsmo y sw bienestar, las
mäquinas, los medios de locomocidn, pero aparle de esto, lo mismo se
vivia. Las pasiones, las alkegrias ... eran las mismas ebd. ı65 ‚aber
abgesehen davon, lebte man in derselben Weise (wie früher)”.
f) Fız. fouf de möme ‚immerhin‘, ‚trotzdem‘.
Der Franzose verwendet /e möme so nicht. Dieses kam im
15—17. Jhdt. im Sinne von /a möme chose wiederholt vor, s. die
Belege bei Littre meme 9; auch bei Godefroy unter meisme. Auch
ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 657
c’est le m&me begegnete hier und da. So hätte es zu *ıl Seut, je
sors le möme kommen können. Und von cela revien! au möme hätte
die Sprache zur partikelhaften Verwendung von au möme fort-
schreiten können: *l pleut, je sors au meme. Es hat ihr nicht
beliebt, und wir haben mit ihr darüber nicht zu rechten. Aber
tout de m£me ‚in gleicher Weise‘ wird im Sinne von ‚trotzdem‘
verwendet: Z/ arrivait un peu tard (nämlich Ze dessert), mais ga ne
faisait rien, on allait tout de möme le caresser Zola, Assommoir 283
‚Man sprach ihm doch freundlich zu. Nach de meme, das im
Sinne von ‚in gleicher Weise‘ schon im Rol. 592 begegnet: Altre
bataille lur livrez de meisme ergänzt sich ganz von selbst ein gue,
wie ja de meme que ‚ebenso wie‘ noch immer besteht. Und zu
dem mit gue beginnenden Vergleichungssatz ergibt sich aus dem
Vorhergehenden: ‚wie man ihm freundlich zugesprochen hätte‘
nämlich ‚wenn der Nachtisch rechtzeitig gekommen wäre‘. (Vgl.
zur Entwicklung die von Littre unter meme 17 angeführte Stelle:
le desordre qu il endure lui est impulE devant Dieu tout de möme que
sıl le faisait Balzac, 7° disc. sur la cour.) Oder: ZA bien, file ou
face, la! Si dest face, j’y vais! (Er wirft das Geldstück in die
Luft). Cess pile ... Bahl J’irai tout de möme! Pailleron, Ca-
botins 1, 15 (gegen Ende). Auch hier ist die ursprüngliche Bedeu-
tung noch zu ermitteln: ‚Ich werde ganz in derselben Weise gehen‘,
nämlich ‚wie ich gehen würde, wenn es face wäre‘: j’iral tout de
meöme que (j’irais) si dtait face; je fais du fichu art, c'est entendu |
mais je suis un arlıste touf de m&me, allez! ebd. I, 5, S.ı7 ‚Ich
treibe jämmerliche Kunst. Aber ich bin doch ein wahrer Künstler‘;
‚Ich bin in gleicher Weise ein wahrer Künstler, wie, wenn ich
nicht jämmerliche Kunst hervorbrächte‘; AA/ dest vous, Goldner ?
Je vous prenais pour Pegomas ... cest &gal, fichez-moi la paix tout
de meme! ebd. 1,4, S.5; Quand un Framais a des ıddes, ıl veut
les imposer aux aulres. Quand ıl nen a pas, ıl le veut tout de
m&me R.Rolland, Dans la maison 89; je ne suis plus qu’un propre
d rien, mais je vous aime bien tout de möme Neveux, Golo Rev.
Par. IV, 408 ‚ganz ebenso, wie wenn ich kein Taugenichts wäre‘;
Il ne s’agit pas de cela. Seulement, Puisque vous allez passer un
temps chez vous, informez-vous toul de m&me de ce Joel Bazin, Dona-
tienne 62). (Der zu ungewöhnlicher Stunde erscheinende Land-
briefträger sagt:) Crains pas, Louarn, cest moi; j’apporte une letire.
Der Angeredete: ÜO’est tout de möme pas une heure pour courir les
chemins ebd. 7 (gehört vielleicht zu den folgenden Stellen, wo ein
Gegensatz nicht zu sprachlichem Ausdruck kommt; s. weiter unten);
les jesuites avasent beau dire, le jus de la Ireille &lait tout de meme
une fameuse invention ! Zola, Assommoir 277; J'en ris, mais j’al le
caur gros tout de m&me Daudet, Sapho 306; Ce n’dait pas ce que
le Fenat avait revd ... mais le repas fut charmant tout de meöme
sur la terrasse du restaurant ebd. 108; S’ı avait eu fort envie de
moi, ıl auraıt trouvE tout de möme le moyen de s’cchapper el de me
rejoindre Prevost, Dern. lettr. d. f. 25. In manchen der angeführten
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII. 43
658 GEORG EBELING,
Beispiele (Ass. 283, 277; Sapho 108; Don. 62; 7; Derm.lettr. 25)
liegt schon eine Weiterentwicklung vor, sofern /out de möme
nicht mehr am Ende steht, wie man es erwarten sollte, wenn sich
noch ein Satz mit gue si + Verb anschlielst.
Schon Hosch, Franz. Flickwörter u. meöme II, 3 (1897) hat
hervorgehoben und durch gute Beispiele erhärtet, dafs dieses Zouf
de möme oft mit abgeschwächter Bedeutung erscheint, wo ein
Gegensatz gar nicht oder ganz schwach zum Ausdruck kommt.
Aber er hat unrecht, wenn er ihm die Bedeutung ‚gewils‘ zuschreibt.
Die hat /ou/ de meme nie. Er hätte auch im einzelnen näher an-
geben sollen, welcher Weg von der ursprünglichen Bedeutung ‚in
derselben Weise‘ hinführt zu der speziellen; vgl. übrigens — ganz
kurz und nebenbei — (schon 1894) Tobler, VB. 1, 152 = 2S. 168,
der aber für /ou/ de möme gleich von der Bedeutung ‚doch‘ aus-
geht. Hier ein paar weitere Belege, da weder Littre noch das
Dict. Gen. die Verwendung haben. (Jemand besichtigt wiederholt
die Wohnung von zwei Eheleuten) Puis, il /erminait chaque fois son
examen par celte phrase: — Sapristi, vous Eles joliment bien, loutl de
meme Lola, Assommoir 300, wo das Komma vor Soul de meme zu
beachten ist. ‚Ihr wohnt doch wirklich schön!‘ Hier ist ein
Gegensatz in keiner Weise ausgesprochen. Und doch mufs er
vorschweben, sonst wäre die Verwendung von Zouf de möme genetisch
nicht zu rechtfertigen. Die Äufserung ‚Ihr wohnt sehr hübsch‘
besteht in derselben Weise zu Recht, wie sie zu Recht bestehen
würde, wenn jemand die gegenteilige Äufserung täte ‚Ihr wohnt
nicht schön‘. Es hätte heifsen können (s. oben die Stelle aus Zola,
Assommoir 277) on a beau dire, vous ötes joliment bien, tout de m&me!
Dann wäre der Gegensatz angedeutet. Hier ist Zow? de m&me noch
durch ein Komma vom Vorhergehenden getrennt, das andeutet,
dafs die Wendung nicht als nähere Bestimmung zum vorhergehenden
Satze gehört, vielmehr Bestimmung zu der Äufserung, dem Urteil
als solchem ist. Es steht gleichsam draufsen an der offenen Tür.
Ebenso: Zu peux f dire: dest un cuistol, probab’ ! EL tant plus ü
est sale, tant plus il est cuistol. Darauf der andere: C’est vrai d
veritable, tout de meme Barbusse, Feu 10.
Wie man es nun aber auch sonst in der Bedeutungsgeschichte
der Partikeln beobachtet, schlüpft die Wendung in weiterer Ent-
wicklung in den Satz selber hinein. Zunächst noch in Kommata
eingeschlossen, also noch für sich: Ze ne sait pas, lfout de memı,
ce qui mest arrive. Si elle avail su tout le mal quelle a fait, elk
serait peut-Elre revenue! Bazin, Donatienne 51 ‚Sie weils ja gar nicht,
was mir passiert ist‘; C’est dröle, tout de meöme, hein, la palronn,
d’avoir jusque chez nous, dans la Creuse, de la graine de gueux de
chez vous ebd. 62. Und nun auch nicht mehr abgetrennt, als ob
es ein Teil des Satzes, eine Bestimmung zum Verbum wäre: On
ne parla pas tout de suite, les nez dans les verres, goütant le cafl. —
]l est tout de meme bon, decara Clemence Zola, Ass. 231 ‚Er ist
doch gut‘; ‚Er ist in der Tat gut‘. (Man hat eben Schnaps
ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 659
getrunken.) Da sagt jemand: Ca fait tout de möme du bien ou ga
passe ebd. 333; La campagne d’wi a lout de meöme bien change,
depuis les temps de M. le marguis Bazin, Terre qui meurt 33; Vous
tapez du piano? Compliments! ... C’est-Ü curieux tout de meme
de faire ce metier-id far goüt! R.Rolland, Foire 40.
Es erscheint auch ohne jeden Satz. So nach der Anrede:
(Eine Bretonin geht, wie viele ihresgleichen, nach Paris und sucht
ihren Mann zu trösten:) elle comprit quelle n’avait pas dit tout ce
quWıl fallail, el murmura: — Mon pauvre Jean, tout de möme!
Bazin, Donatienne 8. Hier ergibt sich hinter der Anrede aus dem
Zusammenhang von selbst (i/ faut partır) tout de möme. Und der
Gegensatz dazu, der nicht zum sprachlichen Ausdruck gekommen
ist, sich aber aus dem mit besonderer Zärtlichkeit gesprochenen
mon pauvre Jean ergibt, lautet: C’es? d’un friste, so dals die volle
Form wäre: Mon pauvre Jean, (dest d’un triste) (mais ıl faut partır)
tout de m£me. Endlich erscheint /ouf de meme als Antwort ganz
allein: Veux-tu me cdder ton tour de planion (Ordonnanzposten), Vau-
bourgeix? ... — Tout de möme, dit l’autre Descaves, Sous-Offs.
222, bei Hosch, a.a.O. Ich kann die Stelle leider nicht im Zu-
sammenhang prüfen, möchte gern wissen, was es mit den drei
Punkten für eine Bewandtnis hat, ob sie in der Ausgabe stehen,
oder ob von Hosch etwas weggelassen ist. Aber fouf de meme
bedeutet hier nicht ‚gewils‘, wie Hosch übersetzt, sondern ist mit
einem gewissen Widerstreben gesagt: ‚na, meinetwegen!' Der
Sinn ist: ‚Ich tue es nicht gern, aber ich will dir den Platz trotz-
dem überlassen.‘
Merkwürdig ist, dafs der Franzose in allen diesen Fällen immer
tout de m&me sagt, nicht das einfache de möme, das ja doch auch
‚in der gleichen Weise‘ bedeutet; dest de meme dröle sagt er nicht.
Es wird sich aber fragen, ob das nicht in den Dialekten vorkommt.
g) Kanadisch-franz. Zare:l ‚trotzdem‘.
Interessant ist nun, dals im kanadischen Französisch, wie
es sich in Louis Hemons Maria Chapdelaine zeigt, die ich aber nur
in der verkürzten Fassung bei Velhagen u. Klasing kenne, wieder-
holt fareil gebraucht wird im Sinne von fouf de meme: je savais
bien que ... les chemins d travers les bois seraient mauvais pour venir.
Mais je suis venu pareil ‚trotzdem‘ 26, 2; Non, on a td malchanceux
tout du long (‚den ganzen langen Weg‘). Mais nous voılä revenus
pareil ebd. 44, 27; Il est venu un peu d’eau sur la glace, dit-ıl, et
la neıge a Jondu; mais nous devons Elre bons pour traverser pareil
ebd. 15, 18; Chacun songea avec soulagement (nach dem Weggang
des Arztes): «C’est un bon remiede quil lu a donne, pareil!» (der
Arzt der Kranken) Ze ne se lamente plus ebd. 114, 32; Ca ne
fait rien: j'irai pareil 116, 11. Und bald darauf wiederholt er:
J'irai pareil. Zunächst stutzt man. Aber, wenn man bei der
Lektüre auf alles achtet, was zur Aufhellung dieser merkwürdigen
42°
660 GEORG EBELING,
Verwendung dienen könnte, dann findet man einen Weg. In dieser
Sprache, die übrigens manches Altertümliche bewahrt hat, wird &
meme ganz im Sinne von ains? gebraucht: C’est dpeurant de l’en-
tendre (die Kranke) se Jamenter de meme ‚so‘ ebd. 111,3; Je peux
toujours lui donner quelgue chose pour l’empecher de pätir de m&me
ebd. 114,6; ZRien qu'd vous promener sur les troltoirs des grandes
rues, un soir, quand la journde de travail est finie ... rien qu’d vous
promener de möme (‚so‘), avec les lumiöres, les chars dlectriques qui
passent tout le temps ... vous verriez de quoi vous &lonner pour des
semaines ebd. 95, 5. Hier würde das volkstümliche Französisch zu
comme cela, comme ga (= ainsı) greifen: ne gesticulez donc Pas comme
ga avec votre lorgnetiel Gyp, F&e surprise 249; (jemand ist schwer
betrunken umgefallen. Eine Frau meint:) que ce ne serait rien, que
ce monsieur allaıl dormir comme ga douze d quinze heures, Sans accı-
dent Zola, Nana 125; (Quand elle a apergu la table, tenez! sa figure
s’est tortillee comme ga Ders, Assommoir 212; Mais quest-ce quWils
avasent donc lous pour älre apres toi comme ga? Daudet, Sapho 78;
sehr häufig, s. auch Hosch, Flickwörter unter ga. Und wie dieses
comme cela auch attributivisch nach Substantiven steht: ur komme
comme cela ‚ein solcher Mann‘ — Jl est bon d’avoir des amıs
comme cela Mol., M. de Pourceaugnac 1,7; Mon Dieu! qu’on est
miserable d’avoir des gens comme cela! ebd. II, 2 und noch immer:
des moments comme cela Tinayre, Avant !’amour 104; Un’y a que
vous qui ayez des cheveux bizarres comme ga! Gyp, F£e surprise 33;
Elle avait des moments comme cela R.Rolland, Foire 159 und oft
— so erscheint in dem kanadischen Französisch de meme in
gleicher Funktion: Avec des chemins de m£&me (bei solchen Wegen)
nous ne serons pas les seuls forces de rester chez nous d soir Hemon,
Chapdelaine 66, 14; Avec des chemins de m&me, dit-ıl, est pas qu’une
pelite affaire de venir voir des malades ebd. 112, 16, Mais non!
Mais non! Fais-toi pas des idees de m&me ebd. ı15, ı0. Das trifft
man übrigens im 17. Jahrh. auch in Frankreich an, s. Littre unter
meme 16; Haase $ 53, Anm. 2; Livet, Lexique de Molie&re meme
u. III, 63. Daneben begegnet aber auch hier comme cela: C'est
vrai, il y a des hommes comme cela ebd. 27, 29. So wird das
adverbiale de möme synonym mit dem adjektivischen ZDaresl: des
chemins de möme = des chemins pareils. So wird schliefslich be-
greiflich, dafs Dareil analogisch für de meme eingetreten ist in der
oben belegten Ausdrucksweise: (die Wege sind schlecht) Mais je
suis venu pareil ‚gleichwohl‘; (wir haben Pech gehabt) Mais nous
voıld revenus pareil. Natürlich steht unter den Umständen unver-
änderliches ?arel. In fast allen angeführten Stellen erscheint
kein Komma vor diesem are; nur einmal ist es gesetzt, also
eine kleine Pause davor. Aber das liegt an dem Relativsatz,
zu dem jareil nicht gehört. Ist die Erklärung richtig, wie ich
glaube, dann wäre die ursprüngliche Form: je sus revenu de mäme,
ohne das Zouf; also die Form, die ich oben für französische Mund-
arten vermutet habe. Sonst mülste man annehmen, dafs fareıl in
ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 661
diesen Stellen adverbial im Sinne von 2arezllement gebraucht
würde: ‚in gleicher Weise‘ — ‚trotzdem‘. Aber Jarel wird sonst
in dem Texte nicht adverbial verwendet, und Jarezllement kommt,
glaube ich, in ihm überhaupt nicht vor. Auch der Weg scheint
nicht gangbar, pareill —= dest pareil zu fassen, etwa wie sür ver-
wendet ist im Sinne von cesf sür: Ca va.vous guerir, madame
Chapdelaine, sür comme il y a un bon Dieu 109, 21, wie ja auch
im eigentlichen Französisch dien s@r nicht selten gebraucht wird:
ıl viendra, bien sür. Oder wie hier besonders häufig certain: Zi
justement il a neige il y a deux jours! ga va poudrer, certain! ebd.
120, 25; Zu dais bien gröö de femme, certain! ebd. 123, 24 ‚Du
hast eine gute Frau gehabt, gewils‘; ces? ma faute, certain! ebd.
127,28; Une bonne nuit el demain malın je serai correcte (‚wohlauf‘),
certain! ebd. 107,4; Je vais travailler tout VEtE d deux piastres
el demie par jour et je mettrai de l’argent de cöld, certain ebd. 50, 17.
So auch caır: je reviendrai au Prinlemps avec pas moins de deux
cenis piastres dans ma poche, clair ebd. ı01, ı8. In allen diesen
Fällen steht die vollere Form daneben: Zle pählt, dest sür: on
ne peut pas la laisser comme ga ebd. 109, 9; Le bon Dieu n’aime
pas ga, cest sür ebd. 51, 31 u.a.; Ze vent burne au sudet. (sic!)
Blaspheme! 1 va mouiller encore, dest clair ebd. 51, ıı. Und so
natürlich auch ces# certain. Aber aus diesen volleren Formen sind
die einfachen: sär, certain, clair nicht hervorgegangen durch Wegfall
von dest, sondern sie stehen appositiv zum vorhergehenden Sach-
verhalt; eine Kopula ist nicht nötig. Damit steht Zare/ nicht auf
einer Stufe: Hier begegnet die vollere Form c’esf pareil überhaupt
nicht. Und während vor sür, certain, claır jedesmal eine kleine
Pause ist, angedeutet durch das Komma, fehlt sie vor pareıl stets.
Die eine Stelle mit Komma hat, wie oben gesagt ist, ihren beson-
deren Grund.
Daneben begegnet aber auch in diesem Texte Zouf de meme:
a la place on je reste maintenant, qui est dans | ’ Etat de Massachusetts,
il y ena moins (nämlich französisch sprechende Kanadier). Queiques
/amilles tout de möme 42, ı6 ‚immerhin‘; (Ich dachte, deine Mutter
würde noch die Zeit erleben, wo wir ein schönes Stück Land mit
Gemüsegarten hätten) Zr voild quelle est morte tout de meme
dans une place d moiliE sauvage ebd. 127, 23 ‚trotzdem‘; Je n’aı pu
venir plus töl, expliqua le cur. Mais me voıla tout de m&me ebd. 116, 28,
wo es auch me voldd Dare:l in der Sprache der Kanadier heifsen
könnte. Das de m£me zeigt übrigens in dem Texte auch sonst
noch eigenartige Verwendungen, auf die ich hier nicht eingehen
will. —
Soweit wie der Franzose mit seinem /ouf de m&me in Fällen
wie ces! tout de möme dröle, geht der Italiener in der
Verwendung seines Jo stesso nicht. Er würde in dem Falle zu
pure greifen: Zra pure una singolare creatura! De Amicis,
Maestro 284 ‚Sie war doch ein sonderbares Geschöpf!‘. Und ein
lo stesso als Antwort im Sinne von ‚na, meinetwegen‘ wäre ital.
662 GEORG EBELING.
unmöglich. Es mülste etwa: eddene, sia pure! heilsen. Ich denke,
auf die Verwendung von fure, das die drei Bedeutungen 1. ‚nur‘
2. ‚auch‘ 3. ‚doch‘ in sich schliefst, an anderer Stelle zurück-
zukommen.
h) frz. c’est &gal ‚gleichviel‘; neuprov. es egau
Andrerseits läfst sich mit ital. /o s/esso in gewisser Hinsicht
frz. c’es! egal im Sinne von ‚trotzdem‘ ‚gleichviel‘ vergleichen.
Gute Beispiele bei Hosch unter £gal; z.B. Ce que tu dıs id ma
pas le sens commun,; mais c’est Egal, ga me fait plaisir Scnibe,
Bat. d. Dames ı5, Aber Hosch geht hier, wie auch sonst, nicht
von der ohne weiteres gegebenen Grundbedeutung aus, und
deshalb ist das darin steckende Problem nicht behandelt. Er sagt,
egal sei bekanntlich soviel wie ‚gleichgültig‘; dest egal bedeute,
dafs irgend ein Umstand auf einen andern keinen Einflufs ausübe.
Es sei zu übersetzen mit ‚das macht nichts, schadet nichts, immerhin,
trotzdem‘. Vielmehr: /gal heifst ‚gleich‘. Und wenn man von
einer Person oder Sache sagt ‚sie ist gleich‘, so muls eine zweite
Person oder Sache da sein, der sie gleich ist. dgal setzt eine
Zweiheit von Personen oder Sachen voraus. A estegald B oder
Act B sont tgaux. So können natürlich auch zwei Sachverhalte
gleich sein. In dem oben zitierten Beispiele und in vielen gleich-
artigen ist aber immer nur ein Sachverhalt gegeben. Und darin
liegt das Problem. Sagt man gu’ pleuve ou non, dest &gal, il faıl
toujours une pelite tournee, so ist alles in Ordnung; ‚Mag es regnen
oder schönes Wetter sein, das ist gleich, er macht immer einen kleinen
Spaziergang‘. Daun sind zwei Sachverhalte da, sind wenigstens
als vorhanden angenommen. Und cest dgal sagt aus, dafs die
beiden Sachverhalte gleich sind. Der angenommene Sachverhalt
‚es regne‘ ist gleich dem angenommenen Sachverhalt ‚es regne
nicht‘; zwar nicht an sich, aber für den besonderen Fall, um den
es sich handelt. Sie sind gleich für sein Ausgehen, haben also
für sein Ausgehen keine Bedeutung. So nimmt ces/ “gal den Sinn
von ga ne fait rien an. Die Vorstellung der Gleichheit verblalst,
die Vorstellung des Indifferenten bleibt übrig. Und damit ist
die ursprünglich notwendige Zweiheit nicht mehr unbedingt nötig.
Und so sagt man analogisch ces/ d&gal auch da, wo nur ein Sach-
verhalt vorausgeht. Man bildet gleichsam von einem Dual einen
neuen Singular. Und das ist um so eher möglich, als ın dem
einen angeführten Sachverhalt mittelbar der zweite entgegen-
gesetzte mitschwingt. ‚Es regne‘ ist eben der Gegensatz zu
‚es regne nicht‘.
Folgt auf cesf Ögal in den meisten Fällen ein Sachverhalt,
für den der vor cest dgal stehende gleichgültig ist, so erscheint
nun cesi £gal gelegentlich auch ohne einen solchen: (Paul sagt zu
seiner jungen Frau, sie müsse sich in dem Schlosse, in dem sie zu
Besuch weilen, eine gewisse Zurückhaltung auferlegen, da die Schlols-
ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 663
herrin auf Etiquette halte; aber sie könnten sich ja heimlich im
Garten und sonst treffen) je /e donnerai des rendes-vous ... au
jardin ... parloul ... comme avant notre mariage .,. ches lon fere,
fu saıis? ... Die junge Frau erwidert: Ah! est egal! dest &gall ...
Pailleron, Monde ], 2 und setzt sich ans Klavier, um einen Schlager
zu spielen. Mit der Wendung ist die Antwort zu Ende; aber die
Punkte danach besagen, dals ein Gedanke nicht ausgesprochen ist,
der nach dem Zusammenhang etwa lauten könnte: je n’y consens pas
‚ich kann mich dazu nicht verstehen‘. Und dieser Gedanke ist
mittelbar dadurch zum Ausdruck gebracht, dafs sie sich ans
Klavier setzt und sich so um die steife Etiquette nicht kümmert.
C’est &gal kann man hier mit ‚wenn auch‘ übersetzen.
Während Hosch egal als ‚gleichgültig‘ im übertragenen
Sinne gefalst hat, hätte er mit dem eigentlichen Sinne von
‚gleichgültig‘ ‚soviel geltend, wie etwas anderes‘ operieren sollen,
das denselben Weg gegangen ist. Auch dieses setzt ursprünglich
immer eine Zweiheit voraus. ‚Ob du willst oder nicht, das ist
gleichgültig, gleichwertig, du wirst heute zu Hause bleiben‘ Es
ist gleichwertig für den besonderen Sachverhalt, der gleich darauf
angegeben wird: ‚Du wirst zu Hause bleiben‘. Und auch die
deutsche Sprache schreitet von der Zweiheit zur Einheit vor
und sagt: ‚Er kommt nicht; das ist gleich.ültig, wir fangen an’;
s. auch Paul in seinem WB., der ebenso erklärt.
Das Neuprovenzalische schliefst sich mit seinem: es egau
an: Es egau, disid Daniso d6u Cacalet, aurifu ben ama que se faguesse
farmacian! Roumanille, Conte prouvengau 230 ‚Es ist gleichgültig,
sagte D., ich hätte gern gesehen, dafs er Apotheker würde‘, d.h.
‚ich hätte doch gern gesehen, dals‘ usw.; fantf se gav& de car de
gabre, que m’agub uno indigeslioun e n’en crebe. Es egau, jamai
Cavaiounen an plus visit desempiöi, e veiran jamai plus tuba, coume,
aquel an per Calöndo, tube ta chamindio, o viel ermitage de Sant-
Jaque!, ebd. 239 ‚Er schlug sich so sehr den Leib mit Geflügel
voll, dafs er eine Verdauungsbeschwerde bekam und daran starb.
Und doch haben die Bewohner von Cavaillon nie mehr gesehen
und werden nie mehr rauchen sehen, wie in jenem Jahr zu Weih-
nachten dein Schornstein rauchte, du alte Einsiedelei von St. Jacques‘.
i) Ital. ugualmente ‚trotzdem‘.
Der Italiener verwendet zwar sein uguale, eguale nicht im
Sinne von ‚trotzdem‘, wohl aber das davon gebildete Adverb zgual-
mente, was die Wörterbücher nicht bieten. Einmal im eigentlichen
Sinne ‚in gleicher Weise‘: ad essere onesta o a non essere (das junge
Mädchen) avredbe perduto egualmente la ripulasione, De Amicis,
Maestro 318. Aber nun auch: /u folevi rimanere ın sala con glı
sposi e la disgrazia sarebbe successa egualmente Fogazzaro, Piccolo
m. 463 ‚in gleicher Weise, d.h. ‚trotzdem‘; Non importa,; l’ammalato
ha avuto ugualmente le cure che doveva avere Castelnuovo, Bottega
664 G. EBELING, ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROM. PARTIKELN.
d. Cambiav. 279; Avrebbe voluto che fosse stato certo alla prima che
non c’ era nessuna speranza clandeslina da fondare su di lei ma che
Z’amasse ugualmente Colombi, Cara Speranza 141; Mia madıre
acconsenlird meglio a lasciarci sposare, che a parlire assieme, soli, per
un luogo lontano.. — Mi dispiace, ma io verrö egualmente, anche se
lei non vorrd Deledda, Edera 157, wo überall auch das vorhin
besprochene d stesso stehen könnte.
GEORG EBELING.
Register.
Sachregister.
Abenarabi ı0, A. 17, 12f.
Adenet le roi, s. frz. Litg.
Aegidius Albertinus, Flagellum
diaboli, 304, A.1.
Aimeric de Peguilhan, 237.
Aimeri de Narbonne, 237.
Alanus ab Insulis, 4, 21f., 23.
Alexander v. Hales, 22.
Ammianus Marcellinus, 38.
Aragonien, das Verbindungsplied
zwischen Ungarn und der prov.
Dichtung, 236 f.
Aristoteles, 2.
Augustinus, 2 u. A.1.
de Barante, Prosper, 598f.
Bartsch, Karl, 604 f.
BauduindeSebourg, Anspielungen
auf die Macht des Geldes, 277.
Bernhard von Clairvaux,
A. I, 144.
Boccaccio, s. it. Ltg.
Bonaventura, 3u. A.5, 22f., 313,
315.
Bretonische Laissinger, Ver-
breitungsgebiet, 54; ihre Sprache, 55.
Brüggemann, Advokat Mullerich,
283—286.
Carmina Burana, 35, 37.
Charles de Coster, Ulenspiegel,
281.
Chevaliers as deusespees, 267,
A.2.
Cidchroniken, s. span. Ltg.
Ciddramen, 449fl. u. 6.
Cidromancero, 448f. u. 6.
Compilatio singularis
plorum, 156 ff.
Corneille, Le Cid, 446—449.
Dancourt, Les Bourgeoises & la
mode I, 7—ı2, 2382 A.
Dante: Convivio, 36. — Epistolae,
15. — Göttliche Comödie, I, 4,
12 A. 23, 14. ı6f., 21, 25f., 36, 38.
— Monarchia, 35. — Sonette, 19. —
Studium der Troubadours, 320. —
Vita Nova, s. it. Ltg.
126,
exem-
De dan Denier, 277.
De nummo, 277.
Eustache Deschamps, „Zouf se
fait par force d’argent“, 277.
Diego de Estella, Vanidad del
mundo; cien meditaciones del amor,
310f., 313.
Dionysus Areopagites,
A.29.
Dit des Mais, 168.
Dit de laQuceue de Renart, 168.
dwöwvalovyalxeiov, 262fl.
Etienne de Bourbon, 163[.
Fergusroman, 267, A.2.
Francisco de Osuna, Abecedario
espiritual, 303 fl.; besonders Tercer
Abecedario, 305 ff.; 309.
Französisch. Wortschatz: Johan
Vising, Der historisch genetische
Gesichtspunkt bei Anordnung der
Bedeutungen in französischen Wör-
terbücheın, 541— 544.
Lautiehre: ’>y im Frz. des 17.°,
46. — Labialisierung des @ in -acu
im Afrz., 283. — Assimilation einer
velaren Spirans an einen anlautenden
Labial im Wallonischen, 289. —
au vor n>a, 289. — Margarete
Rösler, Londoner Französisch im
XIII. und XIV. Jahrhundert, 409
—417. — Adolf Zauner, Freie
und gedeckte Vokale im Franzö-
sischen, 606— 618.
Formenlehre: Übergang von -ir zu
-zer bei echt frz. Verben im Lothring.
und Wallon., 44. — Ersatz der
Endung der 3. Plur. Praes. -zunt
durch -unt im Galloromanischen,
287 ff.
Syntax: Altred Risop, Zur Syntax
des Relativpronomens (faire taire
— faire se taire), 372— 393.
19 u.
Literaturgeschichte: Philipp Aug.
Becker, Adenet le roi und seine
Gönner, 23—29. — Arthur Franz,
Die reflektierte Handlung im Cliges,
666
gı—86. — Heinrich Gelzer, Der
Silenceroman von Heldris de Corn-
valle, 87—99. — Alfons Hilka,
Altfranzösische Mystik und Beginen-
tum, 121—170. — Charles Bertram
Lewis, The function of the gong
in the source of Chrestien de Troyes’
Ivain, 254—270. — Erhard Lom-
matzsch, Französisches zu E, E.
Niebergalls „Datterich“*, 271—286.
— Emil Winkler, Von der Kunst
des Alexiusdichters, 338—597. —
Wolfgang Wurzbach, Unver-
öffentliche Briefe und andere
Schrifistücke von Prosper de Barante,
J--Ch -L. de Sismondi, A.-J.-V. Le-
roux de Lincy, J.-D. Guigniaut, Jules
Sandeau und Karl Bartsch, 598
—b05 fl.
Froissart, Dit dou Florin, 275 fl.
Galater, Deutun: ihres Namens, 56.
Galen, 35f.
Gallier, Deutung ihres Namens, 56.
Gaucelm Faidit, 236.
Gautier de Coinci, 165.
Geus d’aventure, 165.
Gilla Decair (Wasserbecken) 261 f.
Gilles li Muisis, Des maintiens
des Bephines, 169.
Giordano Bruno, 14f.
Grisandole, im Prosaroman von
Merlin, Vulgataversion, und Silence,
g4fl.
Guigniaut, J.-D., 602f.
Guilhem de la Tor, 237.
Guilhem de Malaspina, 237.
Guilhen de Castro, s. span. Ltg.
Hanstein, Wilhelm, 282.
Heine, Lied vom Dukaten, 230. —
Harzreise, 280 f.
Henrivon Avranches, 35.
Hermes Trismegistos, 3u. A.6,
4f.
Hildebert von Tours, 35.
Huon de Bordeaux, Episode
„Dunostre®, 255 ff.
Ibn Gabirol, 2.
Italienisch. Zautlehre: ZI>u vor
Dental im Toskanischen etc., 494. —
ZLab. Vel.>r in ital. Dialekten,
494, A.ı. — Palatalisierung von
/Kons. als Reaktion gegen die Ten-
denz Z>u in ital. Dialekten, 496f.
— Lautersatz des ZKons. durch r
im Ttalienischen, 407f. — Z+ Kons.
> 21+ Vokal + Kons. ım Süditalien.,
498f. — Ausfall de Z/Kons. in pie-
mont. Mundarten, 498. — Assimi-
lation des Z an folg. Kons. im Ital.,
500.
SACHREGISTER,
Literaturgeschichte: Friedrich Beck,
Die rätselhaften Worte in Dantes
Vita Nova, I—327. — O.Schultz-
Gora, Boccaccios Vater urkundlich
in Paris nachweisbar, 443—445. —
Berthold Wiese, Fünf Barcelletten
nach alten Drucken, S80— 587.
Jacques d’Amiens, L’art d’amors,
164 f.
Jacques de Vitry, 163.
Jean de Cond&, De l’ipocresis des
Jacobires, 168.
Jehan le F&vre, Lamentations de
Matheolus, 169.
Joachim von Floris, 2, 6ff., 123,
A. 2.
Johannes Damascenus, 23.
Juan de la Cruz, Sı5.
Juan de los Angeles, Triunfos
del amor de Dios; Lucha espiritu-
al y amorosa entro Dios y el alma;
Diälogos de la conquista dol espiri-
tual y secreto reino de Dios: Manual
de vida perfecta, 312— 315.
Jnpiter Elicius, 259 ff.
Kristian von Troyes: Philomela,
37. — Erec und Enide, Joie de la
Cort) I 267, A.2. — Ivain, s, frz.
Lig. — Cliges, s. frz. Ltg.; als
Antitristan, nur bedingt zutreffend,
67 ff.; und Tristan, 67 ff.; und Corn-
wallis, 99.
Lamentationes Matheoli, 170.
Leroux de Lincy, A.-J.-V., 601f.
Loys de la Bellaudiero, s. prov,
Ltg.
Luis de Granada, Libro de la
oraciön y meditaciön, 310.
Maistre Pathelin, 283 u0 —
Fortleben der Farce, 285, A.1.
Merveillles de Rigomer, 267.
A.2.
Mistral, La reino Jano, 240f.
Mocedades del Cid, s. span. Lk.
Moli&re: Pathelin, 275fl. — Don
Juan IV, 3, 281f. — Bourgeois
Gentilhomme III, 4, 2382, A. ı.
Mystik und Beginentum, s. frz
Ltg.
Neuplatoniker, 2, 3, 13.
Nicolaus von Cues, 14.
Nodier, Charles, 598 f.
Parmenides, 3, 12.
Pedro de Alcäntara, Tratado de
la oraciön y meditaciön; Peticıön
especial de amor de Dios, 308 fl;
3ı2f., 315.
Peire Cardinal, Dels quatre caps,
10, A. 18.
Peire Ramon de Tolosa, 237.
SACHREGISTER.
Peire Vidal, 236.
Percevalfortsetzung (Gerbert)
164.
Petrarca, Studiam der Troubadours,
320.
Petrus Alfonsus, 8.
Philo Judaeus, 3, 4, ı12f.
Plato, E.. Liebestheorie, 301 u. 6.
Poema del Mio Cid, 455.
Properz, 35.
Provenzalisch. Wortschats: Di-
mitri Scheludko, Über die ara-
bischen Lehnwörter im Altproven-
zalischen, 418—442. — Chronologie
der arabischen Entlehnungen ins
Altprovenzalische, 441. — Italiens
und Spaniens Wichtigkeit als Mittler
arabischen Einflusses auf Südfrank-
reich, 441.
Lautlchre: 1Kons im Provenz. 495f.
Syntax: Kurt Lewent, Provenzalisch
plus negative Anssage steigernd, 249
—253.
Literatrrgeschichte: Herm. Breuer,
Eine provenzalische Urkunde aus
Najac vom Jahre 1310, 39—43. —
Lndwig Karl, Ungarn und uie pro-
venzalısche Dichtkunst, 235—24 1. —
Adolf Kolsen, Zwei provenzalische
Streitgedichte (B. Gr. 461, I6, u.
424, 1), 242— 248. — Alfred Pillet,
Grundlagen, Aufgaben u. Leistungen
der Troubadour-Forschung, 316-348.
— KlaraM. Fafsbinder, Formales
und Technisches in der höfischen
Dichtung des Reimbaut von Va-
queiras, 619—643.
Pythagoras 2, 3.
Raimbaut von Vaqueiras, s,
prov. Litg.
Regnard, Joueur, III, 7, 282.
Renart de Contrefait, Anspie-
lungen auf die Macht des Geldes,
277.
essen Adalb. Hämel,
Eine unbekannte R., 113— 114.
Roman de la Rose, 168f.
Roman de la violette (Gerbert
de Montreuil), 164.
Romanisch. A.Griera, Els noms
vascos dels mesos de Z’any, 102
—112. — Karl Jaberg und Jakob
Jud, Transkriptionsverfahren, Aus-
sprache- und Gehörsschwankungen.
(Prolegomena zum „Sprach- und
Sachatlas Italiens und der Süd-
schweiz“): Vorbemerkung; I. Tran-
skriptionsverfahren; II. Die Rela-
tivität der schriftlichen Fixierung
lautlicher Gehöreindrücke: III. Aus-
667
spracheschwankungen; IV. Gehörs-
schwankungen,;, V. Materialien zur
vergleichenden Kritik phonetischer
Transkriptionen (s. Vorbemerkung)
ı. Traversella; 2. Ceresole Reale;
3. Cerea; 4. Palombara; 5. Latsch;
6. Griments; 7. Castelfondo, 171
—218. — Leo Jordan, Studium
der Lautgewobnheiten u. Erkenntnis,
219—234.. — Werner Mulertt,
Doppelte Vornamen, 293—30I. —
Elise Richter, Impressionismus,
Expressionismus und Grammatik,
I. Impressionismus. II. Expressionis-
mus. III. Impressionismus und Ex-
pressionismus, 349— 371. — Geıhard
Robhlfs, Baskische Reliktwörter
im Pyrenäengebiet, 394—408. —
Friedr. Schürr, Sprachgeschicht-
lich-sprachgeographische Studien H.
Talpa, Mus, Rattus — ! vor Kons.
im Romanischen, 492—513. —
W.v. Wartburg, Discus, 576—579.
— Georg Ebeling, Zur Bedeutungs-
entwicklung romanischer Partikeln,
644—664. — Übernahme von griech.
x als roman. g, 50. — Kons. im
Lateinischen, 495. — Dissimilation
des Znach # < :, 495 f. — Zeit und
Intensität des Wandels von roma-
nischen ZKons. > u, 493.
Rustebuef: Les Ordres de Paris,
167; Des beguines, 167 f.; De la vie
du monde, 168; Anspielungen auf
die Macht des Geldes, 277.
Ruysbroeck, 313, 315.
Salut d’enfer, I165.
Sanct Honorat von Raimon Feraud,
137 ff, — von Hilarius, 238 fl.
Sandeau, Jules, 603 f.
Silenceroman, s. frz. Litg. — Par-
allelen zu seinen Motiven in der
Volksliteratur, 97 ff.
de Sismondi, J.-Ch.-L., 5991.
Songe du paradis, 166f.
Spanisch. Zautlehre: i1Kons. im
Span.-Port.-Katal., 495 f.
Literaturgeschichte: Ludwig Pfandl,
Franziskanische Mystik des 16. Jahr-
hunderts in Spanien, 302—315. —
WillySchulz, Ein Kulturbild aus
den Mocedades del Cid von Guillen
de Castro mit Ausblicken auf Quellen
und Technik des Dichters wie auf
den Cid des Corneille: A. Einleitung
(Geschichte des Cidstoffes); B.I.
Der Palaststreit; 1lI. Der Ritter-
schlag; III. Das Gegnerschaftsmotiv;
IV. Ehre: V. Astrologische Vor-
stellungen; VI. Galanterie und Liebe;
668
VII. König und Staat; VIII. La
relieiön cristiana; IX. Von Phy-
siognomik des spanischen Menschen
und seiner Schöpfungen; C., Schlufs-
betrachtung, 446 —401.
Streitgedicht zwischen Wein und
Wasser etc.: E.Braunholtz, Die
Streitgelichte Peters von Blois und
Roberts von Beaufeu über den Wert
des Weines und Bieres, 30—58.
Tacitus, Germania, 38.
Tauler, 313, 315.
Teresa de Jesüs, 303, A.ı, 313,
315.
Theresa von Avila, Vida 308,
309 u. 0.
Thomas Cantipratanus, 163,
259.
Thomas von Aquino, IS.
Troubadours; Namen der Trou-
badours, ihre Überlieferung, 324
— 329. — Lebensbeschreibungen der
Troubadours, 334 f. — Urkundlicher
Nachweis der Troubadours, 335 f. —
Zusammenfassende Darstellungen
über die Troubadours, Ursprungs-
fragen, 344— 348. — Kenntnis der
Troubadours von arabischer Litera-
tur, 442.
Troubadoureditionen, Publi-
kationen d, Sammelhss., Rezensionen
ders., Übersetzungen, 337—344.
Troubadourhandschriften, die
Grundlage der Forschung, 318-322.
Troubadourpocsie: Troubadour-
poesie und Dante, 21. — — und
Ungarn, s. prov. Litg. — Indirekte
Überlieferung der Troubadourlieder,
322—324. — Überlieferung der
Fürstennamen in den Licdern der
Troubadours, 329f. — Sprächliche
Kriterien für die Autorschaft bei
Troubadourliedern, 330f. — Metr.
WORTREGISTER.
Eigentümlichkeiten als Kriterium
der Autorschaft bei Troubadour-
liedern, 331 ff. — Chronologie der
Troubadourlieder, relative und ab-
solute, 333 ff.
Ulrich von Zatzikhoven, 254f.
Ungarn in der prov. und afrz. Dich-
tung, 235.
Vergil: 35, 38; — Aeneis VI, Sal-
moneusepisode, 257 ff.
Wace, Rou, Sturmquelle, 256 ff.
Zohar, II, 17.
Wortgeschichte. Fransösisch:
Eugen Herzog, Wortgeschicht-
liches: a) frz. amour; b) afız. en-
glouve adj. fem. „gefrälsig“; c) frz.
maigle, prov. mapalk, I15—120. —
Wilhelm Meyer-Lübke, Zur
galloromanischen Sprachgeschichte:
a) frz. font, wallon. feent, 2837 —289.
Wilhelm Meyer-Lübke, Zur
galloromanischen Sprachgeschichte:
b) gaskognisch num: aus lat. nomen,
289—292. — Gunnar Tilander,
Le sens et l’origine de v. fr. Zlasssier,
plaisseis, 523—540, 2. v.O.
Italienisch: Joseph Brüch, Zu altit.
morfire „fressen“, 44—46. — Gia-
como de Gregorio, Due etimo-
logie: catanese Diofr#, italiano
ciurlaro, 100 —101.
Provenzalisch: Vincenzo Crescini,
Revestor, 47—48. — Karl v. Ett-
mayer, Die Wortsippe um aprov.
galliar, 9—60. — Eugen Herzog,
Wortgeschichtliches: c) frz. maigle,
prov. magalh, 119—120. — Gunnar
Tilander, J.e sens de l’origine de
v. fr. Blaissier, plaisseis, 523 —540.
Spanisch: Eva Seifert, Die beiden
Verben Ahabere und tenere in der
altspanischen Danza de la Muerte,
514—522.
Wortregister.
amirarius (mlat.)
Lateinisch. 422.
admira (mlat.) 422.
admiratus (mlat.
11.0) 422.
adsero (vlat.) 110.
adventu (vlat.) ııT.
alcanna (mlat.) 419.
alkitran (mlat.) 421.
*allare (rom.) 57.
ambulare (lat.) 57.
amiratus (mlat.) 422.
annu (lat.) 104.
aqua (lat.) 104.
auru (vlat.) 104.
azamar (mlat.) 440.
azemala (mlat.) 440.
azimar (mlat.) 440.
bestia (lat.) 615.
buccellarii (vlat.) 59.
bufo (lat.) 509.
bussa (mlat.) 442.
caballus (vlat.) 57.
cabella (mlat.) 430.
cauculus (vlat. 301
n. Chr.) 495.
circulari (lat.) 101.
cubebe (mlat.)
califus (mlat.) 425. 426.
callum (lat.) SO. darbus (mlat.)
*cancraena (lat.)S0o. 508.
capreolus (lat.) 403 dicunt (lat.) 289.
A.s- diluvium (lat.)
carabus (lat.) 399.
542.
carpinu (vlat.) 291. discus (lat.) 576.
*diunt (vlat.) 289.
*exsartare (vlat.)
396.
facıunt (lat.) 287.
*facunt (vlat.) 287.
fagu (vlat.) 288.
failla (vlat.) 289.
*famen (vlat.) 292.
famine (vlat.) 292.
fardellus (mlat.) 429.
*faunt (vlat.) 287.
fava (vlat.) 107.
feda (mlat.) 429.
fenile (vlat.) 108.
ferre (lat.) 543.
filice (vlat.) 291.
finire (lat.) 103.
flamen (lat.) 290.
florariu (vlat.) 106.
flore (vlat.) 106.
fraxinu (vlat.) 104,
291.
fodica (vlat.) 506.
forca (lat.) 506.
gabella (miat.) 430.
gadalis (mlat.) 55.
galanga (mlat.) 430.
Galati (lat.) 56.
galea (lat.) 50.
galeare (lat.) 58.
galearii (vlat.) 59.
galeator (mlat.) 59.
galeatus (vlat). 58.
galerum (vlat.) 58.
galiardus (mlat.) 59.
galiarii (vlat.) 59.
galla (lat.) 49.
*gallare (rom.) 53,
57.
gallescere (lat.) 53.
Galli (lat.) 56.
galliarii (vlat.) 59.
*salllö (lat.) 50.
*galitta (vlat.) 31.
gallium (lat.) 50.
*salliimen(vlat.) 51.
*oallizare (vlat.) 53.
Gallizenae (Mela)
6
gallodromt (vlat.)
59.
gallus (lat.) 50.
galus (Orybasius)
50.
ganglium (lat.) 50.
gangraena (lat.) So.
gaudere (lat.) 543.
gandescere (lat.) 53.
gelu (vlat.) 104.
glandula (lat.) 50.
WORTREGISTER.
goliardus (mlat.) 59.
granu (vlat.) 108.
granu + granu (vlat.)
106.
habere (lat.) sı4 fl.
hostis (lat.) 55.
idem (lat.) 655.
ingluvies (lat.) 118.
julep (mlat.) 431.
juncu (vlat.) 103.
juvene (vlat.) 2g1.
*laccus (vlat.) 288.
lacu (vlat.) 288.
lectu (vlat.) ıır.
levare (lat.) 542.
Maiu (vlat.) 106.
*mäkalla (vlat.) 120.
Martiu (vlat.) 105.
mascha (mlat.) 432.
maschara (mlat.)
432.
masculus (lat.) 403.
mergae (lat.) 119.
*mergula (vlat.) ı19.
morphea (mlat.) 44.
mulus (lat.) 508,
mummia(mlat.) 433.
mundus (lat.) 617.
*mürlca (vlat.) 512.
mus (lat.) 492 fl.
nebulu (vlat.) 104.
nigru (vlat.) 112.
nocte (vlat.) II.
nomen (lat.) 289.
*nominem (vlat.)
290.
nucha (mlat.) 434.
orbis (lat.) 576.
palo (lat.) 537.
pangere (lat.) 538.
pardum (mlat.) 429.
paxillus (lat.) 537.
pecten (lat.) 290.
pectore (vlat.) 290.
pectus (lat.) 105.
pera (vlat.) 107.
pilu (vlat.) 107.
*plactus (vlat.)
539.
plagare (vlat.) 539.
plaisaitium (mlat.)
532.
plaissicium (mlat.)
532.
plangere (lat.) 538.
planu (vlat.) 104.
plassagium (mlat.)
33-
plassearium (mlat.)
532.
plasseiatum (mlat.)
32.
plasseitum (mlat.)
532.
plassetum (mlat.)
532.
plassonus (mlat.)
533.
*plaxare (vlat.) 539.
*plaxarius (vlat.)
539.
*plaxata (vlat.) 539.
„plaxaticius“ (vlat.)
539.
plaxetum (mlat.)
523.
plaxitio (mlat.) 532.
plaxitium (mlat.)
532.
*pnlaxum (vlat.) 522.
#*plaxus (vlat.) 539.
plectere (iat.) 529.
pleisseicium (mlat.)
529.
plessatum (mlat.)
plesseium (mlat.)
532.
Plessetum (mlat.)
582,
plessiaco (mlat.) 533.
plessiacum (mlat.)
533.
plessitua(mlat.)532.
plexicium (mlat. 532.
plicare (lat.) 538.
*plicaticuis (vlat.)
538.
ponticus, -a (vlat.)
506.
portare (lat.) 542.
postea (lat.) 615.
quadrellus (vlat.)
542.
quadrum (lat.) 400.
quadrus (vlat.) 543.
*quassiculare (vlat.)
398.
ratıus (lat.) 492 ff.
retrahere (lat.) 544.
revestiarium (mlat.)
revestorium (mlat.)
48.
rocca (vlat.) 400.
salamalec (mlat.-ar.)
425.
sarculu (vlat.) 106.
sauma (vlat.) 496
A.3.
sedentare (vlat.) 105.
669
sedern (lat.) 105.
sıropus (mlat.) 427.
*soricu (vlat.) 506.
suile (lat) 408.
suldanus(mlat.)438.
sus (lat.) 408.
sustinere (lat.) 542.
syrupus (mlat.) 427.
taflata (mlat.) 439.
tala (mlat.) 439.
talare (mlat.) 439.
talpa (lat.) 492 ff.
talpanus (lat.) 501.
talpona (lat.) 501.
talpina (lat.) Sor.
tamen (lat.) 655.
tantum (lat.) 648.
tantumst (lat.) 248.
tenere (lat.) Sı4 ff.
Teodörus (lat.) 101.
torzimani (mlat.)
427.
*tragicare (vlat.)
283,
*traginare (vlat.)
288.
tragum (lat.) 288.
*trapunt (vlat.) 287.
*rahinare (vlat.)
288.
trahunt (lat.) 287.
turcesia (mlat.) 425.
turcimani (mlat.)
427.
vapore (vlat.) 109.
vencillu + avicellu
(vlat.) 107.
vere (vlat.) 107.
viridu (vlat.) 105.
zara (mlat.) 471.
zedoar (mlat.) 440.
zegi (mlat.) 440
zemech (mlat.) 440.
zet (mlat.) 440.
zezi (mlat.) 440.
zimiech (mlat.) 440.
zingar (mlat.) 440.
ziniar (mlat.) 440.
zirbus (mlat.) 440.
zituar (Hildeg.)
440.
zuppa (mlat.) 431.
zymar (mlat.) 440.
zynfer (mlat.) 440.
Französisch.
abriege (afrz.) 613.
achieve (afrz.) 616.
ache (afrz.) 613.
670 WORTREGISTER.
alcöve (frz.) 420.
aller (frz.) 57.
ameu (Aube, südl.
Champ.) 115.
ameur (frz.) 115.
amiu (dial. frz.) 289.
amor (afrz.) 117.
c’est Egal (Irz.)662f. Grales (afrz.) 54.
emporter (frz.) 543. galesc (afrz.) 54.
englouve (atrz. adj. galfe)ter(norm.,anj.,
fem.) 118. Maine) 57.
engluive (afrz.) 119. galibote (manc.) 54.
entier (frz.) 615. galibourdä (gren.)
envoyer au galivage
mien (frz.) 289.
mols (afrz.) 617.
momie (afız.) 433.
monde (afrz.) 617.
mont (afrz.) 617.
montagne (frz.) 612.
54. montaigne (afrz.) 613.
galie (mfrz.) 60.
amors (obl. sg. bei (anj.) 54. morfalier (Henne-
Chrestiien) 117. &pouventer (frz.) gali&(afrz.,Savoyen) gau) 45.
amour (frz.) 115. 289. 55. morfer (mfrz.) 44.
ant (afrz.) 289. esgaler (afrz.) 54. galier (Rabel.) 55. morfaille (mfrz.) 44.
apele (afız.) 616.
apiele (afrz, dial.)
016,
apporter (frz.) 543.
aveugle (frz.) 615.
Bagay (walon.) 289.
beals (afrz.) 616.
beaus (afrz.) 609.
bisse (frz.) 615.
bocer (afız.) 509,
bocere& (frz.) 509.
bontemps (Irz.) 54.
bosse (tız.) 509.
bottes (frz.) 54.
bougie (frz.) 424.
bousson (Besang.)
509.
brief (afrz.) 613.
büso (frz. Schweiz.)
espice (afrz.) 613.
essarter (frz.) 396.
face (frz.) 613.
*faient (afız.) 288.
faire (afrz.) 287.
fait (frz.) 609.
fant (afrz.) 289.
fardeau (frz.) 429.
*favent (wallon.)
289.
feent (wallon.) 287.
feste (afrz.) 615.
fierge (afız.) 615.
fieus (nfrz. ma.)
616.
filz (nfrz. ma.) 616.
font (irz.) 287.
force (frz.) 615.
fou (afrz.) 288.
fouan (nördl. pik.)
508.
fouillant (wall.lothr.)
galigäs (norm.) 54.
galiot (mfrz.) 60. 44.
galivage (afrz.) 54. morfier (mfrz.) 44.
gallon (frz.) 60. *morfiller (mfrz.)
galois (afrz.) 54. 46.
galoper (frz.) 54. ®morfir (mfrz.) 44.
galvander (frz.) 54. mote {afrz.) 503.
galvaudar(Vogesen) mötriüi (Oberels.)
morfiailler (Rabel.)
509.
motte (frz.) 509.
motter (frz.) 509.
mot(t)eret (frz.) 509.
moutire (Doubs)
509.
mul(e)t (Marie de
Fr.) 509, A.ı.
mulot (frz.) 509.
müs (afrz.) 509.
nice (afrz.) 615.
niece (afrz.) 615.
noces (frz.) 615.
oui (frz.) 609.
paille (frz.) 610.
paissel (afrz.) 537.
paisson (frz.) 537.
pareil (kanad. Irz.)
53.
galvauder (dial. frz.)
53.
galvoece (mainc.) 54.
garie (Vogesen)
53.
gaule (frz.) 60.
gauler (G.deCoincy)
55, A. 1.
glace (frz.) 613.
Grice (afrz.) 613.
hache (afrz.) 613.
haleter (frz.) 57.
hui (afrz.) 614.
ive (afrz.) 615.
jael (afırz.) SS.
jaial (afrz.) 55.
jalous (frz.) 115,
509.
cafard (frz.) 430.
carreau (frz.) 543.
carouble (afrz.) 426.
Charizey (frz.) 613.
chichons (Bayonne)
398.
505.
fref (wallon.) 289.
fueille (frz.) 610.
furet (Dep. HErault)
cierge (frz.) 615.
cirge (afrz.) 615.
Clamecy (frz.) 613.
coille (afrz.) 610,
conseil (frz.) 610.
consoil (ma. frz.)
611.
correcier (afrz.) 612.
couille (frz.) 610.
crapaudine(frz.)401.
creche (afrz.) 613.
cubebe (frz.) 426.
cuisse (afrz.) 615.
deborder (frz.) 54.
deis (afrz. mirz.)
578.
deluge (frz.) 542.
dient (afrz.) 289.
*dient (afrz.) 289.
*dint (afrz.) 289.
diont (dial. frz.) 289.
douane (frz.) 426°
eawe (afrz.) 615.
512.
fustaine (afrz.) 429.
futaine (afrz.) 429.
fyö (ma. nfrz.) 616.
gaalise (Blanchan-
din) 55.
gaber (afrz.) 54.
te fla be gaille
(wallon.) 53.
gaillon (dauph.)
53.
gala (fız.) 60.
galabontein (gren.)
54.
galant (frz.) 60.
gale (ostfrz.) :5.
faire la gale (Villon)
galebontem ps (Vaux
de vires) 54.
galee (mfrz.) 60,
galer (afrz.) 54.
galeresse (afız.) 55.
jouir (frz.) 543.
lac (frz.) 288, A. ı,
lai (afrz.) 288.
lief (afrz.) 613.
liege (afrz.) 613.
lievre (afrz.) 614.
lire (frz.) 287, A. r.
lit (afrz.) 615.
magle (afrz.) 119.
maigle (frz.) 119.
manecier (afrz.)
612,
mauvaise gale
(norm.) 55.
de m&me (kanad.
frz.) 659.
tout de m&me (frz.)
656 fi.
me(r)gle (afrz.) 119.
mesquin (afrz.)
433.
mi (afrz.) 614.
mielz (afrz.) 610.
659 fl.
partr (frz.) 544.
parveillon (afrz.)
612.
peels (afrz.) 616.
pied (frz.) 609.
pitre (sofrz.) 290.
plais (afrz.) 531.
plaisseis (afrz.)
523 fl.
plaissie (frz.) 529.
plaissier (afrz.)
523 fl.
Plassat (saintong.)
Plassay (saintong.)
533.
pleier (afrz.) 538.
pleissiei(norm.)533.
plesce (Renart) 531.
plesse (norm.) 533.
plesser (norm.) 533.
plessis (afrz.) 529.
plessis (Poit.) 533.
plessure (anj.) 533.
ploi (frz.) 538.
proche (afrz.) 613.
pruef (afrz.) 614.
puis (frz.) 615.
rage (frz.) 613.
reproche (atrz.) 614.
repruece (afrz.) 613
retirer (frz.) 544.
retraire (afrz.) 544.
revesteur (afrz.) 48.
revestiaire (afrz.)
revestitoire (afrz.)
48.
revestoir (frz.) 48.
riegle (afrz.) 615.
roegnier (afrz.) 612.
roge (aftz.) 613.
romavage (afrz.) 54.
sache (afrz.) 613.
seiche (afrz.) 613.
semoraul (schweiz.
frz.) 107.
set (afrz.) 615.
siecle (afrz.) 615.
soiche (afrz.) 613.
somarer (schw. frz.)
107.
Soredamors (afrz.)
117.
supporter (frz.) 542.
tant (frz.) 649.
tarchais(Wace) 426.
taupe (frz.) 493.
taupinißre (frz.) 501.
tesmoigne (afrz.)
613.
tierz (afrz.) 615.
töp (pik.) 508.
torne (afrz.) 610.
trainer (frz.) 288 A.
traire (afrz.) 287.
transporter (frz.)
542.
#tront (afrz.) 287.
ueil (afrz.) 614.
ues (afrz.) 614.
vant (afrz.) 289.
vece (afrz.) 613.
viaz (frz.) 289.
vieil (afrz.) 614.
Provenzalisch
(einschl. Gaskogn.).
aben (gask.) 111.
aDor (bearn.) 395.
aglout (b&arn.) 402.
agör (b£arn.) 395.
WORTREGISTER.
alambic (prov.) 418.
alaquana (prov.)
419.
albaran (prov.) 419.
alcafıt (prov.) 419.
alcali (prov.) 419.
alcavot (prov.) 419.
alcoton (prov.) 419.
alcuba (prov.) 420.
alferan (prov.) 420.
alfı (prov.) 420.
algarada (prov.)420.
algaravic (prov.) 420.
Algorisme (prov.)
420.
aliscara (prov.) 421.
alkimia (prov.) 421.
Almassor (prov.)
421.
almatrac (prov.)
433.
alquitran (prov.)
431.
alsagaia (prov.) 421.
alvistra (prov.) 411.
amapärdo (b&arn.)
400.
ambra (prov.) 422.
amiran (prov.) 412.
amirar (prov.) 422.
amür (bearn.) 395.
amurro (b&arn.) 396.
amürru (bearn.) 395.
anafıl (prov.) 434.
angelot (prov.) 423.
anta (prov.) 289.
arcabot (prov.) 419.
argaut (prov.) 440.
arralb (b&earn.) 408.
arralh& (b£arn.) 408.
arsagaia (prov.)
421.
artic (nprov.) 396.
artigal (prov.) 396.
artigau (nprov.) 396.
artigo (limous.) 396.
artigolo (prov.) 396.
artijo (lim.) 396.
artiko (bearn.) 396.
asasi (prov.) 423.
asnu (gask.) 291,
atauc (prov.) 440.
auranja (prov.) 423.
ausesi (prov.) 423.
avenuz (prov.) 423.
azar (prov.) 423.
azaura (prov.) 423.
aze (prov.) 291.
azu (gask.) 291.
azur (prov.) 423.
bafomaria (prov.)
432.
balach (prov.) 424.
balais (prov.) 424.
barbacana (prov.)
424.
bardel (prov.) 424.
barracan(prov.)424.
besana (prov.) 424.
biscle (bearn.) 398.
biskerro (b&arn.) 398.
biskor (Ariege) 398.
bocaran (prov.) 424.
bogia (prov.) 424.
borais (prov.) 440.
boum (Luchon) 401.
bufö (gask.) 512.
bus (prov.) 425.
de Diskör (beam.)
398.
caf (prov.) 425.
cafera (prov.) 425.
calamalec (prov.)
425.
Califa (prov.) 425.
camelin (prov.) 425.
camelot (prov.) 425.
caneja (prov.) 425.
caramida (prov.)
435.
carcais (prov.) 425.
carobla (prov.) 426.
carrat (prov.) 426.
cayrat (prov.) 426.
cordoan (prov.) 426.
cortves (prov.) 426.
coton (prov.) 420.
cotonez (prov. 13°)
420.
cubeba (prov.) 426.
desc (aprov.) 577 A.
doana (prov.) 426.
doltze (gask., prov.)
291.
dorgoman (prov.)
427.
dultz (gask.) 291.
es egau (nprov.
662 f.
eisac (prov.) 427.
eisalot (prov.) 4328.
*eisartigar (prov.)
396.
eisec (prov.) 427.
eissac (Mistral) 427.
eissarop (prov.) 427.
eoü (Cauterets) 401f.
escac (prov.) 428.
espantar (prov.) 289.
espinarc (prov.)428.
671
eßartigä (Htes-Pyr.)
396 A.
falop (prov.) 429.
farda (prov.) 429.
fardal (prov.) 429.
feda (prov.) 429.
feletz& (prov.) 291.
teltz (gask.) 291.
feltze (prov.) 291.
fersa (prov.) 429.
festuc (prov.) 429.
folca (prov.) 429.
fraisnu (gask.) 291.
fundeguier (prov.)
429.
fustani (prov.) 429.
le Gabardan
(Landes) 400 A,
gabarra (Landes)
399.
Gabarret (Landes)
400, A,1.
gabarro (gask.) 369.
gabela (prov.) 430.
gabärro (b£arn.)
399.
gafur (prov.) 430.
gahüs (bearn.) 399.
gaioun (nprov.) SO.
galabardo (bearn.)
400.
galejä (nprov.) 52.
galejado (Marseille)
2
galejage (Mars.) 52.
galejaire (Mars.) 52,
galengal (prov.)
430.
gal@re (lyon.) 57.
galiador (aprov.) 51.
galiairitz (aprov.)
51.
galiar (aprov.) 49.
galiarz (aprov.) St.
galiat (aprov.) St.
galier (aprov.) St.
galhejä (nprov.) 52.
galhou (nprov.) so.
galoi (nprov.) 54.
garab& (wgask.,
rouss., langue-
doc.) 399.
garaby& (wgask.,
roussill., langue-
doc.) 399.
garawtce (Landes)
399.
garbın (prov.) 430.
gari (prov.) 511.
garren (Arrens) 400,
672
garrinero (Arrens)
400.
garroc (b&arn.) 400.
garröt (bearn.) 400.
gavarra (gask.) 399.
gavärri (gask.) 399.
gavarrier (aprov.)
399.
gavarro (gask.) 399.
gawarre (Landes)
399.
gazal (aprov.) 55.
gercü (bearn.) 4CO.
guwäıdo (bearn.)
399.
gari (prov.) Sı1.
hamen (Basses-Pyr.)
292.
härri (bearn.) 400.
idärt (Agnos etc.)
401.
isalot (prov.) 428.
issarop (prov.) 427.
issirop (Prov.) 427.
iü (bearn.) 401.
izär (bearn.) 401.
izart (gask.) 401.
ja(i)net (prov.) 431.
jarra (prov.) 431.
jazeran (prov.) 431.
jolep (prov.) 431.
julep (prov.) 431.
jupa (prov.) 431.
karpu (gask.) 291.
karrot (Barreges)
400.
kaus (Parn) 399.
klüta (bearn.) 402.
laca (prov.) 431.
lacai (prov.) 431.
lacärre (Valle
d’Ossau) 402.
lakarra (bearn.) 402.
lakärre (b&earn.) 402.
Jambre (prov.) 422.
lamfil (prov.) 434.
laut (prov.) 431.
lebre (prov.) 614.
lepir (prov.) 287 A.
lendi (pask.) 291.
limon (prov.) 432.
lit (Campan) 402.
litaräs (Arrens)
402.
lite (Campan etc.)
402.
lits (Campan etc.)
402.
lüdo (gask.) 402.
lürt (hescun) 402.
WORTREGISTER.
magaj (Alpes
mar.) 119.
margaja (Alpes
mar.) 119.
magalh (prov.) 119.
magalhar (prov.)
119.
magay (Alpes
mar.) 119.
Maimon (prov.) 432.
mandorro (pprov.)
403.
mandra (aprov.)
403, A. 2.
mandürra (bearn.)
403.
mano (nprov.) 403.
Maomario (prov.)
432.
marabeti (prov.)
432.
maraboti (prov.)
432.
marabotin (prov.)
432.
maravedi (prov.)
432.
maravites (prov.)
432.
marroquena (prov.)
432.
mascarat (prov.)
432.
masmudina (prov.)
432.
matalas (prov.) 433.
mauro (nprov.)
401 A.
mesquin (prov.) 433.
miei (prov.) 614.
momıa (prov.) 433.
mono (rouerg.) 403.
moresquin (prov.)
433.
moriquet (prov.)
433-
mortaiza (prov.)
433.
mosola (prov.) 433.
musc (prov.) 433.
museraba (pıov.)
433.
nabat (prov.) 434.
nafıl (prov.) 434.
naip (prov.) 434.
necari (pıov.) 434.
nom (prov.) 291.
*nomne (gask.) 291.
nuca (prov.) 434.
numi (gask.) 289.
oliban (prov.) 434.
omi (gask.) 291.
hac d’Oö (Luchon)
401.
ops (prov.) 614.
papagal (prov.) 434.
patac (prov.) 434.
petarre (bearn.) 403.
petarrok (bearn.)
403.
peus (gask.) 108.
plais (prov.) 532.
plaisa (prov.) 532.
plaisada (prov.) 532.
plaısaditz (prov.)
532.
plaisat (prov.) 532.
plaissar (prov.) 536.
playis (nivern.) 538.
playssadenc (prov.)
532.
playssar (prov.) 532.
pleissado (Mistral)
5332.
plus (prov.) 249
— 253.
quintal (prov.) 435.
rabey (prov.) 435.
rebeb (prov.) 435.
rebec (prov.) 435.
resegue (prov.) 435.
ravestiari (aprov.)
48.
revestor (aprov.) 47.
reysu (gask.) 291.
ribauda (prov.) 436.
ribaut (prov.) 436.
ribec (prov.) 435.
roc (prov.) 436.
roumavagi (nprov.)
54.
rup (prov.) 436.
sabata (prov,) 436.
sacre (prov.) 436.
safran (prov.) 437.
sanca (prov.) 437.
sangatöte (Landes)
406.
sanguandilla
(Alava) 406.
santafiero (bearn.)
405.
sarnäto (be&arn.)
405.
särri (Agnos etc.)
401.
satanis (prov.) 437.
satin (prov.) 437.
saupralo (b6arn.)
405.
segundino (b£arn.)
405.
semen (prov.) III.
sene (prov.) 437.
sernälo (bearn.)
405.
sernöto (be&arn.)
405.
sigorre (Landes)
404.
simach (prov.) 437.
singatine (Landes)
06
406.
singrauleto (bearn.)
405.
siphat (prov.) 437.
sirop (prov.) 427.
sisclaton (prov.)
438.
soda (prov.) 438.
soira (prov.) 438.
soldan (prov.) 438.
sorn6to (b£arn.)
405.
soueiro (nprov.)
438.
souiro (nprov.) 438.
sucre (prov.) 438.
sufra (prov.) 438.
sufro (nprov.) 438.
8:galo (bearn.) 403.
Bindüs (bearn.) 398.
Siskle (bearn‘) 404.
Sıßanglo (bearn.)
405.
Sifus (bearn.) 398.
Surro (bearn.) 404.
tabor (prov.) 439.
tafatan (prov.) 439.
tafetas (prov.) 439.
tafur (prov.) 439.
tala (prov.) 432.
tara (prov.) 439.
tarida (prov.) 439.
tarin (prov.) 439.
tardk (be&amm.) 406.
täsko (bearn.) 400.
täska (bearn ) 406.
tascat (bearn.) 406.
tascoun (prov.)
406 A.
tascoulä (prov.)
406.
tassa (prov.) 439.
tauc (prov.) 440.
taut (prov.) 440.
toujo (bearn.) 406.
toutcho (b£arn.)
406.
traginar (prov.) 288,
tripa (prov.) 440.
trueio (nprov.)
401 A.
tugäjo (Gez) 406).
tujä (Agnos) 406.
tujägo (Campan)
06
406.
tüje (Landes) 407.
tüjo (bearn.) 406.
turbit (prov.) 440.
turök (bearn.) 406,
türro (nprov.) 406,
tuye (Landes) 407.
tüZädo (Narbonne)
406.
tuZäko (Ari&ge) 406.
uoi (prov.) 614.
uolh (prov.) 614.
uoü (Cauterets) 401.
üü (Arrens) 401.
uzar (prov.) 401.
uzarın (aprov.) 401.
vaco (npprov.) 401.
vielh (prov.) 614.
yuin (gask.) 291.
yuine (gask.) 291.
zeduari (prov.) 440.
zegi (prov.) 440.
zimar (prov.) 440.
zimec (prov.) 440.
Katalanisch.
advent (kat.) ııt.
bavor (kat.) 109.
brostar (kat.) 106.
bü6rä (kat.) 510.
buor (kat.) 109.
cort (kat.) 104.
febrer (kat.) 104.
fred negre (kat.)
112.
gelada negra (kat.)
112.
gallejar (kat.) 52.
isarda (kat.) 401.
isart (kat.) 401.
jaure (kat.) 105.
jel (kat.) 104.
mandra (kat.), A. 2,
notz (kat.) III.
nou (kat.) T1T.
Olotis (kat. Stadt)
105, A.2.
ort (kat.) 104.
rat (kat.) 512.
rata (kat.) 512.
sagall (kat.) 403.
sargautäna (kat.)
405.
WORTREGISTER.
seure (kat.) 105.
sicart (kat.) 401.
soläs (kat.) 106.
talp (kat.) 510.
tasc (kat.) 406 A.
tasc6 (kat.) 406 A.
verol (kat.) 107.
verolar (kat.) 107.
Spanisch,
agworro (noarag.)
95
395.
alcoba (sp.) 420.
alesor («p) 421.
alexor (sp.) 420.
alfada (sp.) 429.
alferza (sp.) 429.
alud (sp.) 402.
amagardo (Lescum)
399.
amorra (noarag.)
396.
andärra (nwarag.)
396.
argoyO (sp.) 440.
arrabeco (sp.) 435.
artiga (arag.) 396.
artiga (sp.) 396.
artigar (sp.) 396.
arıika (arag.) 396.
arto (sp.) 396.
autos (valenc.) 103.
-azgo (sp.) 618.
azofra (sp.) 438.
azolle (arag.) 408,
baho (sp.) 109.
bardo (arag.) 402.
barra (sp.) 402.
barro (sp.) 402.
buca (sp.) 425.
cachar (sp.) 398.
#cacho (sp.) 398.
cachorro (sp.) 398.
cafre (sp.) 430.
Cangardäna (arag.)
405.
cerda (sp.) 398.
cerdo (sp.) 398.
chamarra (sp.) 407.
chändra (arag.) 398.
chandro (arag.) 398.
chaparral (sp.) 397,
A.5.
chaparro (:p.) 397.
chorro (sp.) 404.
chiba (sp.) 403,
A
u3,
chibata (sp.) 403,
A.3.
Zeitschr. f. rom. Phil, XLVII.
chicharrones (sp.)
398.
eicönes (arag.) 398.
eiCons (arag.) 398.
inlüdnilare) 398.
&incörros(arag.) 398.
&i$ärdo (arag.) 401.
CÖrro (arag.) 404.
ello (sp.) 652f.
*enjartigar (sp.) 396.
fardo (sp.) 429.
galeador (sp.) 52.
gallear (sp.) 52.
gondul (sp.) 398.
garava (santand.)
399.
garrad£era(arag.)399.
ginete (sp.) 431.
hielo (kastil.) 104.
ibön (arag.) 401.
i3är$o (Graus) 401.
izquierdo (sp.) 402.
kacürro (arag.) 398.
leer (sp.) 287 A.
lit (noarag.) 402.
Jitarıäda (noarag.)
402.
llevar (sp.) 543.
lürte (arag.) 402.
. macho(sp.)398, 403.
machorra (:p) 403.
magarda (arag.) 400.
magarda (arag.) 399.
magardera (arag.)
399.
maimon (sp.) 432.
mielga (sp.) 119.
lo mismo (sp.) 655 f.
modorro (sp.) 403.
möreröl (sp. dial.)
SIO,
mörra (noarag.) 396.
moxeraba (sp.) 433.
nombre (sp.) 289.
outro (urspan.) 609.
rata (sp.) 507.
sagal (Benasque)
403.
sagallino(Santander)
403.
sallo (sp.) 106.
sargandäna (arag.)
405.
sargantano (Hecho)
405.
sarrio (sp.) 401.
särryo (arag.) 401.
segalo (arag.) 403.
sirle (sp.) 404.
sirria (sp.) 404.
673
sirrio (arag.) 404.
sorra (sp.) 438.
Sißärdo (Kspufa)
401.
tasca (arag.) 406.
terrön (sp.) 406.
töbdı.6ra(arag.)5 10.
tojo (sp.) 407.
topö (sp.) 510.
torpOk (arag.) 406.
en 0 (arag.) 4C6.
torıön (astur.) 406.
tragar (sp.) 288.
Yamärra (arag.) 407.
Yingalantera (arag.)
405.
$ingartäla (arag.)
cS.
$inglön (arag.) 404.
Yisktön (arag.) 404.
Höle (arag.) 408.
$46n (Ans6) 408.
Xafagor (sp.) 109.
zabra (sp.) 423.
zamarra (sp.) 407.
zamarro (sp.) 407.
zapatones (sp.) 436.
zaque (sp.) 427.
Portugiesisch.
alcova (ptg.) 420.
barda (ptg.) 402.
cafre (ptg.) 430.
chibata (ptg.) 403,
A.
2.
farda (ptg.) 429.
fardo (ptg.) 429.
feito (ptg.) 609.
isso (ptg.) 652f.
ler (ptg.) 287, A. ı.
outro (aptg ) 609.
tasca (galiz.) 406 A.
tascar (sp. ptg.)
406 A.
tojo (ptg) 407.
torıdo (ptg.) 406.
toupeira (ptg) 494.
zaca (ptg.) 427.
sardisch.
aiyxu (kors.) 577.
cabbidannu (sassar.)
109.
cabidanni (sard.)
109.
cabudanni (sard.)
109.
cavirani (sard.) 109.
43
674
disku (logud.) 577.
disk% (sard.) 577.
diskWodd% (cam-
pid.) 577.
Bann (sard.) 512.
moroAna (sard.) 512.
merdona (sard.) 512.
rattsu (sard.) 512,
tiva (sard.) 403, A.3.
Italienisch.
barracame (it. 13.°)
424.
caffo (it.) 425.
calamita (it.) 425.
cecatä(Salerno) 505.
cicciola (it.) 399.
ciurlare (it.) 101.
ciurlo (it.) ı0t.
ciurlotto (it.) 101.
crocchia (it.) 507.
crocchiare (it.) 507.
crucchione (Salerno)
507.
cuba (it.) 420.
la cuba (sız.) 420.
darbün (piem.) 508.
desc (atosk.) 577.
Diodoro (it.) 101.
diotru (katan.) 100.
donnola (it.) 507.
Eliodoro (it.) 100.
fardo (it.) 429.
foglia (it.) 612.
föndiko (Campagna
tarentina) 506.
forchione (Salerno)
So6.
fustagno (it. 13.°)
430.
gadoiari (siz.) 53.
galavia (piem.) 57.
galeare (Arezzo) 52.
galer (lomb.) 57.
galleıia (it.) 57.
galluzzare (it.) 60.
galluzzo (it.) 60.
gangola (it.) 50.
gangularu (calabr.)
50.
ganguni (siz.) 50.
gaıbino (it) 430.
gävardapa (Mittleit.)
o
505.
gavstaplla(Mittelit.)
505.
ghendodde (molf.)
„50.
gröca (Rieti) 507.
WORTREGISTER.
guercio (it.) 52.
kadopa (mittelit.
Dial.) 5oS.
kavaia (piem.) 57.
lesco (Treviso) 578.
Liodoru (it.) 101.
lok (lomb.) 506.
magnaradice(it.)S05.
mandärin galla
(bonn.) 56.
marmutti&dda (Mess.)
507.
meglio (it.) 612.
moredur (venez.)
512.
more&ciola (veron.)
512.
morfire (altit‘) 44-
mofegagno (Thiene)
504.
mota (tosk.) 496,
motson (Lago Mag-
giore) 503.
mozzo (it.) 503.
musogöt (Pejo) 504.
müfgaen (Val di
Sole) 504.
müsgöt (Vermiglio)
504.
musin (Verona) 504.
mülga (Loiana) 504.
nuossas (Nizza) 615.
pantigana (Ancona)
5ı1.
patreföndico(Lecce)
506.
piega (it.) 609.
o diflo pöndico
griech. Unterit.)
06
506.
o trifo pöndiko
(Corigliano) S06.
ponga (Romagna)
506.
proföndicu (Lecce)
506.
pure (it.) 661.
rat (it.) 510.
ratüz (it. dial.) 510.
rigo golo (tosk.) 496.
röonola (Tıiepuzzi)
507.
rugaröla(Pavia)503.
sacco (it.) 427-
siccioli (it.) 399.
soma (tosk.) 496.
sorcio (Lat., Umbr.,
Marche) 493.
sorciotalpone(Basil.)
506
sorco (Umbr., Lat.,
Marche) 493.
sörcola (Campo
basso etc.) SOS.
sprufünducu (Galli-
poli) 506.
ssöcira da sserpi
(Pezza Croce-
Messina) 506.
ssürici-ölpu (Catan-
zaro) SO3.
lo stesso (it.) 653 fl.
straccare (it.) 288.
tanto (it.) 644. ff.
talpa (tosk.) 492.
talpun (Piemontetc.)
sos,
tarafiola(vene7.)508.
tarpa (westl. Tos-
kana) 497, A.3.
tarpüsa (Freson.)
502.
tazze (Marco Polo)
439.
trapuscera (Mail.)
02.
Todaru (it.) 101.
tonnula (Pisignano)
507.
topa (it.) 493.
ıüfola (Massa Marit-
tima) SosS.
rum£ra (friaul.) 505,
rumola (friaul.) SOS.
solva (friaul.) 507.
talpa (friaul.) 508,
Rumänisch.
as (rum.) 649f.
asa (rum.) 649f.
asI (rum.) 649f.
atät (rum.) 649.
disc (rum.) 576.
maimun (rum.) 432.
molfäl (rum.) 46.
musinolu (rum.)
502 A.
soböl (istrorum.)
o
507.
sobolän (rum.) 508.
trägäna (rum.) 288.
Arabisch.
abenuz (ar.) 423.
abütäga (ar.) 434.
P’aib (ar.) 434.
albixara (ar.) 421.
Alchwarizmi (ar.)
topina (venez.-lomb.) sluxor (ar.) 421.
501.
topo (it.) 492.
tuppinaru (Calabr.)
so1.
turcasso (it.) 426.
ugalmente (ital.)
663 f.
urlare (it.) 101.
zimar (it.) 440.
zöccola (Salerno
etc.) 505.
Rätoromanisch.
desk (puschl.) 578.
deök (südtir.) 578.
dask (bündn.) 578.
diäka (Molise) 578.
djalaveze (südtir.)
50.
färk (Ostfriaul.) 507.
*gal (illyr.) 50.
galaveise (südtir.)
50.
(g)rumatera (friaul.)
505.
lödula (Grado) 508.
lok (Tessui) 507.
mifaröfi (bündn.)504.
al-ambig (ar.) 418.
amir (ar.) 422.
anbar (ar.) 422.
anzarot (ar.) 426.
as‘Ar (ar,) 421.
al-arabia (ar.) 420.
arrädah (ar.) 420.
ax-xäya (ar.) 440.
babagha (ar.) 434.
bälakhanah (ar.)
424.
balaksch (ar.) 424.
bar&’a (ar.) 419.
barakan (ar.) 424.
al-barda’a (ar.) 424.
barlakh (ar.) 424.
bätäga (ar.) 434.
b»tasa (ar.) 425.
Bidjä (ar.) 424.
bithana (ar.) 424.
Bokhara (ar.) 424
boräk (ar.) 440.
al-catran (ar.) 421.
dahul (ar.) 439.
dirhem (ar.) 439.
divän (ar.) 426.
falüka (ar.) 429.
al-faras (ar.) 420.
farda (ar.) 429.
ferza (ar.) 429.
fidjah (ar.) 429.
al-fil (ar.) 420.
folk (ar.) 429.
fonduk (ar.) 429.
fostak (ar.) 429.
fostän (ar.) 429.
garb (ar.) 430.
en (ar.) 431.
azair (ar.) 431.
&ubbah (ar.) 431.
uleb (ar.) 431.
hafıt (ar.) 419.
haßidui (ar.) 423.
al-hinna (ar.) 419.
isfänäkh (ar.) 428.
el-ixir (ar.) 421.
kähr (ar.) 430.
käfür (ar.) 425.
kandji (ar.) 425.
kebäba (ar.) 426.
khalandjem (ar.)
430.
Köhalifa (ar.) 425.
kbamel (ar.) 425.
khamlah (ar.) 425.
kharüba (ar.) 426.
al-kimiyä (ar.) 421.
lak (ar.) 431.
laz ward (ar.) 423.
limun (ar.) 432.
al-lubän (ar.) 434.
maimün (ar. pers.)
432.
al-mansur (ar.) 421.
maskara (ar.) 432.
Masmuda (ar.) 432.
matrah ar.) 433.
meskin (ar.) 433.
misk (ar.) 433.
mixraba (ar.) 433.
moräbitia (ar.) 432.
mumia (ar.) 433.
murtazz (ar.) 433.
nafır (ar.) 434.
nagara (ar.) 434.
närang (ar.) 423.
nukha (ar.) 434.
gabäla (ar.) 430.
gala (ar.) 425.
al-gqali (ar.) 419.
garamit (ar.) 425
al-gauvach (ar.) 419.
gintar (ar.) 435.
al-girar (ar.) 426.
gitare (ar.) 435.
al gobbah (ar.) 420.
al goton (ar.) 419.
ra'ädah (ar.) 420.
rabäb (ar.) 435.
WORTREGISTER.
ribät (ar.) 436.
rizq (ar.) 435.
rob‘a (ar.) 436.
rokh (ar.) 436.
sabbät (ar.) 436.
sabra (ar.) 423.
saläm’aleik (ar.) 425.
sanc (ar.) 437.
saqr (ar.) 436.
Schah (ar.) 428.
scharäb (ar.) 427.
Scharg (ar.) 428.
schoruq far.) 428.
senä (ar.) 437.
sifık (ar.) 437.
sifär (ar.) 439.
siklatun (ar.) 438.
sodä (ar.) 438.
sorriga (ar.) 438.
sukkar (ar.) 438.
sultän (ar.) 438.
summäq (ar.) 437.
8amra (ar.) 408.
tabl (ar.) 439.
tabut (ar.) 440.
talaf (ar.) 439.
talah (ar.) 439.
targamau (ar.) 427.
tarha (ar.) 439.
taridah (ar.) 439.
tarkasch (ar.) 425.
Tassa (ar.) 439.
therb (ar.) 440.
turbed (ar.) 440.
al’ud (ar.) 431.
Za’feran (ar.) 437.
zag (ar.) 440.
zapäya (ar.) 421.
az-zahr (ar.) 423.
zakä (ar.) 427.
zakät (ar.) 427.
az-zaurag (ar.) 423.
zedwär (ar.) 440.
zenäta (ar.) 431.
Zetani (ar.) 437.
zingafr (ar.) 440.
Baskisch.
abendoa (bask.) ı 1.
abendua (hask.)IIL.
abenduba (bask.)
ıll.
abentia (bask.) ı 11.
abentu (bask.) Iıı.
abostua (bask.) 108.
abustua (bask.) 108,
abustuba (bask.)
108.
abutzu (bask.) 108.
-aga (bask.) 397.
agor (bask.) 495.
agorra (busk.) 110.
agorril (bask.) 108,
395.
alzaga (bask.) 397.
amörru (bask.) 396.
amurri (ronk.) 396.
amürru (bask.) 396.
ander (bask.) 395.
andur (bask.) 398.
andura (bask.) 398.
aphirike (bask.) 106.
apiril (bask.) 106.
apirila (bask.) 106.
aprilla (bask.) 106.
aragaril (bask.) 107.
arrail (bask.) 408.
arrailtu (bask.) 408.
arall (bask.) 408.
arrapamayatza
(bask.) 107.
arraun (bask.) 104.
arregi (bask.) 397
A.2.
arta (bask.) 397.
artalasto(bask.) 110.
arte (bask.) 397.
arteaga (ud. navarra)
arteka (hochnavarr.)
397-
arteko (hochnavarr.)
397.
asmau (bask.) 106.
asta (bask.) 110.
azaro (bask.) 110
azil (bask.) LIO.
babail (bask.) 107.
bagil(a) (bask.) 107.
bago (bask.) 107.
barantaila (bask.)
105.
belaurikatu (bask.)
109.
belhaunikatu (bask.)
109.
beltzila (bask.) ı11.
belz (bask.) 112,
berri (bask.) 394
bildilla (bask.) 110.
biotz (bask.) 105.
bizkar (bask.) 398.
bizkör (bask.) 398.
buruil (bask.) 109.
buruila (bask.) 109,
cherri (bask.) 398.
culotz (bask.) ıı1.
dagonil (bask.) 109.
daponilla (bask).
109.
675
danzau (bask.) 106.
achaımarra (bask.)
497.
.egi (bask.) 397
A.2
ekhaila (bask.) 108.
elizaga (bask.) 397.
elurte (bask.) 104.
epaila (bask.) 105.
epaki (bask.) 106.
ephai (bask.) 106.
ephaila (bask.) 105.
errearoa (bask.) 107.
ereiaro (bask.) 106.
esquer (bask.) 394.
etbola (bask.) 408.
ezkerra (bask.) 402.
gabon-egun (bask.)
118.
gabon-gaba (bask.)
III.
gabongari (bask.)
gabonil (bask.) ııı.
gabonsubil (bask.)
IIr.
gabonts (bizk.) 399.
gagontz (bizk.) 399.
gangul (bask.) 398.
gangur (bask.) 398.
gapar (niedernav),
garagaril (bask.)
106.
garagartzaro (bask.)
107.
garau (bask.) 106.
garil (bask.) 108.
garoil (bask.) 110.
garratoin (bask.)
107.
garrik (bask.) 395.
gastafiazitu (bask.)
1lOo.
gan (bask.) 399.
gau + bon (bask.)
Ill.
gauonts (bizk.) 389.
gerenda (bask.) 400.
gherinda(bask.)400.
gorotzila (bask.) 111.
gorri (bask.) 394,
gura (bask.) 103.
harri (bask.) 400.
harriaga (bask.) 397,
Aı
hil (cask.) 103.
hunts (niedernav.)
399.
hüntz (bask.) 399.
ibai (bask.) 401.
ihi (bask.) 103.
43*
676
ikuzi (bask.) 107.
il (bısk.) 103.
ilbelız (bask.) ııı.
ilotea (bask.) 111.
inguru (bask.) 103.
ira (bask,) 103.
irail (bask.) 110.
iraila (bask.) 110.
irailla (bask.) 110.
iru(r( (bask.) 104.
it8ola (bısk.) 408.
itzotzil (bask.) 104.
jolas (bask.) 106.
jorra (bask.) 106.
jorraila (bask ) 107.
kakur (bask.) 398.
kaparra (Pardets)
399.
khapar (soul.) 399.
küskandel (nieder-
nav.) 405.
hacarre (bask.) 402.
lakarra (ba;k.) 402.
lapharra (nav.) 399.
lastail (bask.) 110.
Jau (bask.) 104.
lau(r) (bask.) 104.
legarra (bızk., bas-
nav., guip)) 402.
leizar (bısk.) 105.
liot (bask.) ı11.
lita (bask.) 402.
lizar (bask.) 104.
lloll (bask.) 104-
loraila (bask.) 106.
lotazıl (bask.) ıı1.
Jur (bask.) 422.
Jürta (bask.) 402.
lurte (bask.) 402.
lurrutu (bask.) 422.
luta (bask.) 492.
*]ute (bask.) 402.
lurho (bask.) 402.
modorro (bask.)
423
magarda (ronc.) 400.
mai tz (ba«k.) 106.
maiatzu (bask.) 106.
mana ıb'zk.) 493.
mandar (bizk ) 403.
mando (ba«k ) 403.
mandü: (soul.) 403.
maßüı (soul.) 403.
marchoa (bask.) 105.
marti (ba:k.) 105.
mat8orra (bask.)
403.
mauka (bask.) 104.
nau (bask.) IIT.
negil (bask.) 104.
WORTREGISTER.
negila (bask.) 111.
negu (bask.) 104.
nik (bask.) 198
ondärra (bask.) 396.
ori (bask.) 105.
orrilla (bask.) 106.
-orro (bask.) 398.
ostarila (bask.) 106.
ostaroa (bask.) 106.
ostaila (bask.) 106.
otaegi (bask.) 397,
A2.
ote (bask.) 407
oihe (ndnav., soul.,
lab.) 407.
*othe-aga (bask.)
407.
otsail (bask.) 105.
otz (bask.) 105.
ozkirri (bask ) 105.
patar (bask.) 403.
petar (ni:dernav.)
402.
sakaıldu (bask.)
403.
#sangandera (bask.)
405.
sangongifu (hoch-
nav.) 406.
San Juanila (bask.)
107.
Santanail (bask.)
108.
sapar (niedernav.)
399.
saphar (niedernav.)
399.
soratsaga (bask.)
397-
seail (bask.) 403.
sega'l (bask.) 403.
segaitı (bask.) 403.
segeitı (soul.) 403.
sehaildu (bask.) 403.
sekail (bask.) 403.
semendi(bask.) I 11.
senpe (bizk.) 404.
sengle (bizk.) 404.
si (ba;k.) 103.
sistor (bizk.) 404.
solaguinda (bizk.)
406.
sorgin (bask.) 405.
sugandola (bask.)
495.
sugekandera (ronk,,
lab.) 405.
surangit ı (hochnav.)
405.
Bakur (bask.) 398.
$amar (bizk., guip.)
407.
Singli (guip.) 404.
Bingor (basnav.)
398.
Sißklo (bask.) 404.
Sıökor (soul.) 398.
Bola (bask.) 408.
Solo (bask.) 408.
Sorgandila(labourd.)
495.
Süßkandea (soul.)
405.
tarroka (bask.) 406.
*toe (bask.) 407.
*toja (iber.) 407.
*toju (iber.) 407.
toska (bask.) 406.
toßka (soul.) 406.
tsakur (bask.) 398,
A.2
tBakur (bask.) 398.
t3amar (lab.) 407.
t3amarra (ronk.,
niedernav.) 407.
*(Saparra (bask.)
400, A,2.
tSıngor (bask.) 398.
t8inkor (ronc.) 398.
t8int8or (zuip) 399.
tSintßär (bizk.) 398.
tSint8orta (bizk.)
395.
t8irra (bisk., guip.)
404.
t8irri (bizk.) 404.
tBistor (bizk.) 404.
tßola (bask.) 408.
t8ulo (bask.) 408.
uda (bask.) 107.
udabarri (bask.)
107.
udaberri (bask.)
107.
udabıotz (bask.)
107.
udaila (bask.) 107.
udar (bask.) 107.
udatxori (bask.) 107.
ule (bask.) 107.
Ullivarri (bask.)
100.
ur (bask.) 104.
Uri (bask.) 106.
urka (bask.) 104
urre (bask.) 104.
urri (bask,) 110.
urria (bask.) 110.
urrieta (bask.) IIO.
urril (bask.) 110.
urrila (bask.) 110.
urrila bigarrengo
(bask.) 110,
urrigı (bask.) 110.
ürtaıl (bask.) 104.
urtaril (bask.) 104.
urte (bask.) 104.
usta (bask.) 108.
utza (bask.) 108.
utzail (bask.) 108.
yorraila (bask.) 106.
zamar (nav.) 407.
zapar (bask.) 399.
zarcladur (bask.)
106.
zarcl&der (bask.)
106.
zerri (bask.) 398.
zezeila (bask.) 105.
zezendu (bask.) 105.
zezengli (bask.) 105.
zezenki (bask.) 105.
zigor (bask.) 404.
zingle (guip.) 404.
zirri (bask.) 404.
zirria (ronc.) 404.
Germanisch-
acheven (me.) 616.
appeat (engl.) 616.
appele (me.) 616.
barbigan (mhd.) 424.
beran (germ.) 543.
Blumenmonat (d)
106.
buss (aengl.) 442.
bussa (nordgerm.)
442.
carry (engl.) 542.
chrote (ahd.) 509,
A
3:
dask (Schlesw.) 578.
disc (ags.) 578.
disc (ahd.) 578.
disch (ndl.) 578.
dısh (engl.) 578.
disk (wesıf.) 578.
disk (dän.) 578.
dıskr {anord.) 578.
diss (westf.) 578.
doubt (engl.) 615.
dvals (got.) 52.
Ecobe (mhd.) 420.
Ecub (mhd.) 420.
Ey kub (mbhd.) 420.
fäk (kärnt.) 518.
farken (d.) 507.
ferkel (d.) 506.
gala (anord.) 52.
*galabold (germ.)
53.
#galawald (germ.)
gale (engl) 52.
galen (schwed,, alt-
dän.) 52.
galinaere (mhd.) 60.
galine (mhd.) 69.
galle (germ.) 50.
gal regne (dän.) 52.
Gast (d.) 55.
geil (germ.) 60.
nier (d.) 616.
hriba (germ.) 436.
me&s (got.) 577-
molta (ahd.) 503.
molwurp (frk.) 508.
morfelen (Brabant)
45-
morfeln (bayr.) 45.
morfeu (mndl.) 44-
*morfjan (langob.)
44.
*morpen (ndl.) 45.
*motta (zerm.) 503
mount (engl.) 615.
*mozza (langob.)
503.
multwurf(ahd.) 508.
mu(!)werf(ahd.) 508.
murf (nndl.) 45.
murfeln (bayr.) 45.
murfen (mhd.) 45.
mürfle (elsäss.) 45.
mürpfe (aargau.) 44.
murpfen (mhd.) 44.
WORTREGISTER.
mürpfen (alem.) 44.
*murphjan (ahd.)
4%.
*murpfjan (langob.,
ahd.) 45.
mus (mhd.) 504.
Nachtigall (d.) 52.
plash (engl.) 537.
priester (d.) 616 A.
Ratze (d.) 504.
Schermaus (d.) 505.
sunus (germ.) 103.
tasse (d.) 439.
thwahlja (frk.) 52.
tix (ahd.) 578
Tisch (d.) 578.
tower (engl.\ 615.
tragen (d.) 542.
Varis (mhd.) 420.
*walhiskare (germ.)
54.
*zohha (langob.)
505.
zuohha (ahd.) 505.
Griechisch.
aunoas (gr.) 422.
T'araroı (gr.) 56.
yalen (gr.) 58.
yalls (gr.) 50.
y0).A10v (gr.) 50.
yailaoı (gr.) 50.
dıxeiv (gr.) 579.
diaxoc (gr.) 576.
donyovuavog (gr.)
427.
xzaAlasa (pr.) 50.
20440109 (gr.) 50.
»&lo» (gr.) 60.
naıuod (ngr.) 432.
naxeAka (gr.) 120.
dı&ıx0» (gr.) 435.
e1&ıx0» (vgr.) 435-
tepxacıov (gr.)
425.
10024010» (gr.-byz.)
425.
1a0xog (galat.) 406.
TupAög novrxög
(gr.) 506.
yegeıv (gr.) 543.
xnueie (gr.) 421.
10.05 (gr) 50.
Keltisch.
#.all- (kelt) 55.
chrotta (kelt.) 435.
discl (akymr.) 578.
discou (abret.) 578.
disk (nbret.) 578.
dysg! (nkymr.) 578.
gadal (bret.) 55.
gal (kelt.) SS.
gall (bret.) 55.
*gall (kelt.) 57.
677
gallaf (corn.) 55.
gallas (corn.) 55.
gallö (bret.) 55.
galvaden (bret.) 54.
goap (bret.) 54-
gyliys (corn.) 55.
#,ücos (gall.) 506.
lucot- (kelt.) 507.
tascos (gall.) 406.
tasc (air.) 578.
Slaviseh.
busa (russ.) 442.
&obot (russ.) 436.
diskos (bulg.) 576.
krztz (urslaw.) 509,
A
EB.
krt (slov.) 509, A.3.
maimuna(bulg.) 432.
misa (ksl.) 577-
miza (slov.) 577-
risik (bulg.) 435.
sobolj (russ.) 507.
Verschiedene Sprachen.
&abuta (türk.) 436.
duscu (berb.) 578.
galabere (alban.) 51.
nabät (pers.) 434.
nebat (türk.) 434.
pistah (pers.) 429.
tabir (pers.) 439.
tattab (pers.) 439.
ulak (türk.) 431.
Hans BROSZINSKI.
Druck von Karras, Kröber & Nietschmann in Halle (Saale).
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Druck von Karras, Kröber & Nietschmaon in Halle (Saale).
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Druck von Karras, Kröber & Nietschmann in Halle (Saale).
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Register zur Zeitschr, £ rom. Phil. Bd. XLVL
—
Sachregister.
Abteien, Beziehungen d. engl. A. zur
frz. Lit., 503— 504.
Alessandro d’Ancona, 762.
Alexandersage, IO2,
Artusepik, Entwicklung der, 492.
Auberi, s. frz. Ltg.
Aucassin et Nicolette, 489.
Aurora, s. Bibelversifikation, SS.
Bibelversifikation: Hans Opper-
mann, Petrus Riga und Petrus Co-
mestor, 5SS—73.
Bischof Bonus, Marienlegende, 112,
Caesarius von Heisterbach, 100, 107,
115.
Chansonnier d’Arras, s. frz. Ltg.
Chrestien de Troyes, 495.
Confision del amante por Joan
Goer, s. span. Ltg.
Conqutte de Constantinople
(Robert de Clari), 489.
Corpus Cantilenarum Medi Aevi:
Jean-B. Beck, Mitteilung, 767—768.
Crisostomoslegende, 115.
Dante, s. it. Ltg. und 761—762.
Disciplina clericalis (tosk. Frag-
ment), 762.
Diz et proverbes des sages, 505.
Einsiedler und Spielmann, 482.
Eliduc, 503.
Eneas, 490—491.
Erotokritos, 109.
Farinelli, Arturo, 105.
Flayder, ı01.
Französisch. Zautlehre: Jordan,
Leo, Altfranzösisches Elementar-
buch, 1928, rez. v. H. Breuer, 85s—
91. — Schwanken zwischen inter-
vokalischem r und s im 16.° p. 300.
— er—.ar in der Volkssprache,
p. 3c0 ff.
Syntax: J. Gordon Andison, The affır-
mative particles in French, 1923;
rez. v. Alfred Schulze, 94—96. —
Moritz Regula, Zu gendrulement
parlant = d gendräalement parler,
311. — Moritz Regula, Zum Ad-
verbialtyp -dment, 312—313. —
Theodor Kalepky, Zur französischen
Syntax: antf- Formen, 618—644.
Literaturgeschichte: Favre, Chr., Pro-
verbes et dictons de Savidse, I—26.
— Breuer, H., Zum Thomasleben
des Guernes von Pont-Sainte-
Maxence, 77—80. — Le roman de
Jehan de Paris. Publie ... par
Edith Wickersheimer, Paris 1923;
rez. v. L. Karl, 91—92. — Les
fortunes et adversitez de Jean
Regnier, „.. publi& par E. Droz,
Paris 1923; rez. v. L. Karl, 9g8—93.
— Gunnar Tilander, Etude sur les
traductions en vieux francais du
trait€ de fauconnerie de l’empereur
Frederic1I, 21 1I— 260. — O.Schultz-
Gora, Zum Text und den Anmer-
kungen der 3. Auflage der Lais der
Marie de France (ed. K. Warnke),
314—325. — Fr. Gennrich, Der
Chansonnier d’Arras, 325—335. —
Fr. Gennrich, Zu den afız. Ro-
trouengen, 335—341. — Vier Lais
der Marie de France, ed. Karl
Warnke, Halle 1025 (= Samml.
rom. Übungstexte II); rez. v. Leo
Jordan, 367. — Histoire litt@raire
de la France, Tome XXXVI, fasc. I.
Paris 1924; rez. v. L. Karl, 368—
374. — W. Mulertt, Eine franzö-
sische Amadisschatzkammer, 454—
456. — O. Schultz-Gora, Zu Guil-
laume le Marechal V. 5024, 457. —
H. Sparnaay, Zu Yvain—Owein,
s17—562. — Chr. Favre, Contes
de Saviese, 645—665. — M. Rösler,
Die Beziehungen der Puis zu den
Gilden, 687—693. — W. Benary,
Die letzte Tirade des „Auberi“,
693—696. — A. Hilka, Zu Ztschr.
ı
2 SACHREGISTER.
XLV, 105; (Jolens und Andelise)
764.
Gerbert de Montreuil, 485, 492.
Germanisch: Bergmann, Karl,
Deutsches Wörterbuch, rez. von
Elise Richter, 83—85. — M. Sza-
drowsky, Bzdeutungsparallelen, 445
452.
Geste des Loherens, 4096.
Gottfried Baist +, von Fr. Schürr,
129—134.
Gower, Confessio amantis, 428—444.
Griseldisstoff, 762.
Guernes von Pont-Sainte-Maxence,
s. frz. Ltg.
Guilhem de Cabestanh, 490.
Guillaume le Mare&chal, s. frz. Ltg.
Henry Plantagenet, 760.
Hildebert von. Tours, s. Bibel-
versifikation, 55.
Imma Portatrix
Emma), 101.
Italienisch. Wortschats: Taglia-
vini, Carlo, Di alcune antichissime
parole alpine, 27—54. — Rohlis,
Gerhard, Die Quellen des unterital.
Wortschatzes, 135—164. — Grie-
chisch in Unteritalien, 136 ff. —
Kalabrogriechisch und Oftranto-
griechisch, 140 ff. — Archaische
Elemente im Griechischen Süd-
italiens, 142f. — Das Griechische
auf Sizilien, 143f. — Arabische
Bestandteile in den unterit.-siz.
Dialekten, 146 ff. — Oskisch und
Umbrisch im unterital. Wortschatz?
ı53f.—ı55f. — Via Appia, via
Flaminia und Sprachmischung, 304.
Lautlehre: Assimilation von nd >n
in Unteritalien, 153. — nd > un
in Unteritalien, ı53f. — Sonori-
sierung stimmloser Verschlufslaute
nach Nasalen in Unteritalien, 154.
— Vok.d > Vok.6 > r in Unter-
italien, 154. — Oskisch -Umbr. inter-
vok. / statt lat. intervok. 5 in unter-
ital. Mundarten, 155 fl. — Oskischer
Einflufs im Vokalismus heutiger
unterit. Mundarten, 158. — Die
Sufftixe -arru, -orru, -urru in
Nordkalabrien und in der Basili-
kata, 160fl. — d >e im Romagno-
lichen, 295. — vit.e und 0 >?’
bzw. # im Südital., 299.
Syntax: Griechischer Einfluls im Er-
satz des Infinitivs durch persönliche
Konstruktionen in unterital. Dia-
lekten, 139f.
Literaturgeschichte: Dante Alighieri,
Die Blume (Il Fiore), übs. von
(Eginhard und
Alfr. Bassermaun, 1926; rez. von
B. Wiese, 720—722. — Giomale
Storico della Letteratura Italiana,
Anno XVIII, vol. LXXXV, fasc.
1/2; rez. v. B. Wiese, 723—731.
Jagdlehrbücher, s. frz. Ltg.
aufre, s. prov. Ltg.
Tas de Puycibot, 491.
Jean Bodel, 492.
Jean Lemaire de Belges, 504.
Jean R£&gnier, s. frz. Ltg.
Jean Renart, Galeran de Bretagne,
488—489.
Jehan de Paris, s. frz. Ltg.
Kasseler Glossen, 113.
Katalanisch: Rokseth, P., Termino-
logie de la culture des cer&ales A
Majorque, 1923; rez. v. P. Krüger,
466—469. — P. Fouche, Phont-
tique historique du roussillonnais,
1924; rez. v. P. Krüger, 460466.
Lai Haveloc, 48S.
Lamentationes Matheoli: P.Leh-
mann, Zur Überlieferung der, 696—
699.
Lateinisch: Moritz Regula, Zur
Entstehung des Infinitivus pathe-
ticus im Fragesatz, 310. — Moritz
Regula, Zum lat. Nominativus ab-
solutus als Vorläufer roman. Kon-
struktionen, 311—312. — H.Breuer,
Kleine Phonetik des Lateinischen
mit Ausblicken auf den Lautstand
alter und neuer Tochter- und Nach-
barsprachen, Breslau 1925; rez. r.
W. Baehrens, 470—471. — Pauline
Taylor, The Latinity of tbe Liber
historiae Francorum. A phonological,
morphological and syntactical study.
N.Y. 1924; rez. v. W. Baehrens,
471.
Liber de miraculis sanctae Dei
Genetricis Mariae, 104—10S.
Liber Historiae Francorum, 471.
Lope de Vega, s. span. Ltg.
Ludovicus Bigamus (Gleichensage),
101.
Mabinogi, 505.
Malory, Le Morte Darthur (Tristan-
teil), SIT.
Marie de France, s. frz. Ltg.
Ovidius de nuntio sagaci:
P. Lehmann, Der schlaue Liebes-
bote, 699— 705.
Parzival u. d. Gral in der Dichtung
des Mittelalters, 497—499.
Pastorela, 759.
Patriklegende, s. span. Ltg.
Petrus Comestor, s. Bibelrersi-
fikation.
SACHREGISTER. 3
Prosatristan, Sıt.
Prothesilaus (Hue de Rotelande),
02.
Provenzalisch: Breuer, H., Be-
richtigungen zur Ausgabe des „Jau-
fre®, 80—81. — Hermann Bıreuer,
Zum aprov. Artusroman Jaufre,
411—427.
Puis und Gilden, s. trz. Ltg.
Queste del Saint Gral, 487.
Reimprosa, lateinische, 111I—112.
Richard ron Fournival, Bestiaire
d’amour, 501.
Romanische Philogie AU-
gemeines: Jahrbuch für Philologie,
hrsg. v. V. Klemperer u. E. Lerch,
I, 1925; rez. v. Leo Jordan, 356—
366. — Breviario di Neolinguistica.
Parte I: Principi generali di G. Ber-
toni; II: Criteri tecnici di M. G.
Bartoli. Modena 1925; rez. v. Leo
Jordan, 706—713. — Alfredo
Schiaffini, Intorno al nome e alla
storia delle chiese non parrochiali
nel medio Evo (A proposito de
toponimo „basilica*), Sonderabdruck
aus Archivio storico italiano 1922.
— Ders., Per la storia di „parochia“
e „plebs“, Sdabdr. aus Archivio
storico italiano 1924; rez. v. Fr.
Schürr, 717—719. — A. Zauner,
Romanische Sprachwissenschaft. II,
1926; rez. v. L. Karl, 720
Wortschats und Kultur: Jüdisch-
Romanisch, 103. — Griechen und
Romanen in Unteritalien, 105, III.
Afroromanisch und Iberoromanisch,
von W. Meyer-Lübke, 116—128. —
Konkordanz des Unteritalienischen
im lat. Wortschatz mit dem Rumä-
nischen, Sardischen und Spanischen,
162fil. — Zetere und applicare in
der südl. Romania, 164.
Lautgeschichte: Fried. Schürr, Laut-
gesetz oder Lautnorm? 291— 305. —
Analogie, 293. — Euphemismus,
292. — „Tabu“ und Lautwandel,
292. — Umlautswirkung von -5, 4
im Romanischen, 294, 300. — Di-
phthongierung roman. off. Vok. in
geschloss, Silbe, 294. — Einschrän-
kung der Ausdehnung eines Laut-
wandels, 296. — Gillıerons Prinzip
der Vermeidung der Homonymität,
297 fl. — Reaktionsbildungen, 288.
— Zeitliche und örtliche Grenzen
des Lautwandels, 301 ff. — Dialekt-
bildung, Wesen der, 494—495.
Roman de Renart, 510.
Rosenroman, 508.
Rothersage, IIOo.
Rotrouengen, 335—341.
Rumänisch. Wortschats: Ver-
wandschafisbeziehungen zum Mittel-
und Süditalienischen, 715—716. —
Beziehungen des Rumänischen zum
Sardischen, 716. — Beziehungen
des Rumänischen. zum Spanisch-
Portugiesischen, 716-717. — Sextil
Puscariu, Locul limbii romäne intre
limbile romanice. Buc. 1920; rez.
v. Fr. Schürr, 713—717.
Lautlehre: -esc statt -äsc bei Verben
mit labialem Stammauslaut, 292. —
Ablaut d— nach Labialen in der
nominalen Flexion, 294. — s und g,
€£ und © in istrorumänischen Dia-
lekten, 303.
ta Nachstellung des Artikels,
298.
Rutebeuf, Miracle de Th£ophile,
492.
Sainte Foi d’Agen, 491.
Slavisch und Balkanlatein: Peter
Skok, Zur Chronologie der Palata-
lisierung von c, g, qu, gu, vor e, 1t,
Yı$ im Balkanlateın, 385—410. —
Lat.cad, ec > slav.c; lat. gel >
slav. 2, 387—392. — Lat.cHV, cd
> slav. fs, lat. gs © > s(?) 392— 399.
— Lat. csi = slav.k, 399—404.
— Lat. gu! > slav. %, 400. — Lat.
cy > slav.%, 401. — Lat.cj > alb. 4,
401—404. — Lat. g > slav.g, 404
—407.
Spanisch. Sprache: Real Academia
Espafiola, Diccionario de la lengua
espafiola. 1925 Madrid, rez. v. P.de
Mugica, 374—380. — J. E. Pichon y
J. Aragö, Lecciones präcticas de
lengua espafiola. Freiburg i.B. 1925;
rez. v. F. Krüger, 469.
Literatur: Maria Tietze, Lope de Vega
und Amarilis, 165—210. — W. Mu-
lertt, Die Patriklegende in spanischen
Flores Sanctorum, 342—355. —
Obras de Lope de Vega. Publi-
cadas por la Real Ac. Esp. (Nueva
ediciön) Obr. dram. I. II. 1II, Madr.
1916—17; rez. v. Adalb. Hämel,
381—384. — K. Pietsch, Zum Text
der Confision del Amante por Joan
Goer, 438—444. — Juan Hurtado y
J. de la Serna y Angel Gonzälez
Palencia, Historia de la literatura
espafola, 2da ed. Madr. 1925; rez.
v. Wern. Mulertt, 469—470.
Steinbücher, anglonorm., 509.
Tractatus de arte venandi cum avi-
bus, 211.
ı*
4 SACHREGISTER.
Tresor d’Amadis, s. frz. Ltg.
Tristan und Isolde, 506,
Vagantendichtung, 109—110.
Vasconcellos, Carolina Michaelis de
V. zum Gedächtnis, von F. Krüger,
513—516.
Visionenliteratur, 114.
Voeux du Paon, 495.
Walter von Chatillon, 113.
Yvain—Owein, s. frz. Ltg.
Wortgeschichte. Romanisch:
Moritz Regula, Zum deiktischen :;-
und a- in den romanischen Demon-
strativen, 305—308. — P. Marchot,
Nouveaux apercus sur les noms de
lieu en -mala, 680—687. — G.Rohlfs,
Hacken und Böcke, 763—64.
Französisch: O. Schultz-Gora, Afrz.
isnel, 70—77. — Moritz Regula,
Frz. regretter, 309—309. — Josef
Brüch, Afrz., aprov. Zlaıis „Hecke“,
453—454. — O. Schultz-Gora, Das
altfranz. Sprichwort Ou force vient,
justice prent, 457—459. — Leo
Spitzer, Ein neues Französisches
Etymologisches Wörteibuch, 563
—617. — G. Tilander, L’origine et
le sens de l’expression “je lu! ferai
mon jeu Ppuir”, 666—678. —
P. Marchot, Wallon, (dialecte lie-
geois) mäasi „malpropre, sale“, 678
—79. — Ders, Wallon. Ci n’est
gu’ chr fleür, gu’ chr et fllürs, etc.,
679-680. — E. Lerch, Zu Zischr.
XLVI, 360 (besiches), 766—67. —
Italienisch: G.Rohlfs, Zu abruzz. sku-
pin» = 'Dudelsack’, 74—706. —
L. Spitzer, Zu Ztschr. XLVI, 74 fl.
(abruzz. skupins, Dudelsack, ur-
sprüngl. ‘Schlauch’), 764—65. —
Ders., Zu Ztschr, XLVI, 2ııfl.;
764—65.
Katalanisch: W. Meyer-Lübke, Zu
Zischr. XLIV, 586 (kat. xefra) 764.
Provenzalisch: Jos. Brüch, Afız., aprov.
plais ‚Hecke‘, 453—454.
Zeitschriftenschau. (mit Aus-
nahme von Archiv B. 145—148 be-
sprochen von A. Hilka.) Analecta
Bollandiana, t. XLIII (1925), 731
—732. — Archiv für das Stndium
der neueren Sprachen und Litera-
turen, hrsg. von A. Brandl und
O. Schultz-Gora, 77. Jg-, 145. Bd.
1226; 78. Jg., 146. Bd. 1923; 79. Jg.,
147. Bd. 1924; 80. Jg., 148. Bd.
1925; rez. v. H. Breuer, 472—482.
— Archivum Romanicum, vol. X,
Nr, ı/2 (Januar-Juni 1926), 732.
— Deutsche Vierteljahrsschrift tür
Literaturwissenschaft und Geistes-
geschichte, hrgb. von Paul Kluck-
hohn u. Erich Rotbhacker. Halle, 1I
(1924); 733. — lberica, Zuschr. fur
span. und ptg. Auslandskunde. Organ
des Ibero-amerikan. Instituts. Ham-
burg. Bd.IV, Heft 1—4 (Okt.-März
1925/26); Bd. V, Hett 1—4 (April-
Sept. 1926), Beiblatt 6—9; Bd. VI,
Heft i—2 (Oktob.-Dez. 1926); 733
—735. — Melanges de philologie
offerts & M. Johan Vising ... Göte-
borg u. Paris 1925, 96—99. — Mo-
dern Philology, vol. XXIlI, Nr.1—4
(Aug. 1925— Mai 1926), 7306 —738.
— Das, vol. XXIV, Nr. ı—2
(Aug.-Nov. 1926), 738—739. — Neo-
philologus XI (1925/26), Lief. 1—4,
740—74?. — Neusprachl. Studien,
Festgabe für Karl Luick zu seinem
sechzigsten Geburtstag ... Marburg
1935 (= Die Neueren Sprachen,
6. Beiheft), 96. — Philological Qua-
terly. A Journal devoted to scho-
larly investigation in the Classıcal
and Modern Languages and Litera-
tures. Published at the Univ. of
Yowa. Yowa City, Yowa; vol.l,
1—4 (Jan.-Okt. 1922); vol.1I, 1—3
(Jan.- Juli 1924); vol. III, 1—4 (Jan.-
Okt. 1924); vol. IV, 1—2 (Jan.-Okı
1925); vol. V, 1—4 (Jan.-Okt. 1926);
742—745. — Revista de la biblioteca,
archivo y museo. Ayuntamiento de
Madıid. Administrator: F. Diaz
Galdös. Afiol, Nr. ı (Enero 1923),
745 —727. — Revue des Eıudes
Horgroises et Finno - ougriennes.
(Artıkel, die den Romanisten an-
gehen): Bd. II, Nr. 2/3 (Apr.-Sept.
1924); Bd. III (1925), Nr. ı/2 n. 3:4;
Bd. ıV (1926), Heft 1—4, 746. —
Romania, t. LI (1925). Januaiheft
1925 (Nr. 201), Aprilbeft 1925
(Nr. 202), Juliheft 1925 (Nr. 203),
Oktoberhett 1925 (Nr. 204), t. LIl,
Januar-Aprilbeft 1926 (Nr. 205/6),
747—758.
Neuerscheinuugen (bespr. von
A.Hilka). Allgemeine Sprach- u.
Literaturwiss.:. Jean Audiau, La
Pastourelle dans la poesie occitane
du moyen-äge, Paris 1923, 759. —
Auslandsstudien, hgb. vcm
Aıbeitsausschufs zur Förderung des
Auslandsstudiums an der Albertus-
Univ. zu Königsberg i. Pr. L Bd.:
Die romanischen Völker. Kog:bg.
1925, 99—1cC0. — Anton Bajec,
„Filius regi“ en roman ... (1925)
SACHREGISTER. 5
483. — Friedrich von Bezold,
Das Fortieben der antiken Götter
im mittelalt. Humanismus. Bonn
und Leipzig 1922, 102—103. —
D.S.Blondheim, Les parlesjude&o-
romans et la Vetus Latina. Etudcs
sur les rapports entre les trad. bibli-
ques en langue romane des juifs
au m. &. et les anciennes versions.
Paris 1925, 103. — James Douglas
Bruce, The evolution of Arıhurian
Romance 1 Göttingen 1935,
492—93. — Georges Duhamel
et Charles Vildrac, Notes sur la
technique poß&tique, Paris 1925,
494 — K. Ettmayer, Über das
Wesen der Dialektbildung, erläutert
an den Dialekten Frankreichs. Wien
1924, 495. — Arturo Farinelli,
Aufsätze, Reden und Charakteri-
stiken zur Weltliteratur mit Vorwort
von M. Koch. Bonn-Leipzig 1925,
105. — M. Friedwagner, Roma-
nische Philologie. Frankfurt 1924
—25, 106. — Edizioni dell’ Istituto
Christoforo Colombo, ... (23) Amedo
H.Giamini, L’Istituto Christoforo
Colombo e la sua funzione. Roma,
108—109. — lorgı lordan,
Teroiile lingvistice ale lui Karl
Vossler. Iasi 1924, 108. — Jahres-
bericht des Literarischen Zentral-
blaites, beb. Wilh. Fels. Englische,
romanische, slavische Sprachen und
Literaturen. I. Jbg. 1924, Bd. ı2.
Lpz. 1925, 107—108, — Guillermo
Jünemann, Estetica literaria.. Frbg.
i. Br. [1924], 108. — G.Rohlfs,
Griechen und Romanen in Unter-
italien. Gen&ve 1924, 112. —
W.v.Wartburg, Sprachgeschichte
und Kulturgeschichte (1924); ders.,
Was das Volk in die Sprache hinein-
denkt (1924), 114.— Emil Winkler,
Das dichterische Kunstwerk. Heidel-
berg 1925 (= Kult. u. Spr.®), 116. —
Französisch: Louis Allen, De l’Her-
mite et del Jougleor... Diss. Chicago
1925, 482— 483. — Maurice Baudin
and Edgar Erwing Brandon, La
Petite Ville par Louis Benoit Picard,
edited ... N.Y. 1925, 483. —
Joseph B&dier, Les fabliaux .
ame ed. P. 19235, 483 —484. —
Alexander Bell, Le lai d’Haveloc
and Gaimar’s tlaveloc episode edited.
Manchester 1925, 485. — Biblio-
theca romanica. Bibliotheque
francaise. Nr. 300: (Euvres de
Chateaubriand. Les Aventures du
dernier Abencerage, ed. Schneegans;
Nr. 303: La R&surrection du Sauveur,
ed. Schneegans. Nr. 304/5: Oeuvres
de Philippes Des Portes I, ed.
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Wiesb. 1925, 495—96. — Class. frc.
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SACHREGISTER.
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durch Formähnlichkeit im Neufran-
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Leitfaden der vergleichenden Be-
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Nr. 22 (1925): Le Couronnement de
Louis, par E. Langlois, 485. —
Class. fre. du m.-4. Nr. 36 (1924):
Adam le Bossu, Le Jeu de Robin et
Marion suivi du Jeu du Pelerin, par
E. Langlois, 488. — Editions
Larousse: Paul Adam, Ir&ne et
les Eunuques; Henry Bordeaux, La
Maison; Franc-Nohain, Jaboune;
Edm. Haraucourt, Les Benolt;
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Französisches Etymologisches Wör-
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v. 7021—14078 (vgl. Nr. 28), 492.
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Studium zum Verständnis der rö-
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Vogelweide und die seiner Epigonen
im 13. Jahrh. Amsterdam 1925, 109
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teinische Reimprosa, Bin. 1925, ıı1
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undzwanzig weltliche Rbythmen aus
der Frühzeit (VIL.—XI. Jh.) aus-
gewählt (= Texte zur Kulturgesch.
des M.-A., hgb. von F. Schneider,
ı. Hefi), Rom 1925, 112. — Georg
Traut, Lehrbuch der lateinischen
Sprache. 3. Aufl. von P. Brandt,
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Zur Motivforschung: Gustav Beber-
meyer, Hermann Flayders aus-
gewählte Werke, hgb. u. eingel.
Lpz. 1935 (= Bibl. d. lit. Vereins in
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(nach cod. pal. germ. 88, col. pal.
germ. 154 und den Drucken des
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Hundert auserlesene, wunderbare
und merkwürdige Geschichten des
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Zs. XXV (1925), 313—311], 109. —
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Nr. 27 (1922): Le po6sies de Cerca-
mon, par A. Jeauroy, 485. — Class.
fre. du m.-d. Nr. 39 (1923): Jongleurs
et troubadours gascons des XIIe et
X1Ile siecles, par A. Jeanroy, 489.
— Class. fre. du m.-&. Nr. 42 (1924):
Les chansons de Guilhem de Cabe-
stanh, par A. Längfors, 490. —
E. Levy, Prov. Suppl.-Wörterb,.,
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O. Schultz-Gora, Aprov. Ele-
mentarbuch, 4. Aufl., Hdbg. 1924,
760. — Class. fre. du m.-&. Nr.45
(1925): La chanson de Sainte Foi
d’Agen, par A. Thomas, 49ı.
507 —508.
Lateinisch.
aceroia (lat.) 401.
acetum (lat.) 344.
-aceu (vlat.) 398.
#*aciale (vlat.) 398.
*acifolium (lat.)
122.
acrifolium (lat.) 122.
adaestimare (lat.)
76.
Ad decimin (Geogr.
von Ravenna)
393.
afflare (lat.) 163.
aparicellum (lat.)
118.
Agrigentum (lat.)
387.
anetum (lat.) 122.
anpuilla (lat.) 408.
angustia (lat.) 477.
*anque + sic (vlat.)
307.
app!icare (lat.) 164.
Wortregister.
apud (lat.) 121.
ascopa (frühmittel-
alt. Gloss.) 75.
ascora (lat.) 75.
ascupa (lat.) 75.
ascura (lat.) 75.
#*ausis (osk.) 159.
*ausulare (lat. dial.)
159.
bafer (lat.) 155.
barba (lat.) 157.
bargena (lat.) 49.
bargus (lat.) 49.
bertium (gall.-lat.)
121.
beta (lat.) 162.
Bibanum (lat.) 391.
bicerra (lat.) 162 A.
bubalus (lat.) 155.
bufa (lat.) 155.
bufo (lat.) 155.
cadentia (mlat.) 446.
caementum (lat.)
402.
caephalus (lat.) 397.
caerelolium (vlat.)
402.
Caesarea (lat.) 395.
caesareus (lat.) 394.
Caesa:ius (lat.) 395.
*caesörem (vlat.)
396.
calabrix (lat.) 162.
calcaneus (lat.) 120.
calce (vlat.) 402.
calcea (lat.) 389.
callis (lat.) 120.
cannicius (lat.) 390.
Caput fici (lat.)
399.
9
casa (lat.) SO, 158.
caseus (lat.) 119.
cassis (lat.) 50.
Castellaceus (lat.)
397-
castelluceus (lat.)
397.
castrum (lat.) SO.
catulus (lat.) 120.
Cebro (lat.) 387.
Celeia (lat.) 392.
*centra (viat.)
402.
cepulla (vlat.)
402.
ceresea (lat.) 388.
402.
ceresätum (lat.)
88
cerostatum (vlat.)
402.
cerrus (lat.) 397.
cicuta (lat.) 492.
cimex (lat.) 163,
388.
*cimice (vlat.)
158, 392, 402.
*Circinalis (lat.)
399.
Circinata (lat.)
400.
circinus (lat ) 400.
circulum (lat.)403.
ciribrum (lat.)
162.
#cirra (vlat.) 403.
cirrus (lat.) 403.
Cissa (lat.) 387
cisterna (lat.) 389.
Cwvitas (lat.) 393.
civitate (vlat.) 392.
co2natus (lat.) 119.
columna (lat.) 403.
comerchium (lat.
Urk.) 401.
commercium (lat.)
421.
comerclum (lat.
Urk.) 401.
complexäre (spät-
lat.) 453.
confectum (gallo-
rom.) 433.
Corcyra (gr.-lat.)
401.
cossus (lat.) 118.
cotoneus (lat.) 120.
cras (lat.) 163.
crefro (lat.) 155.
*crepantare (vlat.)
574 A.
crescente (vlat.) 403.
cressanus (lat.) 387.
Crexi (Piin.) 387,
391.
crüce (vlat.) 391.
eruento (span.) 120.
*cubitalis (lat.) 119.
cubitellum (lat.)
119.
cum (lat.) 121.
cumerzaricus (lat,
Urk.) 401.
cuna (lat.) 120.
Cyprianus (lat.)
388. 398.
decessus (lat) 403.
(Ad) Decimum)
(sc. Lapidem)
ılat.) 392.
Ducculum (lat.)
393-
Dyrrhachium (lat.)
390.
elex (dial. lat.) 155.
Epidaurus (lat.)
393.
faciale (lat.) 398.
*farfu (osk.) 157.
fervere (lat.) 163.
ficus (lat.) 120.
*follicella (vlat.)493.
fors (lat.) 445.
fors fortuna (lat.)
445.
WORTREGISTER.
fortunı (lat.) 445.
fortunae (lat.) 445.
fovea (lat.) 120.
furfur (lat.) 162.
*furfureus (vlat.)
163, A.6.
gelatina (lat.) 406.
gemellus (Int.) 120.
Geminiana (lat.)
404.
Geminianum (lat.)
390.
g:minus (lat.) 119.
genista (lat.) 406.
Gervasius (lat.) 405.
*gisterna (vlat.)
405.
gleba (lat.) 163.
Glemona (lat.) 391.
*slere (osk.-umbr.)
109.
grauare (vlat.) 308.
gremia (lab.) 163.
gufa (lab.) 155.
Furdus (lat.) 450.
*hiccic (vlat) 306.
#hicibi (vlat.) 306.
horreum (lat.) 163.
humerus (lat.) 120.
ilex (lat.) 158.
*jlöc (vlat.) 306.
-itia (lat.) 120.
-ities (lat.) 120.
janua (lat.) 162.
juncetum (lat.) 391.
#*kat- (osk. Wur-
zel?) So, 158.
Kessa (mlat.) 387.
Kessensis (mlat.)
387.
lab ax (lat.) 403.
lacerta (lai.) 403.
lactus (lat.) 430.
laxare (lat.) 120.
*jämes (dial. lat.)
159.
Liciniana (lat.) 400.
lilium (lab.) 113.
lolligine (vlat.) 406.
Longaticum (lat.)
393.
lucerna (lat.) 404.
lümbus (lat.) 157.
*]lumfu (osk.) 157.
luxuriari (lat.) 450.
maceria (vlat.) 389.
397.
magulum (lat.)
118.
-mala (lat.) 680 ff.
mantaica (ibero-
rom.) 1321.
maıgella (lat.) 407.
*margineu (vlat.)
407.
-men (lat.) 122.
mergegnio (mlat.)
407.
mergegnum (mlat.)
47.
milvus (lat.) 122.
Muccula (lat.) 393.
mufro (lat.) 155.
„muricenta (vlat.)
404.
*murru (vlat.) 164.
*myriceus(lat.) 390.
*nebulus (dial. lat.)
158.
ninguere (lat.) 162.
nuce pe£rsica (vlat.)
404.
nucetum (lat.) 120.
october (lat.) 156.
*octufru (osk.) 156.
oppilare (lat.) 162.
pıstinum (lat.) 162.
paxillus (lat.) 433.
pecus (lat.) 164.
petere (lat.) 164.
petrolans (lat.) 450.
pinnex (lat.) 162.
Piquentum (lat.)
398.
placere (lat.) 404.
*plaxillum (lat.)
453.
*plaxum (gallo-
rom.) 453.
plexum (lat.) 452.
pollen (lat.) 163.
porcinaria (lat.) 161.
*pulice (lat.) 158.
*surfuleus (vlat.)
162, A. 6.
quadragesima (lat.)
8
385.
quinta (lat.) 397.
Quirinus (lat.) 397.
*racanum (vlat.)
404.
rasoricus (lat.) 161.
recessa (vlat.) 404.
regreditare (vlat.)
309.
*regrevitare (vlat)
308.
requiritare (vlat.)
308.
rex (lat.) 396.
ruber (lat.) 156.
rufu (osk.) 156.
rufus (lat.( 155.
rus (lat.) 52.
saburra (lat.) 162 A.
sarcina (lat.) 162.
saturare (lat.) 162.
scrofa (lat.) 155.
Scupi (lat.) 391.
Serdica (lat.) 393.
siliqua (lat.) 162.
sisarra (lat.) 161 A.
Sisciae (lat.) 401.
sociu (vlat.) 398.
Sontius (lat.) 393.
splenium (lat.) 123.
subare (lat.) 162.
talo(n) (lat.) 52.
taspa (lat.) 51.
talus (lat.) 52.
tamarice (vlat.) 390.
404.
*Tamariciaricum
(lat.) 390.
Tarsatica (lat.) 394.
teba (sab) 156.
*telos (lat.) 52.
tellus (lat.) 52.
Tergeste (illyr.-lat.)
390.
*tifa (osk.) 106.
tifata (Festus) 156.
*timpa (lat,) 163.
töfus (lat.) 155.
traginariu (vlat.)
497.
*üfa (osk.) 156.
tufer (lat.) 155.
Ulcinium (lat.) 394.
urceolu (vlat.) 401.
urceus (lat.) 390,
401.
uter (lat.) 120.
Utinum (lat.) 392.
*uxorare (vlat.)
162.
vacerra (lat.) 161 A.
Vegium (Plin.) 405.
*Venetici (lat.)
393.
vepera (dial. lat.)
158.
Vibianum (lat.)
393.
#*vibra (lat.) 157.
*vicinata (lat.) 392.
vipera (lat.) 157.
vitis (lat.) 120.
vivera (lat.) 163 A.
vomer (lat.) 120.
Io
Französisch.
& (frz.) 580.
acabit (frz.) 577.
accorder (frz.) 580.
acravanter (frz.)
adresse (frz.) 574.
Aemer (afrz.) 76.
aemer (afrz) 76.
aesmer (afrz.) 76.
afferent (frz.) 580.
aganter (frz.) 577.
agiau (frz.) 578.
agrener (frz.) 580.
ahan (frz.) 570.
Aimer (afrz.) 76.
ainsi (frz.) 307.
alaitier (afız.) 372.
alerion (frz.) 570.
allöcher (frz.) 572.
alluchon (frz.) 573.
aluec (afrz.) 307 A.
alues (afrz.) 307 A.
anchifure (frz.) 575.
andouille (frz.) 576.
afele (bearn.) 408.
ange de mer (frz.)
575.
angelot (frz.) 575.
anicrcoche (Rab.)
574
appetit (frz.) 572.
apprivoiser (frz.)
572.
arracher (frz.) 573.
arriere-ban (frz.)
573-
artillier (afrz.) 573.
artison (frz.) 576.
assener (frz.) 570.
atainer (frz.) 448.
aubain (frz.) 569.
aub£re (frz.) 577-
auvel (frz.) 577 A.
aversier (afrz.)
292.
avir (frz.) 568.
aymer (afrz.) 76.
baillet (frz.) 583.
baillif (afrz.) 583.
baisure (frz.) 583.
balbutier (frz.) 584.
baliveau (frz.) 584.
bandouliere (frz.)
584.
barba (wald.) 585.
barbe (frz.) 585.
barge (ostfrz.) 49.
barle (frz.) 585.
basculer (frz.) 585.
WORTREGISTER.
bätard (frz.) 586.
bave (frz.) 586.
betuse (frz. 15. Jh.)
8
587.
bidon (frz.) 587.
bigle (frz.) 587.
biseul (frz.) 583.
bisquer (frz., 588.
bobine (frz.) 588.
boulongeon _(frz.)
589.
bouquer (frz.) 583.
bourdaigne (frz.)
590.
bourseau (frz.) 591.
boutade (frz.) 591.
bouteille (frz.) 591.
branler (frz) 592.
brassicourt (frz.)
592.
brehaigne (frz.) 592.
bürge (b£arn.) 147.
ca (frz.) 307.
caboter (frz.) 593.
cache-mitoulas (frz.)
594.
caille-lait (frz.) 594.
calais (frz.) 595.
calandre (frz.) 595.
calandrer (frz.) 595.
camelot (frz.) 596
camus (frz.) 596
canezou (frz.) 596.
caniveau (frz.) 597.
caprice (frz.) 597.
catiche (frz.) 598.
carambole (frz.) 597.
carapace (frz.) 597.
carde (frz.) 597.
carosse (frz.) 597.
ce (nfrz.) 308.
cet (frz.) 307.
chambranle (frz.)
598.
chance (frz.) 446.
charancon (frz.) 595.
chas (frz.) 598.
chegros (frz.) 598.
chiche (frz.) 599.
chinquer (frz.) 679.
chouette (frz.) 599.
cibandiere (frz.) 599.
cigale (frz.) 599.
ciroene (frz.) 600.
cit€ (afrz.) 308.
claquer (frz.) 600.
cleche (frz.) 600.
clergeon (frz.) 600.
cliche (frz.) 600.
cligner (frz.) 600.
colifichet (frz.) 601.
coltis (frz.) 601.
compou (frz.) 602.
confire (frz.) 453.
confit (afrz.) 453.
congr&ganiste (frz.)
602.
controuver (frz.) 602.
coqueluche (frz.) 602.
corniche (frz.) 602.
coron (frz.) 603.
cosson (frz.) 118.
coucoumelle (frz.)
6023.
coupeillon (frz.) 604.
couper se (frz.) 603.
courge (frz.) 605.
craner (frz.) 606.
cr&pinietre (frz.) 606.
ereteler (frz.) 606.
creton (frz.) 606.
crinoline (frz.) 606.
crouchant (frz.) 606.
cuivre& (frz.) 606.
curandier (frz.) 607.
dagorne (frz.) 607.
dame (frz.) 607.
deboire (frz.) 608.
degringoler (frz.)
608.
desserte (frz.) 609.
diable (frz.) 292.
discale (frz.) 609.
douillage (frz.) 609.
driller (frz.) 610.
dru (frz.) 450.
dupe (frz.) 579.
ebaubir (frz.) 610.
ebauche (frz.) 610.
ebraser (frz.) 610.
ebronder (frz.) 611.
ecagne (frz.) 611.
€changier (frz.) 611.
€coeurer (frz.) 611.
€coperche (frz.) 612.
&corne (Irz.) 612.
€cran (frz.) 612.
ecrouir (frz.) 612.
€egrillard (frz.) 612.
eissi (afrz.) 307.
embarbe& (frz.) 585.
-&ment (frz.) 312
ementir (frz.) 612.
empeigner ({rz.)613.
emponter (frz.) 113.
encasteler (frz.) 613.
enceinte (frz.) 613.
enclume (frz.) 614.
encoquer (frz.) 614.
encrouler (frz.) 114.
engoulevent
614.
enhend£ (frz.) 614.
enqui (afrz.) 308.
ensi (afız.) 307.
entre-pied (frz.)615.
enveloppe (frz.)615.
envoye (frz.) 408,
Epart (frz.) 615.
€parvin (frz.) 615.
€ponge frz.) 615.
epoularderifrz.)616.
€quinter (frz.) 616.
escarmouche (frz)
617.
esclame (afrz.) 617.
esnel (afrz.) 617.
esnelement (afrz.)76.
espagnolette (frz.)
617.
esplein (afrz.) ı21.
flasque (frz.) 449.
gaspa (swfrz.) 149 A.
grementer (afız.)
309 A.
grevance (afız.) 308.
grever (afrz.) 308.
grief (afrz.) 308.
griete (afrz.) 308.
*ica (afız.) 306.
icel (afrz ) 305.
icest (afrz.) 305.
ici (afrz.) 3053.
ico (afrz.) 308.
(i)cou (afrz.) 308.
idonc (afrz.) 3053.
ilors (afrz.) 308.
iluec (afrz.) 305.
iqui (afrz.) 305.
isnel (afız.) 76.
issi (afrz.) 305.
itant (afrz.) 305.
itel (afrz.) 305.
itout (afrz.) 305.
kuite (bearn.) 397.
küere (gask.) 120.
lais (afrz.) 306.
lajus (arrz.) 306.
Le Caylus(sfrz.) 397.
linge (frz.) 120.
loir (frz.) 158.
lors (frz.) 306.
malchiere (frz. 16.Jh.)
679.
malsier (wall.) 679.
malsierteit (afrz.)
679.
mäsi (lieg.) 678.
masier (Jean d’Oa-
tremeuse 679.
(frz.)
massiere (16. Jh.)
679.
massirue (16. Jh.)
679.
maufe (afrz,) 292.
meesme (afrz.) 76.
meisme (afrz.) 76.
meute (afrz.) 308.
mourre (sfrz.) 164,
nacelle (frz.) 308.
nee (frz.) 119.
ne&es (afrz.) 76.
neis (afrz.) 76.
Noisy (ftrz.) 120.
ogre (frz.) 119.
Oitier (frz.) 392.
paisseau (frz.) 453.
paissel (afrz.) 453.
pepie (frz.) 571.
pesance (afrz.) 308.
pesantume_ (afrz.)
308.
plais (afrz.) 453.
quintaina (frz.) 397.
regreter (afrz.) 309.
regretter (Irz.) 308.
sop£ne (frz.) 679.
tost et isnelement
(isnel) (afrz.) 76.
Uchaud (frz.) 392.
umi (b&arn.) 120.
Provenzalisch.
aacest (prov.) 307.
aicil (prov.) 307.
aisi (prov.) 308.
(ai)so (prov.) 308.
ails)si (prov.) 308.
aquel (prov.) 307.
aqui (prov.) 308.
ataina (aprov.) 448.
Azemar (prov.) 76.
confech (aprov.) 453.
confir (aprov.) 453.
euze (prov.) 158.
gir (prov.) 120.
irnel (aprov.) 72.
isnel (prov.) 77.
loras (prov.) 306.
mazan (aprov.) 452.
nada (prov.) 119.
novia (prov.) 119.
oire (prov.) 120.
paisel (aprov.) 453.
peis-ange (nprov.)
575.
plais (aprov.) 452.
Quintana(prov.)397.
sa(i) (prov.) 307.
WORTREGISTER.
saunar (prov.) 126.
tain(a) (aprov.) 448.
tainar (aprov.) 448.
taupo (prov.) St.
uech (pıov.) 125.
vielh (prov.) 125.
Katalanisch.
abuch (kat.) 122.
aqueix (kat.) 307.
aquell (kat.) 307.
aqui (kat.) 308.
ar (kat.) 123.
asi (kat.) 308.
as(so) (kat.) 308.
caracaruecha (kat.)
122.
ceballar (kat.) 124.
#cebolla (kat.) 124.
cuquera (kat.) 122.
escisar (kat.) 126.
esquerre (kat.) 127.
femna (akat.) 126.
grevol (kat.) 122.
kel (kat.) 307.
llambrega (kat)
303.
llavors (kat.) 306.
llumenar (kat.) 126.
mantega (kat.) 122.
morre (kat.) 164,
A. 2.
nit (kat.) 126.
novia (kat.) 119.
nuvia (kat.) 119.
pec (akat.) 164, A. 1.
#*peixell (kat.) 453.
pleixell (kat.) 453.
plexe (kat.) 453.
queix (kat.) 127.
roja (kat.) 118.
Rovires (kat.) 125.
sa (kat.) 307.
timba(kat.) 163, A.2.
timpes (kat.) 163,
A.2.
xetra (kat.) 764.
Spanisch.
aca (span.) 307.
acebo (span.) 122.
acelga (span.) ISI.
acetra (span.) 764.
acibar (span.) I51.
agarzo (span.) 118.
alcuzcuz (span.) 149.
allegarse (span.) 164,
A.5.
angelote (span.) 575.
aplegar (valenc.)
1604, A.S.
aquel (span.) 307.
aquese (span.) 307.
aqueste (span.) 307.
aqui (span.) 308.
azote (span.) 151.
barganu (astur.) 49.
burgil (nordarag.)
147.
cacho (span.) 120.
carareques (men.)
celtre (span.) 764.
cerro (span.?) 120.
cetre (span.) 764.
chicharo (span.) 118.
cobdal (span.) 119.
colmillo (span.) 8 19.
cospa (nordarag.)
149.
cospillo
149 A.
cras (aspan.) 163,
eneldo (span.) 122.
fembra (span.-kat.)
126.
gemelo (span.) 120.
giro (span.) 120.
grefia (andal.) 163.
kallar (span.) 163,
A
Ar
kervir (span.) 163,
A
. 3.
hörreo (nwspan.)
163, A.8.
hoya (span.) 120.
huergo (span.) 119.
liia (span.) 120.
lirio (span.) 118.
llegar (span.) 164,
A.S$.
mallar (span.) 118.
mantega (span.) I21.
melba (span.) 122.
melocoton (span.)
120.
morro (span.) 164,
A.3.
nadie (span.) 119.
ar end 164,
sed Bean) 164,
A.4
ne (span.) 397.
roya (murc.) 118.
thecra (span.) 123.
timba(val.) 163, A.2.
timpa(val.) 163, A.2.
11
uembre (arag.) 120.
Zäbila (span.) 151.
Zamarra (span.)
161 A.
Zaragossa (span.) 395.
Portugiesisch.
acetere (ptg.) 764.
rs (ptg.) 163,
A.4.
aconte (ptg.) I5I.
aquelle (ptg.) 307.
aquesse (ptg.) 307.
aquest (kat.) 307.
aqueste (ptg.) 307.
aqui (ptg.)
azebre (pig.) 151.
ca (ptg.) 307.
(ejcherar (ptg.) 164,
A. 5.
cotovello (ptg.) 119.
cras (aptg.) 163, A. 5.
ferver (ptg.) 163,
A.3.
gemeo (aptg.) 119.
leiva (ptg.) 163, A. 6.
pedir (ptg.) 164, A.4.
pego (pıg.) 164 A.
selga (ptg) ı51.
Sardisch.
appilläc (südsard.)
164, A. 5.
auzarra (sard.) 160.
beda (ztrsard.) 162,
A.g.
binistra (log.) 406.
elige (sard.) 158.
früfere (zirsard.) 162,
A.6
gisterra (alog.) 405.
kalarige (sard.) 162,
A
9,
kimiki (sard.) 162,
A. 17.
kirra (log.) 403.
kras (sard.) 163, A. 5.
krasa (sard.) 163, A.S.
krea (log.) 163. A.6.
kuddu (log.) 307.
kugürra (sard.) 160.
lea (sard.) 163, A. 6.
lipörra (sard.) 160.
murru (sard.) 164,
obbilai (kampidan.)
162, A. 10.
örryu (sard.) 163,
A.8,
12
pastinu (ztrsard.)
162, A. ı2.
pedire (sard.) 164,
A.
4
pegus u) 164,
A.
am (sard.) 163,
A.ı
pionite (südsard.)
162, A. 14.
pinnige (südsard.)
162, A. 14.
pinniye (südsard.)
162, A.14.
pinniZi (südsard.)
162, A. 14.
pödda (sard) 162,
A. ı1.
pöddine (sard.) 162,
A.1l.
remyarzu (nord-
sard.) 163.
subare (zirsard.)
162, A. 13.
tilibba (ztrsard )
162, A.8.
yänna (ztısard.)
162, A. S.
zingörra (sard.) 160.
Italienisch.
abbrüka (siz.) 144.
acchicare (kal.)
16, A.
accuse (rom.) 308.
accusi (siz.) 308.
acse (mod.) 308.
acsi (Bari) 308.
acuse (bol.) 308.
addö ara (südabr.)
159.
adörnu (Castroreale)
145.
aduselä (abr.) 159.
aduseli (Touo) 159.
apphicari (siz.) 164,
A
uoßt
akkyare (tar. apul.)
163, A. 4.
u auealh)
Re „wordkamp. )
158.
Alfano (skamp.)
ammaßia (nsiz.) 145.
amudden (siz.) 144.
amuddia (siz.) 144.
angiola (vegl.) 408.
aosolä (irp.) 159.
WORTREGISTER.
aplicare (altdalm.)
164, A. 5.
appilä (kamp.) 162,
A.10.
armadia (nsiz.) 149.
ä’pa (nsiz.) 144.
arpegghia (girg.)
144.
arpetu (girg.) 144.
arraffu (siz.) 148.
-arru (basil.) 160.
asciare (neap.) 163,
4.
asi (gen.) 308.
adsäri (siz.) 163,
A.
4.
asuddijäre (Scalea)
159.
asuliäre (kal.) 159.
atörnu (Mandau.)
145.
attrüfu (salern.)
156.
attufro (neap.)
156 A.
ausulä& (abr.) 159.
ayareda (südkal.)
149.
ER, (siz.) 163,
ba (ztrkal.)
160.
baläta (kal. siz.)
147.
bänna (untit.) 153.
Barcis (Udine) 49.
Barco (venet.) 49.
Barcone (Como) 49.
Barga (lucches) 49.
Bargagli (genues.)
49.
Barg-ecchia (lucch.)
49.
Bargenne (tosk.)
49.
Barghe (bresc.) 49.
Bargi (bologn.) 49.
Bargine (tosk.) 49.
Bırgin(n)a (etrusk.)
Bargone (genues).
(parm.) 49.
bezzo (ven.) 409.
Bonefro (Campob.)
157.
brüka (siz.) 144.
Bucari (it.) 398.
Bucarizza (it.) 398.
budzürru (kantan-
zar.) 100.
bunnia (siz.) 147.
burgü (siz.) 147.
burnea (Aidonc)
147-
burnia (siz.) 147.
busa (siz.) 147.
caccio (ft.?) 120.
takärr& (nordkal.)
60
100.
caleze (ven.) 386.
Cantafi,.ho (it.) 399.
capriccio (it.) 399.
Caramiru (siz.) 144.
taramöfia (abr.)
160.
carara (Trapani)
148.
carera (siz.) 149.
Carufo (abr.) 164,
A. 2,
&avürra (nordapul.)
&&mada (bas.) 158.
Cenda (kamp.) 159.
Cenga (Venafro)
Caränoa (skal.) 148.
chersano (it.) 387.
Cherso (it.) 387.
chicave (kal.) 164,
A.S.
ci (it.) 308.
ciacciamita (Patti)
144.
ciaramira (siz.) 144.
ciaramita (siz.) 144.
cicerchia (it.) 118.
ciö (1t.) 308.
&ipränn> (abr.) 159.
&ipyernu (apul.)
159.
Giränna (Furci)
148.
civärra (ztrkal.) 160.
Cividale (it.) 392.
coccia (bas.) 144.
codesto (it.) 307.
cosi (it.) 308.
cotesto (it.) 307.
cringatro (aumbr.)
159.
*croge (ven.) 392.
cupa (rom.) 74.
cupo (it.) 74.
Curäna (siz.) 148.
&urayna (siz.) 148.
Curzola (it.) 388,
401.
&y6&rsu (Mand.) 145.
dänbisu (siz.) 147.
dägala (siz.) 147.
dammüsu (siz.) 147.
ddammusu (siz.)
147.
ddisa (siz.) 147.
ddisi (siz.) 147.
ddurb4 {siz.) 147.
ddzabbara (siz.)
1St,
disa (siz.) 147.
doge (ven.) 386,
392.
duce (it.) 392.
dürbu (siz.) 147.
dürpu (siz.) 147.
dzabära (siz.) 151.
dzäkya (wsiz.) 151.
dzamära (siz.) 151.
dzambära (skal.)
15T.
dzammatäru (siz.)
151.
dzärbu (siz.) 152,
dzärka (ztrsiz.) 151.
dziro (hamp.) 152.
elce (it.) 158.
€lece (neap.) 158.
cleze (ven.) 158.
elica (basil.) 158.
ind (katanz.)
a (kantanz.)
160.
fagu (kal.) 154.
faläsco (it.) 159.
färsa (nsiz.) 145.
lässa (nsiz.) 145.
ferve (bas.) 163,
A.2.
fervara (otr.) 163,
A, 3.
foggia (it.) 120.
fräffd (nordkamp.
abr.) 157.
fravire (otr.) 163,
A
“3
füska (katanz.) 144.
gaddzäna (siz.) 149.
gal:pp (südabr.)
159.
gal&ro (benev.) 158.
galibbari (siz.) 150.
galiici (kalabr.) 149.
galiggi (siz.) 148.
gämma (unit.) 153.
&ämmira (siz.) 148.
ganedda (xkal.) 148.
ganella (Bianco)
148.
gänna (unit.) 153.
garaflu (siz.)
148.
garüfs (abr.) 164,
A.2
gasena (siz.) 149.
gatıger (nordkal.)
Bee (siz.) 148.
Gemona (ven.) 371.
gemulu (siz.) 119.
gibbia (kal.) 148.
Gionchetto (it.)
391.
Girgenti (it.) 387.
gitiena (zirsiz.) 148.
Giupana (it.) 391.
gödzimu (siz.) 144.
gödzina (siz.) 144.
grästa (siz.) 144.
gremma (kal.) 163,
A.7.
grefia (kal.-siz.)
164. A. 7.
greNia (ap. neap. irp.)
163, A. 7.
grusul&co (Messina)
145.
grüyta (nordkal.)
159.
guanella (Ferruz-
zano) 148.
£&ummi.ra (siz.) 148.
Een (siz.)
148.
uräna (siz.) 148.
uränna (siz.) 148.
uvanedda (Palizzi)
148.
gwisina (siz) 144.
hadürra (Centrache)
160.
halaßina (Maida)
159.
ilfara (otrant.) 157.
118 (lomb.) 306.
illoga (lomb.) 306.
iloc (piemont.) 306.
intsäla (nsiz.) 145.
isina (siz.) 144.
Isonzo (it.) 393.
issara (nsiz ) 145.
ittena (nsiz.) 148.
jeusa (kal. 159.
jievusa (kal.) 159.
jöska (bas.) 144.
jüska (siz.) 144.
kalabriku (basil.)
162, A. 7.
kalapriäu (südap.)
162, A. 7.
kalavride (bal.) 162,
A.7.
WORTREGISTER.
er! (Acerno)
Kelle (abruzz.)
158.
15
kälfa (ztrkal.) 159.
käma (sröm.) 148.
käma(nordap.) 148.
kämi (Vita) 148.
käm (abruzz.) 148.
kämma (neap.) 148.
kanerdzu (sröm.)
159.
kärbu (ostsiz.) 149.
kärfa (ztrkal.) 159.
Karnausa (vegl. it.)
39.
kartedda (siz) 144.
karüfa (abr.) 164,
A.2.
käsa (kamp.) 159.
kas&na (siz.) 149.
kaspi (piem.) 149 A.
käspu (siz.) 149.
kädpu (siz.) 149.
katana (kamp.) 159.
katöju (siz.) 144.
kavürru (skal.) 160.
kenku (parm.) 308.
kerkiri (siz.) 118.
rd (südit.) 163,
A. 5.
krenkatrum
(aumbr.) 159.
kübba (siz.) 150.
kudedia (siz.) 144.
küpa (neap.) 74
küs (mail) ı18.
küskusu (siz.) 149.
kyuıäna (Mistr.)
148.
l&miti (otrant.) 158.
lendza (parm,) 53.
$eri (salern.) 158.
feva 163,
A.6
#lez (avenet.) 54.
leza (berg.) 53.
limärra (kal.) 160.
lisa (südkal.) 147.
lisi (siz.) 147.
litteri (nsiz.) 145.
Longatiro (it.) 393.
losa (ztrkal.) 159.
*]oz (avenet.) 54.
lüffu (irp.) 157.
l’ünfu (otrant.) 157.
matäkka (abr.)
160.
macolla (nord-
kamp.) 160.
13
madzürru (nordkal.) ningi (kal.) 162,
161. A.ı
makaröfia (nord-
kamp.) 160.
makgka (sröm.) 160.
mantiga (siz.) I2I.
mardanu (siz.) 150.
ee (siz.-kal.)
mardıdppa (siz.)
ihrein (skal.) 149.
marfu (siz.) 149.
märkatu (siz.) 149.
marüka (kal. irp.)
160.
maßredda (nsiz.)
145.
maßrellu (Novara)
145.
Massäfra (tarent.)
158.
mästra (Bova) 145.
mastr&dda (Bova)
145.
matäffu (siz.) 150.
matäkku (siz.) 150.
mäıta (sröm.) 160.
matörra (nordkal.)
100.
matt> (neap.) 160.
mattsäkkera (sröm.)
160.
melo (it.) 120.
middeu (siz.) 144.
misulüku (Girg.)
149.
mörra (sıöm.) 164,
A. 2.
muddia (siz.) 144.
Muggia (it.) 393.
murra (siz.) (kal.)
164, A. 3.
muüstika (siz.) 150.
mustikedda (Nico-
sia) ISO.
musuluku (ostsiz.)
149.
musulüpa (kalabro-
gr.) 150.
musulüpu (skal.)
150.
näka (siz.) 144, 150.
nakka (südit,-
griech.) ı21.
nasita (siz.) 145.
Beuene (abr.) 162,
A
newds (kamp.)
158.
nziru (siz.) 152.
nzor& (neap.) 162,
4
nzurare (kal.) 1632,
A.4.
occhio (it.) 40T.
ödzina (siz.) 144.
ofena (abr.) 157.
-orru (basil.) 160.
örru (Messina) 145.
Öscina (osiz.) 144.
ösine (siz.) 144.
palästra (sröm.) 159.
pandöökaa (kamp.)
159.
pänika (nordkal.)
159.
pästium (kal.) 162,
A.12
peko (südie, 164,
A.
as (basil.) 161.
pentima (otrant.)
163, A. 1.
penzolo (it.) 161.
peti (röm. kamp.)
164, A. 4.
pezzente (südit.)
164, A. 4.
picyernu (Teggiano)
159.
pimmica (neap.)
162, A. 14.
Pinguente (it.) 398.
pimıda (nordkal.)
162, A. 14.
pirrja (skal.) 145.
pirrju (skal.) 145.
pitriggüni (nsiz)
145.
pittirru (nsiz.) 145.
pode@a (bas.) 158.
pöled» (kamp ) 158.
püysa (kamp.) 159.
prevede (ven.) 386.
pudia (siz.) 1344.
purlinärra (nord-
kal.) 161.
puria (siz.) 144.
putärra (südabr.)
161.
putslirru (nordkal.)
161.
parfüta (nordkal.)
162, A. 6.
pasöıra (nordkal.)
161.
qua (it.) 307.
14
quello (it.) 307.
quessu (südit.) 307.
questo (it.) 307.
qui (it.) 308.
quici (it.) 308.
quilö (lomb.) 307.
quinci (it.) 308.
quivi (it.) 308.
raddena (siz.) 150.
räfu (siz.) 150.
Ragusa (it.) 393.
un (nordkal.)
61.
riddena (siz.) 150.
riniöka (siz.) 144.
ropa (nsiz.) 145.
rüfa (nordkamp.)
156.
rufru (it.) 156.
rusul& (nsiz.) 145.
rusulöw (Mandam.)
145.
salamira (siz.) 144.
salamita (siz.) 144.
“. (abr.) 162,
A. 8.
bamärra (siz.-kal.)
161,
Kamärra (kamp. irp.
Agnone., abr.
nordapul.) 161.
särcina (kal.) 162,
A.2.
särka (siz.) 151.
satorare (neap.) 162,
A.3.
saturari (siz.) 162,
A.2.
säya (siz.) ISI.
scupina (südit.) 75.
sekera (nsiz.) 145.
sekili (nsiz.) 145.
sekira (nsiz.) 145.
sell&goya (sröm.)
162, A.8.
Bersu (Furci.) 145.
sillu (kal.) 159.
Skattierra (nordkal.)
161.
skifidda (Santa
Lucia) 145.
skirrügga (siz.) 151.
skupü (Messina,
Patti) 145.
skupinu (nsiz.) 75.
skupina (abruzz.)
74.
skupiw (nsiz.) 145.
skupöyna (Gargano)
75.
WORTREGISTER.
dkurrüßßa (siz.)
IST.
Solöfra (avellin.)
157.
sopsta (Gargano)
159.
spänu (siz.) 144.
spiria (siz.) 144.
spisidda (nsiz.) 145.
spuria (kal. bas.)
144.
stöla (Belsito) 159.
sücchiaru (siz.) 150.
sulijära (Morano)
159.
Bußka (siz.) 144.
suvare (kal.) 102,
A.13.
taddarita (siz.) 144.
*talpa (avenez.) 52.
tammärru (kal.) 161.
tannüra (siz.) 151.
tapirru (apul.) 161.
t«mb2 (sal. abr. bas.
pordkamp.) 163,
A.2
terrapäwna (süd-
abr.) 159.
tiinu (kal) 159.
tifa (zirkal.) 156.
tiba (ztirkal.) 156.
tikkyena (ostsiz.)
148
timpa (siz.) 163,
A. 2.
tofa (irp. abr.) 156.
Tolfa (it.) 157.
Trieste (it.) 390.
Trinefriu (it.) 158.
triti (nsiz.) 145.
trupa, „(nsiz.) 145.
trupiggüni (nsiz‘)
trusul@w (südkal.)
145.
tsakatörra (nordkal.)
161.
tsäkkannu (kal.)
IST.
tsamärru (kal.) 161.
tsattsamita (siz.)
144.
tsattsamitula (siz.)
144.
tsimmaru (nsiz.)
tsimmuru (nsiz.)
14.
tsötta (siz.) 151.
tüfa (irp. abr.) 156.
Udine (it.) 392.
Ufente (volsh.) 157.
üffo (irp.) 157.
Upliano (it.) 405.
ulew (Mandan.)
145.
uppolä (irp.) 162,
A. ı0,.
uppald nn 162,
En (ral, 163,
A.8
-urru (basil.) 160.
usolare (tosk‘) 159.
usur& (umbr.) 159.
valäıa (siz.) 147.
ee (Gargano)
Venafio (kampan.)
157.
veper® (basil.) 158.
veta (nordkal.) 162,
A.9.
vifera (basil.) 157.
vinärra (basil.) 161.
visina (siz.) 144.
vitörra (nordkal.)
161.
vrüka (siz.) 144.
vukäka (abr. nord-
apul.) 159.
vakäta (abr. nord-
apul.) 159.
yänu wa (abr.) 162,
A.
yänwa (nordkamp.)
162, A. 5.
ie (nordkal.)
BEN (kalabr.)
405.
yusterna (kalabr.)
405.
yuttena (Girg.) 148.
zabbära (siz.) 151.
zäkkanu (siz.) IST.
zärba (siz.) 152.
zarbäta (siz.) 152.
zata (lomb. venet.)
so.
zgwizina (siz.) 144.
zimma (siz.) 144.
zirma (siz.) 144.
zirru (nordkal.) 152.
ziru (siz.) 152.
zübbia (siz.) 152.
zuri (it.) 391.
yama (siz.) 148.
yaräva (siz.) 148.
yarbva (siz.) 148.
xattsäna (skal.) 149.
xäya (siz.) 151.
xirba (ssiz.) 149.
züußka (siz.) 144.
ngringata (basil.)
159.
nwisina (siz.) 144.
Rätoromanisch.
accöd (rät.) 308.
acsi (eng.) 308.
aissi (eng.) 308.
aquel (eng.) 307.
aqui (rät.) 308.
arder (rät.) 452.
arint (friaul.) 391.
assi (eng.) 308.
atscho (eng.) 308.
tarc (tirol.) 48.
barch (valmal.) 48.
barco (valsugan.)
48.
barex (anaun.) 48.
barga (rät.) 48.
bargia (oberwaldn.)
48.
bargun (oberwald.)
8
48.
bark (trent.) 48.
barko (comel.) 48.
barku (comel.) 48.
buga (bellun.) 46.
Cara (arcev.) 403.
Cata (judik.
puschlav.) So,
cletg (surselv.) 445.
dzusterna (istr.)
405.
furtegna (rät.) 445.
furtina (rät.) 445.
furtüna (eng.) 445.
furtüna d’aua (eng.)
furtüna d’aura (eng.)
445.
furrüna d’fo (eng.)
445.
illd (rät.) 306
ka (ueng.) 307.
kau (obw.) 307.
kel (Iriaul.) 307.
lezo (fass.) 53.
lieuca (Padola) 53.
li6da (comel.) 53.
l:öza (dolom.) 53.
loge (friaul.) 53.
loz& (friaul.) 53.
lölza (borm.) 53.
Iöza (dolom.) 23.
lözdza (borm.) 53.
lueza (garden.) 53
luoza (livin.) 53.
margun (eng.) 48.
mot (borm.) 46.
muf (borm.) 46.
müf (puschl.) 46.
muga (comel.) 46.
mughe (friaul.) 46.
mugo (Alp. or.) 46.
mux (nousb.) 46.
muzxon (Tabass.) 46.
quillö (friaul.) 307.
dliezo (eng.) 53.
talpa (Portogruaro)
(comel.) 51.
talpe (friaul.) 51.
ventüra (aeng.) 445.
vizin (friaul.) 392.
zata (tirol., ladin.)
so.
Rumänisch.
acel (rum.) 307.
acest (rum.) 307.
aci (rum.) 308.
acice (rum.) 308.
acilea (rum.) 308.
aclo (banat.) 307.
acö (maz.) 308.
acold (rum. maz.)
307.
acsi (arum.) 308.
nn (rum. maz.)
alla a 163,
A.l
aplech rum.) 164,
Re (rum.) 301.
cale (rum.) 120.
columnä (rum.) 403.
coplesi (rum.) 454.
cucutä (rum.) 402.
drac (istrorum.) 292.
fatä (rum.) 294.
fatä (rum.) 294.
fierbe (rum.) 163,
A.
foamete (rum.) 407.
geamen (rum.) 119.
gruiü (rum.) 164,
A. 2.
impärat (rum.) 396.
linsur& (rum.) 162,
.4.
jur (rum.) 388.
kauko (maz.) 308.
livadä (rum.) 194.
manticä (rum.) 121.
märgea (rum.) 407.
WORTREGISTER.
*märgeali (rum.
407.
märginas (rum.) 407.
molif (rum.) 404.
ninge (rum.) 162,
A
.L
pefl (rum.) 164,
A.4.
roibä (rum,.) 118.
sarcinä (rum.) 162,
A.2.
säturä (rum.) 162,
A. 3.
soft (rum.) 398.
splinä (rum.) 123.
talpä (rum.) Sı.
Tämpa (rum.) 163,
A.2.
tinte (rum.) 397.
fintä (rum.) 397.
vargä (rum.) 294.
Albanisch.
ger (alb.) 158.
kembore (alb.) 155.
kend6j (alb.) 155.
kukute (alb.) 402.
mbret (alb.) 396.
mengöj (alb.) 155.
molike (alb.) 404.
8ok (alb.) 398.
Be ws 163,
mp Ar 163,
Ulkin (alb.) 394.
Arabisch.
anelto (mozarab.)
122.
balathe (ar.) 147.
berniia (ar.) 147.
burg (ar.) 147.
büis (ar.) 147.
dabbis (ar.) 147.
dagal (ar.) 247.
daghla ıar.) 147.
damüs (ar.) 147.
dis (ar.) 147.
douleb (ar.) 147.
dukkän (ar.) 148.
expleni (mozarab.)
123.
JAbia (ar.) 148.
ammar (ar.) 138.
mal (ar.) 148.
embera (ar.) 148.
gerän (ar.) 148.
gharrä (ar.) 148.
halig (ar.) 148.
hama (ar.) 148.
harare (ar.) 148.
härb (ar.) 149.
harba (ar.) 149.
harir (ar.) 149.
herära (ar.) 148.
herra (ar.) 148.
hezäna (ar.) 149.
hirbe (ar.) 149.
el-Kaisärye (ar.)
396.
ke&sba (ar.) 149.
köskos (ar.) 149.
kusb (ar.) 149.
lulu (mozarab.) 118,
marg (ar.) 149.
märgad (ar.) 149.
maslüq (ar.) 149.
medaqgq (ar.) 150.
merdan (ar.) 156.
merzeba (ar.) 150.
mosteqß (ar.) 150.
naq’ (ar.) 150.
qalab (ar.) 150.
gobtal (arb.) 119.
*gobtal (hispano-
arab.) 119.
gotal (mozarab.)
119.
qubbe (ar.) 150.
qubiil (ar.) 119.
rädan (ar.) 150.
raff (ar.) 150,
sabbär (ar.) 151.
säkan (ar.) 151.
säquia (ar.) 151.
saut (ar.) 151.
setl (ar.) 764.
sokordja (ar.) 15T.
selg (ar.) 151.
south (ar.) 151.
sukkära (ar.) 150.
tannüir (ar.) 151.
tsäia (ar.) ı51.
zamat (ar.) 151.
zarb (ar.) 152.
zir (ar.) 152.
zubje (ar.) 152.
Germanisch-
akeit (got.) 394.
Amer (schwzd.)
447-
Ämer (schwzd.)
447.
ämeren (schwzd.)
447-
15
ämeren (schwzd.)
447.
ämerig (schwd.)
447.
ämerig (schwd.)
447.
ange (d.) 447.
angest (mhd.) 447.
Angst (d.) 447.
angust (mhd.) 447.
aürkeis (got.) 390.
bairgan (got.) SO.
bange (d.) 447.
baurgs (got.) 50.
bergan (germ.) 50.
beorzan (ags.) 50.
bjara (anord.) So.
bös (schwd.) 451.
Brand (schwd.) 452.
brav (schwd.) 451.
brännen (schwd.)
452.
Bränner (Glarn.)
452.
bränselen (schwd,)
452.
Bräntie n) (schwd.)
452.
cäsere (ags.) 396.
cheisüir (ahd.) 396.
Chilbi (schwd.) 452.
dult (ahd. nhd.
dial. bair.) 452.
dulps (got.) 452.
-dwelan (as.) 452.
enge (d.) 447-
ergresten (schwd.)
449.
ersorgen (schwd.)
447-
Fall (d.) 447.
faul (nhd.) 451.
Flösch (schwd.)
449.
Fiösch (schwd.)
449.
flösch (schwd.) 449.
Flöschen (schwd.)
449.
Fortünen (schwd.)
445.
fratt (szhwzd.) 451.
frattig(schwzd.)451.
frisk (mhd.) 401.
fül (schwzd.) 451.
gamaips (got.) 451.
gefallen (nhd.) 446.
geil (d.) 450.
gelücke (mhd.) 446.
gemeit (mhd.) 451.
16
zeömor (ags.) 448.
ge-resten (schwazd.)
449.
gevallen (mhd.) 446.
gifallan (ahd.) 446.
Glück (d.) 446.
gretan (got.) 308.
hide (engl.) 50.
hreo (ahd.) 450.
Hütte (d.) So.
hydan (ags.) 50.
jamar (ahd.) 448.
jämer (mhd.) 448.
Jamer (schwzd.)448.
Jammer (d.) 448.
*jämara (got.) 448.
käisar (got.) 394.
kameit (ahd.) 451.
Kerbel (d.) 402.
kervele (mhd.) 402.
kesür (as.) 396.
*kinta (germ.) 397.
Kirms (d.) 452.
krüzi (ahd.) 392.
kuning (ahd.) 395.
Lohitsch (d.) 393.
lust (engl.) 450.
malz (schwzd.) 450.
Maulwurf (d.) 52.
*.melt- (germ.) 450.
Messe (d.) 452.
Mifs-Schanz (schwz-
d.) 446.
pfingsten (schwzd.)
449.
Rast (d.) 449.
rasta (ahd.) 449.
raste (mhd.) 449.
rasıtön (ahd.) 449.
rasıen (mhd.) 449.
rasten(schwzd.)449.
rastlich (schwzd.)
449.
raston (shd.) 449.
räch (schwzd.) 450.
roehe (mhd.) 450.
re (mhd.) 450.
resten(schwzd.) 449.
Rogaz (mhd.) 393.
Rohitsch (d.) 393.
sängen (schwzd.)
452.
Sängi (schwzd.) 452.
schanz (mhd.) 446.
Schanz (schwzd.)
446.
schanze (mhd.) 446.
schier (d.) 679.
Schlitten (d.) 53.
siere (ndl.) 679.
WORTREGISTER.
sir (mnd.) 679.
Sissek (d.) 401.
skilliggs (germ. got.)
386.
sled (e.) 53.
slede (mnd. me.)
53.
sledge (e.) 53.
sledi (anord.) 53.
sleigh (e.) 53.
slidan (ahd.ags.) 54.
slide (e.) 54.
slido (ahd.) 53.
sliten (mhd.) 54.
slito (ahd.) 53.
Sorg (schwzd.) 447.
Sorge (d.) 447.
sümen (mhd.) 448.
sümen(schwzd.) 448.
süumig(schwzd.)449.
tabjan (got.) 448.
tult (ahd.) 452.
twelan (ahd.) 452.
umen - pfingsten
(schwzd.) 449.
un-grofs (schwzd.)
449.
un-schön (schwzd.)
449.
unsümic (mhd.) 449.
un-sümig (schwzd.)
449.
(ver)bergen (d.) 50.
wanton (e.) 450.
Weiberargst (d.)
447.
zata (ahd.) 50.
zee-«ngel(holl.) 576.
zier(e) (mhd.) 679.
z’re fallen (schwzd.)
450.
zubar (ahd.) 392,
409.
Griechisch,
alywäıog (gr.) 145.
auvydaln (gr.) 46.
*ovioxa (gr.) 144.
konn (gr.) 144.
Goxonnoa (gr.) 75.
Goxonvrivn(gr.) 75.
&0x0g (gr.) 75.
Bapyadons (cilic.
gr.) 49-
Bapyauog (cilic. gr.)
49.
Bapyaoa (kar.) 49.
Bepyoroıoı (gr.) 49.
BapyvAıa (sic. gr.)
49.
yasıga (gr.) 144
yıovoreova (ngr.)
405.
yıozEova (ngr.) 405.
yunavo» (gr.) 391.
ydoog (gr.) 388.
yvoog (gr.) 391.
devrEgıog (gr.) 145.
ein (gr.) 446.
Eouazxıas (gr.) 145.
Eyıdva (gr.) 144.
Sebyua ler.) 144.
Juegos (gr.) 448.
-1x05 (gr.) 394.
lEaAf (gr.) 145.
xcloap (gr.) 395.
Kaıoapeıa(gr.) 395.
xaoapeıog (gr.)
394.
xa10apnoS
394.
xcim (gr.) 452.
(gr.)
xzapraAkos(gr.)144.
zaTwyeıov (gr.) 144.
xepauida (gr) 144.
Kiaßoos (gr.) 387.
Kıooa (gr.) 387.
xovxia (gr.) 144.
Kotıya (gr.) 387.
Kvpıaxog (gr.) 401.
KvoıAAog (gr.) 401.
kaßpazı (gr.) 403.
Aaxeoda (gr.) 403.
*layrcoida (gr.)
144.
haxıpa (gr.) 145.
ueria (gr.) 144.
#*.uvy- (vorhellen.)
47:
#.uvx- (vorhellen.)
47.
MvxYjvaı (gr.) 47.
uvxnpös (gr.) 46.
urxns (gr.) 46.
uv£a (gr.) 47.
avplen (gr) 144
390, 404.
uVCO (gr.) 47.
vaxn (gr.) 144.
vacida (gr.) 145.
vixtepida (gr.) 144
oluog (gr.) 446.
oirog (gr.) 446.
Öpvıov (gr.) 145.
Ovspyia (gr.) 405.
*öyıdva (gr.) 144.
öxıya (Lesbos,
Chalk.) 144-
Ilitavoa (gr.) 393.
nodia (gr.) 144.
newrtog (gr.) 145.
nvböiag (gr.) 145.
dunp (gr) 145.
oauıauidıov (gr.)
144.
#g£xAıov (gr.) 145,
151.
oxaAoy (gr.) 52.
Zxiod«a (gr.) 400.
0RWTUiOYV (gr.) 145.
onavog (gr.) 144.
oni$ovia (gr.) 145.
*gnopıa (gr.) 144.
ovupeper (gr.) 446.
OvuPOER (gr.) 446.
"taxkapida (gr.)
144.
Teunn (gr.) 163,
A.2.
Teunvea (gr.) 163,
A.2.
tnAia (gr.) 52.
toAvnn (gr.) 145.
todße (lesb.) 163,
A.2.
teltog (gr.) 145.
tuyxavıo (gr.) 446.
zuxn (gr.) 446.
Yaooa (gr.) 145.
*povoxovig (gr.)
144.
180005 (gr.) 145.
xiuapos (gr.) 145.
*yovoolıos (gr.)
145.
yayauide(gr.)114
Slavisch.
-äc (serb.) 398.
anguja (Cataro) 408.
angula(Spalato) 408.
antrüfirsa (Curzola)
404.
«at (slav.) 394.
Bäg (vegl.) 405.
Bäg (skr.) 405.
Bakar (kroat.) 398.
Bakarac (kroat.)398.
banestra (slav. 16.
Jb.) 406.
bänistra (slav. 16.
‚Jh-) 406.
be& (vegl.) 409.
bere£& (russ.) SO.
beregü (russ.) 50.
bergo (slav.) 50.
berkti (slav.) 50.
bernestra (dalm.)406.
Bibine (dalm. slov.)
391, 393.
bistijerna (skr.) 4:6.
Blzet (slav.) 398.
braße (skr.) 388.
brede (skr.) 388.
br&ego (abulg.) 50.
brh (böhm.) 50.
brößti (abulg.) 50.
binistra (vegl.) 406.
Cabar (skr.) 409.
Cabdad (skr.) 392.
bren (skr.) 388.
abrinovie (Herz.)
388.
Caiko (vegl.) 308.
Cam (rag.) 389.
Camak (Cataro) 389.
Camza (slav. 16. Jh.)
389.
Canzevina(skr.) 389.
CAptat (slav.) 393.
caro (slav.) 394.
Calka (skr.) 387.
catrha (Herz.) 389.
Catrna (dalm.) 401.
CAvtat (slav.) 393.
C5b3r3 (slav.) 392.
Captat (slav. 13. Jh.)
„393.
Cedad (slov.) 392.
Cele (slav.) 392.
WORTREGISTER.
*Celi (slav.) 293.
teme2 (vegl. sler.)
389, 392.
Ceprota (Zara) 398.
cer (slav.) 397.
cösarı (slav.) 394.
ceta (slav.) 397.
tetrua (krot.) 389.
Chersait (vegl.) 388.
Cibrica (bulg.) 387.
cifal (Arbe) 397.
clmavica (dalm.)
389.
*timdCd (slav.) 388.
cipal (dalm.) 397.
cipao (süddalm.)
397.
cıiplarica(dalm.) 397.
*Cirin (slav.) 397.
Cirin (vegl ) 397.
Cirkul (vegl.) 403.
cisterna (lat.) 405.
clez (slav.) 386.
Como? (skr.) 392.
&omoz (Dobrii.)
389.
Cres (slov.) 387.
&r&da (gemeinslarv.)
388.
Creina (skr.) 388.
Greönja (skr.) 388.
rithica (slav.) 388.
„ubran (skr.) 388.
Cubrauic (vegl.) 388.
Cubranovic (Rag.)
388.
danda (Sen.) 389.
Dicmo (slav.) 393.
Diklo (slav.) 393.
dökes (Rag.) 403.
drakmär (vegl.) 407.
dräkmär (norddalm.)
407.
drkmär (dalm.) 407.
Dru£ (skr.) 390.
Dubrovnik (slav.)
393.
Dulciä (slav.) 394.
duvna (skr.) 403.
duz(d) (skr.) 386,
‚392.
Dzibrica (bulg.) 387.
frızak (skr.) 401.
fünkjela (Rag.) 403.
galätina (Rag.) 406.
gera (Rag.) 406.
Gimai (skr. ı1. Jh.)
404.
Giman (Gravosa)
405.
gira (vegl.) 406.
gırica (vegl.) 406.
gno) (skr.) 399.
ghoj (skr.) 399.
gospodar(slav.) 394.
Grbaß (Arbe.) 405.
grmiluk (bosn.) 407.
grmjela (Rag.) 407.
grmjelica (Rag.)
407.
grun (klruss. poln.)
164, A. 2.
gugüta (skr.) 402.
gugutva (Sin.) 402.
Gumai (skr.) 404.
Gumaha (skr.) 404.
Gumin (slov.) 391.
gusterna (skr.) 406.
gußterna (skr.) 406.
gusterha (skr.) 406.
gustijerna (skr.) 406.
gußtijerna (skr. )406.
gustirna (skr.) 406.
kläfe (kroat.) 389.
impjerator (russ.)
390.
Jakin (skr.) 386.
jahula (Rag.) 408.
jegula (dalm.) 408.
jenguja (Cataro?)
oB.
40
kalez (skr.) 386.
. *kamptafig (skr.)
399.
Kantafıg (skr.) 399.
*kaptäfig (skr.) 399.
käpula (skr.) 402.
kapula (skr.) 409.
Kaval (slav.) 396.
kelömna (slav.) 403.
kelövna (skr.) 403.
kEntra (skr.) 402.
kera (Rag.) 403.
Keräin (vegl.) 400.
kerica (süddalm.)
403.
Kerindie (vegl.) 400.
ktrostac (dalm.)
.408.
kerostat (Rag.) 402.
kıjerna (Rag.) 401.
kımak (süddalm.)
4032.
nes (Rag.) 402.
kınkavica (Cataro)
402.
Kirin£it (slav.) 400.
kirha (dalm.) 401.
klak (dalm. monten.
kroat.) 402.
17
klaßna (kroat. slavon.
dalm. aserb.) 389.
kl She (skr.) 389.
klezo (aksl.) 386.
knez (slav.) 395.
kol (vegl.) 307.
Komorlär (Arbe)
390.
komdrika (Arbe)
404.
kompr& (skr.) 399.
konie (Stulli) 390.
Kor&ula (skr.) 388.
korizma (skr.) 385.
korld (slav.) 396.
Kostölac (serb.) 398.
kößula (skr.) 408.
kral (bulg. russ.) 395.
krfulica (skr.) 402.
krijesa (Rag.) 402.
krijesva (dalm.) 402.
krisa (dalm.) 402.
kriz (slov. skr.) 391.
kriZ (Cech.) 391.
Kikar (askr.) 401.
Krklant (skr.) 400.
krklo (Ragusa) 403.
Kirknäß (skr.) 400.
Krknaߣlica (skr.) 400.
Krknata (skr.) 400.
Krkaül (skr.) 399.
Krkniüs (skr.) 399.
Krkhus (skr.) 399.
krosna (skr.) 338.
krstjenta (Ragusa
18. Jh.) 403.
Kırvaß (Rag.) 405.
krvel (skr.) 402.
krzy2 (poln.) 391.
kükuta (skr.) 402.
kumerdk3 (Ragusa
13. Jh.) 401.
kumjerak (Ragusa)
401.
Küril (slav. 15. Jh.)
401.
Kurjacovac (slavon.
serb.) 401.
Kurjak (slav. 12. Jh.)
401.
Lachliane (slav.
16. Jh.) 400.
ladis (apreufs.) 54.
er (slav. 13. Jh.)
led. (serb.) 54.
ledas (lit.) 54.
led (aslav.) 54.
ledus (lit. lett.) 54.
ligan (skr.) 406.
18
ligah (vegl.) 406.
Nn8 (Mikalja) 406.
lıgna (skr.) 406.
lignarica (skr.) 406.
ligun (Mikalja) 406.
Logätec (slov.) 393.
lökärda (dalm.) 403.
lömbräk (skr.) 403.
lükijerna(dalm. ) 404.
ao (dalm.)
Be (dalm.) 407.
Mile (slov.) 393.
Mietci (skr.) 393.
mocira (bosn.) 397.
motira (Arbe) 389.
midela (skr.) 407.
Midelici(bosn.) 407.
mrdin (serb.) 407.
mtgpän (skr.) 407.
Mrgaüe (bosn.) 407.
mrgär (skr.) 407.
mrein (skr.) 407.
mrgif (skr.) 407.
mrgina (skr.) 407.
mrginäß (mont.) 407.
mrie (skr.) 390.
mrijed (skr.) 390.
mikijenta (dalm.)
404.
mtndela (skr.) 407.
mictär (moh. slav.)
395-
murika (bulg.) 404.
nat (maz.) 119.
natiperka (Curzola)
404.
nätipijerka (Ragusa)
404.
ocal (skr.) 398.
ocbtd (gemeinslav.)
394.
oceld (aksl.) 398.
ocin (rag.) 394.
dciu (rag.) 393.
öligah (Rag.) 400.
oligna (Mikalja) 406.
Omißal (skr.) 386.
omorika (dalm.) 404.
Oprtal (skr.) 386.
Optuj (skr.) 386.
orkulic (skr.) 401.
pöculica (skr.) 398.
provat (skr.) 386.
Druck von Karras, Kröber & Nietschmann in Halle (Saale).
WORTREGISTER.
Ptuj (skr.) 386.
räkno (spalat.) 404.
ranketir (Rag.) 404.
Rim (skr.) 386.
Rogatec (slov.) 393.
Sarakaj ajt (vegl.) 388.
Saraksj (vegl.) 388.
Sen (skr.) 386.
sergiu (lit.) 447.
sipa (Spalato) 406.
Sipan (skr.) 391.
Sisak (skr.) 386,401.
Sisek (slav. dial.)
„401.
Skarka (skr.) 400,
skalezd (aksl.) 386.
sklezd (aksl.) 386.
Skople (moz.) 391.
s!(a) dıs (lett. ) 54.
sledd (aksl.) 54.
*slidö (baltoslav.)
54.
slidu, slid&f (lett.) 54.
slidud (lit.) 54.
slijed (skr.) 54.
Soda (skr.) 393.
Sofia (bulg.) 393.
Solin (skr.) 386.
Srijem (skr.) 386.
stelagd (aruss.) 386.
Bterna (slov.) 389,
394.
iu gs (aksl.) 386.
Stirna (vegl ) 389.
Stirha (slav.) 394.
Stirnica (vegl.) 389.
Btlagö (aruss.) 386.
Sukojißan (Spalato)
388.
Sukosan (slav.)
88
388.
Sukun (veg].) 402.
Sumet (skr.) 391.
Bumiti (skr.) 391.
talus (apreufs.) 52.
t3lo (aslav.) 52.
tilat (lett.) 52.
tiluot (lett.) 52.
Trsat (kroat.) 397.
tredönja (skr.) 388.
trkmär (Spalato)
407.
Trst (slov.skr.) 390.
Trzalan (slov.) 390,
TrZaßcan (slov.)
390.
trZaßki (slov.) 390.
Ul6in (slav.) 394.
uligan (Cataro) 406.
uligna (skr.) 406.
uligun (Mikalja)
"406.
Uglan (dalm.) 405.
Videm (slov.) 392.
viöna (skr.) 388.
ViZinada (slov.) 392.
vıe (slov. skr.) 390.
vröld (aksl.) 390,
401.
vracova (aksl.) 390.
Zir (dalm.) 391.
Zirje (dalm.) 391.
Zman (skr.) 390.
Zman Seica (skr.) 390.
Zmin (istr.) 390.
Zmiäßtin (istr.) 390.
Verschiedene Sprachen.
ahuntz (bask.) 764.
akiker (berber.)
118.
arsel (berber.) 118.
*barg (illyr.) 50.
barag (avest.) SO.
#bhergh (idg. Wur-
zel) 50.
bog (türk. tartar.)
47.
bog (magyar.) 47.
bög (türk.-tart.) 47.
bong (türk.-tart.) 47.
bonz (turkotart.) 47.
borZ (turkotart.) 47.
brace (gall.) 388.
etas (ai.) 446.
fekete-bogy6 (turko-
tart.) 47.
fuko (Suahbeli) 52.
Kaisarieh (türk.)
396.
Kara-muh (turko-
tart.) 47.
kis (berb.) 119.
lili (bask.) 118.
lili (berb.) 118.
magalia (punisch)
magdi-’el (hebr.) 47.
magg (berb.) 118.
mäg‘w (kürin.) 48.
makk (ungar.) 47.
makk-fa (kauk.) 47.
mäy (udisch) 48.
meged (hebr.) 47.
mfnko (Nyamw.)52.
migh (hürkan.) 48.
mik8 (avar.) 48.
mikx (avar.) 48.
mig (kaukas.) 48.
miqgq (avar.) 48.
mogyorö (ung.) 47.
mok (zachur.) 48.
mok-as (gok.) 48.
mok-an (rutnl.) 48.
m-thatha (afr.) St.
mug (kirg.) 47.
mug (uralaltaısche
Wurzel) 47.
muk (kirg.) 47.
muk (uralaltaische
Wurzel) 47.
muq (vorindogerm.
Wurzel) 48.
muya (georg.) 48.
muxai (kauk.) 48.
navala (berb.) 119.
n-tata (afr.) SI. |
ogur (berb.) 119.
-puko (Bantu) 52. |
puku (Bondei) 52.
Ramazan (türk.)
442.
serc (air.) 447.
Szerem (ung.) 386.
Sziszek (ung.) 401.
takuz (berb.) 118.
talam (sanskr.) 52.
Talabriga (basko-
iber.) 127f.
tald (esth.) 53.
talla (finn.) 53.
tallaa (finn.) 53.
talp (magyar.) 5I,
53-
tarubia (berb.) 118.
thal’ (armen.) 52.
thath (armen.) 51.
thathi (georg.) 51.
thatwi (mingrel.) St.
teli- (mong.) 53.
tikulmut (berber.)
119.
Hans BROSZINSKI.
L
ZEITSCHRIFT
ROMANISCHE PHILOLOGIE
BEGRÜNDET VON Pkror. Dr. GUSTAV GRÖBER +
FORTGEFÜHRT UND HERAUSGEGEBEN
voN
Dr. ALFONS HILKA
PROFESSOR AN DER UNIVRRSITÄT GÖTTINGEN
1927
XLVIL BAND.
HERAUSGEGEBEN ALS
FESTSCHRIFT FÜR CARL APPEL
ZU SEINEM 70. GEBURTSTAGE AM ı7. MAI 1927
MAX NIEMEYER VERLAG
HALLE (SAALE)
1927
Diesem Bande liegt das Register zu Bd. XLVI bei.
MAX NIEMEYER VERLAG // HALLE (SAALE)
Appel, Carl, Zur Entwicklung italienischer Dichtungen Petrarcas.
Abdruck des Cod. Vat. Lat. 3196 und Mitteilungen aus den Hand-
schriften Casanat. A III, 31 und Laurenz. Plut. XLIN. 14. 1891.
gr.8. VIII, 195 8. Vergriffen
— Deutsche Geschichte in der provenzalischen Dichtung. 1907. 8.
16 S. Vergriffen
— Der Trobador Cadenet. 1920. gr.8. 1238. A5—
Petrarca, Francesco, Die Triumphe. In kritischem Texte heraus-
gegeben von Carl Appel. Mit 7 Tafeln. 1901. gr. 8.
XLIV, 476 8. A 14,—
—, 1 Trionfi. Testo eritico per cura di Carl Appel. 1902. kl.8.
VI, 132 8. A 1L—
Gui von Cambrai, Balaham und Josaphas. Nach den Handschriften
von Paris und Monte Cassino herausgegeben von Carl Appel.
1907. 8. LXXXI, 467 8. Vergriffen
Bernart von Ventadorn, Seine Lieder. Mit Einleitung und Glossar
herausgegeben von Carl Appel. 1915. 8. CXLV, 404 S. mit
Abbildungen auf 5 Tafeln u. 23 weiteren Facs.-Tafeln. 4 26,.—
— Ausgewählte Lieder. Herausgegeben von Carl Appel. 1926.
XI, 47 S. und 2 Tafeln. kart. „4 1,60
(Sammlung romanischer Übungstexte, Band 7.)
LEONARDO OLSCHEKI
Galilei und seine Zeit
(Geschichte der neusprachlichen wissenschaftlichen
Literatur, Ill. Band)
1927. 8. VII, 47285. M%,—: Lwd. gbd. M 22,50
Inhalt 2
Die philosophische Literatur — Die Literatur der mathematischen
Wissenschaften — Galilei. Einleitung — Galileis wissenschaftliche
Erziehung — Galileis literarische Bildung — Galilei als Forscher und
Lehrer — Die Vorbereitung der Hauptwerke — Galileis wissenschaftliches
Manifest — Die Schule Galileis — Die Dialoge über die Weltsysteme —
Die neuen Wissenszweige — Die Briefe über geographische Orts-
bestimmung — Die letzten Schriften.
MAX NIEMEYER VERLAG // HALLE (SAALE)
Soeben erschienen
Bernhard Groethuysen
Die Entstehung der bürgerlichen
Welt- und Lebensanschauung in Frankreich
Erster Band
Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung
gr.8. XVII, 3488. M.16,—; Lwd. gbd. M. 18,—
Inhalt: Die Kirche und die Bildung des bürgerlichen Bewußtseins:
1. Der schlichte Glaube. 2. Glaube und Wissen. 3. Symbol und Rede. 4. Bürger-
tum und Volk. 5. Priester und Laien. — Tod, Gott und Sünde: 1. Die Uıin-
bildung des religiösen Erlebnisses. 2. Die Idee des Todes. 3. Die Idee Gottes,
4. Die Idee der Sünde.
Philologische Studien
aus dem Germanisch-Romanischen Kulturkreise
Karl Voretzsch
zum sechzigsten Geburtstage und zum Gedenken
an seine erste akademische Berufung vor 35 Jahren
Herausgegeben von B. Schädel und W. Mulertt
gr. 8. IV, 5438. M.34,—; Buckram gbd. M. 37,—
Inhalt: Emil Winkler, Seelische Energie und Wortwert. — Pedro
Barnils, Algunas consideraciones acera la lingüistica normal y la Patolögira.
— Franz Saran, Stamm, Wurzel, Hauptsilbe — Franz Specht, Zur
germanischen Stammbildung. — Georg Baesecke, Verwechslung von „mir“
und „ihr“. — Gerhard Rohl£s, Baskische Kultur im Spiegel des lateinischen
Lehnwortes. — Axel Wallensköld, Les Serments de Strasbourg. —
Eduard Sievers. Zum Hanger Fragment. — Ph August Becker, Der
distiebisch-tristichische Rhythmus im Rolandslied.. — Karl Warnke. Die
Vorlage des Espurgatoire St. Patriz der Marie de France. — Walther
Suchier, Weiteres zu Ancassin und Nicolette — Karl Christ, La Regle
des Fins Amans. Eine Beginenregel aus dem Ende des XIII. Jahrhunierta.
— Josef Brüch, Gab es im Altprovenzalischen ein z aus lateinischen
intervok. £? — Oskar Schultz-(Grora, Zum Text der „Fides“. — Werner
Mulertt, Der Trobador Guillem Peire de Uazals. (Mit 4 Faks) — Fritz
Krüger, Volkskundliches aus der Provence; das Musenm Frederi Mistra!:.
(Mit 7 Abb. und 1 Taf.) — Dimitri Scheludko, Über Mistrals Rhönelied.
— A. (rriera, Del Rerne de la Mort. — Carl Weber, Die Legende der
Santa Guglielma. — Berthol: Wiese, Kleinigkeiten zu Dante. — Gerhard
Moldenhauer, Zur Geschichte der Tiererzählung in der wittelalterlichea
spanischen Literatur. — Kari Pietsch, Zum Text des Segundo Libro de la
Demanda del Sancto Grial. — Miguel Artigas, Una colecciön de Pope!;
manuscritos.
Karras, Kröber & Nietschmann, Halle (Saale).
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